Ein Engel fällt vom Himmel Teil 4

20. Dezember 2009

Sascha wurde von einer Sekunde auf die Andere speiübel. Dass er sie früher oder später erkennen würde, hatte sie geahnt. Womit sie jedoch nicht gerechnet hatte, war die Veränderung in Keanus Gesicht: Wo vorher Wärme und Humor seine Miene geprägt hatten, zeigten nun die nach unten gezogenen Mundwinkel und die kühlen, dunklen Augen nur noch eines: Verachtung.

Er war richtiggehend von ihr zurückgezuckt, als ob ein elektrischer Schlag ihn getroffen hätte. Aber selbst jetzt, mit einem Meter, konnte Sascha die Kälte spüren, die von ihm ausging, und sie fröstelte. Ganz tief in ihr drin zog sich etwas schmerzhaft zusammen, und sie wollte nur noch eins: Schnell weg hier!

Deswegen erhob sie sich, versuchte, den Schmerz im rechten Fuß zu ignorieren, und sagte in so neutralem Ton wie möglich:

„Dann geh ich jetzt wohl besser.“

Und da sie ein Profi war, fügte sie noch hinzu:

„Ich bin morgen wieder für den letzten Anstrich da. Wie abgemacht.“

Nach dieser Ansage hätte sich Sascha am Liebsten auf dem Absatz umgedreht und wäre hinausgestürmt, aber dank dem verstauchten Knöchel konnte sie nur langsam davonhumpeln. Auf den rechten Fuß aufzutreten, bereitete ihr jedes Mal Schmerzen. Es quälte sie jedoch noch weitaus mehr, dass Keanu sie dieses Mal nicht stützte. Wo war nur der fürsorgliche, freundliche Gentleman von vorhin hingekommen? Er hatte ihr den Arm angeboten, um sie zu stützen, und wenn sie es zugelassen hätte, hätte er sie vielleicht sogar getragen. Nun kannte er ihren Nachnamen und damit ihre nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit, nun wusste er, dass sie die Jahre bis zum 25. Altersjahr mit zu vielen Parties und den falschen Freunden verbracht hatte, dass es Zeiten gegeben hatte, an die sie sie sich nicht einmal mehr richtig erinnerte, weil sie dauernd zugedröhnt gewesen war. Neben wie vielen Typen war sie vormittags aufgewacht und hatte sich nicht mehr daran erinnert, wie sie dort hingekommen war? Und wie oft waren Bilder von ihr in der Klatschpresse erschienen, wie sie betrunken aus einer Bar getorkelt kam? Aber alle hatten es gemacht, also hatte sie mitgemacht, kritiklos und – wie sie jetzt wusste – grundlos und völlig naiv. Moment mal! Diese Episoden gehörten der Vergangenheit an. Dieses Leben lag nun hinter ihr! Wie kam dieser Mann dazu, sie zu werten? Saschas Stolz erwachte, und vor der gläsernen Terrassentür drehte sie sich langsam um und sagte mit lauter, aber etwas zitternder Stimme:

„Ja, ich habe meine Fehler gemacht. Ich habe in den Tag gelebt, ohne mir über irgend etwas Gedanken zu machen. Ja, ich habe manchmal nicht mehr mitgekriegt, was ich mache, und es war mir auch egal. Ich war jung, und junge Menschen neigen dazu, ihre Altersgenossen zu imitieren. Weil sie es nicht anders kennen, und weil es den Eltern völlig egal ist, was man tut. Und je wilder ich mich benahm, desto mehr Aufmerksamkeit bekam ich. Wie hätte ich sonst Beachtung finden sollen, bei den Eltern, für die nur das Geld zählte. Aber weißt du was?“

Keanu blickte ihr stumm entgegen, sein Gesichtsausdruck war in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

„Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, habe mein Leben verändert“, sprach Sascha weiter und war erstaunt darüber, wie wütend und wie fest ihre Stimme nun klang.

„Ich bin erwachsen geworden, nehme meine Umwelt mit klarem Verstand wahr. Ich bin kein unnützes, verwöhntes Ding mehr! Zählt das etwa nicht? Und wie kommst du dazu, über mich zu urteilen, bist du denn immer ein Heiliger gewesen? Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein! Sagt dir dieses Sprichwort etwas?“

Sascha hatte sich richtig in Rage geredet, sie zitterte richtiggehend. Und dennoch fühlte sie, dass sie zu weit gegangen war. Sie hätte niemals einem Auftraggeber solche Wahrheiten ins Gesicht schleudern dürfen! Du meine Güte, jetzt stand er auf. Kam langsam auf sie zu. Jetzt würde er sie hinausschmeißen, alles ihrem Chef sagen, und dann würde sie bei ihren Eltern zu Kreuze kriechen müssen. Nein, das durfte sie sich jetzt nicht verderben. Aber dass Keanu so schlecht von ihr dachte, löste ihr noch viel größere Pein aus, deswegen wollte sie nur noch vor seinem Blick flüchten und sagte nur leise:

„Ich geh jetzt besser. Es tut mir leid.“

Dann drehte sie sich um und wollte gerade das Wohnzimmer begeben, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und sie Keanus leise, tiefe Stimme sagen hörte:

„Sascha, bitte warte.“

Sie blieb stehen. Hätte sie denn anders gekonnt, selbst wenn sie gewollt hätte?

„Bitte sieh mich an, Sascha.“

Langsam drehte sie sich um und blickte an Keanu hoch. Seine Augen blickten beinahe … flehend? Er schluckte, biss sich auf die Unterlippe, war er etwa nervös? Doch sie brachte ebenfalls kein Wort heraus. Ihre Hand jedoch machte sich selbständig, legte sich auf seinen Unterarm, und endlich brach es leise aus ihm heraus:

„Ich muss mich hier entschuldigen. Es tut mir leid.“

Stumm schaute er Sascha an, öffnete seine Arme, und zum ersten Mal seit vielen Jahren durfte sich Sascha wieder einmal bei einem Mann anlehnen und sich geborgen fühlen.

Minuten später saßen sie auf Keanus Sofa, Arm in Arm. Wie herrlich, sich so anlehnen und beschützt fühlen zu dürfen. Durfte Sascha bei diesem Mann überhaupt solche Empfindungen erleben? Seine Laune konnte sich so rasend schnell ins Gegenteil verkehren. Erstmals hatte sie dieses Verhalten dieser Blondine gegenüber beobachtet, und vorhin hatte sie diesen raschen Stimmungswechsel selbst zu spüren bekommen. So wunderbar sich Keanus Arme anfühlten, sie musste wissen, was dahinter steckte. Deswegen fragte sie leise:

„Warum hast du so seltsam reagiert, als du mich wiedererkannt hast?“

Keanus Körperspannung veränderte sich ein wenig, aber abgesehen davon atmete er ruhig und regelmäßig weiter, bis er schließlich erwiderte:

„Ich denke, ich war enttäuscht. Und die Eifersucht …“

„Eifersucht?“

Verblüfft drehte Sascha ihren Kopf und schaute ihm ins Gesicht.

„Diese vielen Männer in deinem Leben … ich habe diesen Nachmittag und Abend so genossen, es war schön, so viel zu reden und zu lachen. Und du bist hübsch und süß, wirktest so fröhlich und normal und unschuldig… und dann zu erkennen, dass du ganz anders bist … in dieser Sekunde habe ich es einfach nicht ertragen.“

„Und das, obwohl du bestimmt auch nicht wie ein Mönch gelebt hast?“

„Tja. Ich denke, keine Logik der Welt kann dieses Gefühl erklären.“

„Versuchs mal“, insistierte Sascha.

„Na gut. Ich dachte, endlich eine Frau gefunden zu haben, die nicht so ist wie meine früheren Bekannten. Die ehrlich und natürlich ist, die mich zum Lachen bringen kann, die gleichzeitig so süß ist, dass ich sie am liebsten auffressen will …“

„Aber das bin ich ja immer noch. Ich bin die selbe Sascha wie vor einer Stunde“, warf Sascha ein, und beim Gedanken, von Keanu mit Haut und Haaren verschlungen zu werden, lief ihr ein angenehmer Schauer über den Rücken.

„Stimmt“, bekannte er. „Was soll ich sagen, ich bin einer Selbsttäuschung zum Opfer gefallen.“

„Das war also das alte Leben, welches ich am Nachmittag erraten habe …“, murmelte Keanu wie zu sich selbst.“

„Ja, das war es“, bestätigte Sascha. „Und es war falsch, so was von falsch. Jahrelang habe ich alles wie durch einen Nebel wahrgenommen. Bis ich eines Tages zu spät und völlig nüchtern auf jener Party ankam. Ich sah, wie sich die Anderen benahmen …“

„… und dann hast du mit einem Schlag begriffen, wie du dich die ganze Zeit aufgeführt hast?“, erriet Keanu und drückte sie fest an sich. „Es muss scheußlich sein, so den Spiegel vorgehalten zu kommen.“

„Stimmt“, sagte Sascha leise, und bei der Erinnerung daran zog sich ihre Kehle zu.

„Meine Hochachtung, dass du es geschafft hast“, murmelte Keanu und drückte ihr einen sanften Kuss ins Haar. „Ein neues, anderes Leben. Du hast dich am eigenen Pferdeschwanz aus dem Sumpf gezogen. Ich bewundere dich.“

„Du bewunderst mich? Du hast doch so viel erreicht … und ich habe wieder ganz von vorne angefangen!“

„Beruflich habe ich sicher einiges erreicht. Aber privat? Als ich auf die Vierzig zuging und meine wilde Phase abebbte …“

„Du hattest also doch eine wilde Zeit. Wusste ich’s doch!“, unterbrach Sascha die Erzählung und lächelte ein wenig.

„Naja. Ich gebe es ja zu. Aber ich werde nicht jünger. Mein Leben beruhigte sich, ich konzentrierte mich auf die Arbeit. Aber langfristige Beziehungen? Fehlanzeige.“

„Aber“, hakte Sascha nach. „Was war mit der Frau, die aus dem Haus gestürmt ist?“

„Auch sie hab ich in die Flucht geschlagen“, erwiderte Keanu und atmete hörbar aus. „Und auch bei den denen davor … ich hielt es nie lange aus. Es war immer dasselbe: Am Anfang waren wir Feuer und Flamme füreinander, dann kippte bei ihr die Stimmung, sie wurde besitzergreifend, eifersüchtig …“

„… es gab einen üblen Streit, und alles war zu Ende?“, beendete Sascha seinen Satz, dachte scharf nach und fragte ihn dann:

„War eine deiner Exfreundinnen zugleich auch eine gute Freundin? Jemand, mit dem man über alles reden konnte?“

„Nun, nicht jede Exfreundin ist so ohne Wiedersehen weggelaufen. Mit der einen oder anderen verstehe ich mich immer noch gut.“

„Das meine ich nicht. Kam es schon vor, dass du eine Frau anziehend fandest und gleichzeitig sympathisch, dass du mit ihr Lachen, sie aber auch küssen wolltest?“

Keanu dachte scharf nach, dann gab er zu:

„Nein, ich glaube nicht.“

„Dann ist das vielleicht dein Problem“, meinte Sascha, dann verstummte sie, horchte seinen ruhigen Atemzügen und spürte plötzlich, wie müde sie geworden war. Herrlich, dachte sie. So müsste man einschlafen können.

„Kann sein“, erwiderte Keanu plötzlich. „Hast du so etwas denn schon einmal erlebt?“

Sascha drehte ihren Kopf, und der dunkle Glanz in seinen Augen ließ ihr Herz stolpern. Nachdenken. Scharf nachdenken, nicht in diesen Augen ertrinken jetzt, befahl sich Sascha, wühlte in ihrem Gedächtnis und entgegnete:

„Nein. Aber das müsste doch ideal sein, oder? Der Mann, den ich am liebsten fressen würde, ist auch der Mensch, mit dem ich am besten reden kann.“

„Kann sein“, meinte Keanu. „Aber wie erreicht man so eine Beziehung?“

„Vielleicht, indem man den Funken nicht unterdrückt, den man für einen Menschen empfindet, mit dem man freundschaftlich verbunden ist?“, erwiderte Sascha und schaffte es nicht, ein Gähnen zu unterdrücken.“

„Möglich. Aber morgen ist auch noch ein Tag, um darüber zu reden. Du gehörst ins Bett! Willst du im Gästezimmer übernachten? Dann brauchst du nicht mehr nach Hause zu fahren.“

„Gerne.“

Minuten später hatte Keanu Sascha zum Gästezimmer begleitet und ihr ein viel zu großes T-Shirt und eine überlange Trainingshose als Schlafanzugersatz gebracht. Sie standen beide im Türrahmen, er reichte ihr ein Glas Wasser und eine Schmerztablette und meinte leise:

„Nun ist es an der Zeit, gute Nacht zu sagen.“

„Gute Nacht!“, sagte Sascha und wollte die Tür schließen, doch ihre Hand wollte sich nicht rühren. Keanu blieb im Türrahmen stehen und schaute sie nur an. Oh Gott, diese Augen, schwarz glänzend wie ein dunkler See. Und dieser Mund … ob er wohl gut küssen konnte? Bestimmt konnte er das. Wie fühlte es sich wohl an, mit einem Mann zu schlafen, der man so richtig gern hatte? Und das Ganze bei klarem, unvernebelten Verstand? Saschas Herz raste, und erleichtert hörte sie, wie er leise sagte:

„Schlaf gut“.

Er drehte sich um, schloss die Tür hinter sich, und Sascha lehnte mit dem Gefühl, davongekommen zu sein und etwas verpasst zu haben, mit der Stirn ans kühle Holz.

Moment mal, etwas stimmte da nicht. Hätten sich da nicht Schritte entfernen müssen? Aber das war nicht der Fall gewesen. Stand er etwa immer noch da? Lehnte er etwa auch an der Tür, trennten sie nur ein paar Zentimeter Holz?

„Ich habe ja gar keine Schritte gehört. Bist du noch da?“, ertönte Keanus Stimme gedämpft von der anderen Seite.

„Ja“, presste Sascha heraus. Dann riss sie die Tür auf, und in der nächsten Sekunde lagen sie sich küssend in den Armen. Sascha fühlte sich hochgehoben, und wie durch einen Nebel nahm sie wahr, dass sie durch den Gang in ein anderes Zimmer gelangte. Keanus Schlafzimmer? Ja, dort gehörte sie hin. Diese Küsse, diese zärtlichen, starken Hände … so musste sich das Paradies anfühlen, oder? Aber … aber …

Als er sie auf Bettrand absetzte und schon wieder küssen wollte, nutzte Sascha die Gelegenheit und hauchte:

„Warum jetzt?“

„Ein Engel ist vom Himmel gefallen“, gab Keanu zurück und berührte mit seinen Lippen ihre, gleichzeitig kraulten die Finger der Hand auf ihrem Rücken ihre Wirbelsäule. Hm, das fühlte sich gut an! Engel? Was für ein Engel? Hilfe, sie konnte nicht mehr denken! Diese Empfindungen hatte sie also verpasst, indem sie noch nie nüchtern mit einem Mann Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte? So sehr kribbelte Haut, wenn sie von wissenden, liebenden Händen liebkost wurde? Mein Gott, diese Augen, wie sie sie anschauten, so voller Begehren. Sascha war froh, dass sie saß, denn spätestens jetzt hätten die Beine unter ihr nachgegeben.

„Und dieser Engel“, sprach Keanu weiter. „Hat mir einen Rat gegeben. Man solle der Versuchung, einen Menschen zu küssen, der einem einfach sympathisch ist, nachgeben. Alles klar?“

„Alles klar“, flüsterte Sascha, legte ihre Hand in seinen Nacken, zog ihn an sich und folgte ihrem eigenen Rat. Und in dieser Nacht erlebte sie den endgültigen und herrlichen Beweis, dass unendliche Zärtlichkeit und Leidenschaft eines wunderbaren Mannes so viele Glückshormone durch ihren Körper strömen ließen, dass alle Drogen dieser Welt vollkommen überflüssig wurden.

Am nächsten Tag galt es, die Wand nochmals zu streichen, und wie schon gestern machte sich Keanu ans Werk, während Sascha ihn vom Sofa aus dirigierte. Doch dieses Mal war er nicht so richtig bei der Sache, was daran lag, dass er immer wieder die Leiter herunterstieg, Sascha in den Arm nahm und sie mit vielen kleinen Küssen bedeckte. Und sie ließ ihn gewähren, genoss sie doch die Nähe dieses verschmusten Mann so sehr. Dennoch sah die Wand zum Schluss wieder so weiss aus wie gewollt, und Sascha lobte mit einem Augenzwinkern:

„Nicht schlecht für einen verwöhnten Star!“

„Na warte! Das hast du davon, wenn du alte Männer ärgerst …“

Mit einem Satz saß Keanu neben ihr auf dem Sofa, sie auf seinem Schoss und küsste sie, bis ihr schwindelig wurde. Plötzlich unterbrach er diesen Kuss und fragte:

„Was machst du eigentlich an Weihnachten?“

Musste er sie ausgerechnet jetzt daran erinnern?

„Lernen“, meinte Sascha leise, und in ihrem Herzen krampfte sich etwas zusammen. Nein, sie würde ihre Familie nicht sehen. Nie mehr. Das war der Preis, den sie für ihr neues Leben bezahlte. Meistens berührte sie das nicht, doch zu dieser Jahreszeit …

Tränen traten in Saschas Augen, und sie schluckte, um ein aufkommendes Schluchzen zu unterdrücken. Keanu war klug genug, stumm zu bleiben und sie einfach zu halten, bis sie sich wieder beruhigte, dann sagte er leise:

„Das war ne dumme Frage. Entschuldige.“

„Das konntest du nicht wissen“, erwiderte Sascha leise. „Danke, dass du mich so hältst. Ich … ich brauche dich jetzt.“

„Meine Süße“, flüsterte er erstickt und drückte sie ganz fest an sich. „Du hast mich doch. Spürst du das nicht?“

Gerührt blickte sie zu ihm hoch und lächelte zaghaft.

„Doch“, erwiderte sie. „Ich spüre es. Endlich spüre ich es! Ich glaube, das ist genau das Gefühl, dass ich damals immer gesucht habe. Gewollt sein. Gebraucht werden.“

„Darum diese wichtige Gruppenzugehörigkeit, darum dieses immer Mitmachen?“

„Ja“, bestätigte sie, und mit leiser Stimme fügte sie hinzu: „Und darum die vielen Männergeschichten.“

„Wir haben wohl beide Liebe gesucht und Sex gefunden“, murmelte er und legte seine Wange an ihre. „Ich …“

Er konnte nicht weitersprechen, schluckte. Kein Wort kam aus ihm heraus. Sascha betrachtete überwältigt diesen Mann, der eine wunderbare Schwäche zeigte und damit so stark wirkte wie nie zuvor. Glitzerten da etwa Tränen in seinen Augen?

„Ich bin auch froh, endlich beides gefunden zu haben“, sprach Sascha aus, was Keanu dachte, und dann drückte er sie so fest, dass sie fast keine Luft mehr bekam.

„Weiss mit Blaustich, sieh mal“, meinte Sascha und deutete auf die verschneite Landschaft um sie herum.

„Ja. Genau wie meine Wand. Schneeweiß und ohne Weinflecken“, erwiderte Keanu und lächelte.

„Einfach kein Rumflirten, sonst ändert sich das schlagartig“, warnte Sascha, und als Keanu das Funkeln in ihren Augen sah, begriff er, dass sie ihn triezte. Na warte, dachte er, bückte sich, formte aus einer Handvoll Schnee eine Kugel und warf sie nach Sascha. Sie ließ das nicht auf sich sitzen, und innert kürzester Zeit war die schönste Schneeballschlacht im Gange, bis beide über und über mit Schnee bedeckt keuchend aufeinander lagen und sich mit glänzenden Augen ansahen.

„Ich hätte nie gedacht, dass Schnee so viel Spaß machen kann“, lachte Sascha. Keanus Augen lachten erst mit, dann wurden sie ernst, und er sagte leise:

„Und ich hätte nie gedacht, dass man mit einer Freundin so viel Spaß haben kann.“

„Du warst wohl immer mit den falschen zusammen“, meinte Sascha und kniff ihn zärtlich in die vor Kälte gerötete Wange.

„Scheint so“, gab er zurück. „Sag mal …“

„Ja?“

„Ich würde das gerne ausweiten.“

„Was denn? Die Schneeballschlacht?“

„Das mit uns beiden.“

„Wie meinst du das?“

„Du bist eine angehende Ärztin, und ich bin bald ein alter, pflegebedürftiger Mann …“

„Von wegen alt“, entgegnete Sascha schmunzelnd, dachte an letzte Nacht und spürte auch jetzt wieder deutlich, dass noch jede Menge Saft und Kraft in diesem Mann steckten.

Ein zärtlicher Kuss landete auf ihren Lippen, noch einer, und dann fragte Keanu:

„Ziehst du bei mir ein? Ja oder nein?“

„Ich weiss nicht. Die finanzielle Abhängigkeit …“

„Im Austausch gegen körperliche Abhängigkeit …“, gab er zurück und bewies ihr mit einem leidenschaftlichen Kuss, was er meinte.

„Ohne Fragen? Ohne Verpflichtungen? Ohne Abhängigkeit – einfach als Geschenk und aus Freude, dass es dich gibt? Einfach, weil ich dein hier sein so schätze und genieße?“, sprach er weiter.

„Ich erlaube es“, erwiderte Sascha ohne Zögern, und die beiden besiegelten die Abmachung mit einem Kuss. Dann standen sie auf, gingen durch den Schnee in die einsame, zauberhafte Hütte zurück, die Keanu wie durch ein Wunder aus dem Ärmel geschüttelt hatte, und genossen an Heiligabend da schönste Geschenk, das sie je bekommen hatten: Einander.

ENDE

Ein Engel fällt vom Himmel Teil 3

13. Dezember 2009

Teil 3

War sie im Himmel?
Denn Engel mussten genau so aussehen, oder? Sie waren bestimmt mit Gesichtern ausgestattet, die genauso aussahen wie das, welches sie von oben betrachtete. Ein gefälliges Oval mit erhöhten Wangenknochen. Eine perfekt proportionierte, gerade Nase. Eine hohe Stirn, die für Sensibilität sprach, und glänzende, dunkle Augen, die Sascha voller Mitgefühl betrachteten.
Aber - gab es bei Engel überhaupt Männchen und Weibchen? Und wuchs den Engelmännchen ein Dreitagebart, wie es bei diesem Exemplar der Fall war?
Was letztendlich Sascha dazu brachte, die Engeltheorie zu verwerfen, war nicht nur ihr Kopf, der langsam immer klarer wurde, sondern die Lippen des Engels: voll und wunderschön geschwungen, sodass man beinahe neidisch werden konnte - wenn sie nicht so einladend wirken würden. Meine Güte, das Gesicht war so nah, dass sie die Wärme, die seine Haut ausstrahlte, spüren konnte! Moment mal. Sie lag auf etwas Weichem. Das Sofa vielleicht! Klar, das war kein Engel, auch wenn er so aussah. Keanu war das, ganz eindeutig. Wollte er sie etwa küssen? Um Himmels willen!
„Alles in Ordnung? Sind Sie wieder wach?“, fragte er leise, und seine raue Stimme brachte etwas in ihr zum Schwingen, was sie jetzt, wo sie sich geschwächt fühlte, nicht einfach verdrängen konnte. Dieser Stimme, überlegte sie, hätte sie stundenlang zuhören könnten. Er hätte ihr das Telefonbuch vorlesen können, sie wäre selig davon geschwebt. Er schaute immer noch fragend, erwartete eine Antwort von ihr, und endlich schaffte es Sascha, zu nicken.
„Ihr rechter Fuß ist geschwollen. Vielleicht gebrochen“, murmelte er. „Ich habe ein Coldpack draufgelegt. Leider habe ich nicht viel Verbandszeug zuhause.“
Gebrochen? Moment mal, das konnte nicht stimmen. Dazu war der Erstschmerz viel zu heftig gewesen. Die angehende Ärztin bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche, durchbrach die watteweichen Gedanken, und Sascha krächzte:
„Ich denke eher, dass es sich um eine Verstauchung handelt!“
Sie wollte sich aufsetzen, was ihr mit Keanus Hilfe letztendlich auch gelang. Die Hand auf ihrem Rücken wirkte eigentümlich kühl. Warum hatte sie angenommen, dass er warme Hände hatte? Seltsam! Na, egal. Sascha beute sich vor, hob das Coldpack an und betrachtete die Bescherung. Ihr Knöchel war dick angeschwollen und fing an, sich leicht bläulich zu verfärben, und selbst jetzt, wo er gekühlt und stillgelegt war, tat er ihr scheußlich weh. Sascha biss die Zähne zusammen und tastete ihren Fuß so ab, wie sie es gelernt hatte. Dann blickte sie zu Keanu, der sich auf den vorm Sofa stehenden Hocker gesetzt hatte, und erklärte mit einer festen Stimme, die überhaupt nicht zum aufkommenden Schwächegefühl passte:
„Mit ziemlicher Sicherheit nicht gebrochen. Aber nach der Vorlesung muss ich ihn röntgen lassen.“

Hm, die Kleine kannte ich gut aus, überlegte Keanu. Vielleicht hatte sie Kinder, aber aus irgendeinem Grund glaubte er das nicht.Wahrscheinlich atte sie beim Sanitätskurs einfach gut aufgepasst. Armes Ding. Er hatte sich schon oft was verstaucht und wusste, welche Schmerzen das gerade an den ersten paar Tagen verursachte. Meine Güte, sie wurde ja wieder ganz blass, und kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer glatten Stirn. Keanu erkannte die Anzeichen richtig, und bevor Sascha bewusstlos vom Sofa kippte, beugte er sich vor, legte ihr den Arm um den Rücken und ließ sie, als sie das Gleichgewicht verlor, sachte aufs Kissen gleiten.
Schon bald öffnete sie die Augen wieder, und mit leiser Stimme bedankte sie sich.
„Ich mach Ihnen einen Kaffee mit Zucker, das wird ihrem Kreislauf gut tun“, sagte er, stand auf und machte sich auf den Weg zur Küche. Während die Kaffeemaschine sich aufwärmte, fragte er sich, warum sie vorhin so traurig ausgesehen hatte. Oder war sie einfach erschöpft und müde, und spielte ihm etwa ein lange nicht mehr dagewesener Beschützerinstinkt einen Streich? Schon war die Kaffeemaschine aufgewärmt. Keanu stellte eine Tasse darunter, drückte den Startknopf, und kräftige, braune Brühe füllte die weiße Tasse. Wie ihre dunklen Augen im diesem hellen Gesicht, ging ihm durch den Kopf. Er gab noch ein Stück Zucker in die Tasse, rührte um, brachte sie ihr und stützte sie, bis sie einige Schlucke getrunken hatte und die Farbe in ihr Gesicht zurückgekehrt war.
„Danke“, sagte sie lächelnd, dich dann verdüsterte sich ihr Gesicht wieder, und ihre Augen glänzten verdächtig.
„Was ist los? Warum schaust du so traurig?“, wollte Keanu wissen.
Weder ihm noch ihr fiel auf, dass er das vertrauliche ‚du‘ verwendet hatte. Sascha machte eine hilflose Handbewegung und antwortete mit zitternder Stimme:
„Ich weiss nicht, wie ich das schaffen soll. Die Wand soll heute noch sauber werden, damit ich morgen streichen kann. Um zwei ist Vorlesung …“
„Welches Fach?“
„Medizin.“
„Deswegen die fachmännische Selbstdiagnose!“, bemerkte Keanu schmunzelnd. Für ein paar Sekunden lächelte Sascha zögerlich zurück, dann verdüsterte sich ihre Miene wieder, und sie sprach sehr leise, wie zu sich selbst, weiter:
„Und dann der Verdienstausfall. Die Woche hab ich nur die eine Vorlesung, habe deswegen jede Minute verplant. Wenn ich dieses Geld nicht kriege …“
Keanu begriff. Er kannte zwar keine finanzielle Not, wusste aber genau, was es hieß, zu verzweifeln. Wie gerne würde er diesem süßen, zarten Wesen helfen, wie gern würde er diese dunklen Augen wieder lachen sehen. Aber wie sollte er das bewerkstelligen, ohne ihren Stolz zu verletzen? Er überlegte und überlegte, und endlich hatte er eine Idee, welche er Sascha auch gleich präsentierte. Aber wie würde sie reagieren?
War dieser Mann total verrückt geworden? Sie sollte ihn vom Sofa aus dirigieren, und er würde gemäß ihren Anweisungen die Arbeit übernehmen? Und als Gegenleistung - und zur Wiedergutmachung, dass sie es letztendlich war, die seine Freundin verscheucht hatte und er sich deswegen einsam fühlte - sollte sie drei Tage und zwei Nächte hier bleiben, bis alles erledigt war, Und dafür würde er ihr wiederum soviel Geld bezahlen, wie wegen ihrem Unfall ausfallen würde - als Wiedergutmachung dafür, dass es sein Haus gewesen war, in dem sie sich verletzt hatte?
Sascha schwirrte der Kopf, und erst mach einer längeren Pause schaffte sie es, zu sagen:
„Nun, dein Angebot ist sehr großzügig. Und ausgesprochen verrückt. Du und einsam? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen! Die nächsten Bewerberinnen stehen bestimmt schon Schlange. Glaubst du etwa, ich sei naiv? Und wo, bitte, soll ich denn schlafen?“
Nun war Keanu an der Reihe, verblüfft zu sein. Sein Mund stand offen, hinter seiner Stirn arbeitete es, und plötzlich stahl sich ein schelmisches Funkeln in seine Augen, und er konterte:
„Schlafen wirst du im Gästezimmer. Es hat eigenes, angrenzendes Bad, du wirst mich also nicht mehr im Frottiertuch bekleidet sehen …“
Er überlegte kurz, während ihr das Wort „schade“ durch den Kopf ging..
„Für naiv halte ich dich nicht, nein. Und lass mich mal vor die Tür gehen …“
Keanu erhob sich, marschierte davon, öffnete die Haustür und schaute sich demonstrativ um. Dann erklärte er Sascha beim Zurückgehen, während er die Hände anhob und wieder senkte:
„Siehst du, keine Schlange! Keine einzige Frau begehrte Einlass, ich konnte nichts anderes sehen als diesen blöden Papparazzo hintern Gebüsch gegenüber!“
„Dann hättest du halt vor die Tür gehen müssen, als du noch das Tuch um die Hüften hattest. Wenn dieses Foto an die Presse gegangen wäre, würde die Schlange bis ans Meeresufer reichen. Obwohl, die Jeans sitzen ja auch ganz gut“, murmelte Sascha und hoffte, dass er sie nicht verstanden hatte. Was zum Henker fiel ihr eigentlich ein? Aber die Jeans saßen wirklich sehr gut, betonten die langen Beine und … nein, Schluss jetzt!
„Danke für die Blumen!“, meinte Keanu grinsend und bewies damit, dass er noch ausgezeichnet hörte.
„Dann hast du also nichts dagegen, wenn wir das so machen wie besprochen? Und jetzt fang ich besser mal damit an, die Wand zu waschen. Wie geh ich am besten vor, Chef?“
„Schwamm eintauchen, ausdrücken, ein Stück reinigen, Schwamm auswaschen, und so weiter“, erwiderte Sascha und fragte sich zugleich, wie er es geschafft hatte, sie dermaßen zu überrumpeln. Doch so richtig wütend konnte sie darüber nicht sein, denn der Anblick, der sich ihr nun bot, machte einiges wett. Denn die Jeans saß auch hintenrum ausgesprochen gut.
„Carmen … sie war schon in Ordnung. Wenn man sich ihren Regeln entsprechend verhielt. Was bedeutete: Keine anderen Frauen ansehen. Geschweige denn, freundlich zu ihnen zu sein …“
„Sie war also sehr eifersüchtig?“, hakte Sascha nach.
Die Sonne stand tief am Himmel, und beide saßen auf Keanus Terrasse, die einen atemberaubenden Blick über L.A. bot. Ja, er hatte nicht nur gut ausgesehen, sondern seine Sache auch sehr gut gemacht: er hatte nicht nur die Wand gereinigt, sondern war auch eigenhändig in die Küche gestanden und hatte ihr Rührei mit Schinken zubereitet - eines der wenigen Gerichte, die er beherrschte, wie er erklärte. Danach hatte er sie nicht nur zur Vorlesung gefahren, sondern sie auch wieder abgeholt, dabei hatte er es fertiggebracht, von niemandem erkannt zu werden. Und nun saß Sascha da, ein Coldpack auf ihrem hochgelagerten Fuß, und sie staunte darüber, wie wohl sie sich in der Gegenwart dieses Mannes fühlte, der in einer Welt wohne, die inzwischen in weite Ferne gerückt war.
„Eifersüchtig war nur der Vorname. Aber normalerweise hatte sie sich immer im Griff, machte mir vor Zuschauern keine Szene. Das Glas Wein flog erst, nachdem die Gäste gegangen waren. Was sie heute geboten hat, das war mir aber zu viel.“
„Das versteh ich“, bemerkte Sascha und meinte es genauso. Wenn man einmal unabhängig war, wollte man dieses Freiheitsgefühl nicht mehr hergeben, nicht wahr?
Sie sprach diesen Gedanken laut aus, Keanu nickte langsam, bevor er meinte:
„Bist du deswegen eine späte Studentin?“
Überrascht starrte Sascha ihn an.
„Ganz einfach. Du bist die süßeste Wandanstreicherin, die mir je begegnet bist, aber du bist ungefähr dreißig und keine zwanzig oder fünfundzwanzig wie die meisten Studenten. Bitte verzeih, in meinem Beruf entwickelt man ein Auge für so was“, fügte er hinzu und lächelte verlegen.
Was für ein Charmeur, dachte Sascha. Konnte man ihm überhaupt böse sein? Mit seinen Sprüchen und diesem Lächeln konnte er sich wahrscheinlich überall durchmogeln, vermutete sie, sagte aber nichts dazu.
„Deswegen“, fuhr er fort, „nehme ich an, dass es vor deinem Stundentenleben noch ein anderes Leben gab. Eines, welches du aus irgendeinem Grund hinter dir gelassen hast. Liege ich richtig?“
„Ja“, musste Sascha mit gepresster Stimme zugeben.
Sie konnte förmlich fühlen, wie die Farbe ihr Gesicht verließ. Konnte dieser Mann etwa Gedanken lesen, oder verfügte er nur über eine gute Kombinationsgabe? Und warum musste er sie ausgerechnet jetzt darauf ansprechen und sie an die alte Zeit erinnern? Ja, klar, sie beschäftigte sich nun endlich mit einer Sache, zu der sie auch stehen konnte, aber zu welchem Preis? Kein Kontakt mehr zu ihrer Familie, ihre alten Freunde hatte sie verloren. Keine Weihnachtsfeiern mehr zuhause, kam ihr in den Sinn, da sich der dritte Advent näherte. Ihr wurde traurig zumute, und statt ihr kurzes ‚Ja‘ zu kommentieren, schaute sie Keanu nur ins Gesicht.
„Schlechtes Thema?“, sagte er sehr leise, beugte sich vor und legte seine Hand auf ihre. Wie warm sie jetzt plötzlich war, diese Hand. Genauso wie seine Stimme. Und wie seine Augen, die nun kastanienfarben schimmerten. Gott, wie unglaublich schön diese Augen waren. Ertrinken konnte man darin, wenn man nicht aufpasste. Saschas Kehle wurde eng, sie nickte zur Antwort, und daraufhin sagte er kein Wort mehr, hielt nur ihre Hand, bis sie sich wieder beruhigte.
Und als Sascha später im Gästezimmer lag und das Gefühl hatte, die Wärme dieser Hand immer noch zu spüren, wusste sie, dass sie eine schlaflose Nacht vor sich hatte. Aber über den Grund dafür wollte sie jetzt nicht nachdenken. Nein, auf keinen Fall durfte es soweit kommen … auf keinen Fall!
„Mach ich es richtig?“, wollte Keanu wissen, während er die mit Farbe getränkte Rolle über die Wand bewegte.
„Ja, nicht schlecht“, fand Sascha. „Vielleicht noch ein bisschen schneller, damit die Ränder ineinander laufen können, bevor sie trocknen.“
„Okay.“
Er arbeitete schweigend und konzentriert weiter, und schon wieder staunte Sascha über die Widersprüche in diesem Mann. Er gab sich ganz und gar unprätentiös, sein Haus war zwar großzügig, aber ganz und gar unglamourös, seine Kleidung zwar von guter Qualität, aber nicht nagelneu, und doch sah er besser aus als die Typen aus der Liste der bestangezogensten Männer. Wie er da die Wand strich, wirkte er bodenständig, praktisch und sogar etwas raubeinig, und doch hatte er gestern Abend ihr gegenüber so viel Einfühlungsvermögen bewiesen. Und wie kalt seine sonst so warme Stimme gewirkt hatte, als er das Blondie in die Wüste geschickt hatte. Ein komplexer Mann, überlegte Sascha. Die Schublade, in die er passte, war noch nicht erfunden worden.
„Sieht doch gar nicht schlecht aus“, meinte Keanu eine Stunde später, als er sein Werk betrachtete. Dann trat er ein paar Schritte zurück, kniff die Augen zusammen und murmelte:
„Aber nicht gut genug. Es wirkt immer noch fleckig.“
„Stimmt“, bestätigte Sascha. „Vor allem oben links scheint noch etwas dunkel durch. Hat sie dort hingezielt?“
„Sie hat wohl eher auf mich gezielt“, brummte der Angesprochene. „Zum Glück ist sie keine geschickte Werferin!“
Er grinste breit, und Sascha lachte leise, und eine kribbelnde Wärme breitete sich in ihr aus. Eigentlich müsste ein Mann, der eine Frau dazu bringen konnte, mit Gegenständen um sich zu werfen, ihr Sorgen bereiten. Stattdessen fing etwas in ihr an, zu vibrieren, wenn sie daran dachte. Was war nur los mit ihr?
Später saßen die beiden im Dämmerlicht auf der Terrasse und genossen Pizza und Wein. Sie hatten viel miteinander geredet diesen Tag, und beide konnten eine schöne Vertrautheit spüren. Und immer, wenn sie sich zufälligerweise berührten - mal hielt er kurz ihre Hand, mal fasste sie an seine Unterarm - schien elektrischer Strom zwischen ihnen zu fließen. Gerade hatte Sascha Keanu eine witzige Begebenheit über Professor James berichtet, da erstarrte er plötzlich und schien sie wie aus weiter Ferne zu beobachten.
„Was ist?“, sollte sie wissen, und ihr Magen zog sich zusammen.
Für einige endlos scheinende, qualvolle Sekunden blieb Keanu stumm, und Sascha konnte bestens nachvollziehen, wie man sich als Virus unter einem Mikroskop fühlen musste.
Dann fragte er:
„Du bist Sascha Dillinger, nicht wahr?“

Ein Engel fällt vom Himmel Teil 2

6. Dezember 2009

Teil 2

Einen Tag später stellte Sascha den Firmenwagen vor Keanus Haus ab. Sie stieg aus, ging ums Auto herum, öffnete den Kofferraum und zog zuerst die leichte Aluminiumleiter heraus. Diese trug sie vor die Haustür, ging noch einmal zurück und nahm den Eimer, in dem sich bereits Reinigungsmittel und ein Putzschwamm befanden. Dann schloss sie den Kofferraum, verriegelte den Wagen, ging zur Tür und klingelte.

Nur Sekunden später öffnete sich die Tür von innen, und ein verschlafen aussehender Keanu stand im Türrahmen. Ja, das kannte sie von früher, erinnerte sich Sascha. Damals, als sie noch Tochter war, bestand ihr Leben nur aus solchen Morgen, die erst zur Mittagszeit zu beginnen pflegten. Doch damit war seit Jahren Schluss. Heute früh hatte sie beispielsweise ihr Wecker schon um sieben aus dem Bett geholt, damit sie sich vor ihrem Malauftrag noch auf die Vorlesung von heute Nachmittag konzentrieren konnte. Professor James‘ Ausführen zum Thema ‚Das Menschliche Nervensystem’ waren hochinteressant, aber auch sehr, sehr nahrhaft, er gehörte - was in seinem Beruf eher selten vorkam - zu denjenigen Zeitgenossen, die gerne in wenigen Worten viel Information verpackten. Und er besaß noch eine weitere Eigenschaft, welche Sascha anspornte, sich immer gut vorbereitet in den Hörsaal zu setzen, wenn Professor James am Rednerpult stand: Er schaffte es, unter hundert Studenten genau diejenigen zu erkennen, welche vor sich hinkritzelten, schliefen, nicht mehr mitkamen oder sich einfach nur einem Tagtraum hingaben. Es verging keine Vorlesung, an der er nicht einen Studenten beim Nicht-Aufpassen erwischte, und niemand wollte am empfangenden Ende seiner beißenden Kommentare sein.

Und genau deswegen stand nun eine hellwache Sascha vor einem völlig zerknittert aussehenden Keanu. Sein Gesicht war mit dunklen Stoppeln übersät, die schwarzen Knopfaugen waren ganz klein, und die kurzen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. Die Füße, die unter den verwaschenen Jeans hervorlugten, waren nackt, und - trug er etwa sein weißes T-Shirt verkehrt herum? Er sah aus, als ob sie ihn geradewegs aus dem Bett geklingelt hätte und sich eiligst hatte anziehen müssen!

„Hi“, begrüßte er sie mit einer sehr tiefen und pelzig klingenden Stimme. „Ist es schon elf?“

Dieser Klang erinnerte Sascha aus irgendeinem Grund an zerknitterte, kuschelig-warme Bettwäsche, in der nachts nicht geschlafen wurde, an warme Arme, die einem hielten, Hände, die einem …

Halt jetzt, wies sich Sascha selbst zurecht. Du bist heute hier, um eine Wand sauber zu waschen, damit morgen der erste Farbanstrich gut haftet. Und am Nachmittag ist Vorlesung, da und bei Dr. James kannst du dir keine Verspätung leisten. Also los jetzt!

„Ja, ist es“, erwiderte sie und bemühte sich um ein freundliches Lächeln, denn Keanu sollte nicht merken, dass … nein. Da gab es nichts zu merken. Basta!

„Tut mir leid, ich muss anfangen. Um zwei fängt meine Vorlesung an! Und davor muss ich ja noch was essen!“

„Na, dann immer herein mit Ihnen! Sie haben ja recht, ich sollte auch in die Gänge kommen …“, brummte Keanu. Ein Gähnen entschlüpfte ihm, unwillkürlich hob er seine Hand vor den Mund und reckte und streckte sich. Blitze da etwa zwischen dem Shirt und der Jogginghose ein kleines Stückchen Bauch hervor?

Das schmale, helle Hautstück wirkte auf Saschas Augen wie ein Magnet, sodass sie nicht bemerkte, wie er ein wenig zur Seite trag, um sie vorbeizulassen. Nein, sie blieb einfach stehen und starrte auf die Stelle, wo Keanus Oberteil ein kleines Stückchen Bauch freigab. Erst, als die spielverderberische, graue Baumwolle seines Oberteils ihn wieder vollständig bedeckte, konnte sie ihren Blick losreißen. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah, wie seine vorgehaltene Hand ein breites Lächeln nur halb verbarg. Und obwohl es schon beinahe Mittag war, kam es Sascha vor, als ob die Sonne erst jetzt zu scheinen angefangen hatte.

Was? Hatte er etwas gesagt? Ja, es musste so sein, denn er sah sie abwartend an.

„Wie bitte?“, krächzte Sascha und spürte zu ihrem Ärger, wie ihr Gesicht sich rötete.

„Ich sagte: Entschuldigen Sie bitte, dass ich so ein Esel bin. Ich trage Ihnen natürlich ihre Sachen hinein, das ist schließlich Männerarbeit! Sie sehen etwas erhitzt aus, ich bring ihnen gleich ein Glas Wasser, in Ordnung?“

Er ging an ihr vorbei nach draußen, packte Leiter und Eimer, ging hinein, und der völlig verdatterten Sascha blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Das Lächeln und die Hilfsbereitschaft eines Mannes, der gerade aus dem Bett gekrochen kam – das war irgendwie einfach zu viel.

Wenige Minuten später saß Sascha auf dem Sofa, trank ihr Wasser und sortierte ihre Gedanken, was ihr jetzt wieder leichter fiel. Ihr Kreislauf schien sich beruhigt zu haben, überlegte sie, und ignorierte das leise Gelächter, welches in ihrem Kopf erklang, und die Stimme, die flüsterte:

‚Kreislauf – na klar!’

Sascha legte sich geistig ihre nächsten Arbeitsschritte zurecht: Erstmal Schwamm und Reinigungsmittel aus dem Kessel nehmen. Kessel mit heißem Wasser füllen, einen Deckel voll Putzmittel rein. Kessel zur zu reinigenden Wand stellen. Leiter richtig hinstellen. Kessel zuoberst auf Leiter stellen und – losputzen. Es war doch keine große Sache, oder? Mit diesen Gedanken erhob sie sich, schnappte sich den Kessel und machte sich ans Werk.

Diese regelmäßigen Bewegungen – Schwamm in die Flüssigkeit tauchen, ausdrücken, ein Stück Wand putzen, immer und immer wieder – verhalfen Sascha nicht nur zur Ruhe, ja, sie wirkten sogar beinahe hypnotisch. Dieser Herr Reeves war ja wirklich sehr freundlich für einen reichen, verwöhnten Star. Das Wort ‚Verwöhnt’ musste man in dem Zusammenhang wohl streichen und durch ‚Hilfsbereit’ ersetzten – bisher hatte noch keiner von den Kunden, bei denen Sascha arbeitete, ihr beim Hereintragen ihrer Siebensachen geholfen. Und wie nett er lächeln konnte, die Umwelt hatte sich gleich um ein paar Lux erhellt, als er sie so verlegen angestrahlt hatte. Verlegen – konnte so jemand wie er, der sich daran gewöhnt war, von einem Millionenpublikum angestarrt zu werden, überhaupt noch verlegen werden? Auf jeden Fall wirkte Keanu – so nannte sie ihn in Gedanken – authentisch. Ein ehrlicher Mensch in seinem Beruf, mit seinem Ruhm? Das grenzte ja an ein Wunder, und Sascha überkam ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn kürzlich angelogen hatte.

Denn sie hatte schon Schnee gesehen, mehr als einmal in ihrem Leben, in Aspen, zusammen mit anderen Schönen und Reichen. Warum hatte sie ihm das nicht sagen können? Die Antwort lag auf der Hand: Sie hatte sich dafür geschämt, dass sie sich an die Farbe des Schnees nicht erinnern konnte, weil sie eine andere Art von Schnee schlichtweg mehr interessiert hatte. Sie war keine Süchtige gewesen, aber Koks, der hatte einfach dazugehört. Bis – ja, bis sie eines Abends, als sie versehentlich viel zu spät und total nüchtern an einer Party erschienen war und sie zusehen durfte, wie sich ihre zugedröhnten Freunde benahmen. Und beim Gedanken daran, dass sie sich schon mehr als einmal so aufgeführt hatte, war ihr speiübel geworden, und sie hatte rechtsumkehrt gemacht.

Tempi passati, ging ihr durch den Kopf, und sie tauchte den Schwamm nochmals ein. Diese Zeiten waren vorbei, und anstatt mit den Schönen und Reichen zu feiern, strich sie ihnen nun die Wände. Und dieses Exemplar war ganz besonders attraktiv, wie sie zugeben musste. Auch, wenn er aussah, wie wenn er gerade frisch aus den Federn gekrochen kam. Oder sogar gerade deswegen? Mann, wenn ihre früheren Freunde das wüssten! Sie hätten sich alle Finger danach abgeleckt, diesen Mann wenigstens einmal in ihre Finger zu kriegen. Nur war Keanu Reeves – dieser undurchschaubare Mann, der es fertig brachte, sich größtenteils aus den Klatschspalten herauszuhalten – nie auf einer dieser wilden Partys erschienen. Irgendwie ein beruhigender Gedanke, fand Sascha und hob den Fuß an, um auf der Leiter eine Stufe hinunterzusteigen.

Wie aus dem Nichts ertönte da eine schrille, weibliche Stimme:

„Wer sind Sie denn?“

Saschas Kopf herum, und dann schien alles im Zeitlupentempo abzulaufen. Während sie die blonde Frau, in ein Nichts von einem Negligé gehüllt, betrachtete, und sich fragte, warum sie so zornig aussah, landete ihr Fuß im leeren Raum statt auf einer Leiterstufe. Sie verlor ihr Gleichgewicht, jemand schrie erschrocken auf, und Sekunden später lag sie auf dem Boden und fragte sich benommen, wie sie da gelandet war.

Benommen blieb Sascha liegen, während um sie herum der Tumult losbrach.

„Keanu, du kommst sofort her und teilst mir mit, wer das ist!“, zischte eine weibliche Stimme.

Das Geräusch nackter Füße, die über glatten Boden patschten, näherte sich.

„Das kann ich dir sagen, meine liebe Carmen“, ertönte eine männliche Stimme.

Sogar in ihrem belämmerten Zustand konnte Sascha hinter dem kühlen Klang unterdrückte Wut ausmachen.

„Na, da bin ich mal gespannt!“

„Sie streicht die Wand neu. Die Du, meine Liebe, ruiniert hast! Sascha, hören Sie mich? Können Sie aufstehen?“

Etwas knackte, eine Hand berührte Saschas Schulter. Sie lebte also noch! Unter sich ertastete sie den kalten, glatten Boden, auf dem sie lag. Moment mal. Sie war gestürzt. Von der Leiter. In Keanus Wohnzimmer. Ihr Kopf … nein, der tat nicht weh, und er schien noch zu funktionieren. Schon wollte Sascha blinzeln, da fauchte die weibliche Stimme:

„Wenn du nicht mit dieser, dieser … so rumgeflirtet hättest, wäre deine geliebte Wand noch schön weiss! Warum willst du mich eigentlich provozieren?“

„Ich provoziere dich über …“

„Und ob du das tust! Holst dir ein Mädel ins Haus, das genauso aussieht wie diese Schnepfe!“

„Du bist wohl verrückt geworden. Es ist am besten, wenn du jetzt gehst. Eine Verletzte liegt auf meinem Fußboden. Ich habe jetzt keine Zeit für eines deiner Dramen!“

Meine Güte, wie kalt er da geklungen hatte! Und die Frau war anscheinend kurz davor, so richtig auszurasten. Es war an der Zeit, Aufklärungsarbeit zu leisten!

Sascha befeuchtete ihre Lippen, öffnete langsam die Augen und sagte leise:

„Ich bin okay. Wem ich ähnle, ist reiner Zufall. Keanu hatte geglaubt, einen Mann herbestellt zu haben.“

„Schöner Mann“, giftete die große Blonde sie an, und Sascha zuckte zusammen. Da drehte die Furie den Kopf zu Keanu herum, dass ihre Haare flogen, und sie fing an zu keifen:

„So geht das nicht, mein Lieber! Du kannst dich doch nicht halbnackt vor diesem … diesem Flittchen hinknien und …“

Moment? Halbnackt? Sascha drehte vorsichtig ihren Kopf. Oha, ihr Auftraggeber trug nichts als ein weißes Tuch um seine Hüften. Wie es wohl darunter …

Bevor sie einen Blick auf interessante Dinge, die sie nichts angingen, werfen konnte, erhob sich der halbnackte Keanu, zog das Tuch fester an, marschierte auf die Blondine zu, und sagte mit eisiger Ruhe:

„Das reicht jetzt. Ich habe genug. Es ist besser, wenn du jetzt gehst.“

So schnell wurde man aus Keanus kuscheligem Bett nach draußen befördert? Du meine Güte, da musste schon viel passiert sein! Sascha war sich sicher, dass er sich nicht wünschte, dass die Blondine wiederkam, sein Ton hatte einen, wie sollte sie das formulieren, endgültigen Klang gehabt? Die Reaktion der Frau bestätigte ihre Annahme. Sie ließ ihre Schultern hängen, ihre Augen blickten, statt Blitze abzufeuern, flehend, und mit dem leicht schief gelegten Kopf glich sie einer bittenden Katze. Doch Keanu ließ sich nicht beeindrucken, schaute der Frau fest in die Augen, bis diese ihren Mund wütend verzog, etwas murmelte, das wie „Verlierer“ klang, und sich zurückzog. Minuten später stöckelte sie fixfertig angezogen durchs Haus, ohne Sascha oder Keanu eines Blickes zu würdigen, und warf wohl zum allerletzten Mal die Tür hinter sich zu.

Sascha winkelte ihre Arme an und stützte sich auf.

„Geht’s?“, fragte Keanu und näherte sich ihr. Wie lang seine Beine wohl waren? Und wie niedrig sein Körperfettanteil? Sehr tief, wie der lange, schmale Körper mit dem völlig flachen Bauch bewies. Nur die Schultern, die waren breit. Hm. Inzwischen stand er neben ihr, beugte sich vor und streckte seine Hand aus. „Ich helfe Ihnen!“

„Ja, es geht. Ich habe wohl Glück gehabt“, meinte Sascha, ergriff die große, starke Hand und warf dabei einen Blick auf die sehnigen, von blassen Sommersprossen übersäten Unterarme. Dann stellte sie ihre Füße auf den Boden, und noch während er sie hochzog, durchzuckte ein glühender Schmerz ihren rechten Fuß.

„Autsch!“, konnte sie gerade noch brüllen, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Sie spürte gerade noch, wie sie von starken Armen hochgehoben wurde, dann wurde es Nacht um sie.

Ein Engel fällt vom Himmel

1. Dezember 2009

Teil 1

„Wie bitte? Sie sind Sascha?“

Sascha atmete tief durch und unterdrückte ein Seufzen. Nach so vielen Jahren in den USA sollte sie sich daran gewöhnt haben, dass man hierzulande eher kleine Jungs als kleine Mädchen mit diesem Namen taufte. Aber dass ein derart attraktiver Mann diesen Satz mit so ungläubigen Entsetzen äußerte, wurmte Sascha schon ein wenig, und hätten ihre Eltern nicht schon viel schlimmere Fehler begangen, würde sie ihnen jetzt innerlich Vorwürfe wegen ihrer Namenswahl machen.

Doch jetzt galt es, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Zwar war sie die einzige Mitarbeiterin, die noch für Eilaufträge vor Weichachten zur Verfügung stand – gerade in dieser Gegend, wo sich ein prächtiges Haus ans Andere reihte, galt es als wichtig, dass alles perfekt hergerichtet war zur Weihnachtszeit - doch bei diesen reichen Typen wusste man nie. Ein falscher Ton, nein, schon der falsche Gesichtsausdruck würde ausreichen, und sie wäre nicht nur den Auftrag, sondern auch ihre Stelle los. Und das durfte einfach nicht passieren! Nicht, wenn sie das überlegene Lächeln ihrer Mutter und die herablassende Miene ihres Vaters nicht bald wiedersehen und diese rechthaberischen Worte nie wieder hören wollte:

„Wir haben es dir doch gesagt!“

Sascha war das sprichwörtliche schwarze Schaf in ihrer Familie. Statt wie ihre Schwester Lori eine zweite Paris Hilton zu werden und im Beruf „Reiche Erbin“ voll und ganz aufzugehen, hatte sie es gewagt, sich nach einigen Jahren der Dekadenz und beim Füttern der Boulevardpresse mit lächelnden, seelenlosen Bildern zu langweilen, Ehrgeiz zu entwickeln und sich auf ihre eigenen Füße zu stellen. Dass sie bereits die dreißig überschritten hatte und die meisten Gleichaltrigen einer Beschäftigen nachgingen, um ihren Lebensunterhalt zu bezahlen, spielte in ihren ehemaligen Kreisen keine Rolle, da galt: Einmal Anwärterin einer Millionenerbschaft, immer Prinzessin. Außer, man hieß Sascha, warf das Luxusleben in die Ecke und schrieb sich bei der Universität ein – und es dort wagte, nicht ein in ihrer Gesellschaftsschicht akzeptiertes Fach wie etwa Kunstgeschichte wählte, sondern Medizin. Es wurde sogar noch schlimmer: Sascha weigerte sich stur, die Checks ihres Vaters anzunehmen und sich somit ein gemütliches Studentenleben zu leisten, nein, sie verdiente ihr Geld mit Arbeit, mit echter, körperlicher Arbeit. Obwohl Sascha geglaubt hatte, ihre Gesellschaftsschicht gut zu kennen, war sie doch sehr erstaunt über den Skandal gewesen, den sie ausgelöst hatte: Nicht nur ihre perfekt manikürten Freundinnen waren entsetzt gewesen, auch ein gewaltiges Rauschen war durch den Blätterwald der Yellow Press gegangen. Seither waren zwar mehrere Jahre vergangen, aber so ganz hatte sich Sascha nie ganz aus der Trotzhaltung lösen können, dank der es ihren Eltern nicht gelungen war, ihren Stolz zu brechen und ihr Geld dankend entgegenzunehmen.

Und genau diesem Stolz verdankte sie es, dass sie in ihrer weißen Malermontur und zusammengebundenem Haar vor der Tür eines großen, modernen, aber nicht pompösen Hauses stand und von diesem attraktiven Mann einen äußerst irritierten Blick aus zusammengekniffenen Augen erntete. Ein tiefer Blick aus diesen dunkelbraunen, samtenen Augen hätte sie weit mehr erfreut, und dieser wohlgeformte Mund sah sicher tausend mal besser aus, wenn er zu einem Lächeln verzogen war. Doch im Leben hatte man nicht immer die Wahl, und so erwiderte Sascha gezwungen freundlich:

„Ja, die bin ich. Wissen Sie, dort, wo ich herstamme, ist dies üblicherweise ein weiblicher Vorname, haben Sie das nicht gewusst?“

„Nein, hab ich nicht“, brummte der Angesprochene. „Ich weiss nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn Sie …“

„Sie brauchen keine Angst zu haben“, unterbrach Sascha den Satz und ärgerte sich, dass sie den Kopf so sehr in den Nacken legen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. Verflixt, wie groß war der Kerl eigentlich? „Ich bin ebenso dazu fähig, eine fleckige Wand weiss zu streichen, wie meine männlichen Arbeitskollegen. Zudem sind sie alle schon ausgebucht, Sie müssen also mit mir vorlieb nehmen!“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, stieg die Befürchtung in ihr hoch, dass sie zu weit gegangen war. Würde ihr Auftraggeber ihr den schnippischen Tonfall übel nehmen? Diese Filmstars konnten ziemliche Mimosen sein – dank dem einen oder anderen Erlebnis aus ihrer High Society-Zeit hatte sie diese Erfahrung machen müssen.

Die Irritation wich aus den dunklen Augen und wurden zu Saschas Erleichterung durch ein schelmisches Funkeln ersetzt. Ein breites Grinsen erhellte das vorhin finstere Gesicht, eine große Hand mit schlanken, langen Fingern streckte sich ihr entgegen. Sascha ergriff sie, zwei braune Augenpaare schauten sich fest an, und er sagte:

„Deal!“

Und so kam es, dass Sascha Dillinger das Haus von Keanu Reeves betrat.

Sie folgte ihm ins riesige Wohnzimmer, das durch helle Farben und wunderbares Licht bestach – bestechen würde, wenn nicht hässliche, rotbraune Flecken, die überhaupt nicht in diese Atmosphäre der Helligkeit und der Klarheit passten, die Wand hinter dem cremefarbenen Sofa verunzieren würden.

„Wie ist denn das passiert?“, platze Sascha heraus, und der Ärger, der in Keanus Augen aufblitzte, brachte sie sofort zum Schweigen.

Das hätte er lieber bleiben lassen, ging es Keanu durch den Kopf, als er Sascha betrachtete. Die Kleine war süß und nicht auf den Mund gefallen, und solche Frauen gefielen ihm. Doch genau solche Frauen waren der Grund dafür, dass Sascha hier war, um seine Wand zu retten. Er hatte doch nur geflirtet mit Isabel, mehr war da nicht gewesen, wirklich nicht! Aber sie hatte so bezaubernd ausgesehen mit dem braunen, welligen Haar, der hellen Haut, den dunklen Kirschenaugen und der hübschen Figur. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, dass er durchaus hätte schwach werden können – wäre er nicht schon 45 und längst nicht mehr so hormongesteuert wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Doch Carmen war ihm zuvorgekommen: Kaum hatten die Gäste die Haustür hinter sich geschlossen, hatte die lächelnde Fassade einem wutverzerrten Gesicht Platz gemacht, ein volles Glas Rotwein war quer durchs Wohnzimmer geflogen – und nun stand eine ebenso hübsche Frau wie Isabel vor der ehemals weißen Wand, begutachtete den Schaden, und Keanu hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache.

Schon zum zweiten Mal innert weniger Minuten erwog er, länger mit der fleckigen Wand zu leben und zu warten, bis ein männlicher Maler frei wurde, und zum zweiten Mal verwarf er diese Idee wieder. Letztendlich wog sein ästhetisches Empfinden doch mehr als die Befindlichkeiten seiner Freundin, zudem konnte er sie so einem Test unterziehen: nochmals so eine unnötige Eifersuchtsattacke, und Carmen war die längste Zeit seine Partnerin gewesen. Anfangs hatte er sich ja noch geschmeichelt gefühlt, hatte ihr besitzergreifendes Wesen als Kompliment aufgefasst. Doch war er nicht langsam alt und erfahren genug, um zu begreifen, dass Eifersucht ihn erstickte? Dass er es eigentlich gar nicht mochte, wenn eine Frau ihm nachlief? Aber immerhin hatte Carmen ihm nicht vor allen Gästen eine Szene gemacht, und sie war wirklich süß und lieb und außerordentlich, nun, interessiert an körperlicher Nähe, deswegen hatte er sich entschlossen, ihr noch eine Chance zu geben.

Aber nicht um jeden Preis, und deswegen durfte jetzt die süße, schwarzhaarige Sascha, auf deren hellem Gesicht eine kleine Anzahl Sommersprossen quer über ihre Stupsnase von Wange zu Wange spazierten, die Wand streichen, obschon die Gefahr bestand, dass dies eine neuerliche Eifersuchtsattacke seiner Freundin provozierte.

Aber keinesfalls würde er der Malerin unter die Nase binden, wie die Flecken entstanden waren, das ging sie überhaupt nichts an! Zudem musste er vorsichtig sein, was er erzählte, wenn er nicht wollte, dass bald wilde Schlagzeiten die Titelseiten dieser Käseblätter zierten. Sein Management würde es zwar gerne sehen, wenn der eine oder andere Miniskandal ihn ins Gespräch brachte, doch Keanu zog es vor, durch seine Arbeit zu überzeugen und nicht durch ein sorgfältig geplante und durch und durch choreographierte Imagepflege.

Und so ließ er Saschas Frage unbeantwortet im Raum stehen und betrachtete sie von der Seite, während sie ein Büchlein mit Farbmustern hochhielt und die Wand genau studierte. Dieser Haaransatz mit der kleinen Spitze, die auf die kleine Stupsnase zeigte, die rehbraunen, großen Augen, der herzförmige Mund und das schmale Kinn – dies alles ließ ihr Gesicht auf den ersten Blick jünger erscheinen, als es war. Die ersten feinen Fältchen um die Augen deuten ein Alter von mindestens dreißig an, aber dennoch strahlte sie etwas unglaublich Frisches und Jugendliches aus. Dies war ihm vor allem vorhin aufgefallen, als sie ihn vehement über ihr Können als Malerin belehrt hatte. Er hätte am liebsten laut losgelacht, und dieses innere Schmunzeln hatte sich auf sie übertragen und sie für einen Augenblick wie ein Kind aussehen lassen, das etwas ausgeheckt hatte. Doch jetzt zeichnete höchste Konzentration ihre Gesichtszüge aus, und er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass sie ihre Sache gut machen würde. Das hatte er schon vorhin nicht, aber er würde den Teufel tun und sie darüber aufklären, dass es nicht der Mangel an ihrer Kompetenz war, der ihn anfangs irritiert hatte.

„Schneeweiß mit leichtester Blaubeimischung, ja, das ist es“, murmelte Sascha vor sich hin, und erstaunt fragte Keanu:

„Aber das ist doch ein reines Weiss?“

„Nein, schauen Sie mal“, erklärte Sascha und hielt ihm das Muster mit schneeweißer Farbe hin.

„Vergleichen Sie. Stimmt nicht genau überein, sehen Sie? Und nun sehen Sie sich diese Karte an …“

Sie hielt ihm ein Muster hin, das auf den ersten Blick genau dieselbe Farbe aufwies wie das von vorhin. Doch wenn er genauer hinsah, wirkte dieses Weiss irgendwie … heller, kühler. Er sagte ihr dies, und sie bemerkte anerkennend:

„Genau darum geht es! Wenn ein Weiss sehr hell und kühl wirken soll, mischt man Blau bei. Dies lässt Räume auch größer erscheinen. Eine Gelbbeimischung würde mehr Wärme verbreiten – das wird aber in warmen Gegenden selten verlangt. Sie haben ein gutes Auge!“

„Danke“, freute er sich und strahlte sie an, und sie ließ sich davon anstecken. „Dann sind also meine Wände schneeflockenweiss? Ist das richtig? Schneeflocken haben ja auch einen ganz leichten Blaustich, nicht wahr?“

„Hm“, überlegte Sascha. „Kann schon sein, ich war noch nie im Schnee“, erwiderte sie und lächelte ein wenig.

Nachdenklich betrachtete er sie und wunderte sich darüber, wo das energetische Funkeln in ihren dunklen Augen geblieben war. Nun, vielleicht würde er es noch herausfinden. Aber warum interessierte ihn das eigentlich?

„Ich erinnere mich gut daran, ich habe viele Jahre in Kanada zugebracht“, sprach er laut aus und spürte seinen Mund lächeln, während er mit glänzenden Augen seinen Erinnerungen nachhing. Wie schade, nie die Schönheit des Schnee kennengelernt zu haben, den Spaß, übers Eis zu gleiten, Schneeballschlachten, dank denen sich auch schüchterne, junge Liebende näherkommen konnten …

„Wann kann ich anfangen?“, unterbrach Sascha Keanus Ausflug in die Vergangenheit.

„Jederzeit“, gab Keanu zurück. „Es ist ja nur eine Wand, da werden Sie ja nicht lange brauchen, oder?“

„Nun, ich muss die Wand erst vorreinigen, dann muss sie vollständig austrocknen. Dann alles abdecken und abkleben, einmal mit weißer Farbe drüber, und eventuell noch einmal … Sie müssen also damit rechnen, mich zwei- oder drei Mal zu sehen!“

„Kein Problem“, erwiderte Keanu und verdrängte jeden Gedanken daran, dass dies aufwendiger war als gedacht und die Chance auf eine Begegnung mit der eifersüchtigen Carmen erhöhte.

„Gut, dann geh ich los und hol meine Sachen. Bis später!“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Sascha, und versonnen schaute Keanu ihr nach. Warum stimmte der Gedanke, sie wiederzusehen, sie so fröhlich? War es ihre spontane, schlagfertige Art oder ihr Gesicht? Ja, es war ein hübsches Gesicht, aber von denen gab es in L.A. Viele. Dann rief er sich das innere Bild, welches er sich bereits in seinem Gedächtnis angelegt hatte, vor sein geistiges Auge, und da wusste er, was ihn so faszinierte: Er hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen. Aber wo?

Urlaub etwas anders in LA

15. November 2009

Urlaub etwas anders in LA

Kapitel 1

Seit einer Woche ist Leila in Los Angeles, hatte sich kurz nach der Ankunft eine günstige Unterkunft in einem Backpacker gesucht um die weiteren Vorkehrungen für ihren geplanten sechsmonatigen Aufenthalt zu treffen. Sie wollte ein Fahrzeug kaufen, wo sie drin schlafen und auch kochen konnte. Günstig musste es sein, denn sie wollte so lange wie möglich hier bleiben. Ihren Job, den sie in der Schweiz hatte, musste sie künden. So lange unbezahlten Urlaub zu bekommen war schlicht unmöglich. Leila war dies egal, sie hatte keinerlei Verpflichtungen, vermietete in der Zwischenzeit ihre kleine Wohnung und packte das Nötigste ein. Bedenken hatte sie nie, sie liebte das Reisen und die verschiedenen Kulturen, hatte jedes Jahr Urlaub und anderen Ländern gemacht und nun sollten die Staaten erkundet werden. Zudem war sie jung und ehrgeizig und mit ihrer Einstellung würde sie bestimmt auch wieder eine Arbeit finden, wenn sie wieder zu Hause wäre. Schliesslich hat sie lange auf die Reise gespart und das Ticket bereits seit einem halben Jahr in der Tasche…

Und endlich war sie hier in dieser unendlichen Metropole, und klapperte seit Tagen Autohändler ab, die ihr das Fahrzeug bieten konnten, so wie sie es sich vorstellte. Einfach war es nicht – sie brauchte Tage um etwas Richtiges zu finden. Schlussendlich hatte sie die Schlüssel zu einem Station Wagon, den sie so umbaute, dass sie auf den heruntergeklappten Rücksitz eine Matratze unterbringen konnte und darunter noch genug Platz für ihre Utensilien und Kleider hatte. Der alte Wagen hatte sogar eine Klimaanlage, war mit Automatikgetriebe und sogar Radio mit Tonband ausgerüstet. Und sie hätte das Fahrzeug wieder an den Händler verkaufen können bei ihrer Abreise. Was will man mehr?
Also verbringt sie die folgenden Tage mit den Kleinigkeiten, die sie nicht in ihrem Rucksack mitbringen konnte. Kochzeug, Geschirr, Schlafsack, Wäsche und Schuhe hatte sie dabei, den Rest wollte sie vor ihre späteren Reise Richtung Norden unbedingt noch einkaufen damit sie dann auch bestimmt Startklar war.

Leila behagte die neu gewonnene Unabhängigkeit; sie konnte tun und lassen wie es ihr passte und begann die Tage damit, früh aufzustehen und sich erst mal mit dem neuen Fahrzeug vertraut zu machen. Sie wohnte noch 2 Tage im Backpackers und danach wollte sie sich in der Stadt mal richtig umsehen. Dazu hatte sie noch nicht die Gelegenheit und musste dies unbedingt nachholen. Viel gelesen hatte sie in den vergangen Monaten und die Filmmetropole und nun stand sie auf dem Parkplatz in der Nähe des Hollywoodboulevards und konnte sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie nun gehen sollte. >Einfach mal los. „ dachte sie – schliesslich hatte sie ja den Stadtplan dabei und war nicht gerade ungeschickt mit Kartenlesen…
Leila war beeindruckt von der Vielfältigkeit, irgendwie meinte sie das Flair der vergangen Hollywood Grössen spüren zu können als sie den Walk of Fame entlang spazierte und sich die vielen Berühmtheiten einzuprägen versuchte, die sich hier verewigt hatten. Sie schlenderte die Strassen entlang, weiter zum Rodeo Drive und merkte erst wie lange sie schon unterwegs war, als ihr Zuckerhaushalt zusammenbrach. Vor lauter Aufregung hat sie die Zeit vergessen und somit auch etwas Anständiges zu Essen. Ohne sich gross umzusehen, stürzte sie sich blitzartig in eines der nächsten Cafés bevor der Haushalt endgültig zusammenbrach. Ihre Hände zitterten als sie an der Bar eine Cola bestellte. Leila sah sich nur kurz um und bemerkte einige Leute die sich wohl zum After-Lunch hier auf einen Drink trafen. Ihr Zustand war ihr peinlich und jedes Mal wenn sie wieder einen Vorfall hatte schwor sie sich, dass sie das Nächste Mal Traubenzucker mit dabei hätte – bis zum nächsten Mal…
Nun stand sie zitternd an der Bar, rundherum waren einige Gäste und auf der gegenüber liegenden Seite der Bar sass ein gross gewachsener Mann, in brauner Lederjacke, mit Motorradhelm, Sonnenbrille und Vollbart und nippte an irgend einem Jus. Leila bemerke ihn im Blickwinkel und als die Cola endlich kam, trank sie diese mit einem Ansatz leer. „Bitte noch eine“ bat sie den verdutzten Kellner, denn sie hatte das Glas so schnell leer getrunken, dass er nicht mal Zeit hatte, sich abzuwenden oder gar zu kassieren. Sie merkte, wie sich ihr Haushalt langsam zu normalisieren begann und als die zweite Cola kam, trank sie diese ebenso rasch wie die erste. Mit einem tiefen Seufzer liess sie den getankten Zucker durch ihren sich langsam beruhigenden Körper gleiten. Als Leila bezahlte, entschuldigte sich beim Kellner, der noch immer Stirn runzelnd und kopfschüttelnd an der Bar stand und einkassierte. Bestimmt dachte er, dass sie irgend so ein Junky war, wie sollte er auf die Idee kommen, dass sie schlicht und einfach vergessen hatte, etwas zu essen?
Mit einem letzten Blick in die Runde verliess sie das Café. Der Motorradfahrer war weg, und als sie auf dem Gehsteig stand, hörte sie nur noch den dumpfen Ton einer Maschine und weit weg das Entschwinden dieses grossen Unbekannten…. Langsam machte sich Leila auf den Rückweg zu ihrem Auto. Es sollte ein langer Marsch werden und erst jetzt war ihr bewusst wie lange sie eigentlich zu Fuss unterwegs war. Endlich hatte sie den Weg zum Auto geschafft und beschloss, diese Nacht hier auf dem Parkplatz zu übernachten. Es hatte ja noch mehr Autos da und L.A. schien sowieso nie zu schlafen. Also was soll’s. Müde schlief sie in ihrem neuen Heim ein und erwachte erst am nächsten Morgen wieder.

Kaum angezogen, schmiss sie wiederum Geld in die Parkuhr damit sie wenigstens in Ruhe Frühstücken konnte. Später wollte sie sich in den Hollywood Hills mal umsehen. Diesmal mit Auto und so fuhr sie los Richtung Norden. Sie hatte gestern einen Stadtplan ergattern können, wo die alten und neuen Besitzer der Hollywood Legenden und eben die neuzeitlichen Stars und Sternchen eingetragen waren. Die Tour beeindruckte Leila sehr, die vielen Villen, teils verdeckt durch hohe Mauern oder Baumbestände, eingezäunt mit Sicherheitskameras und Stacheldrähten, da mussten besondere Leute zu Hause sein. So viel Prunk, Kitsch und Schönheit auf einmal war schon imposant. Leila verbrachte praktisch den ganzen Tag mit herumfahren, hielt zwischendurch zum tanken oder besorgte sich was zu Essen und Trinken. Erst gegen den frühen Abend beschloss sie, wieder auf den bekannten Parkplatz zu fahren. Sie fühlte sich sicher und konnte es nochmals ohne eine Dusche aushalten. Ausserdem hatte es eine Chinesischer Take-away gegenüber vom Parkplatz und dort wollte sie noch was zum Essen holen. Sie bestellte sich ein paar Nudeln mit Shrimps und eine Cola und als Leila bezahlten wollte, realisierte sie dass ihre Geldbörse weg war! Panik machte sich breit – all ihr Bargeld, die Kreditkarte, Ausweise – alles war weg!! „Oh Gott, ich bin aufgeschmissen! Wo nur ist das passiert?? Wie ist es nur passiert?“ Sie versuchte sich daran zu erinnern, wo sie überall war und noch bezahlt hatte, konnte sich aber keinen Reim darauf machen wie ihre Geldbörse abhanden kam. Verzweifelt durchsuchte sie ihren kleinen Rucksack, alle Taschen, wieder den Rucksack – nichts! Fast panisch durchsuchte immer wieder die Taschen in der Hoffnung sie hätte den Beutel übersehen, aber da war nichts!
Der Besitzer schaute Leila ungeduldig zu und als er die Panik in ihren Augen sah, packte er die bestellte Ware ein und sagte ihr, dass sie besser zum nächsten Polizeiposten fahren sollte um gleich eine Anzeige zu machen. „Es tut mir leid dass ich ihnen solche Umstände mache“ entschuldigte sich die überraschte aber dankbare Leila, „ und ich werde das wieder gut machen¨“ und zeigte auf das Paket mit den Esswaren. „Ist schon okay! Ist halt verschiessen, kaum angereist schon beklaut wird!“ Leila schaute ihn mit grossen Augen an – woher sollte er wissen, dass sie noch gar nicht so lange hier war? „Ist bestimmt Dein Fahrzeug da auf dem grossen Parkplatz!“ und er erklärte ihr, dass er sie gestern und heute beobachtet hatte wie sie das Fahrzeug verliess. „Ich dachte nicht, dass das jemandem aufgefallen sei“ entschuldigte sich Leila nochmals. Der Meister nickte nur und kurz darauf fuhr sie mit ihrem Wagen zum nächsten Polizeiposten.
Es begann bereits dunkel zu werden als sie dort ankam. Und gerade als sie ihr Auto in der Nähe der Einganges parkieren konnte, ging ein kurzes Blitzlichtgewitter los, das aus dem Nichts gekommen zu sein schien. Leila blieb noch einen Moment in ihrem Auto sitzen und versuchte zu lokalisieren, was das gerade eben war. Sie bemerkte jemanden vor dem Eingang zum Gebäude der etwas wie eine Kamera in den Händen hielt und schien auf die Person zu warten, die soeben aus dem Sportwagen stieg der vorhin hinter ihr in die Parklücke am Strassenrand gefahren war und etwas aus dem Kofferraum holte. Leila wunderte sich über die gegebene Situation, doch musste sie sich auf ihre eigenen Probleme konzentrieren. Sie hatte sich eigentlich die Erkundung der Stadt anders vorgestellt und stieg sie die Treppe zum Eingang des Polizeipostens irgendwo in Nord Hollywood hoch und wusste nicht, was auf sie zukommen würde. Sie hatte noch ein paar Hundert Dollar in der Tasche und wusste nicht, wo sie schlafen sollte. Ausserdem bekam sie langsam aber sicher ihre Migräne. Es war zu viel Aufregung und sie sollte sich langsam beruhigen um den Schmerzen nicht vollends ausgeliefert zu werden…
Im Vorbeigehen fiel ihr Blick nochmals auf die Person auf der Treppe. Tatsächlich schien es ein Fotograf zu sein. Was der wohl hier wollte? Noch in Gedanken betrat Leila gerade die grosse Halle, als jemand hinter ihr ziemlich laut schimpfend herein kam. Sie drehte sich um und bemerkte den grossen Unbekannten, dem sie gerade die Türe vor der Nase zugeschlagen hatte, und der sich offensichtlich über ihre Unvorsichtigkeit ärgerte. Ihre Blicke trafen sich und Leila entschuldigte sich verlegen mit einem „Tut mir leid“ - „Nein, es tut mir leid – ich hätte besser acht geben sollten“. Der Typ entschuldige sich ebenfalls bei ihr und die beiden sahen einander an. Seine vermeintliche Verärgerung schien sich in Sekunden zu einem überraschten Ausdruck zu verändern. „Bitte, nach Ihnen“ meinte er, diesmal höflich und zeigte ihr mit einer Hand die Richtung Empfang. Sie schienen den gleichen Weg zu haben und als sie bei der Anmeldung ankamen liess er ihr wieder den Vortritt und schaute sie eindringlich an. Leila bemerkte den Blick und versuchte herauszufinden, was dahinter stecken könnte aber im gleichen Moment wurde sie von einem Beamten gerufen. Sie bedankte sich kurz und mit einem vermeintlichen Lächeln entschwand sie aus seinem Blickfeld.

Kapitel 2

Im Grossraum Büro wurden schlussendlich ihre Angaben aufgenommen. Leila fühlte sich nicht wohl, ihre Kopfschmerzen nahmen langsam aber sicher zu und der Lärm und die grellen Lampen unterstützte dies noch zusätzlich. Alle Tische waren besetzt und ihr war es irgendwie unangenehm, dass rundherum Leute waren, die alles mithören konnten. Der Beamte war nicht gerade feinfühlig und als er zu guter Letzt auch noch eine Predigt über Sicherheitsregeln und Verhinderung von Diebstählen aufklärte, war’s um sie geschehen. Leila versuchte ruhig zu bleiben, jedoch machte ihr die ganze Aufregung einen fürchterlichen Strich durch die Rechnung. Was sollte oder konnte sie denn in ihrer misslichen Lage jetzt tun? Innerhalb von Sekunden schien ihr Traum von der Grossen Reise zu platzen und sie sah sich schon wieder im Flugzeug Richtung Schweiz fliegen – und sie fühlte sich elend. Nun blühte ihre Migräne vollends auf und sie konnte nichts dagegen tun… Leila atmete tief durch um Ruhe zu bewahren. Scheinbar Stunden später und nach tonnenweise Papierkram und Befragungen sollte sie nochmals im Gang warten, sie wusste nur nicht wieso sie noch nicht gehen konnte. Der Polizist riet ihr, ihre Kreditkarte umgehend sperren zu lassen und verwies sie auf den Telefonapparat in der Wartehalle. Das tat Leila sogleich und obwohl sie ein eigenes Handy für Notfälle hatte, benützte sie den öffentlichen Apparat. Sie konnte via Aircall die Gesellschaft erreichen. Die Situation bei der Kartengesellschaft war nicht neu und man hatte Verständnis und versprach, dass sie die neue Karte in 48 Stunden haben sollte.
„Wir hätten da vielleicht ein Problem“
liess der Operator nach einer kurzen Pause hören:
“ kann es sein dass sie heute einen grösseren Betrag bezogen haben?“
„Waaas!“
Leila schrie fast in den Hörer und im gleichen Augenblick meinte sie von allen im Gang anwesenden fremden Leuten sämtliche Blicke auf ihrem Rücken zu spüren.
„Nein – wie gross?“
Der Operator nannte eine Summe und Leila wurde leichenblass; ihr ganzes Erspartes war weg!!
“Das kann doch nicht sein!!!“
Zitternd stand sie am Apparat und schüttelte immer wieder den Kopf. Vage nahm sie die letzten Worte auf bevor sie den Hörer auflegte und sich völlig entmutigt auf den einzigen leeren Platz setzte. Damit hatte sie wirklich nicht gerechnet und im Moment wusste sie nicht was sie tun sollte. Wie ein Häufchen Elend sass sie wieder auf der Bank und stechende Schmerzen machten sich langsam über dem linken Auge bemerkbar. Sie war müde, hatte Schmerzen und war am Ende. Sollte sie ihren Vater anrufen und ihn um Hilfe bitten? Nein das wollte sie nicht, sie wollte sich beweisen, dass sie auf eigenen Füssen stehen konnte, aber so? Sie war nudelfertig; den ganzen Tag unterwegs, wird beklaut und kriegt zu hören, dass ihr Konto leer geräumt wurde dass sie sich so lange zusammengespart hatte und nun sass sie hier fest, nur mit ein paar losen Cent in der Tasche und noch ein paar hundert Dollar in Reserve, die sie sich erst gestern noch auf der Bank geholt hatte. Zum Glück! Trotzdem; toller Start ins neue Abenteuer!

Leila verschwand auf der Toilette und kam kurze Zeit später kreidenbleich wieder raus. Sie schaute sich kurz um und setzte sich auf den leeren Stuhl und grub ihren Kopf in die Hände. Die Kopfschmerzen hatten ihr höchstes Stadium erreicht – Leila konnte nicht mehr und Verzweiflung machte sich langsam breit. Alles war einfach zu viel – die ganz Aufregung, der Lärm das Licht, einfach alles. Dabei hatte der Tag so gut angefangen!
„Geht es Ihnen besser?“
Keine Antwort.
„Ma’m, wie geht es ihnen?“
und erst als jemand ihre Schulter sanft berührte hob Leila langsam den Kopf – wer sollte sich denn hier auf dem Polizeiposten schon für ihrem Zustand interessieren? Und ohne gross aufzuschauen meinte sie:
„Sehe ich so aus als würde es mir prächtig gut gehen?“
Leila erschrak selber ab ihrem zynischen Ton und schaute mit zusammengekniffenen Augen und kopfschüttelnd den Typen an der trotz ihrer groben Art ganz ruhig blieb:
„Wir haben uns doch schon mal gesehen?“
Leila schaute ihr Gegenüber etwas nun etwas genauer an und erkannte die gleiche Person von vorhin.
„Ja, vor etwa einer Stunde beim Eingang“.
Sie war nicht gerade in der Stimmung auf Anmache, schon gar nicht hier und jetzt und sowieso.
„Ja, - und auch gestern Nachmittag, im Cafe am Rodeo Drive…?“
Leila musste einen Moment lang überlegen. Ja, sie war am Rodeo Drive
„Ja?“
antwortete sie mit einem grossen Fragezeichen…
„Ehm, an der Bar im Café… Cola im Schnellschuss…“
Wieder fiel ihr Blick auf den Gesprächspartner und nun wusste sie wen sie vor sich hatte. Sie erkannte den grossen Unbekannten an der braunen Jacke und dem Vollbart.
„Oh ja, mein Zuckerhaushalt… Sie waren auch an der Bar. Mit Helm und so… Tschuldigung wegen vorhin, aber es geht mir wirklich nicht gut!“
Leila hält sich erneut die Hand auf ihr Auge um dem schmerzenden Licht auszuweichen. „Migräne?“ –
„ Ja, das ganz Paket und keine Medi dabei“
meinte sie nur und hielt sich ihre Schläfen. Der Typ nickte ihr bedauernd zu und mit einer Handbewegung zeigte er ihr, dass er gleich wieder da sein würde und stellte die braune Sporttasche neben ihr auf den Boden. Dann drehte er sich von ihr ab und sprach kurz mit einer Polizistin die etwas in der Schublade suchte und gleich darauf etwas in die Hand drückte. Mit einem Becher Wasser kam er zu Leila zurück:
„Hier, nehmen Sie das!“
und reichte ihr zwei Aspirin und das Wasser. Dankend nickte Leila ihm und der Frau zu und nahm beides zu sich.
„Normalerweise habe ich immer etwas dabei aber heute… es war kein guter Tag“
Leila entschuldigte sich nochmals und als sie seinen fragenden Blick wahrnahm, fügte sie hinzu:
„ich heisse Leila.“
Er beugte sich zu ihr und Antwortete:
„und ich Keanu. Ich hoffe, dass es Dir bald besser geht.“
Leila nickte nur.
„Keanu, hmm, Kommt mir irgendwie bekannt vor…“
Sie überlegte einen Moment und trotz den Wahnsinnsschmerzen viel es ihr wie Schuppen von den Augen uns sie wusste, wen sie vor sich hatte. Mit Bart hatte sie ihn wirklich nicht erkannt – nur – vielleicht die Augenpartie hätte ihn verraten, wenn sie genauer hingeschaut hätte, aber ihre Schmerzen liessen es nicht zu. Keanu bemerkte ihr Grübeln und er musste annehmen, dass sie nun wusste wer er war.
„Es tut mir wirklich Leid wegen der Türe vorhin –“
Leila versuchte ihren Blick aufrecht zu erhalten doch Keanu sah, wie sie litt.
„Mir auch“
er überlegte einen Moment und meinte dann mit einer Kopfbewegung:
„möchtest Du nicht lieber einen Arzt aufsuchen?“
Er schien sich wirklich Sorgen zu machen aber Leila winkte ab.
„Nein, nein, es geht schon. Meistens bin ich in zwei Tagen wieder auf dem Damm.“
Und im gleichen Moment realisierte sie, dass sie gar nicht wusste, wie ihre Welt in zwei Tagen aussehen würde! Verzweiflung machte sich in ihren Augen bemerkbar und offenbar war ihr anzusehen, dass Leila noch etwas anderes ausser den Schmerzen beschäftige. „Möchtest Du darüber reden?“
sein warmer Blick raubte ihr fast den Atem. Diese Augen! Für einen Moment starrte sie ihn an; in ihrem ganzen jungen Leben hatte Leila vor Jahren denselben Augenblick erlebt, dem sie jetzt ausgeliefert schien – damals in England…
Es vergingen Sekunden bevor Leila etwas sagen konnte – sie war noch immer gefangen in diesem einen Moment. Verlegen fuhr sie sich mit der Hand und als sich Keanu einen Stuhl holte und sich neben sie setzte, fuhr sich Leila über die Stirn und dann begann sie zu erzählen. Von ihrer geplanten Reise, dem Auto, und warum sie nun hier landete. Keanu hörte stillschweigend zu, nickte zwischendurch oder legte kurz seine Hand auf ihren Unterarm, wenn sie die Fassung zu verlieren schien. Gerade als sie fertig war wurde sie erneut von einer Beamtin in den Protokollraum gebeten.
„Bitte nach Dir“
sagte er aufmunternd, offensichtlich musste er noch länger warten. Im Büro wurden nochmals alle Angaben besprochen und unterschrieben und schlussendlich war Leila frei zu gehen. Als Leila die Türe zur Halle öffnete, sah sie Keanu noch immer wartend auf der Bank sitzen. Sie wusste nicht, was tun, also ging sie zu ihm hin und bedankte sich für seine Hilfe.
„Was tust Du jetzt?“ –
„Keine Ahnung, werde mir wohl einen Schlafplatz suchen müssen. Ich bin total auf den Socken und brauche dringend Ruhe!“
Leila sprach leise und mit zusammengekniffenen Augen. Lange konnte sie nicht mehr durchhalten.
„Es tut mir leid, aber ich muss gehen“
sie entschuldigte sich abermals und wollte sich von ihm abwenden.
„Mir auch. Ich hoffe, dass es Dir bald besser geht!“
damit verabschiedeten sich die beiden mit einem Händedruck. Leila schaute ihm nochmals in die Augen und fügte hinzu:
“Das Haus am Wasser hat mir sehr gut gefallen….“
Keanu lächelte verlegen und Leila drehte sich ebenfalls lächelnd um und machte sich auf den Weg zu ihrem Auto. Nie hätte sie gedacht, dass sie hier jemanden aus der Filmbranche treffen würde – und ausgerechnet jetzt in dieser Situation und ihrem Zustand begegnete sie diesem sympathischen Mann…. Was hätten andere darum gegeben, jemanden wie Keanu zu treffen und ein Gespräch zu führen – sie eigentlich auch aber Leila war total fix und fertig und hielt die Schmerzen kaum mehr aus. Konzentrieren konnte sie sich kaum noch und die Gedankensprünge wanderten ins Leere. Sie war kein Mensch in dieser Zeit und sie hätte kaum eine intelligente Diskussion führen können…..

Als sie die Treppe zu ihrem Auto herab stieg, war der Fotograf weg. Vorsichtig versuchte sie aus der inzwischen engen Parklücke auszuparkieren denn irgendein Idiot hatte sein Fahrzeug so dicht vor ihren Wagon geparkt dass sie kaum mehr raus fahren konnte. Wieder legte sie den Rückwärtsgang ein und als sie langsam losfuhr, rumpelte es und sie hörte ein Geräusch als wäre sie über eine Blechtonne gefahren! Hastig stieg sie aus und lief um ihr Auto. Mit entsetzten stellte Leila fest, dass ihr Auto mit dem schwarzen Sportwagen verkeilt war – aber wie? Sie bückte sich um die Situation nochmals zu begutachten; sie hatte ganz vergessen dass sie ja eine Anhängerkupplung an ihrem Wagen hatte und genau diese steckte nun unter der Stosstange des Flitzers fest! Oh Gott, nicht auch noch das! Was sollte sie nun tun?
Leila war verzweifelt – eine Karambolage hatte ihr gerade noch gefehlt! Sie überlegte kurz und versuchte dann mit ein paar heftigen Handstössen auf die Haube des Porsches, die Verkeilung zu lösen… „WUI WUI WUI WUI WUI WUI !!!!!“ Sie hätte es wissen müssen, wer solch einen Sportwagen fährt, hat sicher auch eine Alarmanlage drin und die machte sich schon nach der ersten grösseren Erschütterung bemerkbar! Ein haarsträubender, greller, unüberhörbarer Ton erklang vom Auto und Leila sprang erschrocken zurück. Sie wunderte sich, dass der Alarm nicht schon beim Auffahren los ging und bevor sie sich noch gross Gedanken machen konnte, kam jemand aus dem Polizeigebäude gestürzt und lief Richtung Fahrzeuge. Sie stand noch immer hilflos auf dem Gehsteig und wusste nicht was tun. Erst als sich der grosse Typ näherte, erkannte sie Keanu.
„Oh Gott, das auch noch!“
Nun war es ihr sichtlich peinlich und bevor sie irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte er schon sein Auto aufgeschlossen und die Alarmanlage ausgeschaltet. Keanu stieg wieder aus, schloss ab und wendete sich zu Leila;
„Es wäre schon ein bisschen unverschämt, ein Auto vor dem Polizeiposten zu knacken… „
Er schaute sie mit einem prüfenden Blick an.
„Oh Gott, nein!“
Leila schüttelte ungläubig den Kopf. Also das dachte er wohl von ihr – zuerst so nett und gleich darauf eine Anschuldigung! Leila blieb trotzdem freundlich, zeigte auf die Stossstange und die Verkeilung und entschuldigte sich.
„Es tut mir wirklich leid, ich wollte raus fahren aber die doofe Anhängerkupplung habe ich total vergessen….“
Wieder schüttelte sie den Kopf über ihr Missgeschick und es war ihr noch peinlicher. Keanu schaute sie nochmals prüfend an – wie konnte Leila wissen, dass er nur Spass machte… „Komm, alles halb so wild. Setz Dich mal in Dein Fahrzeug und ich versuch’s noch mal mit Druck auf die Haube…“
Leila tat wie ihr geheissen, legte vorsichtig den ersten Gang rein und gab langsam Gas. Keanu drückte fortlaufend auf die Haube des Porsches und schlussendlich waren die Autos voneinander befreit. Leila stieg aus und zusammen begutachteten sie den Schaden; die Anhängerkupplung war noch ganz aber die Stosstange vom Porsche verbogen und das Nummernschild mit samt der Halterung lag am Boden. Leila schaute Keanu entsetzt an:
„Das wird ein teurer Spass!“
Keanu schaute Leila Stirn runzelnd an; der Vorfall mit ihrem Telefonat in der Halle war auch ihm nicht entgangen und so grosszügig wie er war, konnte er doch nicht von ihr verlangen, dass sie für diese – für ihn jedenfalls – Lappalie aufkommen sollte. Sie hatte genug Sorgen und sollte sich nicht noch um den Schaden kümmern müssen.
„Ach was, ich muss den Wagen sowieso in die Werkstatt bringen, da können sie die Sache auch gleich in Ordnung bringen. Ist ja nicht so schlimm – Blechschaden kann man immer Reparieren. Ich mach mir mehr Sorgen um Dich – also nach der ganzen Aufregung solltest Du Dich besser hinlegen.“
Leila schaute ihn verdutzt an und überlegte einen Moment:
„Wie meinst Du das genau?“
Ihre Gedanken kreisten um das „Hinlegen“ und sie schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an um gleich das eigentliche Thema zu besprechen:
„Nein, also die Reparatur geht auf meine Kosten, das kann ich sonst nicht annehmen. Ich möchte die Sache mit Deinem Auto schon in Ordnung bringen …“
Er schaute sie belustigt an; also stur schien sie zu sein. Aber es war nicht Leila’s Sturheit sondern ihr schlechtes Gewissen und das wieder gut machen, die sie die so sprechen liess. Keanu merkte, dass er hier auf Stein zu beissen schien und meinte;
„Also gut, wenn Du das so siehst: für ein gutes Nachtessen wäre das geregelt…“
Leila’s Schmerzen schienen für einen Moment verschwunden zu sein und sie überlegte, wie sie das wohl anstellen sollte. Trotz allem willigte sie ein – irgendwie würde sie eine Lösung finden. Keanu holte ein Stück Papier aus seinem Auto, schrieb etwas darauf und reichte es ihr. „Hör mal, ich muss noch mal da rein. Ruf mich morgen an, dann schauen wir weiter“
mit einem langen Blick schaute er Leila an und fügte hinzu;
„Kannst Du selber fahren, oder soll ich Dich nach Hause bringen?“
Leila schaute ihn wieder überrascht an: sie meinte ihm erzählt zu haben, dass sie in ihrem Wagen schlief.
„Das ist sehr nett von Dir, aber nicht nötig. Mein Zu Hause steht genau vor Dir…“
Sie musste trotz dem ganzen Vorfall, ihren Schmerzen und der ganzen Situation grinsen. Keanu schaute sie erstaunt an.
„Du schläfst im Wagen?“
„Klar, ist so umgebaut dass ich hinten drin schlafen kann. Mit den abgedunkelten Scheiben klappt das wunderbar…“
Sie packte ihre Autoschlüssel und reichte Keanu ihre Hand;
„Ich danke Dir nochmals für Deine Hilfe. Und das mit dem Essen das ist gebongt. Ich ruf Dich morgen an, wenn Dir das recht ist.“
Sie lächelte Keanu müde an und stieg in ihren Wagen. Er stand noch immer auf dem Gehsteig und als sie wegfuhr, winkte er ihr kurz und blieb stehen, bis sie ausser Sichtweite war.

Kapitel 3

Leila war kaum ein paar Minuten unterwegs, da kam umgehend das Dröhnen und Pochen in ihrem Kopf Blitzartig zurück, „Gott, diese Migräne – ausgerechnet jetzt!“ Leila konnte sich nicht konzentrieren, fuhr irgendeine scheinbar ruhige Strasse hinauf und als sie ein Parking Zeichen sah, folgte sie demjenigen. „… Nur eine Stunde schlafen…“ Sie fuhr lange umher, konnte aber den Parkplatz nicht finden. Es war ihr egal; sie parkierte den Wagen am Strassenrand wo es einigermassen gerade war, schloss ab und zog sich in den hinteren Bereich zurück, wo sie sich in ihre Decke wickelte und sofort einschlief.
Sie erwachte, als jemand an die Scheiben klopfte. Müde und schmerzerfüllt hob sie den Kopf aus ihrer Schlummertüte; sie sah ein Polizeiwagen mit blinkenden Sirenenlichtern vor ihrem Wagen parkiert und vorne war ein Polizist, der mit einer Taschenlampe in das Wageninnere leuchtete. Offensichtlich erkannte er, dass jemand drin war und hämmerte mit der Taschenlampe gegen das hinter Fenster.
„Ich komm’ ja schon!“
rief sie und befreite sich aus dem Schlafsack, kletterte nach vorne und setzte sich auf den Fahrersitz um das Fenster zu öffnen.
„Sie können hier nicht parkieren – das ist eine Privatstrasse!“
wurde sie mit einem ziemlich strickten Ton angeherrscht. Mit blinzelnden Augen versuchte sie zu lokalisieren, wo sie eigentlich war. Der Polizist sah sie forsch an und im gleichen Moment verlangte er Fahrzeugpapiere und ihren Führerschein. Leila begann ziemlich nervös im Handschuhfach zu wühlen und als sie die Papiere endlich hatte, war der Polizist auch schon ziemlich ungeduldig. Zum Glück hatte sie die Fahrzeugpapiere immer im Auto, falls er jedoch einen Ausweis von ihr wollte, müsste sie ihm wohl eine entsprechende Erklärung abgeben…
Der Polizist prüfte die Papiere lange und ausgiebig und sein Blick fiel immer wieder auf Leila, die sich immer wieder über das linke Auge fuhr um die Schmerzen zu lindern.
„Sie müssen ihr Fahrzeug wo anders parkieren. Und schlafen im Auto in dieser Stadt ist auch nicht gerade empfehlenswert. Besonders wenn man alleine als Frau unterwegs ist!“
Das war eindrücklich und Leila versuchte zu verstehen.
„Tut mir leid! Ich suche was anderes.“
Der Polizist nickte und wendete sich ab und lief Richtung Streifenwagen. Er wollte gerade die Autotüre öffnen, stockte einen Moment und kam zu Leila zurück, die sich inzwischen angeschnallt hatte und die Schlüssel ins Zündschloss steckte.
„Sie sind ganz alleine hier?“
Leila nickte.“
„Und sie kennen wirklich Niemanden in dieser Stadt?“
Leila schüttelte den Kopf.
„Es wäre gut, wenn Sie sich Freunde suchen würden…“
Er zwinkerte ihr zu und beugte sich näher zu ihr. Unweigerlich wich Leila zurück. Was war das denn eben? Leila schaute den Polizisten verdutzt an – hatte er ihr eben ein Angebot gemacht?? Das konnte doch nicht sein – dieser Mann arbeitete für den öffentlichen Dienst und die Sicherheit und machte ihr ein solches Angebot??!!! Nun war sie wieder voll da - sie griff nach dem Fensterheber und antwortete;
„Mach ich, aber auf meine Weise!“
und begann das Fenster hoch zu kurbeln. Offensichtlich hatte ihr diese Situation einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie sich mit einem Schlag bewusst war, was ihr eigentlich hätte blühen können. Sie hatte oft von vermeintlichen Polizisten gehört, die dann die Fahrer ausgeraubt oder sogar bedroht hatten…
Ein überhebliches Grinsen huschte über das Gesicht des Polizisten und Leila wurde es unheimlich. Schliesslich wendete er sich von ihr ab, setzte sich in den Streifenwagen und fuhr davon. Sie sass noch immer zitternd in ihrem Wagen und überlegte sich, was sie tun sollte. Unweigerlich kam ihr Keanu in den Sinn. In Anbetracht der Situation war sie nahe daran, ihn jetzt schon anzurufen und um Rat zu bitten, aber konnte sie das? Es war mitten in der Nacht und wahrscheinlich war er schon lange zu Hause und hatte sie vergessen. Sie konnte es ja versuchen, griff nach ihrem Handy und stellte die Nummer ein, die er ihr gegeben hatte. Ihr Blick viel auf die Uhr beim Radio. 01:32 h. Das war schon ziemlich spät und sie wollte schon wieder auflegen als am anderen Ende der Leitung ein fröhliches
„Hallo“
erklang. Leila stutzte einen Moment. War er tatsächlich noch zu so später Stunde auf? „Hallo??“
Diesmal war es eher fragend „Haalloo-ooo??“ klang es erneut und als sie sich endlich gefasst hatte, antwortete sie;
„Hallo Keanu – hier ist Leila. Tut mir leid, dass ich dich noch so spät anrufe…“
Sie wartete einen Moment und Keanu meinte:
„Hallo Leila! Ist doch kein Problem, bin noch auf.“ Er stutze einen Moment
„Wie geht es Dir? Steckst Du in Schwierigkeiten?“
Wie konnte er das bloss annehmen?? Eigentlich waren es keine Schwierigkeiten aber die Situation vorhin ist eingefahren und sie brauchte jemanden, dem sie sich anvertrauten konnte. „Es geht mir einigermassen…“
sie schüttelte den Kopf, nein, eigentlich ging es ihr überhaupt nicht gut…
“Nein, ich stecke nicht wirklich in Schwierigkeiten …– da war nur….“
ihre Stimme versagte und sie war den Tränen nah –
“Tut mir leid, Keanu, bestimmt hast Du was Besseres vor und ich wollte dich nicht belästigen. Ich…. „
und bevor sie was sagen konnte, stellte er auch schon die Frage, wo sie war.
„Keine Ahnung - irgendwo in den Hügeln….“
Sie schaute sich hilflos um.
„Hör zu, Leila! Ich hab Dir meine Nummer gegeben, dass Du Dich meldest, nicht nur für ein Essen, sondern auch wenn Du Hilfe brauchst. Ich darf annehmen, dass Du zu so später Stunde noch anrufst, weil Du Sorgen hast….“
Leila hörte gebannt zu und schaute wieder auf die Uhr 01:43 h…
„Schau Dich mal um wo Du bist und gib mir dann Bescheid, ja? Ich rufe Dich in ein paar Minuten zurück, okay?“
Leila war sprachlos. Sie telefonierte gerade mit diesem unheimlich gut aussehenden Typen, der von wahrscheinlich hunderten von Frauen begehrt war und der ihr nun seine Hilfe anbot und sich um sie Sorgen zu machen schien… Sie war wirklich beeindruckt – so hatte sie noch nie einen Filmstar eingeschätzt, für sie waren sie eher unnahbare, schräge Typen die sich im Filmgeschäft einen Namen gemacht haben, entweder durch harte Arbeit und Disziplin oder eher mit sehr viel Glück erfolgreich wurden.
Leila liess den Wagen an und fuhr ein Stück die Strasse runter bis zur ersten Kreuzung. Kaum dort angekommen, suchte sie die Strassenschilder und schon klingelte ihr Handy. Sie war überrascht dass sich Keanu selber meldete, hatte sie ihm doch ihre Nummer nicht gegeben und doch musste sie sich eingestehen, dass die neue Technologie eben schon recht fortschrittlich war…. Silikon Valley sei Dank!
„Keanu, ich stehe hier an der Ecke Canyon und Village Boulevard…“
sprach sie in den Apparat. Es war einen Moment still und sie wiederholte nochmals wo sie genau stand:
„Hm ja, kenne ich. Warte dort, ich komm Dich holen… „
Ich möchte Dir wirklich keine Umstände machen. Ich…“ –
„Kein Problem. Ich bin in etwa einer halben Stunde bei Dir. Warte dort, okay?“
Leila nickte und bestätigte sein Vorhaben.
Die Zeit schien viel zu langsam zu vergehen; Leila hatte den Wagen erneut am Strassenrand parkiert und sass hinter dem Steuer um auf Keanu zu warten. Sie musste eingenickt sein, erst als jemand an ihr Fenster klopfte, schreckte sie auf und musste sich zuerst orientieren. Wieder klopfte es an Fenster und als sie Keanu erkannte, war sie auf einen Schlag hellwach. Sie öffnete das Fenster und ein müdes Gesicht begrüsste sie.
„Wie geht es Dir?“
sie lächelte verkrampft –
„Jetzt wo Du da bist, besser, danke.“
Im gleichen Moment sah sie den Streifenwagen aus der Seitenstrasse biegen und wieder fuhr ihr der Schreck in die Knochen. Keanu bemerkte ihre Reaktion – und als der Wagen neben ihrem Fahrzeug hielt und das Fenster runter machte, erkannte sie den Beamten und schaute Keanu hilflos an.
„Guten Abend zusammen“
mit einem prüfenden Blick zu Keanu und dann zu Leila meinte er:
„Ist alles in Ordnung? M’am?“
Leila nickte und mit einem panikerfüllten Blick zu Keanu meinte sie:
„Bin gleich weg….“
Der Polizist nickte, verabschiedete sich und fuhr langsam weiter. Leila zitterte und Tränen bildeten sich langsam in ihren Augen.
„Komm, lass uns gehen – fahr’ mir einfach nach.“
Keanu klopfte ihr aufmunternd auf die Schultern und ging zu seinem Porsche. Konnte Leila ihm vertrauen? Wohin wollte er sie lotsen? Sie hatte ganz vergessen zu fragen…. Und konnte sie ihm überhaupt vertrauen???
Im Moment war es ihr egal. Ihr erster Eindruck von ihm war positiv und bis anhin hatte sie ihre Menschenkenntnis noch nie im Stich gelassen. Sie liess die Zündung an, stellte den Ganghebel auf Automat und fuhr Keanu nach. Sie fuhren den Berg hinunter, bogen ab, wieder hinauf und nach einem kurzen Stück stellte er den Blinker, hielt an und wartete. Offensichtlich waren sie zu bei Ihm zu Hause angelangt und er wartete auf die Öffnung des automatischen Garagentores. Leila wartete ebenfalls und als er ihr durch das Fahrerfenster winkte, sie solle ihm folgen, fuhr sie ihren alten Wagen ebenfalls in die Tiefgarage und parkierte neben seinem Porsche.
Keanu war schon bei ihr als sie kopfschüttelnd und ziemlich aufgewühlt aus dem Auto stieg. Sie schwankte einen Moment und Keanu hielt sie am Arm fest.
„Keanu, dieser Polizist – bitte entschuldige dass ich Dich da hineingezogen habe…“
sie schaute ihn müde an. Bestimmt hatte er etwas Besseres vor als sich mit ihrer Geschichte abzuwühlen…
„Komm, ich glaube, Du brauchst nach allem zuerst etwas Ruhe. Lass uns nach oben gehen und wenn Du magst erzählst Du mir, was passiert ist…. „
Leila nickte nur, packte ein paar Sachen aus dem Kofferraum und folge Keanu die Treppe hoch in die Eingangshalle. Sie staunte über die Grösse, war aber zu müde um irgendwelche Eindrücke aufzunehmen. Keanu führte sie in die Küche und von dort aus ins anschliessende Wohnzimmer.
„Durst?“
fragte er und ging zum Kühlschrank. Leila nickte verlegen und Keanu holte zwei Budweiser raus. Leila setzte sich auf die weisse Couch und beobachtete Keanu der ihr die geöffnete Flasche hinhielt. Sie trank einen Schluck und Keanu beobachtete sie. Wer war dieses unscheinbare Ding das so viel Pech innert kürzester Zeit verbuchte und das nun niedergeschlagen und müde in seinem Wohnzimmer war?
„Wann hast Du zuletzt etwas gegessen?“
Sie schaute ihn fragend an – sie wusste es nicht. Keanu musterte sie, stellte sein Bier auf den Tisch und ging zurück zur Küche.
„Ich bin kein Küchenmensch, aber irgendein Sandwich kann ich Dir noch machen…“
und wortlos holte er die Zutaten aus dem Kühlschrank hervor und begann ein paar Sandwichs aus Toastbrot zu belegen. Als er damit fertig war und den Teller mit den Broten zu Leila brachte, lag diese auf dem Sofa und schlief, das Bier noch in der Hand. Leise nahm er ihr die Flasche aus der Hand, holte eine warme Decke, liess die kleine Lampe brennen und ging selber schlafen.
Trotz der späten Stunde lag er noch lange wach. Wieso tat er das eigentlich? Noch nie hatte er jemand einfach so nach Hause genommen, vor allem keine Touristen die alleine unterwegs war – und doch, da war etwas an Leila das ihn nicht mehr los lies. Was bloss war es? Sie war jung, bestimmt 10 Jahre jünger als er, alleine unterwegs, wollte ein paar Monate hier bleiben und wurde so vom Schicksal eingeholt, dass sie nun fast Mittellos da stand. Wer war dieses Geschöpf bloss?

Kapitel 4

Als Leila erwachte, lag sie noch immer zugedeckt auf dem kleinen Sofa, die Sonne strahlte durch die Grosse Glasfront und irgendwoher klang Musik. Sie schaute sich um – sie war alleine in dem grossen Raum und langsam setzte sie sich auf. Ihre Schmerzen waren definitiv weg und sie fühlte sich relativ gut. Wären da nicht die strähnigen Haare und die zerknitterten Kleider gewesen – ausserdem konnte sie gut und gerne Wasser und Seife vertragen…
Wie lange hatte sie wohl geschlafen hatte? Egal – Hunger trieb sie zur Küche wo sie neben der Kaffeefiltermaschine einen Zettel und einen Schlüssel vorfand: „Guten Morgen Leila. Ich hoffe, Dir geht es wieder besser heute. Hier sind die Haus- / Garagenschlüssel. Bitte schliesse die Gartensitzplatztüre wieder ab, falls Du aus dem Hause gehst. Ansonsten, fühl’ Dich wie zu Hause und bedien’ Dich worauf Du Lust hast. Sollte gegen Abend wieder zu Hause sein. Keanu.“ Leila war mächtig beeindruckt – offensichtlich hatte Keanu keine Bedenken wen er da im Hause hatte und sie freute sich innerlich über sein Vertrauen. Nein, aus dem Hause wollte sie nicht – aber sie hatte einen Mordshunger! Mit einem Blick auf die eingebaute Stereoanlage wo die Musik her kam stellte sie fest, dass sie erneut fast 12 Stunden geschlafen hatte – und sie fühlte sich toll, wieder ganz Mensch zu sein.

Kurze Zeit später stand Leila unter der Dusche – langsam begann sich ihr Körper wieder zu normalisieren und in Gedanken rekapitulierte sie die vergangen 48 Stunden. Sie konnte kaum fassen, dass sie sich hier in diesem grossen, modern eingerichteten Hause befand, das offensichtliche Keanu gehörte. Immer wieder musste sie an die Begegnung auf dem Polizeiposten denken und je länger sie darüber nachdachte, sie konnte sich nicht wirklich erklären, ob Keanu ihr seine Nummer vielleicht nur aus Mitleid über ihr Schicksal gegeben hatte. Sie kam zum Schluss, dass sie nicht länger auf seiner Pelle sitzen wollte als nötig und beschloss, ihren Vater anzurufen und ihm die ganze Situation zu erklären. Sie war sich bewusst, dass sie vielleicht ihre Reise abbrechen und wieder nach Hause fliegen musste aber welche anderen Möglichkeiten hätte sie denn? Wie sonst sollte sie ihre Reiseziele verwirklichen können?
Frisch geduscht und mit sauberen Kleidern ging Leila in die Küche und schaute sich im Kühlschrank um, was es zu Essen hatte. Wahrlich – Keanu schien kein grosses Interesse an wirklich gesunden Lebensmitteln zu haben. Ausser Orangenjus fand sie nur Milch, etwas Butter, Marmelade, Eier, Schinken und Käse, einige Flaschen Bier und Weisswein. Vielleicht fand sie ja in den Schränken noch etwas anderes und begann die Türen aufzumachen. Designergeschirr kam zum Vorschein und wieder musste sie über seinen guten Geschmack staunen… Endlich fand sie Kaffeepulver und Toastbrot und somit hatte sie eigentlich alles für ein gutes Frühstück – und dies am späteren Nachmittag! Schon kurze Zeit später hatte sie frischen Kaffee aufgesetzt, brutzelte sich ein paar Omeletten mit Schinken und Käse, schob ein paar Brote in den Toaster und setze sich mit dem ganzen Essen auf die Terrasse wo sie die hervorragende Aussicht auf L.A. genoss. Sie holte ihr Handy und wählte die Nummer ihres Vaters. Mit der Zeitverschiebung musste es in der Schweiz morgen sein und wahrscheinlich war er bereits wieder im Geschäft. Sie musste nicht lange auf Antwort warten und nach einer fröhlichen Begrüssung beiderseits erzählte Leila die ganze Geschichte, wo sie war, was geschehen war, den Vorfall mit dem Polizisten und wie sie Keanu getroffen hatte. Ja, sogar ihr Vater hatte schon von ihm gehört und nun musste sich Leila genau eine Moralpredigt anhören, was für schlimme und schamlose Typen diese Schauspieler auch sein konnten und dass sie wohl auf der Hut sein sollte, und sich überlegen, wieso dieser Mensch so freundlich zu Leila war.
„Papa – er ist in Ordnung! Hätte er mir sonst seine Hausschlüssel hier gelassen? Zudem hat er sich ganz anständig benommen!“
„Ja – und wo hast Du geschlafen?“
Leila war empört – wieder diese Schulmädchenpredigten; immerhin war sie schon 31 und hatte ihre Erfahrungen mit Männern gemacht!
„Papa! Also wirklich, das geht Dich überhaupt nichts an!“
Und schon waren beide wieder in ihrem alten Element von argumentieren und zurechtweisen wie so oft, wenn es um die einzige Tochter ging, die so eigensinnig und stur sein konnte; genauso wie Papa eben.
Nach einem langen, zuletzt versöhnlichen und verständnisvollen Gespräch hatte Leila die Sicherheit, dass ihr eine neue Kreditkarte mit einem entsprechenden Ferienkontoguthaben auf das Hauptpostamt L.A. zugeschickt würde. Sie wollte auf keinen Fall Kenau’s Adresse benützen – schliesslich war sie hier nur Gast und zudem wusste sie ja auch nicht genau wo sein Haus eigentlich stand und ausserdem wollte sie ebenso wenig noch viel länger hier bleiben als nötig – dass sie sich hier ausruhen und frisch machen durfte, war schon genug guter Wille und sie wollte ihm auf keinen Fall ins ein Privatleben reinplatzen.

Leila sass noch immer auf der Terrasse als die Sonne langsam unterging. Die Aussicht war nach wie vor atemberaubend und sie beneidete Keanu um diesen Ausblick. In Gedanken versunken sass sie auf dem Grossen Rattansofa und erst als sie langsam zu frieren begann, räumte sie den Tisch fein säuberlich auf und, stellte das schmutzige Geschirr in die Abwaschmaschine und machte die Küche sauber. Sie war gerade fertig mit Aufräumen, als sie hörte, wie das Garagentor aufging und kurz darauf Keanu in die Küche kam, bepackt mit zwei grossen braunen Papiereinkaufstaschen. Als er Leila sah, die inzwischen vom Wohnzimmerfenster aus auf die Abendbeleuchtung von L.A. herabblickte, blieb er einen Moment stehen und musterte sie kurz bevor er die Taschen abstellte. Leila hatte ihren grauen Trainingsanzug an und die langen, blonden Haare waren fein säuberlich zu einem Zopf zusammengebunden und das gefiel ihm noch besser… -

Für einen Moment schweiften Keanus Gedanken zur ersten Begegnung mit Leila zurück: sie fiel ihm schon im Cafe im Rodeo Drive auf aber er machte sich im Moment nur kurz Gedanken darüber, wie ihr Auftreten war. Er schrieb die ganze Situation eher einer etwas hastigen Touristin zu, die er an ihrem Dialekt erkennen und die ja unmöglich von hier sein konnte. Als er Leila dann nochmals auf dem Polizeiposten traf, war es für ihn fast Schicksal – die Stadt war zu gross als dass sie sich ein zweites Mal einfach so über den Weg laufen würden und ihm war es recht. Offensichtlich war sie in Schwierigkeiten und obwohl es überhaupt nicht seine Art war, jemand fremden einfach so zu helfen, ihre Verzweiflung hatte ihm doch zugesetzt und er fühlte als müsse er einfach etwas tun. Und wenn es nur ein paar Aspirin wären, die ihr helfen konnten… Dass sie allerdings seinem geliebten Porsche eine Beule verpasste, das war schon eher ungeschickt und doch – Leila schien ein anständiges Mädchen zu sein, hatte ganz offensichtlich Schmerzen und der ganze Tumult war sicher auch zu viel für sie. Wie auch immer, jetzt war er froh, zu sehen, dass es ihr wirklich besser ging und er freute sich über ihre Anwesenheit.

Leila stand barfuss vor dem grossen Fenster und als er hereinkam und ihn wahrnahm, drehte sich zu ihm um und begrüsste ihn mit einem scheuen Lächeln;
„Guten Abend, Keanu. Ich hoffe, Du hattest nicht einen allzu strengen Tag?“
Keanu lächelte sie verlegen an.
„Hallo Leila - schön, dass es Dir besser geht.“
Leila kam zu ihm in die Küche. Sie war sehr zurückhaltend, genau wie er, aber aus ihrer Sicht war ihr die ganze Situation noch immer unangenehm und irgendwo auch peinlich genug. Sie tauschten die Blicke und er lächelte sie aufmunternd an. Während Leila half die Tüten zu leeren schaute sie ihn noch immer verlegen an:
„Keanu, ich danke Dir für Deine Hilfe und dass ich hier sein durfte. Ich möchte aber auf keinen Fall zu lange bleiben…. „
Keanu’s undurchsichtiger Blick verunsicherte Leila noch mehr und sie begann Worte zu suchen….
“Leila, Du kannst so lange bleiben wie Du möchtest. Ich bin zu Zeit ziemlich beschäftigt und
sowieso meistens aus dem Hause, also mach Dir deswegen keine Gedanken“.
Sie wollte widersprechen, doch Keanu schüttelte nur de Kopf –
„Du machst mir wirklich keine Umstände…“
war das einzige, was er sagte. Dann packte sie die restlichen Lebensmittel aus und schon kurz
darauf bereiteten sie das Abendessen zusammen vor. Sie unterhielten sich zuerst zaghaft, ein erstes Antasten war fällig und als sie zusammen am Tisch sassen, öffnete Keanu eine Flasche Rotwein und schenkte beide Gläser ein. Leila grinste, als er ihr das Glas zum anstossen reichte und Keanu antwortete mit einem fragenden Blick.

Kaptitel 5

„Normalerweise vertrag ich Wein nicht so gut….Also keine Garantie, wie ich mich danach benehme…“ meinte sie schelmisch und lachend prosteten sie einander zu.
„Ich hoffe, nicht zu ausfällig…. Das ist ein guter Tropfen und den werden wir hoffentlich geniessen…“
sein Blick wanderte von der Flaschenetikette zur Leila und wieder zurück.
Leila wurde nun etwas verlegen und nicht der Wein war schuld an ihrer plötzlichen roten Wangen…. und um die Situation nicht noch peinlicher werden zu lassen meinte er:
„Ich habe mir gerade überlegt, wie oft ich schon mit Besuch hier an diesem Tisch gesessen haben… und eigentlich waren es noch gar nicht so viele Leute“ er machte eine Pause:
„Ausser meiner Familie und ein paar Freunden natürlich…“
Leila schaute ihn überrascht an; Keanu Reeves – ein bekannter Schauspieler, wohnhaft in einer wunderbaren Gegend hier in Hollywood oder so, hatte kaum Gäste in diesem tollen Hause? Also das konnte sie sich nun beim besten willen nicht vorstellen und mit einem schrägen, prüfenden Blick versuchte sie ihm etwas mehr zu entlocken. Keanu bemerkte ihren Blick und musste lachen.
„Was, Du glaubst mir etwa nicht?“
Leila’s Mine verzog sich nicht einen Millimeter und sie schüttelte den Kopf. Keanu warf sich wortwörtlich an seine Stuhllehne zurück, fasste sich mit der Hand ans sein Herz und mit einem „ernsten Blick“ antwortete er:
„Grosses Ehrenwort! Ich habe nicht soo viele Freunde…. „
Auch das konnte Leila kaum glauben und dementsprechend viel ihre Mimik wieder aus. Keanu schaute sie von oben bis unten an und mit einem male wurde er richtig verlegen. Gegenüber sass diese junge Frau die ihn fast um seine Worte raubte und er versuchte ihr ein wenig Einsicht in sein privates, leider oft sehr einsames Leben zu gewähren und alles was er erntete, waren diese ungläubigen Blicke! Er war doch Schauspieler, konnte er im richtigen Leben nicht überzeugend genug sein? Das war ihm wirklich noch nie passiert – im Gegenteil; wie oft traf er junge Frauen die wussten wer er war und was er machte, aber keine Ahnung hatten, wie er wirklich war? Leila sass noch immer stillschweigend vor ihm, nippte am Rotwein und wartete auf eine noch bessere Antwort. Keanu wurde ganz ruhig und musterte sie erneut:
„Wie kann ich Dich überzeugen?“
Leila lachte – sein Dackelblick hatte sie doch schon überzeugt – jedenfalls beinahe.
„Weißt Du, Keanu, es tut mir leid, aber ich kann mir das kaum vorstellen. Ein so gut aussehender Mann wie Du muss doch tomatenweise Frauen kennen, mit denen Du gerne zusammen bist?“ Sie schaute ihn nun neckisch an – sie konnte sich im besten Willen nicht vorstellen, dass er wirklich kaum Besuch hatte.
„Tomatenweise?? Das gefällt mir“ er nickte grinsend – „tomatenweise, ja. Aber keine, die wirklich für längere Zeit mit mir zusammen sein möchte…“
Leila bohrte weiter;
„Nein? - Bist Du ein schwieriger Mensch?“
Keanu überlegte einen Moment. Als schwierig würde er sich nicht gerade bezeichnen eher:
“Nicht unbedingt einfach….“
Leila schien eine wunde Stelle getroffen zu haben; Keanu wurde nachdenklich und wartete auf weitere Fragen von ihr. Und das dauerte auch keine Minute:
„Darf ich mal raten?“ er nickte
„Schauspieler, hm…“ Leila setze eine gespielte, nachdenkliche Miene auf;
„Ich schätze, dass Du die meiste Zeit für Deinen Beruf aufbringst… „
Keanu machte eine Ja/Nein Kopfbewegung…
„somit tagelang Manuskripte auswendig lernst, dann wochenlang von früh bis spät auf dem Set bist… Keine Zeit für Familie und Freunde hast…“
Keanu grinste – sie kannte sich wohl aus in dieser Branche, nahm einen Schluck Rotwein und liess Leila weiter sprechen:

„… und bestimmt hast Du auch keine Freundin, die hier plötzlich auftaucht und eine Szene macht wenn sie mich hier an Deinem Tisch vorfindet?“
Also das war nun wirklich zu direkt und Leila entschuldigte sich im selben Moment, wo die Worte raus waren. Keanu überlegte einen Moment – also wirklich sie hatte ihn tatsächlich auf seinem linken Fuss erwischt aber schlussendlich hatte er nichts zu verheimlichen – und Leila’s Art gefiel ihm. Mit einem schrägen Blick sah er sie kurz an, lehnte sich etwas über den Tisch damit er näher an ihrem Gesicht war und meinte:
“Und was wenn?“
Leila liess einen gekünstelten, tiefen Seufzer aus ihrer Lunge entweichen, kniff kurz die Lippen und Augen zusammen, sah ihn vermeintlich „ernst“ an und antwortete mit einer festen Stimme:
“Dann hoffe ich wenigstens, dass sie dafür einen ganz guten Grund findet, um auch wirklich eine Szene aus dieser Szene zu machen…. „
Hä?? Was quasselte Leila hier bloss – offenbar schien der Wein seien Wirkung zu tun und kopfschüttelnd über ihre vermeintlich hirnlose Aussage sah Leila Keanu an, der sie noch immer mit diesem schier durchbohrenden Blick anschaute um gleich darauf laut drauf los zu lachen!
„Eine Szene aus der Szene?“
wiederholte er und obwohl er sich einen Spass daraus machen wollte, holte Leila gleich nochmals aus und meinte, diesmal wirklich ernst gemeint:
“Es würde mich wirklich angurken, wenn ich mich in solch einer Situation finden würde!“
Keanu hörte auf zu lachen, und in Gedanken wiederholte er kurz, was Leila gerade gesagt hatte. Offenbar war sie der Überzeugung, dass er wohl mit jemandem liiert war, was ja nicht der fall war. Trotzdem, Leilas’s Worte liessen ihn schmunzeln.
„Angurken?“ fragte er vorsichtig und sein Grinsen war unübersehbar. Doch Leila’s Mine war unverändert; sie hasste es, mit Situationen konfrontiert zu werden, denen sie nicht gewachsen war und Eifersuchtszenen hasste sie am meisten.
„Angurken?“ frage Keanu nochmals und Leila schüttelte bejahend den Kopf.
Dann fing Keanu wiederum wie doll an zu Lachen und Leila erkannte, dass sie total falsch liegen musste und er sich wirklich einen Spass aus ihrer Reaktion machte.
„Angurken – ha – ha ! Das muss ich wirklich in meinen Wortschatz aufnehmen!“ lachte er weiter und steckte Leila unweigerlich mit seiner Fröhlichkeit an!
Die weitere Unterhaltung verlief sehr beeindruckend und Leila überraschte Keanu mit ihrem Wissen und ihrer Wortwahl in etwa gleichermassen, wie er sie. Offenbar hatten sie die gleiche Wellenlänge und es musste noch etwas ganz anderes in der Luft gelegen haben…

Als sie zusammen den Tisch abräumten und das Geschirr in die Küche brachten, füllte Leila den Waschtrog um die Teller vorzuwaschen. Sie hatte die Ärmel hochgekrempelt und liess den Schaum zwischen den Fingern tanzen und hatte gar nicht bemerkt, dass Keanu sie schon eine ganze Weile beobachtet hatte. Nun stand er hinter ihr und musterte sie; die langen blonden Haare gefielen ihm, ihre schlanke Figur die im Hometrainer erst recht zur Geltung kam, die langen Beine…. Die Anmut in ihrem Gang…. Sie sah einfach umwerfend aus – und ihr Dasein hatte etwas in ihm ausgelöst, das er sich nicht erklären konnte…

Leila hatte gerade die Teller vorgewaschen als sich Keanu wortlos hinter sie stellte, das schmutzige Besteck auf die Ablage neben dem Trog legte nachdem sie sofort greifen wollte. Noch bevor sie danach greifen konnte, fühlte sie seine Hände auf ihren Schultern; eine davon war halb nackt, weil die Jacke beim Abwasch verrutscht war und Einblick auf das Tanktop bot, das sie darunter trug. Im selben Augenblick, als sie seine warme Hand auf ihrer Haut spürte, durchlief sie ein schaudern und noch bevor sie reagieren konnte, fühlte sie seinen Atem in ihrem Nacken der gleich darauf einen vorsichtigen, zärtlichen Kuss erhielt. Wie angewurzelt blieb sie stehen, schloss die Augen und genoss den Augenblick. Sie fühlte sich wohl und als Keanu sie langsam zu sich drehte und Leila ihre schaumig nassen Hände auf seine Hüfte legte und ihre Augen in seinen ruhten, wehrte sie sich nicht. Sie hatte keine Bedenken, wer sie war, wo sie war, mit wem sie hier war, keine Bedenken was sie hier tat, nein, sie vertraute ihm und sie begehrte ihn ohne wenn und aber. Und im nächsten Augenblick vereinten sich ihre Lippen in einem erst antastenden, vorsichtigen Kuss der immer wilder und heftiger wurde, bis sie schliesslich auf der Küchenablage sass, ihre Beine um seine Hüften geschlungen hatte und er ihren Körper vorsichtig zu erkunden begann, so wie sie seinen in einem ersten Vorspiel das erst viel später dem Boden unterbrochen wurde.
Fast atemlos trug Keanu Leila in sein Schlafzimmer wo sie eine wilde, stürmische Nacht verbrachten, ohne zu denken, nur spürten, erforschten, sich gehen liessen, miteinander die Höhepunkte eroberten um gleich wieder in wilde Spiele zu verfallen bis sie schlussendlich beide todmüde, verschwitz aber zufrieden einschliefen.

Kapitel 6

Leila war schon relativ früh wach am nächsten Morgen und mit einem genauso müden Blick drehte sie ihren Kopf in die Richtung, wo sie Keanu neben sich vermutete. Doch die Bettseite war leer und als sie ihre Hand über das Leintuch gleiten liess, stellte sie fest, dass dies keine Wärme von sich gab, er also schon länger aufgestanden sein musste. Sie setze sich auf und zog das Leintuch über ihre Brust. Ihr Blick wanderte zuerst durchs Zimmer; ein heller, grosser und modern eingerichteter Raum begrüsste sie, das Fenster, das die ganze Raumbreite zierte, bot ihre einen Blick auf die Terrasse und im Hintergrund konnte sie die Umrisse der Millionenstadt erkennen. Ihr Blick wanderte erneut im Zimmer umher, schien jedes Detail aufzusaugen und als letztes fielen ihr ihre Kleider auf, die von der Zimmertüre bis zum Bett verstreut herum lagen und noch die einzigen Zeugen der letzten Nacht waren. Heimlich musste sie schmunzeln – das war eine ausserordentlich erotische Nacht gewesen, gemischt mit fast allem, was dazu gehörte. Und Leila musste sich eingestehen, dass sie noch nie eine Nacht wie diese mit einem Mann verbracht hatte, den sie zwar kaum kannte, doch sehr anziehend war und bei dem sie alle Hemmungen verlor und wo sie sich komplett gehen lassen konnte. Was nur war es nur, das sie so fühlen liess? Na ja, vielleicht sollte es ja dabei bleiben – grosse Hoffnungen machte sich Leila nicht, dazu war sie zu realistisch und sie beschloss, es einfach so stehen zu lassen. In ein paar Tagen würde sie sowieso weiter ziehen und da Keanu ja selbst enorm beschäftigt war, wäre auch keine Zeit füreinander vorhanden. Und vielleicht war er ja gerade eben der Typ, der ein kurzes Abenteuer besser auskostete, als lange Beziehungen – der Reiz war immerhin da und ausserdem hatten beide keine weiteren Verpflichtungen und waren frei. Ausserdem hatte sie auch noch andere Pläne…
Stirn runzelnd sass Leila im Bett, strich sich die Haare aus dem Gesicht und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, doch irgendwie gelang ihr das nicht ganz. Tja, sie musste ziemlich angeheitert gewesen sein – hatte Rotwein doch seine Tücken, aber Keanu war schliesslich auch nicht gerade unschuldig an dem, was nach dem Essen noch alles passiert war…

Leila duschte zuerst mal ausgiebig; sie musste sich klar werden, wie sie die nächsten Tage verbringen wollte, bis ihr Vater das Geld überwiesen hatte und sie wieder auf eigenen Füssen stehen konnte.
Sie stand vor dem grossen Spiegel und hatte sich ein grosses Badetuch umgebunden, das auf der Stange hing. Dann begann sich die Haare mit einem Handtuch zu trocknen, das sie aus dem Regal neben dem Doppellavabo nahm.
Sollte sie tatsächlich hier bleiben? Sie fühlte sich zwar wohl in den vier Wänden und ausserdem verstand sie sich hervorragend mit Keanu – soweit sie dies beurteilen konnte. Aber konnte sie wirklich sein Angebot annehmen und hier bleiben – so lange sie mochte? Leila kannte diesen Mann ja eigentlich überhaupt nicht, obschon – ein Lächeln huschte über ihr Gesicht; nein, eigentlich kannte sie ihn gar nicht; dafür aber seinen Körper umso besser… und wieder huschte ein Grinsen über ihr Gesicht - wie hatte ihr Vater gesagt? Sie sollte sich vor diesen ungehobelten Schauspielern in Acht nehmen? Die wollten doch nur das Eine? „Tja, Papa“, dachte Leila so für sich, stützte die Hände auf dem Lavabo ab, hob eine Hand und mit dem Zeigefinger mahnend und einer gespielt ernsten und rügenden Mine dachte sie, „da hast Du vielleicht Recht - aber hast Du Dir auch schon überlegt, dass deine Tochter auch gewisse Bedürfnisse hat und keine Kostverächterin war?“ Nein, bestimmt wusste er das nicht, denn darüber wurde ja zu Hause auch kaum geredet…
Bei dem Gedanken an ihren Vater huschte ein weiteres Lächeln über ihr Gesicht und sie schaute sich im Spiegel an, das Frotteetuch um ihre langen Haare gebunden und noch immer beide Hände auf dem Waschtisch stützend. Sie konnte sich ihren Vater bildlich vorstellen, wie er aus allen Wolken fallen würde, hätte er nur einen kleinen Schimmer, was letzte Nacht hier passiert war…. Sie, die kleine, unscheinbare Leila, seine geliebte, wohlbehütete Tochter die sich in ein exzessives Bündel Energie verwandeln konnte, wenn sie mal auf Touren war…. Gott, und Keanu hatte sie ziemlich aus der Reserve gelockt…

Nur mit einem Handtuch bekleidet und das Handtuch wie ein Turban um ihre Haare gewickelt trippelte sie barfuss in die Küche. Einzig eine halb leeren Kaffeetasse die im dem Trog stand, zeugte davon, das Keanu wohl noch kurz Zeit für das warme Getränk hatte bevor er das Haus verliess. Und diesmal lag kein Zettel neben der Maschine – nein, der Raum war in gähnende Leere getunkt…
Ein Blick auf die Digitaluhr im Radio verriet ihr, dass es fast 09:00 war und ihr Magen machte sich auch langsam bemerkbar. Sie nahm das Handtuch von ihrem Kopf, legte dies über ihre Schulter und fuhr mit der Hand durch die halbnassen Haare. Dann öffnete Leila neugierig den Kühlschrank und als sie dessen Inhalt inspiziert hatte, musste sie grinsen. Da war alles drin, was in ihren Augen einen typischen Junggesellen repräsentierte; Eier, Milch, Butter, Käse, aufgeschnittene Truthahnwurst und natürlich, das Obligate – Bierflaschen… Und natürlich die eine oder andere Köstlichkeit, die Keanu gestern noch eingekauft hatte.
Leila nahm ein paar Eier, Milch und Butter heraus und suchte nach einer Bratpfanne, Schüssel und Schwingbesen, holte sich eine Tasse aus dem Schrank und füllte diese mit heissem Wasser, damit der Kaffee länger warm bleiben sollte.
Sie hatte gerade die Eier aufgeschlagen, Milch dazu geben, etwas gewürzt und mischte die Masse mit dem Schwingbesen, als sie das Geräusch vom Garagentor wahrnahm und gleich darauf ein Motor aufheulte. Ungeachtet dessen, fuhr sie mit der Vorbereitung weiter, stellte die Bratpfanne auf den Herd, machte die grosse Platte an, schnitt ein grosses Stück Butter ab und lege es hinein wo dies langsam zu zergehen begann. Dann schaltete sie den Abzug an, warf die langen Haarsträhnen die vorne über ihrer Schulter hingen über die Schulter und begann sich die Eier zu braten, als kurz darauf Keanu in die Küche trat. Für einen Augenblick blieb er im Türrahmen stehen, als er Leila hantieren sah – sie hatte ihn noch nicht bemerkt, rührte in der Pfanne, drehte sich kurz ab, kippte das warme Wasser aus der Tasse in den Trog, zog das grosse Badetuch zurecht, das etwas verrutscht war, stellte die Tasse unter die Kaffeemaschine, drückte den Knopf für einen Espresso und kehrte zum Herd zurück. Im Blickwinkel nahm sie Keanu wahr und als er wortlos die Tüte auf die Ablage stellte, drehte sie sich kurz um und grinste ihn an.
„Guten Morgen Keanu“ begrüsste sie ihn fröhlich, die Bilder der letzten Nacht vor sich…
Keanu begrüsste sie ebenfalls mit einem „Guten Morgen Leila“, musterte sie kurz und genoss offensichtlich den Anblick der ihm ein kurzes Lächeln entlockte. Dann holte er sich eine neue Tasse aus dem Schrank, stellte Leila´s Kaffee auf die Seite, liess sich einen Grossen aus der Maschine und beobachte Leila, wie sie einen gewärmten Teller aus dem Ofen nahm und ihn fragend ansah.
„Hast Du schon gefrühstückt?“
Sein Lächeln war verschwunden und er sah sie wieder mit diesem undurchsichtigen Blick an, den sie gestern schon bei ihm mehrmals bemerkte. Leila stellte den Teller neben den Herd.
„Magst Du Rühreier?“
Keanu nickte, griff nach der Tüte, öffnete diese und endlich veränderte sich sein Blick und er grinste:
„Magst Du Croissants?“
Leila grinste zurück – irgendwie war sie erleichtert, dass er eben genau diesen Blick abgelegt hatte, holte einen zweiten Teller aus dem Schrank, spülte diesen heiss ab bis er warm war, teilte die Rühreier auf und reichte ihm einen Teller. Als der danach griff, trafen sich ihre Blicke und beide verharrten wortlos einen langen Moment. Irgendetwas lag in der Luft; und es war nicht der Duft von Frühstück, nein es war eher der Duft der Anziehung, der Magie, irgendetwas, das die beiden sich in dem Augenblick nicht erklären konnten…
Keanu holte hastig ein zweites Besteck hervor, griff wieder nach der Tüte und stellte beides auf den Tisch. Leila wusch die Bratpfanne ab und als sie fertig war, stand Keanu ganz dicht neben ihr, so dass sie seinen Atem spüren konnte und sie wurde ganz kribbelig.
Einen Augenblick verharrte sie; dieser Mann brachte sie eine Millisekunde aus ihrem persönlichen Konzept, und hastig wendete sie sich wieder der Pfanne zu um diese abzutrocknen und wieder zu versorgen. Keanu öffnete den Schrank neben Leila und holte eine Flasche Flüssighonig heraus; als er die Türe schloss, war sein Kopf wieder so nah an Leilas, dass er unweigerlich den Duft ihrer frisch gewaschenen Haare in die Nase bekam. Einen Augenblick verharrte auch er – was war an dieser Frau, was ihn die letzen 48 Stunden Dinge machen liess, sie er sonst nie tat? Leila drehte ihren Kopf ganz langsam zu Keanu, der sie noch immer in Gedanken versunken anschaute und natürlich nahm sie seine Reaktion wahr und sah ihn einfach an, darauf wartend, dass er irgendetwas sagen würde. Doch nichts kam; auch wenn seine Augen Bände sprachen, Leila wurde nicht schlau aus ihm; gestern noch so aufgedreht und heute verschlossen wie ein Buch… Hastig verstaute sie die Pfanne, drehte sich wieder zu Keanu und sagte, leicht verlegen:
„Ich zieh´ mir nur schnell was anderes an“ und deutete auf das Badetuch, das noch immer ihren zarten Körper einhüllte. Und dann tat Keanu etwas, das Leila völlig aus der Fassung brachte: er griff nach ihrer Hand, zog sie wortlos zu sich, sah sie mit seinem betörenden Blick an, zog sie noch näher an sich, so nah dass sie keine Handbreite mehr zwischen ihnen Platz gehabt hätte, legte seinen Arm um ihre Hüften, drückte sie noch fester an sich und begann sie, erst ganz zaghaft auf den Nacken zu küssen.
Leila liess es geschehen, ihre Hände lagen auf seiner Brust und als er sie mit seinen Lippen berührte, schloss sie ihre Augen und liess sich führen…. Gott, dieser Mann war so anziehend, so sanft und erotisch letzte Nacht, und jetzt? Seine Berührungen wurden harscher, fordernder und Leila öffnete zuerst ganz zaghaft sein Hemd, doch als Keanu´s Berührungen noch aufdringlicher wurden, riss sie ihm das Stück Stoff aus der Jeans und warf es in eine Ecke. Ihr Lippen waren vereinigt, ihre Zungen suchend, spielend, noch fordernder, bis Keanu Leila in beginnender Extase auf die Küchenablage hob, sie ihre Schenkel um seine Hüften schlang und er ganz langsam das Badetuch öffnete und es von Leilas Oberkörper gleiten liess. Hastig öffnete sie seine Jeans und als er im nächsten Augenblick in sie hinein drang, erwachten erneute Wogen der Leidenschaft, des Verlangens, der Anziehung und die beiden landeten erneut in seinem grossen Bett wo sie scheinbar Stunden später wieder zur Besinnung kamen.
Leila hatte sich zu Keanu gedreht, das Leintuch über ihren Oberkörper gezogen und schaute ihn an der auf dem Rücken neben ihr lag, sein Gesicht auf die Decke gerichtet. Scheinbar schlief er denn seine Augen waren geschlossen, doch sein Atem zeugte noch immer vom eben Geschehenen. Als ob er Leila´s Blicke gespürt hätte, drehte er seinen Kopf und öffnete die Augen und sah Leila an. Ihre Augen glänzten, der sonst blasse Teint hatte eine sanfte rosa Farbe und ihre Lippen glühten. Sie sagte kein Wort, irgendwie wussten beide, dass das, was soeben passiert war, purer Sex war.
„Der Kaffee wird inzwischen kalt sein“ stellte sie fest, drehte sich um und wollte aus dem Bett steigen. Doch Keanu griff erneut nach ihrem Arm und Leila hielt inne. Sie drehte sich zu ihm und sah in sein Gesicht.
„Leila – „ er suchte nach Worten und irgendwie schien Keanu richtig befangen zu sein. Doch Leila verstand – jetzt würde er ihr bestimmt sagen „Danke, das war toll – ich hab bekommen was ich wollte. Und übrigens, wenn Du Deine Sachen gepackt hast, kannst Du die Türe gleich von aussen schliessen….“
Und noch bevor Keanu etwas anfügen konnte, kam ihm Leila zuvor;
„Ist schon okay. Es war wirklich“ sie versuchte eine treffende Bezeichnung dafür zu finden, was die beiden gerade erlebt hatten, aber ausser „aussergewöhnlich“ fiel ihr im Moment auch nicht viel ein. Keanu nickte:
“Ja, aussergewöhnlich, das war es tatsächlich“. Dann liess er Leila los, stieg aus dem Bett und ging wortlos unter die Dusche.

Kapitel 7

Leila sass noch einen Moment im Bett. Dieser Mann war so undurchdringlich – gerade eben noch so emotional auf Hochtouren, gleich wieder am Boden und komplett in sich gekehrt. Wer war dieser Mensch, der sie nun völlig durcheinander zu bringen drohte?

Für einen kurzen Moment schweiften ihre Gedanken zurück nach England – damals, vor so unendlich vielen Jahren hatte Leila eine Stelle in London angenommen. Ihr wurde eine Wohnung in einem Personalhaus ausserhalb der Stadt zugeteilt und dort begegnete Leila an einem schicksalhaften Tag jenem Mann, der sie noch Jahre später in Gedanken begleiten sollte. Sie erinnerte sich an die erste Begegnung als ob es erst gestern war; John kam gerade die Treppe herunter als Leila das Haus verlassen wollte; er trug hellblaue Jeans, ein weisses Hemd und schwarze Wildlederschuhe, hatte kurze, blonde Haare die wild gestylt waren und als er im Schuss am Ende der Treppe angelangt war, trafen sich ihre Blicke und – Leila war wie verzaubert. Hatte sie schon von Liebe auf den ersten Blick gehört, bis dahin hatte sie nicht die geringste Vorstellung davon, was dieser Augenblick auslösen könnte!
Leila schmunzelte - sie erinnerte sich, dass sie wie angewurzelt da stand und nur noch seine warmen, braunen, schelmischen Augen sah und – sie wusste einfach; das war der Mann ihrer Träume! Als sie sich begrüssten und John ihr die Hand reichte, traf sie der Blitz das zweite Mal und sie spürte, dass sie mit ihren neuen Gefühlen nicht alleine war.
Die gegenseitige Sympathie war offensichtlich und es ging nicht lange, bis die beiden ein Paar wurden. Sie genossen die Zeit zusammen und Leila wusste, dass John all das war, was sie sich jemals von einem Mann wünschte. Sie war überzeugt, das sie zusammen bleiben würden, doch John hatte andere Pläne; sein Leben als Musiker war ihm wichtiger und als er ein Angebot in den Staaten erhielt, verliess er die Stadt und liess Leila mit gebrochenem Herzen zurück. Wehmütig dachte Leila an die Zeit danach und wie sehr sie darunter litt und damals schwor sie sich, dass ihr das niemals wieder passieren würde.
Sie dachte an die erste Begegnung mit Keanu – genauso wie damals, waren es wieder warme, braune Augen, die ihr nach wie vor den Atem raubten… Aber konnte sie das Schicksal diesmal wirklich besiegen?

Als Leila später in die Küche kam, sass Keanu am grossen Tisch, hatte eine Tasse Kaffee vor sich und las in einem dicken Drehbuch. Er sah kurz auf als sie herein kam und wendete sich gleich wieder den Zeilen zu. Doch auch dieser Moment, wo sich ihre Blicke trafen, liess Leila für eine Sekunde wieder versinken…
Hastig ging sie zur Kaffeemaschine und liess sich eine frische Tasse füllen. Während die Maschine vor sich hinratterte, schweiften Leila´s Gedanken zurück an die wochenlangen Vorbereitungen für ihre Reise in die Staaten; sie hatte sich damals wie heute fest vorgenommen, dass, sollte sie tatsächlich jemandem begegnen der ihre Gefühle gewinnen könnte, sie ihre Reise ohne gebrochenem Herzen beenden würde – und sie war erst am Anfang. Nein, sie würde keine Gefühle aufkommen zu lassen; ihre Vernunft liess es diesmal nicht zu und sie wollte es dabei bleiben lassen.

Mit der Tasse in der Hand setzte sie sich wortlos zu Keanu an den Tisch. Das Frühstück war noch unberührt und Leila sah ihn fragend an; entweder hatte er keinen Hunger, was allerdings die Morgenaktion mit Croissants holen nicht erklären würde, oder er hatte auf sie gewartet. Und offensichtlich war es die zweite Version. Leila setzte sich wortlos hin, nahm einen Schluck Kaffee und wartete ebenfalls bis er sein Buch weglegen sollte. Sie wollte ebenfalls nicht unhöflich sein – immerhin war sie noch immer Gast in diesem Hause…
Keanu legte das Buch beiseite und sah Leila wieder mit diesem undurchsichtigen, eindringlichen Blick an. Dann griff er wortlos nach dem Brotkorb und reichte ihn Leila, die sich danken ein Croissant herausnahm und begann, dies zu halbieren und Butter darauf zu verstreichen. Noch immer beobachtete Keanu sie aus einem Blickwinkel. Beide sagten kein Wort; doch Leila spürte, dass die Atmosphäre ganz anders war. Sie sah Keanu an; die gerade eben geteilte Leidenschaft war verschwunden und sie sassen am Frühstückstisch als ob nichts geschehen war. Was genau passierte hier mit beiden? War es gegenseitige Anziehung, die die beiden zusammen führte? Oder gar Schicksal oder nur pure Sympathie? War es einfach ein erotisches Abenteuer, dass sie beide genossen? Und wie dachte Keanu darüber? Suchte er nur eine kurze Abwechslung, so wie sie selbst? Sie hatten nicht darüber gesprochen, aber jetzt war der Augenblick dazu da, um ganz klare Verhältnisse zu schaffen.
Und als ob Keanu dieselben Gedanken beschäftigte, fing er als erster an:
„Hör mal Leila – „
Leila horchte auf und sah ihn an. Ich finde Dich enorm attraktiv und überaus anziehend…“
Leila lächelte – ihr ging es schliesslich genauso und sie nickte mit dem Kopf als Keanu weiter fuhr:
„Das, was da gestern und heute zwischen uns passiert ist…“
Leila nickte und legte das Messer beiseite. Sie war sich zwar nicht sicher, ob er genauso über die nicht-wirkliche-Beziehung zwischen ihnen dachte, aber sie merkte, dass ihm die Worte nicht leicht fielen. Wer weiss, vielleicht war er gar nicht der Typ für one-night-stands, obschon… und Leila musste unweigerlich schmunzeln; die frischen Bilder vom Erlebten vor ihrem geistigen Auge abspielend. Ja, das war wirklich heiss und schlussendlich war das Erlebnis auch komplett neu für sie; noch nie hatte sie sich zu jemand so extrem hingezogen gefühlt und dann noch zu diesem ausserordentlich gut aussehenden und charmanten Mann…
Leila verwarf den Gedanken umgehend, denn er konnte einer Frau wirklich alles bieten, jedenfalls, so wie sie es in dieser Zeit erlebte und das war für ihre Verhältnisse schon sensationell und vielleicht sogar auch einmalig. Womit sie eigentlich auch rechnete. Und mit fester Stimme antwortete Leila:
„Falls Du möchtest, dass ich gehe, dann ist das kein Problem…“
Und sie schaute ihm geradewegs in die Augen. Keanu überlegte einen Moment – Leila war wirklich direkt, doch das, was sie gerade sagte, war genau genommen nicht gerade das, was er eigentlich wollte und er schüttelte verneinend den Kopf.
„Nein, Leila, das brauchst Du nicht…. Ich meine – hm – ich finde…“
Leila sah ihn nun lächelnd an:
„Was findest Du?“
sie hasste es, wenn jemand um den heissen Brei herum redete. Sie war eher für die direkte, wenn auch oft nicht gerade feinfühlige Art; da hatte sie auch schon genügend Erfahrungen hinter sich und jetzt war sie neugierig, was Keanu ihr sagen wollte. Es gab nur zwei Möglichkeiten und eine davon schien schon geklärt zu sein.
Keanu wurde nun etwas verlegen und sah sie jetzt mit einem festen Blick an. Leila erkannte, dass es ihm wirklich ernst war. Hastig schluckte sie den Bissen herunter und nahm einen Schluck Kaffee. Keanu liess sie nicht einen Augenblick aus den Augen;
„Ich habe zurzeit sehr viel um die Ohren…“
Sein Blick wurde nun sehr eindringlich und Leila sah ihn genauso an.
„Ich verstehe. Ich meine, Dein Beruf steht alle weil im Vordergrund, das ist klar. Also mach´ Dir meinetwegen keine Gedanken…. Ich komme schon damit klar…“
fügte sie hinzu und Keanu sah sie erstaunt an. So viel Verständnis hatte ihm bis anhin kaum jemand entgegengebracht und offenbar hatten auch sie hier die gleiche Wellenlänge. Er atmete erleichtert auf. Aber würde Leila wirklich verstehen, dass er zurzeit kein Interesse an einer festeren Beziehung hatte?
„Ich wollte damit sagen, dass wir das hier zwischen uns…“ -
er machte eine Handbewegung und deute auf Leila und dann auf ihn selbst -
„auf dieser Basis belassen wollen…“
Leila sah ihn mit einem ebenso undurchdringlichen Blick an – eigentlich hatte sie überhaupt nichts von ihm erwartet und so wie es aussah, würde sie in einigen Tagen sowieso weiterziehen und daher war es ihr genauso recht, dass sie die kurze Zeit miteinander auf eben dieser erotischen Ebene geniessen sollten.
„Ja, klar doch – keine Verpflichtungen, keine Gefühle – einfach nur geniessen…“
Sie sprach ihm aus dem Herzen – und Keanu war erleichtert, dass sie die Sache ebenfalls so sah. Er nickte.
„Dann wäre ja alles geklärt – ich hoffe, Du verstehst mich…“
Sein Blick war nach wie vor undurchdringlich und fest und Leila bestätigte seine Worte.
„Ja, natürlich – das ist für mich auch okay… „
sie überlegte einen Moment, sah ihm geradewegs in die Augen und grinste:
„Und übrigens - ich finde Dich auch absolut heiss… Einfach, dass Du das auch weißt…“
So, damit war die Sache geklärt und Leila fragte nach einem weiteren Croissant, das Keanu ihr selbstverständlich - und leicht verlegen reichte.
Insgeheim bewunderte er Leila; noch nie hatte er eine so unkomplizierte Persönlichkeit kennen gelernt und er war froh, dass Leila so war.

Kapitel 8

Die beiden frühstückten noch fertig, sprachen über dies und jenes und später entschuldigte sich Keanu. Er hatte noch viel zu tun; die neuen Dreharbeiten würden bald beginnen und er musste sich mit dem Drehbuch auseinander setzten. Ausserdem er hatte noch einige wichtige Termine die ihn unter anderen am Nachmittag in die Stadt führen würden.
Er liess Leila wissen, dass sie nach wie vor so lange hier bleiben mochte, wie sie wollte und sie dankte ihm dafür. Leila ihrerseits gab Keanu aber auch ganz klar zu verstehen, dass sie ihm auf keinen Fall länger als nötig im Weg sein wollte worauf er sein herzbrecherisches Grinsen auflegte und meinte:
„Du bist mir nicht im Weg. Und ausserdem finde ich Deine Anwesenheit eher - erfrischend….“
Sein schelmischer Blick verriet worauf er anspielte und Leila grinste.
„Ja, genau - erfrischend. Das sehe ich auch so…“
damit wendete sie sich von ihm ab und begann den Tisch abzuräumen und in der Küche Ordnung zu machen. Sie war froh, dass sie die Diskussion geführt hatten; nun war wirklich alles zwischen ihnen geklärt und Leila überlegte sich, was sie heute anstellen sollte. Im Haus bleiben wollte sie nicht und ausserdem würde Keanu später in die Stadt fahren. Wenn er nichts dagegen haben sollte, würde sie gerne mit ihm fahren und auf dem Postamt nachfragen, ob ihre Unterlagen schon da wären. Keanu war einverstanden und nachdem Leila ihren Vater angerufen hatte um die Adresse ausfindig zu machen, fuhren sie mit seinem Porsche nach Sunset Boulevard, wo Keanu Leila absetzte. Er vergewisserte sich, dass sie seine Adresse dabei hatte, da er nicht wusste, wie lange er selbst in der Stadt sein würde um Leila wieder abholen zu können. Doch Leila winkte ab; das war sehr grosszügig von ihm doch sie würde mit den öffentlichen Transportmitteln wieder nach West Hollywood finden und ansonsten war sie ja gut zu Fuss. Keanu war überzeugt davon und verabschiedete sich winkend von Leila.

Leila verbrachte relativ lange im Postamt; das Aushändigen der Papiere gestaltete sich komplizierter als angenommen; nicht zuletzt weil das Personal anscheinend mit fremdländischen Papieren und Dokumenten überfordert war… Einen internationalen Führerausweis als Ausweis? Nein, damit kamen sie nicht klar und als Leila ihren roten Pass zeigte, wusste sowieso niemand, wo die Schweiz lag. Ausserdem musste nach den geschickten Papieren gesucht werden und schlussendlich, nach fast einer geschlagenen Stunde hielt Leila endlich ihre neuen Unterlagen sowie einen Cheque in der Hand. Umgehend ging sie auf die nächste Bank und liess sich ein Konto eröffnen und gleich auch Bargeld ausbezahlen. Sie schuldete Keanu noch ein Essen und somit hatte sie alles, was sie benötigte, um einkaufen zu gehen. Schliesslich hatte sie Zeit und die nahm sich Leila auch, bummelte durch den Rodeo Drive, sah sich in den teuren Läden um, kaufte sich ein paar neue Schuhe und ging schlussendlich im Saveways einkaufen. Sie wollte Keanu überraschen und als sie endlich nach einer ereignisreichen und aufregenden Busfahrt in Nord Hollywood ankam und sich langsam mit dem Rucksack voll bepackt die Strasse zu seinem Haus hoch trappelte, hörte sie von weitem das bekannte Geräusch von seinem Porsche. Sie blieb am Strassenrand stehen und sah sich um. Tatsächlich war es Keanu, der langsam durchs Quartier fuhr und als er Leila sah, hielt er an und liess sie grinsend einsteigen.
„Na, alles erledigt?“ fragte er und liess den Motor aufheulen.
Leila nickte und rekelte sich auf dem Sitz, den Rucksack auf den Knien und hielt ihn fest umschlungen, damit er nicht hinunter fiel.
„Ja, alles okay“ somit fuhren sie nach Hause und nachdem sie sich über das Abendessen abgesprochen hatten, zog sich Keanu wieder zurück und ging auf die Terrasse. Dort ging er zum Geländer hin, von wo man einen atemberaubenden Ausblick auf die Millionenstadt geniessen konnte. Leila beobachtete Keanu aus der Küche; irgendetwas beschäftige diesen Mann ganz offensichtlich, und nach dem Gespräch von heute morgen konnte es nichts mit ihr zu tun haben. Da war sie sich sicher. Leila stellte die köchelnden Pfannen auf die Seite, deckte den Tisch fertig, ging zum Kühlschrank und holte zwei Flaschen Bier heraus. Dann ging sie zu Keanu und stellte sich schweigend neben ihn und folgte seinen Augen.
Die Stadt war inzwischen in ein sanftes Abendrot getaucht und hinterliess einen wunderbaren Eindruck. Keanu stand noch immer am Geländer, hatte beide Hände darauf abgestützt und war offensichtlich so tief in Gedanken versunken, dass er Leila erst gar nicht bemerkte. Sie stand noch immer schweigend neben ihm und als er endlich ihre Gegenwart wahrnahm, konnte sie an seinem Gesichtsausdruck erkennen, das etwas gar nicht in Ordnung war. Sie reichte Keanu eine Flasche Bud die er danken annahm und mit ihr anstiess.
„Möchtest Du darüber reden?“ fragte Leila vorsichtig und Keanu sah sie verwundert an. Leila lächelte aufmunternd, doch sein Blick blieb unverändert. Er schüttelte nur den Kopf, doch Leila bohrte weiter.
„Es geht mich ja nichts an – aber hat es irgendetwas mit Deinem Besuch auf der Policestation zu tun?“
Wieder sah er sie verwundert an. Woher um Himmels willen wusste sie, was ihn beschäftigte? Ja, das war tatsächlich auch ein Teil davon. Aber mehr beschäftigte ihn die Tatsache, dass er in ein paar Wochen vor Gericht erscheinen und beweisen sollte, dass er keinesfalls Schuld an der vermeintlichen Arbeitsunfähigkeit eines Paparazzis war, der sich beim Fotografieren vor seinem Porsche verletzt hatte.
Keanu schaute Leila an und antwortete:
„Das ist eine lang Geschichte…“
und Leila gab zurück:
„Ich habe Zeit.“
Doch Keanu wich aus.
“Vielleicht ein anderes Mal. Und ja, es hat mit der Policestation zu tun….“
Er sah sie an und im nächsten Augenblick war ihm auch klar, dass er Leila niemals getroffen hätte, wäre da nicht eben genau dieser Zwischenfall gewesen.
Er legte seinen Arm freundschaftlich um Leila´s Schulter und sah sie an:
„Hattest Du nicht was von Essen gesagt?“
diesmal grinste er und Leila lächelte zurück.
„Ja, ich hoffe, du magst ein „fast-echtes“ Schweizer Gericht…“
Wieder grinste sie – der Gedanke über ihr gerade absolviertes Shopping Erlebnis hinterliess einiges Kopfschütteln bei Leila; wie kam es, dass die Staaten als Land der unbegrenzten Möglichkeit bezeichnet wird aber echte Schweizer Brätkügeli bekam man nicht, geschweige denn Fleischkäse oder sogar Kalbsbratwurst?? Sie wollte Keanu doch etwas ganz typisches kochen, scheiterte im Lebensmittelgeschäft allerdings an den Zutaten. Also machte sie kurzerhand eine Menueänderung, kaufte Kalbfleisch, Champignons, Rahm und Nudeln, dazu gemischten Salat und sie fand sogar Original Thommy Senf und Mayo für die Salatsauce. Also auch was sehr Originelles und sie hoffte, dass er ihr Gericht mochte….

Und Keanu mochte es – staunte über Leila´s Kochkünste und noch mehr, dass sie die Salatsauce selber zubereitete. Höchst selten kam er in den Genuss von Hausmanns Kost und schon gar nicht von „Salatsauce nach Grossmutters Art“, wie Leila beschrieb….
Er holte sogar einen ganz teuren Wein aus dem Keller und sie genossen den Abend bei Kerzenlicht und einer enorm grossen Portion an Zürich Geschnetzeltem mit allem drum und dran, unterhielten sich und als es schon spät war, räumten sie zusammen die Küche auf und gingen schlafen.

Die kommenden Tage vergingen wie im Fluge; Keanu war praktisch den ganzen Tag aus dem Haus und kam meistens erst spät abends wieder nach Hause. Meistens überraschte ihn Leila mit einem guten Essen, hatte etwas warm gestellt oder wartete sonst auf ihn. Und wenn er wirklich sehr spät heim kehrte und sie schon schlief, legte er sich zu ihr, nahm sie in den Arm und begann sie zu liebkosen, bis sie wach war und sie einander wieder von neuem verfielen… Keanu und Leila konnten sich nicht erklären, was es war, dass sie einander so begehrten; war es purer Sex oder steckte mehr dahinter??

Leila war schon die zweite Woche bei Keanu; irgendwie hatten sie einen gewissen Rhythmus gefunden und so wie es schien, genoss Keanu ihre Anwesenheit und liess sich gerne auf alle Arten verwöhnen. Es geschah nicht oft, dass er sich von seiner Arbeit ablenken liess doch inzwischen ertappte er sich immer wieder, dass er entweder die Bücher auf die Seite legte um über Leila nach zudenken, oder er befand sich auf dem Weg zur Arbeit und die Bilder dieser sagenhaften Frau tauchten unweigerlich auf. Sie gefiel ihm, nicht nur körperlich, nein, auch intellektuell passten sie gut zueinander. Und Leila war feinfühlig und beherzt, auch wenn sie es nicht zeigen konnte…. Genauso wie er selbst eben….

Eines Morgens erwachte Leila und merkte, wie sie in ein Fahrwasser geriet, das sie unbedingt verhindern sollte. Ihr Blick schweifte auf die leere Bettseite – und - sie stellte fest, dass sie Keanu vermisste. Eilig stand sie auf, ging ins Bad und betrachtete sich im Spiegel:
„Leila, was tust Du hier eigentlich? Wo sind all Deine Pläne geblieben? Du wolltest Dir doch das Land ansehen, die Küste bereisen und die Nationalparks besuchen!“
Kopfschüttelnd sah sie sich an – bis jetzt hatte sie es noch nicht mal ans Meer geschafft, obwohl sie schon seit bald drei Wochen in den Staaten war. Und was erhoffte sie sich hier, in diesen vier Wänden bei diesem ihr längst ans Herz gewachsenen Mann?? Sie hatten klare Verhältnisse geschaffen und nie mehr darüber gesprochen; auch wenn sie noch immer Bett und Tisch miteinander teilten, so sollte es auch nur dabei bleiben. Und Keanu wusste, dass der Tag kommen würde, wo sie ihre Sachen packen und wieder wegfahren sollte… Leila nahm erst mal eine Dusche und danach würde sie ich entscheiden, was sie machen sollte….

Keanu hatte einen harten Tag hinter sich und freute sich auf einen ruhigen Abend. Heute sollte er früher als sonst zu Hause sein und da wäre genug Zeit, um mit Leila mal auswärts Essen zu gehen. Das schuldete er ihr einfach; seit sie hier war, hatte sie sich immer Zeit für ihn genommen, gekocht, geputzt, sogar seine Wäsche gemacht – sie war einfach da. Niemals aufdringlich, sondern wirkte im Hintergrund und er schätzte ihr erfrischende Art. Sie konnte ihn im Handumdrehen auf andere Gedanken bringen, wenn ihn etwas zu sehr beschäftige und vor allem verstand sie ihn, liess ihn in Ruhe wenn er müde und ausgelaugt von der Arbeit kam oder hörte ihm geduldig zu, wenn er sich mal wieder über die Fotografen aufregte, die ihn am Filmset oder gar hier in der Strasse auflauerten….

Als er seinen Porsche in die Garage fuhr, überkam ihn ein eigenartiges Gefühl und hastig ging er ins Haus. Schon als er den Flur betrat, kam ihm der Duft nach Abendessen entgegen, und als er in die Küche kam, stand Leila am Herd und rührte in einer Pfanne. Wie so oft trug sie den grauen Trainer, weisse Socken und die langen Haare waren offen. Keanu begrüsste sie kurz, legte seinen Arm freundschaftlich um ihre Schulter und streckte seine Nase über die Pfanne.
„Hm, das riecht gut…“
schmunzelte er und mit einem Grinsen sah er in Leilas Gesicht. Also würde er seinen Plan mit auswärts Essen gehen heute nicht durchführen können…
„Hattest Du einen schönen Tag?“ fragte er, doch ihr Gesichtsausdruck war unverändert und er erkannte, dass sie etwas beschäftigte. Sie sah ihn kurz and und rührte unbeirrt in der Pfanne.
„Wie war Dein Tag?“ versuchte sie seinem fragenden Blick auszuweichen.
Keanu nahm seinen Arm von Leila´s Schulter und sah sie mit eindringlichem Blick an, doch nichts kam.
„Was ist los, Leila?“ offensichtlich begann er sich Sorgen zu machen und währenddem sie die Sauce in ein Geschirr abfüllte und in den vor geheizten Ofen stellte, antwortete sie:
„Wir müssen reden…“
und diesmal wanderte ihr Blick direkt in sein Gesicht. Sie erkannte, dass er einen harten Tag hatte und jetzt verzog sich seine Gesichtsmuskulatur zur völligen Anspannung. Mit seinen Augen versuchte er zu erkennen, was Leila beschäftigte, doch sie wich ihm erneut aus.
„Nicht jetzt, später – beim Essen…“
erwiderte sie und Keanu wusste, sie würde sich jetzt nicht in ein Gespräch verwickeln lassen. Diesbezüglich war sie genau wie er – sie brauchte den richtigen Augenblick dazu und später würden sie Zeit genug haben, Leila´s Anliegen zu diskutieren…

Keanu ging ins Schlafzimmer und zog sich ebenfalls bequemere Kleidung an. Und als er wieder ins Esszimmer trat, war der Tisch fertig gedeckt und in der Mitte standen auf Wärmeplatten bereitgestellt Nudeln, Champignonsauce, ein aufgeschnittenes Schweinefilet und dazu bunt gemischter Salat der mit Orangenfilets garniert war. Leila hatte eine Flasche Chateaux-Neuf-Du-Pappe gekauft der nun frisch dekantiert neben dem Essen stand. Die beiden Weingläser waren zu ¼ eingefüllt und am anderen Tischende brannte eine einzelne Kerze.

Als Leila Keanu kommen hörte, nahm sie die gewärmten Teller aus dem Backofen und stellte sie auf den Tisch. Keanu kam herein und sah das Festmahl. Wieder schaute er sie fragend an, doch Leila bat ihn wortlos zu Tisch und begann zu schöpfen, ohne ihn gross anzusehen.
Keanu sah ihr einige Minuten zu. Was war los? Hatte er etwas verpasst? Gab es gar etwas zu feiern? Was war der Grund für dieses ausserordentliche Gericht? Um die Stimmung zu heben, stand Keanu nochmals auf, ging zum CD Wechsler, legte ein paar Musikstücke rein und liess eine alte Version von Michael Bolton laufen. Dann ging er wieder zurück zum Tisch und griff zu Messer und Gabel, nachdem Leila fertig geschöpft hatte und nun auf ihn wartete.
Wieder fing er ein Gespräch an, das eher auf Small Talk basierte, bis Leila endlich aus sich heraus kam und mit ruhigen Worten erklärte:
„Keanu, das Zusammensein mit Dir hier war sehr schön und ich danke Dir für alles was Du für mich getan hast.“
Keanu schaute Leila mit grossen Augen an und er rekapitulierte ihre Worte. Besonders das eine Wort - war - blieb ihm im Hals stecken und mit grossen Augen sah er sie an.
„Du willst Deine Reise fortsetzten?“
fragte er vorsichtig und sah Leila eindringlich an. Leila nickte, und diesmal war er es, der keine Regung in ihrem Gesicht feststellen konnte.
„Weißt Du, ich hatte so viele Pläne als ich in die Staaten flog – und – bitte versteh mich jetzt nicht falsch, dass ich Dich kennen gelernt habe ist eine wahre Bereicherung in meinem Leben…. „
Leila machte eine kurze Pause und fuhr mit einem ernsten Ton fort:
„ich habe noch nicht viel von all dem gesehen, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte….“
Keanu nickte, da hatte sie Recht. Eigentlich hätte er sich mehr Zeit für Leila nehmen sollen, mit ihr mal ans Meer oder in die Berge fahren sollten….
„Wann wirst Du abreisen?“
er tat, als würde ihn die Sache nicht zu sehr beschäftigten und nahm einen grossen Schluck Wein. Leila legte das Besteck auf die Seite – der Appetit war ihr genauso vergangen – und griff ebenfalls zum Glas.
„Ich habe schon gepackt und reise morgen ab“
erwiderte sie, ebenfalls ohne eine Mine zu verziehen. Wie sollte sie ihm sagen, dass sie jetzt gehen musste, bevor die Dinge kompliziert werden würden? Sie sah Keanu an und mit ruhigen Worten entgegnete er:
„Morgen?“
sein Gesichtsausdruck war unverändert, doch Leila kannte ihn inzwischen. Seine Gehirnzellen arbeiteten auf Hochtouren aber mit Sicherheit würde er sie nicht weiter nach ihren Plänen fragen.
„Ja. Gleich morgen früh. Ich möchte durch die Stadt Richtung Norden, dem Meer entlang auf der 101… „
Leila sah die Bilder vor sich, die sie aus den Büchern kannte und kam langsam ins Schwärmen;
„das soll ja die absolute Traumstrasse sein….“
Keanu nickte, er kannte die Strecke nur zu gut und begann, von den verschiedenen Aussichtspunkten zu erzählen. Damit wurde die ganze Atmosphäre wieder lockerer; beide hatten sich ausgesprochen und als sie zusammen den Tisch abräumten und die Küche in Ordnung brachten, setzten sie sich später nochmals ins Wohnzimmer, Keanu machte den Kamin an und sie tranken die Flasche Wein. Es war ein letzter, gemeinsamer, gemütlicher, angenehmer, und langer Abend, den die beiden noch einmal zusammen verbrachten….

Kapitel 9

Keanu war noch im Bad, als Leila aufstand, ihre letzten Sachen in ihr Auto packte, wieder in die Küche ging wo sie frischen Kaffee zubereitete und danach selbst noch unter die Dusche hüpfte. Als sie fertig war ging sie wieder in die Küche und sah Keanu auf der Terrasse. Wie so oft lehnte er am Geländer uns ein Blick war auf die Stadt gerichtet. Leila liess beiden eine Tasse Kaffee aus dem Automaten, gab Milch und Zucker dazu und ging zu ihm.
Als er Leila hörte, drehte er sich zu ihr und lächelte sie an. Mit einem Blick auf die Tassen nickte er:
„Das ist genau das, was ich jetzt brauchen kann“ sah Leila in die Augen und nahm die Tasse, die sie ihm, ebenfalls lächelnd, entgegen streckte.
Sie setzten sich auf die Couch und Keanu sah Leila mit einem Blick an, dass Leila nicht schlau wurde. Wie so oft waren seine Gesten unerklärlich, tiefgründig aber auch mystisch, und so ganz schlau wurde sie nicht aus ihm.
„Wie weit wirst Du heute fahren?“ fragte er und Leila verdrehte die Augen. Darüber hatte sie sich nicht so grosse Gedanken gemacht. Sie war eher der spontane Typ.
„Keine Ahnung. Zuerst mal ans Meer, dann weiter Richtung Norden. Ich fahre mal soweit ich mag und bleibe dort wo es mir gefällt…“
Keanu nickte – er war überzeugt, dass sie das tun würde. Leila war so selbstständig, hatte noch nie grosse Bedenken, alleine herum zu Reisen und sie würde ihren Weg schon machen.
„Ich hoffe, dass Du Deine Träume erfüllen kannst“
sagte er und sie wusste, dass er das wirklich auch so meinte. Sie trank ihre Tasse leer und stand auf. Keanu beobachtete sie und folgte ihr in die Küche wo sie die Tasse in den Geschirrwaschmaschine stellte und sich dann zu ihm umdrehte.
„Keanu, ich danke Dir für alles. Was Du für mich getan hast, ist nicht selbstverständlich und ich werde das nicht vergessen…“
Keanu griff nach ihrer Hand, zog sie zu sich und legte den einen Arm um ihren Rücken und sah sie lange an.
„Nein, Leila, ich danke Dir“
seine Augen ruhten in ihren, die langsam die Farbe und vor allem die Konsistenz änderten und mit einer Hand wischte sie sich eine Träne weg.
„Ich hasse Abschiede“
meinte sie ziemlich harsch und löste sich aus seiner Umarmung und drehte sich Richtung Türe.
Keanu begleitete sie und als sie die Türe öffnete, griff er erneut nach ihrer Hand und sagte:
„Leila, ich wünsche Dir eine gute Reise und – „
Sie sah ihn erwartungsvoll an, doch Keanu fuhr fort:
„Solltest Du Hilfe benötigen – ich bin jederzeit da für Dich“.
Seine Worte waren eindringlich und Leila nickte.
„Danke. Das ist schön von Dir. Ich wünsche Dir auch alles Gute. Und nochmals danke für alles!“
Damit hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange, drehte mit gesenktem Blick von ihm ab, öffnete die Haustüre und entschwand in ihr Auto, das sie vor dem Haus parkiert hatte.
Als sie eingestiegen war und den Motor startete, sah sie im Rückspiegel, dass Keanu auf dem Gehsteig stand und ihr so lange winkte, bis sie aus seinem Blickfeld entschwunden war. Und sie sah noch etwas ganz anderes; wieder war sein Gesichtausdruck zu einer unergründlichen Maske geworden, und wieder wusste sie nicht, war er froh über ihre Abreise oder hätte er vielleicht auch etwas Wehmut gefühlt?

Mit gemischten Gefühlen fuhr sie seine Strasse entlang und schon bald fuhr sie Richtung Malibu auf der 101 Richtung Norden. Ihre Gedanken schweiften zurück an die letzten paar Wochen; was sie alles erlebt hatte, wie sie sich mit Keanu tagtäglich besser verstand und vor allem was sie mit ihm erlebt hatte. Eigentlich war sie überzeugt, dass nie echte Gefühle aufgekommen waren - weder von ihrer noch von Keanu´s Seite. Alles schien auf einer lockeren, augenblicklichen Laune heraus passiert zu sein. Und doch – der Abschied fiel Leila enorm schwer aber sie musste sich einmal mehr eingestehen, dass es für sie besser so war.

Leila war schon die zweite Woche unterwegs, irgendwo zwischen LA und San Francisco, hatte jene Abstecher in die Berge gemacht, Parks besucht, meistens in ihrem Auto übernachtet, oder schlief in einer der Bungalows wenn sie sich wieder frisch machen wollte. Einen längeren Aufenthalt machte sie an der Byron Bay, wo sei einen Campingplatz fand, der direkt am Meer lag. Dort blieb sie ebenfalls ein paar Tage, obwohl die Ortschaft eigentlich nicht viel bot. Doch der Aufenthalt am Wasser gefiel ihr und sie sass oft schon am Morgen im Sand und liess die Salzluft durch ihr Haar wehen, machte lange Spaziergänge oder lag den ganzen Tag am Strand. Auch in Monterrey blieb sie länger als geplant; der direkte Zugang zum Sandstrand faszinierte sie einmal mehr und auch der 17-Mile-Drive liess keine Wünsche offen. Das Wetter war bis anhin warm und sonnig, nur einige Tage begleitete der Nebel als sie am Big Sur entlang fuhr. Aber anscheinend war dies nichts Aussergewöhnliches, das kannte sie aus den Bildern und Büchern und als sie schlussendlich südlich von San Francisco ankam und sich in einer Ortschaft namens Danville eine Bleibe suchte, konnte sie bereits auf ein paar ereignisreiche Wochen zurück blicken.

Leila fehlte es die ganze Zeit eigentlich an nichts; bloss die anfänglich einsamen Nächte liessen ihre Gedanken manchmal nach LA zurück schweifen. Dort war sie nicht alleine und sie überlegte sich oft, was Keanu wohl jetzt gerade tun würde; aber schlussendlich musste sie sich wieder einmal mehr an der Nase nehmen und eingestehen, dass sich die Begegnung mit ihm wohl um ein einmaliges aber tragendes Ereignis gehandelt hatte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht als sie sich von ihm verabschiedete war verschlossen und sie hatte schon lange aufgegeben, seine Unergründlichkeit zu analysieren….

Leila hatte gerade die Karte studiert und war auf einen Aussichtspunkt unterwegs, der einem einen sagenhaften Ausblick auf Frisco bieten sollte, als ihr Handy klingelte. Gerade am Tag zuvor hatte sie zu Hause angerufen und einen kurzen Lagebericht durchgegeben; die Affäre mit Keanu hatte sie verschwiegen. Ihr Vater wäre wahrscheinlich aus allen Wolken gefallen und so befand es Leila besser, dass ihre Familie und besonders er nichts davon wusste. Aber Leila musste die Sache mit dem Bankkonto nochmals klären; wenn sie die Reise so beenden wollte, wie sie das ursprünglich geplant hatte, brauchte sie mehr Geld und sie hatte mit ihrer Mutter über einen weiteren Vorschuss gesprochen. Geistesgegenwärtig nahm sie das Handy von ihrem Sitz – und ohne gross aufs Display zu schauen, antwortete sie nur kurz;
„Mutti, ich ruf gleich zurück. Ich bin im Auto!“, beendete den Anruf ohne aufs Display zu schauen und legte das Handy auf den Beifahrersitz.
Leila hatte den Eingang zum Mount Diabolo State Park bereits passiert und suchte nach einem geeigneten Parkplatz. Sie fuhr noch ein Stück weiter bis sie ganz oben auf dem Hügel angelangt war und tatsächlich; der Ausblick, der sich ihr hier bot war atemberaubend! Selten sah man die Umrisse der Stadt in so klarem Wetter; der Himmel war blau, die Sonne schien und man konnte sogar die Golden Gate Bridge vom Aussichtspunkt aus sehen! Für einen Augenblick verharrte Leila in ihrem Auto, stieg dann aus, lehnte sich an die Kühlerhaube und genoss den Augenblick. Noch selten war sie von der Landschaft so sehr berührt wie in diesem Moment. Schon viel hatte sie von der Stadt gehört und sie war richtig gespannt auf die Flower Power Stadt und in Gedanken hörte sie das altbekannte Lied „If you´re going to San Francisco, please be sure to wear some flowers in your hair….“. Ein frischer Wind unterbrach ihre Träumereinen und hastig griff sie nach ihrem Handy, das sie noch immer in der Hand hielt. Mit einem Blick auf´s Display stellte sie fest, dass nicht ihre Mutter angerufen hatte und mit grossen Augen sah sie auf die Nummer….

Kapitel 10

Ohne gross nachzudenken, drückte sie die Rückanruftaste und war schon Sekunden darauf mit dem Anrufer verbunden.
„Hallo Keanu!“
Leila konnte sich nicht entscheiden, was in diesem Augenblick ihre überaus fröhliche Stimmung ausmachte; die grossartige Aussicht auf diese wunderbare Stadt, die Brücken, das Meer, oder die Tatsache, dass Keanu sie versuchte zu nach so langer Zeit zu erreichen… Aber es schien, als ob sich ihre Fröhlichkeit anstecken liess…
„Hallo, Leila!“
Erklang es genauso heiter und Leila musste schmunzeln. Der Wind blies in ihre Haare und mit einer Hand hielt sie sich ein Ohr zu, damit sie die Keanu´s Worte besser verstehen konnte.
„Ich hoffe, Du hast nichts dagegen, wenn ich nicht Deine Mutter bin?“
Leila konnte Keanu´s Grinsen geradezu spüren und lachend entschuldigte sie sich. Sie war gelöst, erheitert, fühlte sich rundum wohl und als Keanu Leila vorsichtig fragte wie es ihr erginge, konnte er ganz gut im Hintergrund vernehmen, dass sie sich unmöglich in einem geschlossenen Raum befand.
Leila begann zu erzählen, wo sie überall war, was sie alles gesehen hatte und vor allem, wie hingerissen sie von Kalifornien war.
Keanu hörte gespannt zu; er kannte viele der Sehenswürdigkeiten die Leila ihm beschrieb und in Gedanken konnte er sich ganz gut vorstellen, was sie dabei empfand.
Das Gespräch verlief richtiggehend locker, so wie sich eben gute Freunde unterhalten und als sie beide auflegten, da hatten sie vereinbart, das sie sich gegenseitig wieder melden würden.

Wieder vergingen Tage, Wochen und Monate und Leila verbrachte die erste Zeit in und um San Francisco, machte Ausflüge nach Sausolito, besuchte Nationalparks, war in Oakland und Alameda wo sie sich unter anderem eine Ausstellung auf dem Kriegsschiff der USS Hornett ansah. Als sie Keanu ein paar Tage später davon erzählte, erfuhr sie von ihm, dass damals auf dem Navygelände eine riesige Autobahnstrecke künstlich erschaffen wurde, wo Dreharbeiten zu Matrix stattgefunden hatten. Sie konnte sich kein Ausmass davon machen, doch Keanu hatte das Flair, dass er alles ganz genau bis ins Detail erzählen konnte, so dass sie schlussendlich ein gutes Bild vom Drehort bekam.

Danach reiste noch immer weiter Richtung Norden, entweder der Küste entlang bis sie schlussendlich in Seattle angekommen war. Auch dort verbrachte sie einige Wochen und um ihre Finanzen nicht voll auszuschöpfen, machte sie hier und dort mal Gelegenheitsjobs, ging für ältere Leute einkaufen oder auch mal Häuser putzen. Dann reiste wieder weiter und steckte sich ein neues Ziel. Und der Kontakt zwischen Keanu und ihr blieb bestehen. Anfangs hatten sich wöchentliche Anrufe eingependelt, später wurden sie immer rarer, doch wenn sie sich auch erst Wochen später wieder unterhielten, waren die Gespräche immer herzlich und offen, jeder hörte dem andern gerne zu und es entstand eine wirklich gute Freundschaft zwischen Leila und Keanu.

Die Zeit verging wie im Fluge und Leila hätte schon ein Buch über ihre Erlebnisse schreiben können: sie besuchte die bekannten Nationalparks, traf einheimische Ranger die Volunteerarbeit im Park machten, sie hatte in den Redwoods übernachtet, liess 10.- Dollar in einem der Kasinos in Reno oder gar Las Vegas liegen, durchquerte den ganzen Staat Oregon, besuchte das Visitor Center in Mt. St. Helens, war angetan von Mt. Rainer und landete schlussendlich in Seattle.
Dort besuchte sie u.a. das Aquarium, den Zoo, sah zum ersten Male richtig grosse Braunbären, erklimmte den obligaten Turm aus „When Harry met Sally“ und genoss bei einem guten Fischessen den Sonnenuntergang über der Bucht.

Irgendwann kam der Punkt, wo sie genug von der Reiserei hatte, genug vom Schlafen im Auto, genug von der Feldküche und genug von der Einsamkeit. Okay, sie hatte auf der Durchreise viele Leute kennen gelernt, musste aber je länger je mehr feststellen, dass vor allem das junge Volk sehr oberflächlich war. Wie oft hatte sie erlebt, dass vor allem die jungen Leute nur auf Spass aus waren, den Ernst des Lebens noch gar nie richtig erfahren hatten und sich auch nicht darum kümmerten. Alles schien kein Problem zu sein und wenn sie mal eine richtig ernsthafte Diskussion begann, musste sie auch diesbezüglich feststellen, dass sie mit ihrem Wissen und ihre Intelligenz oft alleine da stand… Leila ging dies mit der Zeit ganz schön auf die nerven und sie wollte eigentlich nur noch eines: nach Hause und wieder festen Boden unter den Füssen haben, eine Aufgabe erledigen, einem Job nachgehen wo regelmässiges Einkommen gesichert war und – sie wollte nicht mehr alleine sein.

Es war zur selben Zeit, als sich der Weingegend um Livermore Valley befand, als sie eben dieses besagte Heimweh packte. Es sollte einer ihr letzter Zwischenstopp sein, bevor sie wieder nach LA zurück fuhr. Sie sah sich im Weingut um, suchte sich dann eine Schlafstätte und fuhr am nächsten Morgen wieder weiter, diesmal im Landesinnern, besuchte den Yosemite Nationalpark, sah Bären in freier Wildnis und sonstiges einheimische Tiere die sie nur im Zoo gesehen hatte. Und sie war froh, langsam wieder in die Städte und zur richtigen Zivilisation zu kommen. Und als sie abends müde und erschöpf in ihrem Auto lag und seit langem wieder einmal mit Keanu telefonierte, da erfuhr sie, dass er inzwischen seine Projekte abgeschlossen hatte und sich nun mehr seinen Hobbies wie Motorradfahren widmen würde. Aber sie sollte sich auf jeden Fall melden, wenn sie wieder in der Umgebung von LA sein würde, da bestand er darauf und Leila versprach, dass sie dies auch bestimmt tun würde.

Kapitel 11

Ein paar Tage später fuhr Leila schon wieder auf dem Malibu Highway Richtung Stadt. Sie machte am Strand halt und sah sich den Malibu Pier an, genehmigte sich ein Eis und rief danach auf Keanu´s Handy an. Kurz darauf hatte sie ihn schon in der Leitung und als sie ihn fragte, ob er Zeit hätte, meinte er nur kurz:
„Ich wollte gerade eine Tour machen,,“
„Tour? Mit einer Deiner Maschinen? “
„Ja genau, mit meiner ganz alten Maschine – die braucht dringend Bewegung…“
Leila lachte –
„und wo wolltest Du hin?“
„Eigentlich habe ich keine grossen Pläne. Ich fahre oft einfach drauf los…“
Keanu machte eine kurze Pause und überlegte: „hast Du schon gegessen?“
„Nein, nicht wirklich. Bloss ein Eis….“
antwortete Leila und mit einem Blick auf ihre Uhr stellte sie fest, dass es bereits später Nachmittag war und sie wirklich noch nicht viel gegessen hatte heute. Gleichzeitig meldete sich ihre innere Alarmglocke – wie oft schon war sie unterwegs, sosehr mit Landschaft und Sehenswürdigkeiten beschäftigt, dass sie wirklich vergass zu essen. Und das altbekannte Resultat liess dann oft nicht lange auf sich warten. Seither hatte sie immer Cola und genügend Traubenzucker bei sich – so als Notlösung…
„So so, ein Eis“ entriss Keanu Leila aus den Gedanken und sie konnte sein Grinsen durch den Hörer spüren und kurz darauf fragte Keanu vorsichtig: „ magst Du Seafood?“
und Leila´s Augen begannen bei dem Gedanken an Shrimps und Fisch und Muscheln und all den anderen Meeresköstlichkeiten zu leuchten.
“Was gibt’s besseres? – Nein – bitte keine Antwort darauf…“
sie schmunzelte, inzwischen hatten sie eine recht zweideutige Sprache entwickelt die ein Aussenstehender vermutlich als wirklich krank bezeichnet hätte… Doch für beide war es eher ein Wortspiel geworden, etwas sehr persönliches, das nur zischen ihnen beiden stattfand, ohne wenn und aber….
Keanu erklärte Leila kurz, dass er sich gerne mit ihr dort am Pier treffen und sie in ein nahe liegendes Restaurant ausführen wollte.
Leila widersprach zuerst, eigentlich wäre es ihr wohler gewesen, endlich wieder mal ausgiebig zu duschen und sich frisch zu machen, doch schlussendlich sagte sie doch zu und verabredete sich mit Keanu. Dann holte sie ihre warme Jacke aus dem Auto, setzte sich in den Sand und schaute den Wellen zu. Ihre Gedanken schweiften zurück an die inzwischen vergangen Monate und sie musste sich eingestehen, dass ihr Aufenthalt in den Staaten wirklich all das hielt, was sie sich vorgestellt hatte. Bis auf die wenigen Zwischenfälle, wenn ihr Zuckerhaushalt mal wieder zusammenbrach, oder sie ihre bekannte Migräne bekam, die sie gleich tageweise im Bett oder eben im Auto verbrachte…. Oder eben auch an das Erlebnis mit dem gestohlenen Geldbeutel und ihren Karten…. Trotzdem würde sie sich wehmütig an die Zeit hier erinnern und langsam aber sicher überkam sie das beklemmende Gefühl, dass sie schon bald wieder abreisen sollte. Aus dem ursprünglich geplanten halben Jahr waren inzwischen einige Monate mehr dazu gekommen und alles in allem war sie nun fast 10 Monate in den Staaten und sie würde bald ihren Rückflug buchen….
Die Sonne begann sich langsam am Horizont zu verabschieden und Leila mochte nicht weiter an die Abreise denken. Sie lebte hier und heute und das war auch richtig so.
Mit einem Blick auf ihr Handgelenk stellte sie fest, dass Keanu wohl schon bald hier sein würde. Sie mochte sich erinnern, dass die eigentliche Fahrt von seinem Haus bis hierher in etwa eine Stunde dauern würde und diese Stunde war schon fast um. Leila erhob sich aus dem langsam kühl werdenden Sand und begab sich auf den Parkplatz, holte eine Cola aus ihrem Auto und ging wieder zurück zum Eingang vom Malibu Pier wo sie einander treffen wollten. Sie wartete ziemlich lange und sie fragte sich schon, ob etwas passiert sein mochte. Immer wieder fiel ihr Blick auf die Uhr und langsam wurde sie nervös. Nicht weil das Treffen mit Keanu sie nervös machte, sondern weil sie nicht wusste, was los war und sie begann sich Sorgen zu machen. Kurz darauf sah sie jemanden in ihre Richtung rennen, der eine braune Lederjacke und Jeans trug und in der einen Hand einen Helm fest hielt. Leila wusste, dass es Keanu war; sein unvergleichbarer Schritt, die Statur – es stimmte einfach alles – nur – wo war der Bart geblieben? Leila lief ihm ein paar Schritte entgegen bevor sie einfach stehen blieb. Sein Anblick liess ihr Herz für einen Moment still stehen; sein für sie neues Äusseres fand sie enorm anziehend obwohl er auch ziemlich hager geworden war; aber sie bewunderte das schöne Gesicht das er so lange hinter dem Bart versteckt hatte, auch die Haare waren viel kürzer und unterstrichen das schmale, schöne Gesicht, das sich noch immer hinter der Sonnenbrille versteckte. Auch war Leila bis anhin nie aufgefallen wie enorm lange Beine Keanu hatte – sie hatte ihn auch immer nur in saloppen Hosen oder Trainer Hosen gesehen…. Alles in allem fand Leila Keanu in diesem Augenblick sehr ansehnlich und noch attraktiver als sie in Erinnerung hatte….
Keanu rannte noch immer und als er Leila erkannte, die inzwischen auch hellere Haare und einen dunkleren Teint hatte, legte er noch einen letzten Spurt hin….
„Tut mir Leid, Leila, - der Verkehr…“
entschuldigte er sich kurz, zog seine Sonnenbrille ab und noch immer schwer atmend, legte er seine Hände auf die Knie, beugte sich und holte tief Luft.
Leila lachte erleichtert auf; sie war froh, dass nichts Ernstes geschehen war.
„Ist schon okay. Ich bin froh, dass es Dir soweit gut geht!“
Keanu schaute sie von unten herauf an und grinste, noch immer schwer atmend und Leila legte zur Begrüssung ihre Hand auf seine Schulter.
„Dir geht es doch gut?“ fragte sie vorsichtig und als Keanu langsam wieder Luft bekam und wieder aufrecht vor ihr stand, antwortete er;
„Ja, absolut! Entschuldigung, Leila. Mein Motorrad steht ganz hinten auf dem Parkplatz… „ wieder schnaufte er – offensichtlich war er von dort her gerannt und Leila grinste.
„Da müsstest Du aber ganz schön an Deiner Kondition arbeiten, wenn Du pünktlich zu Deinem nächsten Date erscheinen möchtest….“
Damit richtete er sich wieder auf, legte er seine Hand um ihre Hüfte und drückte sie kurz an sich:
„Du bist ganz schön frech geworden… Leila!“
er kniff sie sanft in die Seite und bevor sie zum nächsten Wortwechsel ausholen konnte, fügte er - noch immer tief schnaufend- hinzu:
„Schön, dass Du wieder da bist!“
begrüsste er sie diesmal offiziell und drückte Leila einen herzhaften und freundschaftlichen Kuss auf die Wange, den sie – ebenfalls beschwingt – erwiderte….
Er nahm ihre Hände, drückte sie etwas von sich weg und mit einem prüfenden Blick sagte er:
„Dann lass Dich mal ansehen!“
Leila grinste: “Gleichfalls!“
Sie begutachteten sich gegenseitig mit einem sehr langen und intensiven Blick.
„Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“ fragte er – offenbar hatte Keanu nicht die Monate gezählt, so wie Leila, aber egal, sie freute sich, dass er danach fragte.
„Neun Monate, plus, minus“ grinste Leila und zog ihre Hände zurück.
„Waas? So lange?“ seine Bemerkung war nicht gespielt und Leila lachte.
„Ja, ziemlich lange, nicht?“
„Da hast Du bestimmt viel zu erzählen“
Keanu schaute Leila wieder mit diesem undurchsichtigen Blick an und sie nickte zögernd.
„Wenn es Dich wirklich interessiert…“
War er das wirklich oder tat er nur so? Immerhin hatten sie einander schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und es hätte viel passieren können in der Zwischenzeit… Ein eisiger Wind liess Leila kurz erschaudern; die Wintermonate waren zwar fast vorbei und somit auch die kälteste Zeit, aber für Leila, die lieber in wärmeren Gegenden zu Hause war, noch immer kühl genug…
„Komm, lass und gehen!“ Keanu klopfte Leila freundschaftlich auf die Schulter und packte seinen Helm den er vorhin auf den Boden gestellt hatte und zog die Sonnenbrille wieder an.
Sie besprachen sich kurz und schon bald folgte Leila dem Motorrad und dem für sie ausserordentlich, gut aussehenden Fahrer, der ihr den Weg in das nahe gelegene Fischrestaurant wies.

Keanu war schon oft dort, kannte die Karte und Leila überliess die Menuwahl ihm. Währenddem sie auf die Vorspeise warteten, liess Leila Keanu wissen, dass sie sein Optisches sehr überraschte und sie machte ihm ein entsprechende Kompliment dafür. Keanu wurde in diesem Moment so richtig verlegen, strich sich mit der Hand über die Oberlippe und wurde leicht rot im Gesicht. Irgendwie süss, dachte Leila, nach all den intensiven Gesprächen die sie inzwischen führten, war da noch immer etwas scheues, fast Unberührtes in seinem Wesen und wieder sah Leila in ein Gesicht der Unergründlichkeit und der Mystik…. Was sie schlussendlich wieder zum nachdenken leitete; was ging in diesem Menschen eigentlich vor?

Der Abend verlief sehr locker und entspannt; Leila erzählte noch einiges von ihrer Reise das sie nicht schon während den vielen Telefonaten getan hatte, was sie erlebt hatte und wie sehr sie das Land berührte. Die Landschaft und die unendliche Weite hatten es ihr angetan; die Naturereignisse aber genauso auch die Städte, die in der Wüste aus dem Nichts erbaut wurden und wie sehr ihr das Land ans Herz gewachsen war.
Keanu teilte ihre Fröhlichkeit, schmunzelte über Leila´s Redegewandtheit, brach in Gelächter aus als sie dementsprechende Geschichten erzählte und auch Leute parodieren konnte, und -wurde sehr nachdenklich, als sie kurz erwähnte, dass sie die Zeit in den Staaten wirklich genossen hatte und bald wieder nach Hause fliegen würde….
Ein bisschen Wehmut lag in ihrer Stimme und Keanu versuchte Leila klar zu machen, dass er vollstes Verständnis für ihre Pläne und ihre Einstellung hatte. Immerhin war sie schon lange von ihrer Familie getrennt und er verstand, dass sie Heimweh hatte….
Die beiden unterhielten sich wie gute alte Freunde, was sie schlussendlich auch waren, doch
diesmal war etwas anders; etwas Sagenhaftes war die letzten Monate zwischen ihnen passiert, etwas das viel persönlicher, viel tiefgründiger und – viel vertrauter war. Die ganze Zeit wo Leila auf der Reise war und sie einander nur per Telefon erreichten, entwickelte sich zwischen den Beiden eine so tiefe Freundschaft die sie so auf Distanz doch auch irgendwo zusammenbrachte… Sie wussten inzwischen so viele Dinge übereinander, die sie beide sonst nicht mal ihren eigenen Familien erzählen würden und das Vertrauen war enorm.
Die Gespräche liefen noch viel besser als damals und sie teilten dieselbe Art von Humor, hatten die gleiche Lebenseinstellung, entwickelten dieselben Interessen und fanden bei den vielen Telefonaten heraus, dass sie noch viel mehr verband. Und jetzt wo sie am Tisch gegenüber sassen und einander ansehen konnten, schien alles noch viel intensiver. Keanu war anders als Leila in Erinnerung hatte, viel lockerer, zugänglicher, herzlicher und doch war da auch wieder sein undurchschaubares Wesen, das sie musterte, beobachtete, in sich hineinzog und wenn er spürte, dass er sie so anschaute, wurde er gleichzeitig ganz verlegen. Leila versuchte diese Momente mit humorvollen Einlagen zu lockern, jeweils mit den Ergebnis, dass Keanu wirklich auch drauf los lachen musste, egal, wie oder was sie sagte…

Als beide fertig gegessen hatten und noch einen kurzen Verdauungsspaziergang zu den Fahrzeugen machten, hatte Keanu wieder seinen Arm freundschaftlich um Leila gelegt.
Leila hatte sich oft gefragt, was er eigentlich von ihr hielt; sie wurde noch immer nicht schlau aus ihm und obwohl es schon recht kühl war, durchfloss Leila bei seiner Berührung eine wohlige Wärme, die sie mit einem Blick in Keanu´s Gesicht versuchte zu erkunden. Ob er dies auch spürte? Doch sein Ausdruck war für sie noch immer freundschaftlich, fürsorglich, einfach ein Dasein für sie, mehr konnte sie nicht erkennen. Und was hatte sie auch erwartet? Nach all den Monaten? Dass er sie gleich in die Arme schliessen würde und…. Und doch – etwas lag schon die ganze Zeit in der Luft und Leila konnte sich einfach nicht erklären, was es genau war. Schon den ganzen Abend hatte sie das Knistern in der Luft gespürt; es war seine Gegenwart, die ihr dieses Gefühl vermittelte und obwohl sich beide sehr ungezwungen unterhielten, konnten sie die Augen trotzdem nicht voneinander lassen. Irgendwie war es komisch, irgendwie magisch, anziehend aber auch abwegig etwas zu erwarten was gar nicht da war und Letzteres brachte Leila zu dem Entschluss, dass es besser wäre, wenn sie sich weiterhin auf freundschaftlicher Basis verhalten würde. Zudem hatte sie ja erwähnt, dass sie bald abreisen würde und somit war der Fall ja eigentlich auch für beide sonnenklar.
Als sie bei den Fahrzeugen angekommen war, löste sich Leila aus seinem Arm und wollte ihr Auto aufschliessen. Wie zufällig fuhr Keanu mit seiner Hand über ihren Rücken was ihr im Moment wieder ein sehr angenehmes Gefühl vermittelte, Leila aber auch einen Moment unsicher machte. Hastig wendete sie sich von Keanu ab und stieg in ihren Wagen, wartete bis er auf seinem Motorrad startbereit war und folgte ihm dann wieder durch die Strassen von LA bis sie schlussendlich vor seinem Haus angelangt waren.
Keanu öffnete die Garagentüre und liess Leila als Erste rein fahren, damit der seine Maschine dahinter parkieren konnte. Er wollte am nächsten Morgen nochmals eine ausgiebige Tour machen…
Leila packte ihre paar Habseeligkeiten zusammen und folgte Keanu kurz darauf ins Haus. Er zeigte ihr eines der Gästezimmer, entschuldigte sich danach, drehte sich wortlos um und lief Richtung Wohnzimmer. Gefolgt von einem ziemlich unverständlichen Blick von Leila. Sie verstand ihn einfach nicht – gerade noch hatten sie zusammen gelacht, Keanu war so aufgedreht und herzlich und jetzt, von einem Augenblick auf den nächsten, wieder in sich gekehrt und zurückhaltend. Wer hatte da jemals behauptet, dass ausgerechnet Mann Frau nicht verstehen würde??

Kapitel 12

Kopfschüttelnd stand Leila noch einen Augenblick in dem grossen Zimmer, schloss dann die Türe und ging danach ausgiebig Duschen. Das Zimmer hatte ein anschliessendes Bad und als sie schlussendlich unter der Dusche stand und sich einseifte, die Haare wusch und in Gedanken den Abend passieren liess, wusste sie einmal mehr nicht, woran sie bei Keanu war.
All die Monate die Leila auf Reisen war, kamen sie sich unverhofft näher, verstanden sich, teilten die gleichen Interessen, konnten einander zuhören oder eben auch einander Ratschläge geben. Sie waren stets füreinander da, auch wenn Meilenweite Distanzen zwischen ihnen lagen; die Freundschaft, die sie teilten war ehrlich, gut und tiefgründig. Obwohl sich Leila anfänglich zu Keanu hingezogen fühlte, legten sich ihre Gefühle je länger sie unterwegs war und schlussendlich musste sie sich eingestehen, dass die Beziehung, so wie sie war, doch sehr eigen war. Und sie war froh, dass sie jemanden wie ihn kennen gelernt hatte, wenn er auch nicht immer einfach war. Im Grunde genommen war sie das gerade so wenig und vielleicht war dies ein Grund mehr, warum sie sich so gut verstanden… Und auch da hatten sie ein Thema mehr, worüber sie sie stundenlang aus diskutieren konnten.
Oft Nächte lang telefonierten sie, wenn es die Zeit zu liess und wie oft holten sie gegenseitig Ratschläge, sei das über Reisen, Essen, Kultur, übers Filmgeschäft, Rollenverteilung, Ideen… Einfach alles und die jeweilige andere Meinung war meistens gefragt und wurde auch immer geschätzt. Leben und leben lassen war eines ihrer Grundmotos, auch wenn sie nicht immer das aussagte, was der andere erhofft hatte, so brachte es immer wieder neue Wege zum Vorschein, die bei einem nächsten Gespräch weiter diskutiert werden wollte. Und so vergingen die Monate und schlussendlich fand Leila in Keanu ihren Seelenverwandten, jemanden, bei dem sie sich schon vom ersten Augenblick an wohl fühlte und der sie genauso akzeptierte, wie sie war.
Leila war froh und glücklich darüber, dass sie nochmals ein paar Tage hier bei Keanu wohnen durfte. So als krönenden Abschluss ihrer ganzen Reise die paar Tage mit einem Menschen verbringen, der sie eigentlich auf ihrer ganzen Reise schon begleitet hatte….

Vor ihrem geistigen Auge sah Leila die vorangehende Situation wieder und sie konnte einfach nicht verstehen, was in Keanu vor ging; sie hatte sich sehr auf dieses Wiedersehen gefreut und der Abend verlief bis anhin auch hervorragend. So wie sich gute alte Freunde Abende eben teilen, doch dass er sich jetzt wortlos von ihr abwendete, das verstand Leila trotz allem nicht. Und dem wollte sie auf den Grund gehen – früher oder später…

Mit halbwegs trocken Haaren zog sie sich ein frisches T-Shirt an, die grauen Jogginghosen, eine passende Jacke dazu, dicke, weisse Socken und ging dann in die Küche. Sie wusste nicht, was sie dort erwartete, sie hatte gehofft, dass sie Keanu dort antreffen würde und als sie das Feuer im Kamin sah, wusste sie, dass er zumindest hier gewesen war. Ihr Blick wanderte im Raum umher; all die Monate hatte sich nichts verändert und es war alles so, wie sie es in Erinnerung hatte. Nur die Balkontüre war leicht geöffnet und als sie näher zur Schiebetüre kam, sah sie die Umrisse von Keanu, der im Dunkeln am Geländer stand, seine Ellbogen darauf stütze und auf die Stadt starrte. Auch dieses Bild kam ihr bekannt vor und noch bevor er sie bemerkte, ging sie nochmals in die Küche, öffnete den Kühlschrank, fand – wie erwartet, Bier darin, nahm zwei Flaschen und ging damit zu Keanu. Das Geräusch des Aufschiebens der Balkontüre liess ihn kurz umdrehen und als er im Licht das von der Küche kam, Leila erblickte, konnte sie selbst im Dunkeln sehen, dass er angespannt war.
Leise schloss sie die Türe wieder und ging zu ihm, reichte ihm wortlos eine Flasche, wendete sich ab und starrte ebenfalls auf die Lichter von LA. Ohne einander anzusehen, standen sie einige Augenblicke so da, bis sich Leila zu ihm drehte, ihn direkt in sein Gesicht sah das noch immer fast regungslos und ohne Mimik auf die Stadt blickte:
„Möchtest Du darüber reden?“
und im selben Augenblick überkam sie ein Deja vu – vor Monaten standen sie genauso da, vertieft in Gedanken, scheinbar weit weg von allem…
Keanu drehte langsam seinen Kopf und schaute Leila mit einem langen, unverblümten Blick an. Dann schüttelte er den Kopf:
„Das ist eine lange Geschichte…“
sagte er und wendete sich wieder von Leila ab, die nun ihre Hand auf seinen Unterarm legte:
„Ich habe Zeit…..“
sagte sie leise und drückte ihre Hand ganz sanft darauf.
Keanu drehte seinen Kopf und sah sie wieder an. Und diesmal war sein Blick anders und Leila fügte hinzu:
„Und ich kann gut zuhören….“
Noch immer lagen seine Augen auf ihrem Gesicht, und mit einem Hauch von Lächeln antwortete er:
„Ich weiss…“
Leila konnte seine Anspannung wahrlich spüren und hätte gerne gewusst, wie sie ihm helfen konnte. Sie fühlte, dass da etwas war, das ihn enorm beschäftigte. Aber sie kannte ihn inzwischen auch gut genug um zu wissen, dass man Herrn Reeves alles aus der Nase ziehen musste, wenn man Näheres erfahren wollte…
„Vielleicht morgen…“
antworte er und Keanu´s Augen wendeten sich wieder von Leila ab und wanderten zurück auf die Skyline von LA. Sie nickte und folgte seinem Blick, lehnte sich diesmal mit beiden Ellbogen aufs Geländer und zog das dargebotene Bild in sich hinein.
„Das ist wirklich ein sagenhafter Ausblick“
erwähnte sie und ohne ihren Kopf zu drehen fügte sie hinzu: „darum werden Dich wohl viel Menschen beneiden.“ Vielleicht könnte sie mit dieser hineingeworfenen, kurzen Bemerkung das Gespräch in die entsprechende Wegleitung führen…?
Noch immer lagen ihre Augen über der Stadt aber Leila konnte spüren, dass Keanu sie von der Seite her anblickte. Sie sagte kein Wort mehr, nahm einen Schluck Bier und wartete.
„Das mag schon sein…“
dann nahm er noch einen Schluck, drehte sich zu Leila und entschuldigte sich, dass er müde war und schlafen gehen würde, dann wünschte er ihr mit einem freundschaftlichen Schulterklopfen eine gute Nacht und ging zurück ins Haus. Leila schaute ihm kopfschüttelnd nach – was war bloss los mit ihm? So verschlossen hatte sie Keanu bis anhin noch nie erlebt und irgendwo tat es auch weh. Im Lichtschein sah sie, dass er die Bierflasche auf die Küchenablage stellte und in seinem Zimmer verschwand.
Leila stand noch eine Weile am Geländer; Gedanken über Gedanken schossen durch ihren Kopf und sie konnte machen was sie wollte; sie hasste es unverrichteter Dinge zu Bett zu gehen. Sie wusste genau, dass damit ihre üblichen Schlafsstunden gezählt waren aber im Augenblick konnte sie nichts daran ändern. Und morgen war auch noch ein Tag…

Kapitel 13

Als Leila am nächsten morgen halb verschlafen in der Küche erschien, fand sie – wie auch schon, einen Zettel neben der Kaffeemaschine.

„Bitte entschuldige, Leila. Bin geben Abend wieder da. K. „

Leila strich mit dem Daumen über die Zeilen – die Worte versetzten ihr wieder ein Stirnunzeln und ein Kopfschütteln. Da musste schon etwas Ausserordentliches geschehen sein, dass sich Keanu auf einmal so von ihr abwendete. Sie kannte ihn inzwischen gut genug um zu wissen, wie sehr er verschlossen sein konnte, besonders wenn ihn etwas extrem beschäftigte. Leila nahm an, dass es nichts mit ihr zu tun haben könnte; der gelungene Abend sprach dafür und so beschloss sie, dass sie abwarten wollte bis er von sich aus reden wollte. Mehr konnte sie im Moment auch nicht tun und Leila beliess es dabei. Dass er heute weg war, hatte er gestern schon angedeutet. Allerdings hatte sie schon erwartet, nein, gehofft, dass sie wenigsten zusammen frühstücken würden. Na ja, wie war das schon wieder? „Gib was Du kannst, aber erwarte nichts zurück - sonst wirst Du nur enttäuscht“ pflegte ihre Mutter zu sagen. Und diesen Leitspruch musste sich Leila mehr als einmal wieder ins Gedächtnis rufen.

Leila holte sich eine Tasse aus dem Schrank, Teller und Messer und begann sich ein kleines Frühstück zu bereiten. Danach telefonierte sie mit ihrem Handy kurz nach Hause und erzählte ihrer Mutter, dass sie wieder in LA war und dass sie noch einige Tage hier bleiben wollte, damit sie ihr Fahrzeug und die Sachen verscherbeln könnte, die sie nun nicht mehr brauchte. Und dann erst würde sie den Heimflug buchen. Mutti war zwar glücklich über die Neuigkeiten, aber sie konnte auch heraushören, dass irgendetwas noch unverrichteter Dinge war. Leila wollte genauso wenig darüber reden; was konnte sie denn schon dazu sagen? Sie wusste ja selbst nicht, woran was in der Luft lag….

Leila verbrachte den ganzen Tag entweder auf der Terrasse, durchstöberte Zeitungen und Artikel mit Autohändlern, verrichtete einige Anrufe um ihr Fahrzeug am besten zu verkaufen und holte später ihre schmutzige Wäsche aus dem Auto. Natürlich sah sie, dass das Motorrad weg war; Keanu hatte ja gestern erwähnt, dass er noch eine Tour machen wollte. Und irgendwie kam sich Leila in diesem Moment ziemlich überflüssig vor. Was tat sie hier eigentlich? Was hatte sie erwartet? Hatte sie vielleicht gehofft, dass Keanu sie gleich in seine Freizeit mit einbeziehen würde? Hm – nein, tatsächlich lebte er nach wie vor sein eigene, eigensinniges, langweiliges Leben, wie er pflegte zu sagen und sie war ja schliesslich noch immer, oder wie man es eben betrachtete, schon wieder Gast in diesem Hause. Ohne Verpflichtungen, nur einfach so….

Nachdem sie ihre letzte schmutzige Wäsche gewaschen, getumblered und wieder zusammen gepackt und im Auto verstaut hatte, sah Leila auf die Uhr. Die Zeit war wie im Fluge verstrichen und erstaunt stellte sie fest, dass es schon gegen späteren Nachmittag zuging. Sie gönnte sich noch eine Tasse Kaffee auf dem Sitzplatz und genoss den Ausblick auf die Millionenstadt. Danach ging sie wieder in die Küche und stöberte in den Schränken nach etwas Essbarem herum. Sie hatte keine Ahnung, wenn der Hausmeister wieder da war, aber der Hunger meldete sich auch langsam auch bei ihr und vielleicht würde sich Keanu´s Stimmung mit einem guten Essen etwas lockern?
Schmunzelnd stand Leila vor dem kleinen Schrank, den sie gerade geöffnet hatte; darin fand sie verschiedene, original-italienische Teigwaren, getrocknete Pilze, in Olivenöl eingelegte Tomaten, Oliven, eine riesen Auswahl an Gewürzen, Tomatenpüree, sogar ein kleines Glas mit schwarzen Trüffeln, einfach alles, was ein gutes italienisches Essen ausmachen würde…. Ihr Gaumen begann langsam wässrig zu werden beim Anblick der vielen Köstlichkeiten; sie erinnerte sich, dass seine Vorräte bei ihrem ersten Besuch nicht mal die Hälfte von all dem ausmachten, was sie jetzt vorfand. Im Hinterkopf meldete sich allerdings gleich wieder eine kleine Alarmglocke: hatte er vielleicht eine kleine Italienerin kennen gelernt die ihn entweder bekochte oder ihm gar das Kochen beibrachte? Dies würden die Vorräte erklären und beim Gedanken musste Leila doch etwas Schmunzeln. Sollte er endlich seine Traumfrau gefunden haben??? Dieser Gedanke allerdings brachte Leila kurz in Wallungen und schnell widmete sie sich dem Kochen selbst zu….

Als wenn Keanu den Geruch von frischen Teigwaren, Saucen und italienischen Gewürzen gerochen hätte, vernahm Leila das Geräusch seines heiss geliebten Motorrades und kurz darauf hörte sie wie das Garagentor auf und wieder geschlossen wurde. Leila war fast fertig mit Kochen, als Keanu, gut gelaunt aber müde in die Küche kam und sie begrüsste.
Als sie ihn hörte, drehte sie kurz den Kopf zu ihm und begrüsse ihn mit einem fröhlichen:
„Hallo Keanu – schön dass Du da bist.“ Sie schaute ihn fragend an und Keanu begrüsste sie ebenfalls mit einem aufgestellten:
„Hallo Leila!“ und mit einem neugierigen Schnüffeln meinte er: „hier riecht es aber gut!“ ,
kam mit langen Schritten zum Kochherd wo Leila gerade in der Pfanne rührte und schaute ihr über die Schulter in den Topf.
Für einen Moment musste Leila inne halten; sie sah ihn lange an bevor sie auf seine Bemerkung reagierte Keanu´s Ausflug hatte ihm gut getan; sie wusste ja von ihm, dass er dies des öfteren tat um einen klaren Kopf zu kriegen und diesmal war es sicher nicht anders. Er war gut aufgelegt, so wie sie ihn eben kannte und - sein Äusseres blendete Leila wieder für einen Moment; trotz allem fand sie ihn einfach umwerfend…
„Hast Du Hunger?“ fragte sie ihn hoffnungsvoll und sah ihn mit grossen Augen an.
Keanu lächelte und nickte. Ja er hatte Hunger. Die Tour war zwar nicht enorm weit, doch hatte sie ihn in die Berge geführt wo er sich ein schönes Plätzchen gesucht hatte. Dort ass er ein Sandwich und trank ein Mineralwasser das er mitgenommen hatte und liess seinen Gedanken freien lauf. Erst viel später fuhr er dann weiter Richtung Meer. Ausser einem weiteren, heissen Kaffee am späteren Nachmittag hatte er an diesem Tage nichts mehr gegessen und dementsprechend machte sich auch sein Magen jetzt bemerkbar…

„Gut, dann kommst Du ja gerade rechtzeitig“ antwortete Leila und rührte weiter in der Pfanne. Keanu stand noch immer neben Leila und hatte nun seine Hand auf ihre Schulter gelegt und schaute ihr einen Moment zu, wie sie die Flüssigkeit in der Pfanne bearbeitete.
Leila liess sich nicht beirren, obwohl sich seine Gestik sehr gut anfühlte, empfand sie nichts Sonderliches dabei, gab ihm einen Löffel der Sauce zum kosten und wartete auf seinen Kommentar. Genüsslich liess der die Sauce im Mund zergehen, verdrehte die Augen und sah Leila mit einem erstaunten Blick an:
„Sehr gut! - Daran könnte ich mich glatt gewöhnen..“
meinte er, diesmal spitzbübisch und Leila lächelte, leicht verlegen und rührte wieder ganz vorsichtig in der Pfanne.
Wortlos nickte Leila – ja, daran hätte sie sich bestimmt auch gewöhnen können - und ihr Blick fiel ganz unbewusst auf den Schrank mit den italienischen Köstlichkeiten. Sie überlegte einen Moment, ob sie Keanu darauf ansprechen sollte, liess es aber sein. Sie konnte ja nur annehmen, ob was dahinter stecken mochte, doch es stand ihr ganz und gar nicht zu, dies zu tun. Das war schliesslich seine Sache.
Anerkennend nickend für Keanu´s Kompliment und seine Bemerkung füllte sie die Sauce in das entsprechende Geschirr und legte einen Schöpflöffel dazu. Keanu klopfte ihr auf die Schulter und liess verlauten, dass er sich dann jetzt zum Essen umziehen würde. Dann wendete er sich wieder ab und verliess die Küche. Leila war zwar mit dem Anrichten beschäftigt doch ihre Gedanken waren bei Keanu; er sah zwar müde aus, und doch erhaschte sie für einen Augenblick einen Funken in seinen Augen, den sie schon am Vorabend entdeckt hatte, der aber nach einer Millisekunde schon wieder verschwunden war…. Es missfiel Leila, sich weiter Gedanken über sein Befinden zu machen; sie war mehr bedacht darauf, dass sie ihm vielleicht mit einem guten Essen die Sorgen etwas nehmen konnte. Wenn sie doch nur wüsste, was ihn so beschäftigte?

Leila hörte, dass Keanu offensichtlich eine Dusche nahm. Er sah ziemlich ausgekühlt aus und auch als er sie kurz berührte, hatte sie das Gefühl, als ob sie ein Eisklotz anfasste. Salat als Vorspeise war jetzt nicht gefragt; nein etwas heisses musste es sein und kurzum nahm sie etwas Gemüse hervor, schnitt dieses in kleine Streifen, dünste es kurz an, würzte es etwas schärfer als sonst, gab Wasser und Gewürze dazu und schon hatte sie eine Gemüsesuppe hingezaubert. Als Keanu wieder in die Küche kam, beobachtete er sie die ganze Zeit, wortlos, staunend und fragend, als sie die vorgewärmten Teller aus dem Ofen nahm.
„Woher kommt den die Suppe?“ fragte er mit grossen Augen. Er war sicher, dass vorhin noch nichts dergleichen auf dem Herd stand.
Leila grinste nur, gab noch einen Schuss Cherry in die Pfanne, richtete die Suppe an und streute zuletzt noch etwas getrocknete Petersilie als Dekoration darüber.
Ja, sie konnte innert kürzester Zeit etwas auf den Tisch zaubern, selbst wenn „nichts“ mehr im Kühlschrank war, schaffte sie es immer wieder aus Resten ein Menu zu kreieren das selbst ihre Mutter als eingefleischte Köchin immer wieder in Staunen versetzte. Dieses Talent hatte Leila eindeutig geerbt und war jetzt froh darüber.
Wieder grinste sie; sie konnte seine brennende Frage nahezu spüren: „na die Zutaten waren in Deinem Kühlschrank…“
Keanu nickte – er schätze sehr, dass sie sich in die Küche stellte und für sie beie kochte: „Kann ich Dir behilflich sein?“
Leila sah ihn kurz an, dann zeigte sie mit dem Kopf auf den Chianti und bat ihn die Flasche zu öffnen. Dann löste sie die Küchenschürze, die sie sich aus einem Handtuch um die Hüften gebunden hatte, nahm die beiden Teller und stellte sie auf den Tisch. Keanu hatte die Flasche gerade geöffnet, schenkte beide Gläser ein und – war wieder ziemlich ernst.
Ungeachtet dessen setzte sie sich ebenfalls an den Tisch und wartete, bis er bereit war.
Keanu liess seinen Blick über den schön gedeckten Tisch gleiten und sah Leila dankend an:
„Da hast Du Dir aber ganz schön mühe gemacht“ bemerkte er und fing an zu Essen.
Offensichtlich schmeckte ihm die Suppe und als Leila das Hauptgericht auftischte, kam er nicht mehr zum Staunen heraus… Wie hatte er das vermisst und selbst sein Lieblingsitaliener konnte kein Menue so schmackhaft kochen, wie er es eben von Leila aufgetischt bekam. Das war schon ein tolles Kompliment das er Leila vergab und wieder wurde sie verlegen. So charmant wie er gerade wieder war, so schnell konnte er wieder sehr sachlich und in sich gekehrt sein…. Und wieder war die Atmosphäre so als würden sie einander schon eine Ewigkeit kennen und sie verstanden sich hervorragend. Vergessen sein Gemütswandel, vergessen der Tag wo Leila alleine zu Hause war; jetzt zählte einfach der Moment und den genossen beide auf ihre Art.
Wieder verlief der Abend mit lockeren Gesprächen – sie lachten zusamme, erzählten Witze, verloren sich in ernstere Themen, fanden wieder Gemeinsamkeiten und endeten schliesslich in einer total fröhlichen und lockeren Stimmung. Es war als ob sie schon immer hier zusammen waren, sich so gut verstanden und keine Zeitspanne zwischen dem vorletzten und dem jetzigen gemeinsamen Abend war, der sie für so lange trennte. Allerdings sprach Keanu mit keinem Wort darüber, warum er gestern auf einmal so ernst war und sich so schnell von ihr verabschiedete…

Kapitel 14

Erst viel später und als die Flasche Wein leer war, räumten sie den Tisch zusammen ab, stellten das Geschirr zum vor spülen in den Abwaschtrog und währenddem Leila die Küche aufräumte, zündete Keanu den Kamin an und ging danach auf die Terrasse. Später holte sich Leila eine Jacke und ging zu Keanu. Wie so oft stand er am Geländer und starrte wieder auf die Lichter der Stadt, tief in Gedanken versunken. Leila blieb eine Moment stehen, dann ging sie zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter:
„Magst Du noch einen Corretto Grappa?“ fragte sie vorsichtig und Keanu sah sie im nächtlichen Sternenlicht an und lächelte.
“Du hast wirklich an alles gedacht…:“ stellte er fest und Leila lächelte zurück:
„Nein, nicht ganz. Nur an den Grappa. Was eigentlich noch fehlen würde wäre ein Tiramisú…. Aber in anbetracht dessen, dass viele Männer keine Süssigkeiten mögen, habe ich mir erlaubt, darauf zu verzichten…“ sie schaute ihn fragend an: „oder magst Du italienische Desserts?“
Keanu klopfte Leila wieder kurz und freundschaftlich auf den Oberarm und antwortete:
„Kommt auf die Zusammensetzung darauf an…“
Leila grinste; endlich hatte sich seine ernsten Gesichtszüge wenigstens etwas gelockert und sie waren wieder in ihrem alten Wortspiel. Lachend hob sie den Zeigefinger:
„Nein, nein, keine weiteren Angaben….. Du weißt schon..“
Keanu lachte ebenfalls und legte seinen Arm diesmal um Leila´s Schulter:
„Du bist ein gutes Mädchen“
sagte er und sah sie mit seinen dunkelbraunen Augen, die jetzt fast genauso schwarz wie die Nacht waren, an. Dann drückte er sie ganz kurz an sich um sie gleich wieder los zu lassen.
„Ein Corretto Grappa wäre jetzt genau das Richtige“
bemerkte er und Leila verstand den Wink. Ja, sie war ein gutes Mädchen und sie wollte eigentlich nur, dass es Keanu hoffentlich bald besser ginge. Leila nickte, löste sich aus seinem Arm und verschwand wieder im Innern des Hauses.

Leila hantierte in der Küche genauso in Gedanken versunken wie Keanu draussen auf der Terrasse. Ihre Gedanken arbeiteten auf Hochtouren; waren dies Berührungsängste, die sich bei Keanu auf einmal breit machten?? Irgendwie wehmütig dachte Leila an die ersten Tage, als sie sich kennen gelernt hatten. Gut, sie kannten sich nicht gerade sehr lange, doch teilten sie eine gewisse Leidenschaft die zwar nur körperlich bezogen war und sie verbrachten immerhin ein paar sagenhafte, heisse Nächte miteinander, doch wenn es jetzt tatsächlich so sein sollte, dass er sie aus welchem Grunde auch immer, nicht mehr anzufassen traute, dann verstand Leila ihn und die ganze Welt gerade noch weniger!
Der Correto war inzwischen fertig und als Leila wieder auf der Terrasse erschien, sass Keanu inzwischen auf der Couch unter dem Dach, hatte die Füsse auf dem Tisch gelegt und starrte in den sternenbedeckten Himmel. Als er hörte, wie die Schiebetüre aufgemacht wurde und er Leila mit den zwei Tassen in der Hand sah, stand er auf, lief ihr entgegen, wartete bis sie draussen war und schloss dann hinter ihr die Türe wieder. Leila ging zum Tisch, setzte sich ebenfalls auf das bequeme Sofa und wartete, bis er sich auch wieder gesetzt hatte. Wortlos reichte sie ihm eine Tasse und er bedankte sich mit einem Kopf nicken dafür. Mit einem Schluck trank er die kleine Tasse leer, stellte sie wieder auf den Tisch und lehnte sich wieder vermeintlich gemütlich in die Couch. Doch seine Anspannung war zu spüren und Leila beobachtete ihn aus dem Blickwinkel. Keanu´s Blick wanderte wieder in den Nachthimmel. Sie nippte an ihrem Corretto bis auch diese Tasse leer war, stellte sie ebenfalls hin und mache es sich ebenfalls wieder auf dem Sofa bequem. Dazu rutsche sie etwas von der Sitzfläche, so dass ihr Kopf mit den langen Haaren auf der Oberkante lag und sie ebenfalls gen Himmel schaute. Nur ein paar Wolken waren zu sehen, ansonsten konnte man fast die Sterne zählen. Eine tief dunkelblaue Nacht war angebrochen; trotz der nächtlichen Kälte waren bereits erste Frühlingsdüfte riechbar und Leila atmete diese tief ein, schloss dann die Augen und hörte den Geräuschen der Nacht zu. Der Strassenverkehr war kaum mehr wahr zu nehmen, nur hie und da konnte man ein in weiter ferne vorbeifahrendes Auto ausmachen. Einige Vögel zwitscherten noch aus den Gebüschen, der Wind liess die Blätter sanfte Melodien erklingen und sonst war nichts zu hören, ausser Keanu´s gleichmässige Atemzüge, die sie nahe bei ihrem Ohr vernahm. Sie staunte, dass er trotz der abendlichen Kälte ohne Jacke warm genug hatte. Mit verschränkten Armen sass er einfach neben ihr, lugte in die Nacht hinaus und hatte die Augen für einen Augenblick geschlossen.
„Du hast also genug vom reisen?“
Keanu´s sanften Worte rissen Leila aus den Gedanken heraus – nein, sie hatte im Moment keine wirklichen Gedanken, sie war eher in einem momentanen Zustand von Sein und sich versuchen wohl-zu-fühlen. Für einen Moment öffnete sie die Augen und sah ihn fragend an. Keanu hatte seinen Kopf zu ihr geneigt und wartete auf eine Antwort.
„Yep“ sagte sie und nur dieses eine Wort liess ihren endgültigen Entschluss durchblicken, dass es ihr im Moment auch selbst im Herzen wehtat. Aber nur für einen Augenblick. Sie freute sich auf ihr Zu Hause, ihre Eltern und ihre Freunde die sie schon so lange nicht mehr gesehen hatte….

Und wieder herrschte Funkstille. Leila wendete ihren Kopf wieder dem Himmel zu und schloss die Augen – wieder war Keanu in sich gekehrt, und obwohl Leila das Gefühl hatte, dass er vielleicht jetzt reden würde, brachte es dieser Mann einfach nicht fertig, zu sagen, was ihn so sehr beschäftigte.
Ihre Gedanken begannen wieder zu wandern und sie erinnerte sich, wie oft sie nachhacken musste um herauszufinden, warum er beispielsweise damals auf dem Polizeiposten war… Einige Male – bis Keanu endlich damit herausrückte, dass es mit dem angehenden Gerichtstermin zu tun hatte. Aber eigentlich wollte er Leila nicht mit seinen persönlichen Problemen belasten, dafür war sie ihn zu wertvoll und dies war auch einer der Gründe, warum er nicht über solche Dinge sprechen mochte.
Und es brauchte noch einige weitere, gegenseitige, intensive Gespräche von Leila´s Seite, bis Keanu endlich klar wurde, dass Leila wirklich an ihm und seinem Wohlsein interessiert war und nicht an ihm als Schauspieler. Ein weiteres Gespräch seinerseits gab Leila die Klarheit über seine Erfahrung mit gewissen Frauen, die oft nur an seinem Bekanntheitsgrad interessiert waren und nicht an ihm als Menschen, was Leila auch zu verstehen gab, wie einsam dieser Mensch eigentlich war. Trotz allem. Die vergangenen Monate hatten sie wirklich nahe stehende Gespräche und Leila fühlte sich Keanu extrem verbunden. Sie verstand ihn, sie respektierte ihn, konnte zu hören, konterte wenn es sein musste, schätze was er sagte oder tat, konnte ihm im Gegensatz in verschiedenen Bereichen Ratschläge verteilen, und gleichzeitig hörte Keanu auch Leila zu, wenn sie mal wieder niedergeschmettert von schlechten Erfahrungen während ihrer Reise berichtete. Sie waren einfach auf der gleichen Wellenlänge – und sie vertrauten einander.

Und jetzt war ein Moment gekommen, der Leila fast zerriss; sie wusste, dass er an etwas nagte, aber sie verstand seine momentane Verschlossenheit nicht. Am Telefon waren sie gegenseitig immer sehr offen und gesprächig, konnten einander alles sagen, auch wenn es nicht immer nach Honigkuchen zu und her ging, respektiert hatten sie die gegenseitigen Ansichten immer und auch gestern Abend beim Essen unterhielten sie sich wie gute alte Freunde. Seit sie aber wieder zusammen hier in seinen vier Wänden waren, war Keanu wie ein umgedrehter Handschuh. Hatte sie etwas falsch gemacht? Etwas Falsches gesagt? Spielte er nur den freudig, heiteren Typen für sie und war eigentlich gar nicht in dieser Stimmung dazu? Er war ja Schauspieler aber selbst sein Talent konnte ihm jetzt nicht helfen. Offensichtlich beschäftigte ihn etwas ganz enorm und Leila hatte das Gefühl, als müsste sie der Tatsache nun endlich auf den Grund gehen.

Sie setzte sich langsam auf und wendete sich zu Keanu. Gedanken über Gedanken schossen jetzt erst recht durch ihren Kopf, als sie ihn so ansah; hatte auch er seine Augen wieder geschlossen und sie sah ihm an, dass er gewaltig am Grübeln war. Vielleicht hatte er berufliche Probleme, brauchte einen weiblichen Rat, vielleicht war sogar eine Frau im Spiel – was sie schlussendlich nicht gewundert hätte - vielleicht war er auch einfach niedergeschmettert, hatte zu viel gearbeitet, nagte an seiner Karriere, hatte Probleme mit dem Haus…. - och, es konnte so vieles sein!

„Keanu – ich weiss nicht was Du hast und es tut in meinem Herzen weh, wenn ich Dich so sehe“ sagte sie und ihre Worte waren so einfühlsam, dass Keanu aufhorchte und die Augen langsam öffnete.
Schon die ganze Zeit versuchte er die richtigen Worte zu finden um Leila mitzuteilen, was ihn beschäftigte und - es fiel ihm diesmal enorm schwer. Was Frauen anbelangte war er in dieser Beziehung noch nie besonders wortgewandt….

„… - ich würde zu gerne wissen, was Dich so sehr beschäftigt…“ hallte es in seinem Ohr und er drehte seinen Kopf wieder zu Leila um.
„Ist es ein neues Projekt, das Dir an die Nieren geht?“ fragte sie vorsichtig und erntete wieder diesen undurchsichtigen Blick. Gott, diesmal hatte sie wirklich eine Nuss zu knacken und nach dem vorangegangenen heiteren Abend sollte es nun wieder diesen bedrückenden Abschluss geben? Nein das konnte und sollte nicht sein – sie hasste es, wenn der Tag in seiner solchen Stimmungslage zu Ende gehen sollte. Schliesslich lebte man nur einmal und sollte jeden Tag geniessen, so als wäre es der Letzte…
Keanu überlegte einen Moment und machte eine „Jein“ Kopfbewegung.
„Ich sehe schon“ sagte sie, „ Du willst nicht darüber reden….“
Leila überlegte einen Augenblick, kratzte sich am Kopf, strich sich durch die langen Haare und sah ihn wieder an:
“dann machen wir es halt so…“
Leila erklärte ihm ein englisches Ratespiel, das jahrelang auf BBC ausgestrahlt wurde; mit Handzeichen, Silben erraten und schlussendlich Wörter und gar ganze Sätze erraten…
Für einen Moment erhellte sich Keanu´s Gesicht und er schaute sie belustigt an. Also wenn das nichts half, dachte Leila. Schon dieser Augenblick versetzte Leila ebenfalls in eine fröhlichere Stimmung und sie begann ihr Wortspiel mit Buchstaben.
„Ein B für Beruf“ sagte sie und macht das entsprechende Handzeichen.
Keanu antwortete wieder mit einem „Jein“ Kopfnicken..
„Hm… H - für Haus?“ vielleicht war er ja nicht glücklich hier in diesen vier Wänden??
Ein eindeutiges „Nein“ kam herüber und Keanu begann das erste Mal zu schmunzeln… Er fand Leila´s Ideenreichtum einmal mehr ausserordentlich und irgendwie war er froh, dass sie auf dieses Spiel gekommen war… Er rekelte sich auf dem Sofa und seine ganze Aufmerksamkeit galt nun Leila, die inzwischen mit gekreuzten Beinen auf dem Sofa sass und sich ihm voll und ganz zugewendet hatte…. Leila strich sich wieder durchs Haar und begann erneut mit Handzeichen.
„F - für Familie?“ mit grossen Augen sah sie ihn an. Keanu hatte ihr alles über seine Schwestern mitgeteilt und Leila war sehr betroffen zu hören, dass Kim gesundheitlich ziemlich angeschlagen war. Vielleicht war etwas mit ihr? Ihre Augen ruhten fragend in seinen, die für einen Moment dunkler, irgendwie trauriger wurden, doch gleich wieder aufhellten und ebenfalls mit einem klaren „Nein“ kopfschüttelnd beantwortet wurde.
„Das ist gar nicht so einfach“ stellte sie fest – und Keanu liess sie weiter grübeln.
„M - für Motorrad“ war etwas mit seiner heiss geliebten Norton – wobei, mit der war er ja heute unterwegs….
Wieder verneinte er und sein Schmunzeln wiederholte sich. Die Frau machte sich wirklich Sorgen um ihn, doch er fand noch immer keine Worte…
… Oder vielleicht war etwas mit seinem Porsche? Den hatte sie heute noch nicht gesehen.
„P - für Porsche?“ war das Nächste und wurde wieder verneint. Leila atmete tief und schaute ihn irgendwo belustigt, aber doch ernst an. Was um Himmels Willen konnte es denn nur sein?
„P - für Putzfrau?“ ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht… und er verneinte.
„G – für Gärtner?“ wieder ein belustigtes Nein. Woran die Frau auch alles dachte…
„M – für Milchmann?“ Diesmal musste er lachen und riss Leila geradewegs mit.
„Na hör mal – da gibt’s genug Ärger mit denen; die einen Liefern nicht, die andern wollen nicht, dann gibt noch welche, die fahren einem beim Ausliefern ins Auto…“
Leila´s ernste Erklärung wurde wieder mit einem Lacher quittiert und endlich hatte sie das Gefühl, dass sich Keanu´s Stimmung hob. Doch wieder wurde er ernster und verneinte und spontan meinte Leila:
„F – für Frau?“ schlagartig veränderte sich sein Blick und wieder wurde Keanu noch ernster und sein Blick glitt zu Boden.
Hm – vielleicht hatte er in der Zwischenzeit jemanden kennen gelernt und hatte Probleme mit der Beziehung? Dies würde eindeutig die vielen Vorräte in der Küche erklären… Leila sah ihn fragend an und er nickte ganz langsam und eher vorsichtig. Aus welchem Grunde auch immer, grübelte nun Leila selber, nie hatte er ihr gegenüber etwas erwähnt und verwundert sah sie ihn jetzt an. Wie oft schon hatte sie ihm gesagt, dass sie es gut finden würde, wenn er endlich jemanden an seiner Seite haben würde – und jedes Mal, wenn sie ihn darauf ansprach. wich er ihr immer wieder mit fadenscheinigen Erklärungen aus….
„Eine Frau also“ bestätigte sie anerkennend.

Keanu nickte kaum sehbar und sein Blick hob sich langsam wieder. Dann setzte er sich auf, rutschte ganz vorn auf die Sofakante, legte seine Ellbogen auf seine Knie und faltete die Hände die er sich nervös zu reiben begann. Er wollte etwas sagen doch wieder fehlten ihm die Worte. Für einen Moment presste er seine Lippen aufeinander; er hasste sich in diesem Augenblick dafür – warum konnte er ellenlange Dialoge vor laufenden Kameras und vor der ganzen Crew problemlos auswendig aufsagen, doch wenn es um ihn und seine Gefühle ging, versagte seine Stimme?? Vor allem wenn es um weibliche Ursachen ging??

„J – für junge Frau?“ fuhr Leila fort. Endlich hatte sie einen Ansatz und offenbar fiel es Keanu enorm schwer, über genau dieses Thema zu sprechen. Wieder rieb er seine Hände und schaute sie für einen Moment an. Er nickte:
„jüngere“ fügte er hinzu.
„Wie meinst Du das? Eine junge Frau oder eine Frau die jünger ist als Du bist?“
Keanu hatte seinen Blick wieder gesenkt und rieb noch immer seine Hände. In dem Augenblick, wo er sie ansah, erkannte Leila eine gewisse Unsicherheit, einen Schmerz in seinen Augen – Leila konnte es nicht erklären aber ihr Mitgefühl entwickelte sich in diesem Moment ganz enorm - und sie begann sich nun noch grössere Sorgen zu machen:

– was war bloss geschehen??

Kapitel 15

Keanu hatte ihr schon vor längerem von der tragischen Geschichte von seiner Exfreundin und dem gemeinsamen Kind erzählt und damals war Leila zutiefst geschockt über so viel Leid. Keanu hatte ihr zwar gesagt, dass er inzwischen darüber hinweg war, doch würde er manchmal mit Situationen konfrontiert, wo er einfach weg gehen müsste; wie zum Beispiel wenn er im Park war wo sich Familien mit ihren Kindern aufhielten. Doch hier war etwas anderes passiert und Leila begann zu grübeln. Hatte ihn eine jüngere Frau nun dermassen verletzt, dass er nicht darüber hinwegkam?

Wieder sah sie ihn fragend an und mitfühlend legte sie ihre Hand nun auf seinen Unterarm. Keanu drehte sich zu Leila und für einen Moment zupfte er Leila verlegen am Ärmel um gleich darauf seine Hand wieder zurück zu ziehen. Ihre Augen trafen sich und wieder erkannte Leila darin eine Wehmut, ein Ausdruck der fast von Verzweiflung sprach - aber sie sah noch etwas ganz anders, das sie als Wärme, Verlangen und Sehnsucht bezeichnete. Leila nahm seine Berührung ganz intensiv wahr und sah ihn wieder in Gedanken versunken und Kopfschüttelnd an.

Was war nur los mit diesem Mann??

So sie kannte ihn gar nicht und am liebsten hätte sie ihn jetzt einfach in ihre Arme genommen und fest gedrückt. Einfach so – um ihm zu zeigen, dass sie für ihn da war, dass sie ihm helfen wollte, dass… Und ohne gross zu überlegen, rückte sie etwas näher zu ihm, schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte Keanu wirklich ganz fest an sich. So als wollte sie mitteilen, wie sehr sie sich um ihn sorgte und ihn auch spüren lassen dass sie für ihn da war. Keanu zögerte einen Augenblick, bis auch er endlich seine Arme um Leila legte, sein Kinn ganz sanft auf ihrer Schulter stützte und sie für einen ganz langen Moment ganz sachte an sich drückte.
„Ach Leila…“ sagte er nur und seine Stimme war so sanft, so wehmütig, fast verzweifelt, dass sie ihn noch fester an sich drückte. Und in diesem Augenblick spürte Leila nicht nur sein Herzklopfen….
Schon als sie ihn vorhin anfasste, durchfuhr sie wieder diese angenehme Wärme, eine Vertrautheit, die sie schon bei ihrer Begrüssung vor zwei Tagen vernahm. Doch diesmal war etwas anders. Keanu drückte sie noch immer ganz fest an sich, und sie fühlte sich wirklich wohl in seinen Armen. Für den Augenblick jedenfalls, doch ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren.

Was vermochte nur geschehen sein, dass Keanu jetzt so aus den Schuhen gekippt war??

Wieder löste sie sich von ihm und sah in sein Gesicht, das sie wieder so undurchdringlich ansah, mit diesen sagenhaften Augen und einem Blick der jede andere Frau schmelzen liess und ein Gefühl von Sehnsucht und Geborgenheit zu vermittelten versuchte…
„Da hat Dich aber jemand ganz schön durcheinander gebracht!“
stellte sie fest und Keanu liess seine Hände von ihrem Rücken auf ihren Oberarmen geleiten wo sie blieben. Keanu nickte sehr andächtig, dann schaute er sie nochmals ganz tiefgründig an und Leila versuchte in seinen Augen zu lesen. Dann zupfte er kurz an ihren langen Haaren und wortlos und ohne zögern zog er sie nochmals zu sich und umarmte sie ganz lange. Leila verstand ihn noch immer nicht, aber sie musste annehmen, dass seine Gefühle komplett durcheinander waren. Es konnte nicht am Wein liegen, obwohl sie ja die ganze Flasche getrunken hatten, aber vielleicht war es ja gerade der Wein, der Keanu endlich zum sprechen brachte. Und Leila war froh darüber; die Ungewissheit machte selbst ihr zu schaffen und sie wollte ja nichts mehr, als helfen und ihre Unterstützung anbieten, wenn er das wollte.
Doch im Moment umarmte Keanu sie einfach nur. Ganz fest und sein Brustkorb bebte schier von den tiefen Atemzügen, dann legte er seine Arme noch mehr um ihren Rücken, steckte seine Nase in ihr Haar und liess den Honigduft in sich einziehen…
Leila liess Keanu machen; wenn ihm das helfen sollte, dann war das auch gut für sie. Und so sassen sie einfach nur da, eng umschlungen, Kraft gebend und in trauter Zweisamkeit…. Leila´s Gefühl sagte ihr, dass dies richtig war, auch wenn er eine andere Beziehung haben sollte – sie waren schliesslich Freunde. Und selbst als er erneut seine Nase in ihre Haare steckte, fühlte sich das auch nicht abwegig an – im Gegenteil.

Ob es das Wiedersehen war nach so langer Zeit, die Stimmung, das gemeinsame Abendessen, der Wein, seine Gesellschaft, das hoffentlich klärende Gespräch, oder seine Berührungen, Leila spürte, dass da plötzlich etwas in ihr vorging. Gerade seine letzte Umarmung hatte Herzklopfen in ihr ausgelöst, das sich aber so anders anfühlte, nicht nur weil sie mit ihm litt. Nein, es war ein Herzklopfen, das sie schon lange nicht mehr so intensiv gefühlt hatte – und sie verstand sich selbst nicht – sie würde bald wieder abreisen und Keanu hatte offensichtlich selbst Probleme wegen eine jüngeren Frau. Da musste sie sich jetzt einfach zusammen reissen! Jetzt stand ER im Vordergrund, ganz eindeutig und das war ihr im Moment wichtiger als alles andere auf der ganzen Welt!!

Leila löste sich langsam aus Keanu´s Umarmung, liess ihre Hände auf seinen Unteramen liegen und sah ihn fragend an.
Seine Augen waren noch immer auf ihr Gesicht gerichtet, doch diesmal lag etwas darin, das sie ganz verlegen machte.
„Was?“ fragte Leila vorsichtig und strich sich mit einer Hand ziemlich verunsichert über ihre Wange bevor sie ihre Hand wieder zurückzog. Keanu rutschte auf der Couch noch etwas näher, zog Leila erneut an sich heran und sein Gesicht kam näher an ihres. Dann beugte er sich zu ihr, grub seine Nase nochmals in ihre Haarpracht, nahm einen tiefen Atemzug, liess seine Wange fast berührungslos an ihrer entlang gleiten und flüsterte in ihr Ohr:
„L – wie Leila…“

Leila stockte der Atem, ihr Herz begann wie wild zu rasen und als er sie im gleichen Moment, als er ihren Namen aussprach, ganz fest an sich drückte und Leila praktisch jeden Muskel seines Körpers spüren konnte, versagten ihre Lippen. Sie, Leila, würde der Grund für seine niedergedrückte Stimmung sein? Warum, weshalb, wieso nur ??
Leila spürte seine Hand, wie sie sanft über ihren Rücken strich – nein, so wie er sie gerade berührte, das taten Freunde nicht und sie stiess sich von ihm etwas ab, so dass sie sein Gesicht sehen konnte. Mit grossen Augen sah ihn fragend an. Noch immer steckte ein Kloss in ihrem Hals und diesmal war es Keanu, der endlich wieder seine Sprache fand.
„Leila, als Du mir damals sagtest, dass Du weiter ziehen würdest…“
Leila krallte ihre Finger in seinen Unterarm und als sie ihre Stimme wieder fand, fragte sie sanft, aber noch immer ungläubig über das, was er gerade selbst von sich gab: „was war damals, als ich weiter zog?“
Keanu verzog keine Mine, sein Blick war auf ihre Augen gerichtet und er hoffte, dass sie selber darauf kommen würde. Doch Leila wartete; sie wollte von ihm hören, was sie vermutete und mit einer aufmunternden Geste forderte sie Keanu auf, endlich zu reden:
„Gott, Mädchen, Du machst es mir nicht einfach!“ er holte tief Luft und fügte hinzu: „das hat mir im Herzen weh getan!“

Keanu´s Blick wanderte wieder zu Boden, scheu, verlegen und Leila suchte mit ihren Augen die seinigen, bis er sein Haupt wieder hob sie sich ihre Blicke wieder trafen. Wortlos schauten sie einander an; die ganze Zeit nun hatte Leila nun überlegt, wer Keanu so durcheinander gebracht haben könnte – aber dass schlussendlich sie der Grund sein sollte, dieser Gedanke war ihr bis anhin nie gekommen und jetzt konnte sie dies einfach kaum glauben!
Sie musste die Worte zuerst analysieren. Konnte es sein, dass ihr damaliger, kurzer Aufenthalt und die gegenseitige körperliche Anziehung tatsächlich etwas bei ihm ausgelöst haben konnte? Im Moment war das für Leila unvorstellbar; war nicht er es, der damals davon sprach, keine Zeit zu haben und ihr gegenwärtiges Zusammensein zu geniessen, ohne Verpflichtungen, ohne Gefühle, ohne wenn und aber? Und jetzt, jetzt fand er endlich Worte um ihr zu sagen, dass er ihretwegen gelitten hatte weil sie auf reisen ging?

Wieder sah Leila Keanu mit grossen, fragenden Augen an; ihre Gedanken wanderten für Millisekunden wieder zurück zu ihrer Reise und die Freundschaft mit Keanu: sie musste an all die Telefonate denken, die sie geführt hatten und die immer freundschaftlicher und offener wurden. Und Leila realisierte, dass es eigentlich mehrheitlich Keanu war, der sie anrief, und sie erinnerte sich, dass er meistens darauf bestand, dies zu tun, damit sie keine extra Kosten tragen sollte. Oder steckte damals schon mehr dahinter? Und was genau empfand sie für diesen Mann, der ihr ganz offensichtliche Avancen machte? Gott, ja, sie mochte diesen Mann, aber wie sehr mochte sie ihn? Mochte sie Keanu mehr als einen Bruder den sie nie hatte, einen Freund, einen Partner, jemanden bei dem sie sich ausheulen und anlehnen konnte, der mehr als einmal gesagt und gezeigt hatte, dass er für sie da war – waren grössere Gefühle vorhanden als diejenigen die sie gerade geistig aufgezählt hatte? Leila schüttelte verneinend den Kopf – sie war nie bereit dazu gewesen, ihre Gefühle für jemanden entflammen zu lassen, wenn sie schon zum Vornherein wusste, dass die Beziehung aus welchen Gründen auch immer keine Chance haben würde. Und bei Keanu war anfänglich ganz offensichtlich der Wunsch da, keine Beziehung eingehen zu wollen, zu können und genauso hatte sich Leila darauf eingestellt. Gut, sie hatten sich körperlich geliebt, mehr als einmal und sehr intensiv, aber geistig? Das war damals, vor so vielen Monden und jetzt? Jetzt schien die Sache kompliziert zu werden und Leila versuchte eine vernünftige Erklärung zu erhalten oder wenigstens eine Wegleitung, was geschehen sollte.

„Oh, Gott, Keanu –ich wusste nicht….“
Sie schaute ihn einfach an, noch immer getroffen von seiner Offenbarung und
diesmal war sein Blick fast verzweifelt, suchend was sie empfinden mochte, hoffend, dass er mit seinen Gefühlen nicht alleine da stehen würde….

Kapitel 16

Lange sah sie ihn an; wortlos, sprachlos, überrascht, ihre Gedanken überschlugen sich und sie wusste nicht, was sagen; jetzt war es Leila, die komplett durcheinander war!
Leila sah Keanu mit grossen Augen an; ihr Mund war bestimmt noch immer offen vor Verblüffung und als sie sich langsam gefasst hatte, entschuldigte sie sich, stand auf und liess Keanu einfach sitzen. Er wollte sie für eine Sekunde zurückhalten, doch er spürte, dass sie nun alleine sein musste und liess sie wortlos gehen.

Leila musste jetzt einen klaren Gedanken fassen können; gerade noch hatte sie von Heimkehr gesprochen, von ihrer Familie, Arbeit, wieder ein festes Standbein zu haben, von vorne zu beginnen… Und hier war ein Mann, dem sie offensichtlich und ganz unbewusst den Kopf verdreht hatte und der es jetzt fertig brachte, dass er sie innert Sekunden in ein totales Gefühlschaos zu katapultieren drohte!

Mit schnellen Schritten lief Leila Richtung Schiebetüre, öffnete diese und ging ins Haus und in ihr Zimmer. Sie musste jetzt alleine sein um wieder Boden unter den Füssen zu fassen. Scheinbar gedankenlos begann sie in ihren Sachen zu wühlen, so als wollte sie packen, nahm ein Kleidungsstück, legte es zusammen, legte es dann aufs Bett um zum nächsten Stück zu greifen, schob alles wieder beiseite, setzte sich und versuchte einen halbwegs normalen Gedanken zu fassen der auch Sinn ergab. Wie lange hegte Keanu schon diese Gefühle für sie und sie selbst hatte ja keine Ahnung? Und all die Monate wo sie einander nicht sahen? Was ging da in dem Mann vor? Was ging das selbst in ihr vor? Hegte sie ebenfalls tiefgründige Gefühle für diesen Mann, der ihr hier fast alles bieten konnte? Leila war nun völlig durcheinader, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzten, zu fühlen, ob sie tatsächlich mehr als Freundschaft für Keanu empfand, das konnte sie im Moment nicht. Und - warum, wenn er sie schon so mochte, hatte er sich gestern und heute von ihr abgewendet und liess sie alleine? Und wie gedachte er, dass es weiter gehen sollte? Erwartete er - jetzt wo sie wusste, was er für sie fühlte - dass sie eine Beziehung mit ihm eingehen würde, die vielleicht nur auf einer Seite von tiefgründigen Gefühlen begleitet würde? Und was genau erwartete er jetzt von ihr? Dass sie sich ihm um seinen Hals werfen und „Ich liebe Dich“ sagten würde?
Herrjeh, sie konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen und das machte sie fast fertig! Sie grub ihren Kopf in beide Hände, sie war müde, in einem emotionalen Chaos, der Wein hatte auch seine Spuren hinterlassen und – sie war extrem konfus!

Wie lange Leila so da sass, wusste sie nicht. Erst als sie ein leises Klopfen an ihrer Zimmertüre wahrnahm, erst da hob sie ihren Kopf und sah Keanu, der wieder mit einem sehr ernsten Gesicht um Einlass bat.
Leila nickte und gab ihm zu verstehen, dass er gerne herein kommen durfte. Keanu sagte kein Wort, kam langsam ins Zimmer, stellte sich an die Kommode und sah Leila fragend an.
„Es tut mir leid, Leila…“ begann er, rieb wieder ganz nervös seine Hände und Leila sah ihn mit grossen Augen an.
„Nein, Keanu es braucht Dir nicht leid zu tun. Mir tut es leid – hätte ich gewusst…“
„Dann - was?“ fragte Keanu vorsichtig.
Leila schüttelte den Kopf: „…Ich weiss auch nicht. Im Moment bin ich einfach damit überfordert. Ich hatte wirklich keine Ahnung…“ entschuldigte sie sich und sah Keanu fragend an: „und ich verstehe Dich auch nicht ganz…“
Keanu´s Blick wurde nun ebenfalls etwas neugieriger und Leila fuhr fort: „wenn ich Dir schon nicht ganz so gleichgültig sein soll – „ sie holte tief Luft: „warum hast Du Dich gestern von mir abgewendet?“
Keanu sah sie mit seinen braunen, warmen Augen an, überlegte einen Augenblick, trat einen Schritt näher ans Bett, setzte sich unaufgefordert neben sie und sah Leila eindringlich an. Ihr Gesichtausdruck war angespannt, neugierig und auf eine plausible Erklärung hoffend.
Keanus Blick geleitete wieder für einen Moment weg von ihrem Gesicht, so als brauchte er noch einen Augenblick, dann sah er ihr direkt in die Augen:
„Leila, ich wollte Dir nie das Gefühl übermitteln, mich von Dir abzuwenden. Im Gegenteil. Ich finde Dich nach wie vor enorm attraktiv, liebenswert, einmalig und wahnsinnig begehrenswert…“ er machte eine kurze Pause, seine Hände wieder ineinander gefaltet und langsam reibend: „als ich Dich gestern wieder sah, wurde mir klar, dass da mehr war, als das ich für Dich bis anhin empfunden habe. Da kamen auf einmal Gefühle in mir hoch, Gefühle die anders waren als diejenigen, die man für einen guten Freund empfindet…“
Keanu machte eine kurze Pause und musterte Leila die ihn mit noch grösseren Augen ansah, dann sagte er: „ ich habe mich nicht von Dir abgewendet. Ich musste einfach alleine sein, alleine um heraus zu finden, was das genau für Gefühle sind…“
wieder rieb er seine Hände, diesmal verlegen und seine Augen wendeten sich wieder von Leila ab. Leila drehte sich wieder zu ihm, sah ihn genauso eindringlich an und schüttelte den Kopf.
„Deswegen warst Du heute den ganzen Tag unterwegs…“ stellte sie fest und ihr wurde klar, wie ernst es Keanu meinte. Er nickte:
„Leila, ich habe mich in Dich verliebt…“ und sah sie mit einem Blick an, der sie in einer anderen Situation zum schmelzen gebracht hätte, doch sie wehrte zaghaft ab.
„Keanu – es tut mir leid, ich – ich mag Dich sehr….“
Wie konnte, wie sollte sie ihm sagen, dass ihre Gefühle nicht so stark waren wie seine???? Oder waren sie das? Oder war es der Wein, sein Geständnis, oder das ganz Drumherum… Leila wusste in dem Moment nicht, wie tief sie für diesen Mann empfand und - sie wollte ihn nicht verletzten!

Keanu sah Leila mit seinem bekannten, undurchdringlichen Blick an und schüttelte leicht den Kopf. Ihr Blick hatte alles gesagt und er verstand, auch wenn es wehtat:
„Es tut mir Leid, Leila, ich dachte….“
Gott, er war überzeugt, dass Leila genauso fühlen würde wie er aber damit hatte er nicht gerechnet. Da waren tonnenweise Frauen die ihn begehrten, aber ausgerechnet diejenige, in die er sich verliebt hatte, die wollte nichts von ihm wissen. Eine bittere Pille für einen begehrten Junggesellen…

Wortlos verliess Keanu das Zimmer, warf nochmals einen Blick auf eine nachdenkliche Leila, schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und schloss leise die Türe. Dann ging er ins Wohnzimmer, goss sich noch ein Glas Whiskey ein und setzte sich vor den noch immer lodernden Kamin.

Kapitel 17

Leila lag noch lange wach und grübelte. Vielleicht war es einfach besser, wenn sie in den nächsten Tagen nach Hause fliegen würde. Diese Situation war für sie sehr unangenehm und Distanz würde vielleicht auch einiges klären. Wie sie was organisieren wollte, darüber würde sie am nächsten Tag nachdenken; im Moment war sie einfach zu müde und zu durcheinander….

Als Leila am nächsten Morgen in die Küche kam, hatte Keanu bereits den Frühstückstisch gedeckt und sass am grossen Tisch, eine Tasse Kaffee vor sich und las in einem dicken Buch. Als er Leila herein kommen hörte, sah er kurz auf und begrüsste sie mit einem vermeintlich fröhlichen „Guten Morgen, Leila“.
Leila erwiderte seinen „Guten Morgen“ - Gruss, liess sich ebenfalls eine Tasse Kaffe aus der Maschine und setzte sich zu ihm. Sie musterte Keanu einen Moment; er sass da, als ob nichts geschehen war, keine Offenbarung, keine intensive Gespräche über Gefühle und Zukunft die statt gefunden hatten, sondern er sass einfach da und las in seinem Buch. Leila wusste, dass er innerlich litt, auch wenn er sich gut verstellen konnte; er sah müde aus welches von einer kurzen Nacht zeugte. Aber sie konnte die Situation nicht ändern, also musste sie das Beste daraus machen, so wie er. Und sie entschloss sich, das Thema vorläufig nicht mehr anzuschneiden.
Die beiden Frühstückten erst zusammen, dann schlug Keanu vor, dass sie zusammen in die Stadt fahren sollten. Das taten sie, Keanu nahm seinen Porsche hervor, liess sogar Leila fahren, zeigte ihr den Weg zum Rodeo Drive, wo sie erst Windowshopping machten, dann kaufte er sich ein paar neue Schuhe, die Leila für total schräg fand und dazu neue, schwarze Jeans. Später assen sie im Rodeo Drive einen Teller Pasta bevor sie weiter nach Santa Monica an den Strand fuhren.

Die ganze Zeit war die Stimmung locker, ungezwungen, nur zwischendurch berührten sie einander wie zufällig und es war, als wären sie schon immer so zusammen gewesen – wie gute Freunde eben. Sie lachten, erzählten Witze und als sie am Strand angekommen waren, zog Leila ihre Schuhe und Strümpfe aus und lief ganz ungezwungen neben Keanu im noch kühlen Sand. Der Wind blies und hinterliess einen salzigen Geschmack in ihren Mündern, den sie bei einem Glas Weisswein und einem Shrimpcoctail am Pier vergessen liessen. Erst als sich die Sonne langsam zu neigen begann und es wieder kühler wurde, erst dann kehrten sie wieder in sein Haus zurück. Vergessen war die bedrückende Stimmung, sie hatten den Tag einfach genossen und als Keanu später Pizza bestellte und eine Flasche Rotwein öffnete, sassen sie auf der Terrasse und assen Stück für Stück, bis die Lichter der Grossstadt den Himmel erleuchteten und die beiden schlussendlich den Rest vom Wein vor dem angezündeten Kamin genossen.
Als sie sich zum schlafen gehen verabschiedeten, zog Keanu Leila kurz zu sich, drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange, schaute sie lange an und sagte:
„Ich danke Dir für diesen Tag…“
Leila nickte: „Nein, ich danke Dir für Deine Zeit. Es war wirklich schön!“
und das meinte sie ehrlich und von ganzem Herzen, drückte ihm ebenfalls einen sanften Kuss auf die Wange, die inzwischen von einem Zweitagebart etwas kratzte, drehte sich um und ging in ihr Zimmer.

Die folgenden Tage verbrachten die beiden ebenfalls zusammen; Keanu half Leila ihr Auto zu verkaufen, dann hatte sie den Rückflug für die kommende Woche gebucht und die restliche Zeit würden die einfach noch geniessen.
Keanu fuhr mit ihr in die Berge, sie machten einen Ausflug auf dem Motorrad und gingen wieder zum Strand. Keanu war aufmerksam, aber nicht aufdringlich, sehr bemüht um Leila´s Wohl, umwarb sie auf seine ganz persönliche Art, liess sie auch alleine wenn er spürte, dass ihr seine Nähe vielleicht zu viel wurde, lud sie zum Essen in eines seiner Lieblingsrestaurants Downtown ein und war einfach für sie da.

Der Abschied nahte, Leila hatte ihre Koffer schon am Vorabend gepackt und als der Morgen anbrach, hatten beide nicht viel geschlafen. Noch lange sassen sie zusammen auf dem grossen, weissen Sofa, Keanu hielt Leila eine Zeitlang einfach nur im Arm, sie tranken noch einen guten Tropfen und redeten schlussendlich lange und ausgiebig bis sie schlussendlich noch ein paar Stunden Schlaf holten.

Nach dem Frühstück sassen sie noch eine Weile auf der Terrasse, bis der Zeitpunk zum Aufbruch nahte und Keanu Leila zum Flughafen fuhr. Als sie sich verabschiedeten, lagen sie einander lange in den Armen, ganz eng umschlungen und hielten einander nur fest. Irgendwann löste sich Keanu, legte seine Hände auf Leila´s Schultern, sah ihr in die Augen, die sich langsam mit Tränen zu füllen drohten und drückte ihr wortlos einen sanften Kuss auf die Lippen, den sie ganz vorsichtig erwiderte. Gott, sie mochte diesen Mann; gerade die letzten paar Tage versuchte sie darüber im Klaren zu werden, was sie eigentlich wollte und Keanu machte ihr den Abschied auch nicht gerade leichter. Aber jetzt war die Zeit da, wo sie nach Hause wollte, Mann hin oder her – ihre Familie war ihr im Augenblick einfach wichtiger. Und sie brauchte Abstand.

„Ich danke Dir für alles, Keanu“
Leila hielt seine Hand fest, drückte diese und versuchte ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Keanu sah sie einen Moment lang an, lächelte ebenfalls, etwas verlegen und antwortete:
„Ist gerne geschehen. Ich hoffe, dass Du all das findest, was Du suchst und was Du Dir auch wünschst“
sagte er und eine unvermeintliche Wehmut lag in seiner Stimme, auch wenn er sich darum bemühte, so locker wie sonst zu klingen. Leila kannte ihn und sie wusste….
Als der nächste Aufruf für ihren Flug erklang, umarmten sie sich nochmals und Leila flüsterte in Keanu’s Ohr:
„Ich werde über uns nachdenken…“,
drückte ihm nochmals einen Kuss auf die Wange die inzwischen von einem sanften Bart bedeckt war, sah nochmals in die tiefgründigen, braunen, warmen Augen, lächelte ihn ein letztes Mal verlegen an, drehte sich um und lief gen Passkontrolle.

Vor dem Gate drehte sie sich nochmals um und sah, dass Keanu noch immer dort stand, wo sie sich verabschiedeten, ihr nachschaute und als sie durch die Türe verschwand, winkten sie einander nochmals zu – beide versuchten ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern um einander noch ein letztes, schönes Bild zur Erinnerung zu hinterlassen….

…. TO BE CONTINUED ???? …..

Kapitel 18

Leilas Heimkehr war begleitet von enormen Emotionen; sie war glücklich, ihre Familie wieder in die Arme zu schliessen, ihre Freunde zu sehen und wieder in ihrer alten, gewohnten Umgebung zu sein. Die Umstellung allerdings von der grossen, weiten, unendlichen Welt Nordamerikas zurück in die geografisch eher kleine Schweiz fiel ihr nicht gerade leicht. Die Integration von ihrer gerade gewonnen Freiheit in das geplante angehende wieder einleben in die Berufswelt hatte sie noch vor sich. Doch vorerst sollte sie noch in den Erinnerungen schwelgen, und noch tagelang erzählte sie ihrer Familie und ihren Freunden, was sie auf ihrer Reise alles erlebte; die Sache mit Keanu verschwieg sie allerdings.

Schon zwei Wochen später wurde Leilas Stimmung ziemlich bedrückt; die anfängliche Euphorie über die Rückkehr, Job suche, Wohnungswiederaufnahme, all das schien nicht spurlos an ihr vorüber zu gehen. Hinzu kam das schlechte Wetter; nichts da mit Sonne und angehende Wärme, nicht mal ein Aufenthalt an einem der Sandstrände am Lago Maggiore konnte ihr das Gefühl der Kalifornischen Sonne vermitteln. Nur Keanu, der sie schon am ersten Sonntag anrief und unbefangen mit ihr plauderte, verhalft ihr zu einen Aufsteller.

Die Wochen vergingen, und Leila merkte, dass diese Welt hier nicht mehr dieselbe war, wie sie sie verlassen hatte. Etwas ganz Eigenartiges ging in ihr vor; sie ass kaum noch und ihre Gedanken schweiften immer wieder in die Staaten. Sie vermisste die Unabhängigkeit, die Freiheit, Tun und Lassen können wie und was sie wollte, so wie sie es in all den Monaten tat und – sie griff öfters zu ihrem Handy und schickte Keanu eine SMS, einfach um erfahren, wie es ihm ging, einfach, um mit ihm in Kontakt zu sein….
Die anfänglich spärlichen Anrufe pendelten sich langsam aber sicher wieder ein und schlussendlich hatten sie einander jeden Sonntag an der Strippe und es war, als ob Leila einfach wieder auf Reisen wäre und bald wieder zurückkehren würde. Keanu und Leila tauschten einander aus, erzählten was die vergangene Woche passiert war, Leila erzählte von ihrem neuen, langweiligen Job, dass sie wieder in ihrer alten Wohnung hauste und – wie sehr sie die Staaten vermissen würde. Keanu selbst hatte wieder neue Projekte, war selber viel auf Reisen und als er erfuhr, dass Leila im August 3 Wochen Ferien plante, lud er sie spontan nach LA ein. Erst nach anfänglichem Zögern sagte Leila zu; sie hatte ihre Schulden bei Vater noch nicht mal halbwegs abbezahlt und Ferien, so wie sie sich Keanu vorstellte, konnte sie sich eigentlich gar nicht leisten. Doch Keanu bestand darauf und ein paar Tage später überbrachte ein Express Kurier Leila ein Couvert gerade als sie von der Arbeit nach Hause kam. Im grossen Couvert fand sie ein Flugticket und einem Zettel dazu auf dem stand; „Wir treffen uns in LA… In Liebe K. „

Sprachlos starrte sie auf die Flugdaten; Zürich - Los Angeles – Hawaii und wieder zurück! Keanu hatte sie nach Hawaii eingeladen! Unglaublich! Und schon begann es wieder zu rotieren – Gott, sie könnte sich diese Ferien nie und nimmer leisten und was Keanu hier tat war mehr als Grosszügigkeit!! Konnte sie das wirklich annehmen? Leila zögerte einen Augenblick – ja sie konnte, und – sie wollte. Der Gedanke an Sonne, Strand und Meer zogen vor Leilas geistigem Auge vorbei – Waikiki Beach, baden, faulenzen, geniessen und – Keanu! Schon die Vorstellung, mit ihm alleine dorthin zu fliegen liess ihr Herz etwas höher schlagen und sie freute sich wie ein kleines Kind – waren es mehr die Emotionen über die aussergewöhnlichen Ferienort oder war es eher der Mann, der ihr dieses Gefühl vermittelte, in diesem Augenblick auf Wolke Nummer Sieben zu schweben??
Leila brauchte noch einen Moment um sich nochmals ein gründliches Bild über diesen angehend Urlaub zu machen und sie beschloss, die ganze Sache so locker als möglich angehen zu lassen was natürlich nicht so einfach war. Aber zumindest wollte sie es versuchen.
Erst mal musste sie sich wieder beruhigen und später dann würde sie Keanu anrufen. Durch die Zeitverschiebung war es in LA noch früh morgens und somit hatte sie noch Zeit, um sich ein kleines Abendbrot zu bereiten. Später dann wählte sie seine Handy Nummer und schon kurz darauf redeten wie schon so oft erst über den Alltag und dann das eigentliche Thema. Leila gab Keanu zu verstehen, dass sie davon ausgegangen war, dass sie ihn in LA besuchen würde und nicht auch noch nach Hawaii fliegen.
„Magst Du Hawaii nicht?“ fragte er vorsichtig und Leila konnte sein Grinsen durch die Leitung spüren. Verlegen antwortete sie:
„Das kann ich nicht beurteilen; da war ich noch nie. Ich kenne es bloss von den Bildern und aus Filmen…“
„Und – würdest Du gerne eine der Inseln kennen lernen?“ bohrte Keanu weiter; offenbar machte er sich einen Spass aus Leilas Zögern, doch sie versuchte sachlich zu bleiben.
„Keanu, ich dachte, wir würden ein paar Wochen zusammen in und um LA verbringen… „ Leila sah Bilder von Keanu vor sich, von seinem Haus, Ausflügen auf dem Motorrad, Strandbesuche, Barfuss im Sand laufen, Sonnenuntergängen über der Stadt, die sie auf dem Sitzplatz genossen…“…aber Hawaii??“ fügte sie hinzu.
Keanu wurde nun auch ernster; offenbar hatte Leila wirklich ein Problem damit und er musste herausfinden, was genau der Grund sein konnte.
„Warum hast Du so grosse Bedenken? Vertraust Du mir nicht?“
Diesmal huschte ei Grinsen über Leilas Gesicht. Wieso sollte sie ihm nicht vertrauen? Nach allem, was sie zusammen erlebten hatten und voneinander wussten? Ihre Bedenken waren mehr wegen der finanziellen Sicht, nicht weil sie ihm nicht vertraute. Keanu vernahm einen tiefen Atemzug, dann meldete sich Leila wieder:
„eigentlich habe ich gar keine Bedenken; nur – Du weißt, dass ich noch Schulden bei meinem Vater habe… „
Also da war der Wurm drin… Keanu überlegte einen Augenblick; Geld für ihn spielte keine grosse Rolle; er hatte ja mehr als genug davon. Und ihm war auch bewusst, dass nicht alle Menschen in seinem Leben in so einer glücklichen Lage waren, sich all das leisten zu können, was das Herz begehrte. Und er wusste auch, dass Leila einer der Menschen davon war. Dass sie allerdings so bescheiden und ehrlich war, das überraschte ihn immer wieder.
„Leila – mach’ Dir deswegen keine Sorgen. Ich habe Dich doch eingeladen und zu einer Einladung gehört doch das ganz Paket. Es tut mir leid wenn ich Dich mit Hawaii überrannt habe; ich dachte, es wäre eine nette Überraschung…“
Keanu machte eine kurze Pause – vielleicht war er wirklich zu überheblich und Leila passte dies gar nicht? Wenn das so sein sollte; annulliert war schnell und sie würden sich auch hier ein paar schöne Wochen machen, wenn das Leilas Wunsch wäre…
Keanu wartete einen Moment auf eine Antwort, doch Leilas Gedanken überschlugen sich schon wieder. Erst einige Augenblicke später meldete sie sich wieder:
„Eine nette Überraschung?“ hauchte sie in den Hörer – „Du machst wohl einen Scherz?“
„Nein – ist mein voller Ernst“ antwortete Keanu und Leila erwiderte:
„Hawaii – also wirklich!“ fast beschämend meinte sie: „weißt Du, äusserst grosszügig von Dir…“
Gott, konnte sie das Angebot wirklich unghemmt annehmen??
„Ach, ist doch Peanuts“ erwiderte Keanu und versuchte Leila wirklich alle Bedenken auszureden: „ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Du Dich dazu entschliessen könntest. Ansonsten..“
Keanu konnte nicht mal aussprechen; seine Worte hatten Leila nun euphorisch gepackt und hastig meinte sie:
„Ansonsten?“
„Nun, annulliert ist schnell…“
Leila überlegte einen Moment; also wenn das mit Hawaii wirklich sein vollkommener ernst war, was hinderte sie dann noch daran, ihre Einwilligung zu geben?

Kapitel 19

Die beiden sprachen noch lange über den angehenden Urlaub und einmal mehr kam Leila kaum zum Schlafen. Zu aufgeregt war sie; obwohl die Reise erst in ein paar Wochen stattfinden würde, die Zeit würde wohl kaum schnell genug vergehen bis zum Abflug. Doch der Tag kam und Leila verabschiedete sich einmal mehr von ihren Eltern.

Die erste Reiseetappe verlief ohne Komplikationen; der Umstieg und die Wartezeit in New York vergingen auch relativ reibungslos. Der anschliessende Flug in die Filmmetropole dauerte zwar auch noch einige Stunden und somit hatte Leila auch noch etwas Zeit zu schlafen, oder zumindest etwas Erholung zu suchen. Immerhin war sie schon seit vielen Stunden unterwegs, vertrieb sich die Zeit mit Lesen und Filmen anschauen, aber auch mit grübeln. Was würde sie diesmal wohl in den Staaten erwarten? Wie würde das erneute Zusammensein mit Keanu verlaufen? Wie würden sie die drei gemeinsamen Wochen wohl verbringen? Keanu hatte vorgeschlagen, dass sie die ersten paar Tage in LA verbringen würden, damit sie sich ausruhen und wieder an die Zeitverschiebung gewöhnen konnte. Danach erst würden sie zusammen nach Hawaii fliegen und „richtig Urlaub“ machen, was immer er auch darunter verstehen mochte, denn er wollte mit seiner Idee von „richtigem Urlaub“ nicht herausrücken, da konnte ihm Leila noch so viele Löcher in den Bauch fragen…

Und Leila wurde zunehmend nervöser, je näher sie zu ihrem zweiten Reiseziel kam. Aber warum bloss? War es mehr die Aufregung, Keanu nach so langer Zeit wieder zu sehen? Oder war es eher die spätere Reise auf eine der beliebtesten Ferieninseln der Welt, die sie jetzt in einen Zustand von Nervosität versetzte? Energisch schüttelte sie den Kopf, so als könnte sie das inzwischen eingesetzte Kribbeln aus ihrem Körper loswerden. Doch mit dem Kribbeln meldeten sich auch langsam wieder Kopfschmerzen an. Diesmal hatte sie ihre Medi dabei und hastig begann Leila in ihrer Tasche nach den erlösenden Tabletten zu suchen. Sie hatte inzwischen gelernt mit der Migräne umzugehen und sie wusste, dass diese entweder hormonisch bedingt auftrat oder eben wenn sie aufgeregt und nervös war. Und diesmal war es ganz offensichtlich Letzteres.
Leila fragte das Kabinenpersonal nach einem Wasser und nahm das Medikament ein. Jetzt braucht sie nur noch einen Moment Ruhe und sie hoffte, dass sie die Schmerzattacke bis zur Landung bekämpft hatte. Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich zurück und versuchte sich die Bilder von ihrem ersten Besuch bei Keanu hervor zu rufen. Sie sah die Bilder der kalifornischen Sonne, die langsam ins Meer versank und sich allabendlich verabschiedete, sie sah sich am Sandstrand barfuss laufen und sie spürten den salzigen Wind in ihrem Gesicht und auf ihren Lippen, sie sah die Berge, das Meer, die Städte die sie bereiste und die sie so unendlich vermisste, und - sie sah sich auf der Terrasse von Keanu´s Haus sitzen und auf die Stadt blicken wohl wissend dass Keanu ganz in der Nähe war. Was genau die Melancholie in ihr Auslöste, dass all die Erinnerung jetzt in ihr hervorrief, wusste Leila im Moment nicht, aber sie begann sich langsam wieder zu beruhigen und ein eigenartiges Gefühl kam in ihr hoch. Sie fühlte sich ausgesprochen wohl bei dem Gedanken an diese Umgebung und langsam aber sicher entschwand ihre nüchterne Gegenwart in die hervorgerufene Szene. Halb schlafend, halb wach nahm sie das Rundherum nur noch vage wahr und entglitt dem gegenwärtigen Sein und vertiefte ihre Gedanken wieder an die vergangenen Bilder die sie noch einmal in einen überaus angenehmes, beruhigendes und klares Sein versetzten.

Wie lange sie in diesem Zustand war, wusste sie nicht, erst als sie an der Schulter wachgerüttelt wurde und aus dem Fenster sah, realisierte Leila, dass das Flugzeug bereits zur Landung angesetzt hatte. Mit einem Schlag war sie hellwach und glücklicherweise stellte sie fest, dass sie tatsächlich keine Kopfschmerzen mehr hatte! Welch ein Wundermittel! Schnell packte sie ihre Sachen in den kleinen Rucksack den sie vor sich auf dem Boden hatte und lehnte sich halbwegs entspannt zurück. Mit einem Blick auf ihre Uhr stellte sie fest, dass der Flug fast 20 Minuten früher als geplant landete und ihre Gedanken glitten nun vollends zu Keanu. Er hatte zwar versprochen, sie am Flughafen abzuholen, aber würde er durch die neue, frühere Ankunftszeiten auch schon dort sein?
Leila hatte gehofft, dass sie sich nach der Landung noch etwas frisch machen konnte, aber in anbetracht der eingesparten Flugzeit hatte sie vielleicht keine Zeit mehr dazu…

Als der Flug endlich in LA landete, stand Keanu bereits in der Ankunftshalle. Leila war relativ schnell durch die Passkontrolle, suchte hastig eine Toilette auf, machte sich frisch, holte ihren Koffer ab und als sie endlich aus der Zollabfertigung in die Empfangshalle kam, wurde sie wieder zunehmend nervöser. Sie blieb einen Augenblick stehen um zu sehen, ob sie Keanu sehen konnte und mit einem unruhigen Blick wanderten ihre Augen an der Absperrung entlang. Offenbar waren mehrere Flüge gleichzeitig angekommen und eine Unmenge an Willkommensgäste wartete auf der anderen Seite des Geländers. Wieder wanderte Leilas Blick umher und mit langsamen Schritten ging sie auf die Schleuse zu. War Keanu überhaupt da? Hatte er die neue Ankunftszeit mitbekommen? Wo würden sie sich treffen, wenn sie sich verpassen würden? Noch bevor sie weiter denken konnte, sah sie jemanden etwas weiter hinten, der von der Grösse her durchaus Keanu sein konnte. Doch in dieser Menschenmenge war sie sich nicht sicher. Es gab so viele grosse Leute hier und auch wenn sie dachte, dass Keanu bestimmt auffallen würde, so musste sie sich eingestehen, dass er hier in dieser Umgebung wohl kaum so sein würde. Er war Mensch wie jeder andere und als sie einen weiteren Blick auf den Mann warf, fand sie, dass es unmöglich Keanu sein konnte. Irgend etwas schien nicht zu passen und so suchte Leila weiter, verlangsamte ihren Schritt noch mehr und blieb schlussendlich stehen. Sie stand nun selbst in der grossen, belebten Halle, links und rechts hasteten Menschen an ihr vorbei, die wie sie aus der Zollabfertigung kamen und die hier entweder von ihren Lieben begrüsst und abgeholt wurden, oder Geschäftsleute, die es eh immer eilig hatten und an ihr vorbei liefen.
Leila stand einfach nur da, noch immer suchend nach Keanu und jetzt erst recht wurde sie nervös. Was, wenn sie sich tatsächlich verpasst hatten? Vielleicht war Keanu doch noch gar nicht hier? Oder vielleicht war er im Verkehr stecken geblieben? Leila schüttelte abermals den Kopf, sie musste jetzt Ruhe bewahren, wenn sie nicht wieder die Kopfschmerzen hervor beschwören wollte. Das einfachste war, wenn sie ihn anrufen würde, dann würde sich die Situation bestimmt bald klären.
Leila suchte gerade die Nummer auf ihrem Handy, als sie von einem grossen, dunkelhaarigen Mann angesprochen wurde.
„Entschuldigung …“

Kapitel 20

Leila hob den Kopf und sah in ein grinsendes, vollbärtiges Gesicht, das sie mit warmen, braunen Augen ganz schelmisch anguckte. Für einen Augenblick blieb ihr der Atem weg; von weitem hätte sie Keanu unmöglich erkannt, doch jetzt, diese Augen und das Lächeln!
Ein erleichterter Atemzug zeugte davon, dass Leila nun halbwegs beruhigt war und mit einem freudigen
„Hallo Keanu!“ begrüsste sie ihn, sichtlich erlöst, dass er da war.
Keanu lächelte, nahm sie in seinen Arm und drückte sie ganz lange an sich. Er grub seine Nase in ihre Haare, führte seinen Mund an ihr Ohr und sagte;
„tut mir leid, dass Du warten musstest!“
Leila löste sich langsam von ihm und sah Keanu tief in die Augen.
„Ich bin froh, dass Du da bist. Ich wollte Dich gerade anrufen. Weißt Du, der Flug…“ sie brauchte nichts zu erklären, Keanu nickte, sah sie einfach nur an; er verstand.
„Du siehst gut aus!“
bemerkte er und seine Augen wanderten an Leila entlang, von oben bis unten. Leila verdrehte die Augen – es war ein schönes Kompliment, wenn sie sich auch nur halb so gut fühlte; die lange Reise hatte ihre Spuren hinterlassen, das war unübersehbar aber sie fand Keanu sehr charmant. Dann liess sie ihren prüfenden Blick genauso über Keanu´s Body gleiten; erst jetzt viel ihr auf, dass sein Bartwuchs und auch seine Haare länger waren als sie von ihm kannte. Die Mütze auf seinem Kopf war auch nicht gerade ohne und noch immer trug er die alten, durchlöcherten Jeans und die braunen Schuhe, die er so oft zum Motorradfahren an hatte. Typisch Keanu eben und sie musste schmunzeln. Genauso hatte sie ihn in Erinnerung, abgesehen von der Haarlänge…
„Du aber auch!“ antwortete sie grinsend und zeigte auf seine Jeans.
„Die können glaub ich auch ein wenig Urlaub gebrauchen..“ fügte sie hinzu und zeigte auf die Löcher in den Knien.
Keanu grinste: „wirklich? Das ist der neueste Modetrend von LA…“
Leila lachte und Keanu legte seinen Arm um ihre Schulter.
„Schön Dich zu sehen!“ antwortete er und drückte sie nochmals ganz fest an sich.
„Hast Du Hunger?“ fragte er vorsichtig.
Leila nickte, irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht. Die Aufregung liess ihr diesbezüglich auch keinen klaren Gedanken.
„Wollen wir in unser Restaurant am Strand oder möchtest Du lieber nach Hause?“
Sein Blick war sehr eindrücklich und Leila musste ob der Bemerkung über „unser Restaurant“ schmunzeln. Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, wenn sie sich erst hätte ausruhen können; nach der langen Reise verlangte ihr Körper Ruhe und sie wusste, dass sie diese am besten zu Hause fand.
Keanu nickte, packte ihren Koffer, nahm wie selbstverständlich ihre Hand und zusammen gingen sie zu seinem Auto. Leila musste wieder grinsen; die Situation war wie damals, nur diesmal war es ein Wiedersehen und kein Abschied und - Keanu war charmant wie immer…

Der Abendverkehr hatte eingesetzt und die Fahrt in die Hills dauerte länger als üblich. Auf dem ganzen Weg redeten die beiden über alles Menschen mögliche und obwohl Keanu sich auf den Verkehr konzentrierte, schweifte sein Blick zwischendurch zu Leila, die ihn dann fragend ansah. Doch er lächelte nur und – einmal mehr – wurde Leila nicht schlau aus ihm oder seinem Verhalten. Sie dachte sie kannte ihn inzwischen doch diese Geste blieb ihr nach wie vor rätselhaft…
Keanu grinste Leila entweder an, lächelte zaghaft, schenkte ihr eindringliche Blicke oder warf nur kurz einen Blick herüber um sich gleich wieder dem Verkehr zu zuwenden.
Nie mehr hatten sie über ihre Gefühle gesprochen und Leila war sich auch nicht sicher, ob Keanu noch immer für sie nach so langer empfand - ausser tiefer, ehrlicher Freundschaft die ein sagenhaftes Band um die beiden gewickelt hatte….

Als sie später im Haus ankamen, stellte Keanu Leilas Gepäck in ein anders Gästezimmer als dasjenige, das sie vor ihrem Abschied hatte. Wie aufmerksam von ihm; offenbar verband er jenen Raum ebenfalls mit eher schlechten Erinnerungen…
Leila dankte ihm dafür, dass er sie abgeholt hatte und gab Keanu zu verstehen, dass sie sich erst duschen wollte, bevor sie später zusammen Essen wollten. Keanu verstand und währenddem sich Leila frisch machte, bestellte er Thailändisches Essen, da er wusste, dass Leila dies über alles liebte und bei ihr zu Hause kaum in mit dieser Auswahl bekam.

Leila stand schon eine ganze Weile unter der Dusche, liess das warme wohltuende Wasser über ihre Haut gleiten, wusch die langen Haare und fand langsam aber sicher wieder zu sich selbst. Irgendwie konnte sie noch gar nicht fassen, dass sie wirklich wieder hier war, nach so langer Zeit und sie freute sich, dass sie Keanus Einladung nach endlosen Diskussionen doch noch gefolgt war. Wie sonst hätte sie ihre wohlverdienten drei Wochen Urlaub verbracht? Irgendwo am Baggersee oder mit Spaziergängen auf einer Alp? Oder vielleicht sogar auf Balkonien oder in Gardenien?? Nein, hier zu sein war bestimmt das Beste, was sie tun konnte und sie bedauerte keine Augenblick, dass sie sich doch so entschlossen hatte.

Als Leila endlich im Bad fertig war, zog sie ihren geliebten, grauen Trainer an, dicke Socken und ging, mit noch halbnassen Haaren in die Küche. Keanu hatte sich inzwischen ebenfalls umgezogen, trug selbst Trainerhosen und ein T-Shirt und hatte auch schon den Tisch gedeckt. Er war gerade dabei eine Flasche Rotwein zu öffnen, als Leila den Raum betrat.
Mit einem anerkennenden Blick nickte er ihr zu und bat sie zum Tisch. Der Hauslieferdienst war gerade eben da und das Essen stand schon auf dem Tisch, zwar noch immer in der Lieferpackung und wärmend eingepackt, doch es roch hervorragend und Leila bekam langsam aber sicher richtigen Hunger.
„Kann ich Dir helfen?“ frage sie vorsichtig und Keanu lächelte.
„Du könntest die Gläser halten“ bat er Leila und sie tat wie geheissen.
Als diese gefüllt waren, stellte Keanu die Flasche weg, Leila gab ihm eines der Gläser und Keanu liess einen Trinkspruch erklingen:
“Auf Dich“ sagte er und sah ihr so tief in die Augen, dass es Leila ganz verlegen wurde.
„Nein, auf Dich“ antwortete sie und sah ihm geradewegs in die dunklen, braunen Augen, die wieder ein seltsames Leuchten versprühten.
„Auf uns“ antwortete Keanu und stiess sein Glas an ihres, so dass der helle Klang von gutem, mund geblasenem Kristall erklang.
Leila lächelte ihm zu, dann setzten sie sich und begannen, die Köstlichkeiten auszupacken und auf den Tellern zu verteilen.
Während dem Essen redeten sie wieder über so viele Themen, über Gott und die Welt und als sie schlussendlich zum Abwasch über gingen, da wurde Leila in eine Situation versetzt, die sie schon vor Monaten erlebt hatte. Ein richtiggehendes Déja Vu passierte als sie vor dem Abwaschtrog stand und ihre Hände das schmutzige Geschirr im warmen Seifenwasser zu waschen begann: vor ihrem Geistigen Auge liefen gerade die Bilder ab, die sie in genau derselben Situation damals hier erlebt hatten und die ihr erst so viel später richtig bewusst wurden. Leila stand für einen Moment wie angewurzelt da.
Sie konnte sich ihre Gefühle in diesem Augenblick auch nicht erklären; innerlich zerriss es sie fast; ihr Herz begann wie wild zu klopfen, ihr Kopf begann sich zu drehen und ihre Hände fingen an zu zittern. Was nur geschah hier mit ihr jetzt und in diesem Augenblick? Bahnte sich da etwa wieder eine Migräne an?? Oder fing ihr Blutdruck an zu spinnen? Eigenlicht hatte sie keine sonstigen gesundheitlichen Probleme und sie konnte sich keinen Reim auf diese Reaktion machen!
Keanu kam gerade aus dem Esszimmer und brachte das letzte Geschirr in die Küche, als er
Leila so reglos da stehen und grübeln sah. Erst als er die letzte Schüssel neben den Trog stellte, riss er sie aus den Gedanken und sah sie fragend an.
„Leila, ist alles in Ordnung?“
Leila zuckte bei seinen Worten zusammen und war im nu wieder zurück in der Wirklichkeit. Sie sah ihn mit grossen Augen an und antwortete - zögernd;
„ja, ich denke schon“ und machte ich hastig ans restliche Geschirr und versuchte seinen Blicken auszuweichen. Noch immer bebte ihr Körper, etwas, das sie noch nie so erlebt hatte und sie wunderte sich, was der Grund dafür wohl sein konnte.

Keanu sah Leila einen Moment lang zu, dann nahm trat er zu ihr, legte seine Hände auf ihre Schultern, liess seine Arme um ihren Oberkörper gleiten und drückte sie für einen langen Moment an seine Brust. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war und hielt Leila einfach nur fest. Sie wehrte sich nicht; liess es einfach geschehen, ohne sich umzudrehen, ohne ihre Hände aus dem Wasser zu nehmen, starr und fast ohne jegliche Bewegung liess sie Keanu einfach machen, schloss die Augen und spürte seine Umarmung…

Kapitel 21

„Komm, lass das Geschirr. Lass und noch ein wenig auf die Terrasse gehen“ sagte er behutsam währendem er seine Hände auf ihre Schultern legte und diese leicht drückte. Leila konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren und sie legte ihren Kopf etwas zur Seite, so als wolle sie seiner Berührung ausweichen. Im gleichen Moment drehte Keanu Leila sachte zu sich und sah sie an. Ihr Gesicht hatte die Farbe gewechselt; von dem zarten Teint war nur noch blasses Weiss zu sehen und sie nickte wortlos. Nachdem Keanu sie losgelassen hatte trocknete sie ihre Hände am Geschirrtuch und folgte ihm ins Wohnzimmer. Dort goss Keanu den restlichen Wein in die Gläser und ging damit zur Terrassentür die Leila in der Zwischenzeit geöffnet hatte und auf ihn wartete. Sie hatte sich wieder gefangen, der unerklärliche „Anfall“ war vorbei und die frische Nachtluft verhalf ihr und ihren Körper sich langsam wieder zu normalisieren.
Keanu sah sie fragend an, als er an ihr vorbei auf die spärlich beleuchtete Terrasse ging.
„Alles okay?“
fragte er und blieb einen Moment stehen um Leilas Antwort abzuwarten. Sie nickte und folgte ihm zum Sitzplatz wo er ihr das eine Glas hinstreckte das Leila nickend entgegennahm. Dann setzte sich Keanu auf die Couch, streckte Leila den anderen Arm entgegen, was so viel wie eine Einladung war, sich zu ihm zu setzten und wartete. Leila überlegte keine Sekunde sondern setzte sich zu ihm und kuschelte sich an den wärmenden Körper. Dann drehte sie den Kopf zu ihm. Sie war wieder sich selber und erleichtert atmete sie auf. Was immer das eben war, es war vorbei.
„Ich danke Dir“ sagte sie leise und ihr Blick blieb in seinen Augen hängen.
„Wofür bitte?“ fragte er, liess seine Augenbrauen spielen und ein schelmischer Unterton war in seiner Stimme zu hören.
„Wofür wohl?“
antwortete Leila darauf etwas neckisch, stiess ihn sanft in die Seite und widmete sich ihrem Weinglas ohne Keanu anzusehen. Doch sie konnte spüren, dass sich seine Augen in ihr Wesen gebohrt hatten und als er sie sanft an sich drückte, wusste sie, dass sie einander verstanden. Sachte legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und starrte in den Nachthimmel. Ja, sie fühlte sich jetzt richtig wohl, angenehm und aufgehoben. Eine wohlige Wärme durchströmte Leila als sie sich noch mehr in Keanu’s Arm einnistete. Und obwohl sie einander schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hatten, so war diese Zweisamkeit so unbeschreiblich intensiv, so persönlich, so vertraut, dass es für Leila im Moment kaum vorstellbar war, dass diese, ihre kleine Welt so lange und so weit voneinander getrennt war.
Ohne Worte sassen die beiden einfach nur da, genossen das Beisammensein und liessen in Gedanken den Tag passieren. Leila schloss die Augen und holte sich die Bilder von der Küstenregion herbei wo sie heute vorbei fuhren, roch nochmals die salzige Meeresluft und hörte das Rauschen der Wellen als sie am Strand einen Halt einlegten um etwas zu essen. Dann sah sie die tiefgrünen Wälder vor sich und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie sie Streifenhörnchen fütterten, die sich an ihrem Snack vergreifen wollten, als sie auf einem Rastplatz einen Pause einlegten. Leila drohte langsam wegzuschweben als Keanu leise fragte:
„Bist Du zufrieden?“
und strich ihr sanft über die Schultern die er noch immer mit seiner wärmenden Hand umschloss. Leila nickte, öffnete die Augen, drehte den Kopf zu ihm und sah ihn an.
„Ja, das bin ich“
sagte sie mit fester Stimme und nickte. Keanu sah sie anerkennend an; ja, sie war zufrieden, dass konnte er in ihrem Gesicht sehen.
„Das ist gut!“
antwortete er überzeugt von ihrer Aussage und ohne seine Augen von ihr zu lassen, stellte er sein leeres Glas neben der Couch auf den Boden und drückte Leila erneut sanft an sich, lehnte sich ebenfalls wieder bequem zurück und schloss ebenfalls die Augen. Erst als Leila sich wieder aufsetzte um ihr Glas leer zu trinken, erst dann öffnete er seinen Arm und sah Leila zu. Sie nahm einen letzten Schluck, stellte das Glas auf den Tisch, dann drehte sie sich wieder zu Keanu und sah ihn einfach nur einen langen Moment an. Dabei fuhr seine Hand ganz zaghaft über ihren Rücken, was Leila als sehr angenehm empfand.
„Der Ausflug heute…“
begann sie vorsichtig und ein wehmütiger Blick unterstrich ihre Worte. Keanu antwortete mit einem Nicken. Es war ein schöner Ausflug; Leila hatte sich erst ganz zaghaft an ihn geklammert, als sie los fuhren, aber schon bald lagen ihre Hände um seinen Bauch, ganz eng und hielten ihn fest. Er konnte ihren ganzen Oberkörper auf seinem Rücken spüren und das gefiel ihm. Auch als sie anhielten um Pausen einzulegen und etwas zu essen, da standen sie sich so nah wie noch nie. Er begehrte diese Frau nach wie vor, doch hatte sich Keanu vorgenommen, dass er sich nicht mehr dazu äussern würde. Leila sollte sein Verlangen spüren, wenn sie dazu bereit wäre. Und das wusste er ebenso wenig wie sie selbst….
Seine Gedanken wurden mit Leilas Worten
„…das habe ich wahnsinnig vermisst!“
jäh unterbrochen und Keanu war im nu wieder bei ihr, die ihn mit einem tiefen Seufzer ansah. Er nickte im Einverständnis und sah sie einfach nur nickend an. Ohne jegliche Regung in seinem Gesicht zu erkennen zu geben:
„Nur das?“
fragte er und seine Stimme wurde ganz weich.
Leila sah ihn für einen Augenblick mit grossen Augen an, setzte sich auf den Couchrand und legte, ohne weiters zu überlegen, eine Hand auf seinen Oberschenkel.
„nein, nicht nur das!“
antwortete sie und sah Keanu direkt in die Augen und versuchte darin zu lesen.
„Nein – ganz und gar nicht! Da ist so vieles…“
antwortete sie kurz und hielt einen Moment inne.
Sie musste nicht lange überlegen was alles sie vermisst hatte und die Aufzählung drohte Ellenlang zu werden. Kalifornisches Klima, Sonne, Meer, Sand, die Berge, die Touren, das Essen…
Keanu sah Leila nun grinsend an; sie war wieder so wie sie sich kennen gelernt hatten, ihr Temperament erwachte langsam wieder. Mit seiner Frage hatte er wohl etwas sehr Delikates ausgelöst; Leila konnte sich in das Thema vertiefen, schwärmte von ihren vergangenen Erlebnissen hier in den Staaten, war begeistert, endlich wieder ungezwungen sein zu können und das tun und lassen, was ihr gefiel. Wenn es auch nur für ein paar Wochen dauern sollte – sie war glücklich und in ihrem Element!
Sie redete mit ihren Händen, warf zwischendurch ein paar Haarstränen über die Schulter die der Wind ihr ins Gesicht geblasen hatte, schubste Keanu freundschaftlich als er mit seiner schauspielerischen Neckerei, und mit einer gespielt „ernsten Mine“ immer wieder „unglaublich!“ sagte wenn Leila erneut ins schwärmen geriet. Schlussendlich fielen sie in ein gemeinsames Gelächter, gelöst von den ganzen Reisestrapazen und bereit dazu, bald in ein erneutes Abenteuer auf Hawaii zu stürzen. Und so endete der Abend mit noch mehr Gesprächen, Plaudereien über dies und das bis schlussendlich beide todmüde in ihre Betten fielen.

Kapitel 22

Leila war trotz des Jetlags früh auf, duschte sich kurz und zog ihren geliebten Trainer an. Als sie in die kühle Küche kam, herrschte gähnende Leere. Anscheinend war Mr. Reeves noch nicht auf, also schaltete Leila die Kaffeemaschine ein und begann, Frühstück zu bereiten.
Als der Tisch fein säuberlich gedeckt war, liess sie ihren Blick nochmals darüber gleiten und war zufrieden, mit dem was darauf stand. Toast, Honig, Butter, Marmelade, Käse, Minute Maid Orange Jus – den hatte sie besonders vermisst – und ein kleiner Teller mit Schinken.

Lächelnd musste sie an das erste Mal denken, als sie hier her kam; da waren ihr nicht nur diese vier Wände so fremd, alles war so neu und kam ihr so unwahrscheinlich gross vor. Diese Eindrücke kamen eigentlich auch erst richtig zum Tragen, als sie wieder zu Hause war und das erste Mal einkaufen ging. Wie klein doch die Einkaufswagen in der Schweiz waren!
Und hier? Erstaunlicherweise hatte sie diesmal keine Mühe mit den bekannten Dimensionen; sogar die Milch wurde per Gallon verkauft, und nicht in Literpacks, wie eben zu Hause…
Noch in Gedanken vertieft ging Leila wieder in die Küche und liess sich einen schwarzen Kaffee aus der Maschine und mit einem Blick auf die Uhr überlegte sie sich, dass Keanu vielleicht noch schlafen würde. Vielleicht noch etwas länger und das würde ihr die Möglichkeit geben, ein paar Minuten alleine das Dasein zu geniessen und auf die Terrasse zu gehen um sich den alt-neuen Eindrücken zu widmen. Die Situation war irgendwie anders aber Leila fühlte sich dennoch wohl.
Sie schnappte sich ein paar Hefte, die auf dem Tisch lagen und ging auf die Terrasse die sich im morgendlichen Kühl und im Schatten präsentierte. Dort setzte sie sich zuerst auf die Couch und genoss den Ausblick. Die Stadt schien ebenfalls gerade zu erwachen und noch bevor sie eines der Hefte aufmachte, ging sie, wie schon so oft, ans Geländer und genoss den Ausblick. Dieser war kein Vergleich zu ihrem Balkon mit Blick auf den kleinen Vorgarten zum Nachbarshaus, geschweige denn der frischen Luft die hier von den vielen Pinienbäumen des nahe Gelegenen Parks her gesäubert wurden und somit einen angenehmen Duft versprühten.
Die Erinnerung an die erste Begegnung kam unweigerlich zurück und liessen Leila erneut in Gedanken versinken. Es musste wohl Schicksal gewesen sein, dass sie Keanu damals auf dem Polizeiposten getroffen hatte. Oder war es Zufall? Oder eher umgekehrt? Auf jeden Fall war Leila dankbar für diese Begegnung und obwohl so viel in der Zwischenzeit geschehen war – Leila war glücklich über die Gegenwart, über das Hier sein und darüber, dass da drin im Hause ein Mann war, der ihr Freund, ihr Partner, ihr Vertrauensmann und ihr Berater war. Sie liebte Keanu auf eine ganz besondere Art und weise aber sagen oder zeigen konnte sie es ihm einfach nicht. Sie hatte sich oft Gedanken über ihre Beziehung gemacht, aber schlussendlich konnte sich Leila nicht vorstellen, mit Keanu fest zusammen zu sein. Wie sollte das denn auch funktionieren? Sie lebte und arbeitete in der Schweiz, er hier in den Staaten? Eine Beziehung auf Distanz? Das hatte sie schon und geklappt hatte es schlussendlich doch nicht. Und das war einer der Punkte, die Leila davon abhielt, dieses Thema nochmals anzufechten, obschon sie es Keanu ja damals versprochen hatte. Aber jetzt im Moment war sie dazu weder bereit noch in der Lage. Denn was genau sie für Keanu empfand, wusste sie selbst nicht… Und selbst wenn, sie war sich auch nicht sicher, ob seine Gefühle für sie selbst noch immer so intensiv waren. Er war ein besonderer Künstler des Verborgenen und der Verschlossenheit und damit ergänzten sie sich eben genauso….

Mit einem Atemzug kehrte Leilas Geist wieder zurück zu diesem sagenhaften Ausblick; wie sehr hatte sie doch dieses, genau dieses Bild vermisst! Sie liebte diesen Moment, wo die Sonne langsam am Horizont erschien und die Landschaft in ein märchenhaftes, mystisches Licht tunkte und langsam Leben in die Starrheit der Nacht verlieh. Einzigartig waren die Momente, die die Natur von sich gab, jeden Tag immer wieder von neuem Kraft schöpfte und müde Seelen wiederbelebte. So wie ihre heute morgen.
Leila hatte nicht viel geschlafen; der heutige Abflug war auf den Nachmittag gebucht und sie hatten noch einiges zu erledigen. Zudem hatte sie noch lange wach im Bett gelegen und daran war nicht nur die Zeitverschiebung schuld…

Leilas Blick wendete sich wieder dem Morgenerwachen zu. Ja, sie war müde, aber sie war auch glücklich, hier, jetzt, in diesem Augenblick und ihre Gedanken glitten wieder weg.
Erst, als sie einen warmen Hauch auf ihrem Nacken spürte, wurde sie in die Realität zurückgeholt.
„Guten morgen, Sunshine!“
Leila wurde mit Keanus sanfter Stimme aus ihren Gedanken gerissen. Der Kosename zauberte ein einzigartiges Lächeln auf ihr Gesicht und als sie sich langsam umdrehte, sah sie in ein paar gaaanz müde und kleine, aber strahlende, braune Augen. Eine Morgenbegrüssung wie diese liess ihre beginnende Nervosität für die kommende Ferienwoche wenigstens für einen Augenblick fast verschwinden…
“Guten Morgen, Keanu“
begrüsse sie ihn ebenfalls und als Keanu sie kurz in den Arm nahm und sie fest an sich drückte, da wurde ihr wieder ganz anders. Ja, sie waren gute Freunde und Leila hatte diese Art von Berührung wahnsinnig vermisst!
„Ein sagenhafter Ausblick“
bemerkte sie, noch immer in seinem Arm liegend, als Keanu sie lächelnd los liess und sie musterte.
“Ja, besonders wenn man ihn teilen kann“
antwortete er beiläufig und ohne seine Augen von ihr zu lassen, drückte er sie nochmals ganz fest an sich und löste in Leila wiederum ein wohliges, angenehmes und vertrautes Gefühl aus.
„Magst Du Frühstück?“
fragte Leila vorsichtig – mehr zum Ablenken und bevor ihr Körper wieder Reaktionen preisgab, die sie sich nicht erklären konnte. Und noch immer spürte sie seine Hand, die nun ihre fest umschloss. Die Geste fasste Leila als rein Freundschaftlich und kurz darauf liess Keanu sie auch wieder los.
„Frühstück ist immer gut“
grinste er und sah Leila mit seinem schelmischen Blick an. Und ebenfalls spitzbübisch meinte Leila:
„Bevor Du auf andere Gedanken kommst….“
sie hob den Zeigefinger und runzelte die Stirn und fuhr mit einem gespielt ernsten Ton weiter;
„Frühstück ist aufgetischt – da drin!“

Die beiden hatten gestern noch lange geredet, über Gott und die Welt und es schien als würden sie nicht genug Zeit für ihre Gespräche haben und beim Frühstück ging’s gerade so weiter, wo sie letzte Nacht aufgehört hatten zu diskutieren. Themen über Themen folgten und die Gespräche waren unterhaltsam aber auch tiefgründig, interessant, lehrreich und auch informativ, so wie sie sich gegenseitig eben immer wieder ergänzten.
Auch Keanu hatte noch lange wach gelegen und dachte über die gemeinsamen Gespräche nach. Vor allem über diejenigen, die Leila direkt betrafen. All die Monate hatte sie am Telefon immer wieder beteuert, dass es ihr gut ginge, doch Keanu konnte gut genug zwischen den Zeilen lesen und er verstand, dass Leila grosse Mühe hatte, nach der neu gewonnenen Freiheit wieder in ein Schema gepresst zu werden, um den täglichen Lebensunterhalt zu verdienen. Oft hatte er sich Gedanken darüber gemacht und stand Leila immer mit Rat und Tat bei, wenn sie ihn danach fragte. Doch jetzt, heute, wo sie einander wieder gegenüber sassen und er aus ihrem Gesicht lesen konnte, wie es ihr wirklich erging, da hatte er endlich die Bestätigung, die er schon immer ahnte: Leila war trotz Job und Wohnung, trotz ihrer Familie die sie so sehr vermisst hatte, nicht glücklich. Und er war froh, dass sie seiner Einladung nachgekommen war um wenigstens für eine kurze Zeit vielleicht wieder ein bisschen den Duft der unbegrenzten Freiheit schnuppern zu können…

Die nächsten Stunden verliefen wie im Fluge. Nach dem Frühstück räumten sie zusammen die Küche und das Haus auf, Leila fuhr noch schnell mit dem Staubsauger durch Wohnzimmer und Eingangshalle und nachdem sie noch einen Kaffee getrunken hatten, bestellten sie ein Taxi und fuhren zum Flughafen.
Sie waren relativ knapp zum Einchecken und erstaunlicherweise mussten sie auch nicht lange auf den Abflug warten.

Aufgeregt wie ein kleines Kind sass Leila neben Keanu an einem Fensterplatz und konnte kaum ruhig sitzen und in Gedanken holte sie sich die Bilder von ihrem Reiseführer ins Gedächtnis; Hawaii – Sonne – Meer – Strand – Ferien – Baden – Schnorcheln -…. Dann begannen sie los zu plappern und war nicht mehr zu stoppen. Keanu hatte sich ein Buch mitgenommen, doch lesen kam er nicht gross. Leila unterbrach ihn andauernd, fragte, zeigte Ausschnitte aus dem Buch, suchte Aussichtspunkte… So lange, bis er schlussendlich grinsend von seinem Buch abwich und sie schelmisch anblickte. Keanu staunte über ihre Wissbegier; er selbst war ja schon oft auf einer der Inseln und kannte sich relativ gut aus, doch erfuhr er durch Leila selbst viel Neues. Wahrlich hatte sie sich mit dem geplanten Aufenthalt auseinander gesetzt und es machte ihm Spass zu sehen, dass sie die Bücher scheinbar auswendig gelernt zu haben schien….
Die Buchung für Flug und Hotel hatte er bereits vor Wochen gemacht und liess Leila zappeln, als sie ihn nach näheren Informationen aushorchen wollte.
„Ein Gentleman geniesst und schweigt…“
grinste er und sah Leila lachend an. Sie konnte wirklich hartnäckig sein, wenn sie etwas wissen wollte. aber dieses Mal sollte es wirklich eine Überraschung bleiben.
Eigentlich wollte er in ein einfaches Hotel mit ihr. In ein Hotel das direkt am Waikiki Beach lag. Doch waren diese Hotels bereits ausgebucht; es war Juli und schliesslich Hochsaison. Da war auf Kürze keine interessanten Zimmer mehr zu bekommen, ausser solchen, die nur Bergsicht boten. Und wenn schon Hawaii, dann schon das ganze Paket, mit allem drum und dran. Schliesslich liebte Leila das Meer und den Strand und Keanu hatte ja alle Möglichkeiten, ihr für wenigstens eine kurze Zeit das zu bieten, was sie glücklich machen würde…

Der restliche Flug verging ziemlich schnell; Essen wurde serviert, dann noch etwas geredet; Bücher durchstöbert; Aussichtspunkte diskutiert, und später fielen beide in einen kurzen Schlaf.

Die Ankunft in Honolulu fand einige Stunden später im Zeitplan statt. Noch immer war es hell und Leila konnte beim Anflug auf die Insel bereits die Berge und auch einige Ortschaften der Insel erkennen. Aufgeregt griff sie nach Keanus Hand und schaute immer wieder aus dem Fenster. Eins schier unglaubliches Bild bot sich den beiden an; Regenbogen hingen über den Wäldern und versetzte die ganze Landschaft in ein zauberhaftes Licht. Leilas Augen begannen zu leuchten und als die Maschine endlich aufsetzte, drückte Keanu ihre Hand für einen Augenblick ganz fest und sah sie lächelnd an:
„Willkommen auf Hawaii“
sagte er und musste über Leilas kindliche Freude lächeln.
Sie nickte nur und als sie endlich aus dem Flughafengebäude herauskamen und mit dem Taxi in die Stadt zum Hotel fuhren, da wurde Leila noch nervöser. Als sie auf der Hauptstrasse fuhren, die sie ins Zentrum von Honolulu brachte, bot ihnen ein Bild der fast Unglaublichkeit: auf der einen Seite schien die Sonne, die die Stadt und Häuser beleuchtete, und aus dem Bergen waren dicke, dunkle Regenwolken ersichtlich die gleich drei Regenbogen hinter einander bildeten! Vergessen die ganze Müdigkeit, vergessen die ganzen Reisestrapazen, vergessen, dass sie schon seit bald 10 Stunden unterwegs waren; die Aufregung hatte sie nun vollends gepackt. Immer wieder griff sie nach seiner Hand, zeigte auf Gebäude, die Wälder, das Meer, schier unglaubliche Farbenspiele boten sich an und Leila schien kaum genug nur schon allein von der Fahrt zum Hotel zu bekommen. Was würde sie in Honolulu erwarten?
„In welchem Hotel wohnen wir?“
frage sie erneut und Keanu grinste und schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung! Wo würdest Du denn gerne wohnen?“
frage er unschuldig und Leila sah ihn auffordernd an.
„Ich? – Du bist doch hier der Reiseführer!“
antwortete sie keck und sie wusste, das Keanu noch immer nicht damit herausrücken würde. Er grinste bloss und als Leila den Reiseführer aufmachte und nach Hotels suchte, da verneinte er jedes Mal. Immer wieder rieb sie ihm einen Namen unter die Nase und noch immer schüttelte er den Kopf. Erst als das Taxi vor einem riesigen Hotelkomplex anhielt, fand Leilas Spiel ein Ende…

Keanu hatte keine Kosten gespart und als sie am Outrigger Waikiki Beach Hotel ankamen, dachte Leila erst, dass er sie verschaukeln würde. Sie hatte über das Hotel gelesen; 4 Sterne, Luxus pur, die Zimmer alleine waren schon so gross wie ihre Wohnung und eine einzige Übernachtung sprengte schon ihr Tagesbudget. Und sie sollten hier eine Woche wohnen?
„Das ist nicht wirklich Dein ernst?“
Leila sah Keanu fragend an und als er mit „ernster Mine“ nickte und ihr danach grinsend aus dem Taxi half und eine total verblüffte Leila vor dem Hoteleingang stand, da wusste sie, dass er tatsächlich hier in diesem Luxusbunker gebucht hatte!

Kapitel 23

Leila stand noch immer mit offenem Mund da, als Keanu sie sanft an der Hand packte und sie wieder zurück in die Realität holte.
„Das ist nicht wirklich Dein ernst!“
wiederholte sie, noch immer sichtlich überrascht und sah Keanu mit grossen Augen an.
„Natürlich ist das mein ernst. Ich hab’ Dich doch eingeladen und so was gehört dazu. Nur – „ er schaute sie ziemlich eindringlich an, trat etwas näher an Leila heran, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ins Ohr:
„war ich mir mit den Zimmern nicht sicher…“
Etwas scheu war sein Blick jetzt und Leilas ihn fragend an:
„Was ist denn mit den Zimmern?“ sagte sie jetzt ebenso leise. Sie verstand die Frage nicht ganz aber ganz offensichtlich war es Keanu etwas peinlich.
„Einzel – oder Doppelzimmer?“
wieder hatte er sich zu ihr herunter gebeugt und ins Ohr geflüstert. Sie grinste:
„Woran hattest Du denn gedacht?“
„Leila!“
antwortete er, gespielt empört und diesmal war sie es Leila, die schier verlegen lachte.
„Echt, Keanu. Was immer Du gebucht hast, oder buchen möchtest – ich bin dabei“
und hastig fügte sie, noch immer leise flüsternd hinzu:
„in Anbetracht der wahrscheinlich astronomischen Zimmerpreise würde würde es mir nichts ausmachen, wenn wir ein Zimmer teilen…“
Sie sah Keanu fragend an und wartete auf eine Reaktion, einen Einwand oder sonst seine Meinung dazu.
Keanu nickte nur bejahend – irgendwie war er sich wirklich nicht sicher, wie Leila darüber dachte. Aber er war froh, dass sie nach wie vor so offen war.
„Wegen der Preise brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Daran liegt es nicht. Ich wollte nur nicht aufdringlich wirken..“
sagte er, sichtlich erlöst und sah ihr tief in die Augen.
Leila nickte und als Keanu seine Reisetasche über die Schulter hängte und nach ihrem Rollkoffer griff, den sie ihm hastig wegschnappte und selbst hinter sich her zog, da grinste sie ihn verschmitz an. Was da wohl alles noch kommen mochte?

Keanu checkte für beide ein und als sie das Doppelzimmer Deluxe betraten, verschlug es Leila gleich noch mal die Sprache. Als Erstes fiel die riesige Fensterfront auf, die von dünnen weissen Vorhängen eingerahmt waren und einen sagenhaften Blick auf eine unendliche Weite von Meer und Himmel freigaben, die weit hinten am Horizont in sich verschmelzten. Ein feiner Hauch von Meeresluft hinterliess einen angenehmen Duft im Zimmer und leise ertönte das Klingen von badenden Gästen und spielenden Kindern, die offenbar vom hoteleigenen Strand her kamen. Leila sah Keanu mit noch grösseren Augen an und mit einem Blick auf das teure Mobiliar meinte sie:
„Das muss Dich ein Vermögen kosten!“
Ein breites Grinsen huschte über Keanus Gesicht. Er sagte kein Wort, nahm seine Reisetasche und begann seine Kleider auszupacken. Im Blickwinkel folgte er Leila, die nun auf die Terrasse ging um sich nun dem Ausblick aus dem 25. Stock zu widmen. Kaum war sie draussen erklang wieder ihre aufgeregte Stimme:
„Gott, Keanu! Diese Aussicht!“
Wieder kam sie ins Zimmer, ihre Wangen glühten inzwischen und mit einem Gesichtsausdruck der Freude und Neugierde zeigte, huschte sie wieder an Keanu vorbei der noch immer seine Kleider sortierte.
„Mensch! Das Bad! Das ist ja riesig!!“
tönte es nun aus dem nächsten Raum und wieder musste er schmunzeln. Ein Kopf erschien nun aus dem Badezimmer und zwei riesige Augen waren auf ihn gerichtet:
“ Weißt Du, dass es hier runde Badewannen gibt?“
und weg war sie wieder.
Keanu lachte, ein Schalk erschien in seinen Augen.
„Tatsächlich??“ fragte er unschuldig, packte sein Necessaire und ging zu Leila ins Bad.
„Ja, schau Dir das an!“
noch immer überwältigt von so viel Luxus stand Leila inmitten des wirklich riesigen Badezimmers das mit Marmorböden und Wänden ausgekleidet war, die Dusche alleine war schon halb so gross wie der ganze Raum, getrennt durch eine überdimensionale Glasscheibe, und gegenüber stand besagte, runde Badewanne. Auf dem Doppellavabo stand ein kleiner Korb gefüllt mit Dusch- und Badeartikeln und als Leila die Seife auspackte und daran roch, verdrehte sie die Augen und sah Keanu grinsend an:
„Ich liebe Seifen!“ nahm noch eine Nase voll und kommentierte: „Kokos- und Ananasgeschmack…“
Wieder lachte er: „Wir sind in Hawaii…“ und stellte seine Badutensilien auf die Lavaboablage. Dann schaute er sie fragend an:
„Links oder rechts?“
Unterbrochen durch diese simple Frage die jedoch insoweit so persönlich war, sah sie ihn mit grossen Augen an.
„Links oder rechts?“ hackte sie nach. Er nickte.
„Ja, welche Seite magst Du lieber?“
Leila begutachtete die Situation, dann lachte sie:
„Das ist nicht so wichtig“ und mit einem Blick zurück ins Schlafzimmer meinte sie: „aber schlafen tue ich lieber rechts…“
Wieder grinste er, war doch überrascht, dass sie das Bett zur Türseite bevorzugte und nickte.
„Natürlich. „
Keanu sah Leila an, die sich erneut dem Korb mit den Badezutaten widmete und Schächtelchen um Schächtelchen aufmachte und reinschaute. Kamm, Reisebürste, Schuhputzzeug, Duschgel, Shampoo, Handcreme… einfach alles, sogar ein kleines Nähset war dabei. Grinsend schaute er ihr zu und begann seine Sachen auszupacken und fein säuberlich neben dem Lavabo aufzustellen. Leila schaute ihm im Blickwinkel zu. Ordnungsliebend war er ja alle weil, dann legte sie die Sachen wieder in den Korb und verschwand wortlos im Schlafzimmer um ihre Sachen auszupacken.
„Möchtest Du zuerst Duschen bevor wir essen gehen?“ fragte Keanu und streckte den Kopf zur Badezimmertüre heraus.
„Mach nur! Ich pack meine Sachen aus und gehe nach Dir duschen. Ich möchte die Aussicht noch einmal geniessen, bevor es dunkel wird!“ antwortete sie und widmete sich ihren Schuhen zu.
Keanu verschwand wieder und als er frisch geduscht und angezogen bei Leila auf dem Balkon erschien, da stand sie noch immer am Geländer und genoss einfach den Ausblick.

„Ich kann es noch gar nicht fassen, dass wir hier sind!“ meinte sie freudig, als sie Keanu bemerkte. Anerkenndend strich er Leila über die Schulter und lächelte sie an.
Ganz offensichtlich war Leila überwältigt von all dem hier und er war froh, dass es ihr gefiel.
„Komm, lass uns etwas Essen gehen. Hier gibt’s wirklich gute Restaurants mit einheimischem Leckereien, Fisch, Früchten, sagenhafte Drinks….“
Leila sah ihn dankend an: „Gute Idee. Langsam bekomme ich wirklich auch Hunger…
oder denkst Du, dass wir vorher noch im Meer baden könnten?“
Keanu sah sie mit grossen Augen an. Also wirklich; Leila war wie ein kleines Kind - ungeduldig und unberechenbar. Von einer Sekunde auf die andere bombardierte sie ihn mit ihrer Ungezwungenheit und ihren Ideen und selbst er als hart gesottener, eigenbrötlerischer Typ musste er einmal mehr über ihr Ideenreichtum schmunzeln.
Mit einem Blick auf seine Uhr meinte Keanu, dass es eigentlich Zeit für ein richtiges Essen wäre und sie ja schliesslich noch die ganze Woche Zeit zum Schwimmen hätten.
Leila gab nach, huschte auch noch schnell unter die Dusche und als sie ebenfalls frisch angeogen war und Keanu ihr ein riesiges Kompliment für das Sommerkleid machte, da wurde sie einmal mehr verlegen….

Die beiden entschlossen sich, im hoteleigenen Restaurant zu Essen, bestellten frische Languste mit Reis und gemischtem Salat, tranken einen guten Weisswein dazu und rundeten den Abend ab mit einem Glas Champagner an, das sie an der Bar tranken. Erst viel später gingen sie nach oben. Keanu hatte den Radio eingestellt und als er nach Leila aus dem Bad kam, da lag sie schon im Bett und schlief. Es war ein langer Tag, die Reise, die Aufregung, das Essen, der Wein – kein Wunder…
Lächelnd stand er vor ihrem Bett und schaute auf das Gesicht, das ihn so sehr faszinierte, hielt einen Moment inne, strich Leila sanft eine Strähne aus den Augen und drückte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn.
„Gute Nacht, Sunshine“
flüsterte er leise, und auf ihrem Gesicht erschien ein sanftes, zufriedenes und dankbares Lächeln, das Keanu seine Augen nicht von ihr abwenden wollte.
„Gute Nacht, Keanu“
antworte Leila im selben Augenblick ganz leise und so unerwartet, dass Keanu inne hielt und sie einfach anschaute. Leila sagte noch was wie: “ich danke Dir“ und war dann endgültig eingeschlafen.
Keanu schüttelte lächelnd aber auch wehmütig den Kopf: wann endlich würden seine Gefühle, die er für diese Frau schon so lange hegte, endlich erwidert werden???

Kapitel 24

Leila wurde durch leise Musik am nächsten Morgen geweckt. Langsam öffnete sie die Augen, musste sich erst orientieren, dann streckte sie beide Arme von sich um richtig wach zu werden, setzte sich auf und warf erst einmal einen Rundblick ins Zimmer. Das Bett neben ihr war leer und ein leises Rauschen war vom Badezimmer zu hören. Offenbar hatte Keanu die B&O Stereoanlage eingestellt bevor er sich unter die Dusche stellte. Eine sehr einfühlsame Art, sie zu wecken, fand Leila und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wie aufmerksam doch Keanu war!
Dann glitt ihr Blick auf die Fensterfront; die dicken Vorhänge waren noch immer zugezogen, nur ein kleiner Spalt liess erahnen, welches Bild sich dahinter befand. Hastig hüpfte sie aus dem Bett, ging zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und ging auf den Balkon. Eine frische Meeresbriese kam ihr entgegen und weckte ihren Lebensgeist endgültig.
Leilas Gedanken kehrten zum vorigen Tag zurück und sie lächelte vor sich hin.
Es war ein schöner Tag und der Ausklang mit Keanu an der Bar sehr Speziell. Er war zwar wieder sehr zurückhaltend gewesen, doch berührten sie sich immer wieder was Leila wiederum einbesonderes Gefühl vermittelte. Was war es, das Keanu in ihr auslöste, jedes Mal wenn er sie so intensiv anschaute, dass sie beinahe verlegen wurde? Begann sie sich etwa in diesen Mann zu verlieben?

„Guten Morgen, Sunshine!“
Keanu trat lächelnd auf den Balkon und Leila drehte sich zu ihm um. Strahlend, fast erholt, nur noch kleine Augen zeugten von der kurzen Nacht, doch Leila war nun vollends wach. Keanu trug Jeans und ein weisses T-Shirt und seine frisch gewaschenen Haare waren noch nass. Sein Bart ward ein wenig gestutzt und Leila musste zugeben, dass er ziemlich erfrischend aussah… Mit einem grossen Schritt kam er zu Leila und legte seine Arme um sie und drückte sie fest an sich.
„Guten Morgen, Keanu!“
antwortete Leila, ebenfalls strahlend und legte ihre Hände ebenfalls um seine Hüften. Als Keanu Leila einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange drückte, da konnte sie den Duft seines Rasierwassers riechen und - es wurde ihr wieder ganz anders. Noch immer lagen ihre Hände um seine Hüften und sie schaute ihn einen Moment lang an. Was ging bloss in diesem Mann vor? Und – was machte er eigentlich mit ihr?? Hastig wollte sie sich aus seinen Armen lösen, doch Keanu hielt sie noch einen Augenblick länger an sich gedrückt, und seine braunen, lächelnden Augen versanken in ihren, bevor er sie los liess.
„Wie wäre es mit Frühstück, Badesachen packen, an den Strand fahren und einen Tag Beach einlegen?“ fragte er vorsichtig.
Leilas Gesicht begann zu strahlen; Strand, baden im Meer, faulenzen, sich in der Sonne aalen…. Keanu brauchte auf keine Antwort zu warten, Leila nickte nur, liess ihn los, huschte an Keanu vorbei, packte ein paar frische Kleider und war im Handumdrehen unter der Dusche.
Als sie fertig war, war trug sie dunkelblaue Caprihosen, eine blau-weiss gestreifte Bluse und ihre Haare waren frech zu zwei Zöpfen zusammen geflochten. Bei diesem Anblick musste Keanu einmal mehr über Leilas Mädchenhaftes Aussehen staunen. Obschon sie über dreissig war, hätte man sie bestimmt jünger geschätzt. Aber eben; einmal mehr faszinierte ihn die Verwandlungskunst seiner Herzdame…

Keanu hatte in der Zwischenzeit ein Auto organisiert und als sie mit dem Frühstück fertig waren, das sie auf der Terrasse direkt am Meer einnahmen, gingen sie nochmals in Zimmer, holten die Badesachen, Leila setzte sich noch eine weisse Baseballmütze mit einer blauen Nummer „44“ drauf und schon konnte es losgehen.
Das Auto war bereits vor dem Hotel parkiert; ein kleiner Suzuki Swift, Cabrio natürlich und als Leila ihre Tasche auf der Rückbank verstauen wollte, war da bereit ein riesiger Korb.
„Was ist denn das?“
frage sie unschuldig, vermutend, das da ein Picknick drin sein könnte. Doch Keanu grinste nur:
„Überraschung“ meinte er und mit erhobenem Zeigefinger fügte er hinzu: „und ohne Diskussion!“
Leila lachte; „sehr charmant!“
„Yep!“
kam geradewegs die Antwort und liess Leila einsteigen bevor er sich selber ans Steuer setzte.
„Ein Überraschungsausflug also..“
fing Leila an während sich Keanu die Sonnenbrille und eine schwarze Mütze aufsetzte. Und mit einem Blick zu ihm, der keine Mine verzog wusste sie genau, dass sie auch hier keine Chancen hatte etwas Näheres herauszufinden. Was sagte er, Frühstück, Badesachen einpacken, und einen Tag Beach einlegen? Das würde doch ein schöner Tag werden…
„Ich liebe Überraschungen!“
sagte Leila und schubste ihn in die Seite. Keanu sah sie kurz an, grinste, nickte und fuhr los. Wohin sagte er nicht, brauchte auch keine Karte und fuhr Richtung Norden. Leila sass gespannt neben ihm, versuchte die ganze Landschaft in sich aufzunehmen und als die die einen und anderen Namen aus ihrem Reiseführer erkannte, plapperte sie darauf los, erzählte was sie noch darüber wusste und liess Keanu fast nicht zu Wort kommen.
Die Fahrt führte zuerst Richtung Flughafen, Pearl Harbour, das Leila unbedingt auch sehen wollte, dort allerdings bog er ab Richtung Pearl City und dann immer Richtung Norden bis Wahiawa, Whitmore Village und dann auf die berühmte Dôle Ananas Plantage. Dort machten sie einen kurzen Halt, sahen sich die für die Touristen bepflanzen Ananas-Beete an, tranken einen frisch gepressten Ananas Saft und fuhren danach weiter immer noch Richtung Norden. In Haleiwa fuhr Keanu Richtung Strand und hielt erst an, als er einen geeigneten Platz am Ukoa Pond fand. Leila war sprachlos; sie waren umgeben von Palmenwäldern, riesigen Bäumen, das Meer war unendlich und als sie ausgestiegen waren, ihre Sachen gepackt und Richtung Strand liefen, konnte man schon von weitem sehen, dass die kleine Bucht fast menschenleer war und der fast weisse Sand ihnen fast das Augenlicht nahm.
„Keanu! Das ist fantastisch!“
rief Leila und blieb stehen. Ueberwätligt von der Natur und dem Bild das ihr dargeboten war, konnte sie fast nicht fassen, was vor ihr lag. Keanu grinste nur und blieb ebenfalls stehen, schaute Leila an und meinte:
„Dann lass uns mal die Wassertemperatur testen…“ und ein verschmitzes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Trotz der Sonnenbrille konnte Leila den Schalk in seinen Augen sehen und sie musste lachen.
Nicht viel später hatten sie eine grosse Decke ausgebreitet, den Picknickkorb in den Schatten gestellt und die Kleider ausgezogen. Leila trug unter ihrer Kleidung einen ebenfalls blauen Bikini der ihre zarte Figur noch mehr zur Geltung brachte.
Kaum ausgezogen liefen beide schon Richtung Wasser, plantschen, spritzen sich nass und erst als Keanu Leila auf den Armen ins tiefere Wasser trug und sie sozusagen reinfallen liess, da nahm das Badevergnügen ihren Anlauf.
Den ganzen Nachmittag verbrachten sie entweder im Wasser, assen etwas Zwischendurch, Leila rieb Keanu den Rücken mit Sonnencreme ein als er schon rot an den Schultern wurde, und Keanu tat dasselbe bei Leila. Leila lag auf dem Bauch, als Keanu sie ganz sanft zu massieren begann. Ein wohliges Gefühl kam in ihr hoch und als er sanft ihre Haare weg strich um den Nacken zu massieren, da drehte sie den Kopf zu ihm und grinste durch die Sonnenbrille:
“Daran könnte ich mich gewöhnen…“
Gott, sie mochte seine Hände, sie mochte seine zarten Berührungen, seine Wärme, sein Gesicht, seine Augen…. und doch hielt sie noch immer etwas zurück. Warum bloss war sie so altmodisch? Warum bloss konnte sie nicht den ersten Schritt tun? Sie war sich sicher, dass Keanu etwas für sie empfand; würde er sonst all das für sie tun? Aber warum war er so zurückhaltend?
Keanu nickte daraufhin ohne eine Mine zu verziehen, liess von ihr ab,stellte die Tube wieder weg und legte sich mit dem Rücken neben Leila und beobachtete die Wolken die immer dichter wurden. Irgendwann dösten die beiden ein und wurden durch ein paar Regentropfen geweckt die vereinzelt auf ihren Körpern abprallten.
Leila war im Nu wach und als sie sich umschaute, war Keanu schon am zusammen packen. „Komm, Leila. Die Regenfront ist schon ziemlich nah!“
sagte Keanu und legte die restlichen Esswaren in den Korb. Immer heftiger wurden die Tropfen und kaum hatten sie die Sachen zusammen gepackt, ihre Kleider übergezogen und die Decke zusammengerollt, da prasselte es riesige, deftige Tropfen vom Himmel, so dass sie nicht einmal mehr Zeit hatten zum Auto zurückzukehren!
Lachend schauten sie sich nach einem notdürftigen Unterstand um und fand diesen bei den Bäumen; die warmen Regentropfen schadeten ihrem Gemüt nicht, beide lachten noch immer, als sie endlich etwas Unterschlupf zwischen den dichten Bäumen fanden. Keanu stellte den Korb auf den Boden und Leila legte die inzwischen nasse Decke darauf.
„Das könnte länger gehen!“
meinte Keanu mit einem prüfenden Blick nach oben. Die Sonnenbrille war inwischen überflüssig geworden und die steckte er sich in die Hosentasche.
Leila grinste noch immer, und strich über ihre nassen Kleider um sie sinnloser weise etwas abzutrocknen.
„Schöner Ausflug!“ grinste sie: erst nass vom Baden dann nass vom Regen!“
Keanu stand ebenfalls triefend nass neben ihr und nickte.
„Tut mir leid – das konnte ich nicht voraussehen“ entschuldigte er sich und strich durch die nassen Haare. Seine Mütze hatte er schon längstens in den Korb verstaut und Leila grinste nur: „Halb so wild!“
Irgendwie fand sie die Situation Urkomisch, auf der anderen Seite irgendwie auch romantisch… Dieser Mann brachte sie immer wieder in Erstaunen und selbst jetzt, hier, in diesem Augenblick… Ihre Augen schielten immer wieder zu Keanu dem offenbar der Wetterumbruch überhaupt nicht genehm war. Es sollte ein sonniger Tag sein, jedoch mit dem Tropischen Regen aus den Wäldern konnte dies jederzeit umschlagen und das konnte rasch und heftig passieren.

Ein Schaudern erwischte ihren Körper als ein abgekühlter Windstoss die Bäume erreichte und durch den Untergrund fegte. Wärmend legte sie ihre Arme um die Brust und sah Keanu von der Seite an. Durch das nasse T-Shirt konnte Leila seinen muskulösen Körper erkennen und sie hatte grosse Mühe, ihre Augen abzuwenden.
Gott, Keanu war in diesem Moment so attraktiv, wie würde er sich jetzt in diesem Moment wohl anfühlen? Wie würde seine Haut riechen, nach Meerwasser oder eher nach süssem Regen der noch immer von seinen Haaren auf die Schultern tropfte? Wären seine Hände noch immer so sanft wie damals? Wenn er sie jetzt anfassen würde…. Leila schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf – so als wolle sie diese Gedanken weg schütteln, die sie auf einmal packten. Aber sie konnte nichts dagegen tun!
Heftig prasselten die Regentropfen weiterhin durch die Blätter auf die beiden und liessen nichts trocken. Verlegen senkte sie den Kopf und schaute gleich wieder hoch. Sie spürte dass die Luft auf einmal zu vibrieren begann. Waren es ihre Gedanken, die dies eben auslösten oder Keanu, der sie gerade mit seinem sagenumwobenen Blick musterte – eindringlich, unnahbar, ohne jegliche Reaktion auf seinem Gesicht aber sehr intensiv? Leilas Herz begann wie wild zu klopfen und beschämt schaute sie zu Boden, nur kurz, bis Keanu plötzlich vor ihr stand, seine Hände auf ihre Schultern legte und ihre Augen suchte, die noch immer gegen Boden gerichtet waren. Konnte er ihre Gedanken lesen? Ziemlich verlegen war Leila jetzt – gerade noch hatte sie ihn in Gedanken fast ausgezogen und jetzt stand er so nah an ihr, dass sie seine Körperwärme spürte, seine Hände hatten ihre Schultern zart umklammert und er suchte noch immer ihre Augen. Ihr war es jetzt peinlich, dass sie gerade ziemlich offensichtliche Gedanken hatte und sie versuchte seinem Blick auszuweichen. Doch Keanu nahm ihr Kinn in seine Hand und hob es langsam hoch um zu sehen, was Leila fühlen mochte. Ja, sie war verlegen, ihre spitzbübische Art, ihre Unbefangenheit weit vergraben, sie war jetzt in diesem Augenblick wahrlich eine Frau die fühlte, die verlangte und die sich zitternd an ihn klammerte…
Auf Keanus Gesicht tauchte jetzt ein scheues Lächeln auf, das Leilas Körper umgehend zum Beben brachte und sein Blick raubte ihr jetzt ebenfalls fast den Atem. Er sah Leila einfach nur an, mit seinen tiefbraunen, warmen Augen die von Gefühlen sprachen, die er mit Leila so sehr teilen wollte und die sie kaum je erahnen konnte.
Leilas Beine begannen langsam zu versagen und noch immer lagen seine Hände um ihre Schultern, wanderten jetzt langsam an ihrem Oberarm entlang und blieben dort einen Augenblick liegen und alles, währendem er versuchte in Leilas Gesichtausdruck zu lesen. Was er dort fand war das, was er sich so lange erhofft hatte; ihre Augen sprachen von Wärme, von Zuversicht, von Vertrauen und langsam erwachte ihr Herz, ihre Gefühle und sie schauten einander in die Augen und waren verloren!
Keanu trat noch einen Schritt näher an Leila, zog sie an den Schultern an seine Brust, fuhr mit der einen Hand um ihren Rücken und die andere Hand wanderte jetzt ganz langsam über ihren Oberarm, den Unterarm, über ihren Handrücken und dann suchten seine Finger die ihrigen. Mit jedem Millimeter, den Keanu Leila berührte, versetzte er sie in ein Dasein, das sie fast zum Abheben brachte. Leila zitterte noch immer, hatte Gänsehaut und Emotionen wurden wach. Sie sah Keanu jetzt fragend an, obwohl sie jetzt in diesem Augenblick genau wusste, was sie schon immer ahnte.
„Was tust du?“
fragte sie leise, ihr Blick noch immer gefangen in seinen Augen die jetzt so herzlich, so besonnen und so voll Wärme und Zuversicht waren, und endlich, endlich war ihr klar, was er noch immer für sie empfand! Keanu antwortete nicht, sah Leila nur an – noch immer fragend, suchend in ihren Augen. Dann antwortete er ganz sanft:
„L – wie - Leila…“
Leila schloss für einen Moment die Augen und krallte sich in seiner Hand fest. In Millisekunden schossen Bilder der vergangenen Monate vor ihrem Geistigen Auge vorbei, Bilder von ihrer Heimkehr, von ihrer Arbeitssuche, von sich selbst und ihrem Umfeld das sie so unglücklich machte. Sie sah Bilder und Situationen wo sie durcheinander war, Situationen die ihr aussichtslos erschienen und sie sah immer wieder Keanu im Hintergrund, der immer für sie da war, zuhörte, sie unterstützte, Ratschläge gab und stets ein offenes Ohr hatte.
Nein – sie liebte ihn nicht wie einen guten Freund – sie hatte sich schon lange in diesen Mann verliebt, ohne es zu wissen und jetzt? Jetzt endlich konnte sie sich gehen lassen, ihren Gefühlen endlich freien Lauf lassen, wissend, dass sie auf derselben Woge ritten….

Kapitel 25

Noch immer prasselte der starke Regen unbarmherzig auf die beiden und noch immer lagen ihre Hände ineinander, und als Leila die Augen öffnete und Keanu kopfschüttelnd ansah, da strich seine andere Hand ganz sanft ihren Rücken hoch bis zu ihrem Nacken den er zuerst ganz sanft streichelte und schlussendliche die Hand für einen Augenblick darin ruhte, bevor er ihr Gesicht ganz nah zu seinem zog. Wieder erfasste ein Schaudern Leilas Körper - und ganz bestimmt war es nicht wegen des kühlen Windes der ihr ein paar losgelöste Haarstränen ins Gesicht blies. Ganz unbewusst drückte sie Keanus Hand noch fester und als er ihr mit der anderen Hand die Strähne vorsichtig aus dem Gesicht nahm, versagte ihr Verstand. Sanft berührten seine Finger ihre von Regentropfen nasse Stirn, fuhren erneut durch ihr Haar und blieben wieder auf ihrem Nacken liegen.
Ohne ihre Augen voneinander zu lassen, konnte sich Leila endlich gehen lassen, konnte fühlen, konnte spüren, dass da noch mehr war und unbarmherzig wurde sie jetzt mitgerissen. Mitgerissen von Emotionen die so lange in ihr steckten, unentdeckt, verborgen, versteckt, wahrnehmbar aber so lange abgeblockt.

Unbemerkt brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken, doch die beiden waren gefangen in diesem Moment, einem Moment des Wiederentdeckens, des Erkundens, vorsichtigen Antastens und sie brauchten keine Worte; nur ihre Blicke zählten, ihre Gefühle und ihr Verlangen beherrschten in diesem Augenblick ihre Körper und den Verstand.
Leila neigte ihren Kopf etwas nach hinten als sich Keanus Gesicht näherte. Sie konnte seinen Hauch spüren, seine Hand lag wieder in ihrem Nacken, die andere wanderte langsam um ihren Rücken und sie spürte die sanften Barthaare von seinem Kinn das das ihrige berührte, dann schloss sie die Augen und spürte seine Wange die sich sanft an ihrer schmiegte. Leila öffnete erst wieder die Augen als seine Lippen sanft an ihrem Ohrläppchen knabberten und ihren Körper nun komplett zum Kribbeln brachte. Ein leises Stöhnen entwich ihr und ihre Arme glitten um seinen Nacken und klammerten sich langsam fest als er das Spiel wiederholte. Dann sahen sie einander an; seine tiefbraunen Augen lagen auf ihrem Gesicht und in ihren Augen fand er, was er schon lange ahnte….
Leila lächelte ihn verlegen an und sanft zog sie ihn etwas näher zu sich herunter und drückte ihren Oberkörper noch fester an Keanu obwohl kein Millimeter Platz mehr zwischen den beiden war. Keanu hatte seine Arme jetzt ganz fest um Leila gelegt, seine Augen ruhten in ihren, dann legte er seine Stirn auf ihre, nur für einen Moment, schaute Leila tief in die Augen und als sie den Mund leicht öffnete, da näherten sich ihre Lippen. Ganz langsam, vorsichtig, den Moment voll auskosten zu können und endlich, endlich berührten sie sich. Ganz zaghaft, Mund auf Mund, ertastend, kostend, fragend. Erst ganz sanft und nur ganz kurz um gleich wieder los zu lassen. Leila öffnete die Augen und sah Keanu an; sein Gesichtsausdruck war für einen Bruchteil wieder so unergründlich aber seine warmen, braunen Augen lagen noch immer auf ihren, fragend, auf eine Antwort wartend, doch eindringlich und mit diesem Anblick fingen ihre Gefühle gerade eben wieder an Achterbahn zu fahren!
Sie konnte jetzt erkennen, dass Keanu fragte, fragte ob sie mit seiner Berührung einverstanden war und Leila nickte sachte. Dann legte sie ihren Kopf wieder in den Nacken zurück, spürte seine warme Hände die sie noch fester hielten, bis er mit einer Hand ganz langsam und ganz sachte über ihre Wange fuhr.
„Ich habe Dich unendlich vermisst“
sagte er leise und Leila konnte in seinen Augen den sehnsüchtigen Blick erkennen, den sie schon so oft bei ihm sah aber nicht deuten konnte. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen und Leila griff nach seinem Handgelenk, legte ihre Wange wieder in seine warme Hand und nickte.
„Ich Dich auch“
hauchte sie und hielt seine Finger kurz fest, bis er seine Hand wieder um ihren Oberkörper gleiten liess. Sein Gesicht strahlte, seine Augen wanderten von neuem in ihren endlich zu wissen, dass er mit seinen Gefühlen nicht mehr alleine war. Wieder liess er seine Hand über ihre Wangen streichen, dann zog er Leila sanft an seinen nassen Oberkörper und sein Gesicht näherte sich von neuem. Dann begann Keanu, zärtliche Küsse auf Leilas Hals, dann auf ihre Wange, ihre Stirn, auf ihre Augen und schlussendlich auf ihre Lippen zu verteilen. Immer wieder suchte er nach ihren Lippen, wieder antastend, wieder zärtlich, sanft und kaum spürbar und als er keinen Widerstand spürte, wurden seine Berührungen fordernder, heftiger, Atem beraubender und noch intensiver, bis sich Leila abrupt von ihm weg stiess.

Keanu sah Leila erstaunt an; trotz der Nässe glühte ihr Gesicht, und ihre Lippen waren tief rot und leicht angeschwollen…Leila hatte ihre Hände nun auf Keanus Brust liegen, ihr Körper bebte und sah ihn nach Luft japsend an.
„Ich vergesse mich gleich…“
Hauchte sie und ihre Augen wiesen einen seltsamen Glanz auf, ein Zeichen, dass ihr Körper nach mehr zu verlangte…
Keanu nickte, auch sein Körper sendete Signale und sein Verlangen nach Leila stieg mit jeder Sekunde, die er sie im Arm hielt und fühlte. Er musste sich enorm zusammen reissen, dass er sie nicht gleich an Ort und Stelle vernaschte, was er am liebsten getan hätte…
Keanu drückte sie nochmals zärtlich an sich und flüsterte in ihr Ohr:
“Lass uns zurück fahren!“
Sie nickte, löste ihren bebenden Körper zaghaft von ihm, packte die Badesachen und die Decke, Keanu nahm den Korb und obwohl es noch immer leicht nieselte, liefen sie zurück zum Auto, verstauten alles auf der nassen Rückbank und fuhren im Eiltempo wieder Richtung Süden.
Leila begann zu zittern, diesmal durch den inzwischen abgekühlten Fahrtwind und Keanu legte während der Fahrt seinen Arm um ihre Schulter, um sie wenigstens etwas zu wärmen. Leila schmiegte sich an ihn; die Geste war nicht ungewohnt, doch war der Hintergrund jetzt anders. Endlich hatten sie zueinander gefunden, waren bereit, ihren Gefühlen eine Chance zu geben und die gegenseitige Entdeckungsreise hatte gerade erst begonnen und wollte dringend fortgesetzt werden…
Auf der ganzen Fahrt zurück zum Hotel hielt Keanu Leila im Arm, strich über den Arm, drückte sie immer wieder leicht an sich und verteilte sanfte Küsse auf ihrer Stirn. Leila hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt, ihre Arme um seinen Bauch und gewöhnte sich langsam an seine Nähe. Eine Nähe, die selbst für Leila neu war. Und mit jeder Minute, die sie der Stadt näher kamen, stiegen ihre Verlangen nach noch mehr Berührungen, es knisterte und loderte, es kribbelte und ihre Körper reagierten…

Endlich im Hotel angekommen, noch immer nass vom schweren Regenfall, parkierte Keanu das Auto in der Tiefgarage und als sie lachend, Hand in Hand in den Lift stiegen, barfuss und mit den nassen Schuhen in den Händen nach oben fuhren, liessen sie einander nicht eine Minute los. Keanu stand während der ganzen Fahrt nach oben hinter Leila und hatte einen Arm um ihren Bauch gelegt, küsste sie immer wieder sanft auf den Nacken und entlockte ihr somit wieder ungeahnte Reaktionen. Verlegen lachte Leila, stiess seine Hand sanft weg, als der Lift stehen blieb und andere Leute einstiegen. Grinsend liess er von ihr ab, legte seinen undurchdringlichen Blick auf der Leila wiederum ein Grinsen entlockte als sie ihn im Spiegel beobachtete. Als der Lift endlich auf ihrem Stockwerk anhielt, verliessen sie denselben wieder Hand in Hand und lachend und liessen einander erst wieder vor der Zimmertüre los. Leila stand zitternd vor Kälte hinter Keanu der die Türe aufschloss und sie vor ihm eintreten liess. Mit verschränkten Armen huschte sie an ihm vorbei, warf die Schuhe in eine Ecke und wollte kurz ins Bad. Doch Keanu griff nach ihrer Hand, schloss die Zimmertüre von innen, zog Leila zu sich und wollte sie küssen. Doch Leila wehrte ab, trippelte von einem Fuss auf den andern und gab ihm zu verstehen, dass sie mal für kleine Mädchen musste. Keanu grinste, liess Leila los, und währendem sie im Bad war, zog seine nassen Kleider aus, und etwas Trockenes an. Dann griff er zum Telefonhörer, bestellte vom Zimmerservice Essen und Getränke und legte gerade den Hörer auf, als Leila wieder aus dem Bad kam.

Auch sie hatte ihre nassen Kleider abgelegt, trug den dicken, weissen Bademantel vom Hotel und in der Hand hielt sie ein Handtuch und versuchte ihre nassen Haare zu bändigen. Wortlos ging Keanu zu Leila, stellte sich vor sie, zog ihr das Badetuch aus der Hand und warf dies zu Boden. Dann glitten seine Hände um ihre Hüften und etwas harsch zog er sie zu sich und begann Leila zu küssen. In ihren Augen konnte er eine Glut von Gefühlen erkennen, ein Verlangen das gestillt werden wollte und sachte begann er, seine Lippen auf ihrem Körper wandern zu lassen. Leila warf ihren Kopf zurück, stöhnte kurz auf als er ihren Hals berührte, legte ihre Arme um seinen Nacken und die Reise mit und um ihre Körper konnte beginnen…

Kapitel 26

Ein Feuer von Gefühlen, von Sehnsucht und Verlangen war entfacht, begleitet von Emotionen die beide jetzt nicht mehr kontrollieren konnten. Keanu zog Leila erneut an sich; diesmal noch heftiger und sie küssten sich leidenschaftlich und immer fordernder, beide rangen zwischendurch nach Luft, bis Keanu seine Hände unter ihr Gesäss grub und sie auf seine Hüften hob. Wild von der angestauten Sehnsucht getrieben, schlang Leila ihre Beine um seinen Körper, hielt sich an seinem Nacken fest um im gleichen Moment zum Bett getragen zu werden. Dann setzte sich Keanu mit ihr auf den Bettrand und begann, erst ganz langsam den Bademantel zu öffnen, immer wieder ihre Augen suchend und als er keinen Widerstand spürte, öffnete er diesen ganz so dass er auf ihren halb entblössten Oberkörper Einsicht bekam. Ihre Augen waren ineinander vereint, entfacht von einem lodernden Feuer das beide schon so lange in sich trugen, steigerten sich ihre Gefühle langsam in Ekstase und Leila begann an seinem T-Shirt zu reissen bis sie seine nackte Brust in ihren Hanflächen spüren konnte. Keanu packte den Kragen vom Bademantel, strich langsam vom Hals den Ausschnitt hinunter und als er auf Brusthöhe war, liess er seine Finger sanft unter dem Mantel über Leilas Schlüsselbeine gleiten, streifte ihn in einem zuge ab und liess ihn ebenfalls zu Boden fallen. Leila hielt einen Moment inne als sie halbnackt auf ihm sass, ihre Beine noch immer um seine Hüften geschwungen und sie konnte das langsame erwachen seiner ganzen Männlichkeit in ihrem Schoss spüren. Sichtlich erregt durch diese neue Berührung und dem Anblick ihrer entblössten Körper legte Leila ihre Hände auf Keanus Wangen und sah ihm tief in die Augen:
„keine Verpflichtungen, keine Versprechungen, aber ehrliche Gefühle“
hauchte sie in sein Ohr und Keanu antworte genauso eindringlich:
„Keine Verpflichtungen, keine Versprechen, aber tiefgründige Gefühle“
dann drückte er Leila fest an sich, liess seine Finger ihre Wirbelsäule hinunter gleiten und als er an ihrem Po angelangt war, drückte er ihren Körper noch fester an sich, dass sie wirklich alles spüren konnte, das sich zwischen ihnen befand. Leila stöhnte leise auf, warf ihren Kopf und ihren ganzen Oberkörper leicht zurück um gleich darauf ihre Hände auf seiner Brust wandern zu lassen. Keanu strich Leila noch immer über den Rücken, küsste erneut ihren Nacken, ihre Wange, ihren Mund und Leila begann, seinen Oberkörper mit ihren Fingern und ihren Lippen zu erkunden.
Das spürbare Feuer das zwischen ihren Beinen entstand war nun endgültig entfacht und liess sie nicht mehr klar denken; sie wollte nur noch spüren, erkunden, ertasten, jeden Millimeter seinen Körpers, genauso wie sein Verlangen nach Leila dürstete. Keanu liess sich auf die Matratze gleiten und liess Leila gewähren. Noch immer sass sie auf seinem Schoss, beugte sich jetzt über Keanus Gesicht, hinterliess einen sanften Kuss auf seiner Stirn, strich mit ihren Fingern über seine Augenbrauen, liebkoste die kleine Narbe darüber, liess ihre Fingerspitzn an seiner Wange hinunter gleiten die von dunklen und grauen Barthaaren übersäht war. Dann fuhr die gleiche Hand ganz sanft über seine vollen Lippen die nach ihren Fingern suchten und die er mit der Zungenspitze leicht berührte. Lächelnd sie ihn an, wie sanft doch sein Bart war, wie zart seine Lippen und als sie auch kaum spürbar über diese kleine Narbe fuhr, empfand Leila für eine Sekunde den Schmerz, den er empfing als er die Narbe bekam. Ihre Augen trafen einander wieder und Leila setzte sich wieder auf seinen Schoss und ihre Hände glitten erneut ganz langsam über seine Brust. Dann begann sie mit ihren Lippen jedes Muttermal, jede weitere Narbe auf seinem Körper zu erkunden und hinterliess eine Spur von Sanftheit die Keanu fast wahnsinnig machten. Er begann unter ihren zarten Fingern und Berührungen zu stöhnen; sie massierte seine Brustwarzen und als sie daran zu knabbern begann, warf er seinen Kopf zurück und liess Leila so lange machen, bis er es nicht mehr aushielt. Im Nu setzte er sich auch wieder auf, fuhr mit seinen Händen erneut um Leilas Hüften, zog sie wieder an sich, drehte sich mit ihr im Arm auf die Seite, so dass sie ganz nah bei ihm auf dem Rücken lag und schob ein Bein zwischen ihres. Dann begann er, Leila von neuem mit sanften Streicheleinheiten und zarten Küssen zu verwöhnen, seine Hände glitten an ihrer Seite hinunter bis er den seidenen Stoff ihres Höschens spürte. Leilas Körper bebte, erhob sich im Augenblick seiner Berührung und hastig griff sie nach seinen Jogginghosen und begann daran zu ziehen. Fast gleichzeitig zogen sie einander komplett aus, so dass wirklich nichts mehr zwischen ihnen und ihrem Verlangen Halt machen konnte.
Immer und immer wieder trafen sich ihre Augen, sicher zu gehen dass jede Berührung, jedes Antasten, jedes Erkunden wirklich im Einverständnis war und jedes neue Fragen wurde mit noch mehr Verlangen beantwortet.
Dann legte sich Keanu vorsichtig auf Leila, schlang seine Arme um ihren Kopf, und begann ihre Haare mit seine Fingerspitzen zu liebkosen. Dann strich er mit den Fingerspitzen sanft über ihre Stirn und seine Lippen wanderten von ihrer Wange über ihre Nase zu ihrem Mund, dann weiter hinunter über ihren Hals der besonders empfindlich auf solche Berührungen reagierte und Leila leise aufstöhnen liess. Gott, wie lange würde er dieses Spiel noch machen? Sie hielt es kaum noch aus, wollte ihn in sich spüren und als sein Kopf zwischen ihren Beinen verschwand und seine Zunge sie am empfindlichsten Punkt zu massieren begann, versagte ihr Verstand komplett. Leila stöhnte immer mehr, sie hatte ihre Arme über dem Kopf auf dem Kissen liegen und ihre Finger begannen sich in die Federn zu krallen. So lange, bis sie ihn an den Schultern packte und zu sich nach oben zog, dann schlang Leila ihre Beine noch fester um Keanus Hüften und endlich, endlich drang er in sie ein. Erst ganz langsam, immer und immer wieder, ihre Körper waren vereint und leise begannen sich Schweissperlen zu bilden die sich langsam auf ihren Körpern verbreiteten. Schon bald wurden Keanus Bewegungen schneller und zogen Leila im Rhythmus mit und die beiden ritten auf einer Welle der Leidenschaft, bis sie zusammen das gemeinsame Feuerwerk zum explodieren brachten und erschöpft in die Federn fielen.

Kapitel 27

Schwer atmend und triefend vor Schweiss wollte sich Keanu von Leila abrollen, doch sie hielt ihn fest umklammert.
„Bleib hier“ hauchte sie, bittend, flehend, dass er sie jetzt in diesem Augenblick nicht los lassen würde, damit sie ihn noch so lange wie möglich in sich spüren konnte und er sein ganzes Wesen mit ihr teilen würde. Keanu atmete schwer, Schweisstropfen lagen auf seiner Stirn und rannen die leicht ergrauten Schläfen hinunter aber er lächelte Leila an, stützte sich auf den Ellbogen ab um nicht sein volles Gewicht auf ihrem zartem Körper liegen zu lassen und hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Nasenspitze.
Dann strich er zärtlich über die ebenfalls nasse Stirn, lächelte und seine Augen leuchteten. Das helle braun war inzwischen ganz dunkel geworden und Leila versank in ihnen wieder und wieder, konnte kaum fassen, was gerade eben zwischen ihnen geschehen war und strich ihm zart über die Pobacken, massierte sein Kreuz, fuhr mit den Fingerspitzen der Wirbelsäule entlang zu seinem Nacken und verharrte als seine Augen noch tiefer in ihre blickten. Wortlos, anerkennend und bejahend fand er ein Leuchten darin, das von Glück und Zufriedenheit sprach und von tiefen Gefühlen. Dann rieb er sein bärtiges Kinn über ihre Wange und flüsterte in ihr Ohr:
„Mädchen, ich möchte Dich nie wieder gehen lassen!“
Leila sah ihn an und lächelte; endlich wusste sie wohin sie gehörte, endlich hatte sie Sicherheit, dass sie dieselben Gefühle teilten und dass das Geschehene auf einem Grund basierte, das jeden Sturm aushalten konnte. Leise strich sie Keanu über den perlnassen Rücken und drückte sich sanft an ihn.
„Ich Dich auch nicht“ flüsterte sie und als sein Körper wieder langsam auf ihren sank, entfachte eine neues Feuer das ganz langsam zu lodern begann und umgehend gelöscht werden wollte.

Erst viel später, als beide schweissgebadet ganz dicht nebeneinander lagen und nach Luft rangen, fanden sie Zeit, ihre beiden Herzen zu einem geworden waren und alles, was dazu gehörte, endlich in Worte auszudrücken. Auch wenn es nicht viele davon benötigte, beide wussten was sie füreinander empfanden, auch wenn diese Gefühle schon eine Ewigkeit in ihnen verborgen lagen. Jetzt waren sie befreit, befreit von allem Ungewissen, befreit von allen Zweifeln und befreit von allen Sehnsüchten die sie so lange hegten.

Leila sah Keanu mit gerötetem, verschwitzen Gesicht an, drehte sich zu ihm und als er seinen Arm einladend öffnete legte sie sich von neuem hinein und strich mit der freien Hand sanft über seinen Oberkörper. Wortlos, tief atmend lagen sie eine Weile so da, schöpften neue Kraft und als Keanu Leila erneut auf seinen Bauch zog, da konnte sie sein brennendes Verlangen sichtlich spüren und schon begann ein neues Spiel das wiederum in mehrfachen Ekstasen endete. Stöhnend, auf dem Gipfel der Gefühle reitend bis beide schlussendlich wieder von Schweisstropfen übersät im Bett lagen, glücklich, einander so viel geben zu können, dass ihr gegenseitiges Verlangen sie innerlich fast zu zerreisen drohte.

Leila erwachte, als Keanu die grosse Decke sachte über ihren nackten Körper zog. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und als er sie ganz zudecken wollte, war sie vollends wach, griff nach seiner Hand und sah ihn mit einem müden, aber strahlenden Gesicht an. Wieder zogen Bilder der Vergangenheit vorbei, von einer Vergangenheit die schon so lange zurück lag und die Leila immer wieder einholte.
Keanu sah den Wandel in ihren Augen, ihr Gesichtsausdruck veränderte sich und bekam einen ernsteren Ausdruck.
„Wovor hast Du solche Angst?“
fragte er vorsichtig und Leila wandte bei dieser Frage ihren Kopf von Keanu ab. Die Erinnerung an die Vergangenheit hatte damals eine tiefe Wunde in ihrem Herzen hinterlassen – die Wunde war schon lange geheilt aber die Narbe geblieben.
Keanu folgte mit seinen Augen, versuchte herauszufinden was Leila beschäftige und als sie erneut Gegenwehr gab, nahm er ihr Kinn in seine Hand und drehte Leilas Kopf wieder zu sich. Sein Blick war nun fragend, besorgt, etwas getan zu haben, was Leila vielleicht verletzt haben könnte, doch alles was er in diesem Moment erntete, war ein grosses Fragezeichen, das aus Leilas Gesicht zu springen schien.
Sie sah ihn lange mit ganz grossen Augen an, bevor sie antwortete:
„Das ist eine lange Geschichte“ begann sie und Keanu nickte. Dann erzählte Leila von dem Mann, der ihr vor Jahren das Herz gebrochen hatte, sie einfach im Regen stehen liess und sie nie wieder etwas von ihm gehört hatte. Ein trauriger Blick erklomm ihren Gesichtsausdruck und Keanu verstand endlich, warum sich Leilas Unbewusstsein so lange gegen eine Beziehung mit ihm wehrte.
„Leila, als ich sagte, keine Versprechungen eingehen zu wollen, da meinte ich, dass ich nicht versprechen kann, ob unsere Beziehung für immer halten wird - “
antwortete er sachte, strich ihr sanft über das Gesicht und fuhr fort:
„ich kann Dir aber versprechen, dass ich alles tun werde, damit wir eine gute Beziehung aufbauen können die hoffentlich funktioniert und hält. Ich möchte Dich von jetzt an immer an meiner Seite haben…“
Leila sah ihn mit grossen Augen an.
War er wirklich bereit dazu? Und sie selbst? Leila überlegte einen Moment; ja, sie war jetzt auch bereit dazu und worüber müsste sie diesbezüglich noch nachdenken? Endlich hatte sie gefunden was sie so lange gesucht hatte, einen Mann, den sie liebte und dem sie vertraute und der ihre Gefühle ganz offenbar teilte. Was mehr brauchte sie um glücklich zu sein? Alles was sie brauchte lag neben ihr und hielt sie in seinen Armen, gab ihr zu verstehen dass er sie nie wieder los lassen wollte und dass er immer für sie da sein würde. Was sonst brauchte sie?
„Ja, das möchte ich auch. Aber keine Versprechen, dafür vollständiges Vertrauen, Ehrlichkeit und offenen Gespräche… „
Keanu nickte – einmal mehr sprach sie seine Worte und mit einem tiefen Blick sah er sie dankend an. Genauso sah er das auch und Leila fuhr diesmal fort:
„Aber wie soll das mit uns jetzt weitergehen?“
Noch immer strich Keanu sanft über ihre Wange, dann über ihre Schulter und dem Arm entlang und entlockte ihr erneut ein Kribbeln. Keanu lächelte aufmunternd und hielt für einen Moment inne bevor er antworte:
„Das möchte ich gerne mit Dir besprechen, wenn – „
er machte eine Pause und sah sie noch eindringlicher an –
„wenn Du dazu bereit bist!“
Sanft strich sie über Keanus Wange und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Nicht jetzt…“
sagte sie, es gab im Moment nichts mehr zu bereden denn Keanu hatte Leilas Körper und Verstand erneut zu Reaktionen verleitet… Ein breites Grinsen lag jetzt auf ihrem Gesicht und Keanu sah sie verwundert an. Dann fuhren ihre Hände erneut über seinen ganzen Oberkörper, fühlte jedes feine Brusthaar darauf, strich langsam nach unten, und bevor sie dort angelangt war wo sie hin wollte, griff seine Hand nach ihrer, zog diese wieder an seine Brust und verpasste ihr einen Nasenstubser.
“Wir sollten uns erst mal stärken“ lächelte er und sah Leila fragen an.
Sie setzte sich auf und der Schalk lag noch immer in ihren Augen:
„Genau! Ich möchte mehr von Dir!“
sie machte eine kurze Pause: „jetzt, hier und sofort!“
Keanu packte Leila an den Schultern und warf sie lachend zurück aufs Kissen.
„Leila, ich bin keine 20 mehr, also gönn mir bitte eine Pause!“
sagte er und seine Stimme erklang gespielt flehend als er halbwegs auf ihr lag.
Leila lächelte daraufhin und versank erneut in seinen Augen.
„Ich kann nichts dafür, Keanu! Wenn Du mich so betörend anschaust, dann vergesse ich mich einfach!“
und um noch einen oben drauf zu setzen meinte sie schelmisch: „alter hin oder her!“
Keanu lachte und wechselte das Thema.
„Magst Du etwas Essen?“
fragte er nun ganz besonnen und just in diesem Moment realisierten beide, dass es schon einige Stunden her waren, seit die zusammen das Picknick am Strand gegessen hatten. Genauso wie sie schon Stunden auf ihrem Zimmer waren und Zeit und Raum vergessen hatten. Leila sah ihn an. Bei dem Gedanken an Essen nickte sie – ja, sie war hungrig, auch wenn man diesen Hunger in verschiedenen Formen auslegen konnte. Aber tatsächlich machte sich ihr Magen genauso bemerkbar wie seiner. Damit stieg Keanu hastig aus dem Bett, zog sich den Morgenmantel von Leila über, der noch immer vor dem Bett am Boden lag, ging zur Zimmertüre, schloss diese auf und kam kurz darauf mit einem Servierwagen wieder herein.
Leila staunte:
„Wie – woher?“
stammelte sie doch Keanu grinste nur und schob den Wagen vors grosse Bett. Tatsächlich hatte er den Zimmerservice gebeten, das Essen vor der Türe stehen zu lassen und hatte das Türschild „Don´t Disturb“ draussen angehängt, als Leila noch im Bad war.
Leila drückte das Leintuch an ihren Körper und rutschte gegen Ende des Bettes wo Keanu gerade die Glocken von den Tellern nahm und die Geheimnisse der darunter befindenden Kreationen entlüftete. Ein Teller war mit frischen Früchten garniert die zu einem sagenhaften, Bild zusammengefügt waren die aus lauter kleinen, geschnitzten Kunstwerken bestanden. Auf dem anderen Teller waren verschiedene Salate schmackhaft und farbenprächtig angerichtet, die am Tellerrand mit kleinen Sushi Fisch- und Lachs-Häppchen ausgarniert waren und unter der dritten Glocke kamen zwei frische Shrimpcocktails hervor die üppig garniert in zwei grossen Glasschalen und auf Eis gekühlt angerichtet waren. Dazu lag eine Flasche Weisswein im Kübel wo die Eiswürfel langsam zu schmelzen begannen. In einem Körbchen lagen frischer Toast und ebenfalls auf Eis gelegt eine Schale mit kleinen Butterportionen.
Leila lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die vielen Köstlichkeiten sah und Keanu grinste als er den Wein in die teuren Christallgläser goss.
„Was?“ fragte Leila neugierig und folgte seinem Blick der auf die Cocktails gerichtet war.
„Viel Eiweiss“ antwortete er schelmisch und Leila verstand.
„Ja, davon brauchen wir jetzt genügend Nachschub“
grinste sie und ihre Augen wanderten an Keanu herunter bis sie auf seinem besten Stück lagen….

Es war schon lange dunkel draussen, als die beiden fertig gegessen hatten. Leila hüpfte noch schnell unter die Dusche und als sie fertig war, lag Keanu in ihrem Bett und schlief bereits.
Auch Leila hüpfte unter die Decke und als sie sich vorsichtig neben ihn legte, da drehte sich Keanu im Schlaf zu ihr und legte einen Arm um ihren Bauch und hielt sie ganz fest.
„Gute Nacht“
flüsterte Leila und strich sanft über seinen Unterarm. Ihre letzten Gedanken galten voll und ganz den letzten 24 Stunden und dem Mann, der sie in dieser Zeit in eine ungeahnte Welt versetzte, von der sie nie mehr flüchten wollte.

Kapitel 28

Der Tag war schon lange angebrochen, als Leila am nächsten Morgen erwachte. Wieder drang leise Musik aus den Lautsprechern und wieder konnte sie das Rauschen von Wasser ausmachen, das vom Badezimmer her kam. Keanu stand schon eine ganze Weile unter der Dusche, ausgenüchtert vom letzten Abend und all seinen Ereignissen, hatte die Haare gewaschen, Zähne geputzt und war sich jetzt am einseifen, als Leila frech durch die Badezimmertüre guckte und ihm zusah. Eine Augenweide bot sich ihr mit seinem Anblick und selbst jetzt wo Keanu eingeschäumt und nass war, mit geschlossenen Augen unter der Brause stand und sich die heissen Wasserstrahlen über Gesicht und Körper prasseln liess, war er attraktiver als je zuvor und zog Leila wieder in ihren Bann. Ihr Verlangen nach diesem Mann entflammte von neuem und ohne Bedenken schloss sie die Badezimmertüre hinter sich, liess den Bademantel auf den Boden gleiten und als sie die Glastüre zur Dusche öffnete und ein leiser Wind ihr Anwesen bemerkbar machte, drehte sich Keanu um, rieb sich das Gesicht um die Wassertropfen aus seinen Augen zu entfernen und sah Leila lächelnd an. Scheu wie ein Reh trat sie zu ihm, doch er packte sie an den Handgelenken, zog Leila sanft zu sich so, dass sie Körper an Körper waren, legte seine Kinn auf ihre Schulter, drückte sie noch fester an sich und begrüsste sie mit einem „Guten Morgen Sunshine“. Dann sahen sie sich ganz lange an und Keanu führte seinen Mund zu ihrem Gesicht um begann, zuerst ganz zaghafte Küsse zu verteilen. Leila liess ihre Hände auf seinem Rücken auf und abwandern, bis er sie umdrehte, seine Arme um ihren Bauch legte und ihr Rücken an seiner Brust anlehnte. Dann begann er, ihren Nacken zu massieren, verteilte neue Zärtlichkeiten darauf und begann mit seinen Händen, ihren Körper von neuem zu entdecken. Heisses Wasser floss über beide und das Rieseln der sanften Tropfen entfachte ein neues Feuer, das sie gemeinsam zu löschen versuchten…

Erst viel, viel später verliessen sie das Zimmer um auf der Hoteleigenen Terrasse beim Strand zu frühstücken. Sie hatten beschlossen, dass sie miteinander so neutral wie nur möglich in der Öffentlichkeit umgehen wollten. Dies obwohl es beiden schwer fiel, ihre Finger voneinander zu lassen. Zu neu waren die entdeckten Gefühle, zu gierig das gegenseitige brennende Verlangen nach Haut und Körper und kaum hatten sie sich gestärkt, gingen sie wieder auf ihr Zimmer und erlagen der gegenseitigen Anziehung, der Magie und der Kraft, die sie immer wieder zueinander trieb. Wild, sanft, ungeahnte Höhen und Tiefen erlebend, immer und immer wieder bis ihr Verlangen in den frühen Nachmittagsstunden gestillt wurde.

Später fuhren sie mit dem Auto an die berühmte Hanauma Bay wo sie den ganzen Nachmittag mit Baden und Schnorcheln verbrachten und kehrten erst am Abend zurück, als die Sonne sich langsam dem Horizont zuneigte.
Zusammen hatten sie nach einem Restaurant ausgesucht, das sehr gediegen war und direkt am Meer lag und den Charme der Hawaiianer voll und ganz mit sich brachte. Statt elektrischen Lampen waren überall Fackeln an den Wänden entfacht, das Interieur war mit riesigen Palmen und Sträuchern ausgestattet, das dem Dschungel nachgeahmt war. Und überall hingen Blumentöpfe von der Decke die mit prachtvollen und Farbigen Kreationen geschmückt waren und nebst dem Essen einen sanften Duft von einheimischen Pflanzen versprühten.
Leila bestand darauf, dass Keanu das Essen bestellen sollte; er kannte sich schliesslich mit der lokalen Küche sehr gut aus und überraschte sie mit seinem guten Geschmack.
Überhaupt; das ganze Flair, die vergangenen Tage und alles, was die beiden in der Zwischenzeit erlebt und entdeckt hatten, versetzte sie in ein fast neues Universum. Alles schien viel intensiver zu sein, Geräusche, Gerüche, die ganzen Wahrnehmungen wurden auf einmal enorm sensibilisiert, jede Geste vom andern in sich aufgesogen, welches wieder Emotionen auszulösen drohte und sie sich enorm zusammen reissen mussten. Äusserlich blieben sie zurückhaltend, versuchten sich selber zu sein, aber mit jeder sanften Berührung verlangten ihre Körper nach dem anderen, so als müssten sie die ganzen vergangenen Monate auf holen, die sie miteinander nur per Telefon teilen konnten…

Kapitel 29

Auch die folgenden Tage verbrachten die beiden mit Ausflügen auf und um die Insel, gingen schwimmen, Keanu versuchte Leila das Surfen beizubringen was schlussendlich in einem totalen Chaos und Gelächter endete weil sie kein Gleichgewicht halten konnte.
Oder sie besuchten die Gedenkstätte in Pearl Harbour was bei Leila enorme Emotionen auslöste. In der Gedenkhalle zu stehen die nur einige Meter über dem Wasser und oberhalb von einem der bombardierten und gesunkenen Schiffe gebaut war , wo man noch immer die Umrisse von der Brücke aus sehen konnte, liess Leila erschaudern. Ebenso das Wissen, dass dort unten noch immer die sterblichen Überreste der Matrosen und Besatzungsmitglieder waren, die auf der Gedenktafel mit Namen aufgeführt waren, trieb ihr Tränen in die Augen. Das eigentlichen Ausmass des ganzen Angriffs im 2. Weltkrieg wurde ihr erst bewusst, als sie die Filmvorführung gesehen hatte; selbst diese wurde von ehemaligen Kriegsveteranen gezeigt, die damals selbst in Pearl Harbour gedient und alles miterlebt hatten, liess Leila in tiefe Gedanken versinken.
Auch an Keanu ging dieser Besuch nicht ganz spurlos vorbei, obwohl er seinen unergründlichen Gesichtsauszug zu praktizieren versuchte. Leila wusste, dass ihn das Schicksal all dieser Leute enorm beschäftige und sie hielten einander einfach nur im Arm, durchquerten das Gelände und setzten sich schlussendlich nach dem Besuch auf eine Besucherbank und liessen die Ereignisse nochmals in Gedanken passieren. Es war wohl einer der aufwühlendsten Momente, die die beiden auf der Insel verbrachten.
An diesem Abend gingen sie in ein besonders chickes Restaurant und liessen sich mit Meeresfrüchten und Champagner verwöhnen, bevor sie todmüde wieder ins Hotel zurückkehrten.

Die Tage auf Hawaii vergingen viel zu schnell und am Abend vor der Rückreise nach LA sassen sie noch ein letztes Mal in einem typischen, einheimischen Lokal. Wieder hatte Keanu Essen bestellt und nachdem sie bereits mit einem Glas Champagner auf ihr Zusammensein angestossen hatten, folgte darauf auch ein intensives Gespräch über ihre Zukunft.
Leila war hatte sich bereits viele Gedanken über Keanu und sich selbst gemacht und war auch bereit, gewisse Kompromisse einzugehen. Keanu selbst hatte sich genauso viele Gedanken gemacht und als er sanft ihre Hand nahm und sie fragte wie es ihr ginge, da lächelte sie ihn nur an.
„Es ist wunderbar, in Deiner Nähe zu sein….“
Keanu lächelte sie wortlos an, doch seine Augen sprachen Bände. Leila lächelte ebenfalls, und ihre Gefühle begannen wieder Achterbahn zu fahren. Die Berührung seiner zarten Hand, die ihre Finger noch immer sanft umschlossen versetzte sie erneut in Wallungen… Warum bloss sollte sie diesem Mann jemals widerstehen wollen?
„Die Woche hier, mit Dir….“
sie sah Keanu mit grossen Augen an und schüttelte den Kopf:“ ich kann dafür fast keine Worte finden…“
„Das brauchst Du auch nicht, Darling“
antworte Keanu leise und drückte ihre Hand. Leila wurde ganz verlegen. „Darling“ hatte er bis anhin noch nie zu ihr gesagt aber es zeigte Leila, dass er sie nun voll und ganz an seiner Seite akzeptiert hatte, auch wenn ihr zwischendurch wieder Zweifel kamen. Besonders wenn sie unterwegs waren, viel es Leila oft schwer, nicht nach seiner Hand zu greifen. Aber schliesslich hatten sie dies ja auch so abgemacht. Trotzdem, einfach war es für Leila nicht und wie oft staunte sie, dass Keanu seinen unnahbaren und undurchdringlichen Gesichtsausdruck auflegen konnte, den er erst wieder ablegte, wenn sie wieder im Hotelzimmer waren. Irgendwie war es für Leila erschreckend, auf der anderen Seite bewunderte sie Keanus Fähigkeiten, nichts an sich rankommen zu lassen, dass er nicht wollte.

Ein intensives Gespräch entstand, schliesslich hatten sie noch viel zu bereden, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Keanu brauchte Leila eigentlich nicht danach zu fragen, ob sie sich ein Leben in den Staaten vorstellen könnte. Das wusste er aus den vielen Gesprächen die sie oft per Telefon geführt hatten. Und sie war auch bereit dazu. Als es jedoch darum ging, wie und wo sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollte, da sah Keanu sie mit grossen Augen an.
„Du verstehst, dass ich nicht einfach bei Dir einziehen will, ohne etwas am Haushalt beizutragen“ antwortete Leila. Keanu nickte im Einverständnis:
„Du weißt, dass Du das nicht brauchst“ antwortete er: „im Hause gibst nichts zu tun, da habe ich eine Putzfrau und viel Grünzeugs habe ich auch nicht ums Haus, das man pflegen musst. Dafür kommt ein Gärtner. Ansonsten gibt’s nicht viel zu tun…“ ergänzte er und Leila grinste.
„Also nur Kochen und Waschen..:“ sagte sie und er grinste verschmitzt zurück.
„Wenn Du magst – aber auch das können wir uns teilen…“
Wieder grinste Leila und bei dem Gedanken, dass Keanu selbst am Kochherd stehen würde, da huschte ein freches Lächeln über ihr Gesicht. Doch gleich darauf wurde Leila ernst.
„Du weißt was ich meine. Ich kann nicht einfach in die Staaten ziehen, ohne Arbeit, ohne Einkommen bei Dir wohnen und sozusagen „nichts“ dafür tun. Ich brauche einen Job. Und wenn wir realistisch genug sind, dann kriege ich den nicht einfach auf die Schnelle.“
Keanu nickte wieder und nahm einen Schluck Wein. Das Essen war schon lange abgeräumt und sie warteten noch auf Dessert.
Er lehnte sich gemütlich in den Stuhl zurück und sah Leila eine lange Minute stillschweigend an. Sein Gesichtsausdruck war nun auch ziemlich ernst geworden und Leila konnte ihm ansehen, dass er sich tiefgründige Gedanken machte.
Sie wartete einfach, doch auch ihre Gedanken machten Sprünge; schliesslich hatte sie eine sehr wichtige Entscheidung getroffen und würde ihr wohlbehütetes Leben für diesen Mann aufgeben und zu ihm ziehen. Aber erst würden sie am nächsten Tag zurück nach LA fliegen und dort noch eine ganze Woche zusammen verbringen. Dann würde sie nach Hause in die Schweiz zurückkehren, dort ihre Eltern in die Pläne einweihen, ihren Job und ihre Wohnung kündigen und nach beiden Fristen in etwa drei Monaten wieder zu Keanu in die Staaten fliegen. Bis dahin wollte Leila die finanzielle Sicherheit geregelt haben. Schliesslich hatte sie noch immer Schulden abzuzahlen und ausserdem liess es ihr Ego nicht zu, dass sie sozusagen mittellos wieder zu Keanu zurückkehren sollte. Keanu wusste all dies, schliesslich hatten sie schon oft über Job und Geld geredet und er wusste auch, dass Leila viel an Sicherheiten lag.

Keanu’s Oberkörper beugte sich wieder näher zu Leila. Dann griff er erneut nach ihrer Hand, die noch immer um den Rand vom Weinglas schliff und somit ein leises Klingen hervorrief. Sie sah ihn fragend an.
„Leila, vielleicht hätte ich einen Job für Dich“
sagte er leise und aus seinen ernsten Gesichtszügen konnte Leila erkennen, dass er sich wirklich Gedanken darüber machte.
„Einen Job? Was für einen Job?“ jetzt war ihre Neugierde komplett geweckt.
Keanu erzählte ihr von seiner Produktionsfirma die er vor ein paar Jahren zusammen mit einem Bekannten gegründet hatte.
„Das Geschäft kommt langsam ins Rollen und so wie es aussieht, könnten wir in absehbarer Zeit noch jemanden im Office gebrauchen..:“
Leila lächelte, fast hilflos: „Eine Produktionsfirma?“ sie überlegte einen Moment:“ ihr produziert also Filme…“
Keanu nickte und grinste: „wir tun unser Bestes…“
„Und wo ist das Office?“
„Downtown LA“
Leila nickte. Wo sonst, das war ja sonnenklar: „und bestimmt arbeitet ihr von 9 bis 5?“
Wieder nickte Keanu, obwohl ja beide genau wussten, dass je nach Auftrag die Arbeitszeiten angepasst werden mussten.
„Und Du bist der festen Überzeugung, dass ich diesen Job – was immer das auch sein mag, ausführen könnte?“
Wieder nickte Keanu: „Da bin ich überzeugt. Du bist doch ein intelligentes Mädchen. Und ausserdem machst Du zurzeit doch etwas Ähnliches. Die Materie würde anders sein und Unterstützung würdest Du auch kriegen. Annie ist schon eine Weile dort und würde Dich gut einarbeiten.“
Leila hörte gespannt zu und liess sich etwas über die Arbeit und den Zusammenhang der Produktionsfirma erklären. Schliesslich musste sie sich ein Bild darüber machen können, was sie zukünftig arbeiten sollte; wenn sie Keanus Angebot überhaupt annehmen konnte. Der Gedanke mit ihm zu leben und für denselben Mann zu arbeiten, darüber musste sie sich erst schlüssig werden. Ausserdem wollte sie zuerst zu Hause alles in Ordnung bringen und bis zu ihrer Rückkehr hätte sie ja noch einige Wochen Zeit, auch um eventuell einen Job durch eine Agentur in der Schweiz zu suchen.

Die beiden beendeten dieses Gespräch mit offenen Türen. Doch für Leila war es gut zu wissen, dass Keanu ihr eine Möglichkeit und eine Sicherheit bot, dass sie auf ihren eigenen Beinen stehen konnte, sollte die Beziehung mit ihm nicht funktionieren. Darüber mochte sie zwar weder nachdenken noch konnte sie sich dies vorstellen, doch musste eben genau diese Möglichkeit auch in Betracht gezogen werden. Eine Garantie für eine bleibende und dauerhafte Bindung gab es schliesslich nicht.
Und als die beiden das Restaurant spät abends verliessen und am Strand entlang zum Hotel zurückkehrten, da nahm Keanu Leila wortlos an der Hand. Und von da an wusste sie, dass er ab jetzt auch in der Öffentlichkeit zu ihr stehen würde!

Der Rückflug nach LA war schon früh morgens und somit blieb den beiden wenig Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Sie würden dies auf dem Flughafen einnehmen was sie auch taten. Keanu hatte am Vorabend noch kurz seine Combox abgerufen und von Erwin, seinem Manager eine Nachricht erhalten, der ihn bat, kurz zurück zu rufen, bevor er in LA ankommen würde. Anscheinend war es wichtig und als sie in LA landeten, rief ihn Keanu von der Gepäckausgabe an. Es war nur ein kurzes Gespräch, doch Keanu nahm Leila kurz danach zur Seite und sah sie fragend an.
“Was ist passiert?“ sein Gesichtsausdruck hatte einen merkwürdigen Zug bekommen.
„Bist Du bereit für die Meute?“ frage er vorsichtig.
Leila sah ihn mit grossen Augen an: „welche Meute?“
„Die Papparazzies“ antwortete Keanu und erklärte Leila mit kurzen Worten, dass sie auf Hawaii erkannt wurden und schon Gerüchte in den Zeitungen kurierten, wer die Frau an seiner Seite wäre.
Leila staunte, damit hatte sie wirklich nicht gerechnet, doch sie sah Keanu lange an, überlegte einen kurzen Moment und fragte ihn dann: „Was schlägst Du vor?“
„Stillschweigen“ antwortete er, ohne eine Mine verziehen. Leila nickte. Das wäre das Beste und sie legte einen ebenso undurchdringlichen Blick auf, den er selber gut praktizieren konnte.
„Etwa so?“ fragte sie gespielt ernst und für einen Moment grinste er.
„Genau so! Du bist ja richtig gut!“ diesmal grinste Leila, aber nur kurz um besagten Blick gleich wieder aufzulegen. Dann wendeten sie sich wieder dem Gepäckband zu und als sie schlussendlich mit ihren Koffern durch die Passkontrolle in die Empfangshalle kamen, standen tatsächlich schon ein paar Fotografen da und belagerten die beiden, machten Fotos und stellten eine Unmenge Fragen.
Keanu zog seine Mütze noch tiefer in die Stirn, schaute auf den Boden und lief einfach an ihnen weiter. Leila tat es ebenso und als sie schlussendlich den Lift in die Parkgarage stiegen, hatten sie Ruhe.
„Gut gemacht!“ lobte er Leila mit kurzen Worten und sie lächelte danken.
„Das also ist Dein Leben wenn sie wissen, wo Du bist“ stelle sie bedauernd fest und Keanu nickte.
„Ich hoffe, dass Du Dich daran gewöhnen kannst, wenn es wirklich ausarten sollte. …“
Leila sah in mit grossen Augen an:
“ Ausarten?“ sie überlegte einen Moment, dann sagte sie:“ Ich denke, wir werden ihnen einfach kein Futter geben…“
Keanu nickte anerkennend; er hatte gehofft, dass Leila mit Rummel umgehen könnte und der beste Beweis dafür hatte sie ihm gerade geboten….

Kapitel 30

Es war schon spät, als dei beiden endlich zu Hause in der Trasher Avenue ankamen. Ausser etwas Essen, Koffer auspacken und Wäsche in die Maschine füllen, waren beide zu müde von der Reise, um noch Bäume ausreissen zu wollen. Sie sassen nur noch kurz draussen auf der Terrasse um den Tag bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen und gingen dann zu Bett.
Es war keine Frage, dass Leilas Platz in Keanus Schlafzimmer war und als sie sich zu ihm legte, da nahm er sie wortlos in seinen Arm, küsste sie behutsam auf die Stirn und dankte Leila, dass sie da war. Eng schmiegte sie sich an Keanu und Leila schloss die Augen. Sie war glücklich, so glücklich wie nie zuvor und ihr ganzes Vertrauen, das sie so lange in Männer und auch in sich selbst aufgegeben hatte, war endgültig zurückgekehrt.

Auch die folgende Woche in LA verging viel zu schnell. Wiederum verbrachten die beiden die Tage mit Strandbesuchen, Ausflügen per Porsche oder gar auf einem seiner Motorräder und sie begrüssten die Nächte damit, dass sie einander gaben, was sie all die Monate vermissten, die sie nicht zusammen waren.

Eines der vielen Highlights in der letzten Ferienwoche für Leila war, dass Keanu Leila seiner Mutter Patricia und seiner Schwester Karina vorstellen wollte. Dazu hatte er alle zum Mittagessen in einem teuren Restaurant beim Rodeo Drive eingeladen und erstaunlicherweise, für Leila auf jeden Fall, fanden sich alle auf Anhieb sympathisch. Patricia war zwar zu Beginn ziemlich zurückhaltend und als der Nachmittag vorbei war und sich alle wieder verabschiedeten, da umarmte sie Leila und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Keanu stand lächelnd daneben und man konnte ihm ansehen, dass er stolz auf seine neue Freundin war. Auch Karin umarmte Leila und flüsterte in ihr Ohr:
„Mein Bruder war schon lange nicht mehr so glücklich!“
worauf hin Leila Karina erst recht umarmte. Dass sie von Keanus „wichtigsten Frauen“, wie er einmal sagte, gleich so herzlich aufgenommen wurde, das musste Leila erst verdauen.
Auf dem Heimweg sprachen sie ausgiebig über die neue Begegnung und Keanu spürte, dass Leila sich in der Nähe seiner Familie wirklich auch wohl fühlte.

Die restlichen Tage der gesamten drei Wochen vergingen ebenfalls wie im Fluge und schon bald war Leila wieder zu Hause bei ihren Eltern. Dort wurde ausgiebig über ihr Zukunft diskutiert und schlussendlich musste sogar ihr störrischer Vater eingestehen, dass Leila nicht mehr davon abzuhalten war, ihre ganze Existenz in ein paar Monaten aufzugeben und vielleicht ihr Heimatland für immer zu verlassen.
Doch bis dahin war noch einiges zu erledigen und Leila reichte schon am ersten Arbeitstag ihre Kündigung auf Arbeitsstelle und bei der Wohnungsvermietung ein.
Keanu rief fast täglich an und so hielten sie einander auf dem Laufenden. Leila erzählte ihm allerdings nicht, dass sie trotz seines Angebotes in ihrer Freizeit auch nach anderen Stellen in um LA zu suchen begann. Das war sie sich selbst einfach schuldig. Ausserdem brauchte sie eine Greencard und vor allem einen Arbeitgeber, die sie in Anstellung nehmen würde, dies nur anhand ihrer Unterlagen, die sie jeweils per Brief oder gar per Express Kurier in die Staaten schickte. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie und wann sie entsprechenden Bescheid bekommen würde und die Sache war komplizierter und schwieriger, als dass sich Leila dies jemals vorstellen konnte. Schliesslich hatte sie ihre Ausbildung als Handelsfachangestellte und wollte auf diesem Gebiet weiter arbeiten…..

Ein paar Wochen später kam Leila völlig aufgelöst nach der Arbeit nach Hause. Sie sollte Keanu in ein paar Tagen in New York treffen, und so sehr wie sie sich auf das Wiedersehen gefreut hatte, so sehr war sie jetzt durcheinander. Auf einmal schien ihre ach so heile Welt nicht mehr in Ordnung zu sein; geplagt von Gewissensbissen, Unsicherheit und Wut, ging sie als erstes zum Kühlschrank, öffnete diesen und griff zu einer Dose Bier. Einen Moment lang starrte sie auf das Etikett, öffnete die Flasche und sagte zu sich selbst:
„Was soll’s!“
dann trank sie einen grossen Schluck und setzte sich mit dem Bier aufs Sofa. Seit Tagen plagten sie Schmerzen in der Bauchgegend die sie einer vermeintlichen Blasenentzündung zugeschrieben hatte. Obwohl sie entsprechende Medikamente dagegen nahm, verschwanden die Schmerzen nicht. Leila wurde zunehmend nervöser und konnte sich nicht erklären, was ihr fehlte. Hatte sie endlich ihre Migräne besiegt und dachte, endlich ohne Medikamente auskommen zu können, meldete sich ihr Körper erneut und sie konnte nichts dagegen tun. Als sie Schmerzen immer heftiger wurden, und Leila inzwischen eher an eine Eileiterentzündung dachte, rief sie schlussendlich ihre Ärztin für einen kurzfristigen Termin an. Schliesslich war der Abflug schon in drei Tagen und mit diesem Schmerzen konnte sie unmöglich in ein Flugzeug steigen…

Und nun sass Leila auf ihrem geblumten Sofa und grübelte über die Vergangenheit und die Zukunft nach, über ihre Familie, ihren gekündigten Job, die bereits halb leere Wohnung die ihr einst ein so überaus heimeliges Dasein entgegenbrachte und die sie in ein paar Wochen aufgeben würde. Sie grübelte über Keanu und sich selbst nach, dachte an die ersten Begegnungen und was daraus wurde und wie die Situation jetzt aussah. Das Bier war inzwischen auch leer getrunken und sie holte sich eine neue Flasche. Eigentlich war das überhaupt nicht ihre Art, doch heute brauchte sie es einfach. Wieder setzte sie sich hin, öffnete eine Tüte Chips dazu und ihre Gedanken begannen wieder zu rotieren und schienen sich je länger je mehr im Kreise zu drehen. Erst durch das Klingeln ihres Festanschlusses wurde sie aus ihren Gedanken gerissen und als sie Keanus Stimme hörte, wusste sie nicht, ob sie glücklich oder traurig darüber sein sollte. Im Moment war sie zu durcheinander und selbst Keanu konnte an ihrem aussergewöhnlich kühlen Verhalten ausmachen, dass etwas nicht stimmen konnte. Obwohl er einige Male im Gespräch nach einer Möglichen Ursache fragte, Leila blieb stur und versicherte ihm, dass alles in Ordnung sei und dass sie sich ja bald am JFK Airport treffen würden.
Es war nicht nur Leila, die diese Nacht nicht schlafen konnte; ein besorgter, nachdenklicher Keanu lag ebenfalls noch Stunden lang wach und machte sich Gedanken, was mit seinem Engel wohl los sein mochte. Hatte sich Leila vielleicht anders entschieden und würde schlussendlich nicht mit ihm zusammen ziehen wollten? Oder hatte sie gar jemand anders kennen gelernt? War sie vielleicht krank? Gott, es konnte so vieles sein und Keanu musste trotz allem wissen was geschehen war. Er liebte diese Frau über alles und wenn es sein musste, würde er um sie kämpfen!

Kapitel 31

Als Leila endlich in New York gelandet war und aus der Gepäckabteilung und der Passkontrolle herauskam, war sie aufgelöster als jemals zuvor: der Abflug war bereits um 5/4 Stunden verspätet gestartet und dadurch hatte sich natürlich auch die Landung verzögert. Fast eine halbe Stunde musste das Flugzeug über New York kreisen bis endlich Landeerlaubnis erstattet wurde.
Mit der ganzen Aufregung war Leila müde und ausgelaugter als jemals zuvor; die letzten harzigen Wochen an ihrer Arbeit und mit der Wohnungsauflösung hatten zusätzlich an ihrer Substanz genagt und nun war sie froh, endlich für ein paar Tage von allem weg zu sein.

Trotz seiner vermeintlichen „Tarnung“ erkannte Leila Keanu schon von weitem; von seiner alten durchlöcherten Jeans konnte er sich noch immer nicht trennen, die braune Lederjacke liess inzwischen auch zu wünschen übrig und der in die tief in das von einer schwarzen Sonnenbrille bedeckte Gesicht gezogene alte Hut kannte Leila auch schon aus ihrem letzten Besuch. Nur die fast neuen, braunen Wildlederschuhe waren das einzige Kleidungsstück das, soweit sie beurteilen konnte, noch nicht kannte.
Etwas nervös stand Keanu in der Empfangshalle und als er Leila erblickte, hob er seine Hand und ein breites Grinsen flog buchstäblich zu Leila herüber. Leila sah sich vorsichtig um; sie war darauf gefasst, dass Keanu vielleicht wieder belagert werden würde, doch nichts dergleichen war zu erkennen. Mit raschen Schritten lief sie gen Ausgang zu, den Gepäckrolli hinter sich herziehend und als sie endlich bei Keanu stand, da nahm er erst Wortlos ihre Handgelenke, schaute ihr durch die Brille tief in die Augen, legte seine Arme um ihren Oberkörper und drückte sie ganz lange und fest an sich.
„Schön, dass Du da bist!“
hauchte er in ihr Ohr währenddem er sie sanft in seinen Armen wog. Mit dieser Geste hatte er Leila für einen Moment übermannt und sie drückte sich ebenfalls fest an ihn, lächelte zaghaft und sah ihn fast verlegen an. Selbst durch die dunkle Brille konnte sie seine strahlenden Augen sehen und gerade in diesem Augenblick wusste Leila, wie sehr sie ihn und seine Berührungen vermisst hatte. Ueberwältigt von diesem Augenblick lief eine leise Träne ihre Wange hinunter, die sie gleich mit der Schulter wegwischte, damit Keanu sie nicht sehen konnte. Die letzten Tage waren sehr emotionell abgelaufen und sie wollte nicht das Weichei raushängen lassen. Nicht jetzt.
„Ich habe Dich wahnsinnig vermisst!“
flüsterte er leise und drückte Leila erneut an sich.
Sie sagte kein Wort, hatte ihren Arm auch um seine Hüften gelegt und mit dem anderen hielt sie noch immer ihren Koffer fest.
„Ich Dich auch!“
antwortete sie und damit drückte ihr Keanu einen sanften, kaum spürbaren Kuss auf die Wange. Dann legte er seinen Arm um ihre Schulter, nahm ihren Koffer und wies ihr den Weg zum Taxistand.
Leila taute langsam auf. Natürlich hatte sie sich auf das Wiedersehen gefreut, doch die ganzen Umstände, die Aufregung und das Durcheinander beim Abflug hatten nicht nur ihre Laune ziemlich angegriffen. Keanu hatte die Verspätung mitbekommen und er hatte erkannt, dass Leila ziemlich geschafft und blass war. Als sie im Taxi sassen, nahm er seine Sonnenbrille ab, gab dem Fahrer die Adresse durch und wendete sich wieder Leila zu. Irgendetwas war anders; Leila sah zwar müde und geschafft aus, aber sie war auch sehr zurückhaltend und vor allem nicht mehr so gesprächig. Das hatte er schon die letzten Tage bemerkt, als er sie anrief. Und nach wie vor versicherte sie ihm, dass alles in Ordnung sei.
Keanu drehte sich wieder Leila zu und sah sie lange an.
„Du siehst sehr blass aus. Geht es Dir nicht gut?“ fragte er besorgt und wartete aber vergeblich auf eine glaubwürdige Antwort. Leila lächelte müde und schüttelte verneinend den Kopf. Sie war diesmal wirklich geschafft und war froh, wenn sie sich endlich hinlegen könnte.
“Hast Du wieder Kopfschmerzen?“ bohrte Keanu weiter und griff sachte nach ihrer Hand. Er wusste zu gut über ihre Migräneattacken bescheid und hoffte, dass sich diesmal keine anbahnen würde. Doch Leila verneinte erneut kopfschüttelnd. Keanu bohrte weiter:
„Brauchst Du irgendetwas das wir unterwegs einkaufen können?“
Wieder verneinte sie und ihr Blick war so unergründlich dass es ihm fast Angst machte.

Definitiv war etwas geschehen war denn das war nicht die Leila, die er vor einigen Wochen verabschiedete hatte, und definiv nicht mehr die Leila, die er so sehr in sein Herz geschlossen hatte mit ihrer Unbekümmertheit, die er so sehr an ihr schätzte. Aber er wusste auch. dass Leila ihm früher oder später sagen würde, was los war. Sie brauchte einfach Zeit und vor allem zuerst etwas Erholung.
Leila sah Keanu lange an, drückte seine Hand und schüttelte wieder den Kopf.
„Nein danke. Alles in Ordnung…“
Keanu blickte sie ganz lange an; doch ihre Augen wandten sich von ihm ab und waren jetzt auf den Verkehr gerichtet. Er wusste, das jetzt und hier nicht der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion war. Also wechselte er das Thema und erzählte von New York, beschrieb ihr die Gegend die sie gerade passierten, liess sie geschichtlich an der Stadt teilhaben und plapperte bis sie bei seiner Wohnung angekommen waren. Dort half er Leila Gentlemen-like aus dem Taxi, nahm ihren Koffer und zusammen fuhren sie im Lift nach oben. Leila sprach noch immer nicht viel, erst als sie in der Wohnung angekommen waren, staunte sie über seinen ausserordentlichen Geschmack.
Langsam löste sich ihre Angespanntheit und als Keanu sie endlich ganz fest in die Arme nahm und sie voller Leidenschaft küsste, erst da taute sie endlich etwas auf. In seinen Armen, mit seinen Berührungen vergass sie für einen Augenblick alles, was um sie herum passierte und geschehen war und für einen langen Moment liess sie sich einfach gehen. Keanu küsste sie erst vorsichtig, ertastend, seine Augen suchten in ihren und er erkannte, dass die Leidenschaft noch immer da war – aber er erkannte auch, dass da noch etwas anderes war, das er noch nie bei Leila gesehen hatte. Bevor seine Emotionen mit ihm durchbrannten, liess er Leila los und bot ihr an, dass sie sich doch ein Bad nehmen sollte und er würde in der Zwischenzeit Essen bestellen.
Leila nickte und sah in lächelnd an. Sie strich ihm danken über eine Wange und antwortete:
“Ja, ein Bad nehmen, das ist eine gute Idee“
und Keanus warme Augen musterten sie erneut von oben bis unten.
„Und wie steht’s mit Essen? Hättest Du Lust auf Italienisch?“
Leila überlegte einen Moment, dann schüttelte sie verneinend den Kopf. Hunger hatte sie eigentlich nicht gross; schon seit Tagen ass sie unregelmässig und die ganze Flugverspätung hatte ihr übriges getan. Sie sah Keanu entschuldigend an, der sie zu überreden versuchte; währenddem sie ihre Sachen auszupacken begann beobachtete Keanu Leila als er ihr half.

Schon am Flughafen war ihm aufgefallen wie blass und abgemagert Leila inzwischen war, ausserdem war sie sehr zurückhaltend und irgendwie anders. . Trotzdem konnte er seinen Blick nicht von ihr lassen und dass sie keinen Hunger haben könnte, konnte er sich einfach nicht vorstellen. Er schubste Leila freundschaftlich gegen die Hüfte und sie versuchte zu lächeln. Ihre Gedanken waren schon wieder weit weg, und mit seiner Geste allerdings gleich wieder bei ihm. Sie sah ihn an und ein paar fragende Augen waren auf sie gerichtet:
„Chinesisch?“
Leila kniff die Lippen zusammen, sie wusste doch genau, wie sehr er sie doch, und nicht nur kulinarisch, verwöhnen wollte aber der Gedanke an Essen schien im Moment so absurd zu sein. Sie mochte einfach nicht daran denken. Als sie endlich ihren Trainer in aus dem Koffer genommen und ihre Pflegeutensilien gefunden hatte, wendete sie sich zu ihm und sagte:
„Keanu, es tut mir leid, ich habe wirklich keinen Hunger. Aber Du solltest etwas essen. Ich gehe inzwischen ins Bad“,
sprachs und war schon aus Keanus Blick verschwunden.
Im Bad angekommen, stand Leila lange vor dem Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Eingefallen, blass, und tiefe Augenringe zeugten von schlaflosen Nächten und sie wusste, dass sie mit Keanu sprechen musste. Nur wie, das wusste sie nicht. Erst mal würde sie ein Bad nehmen und dann weiter sehen. Sie war zwar müde aber gleichzeitig wäre sie bereit gewesen, noch einen Abendspaziergang zu machen. Sie wusste, dass der Park ganz in der Nähe war und frische Luft würde ihr bestimmt gut tun.

Als Leila aus dem Bad kam, hatte Keanu bereits den Tisch für zwei gedeckt. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und statt elektrischem Licht hatte Keanu den Kamin angezündet und überall standen brennende Kerzen die den Raum in ein warmes Licht tunkten. Der Tisch war mit modernem Geschirr und Silberbesteck gedeckt und inmitten stand ein riesiger, farbiger Blumenstrauss den Leila bei ihrer Ankunft gar nicht gesehen hatte. Als Keanu Leila sah, legte er das Feuerzeug weg und kam auf sie zu und nahm ihre Hand. Dann strich er wortlos über ihr noch nasses Haar, zog sie näher zu sich bis sie sein Herz an ihrer Brust spürte und dann küsste er sie wieder ganz sanft.
Leila liess es geschehen, doch als seine Küsse leidenschaftlicher wurde und seine Hände langsam an ihrem Körper auf Wanderschaft ging, da wurde es ihr zu viel und sie stiess ihn sanft weg.
„Bitte nicht jetzt“ entschuldigte sich und löste sich fast atemlos aus seiner Umarmung und wendete sich dem gedeckten Tisch zu. Keanu blieb einen langen Moment stehen und beobachtete Leila. warum bloss wich sie auf einmal seinen Berührungen aus? Gott, er begehrte diese Frau mehr denn je und doch – was war mit Leila nur los?

Kapitel 32

Leila stand noch immer vor dem Tisch und sah sich die ganze Dekoration an als Keanu hinter sie trat und ihr sachte seine Arme von hinten um den Bauch legte. Er sagte kein Wort, sondern stand einfach einen Augenblick so da, wollte Leila spüren lassen, dass er da war, was immer sie auch beschäftigte.
“Die Blumen duften enorm stark“ bemerkte sie, vielleicht nicht gerade beiläufig sondern eher feststellend und hatte inzwischen auch ihre Hände auf seine gelegt. Leila lehnte sich an Keanu, so wie sie es oft taten, als sie zusammen Sonnenuntergänge beobachteten oder einfach bei ihm auf der Terrasse standen. Ein alt bekanntes Gefühl kam in ihr hoch, dass sie doch so lange vermisste, jetzt aber irgendwie doch nicht geniessen konnte. „Leila, was ist los mit Dir?“ fragte Keanu leise in ihr Ohr und wartete.
Sie neigte ihren Kopf etwas zur Seite und ohne ihn anzusehen, schüttelte sie wieder den Kopf.
„Leila, Mädchen, sprich mit mir!“
er drehte sie etwas energisch zu sich um und sah ihr direkt in die Augen.
Sorgen machten sich auf seinem Gesicht breit und Leila erkannte, dass sie nicht mehr ausweichen konnte.
„Keanu, bitte, es tut mir leid!“
In selben Augenblick klingelte es und sie sahen sich an.
Wieder klingelte es und Leila versuchte in Lächeln auf ihr müdes Gesicht zu zaubern:
“Du machst wohl besser auf, bevor Dir jemand die Tür einrennt“
meinte sie und wies mit der einen Hand auf die Türe wo ein erneutes Klingeln her kam. Keanu liess sie nickend los.
„Das wird das Essen sein“
entschuldigte er sich und ging die Türe aufmachen.
Leila verdrehte kurz die Augen; schon beim Gedanken an Essen wurde ihr anders…
Leila stand noch immer am Tisch und als Keanu die Türe wieder geschlossen hatte, hielt er eine riesige Tüte mit Chinesischem Essen in der Hand die er in der Küche auf die Ablage stellte.
„Hilfst Du mir?“ fragte er vorsichtig und Leila kam zu ihm.
„Natürlich“ antwortete sie und stellte sich neben Keanu. Immer liess er seinen Blick zu Leila gleiten, packte die Schachteln aus, öffnete sie, nahm den Duft von Chicken Sweet & Sour entgegen, öffnete eine neue Box die gefüllt mit gebratenem Reis war, liess wieder den genüsslichen Duft in seine Nase gleiten und schaute Leila fragend an.
Sie stand daneben und beobachtete ihn zuerst lächelnd, doch mit jeder Schachtel die er auspackte und wiederum neue Düfte verbreitete, wurde ihr anders. Blässe schoss in ihr Gesicht, ihre Knie und Hände begannen zu zittern und auf einmal wurde ihr übel.
„’ Tschuldigung“ versuchte sie noch zu sagen, legte ihre Hand auf den Mund und rannte ins Bad, wo sie sich erst einmal übergeben musste.
Wie lange sie dort draussen war, wusste sie nicht, doch Keanu kniete neben ihr, als nichts mehr in ihrem Magen war, das sich nicht mehr halten liess. Als sie endlich fertig war, reichte er Leila einen feuchten Lappen und strich ihr sanft über die Schulter bevor sie sich von der Schüssel erhob und die Spülung betätigte. Die ganze Zeit hatte er neben ihr gekniet, ihr die langen Haare vom Gesicht fern gehalten und versuchte, Leila etwas zu beruhigen, bis sie endlich fertig war.
„Geht’s wieder?“
fragte er besorgt. Leila nickte sah ihn dankend an und stand auf. Dann drehte sie den Kaltwasserhahn auf, liess ihre Hände darunter abkühlen, spühlte ihren Mund aus und spritzte sich schlussendlich Wasser ins glühende Gesicht. Währenddem sie sich die Zähne putzte, wusch sich Keanu ebenfalls die Hände und als Leila ihr Gesicht abgetrocknet hatte, drehte sie sich zu ihm und sah ihn lange an. Dieser hatte sie die ganze Zeit im Spiegel beobachtet und war irgendwie erlöst, dass es Leila jetzt wahrscheinlich besser ging.
„Ich denke, wir müssen reden“ sagte sie als er seine Hände mit einem Handtuch abtrocknete, und er nickte wortlos.
Leila ging ins Wohnzimmer und stellte sich ans Fenster. Es war schon lange dunkel draussen und die vielen Grossstadtlichter erinnerten sie an LA, obwohl das Bild ganz anders war.
Sie stand noch nicht lange da, als sie im Blickwinkel durchs Fenster Keanu aus dem Bad kommen sah und er sich neben sie stellte.
„Möchtest Du Dich setzten oder wollen wir nach draussen gehen?“
Leila drehte sich um und sah ihn dankend an.
„Ja, etwas frische Luft wäre jetzt sicher gut!“
Kurz darauf liefen die beiden schon durch die Strassen von New York. Keanu hatte zaghaft nach Leilas Hand gegriffen, als sie das Gebäude verliessen und als er keinen Wiederstand spürte, hielt er sie noch fester, wortlos, doch immer wieder im Blickfang von Keanus wachem Auge, besorgt, dass es Leila etwas besser ging, aber noch mehr besorgt, was Leila ihm zu sagen hatte.

Dass sie jemand anders kennen gelernt haben könnte, diese Variante hatte er inzwischen ausgeschlossen. Hätte sie sich sonst so an ihn geklammert, als sie da Haus verliessen? Würde sie ihm sonst die Hand als Zeichen ihres Zusammenseins geben und ihn durch die Strassen leiten lassen? Hätte sie sich sonst von ihm so küssen lassen, wie er sie nach Hawaii erst recht küsste, voller Hingabe, voller Gefühlen, voller Vertrauen und Zuversicht?

„Ich möchte gerne in den Park“
sage Leila und drückte seine Hand, als die die dunklen Bäume erkannte. Keanu lächelte sie an und zog sie einfach mit sich. Und schon bald schlenderten sie durch die Anlage, umgeben von satten Wiesen und Bäumen, vereinzelt waren noch Leute unterwegs und als sie an einer Parkbank angelangt waren, die einen einmaligen Blick auf einen kleinen Teil von Big Apple preis gaben, setzten sich die beiden hin und Leila begann ganz zaghaft zu reden. Erst Belangloses, bis Keanu herausplatze:
“Du bist doch nicht etwa krank?“
Leila sah in mit grossen Augen an und schüttelte verneinend den Kopf.
„Keanu, ich weiss nicht wo ich beginnen soll… Das Ganze kam für mich so unerwartet, ich war immer der Annahme, dass das nicht passieren kann. Mir nicht – mehrere Ärzte hatten doch bestätigt…“
Leila atmete tief durch, sie redete wirr durcheinander weil sie einfach nicht wusste, wo sie beginnen sollte. Doch Keanu reagierte umgehend:
„Mehrere Ärzte?“
fragte er und runzelte noch immer besorgt die Stirn. Leila nickte und durch Keanus Blick, seinem Arm, den er fest um sie gelegt hatte und seiner Hand, die jetzt auf ihrer auf ihrem Knie lag und sie sachte drückte begann sie von vorne zu erzählen.
„Keanu, wir hatten doch schon vor längerem über dieses Thema gesprochen….“
„Wir haben schon über viele Themen gesprochen…“ ergänzte er und versuchte ruhig zu bleiben. Leila nickte, ja, sie musste präziser sein:
„natürlich. Ich meine das Thema Verhütung…“
Sie wartete und liess Keanu kurz nachdenken:

er liess seine Gedanken an dieses Gespräch Revue passieren: ja, sie hatten das Thema gleich am nächsten Tage diskutiert, als sie das erste Mal zusammen schliefen. Damals in seinem Haus in LA, wo sie praktisch übereinander her fielen und vor lauter Emotionen und gegenseitiger Anziehung fast vergessen hatten zu verhüten. Sie benützten die ersten Male Kondome und dies auch nur, damit sie einander womögliche Krankheiten nicht anstecken konnten. Das erfuhr Keanu erst einige Tage später, als Leila ihm erzählte, dass sie eigentlich gar nicht schwanger werden könnte, da sie von Geburt aus mit einem Chromosomenschaden belegt war, der sie somit Unfruchtbarkeit machte. Aus einem ersten Schock wurde Akzeptanz und später, als sie ihre ersten, festen Beziehungen hatte, war es sozusagen eigentlich noch von Vorteil für sie.
Keanu hatte dieses Gespräch stillschweigend aufgenommen und nie mehr sie hatten darüber diskutiert; bis jetzt.

Wieder drehte er sich zu Leila und sah sie diesmal fragend an.
„Keanu, ich hätte fast den Besuch hier annulliert, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte…“
Ihr Blick glitt fast beschämt zu Boden doch Keanu nahm ihr Kinn in seine Hand und sah sie tiefgründig an.
„Hat es etwas mit mir zu tun?“
Leila sah ihn mit grossen Augen an, dann nickte sie zaghaft und sah Keanu an, der ein ganz grosses Fragezeichen auf seiner Stirn aufsetzen hatte.
„Du möchtest nicht mit mir zusammen ziehen?“
frage er vorsichtig, denn auf einmal war er sich dessen nicht mehr so sicher.
„Oh, Gott, nein – doch, ich meine… Hach, ich weiss auch nicht! Es ist so vieles passiert die letzten Tage!“
Leilas Worte klangen zunehmend verzweifelter und Keanu versuchte sie etwas zu beruhigen, indem er seine Hand auf ihren Unterarm legte. So durcheinander wie Leila sich im Moment aufführte, diese Seite kannte er von ihr gar nicht und es machte ihm fast Angst.
„Leila, was immer es ist, ich werde immer für Dich da sein, ich hoffe, dass Du das weisst!“
Sie sah ihm mit grossen Augen an, nickte bestätigend und Keanu fuhr fort:
„bitte rede mit mir!“
Leila griff nach seinem Handgelenk das noch immer bei ihrem Kopf war und drehte sich ganz zu ihm um.
„Es begann langsam mit Bauchschmerzen die immer heftiger wurden. Die Schmerzen wanderten einige Tage später weiter hinunter…. „
begann sie von neuem und erntete einen erneuten, noch besorgteren Blick.
„Schmerzen?? Leila! Du hast Unterleibsschmerzen?!“
Keanu’s Worte klangen nun nicht mehr ruhig und besonnen, sondern eher aufgebracht und offensichtlich besorgt. Fester drückte er ihren Unterarm und griff nach ihrer Hand, ohne seine Augen von ihr zu lassen.
„Nein, jetzt habe ich keine Schmerzen mehr…“ versuchte sie ihn zu beruhigen:
„aber… - Keanu - , ich wusste doch auch nicht was es war! Zuerst dachte ich, es wäre vielleicht eine Blasenentzündung, dann veränderte sich das Schmerzbild und ich dachte an eine Eileiterentzündung!“
Keanu sah sie mit grossen Augen an. Davon hatte er gehört aber die Vorstellung dieses besagten Schmerzes kannte er auch nur vom Hörensagen.
„Warst Du beim Arzt?!“
„Ja, natürlich, als die Schmerzmittel nicht mehr halfen…“
erwiderte sie und wieder und ihr Blick versuchte seinem Gesicht auszuweichen.
Keanu hatte seine Hände inzwischen um ihre gelegt und drückte sie immer wieder. Er machte sich ernorme Sorgen und seine Augen wurden ganz dunkel, folgten Leilas Blick und versuchte zu darin zu lesen.
„Und er hat Dich ganz gründlich untersucht?“ wollte er wissen.
„Sie – ja, natürlich hat sie das….“

Leila presste die Lippen zusammen und sah Keanu mit grossen Augen an. Noch immer hallte die Nachricht in ihrem Kopf, so als wäre es gerade gewesen und sie versuchte ruhig zu bleiben was allerdings nicht gerade einfach war. Wie würde Keanu wohl auf genau dieses Ergebnis ihrer Ärztin reagieren? Leila sah in seine wunderbaren, dunkelbraunen Augen, die jetzt nicht mehr strahlten sondern von tiefer Sorge sprachen. Aber sie sah auch, dass genau diese Augen sie spüren liessen, dass er wirklich für sie da sein würde, was immer auch kommen mochte.
„Gott, Keanu – ich – ich…“ jetzt stotterte sie, holte Luft, versuchte neue Worte zu finden und Keanu wartete, liess ihr Zeit und sah sie noch immer besorgt an. Dann holte Leila erneut tief Luft und endlich fand sie den Mut, ihm das zu sagen was sie die letzten paar Tage mit sich trug. Die Neuigkeit, welche sie weder essen noch schlafen liess und ihr ganzes Leben durcheinander brachte….

Kapitel 33

“Ich bin schwanger!“
sagte sie fast zischend und dann stand sie mit einem Schwung auf, drehte sich von Keanu ab, machte einen Schritt vorwärts und legte ihre Arme schützend vor ihren Oberkörper. Leilas Blick war jetzt in die dunkle Nacht gerichtet und Tränen bildeten sich erneut in ihren Augen. Diese drei Worte waren kurz und prägnant und so wie sie Leila aussprach, klangen sie verzweifelt, unfassbar und für sie selbst kaum tragbar!
Leilas Kopf war auf den Boden gerichtet, ihr ganzer Körper zitterte und sie wusste nicht, wie sie sich im Moment fühlen sollte, endlich mit diesen Neuigkeiten herausgerückt zu sein. Sie wusste nur, dass die Tatsache, dass sie schwanger war, sie in ein unendliches Loch zu reissen droht. Ein Loch, das gefüllt war mit Wut, Selbstvorwürfen, mit Verachtung und vor allem mit Unsicherheit.

Wut - den Ärzten gegenüber, die ihr vor so vielen Jahren das vermeintliche
niederschmetternde Ergebnis darlegten, niemals selber Kinder haben zu könnten
Selbstvorwürfe – dass sie selbst niemals weitere medizinische Meinungen über dieses Ergebnis hatte einholen lassen
Verachtung - wieder sich selbst gegenüber, dass sie jahrelang so leichtsinnig war, eben nicht
wissend, dass trotzdem ein Restrisiko vorhanden war und schlussendlich
Unsicherheit, weil sie nicht wusste, wie sie jetzt im Moment und vor allem Keanu
gegenüber, damit umgehen sollte!

Die Zeit schien für einen Augenblick still gestanden zu sein. Keiner sagte ein Wort und beide wussten, dass in diesem Moment der andere versuchte, diese drei Worte zu analysieren und alles, was damit verbunden war- Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft…
Keanu versuchte ruhig zu bleiben und binnen Millisekunden durchdachte er die Situation; vor ihm stand die Frau die er über alles liebte, die Frau, die sein Kind unter dem Herzen trug und die Frau, mit der er alt werden wollte. Und vor ihm stand die Frau, die alles verkörperte, was er sich jemals erhofft und gewünscht hatte und die jetzt so verzweifelt war, dass es ihm selbst fast das Herz brach!!

Dann fühlte Leila wie Keanu seine Hände auf ihre Schulter legte und er sie sanft an sich drücken wollte. Ein leiser Widerstand kam von ihrer Seite her und er wusste, dass sie ihn jetzt mehr als alles auf der Welt brauchen würde. Leila zitterte und weinte leise und als er sie langsam zu sich drehte und sie anschaute, sah er in ein Gesicht das Unfassbarkeit und Hilflosigkeit vorwies.
Dann griff seine Hand wieder unter ihr Kinn, hob ihren Kopf zu sich hoch so dass sie ihn fast gezwungenermassen anschauen musste und sie ansah. Leila erkannte trotz der Dunkelheit, dass sich Keanus Gesichtzüge nun etwas entspannt hatten und sie fand Erleichterung in seinem Blick. In Leilas Augen begannen sich erneut Tränen zu bilden und sie versuchte, trotz allem, wieder ruhiger zu werden.
„Gott, Leila, Du bist schwanger?“
Keanu hatte inzwischen mit allem gerechnet, sogar mit dem Schlimmsten, doch zu Allerletzt hätte er gedacht, das seine geliebte Leila, für die er eine Hand ins Feuer legen würde, schwanger wäre – von ihm, mit seinem Kind…
und es klang nicht nach einer Frage sondern eher nach einer Feststellung.
Seit wann war Keanu schwerhörig??
Leila hielt seinem fragenden Blick stand und nickte.
„Ja, schwanger!“
die Worte klangen jetzt noch verzweifelter und eine Träne rannte ihre Wange hinunter die Keanu sanft weg strich und seinen Blick noch fester in ihren Augen fest hielt. Er nickte bejahend, legte seine Arme um Leila und drückte sie kurz an:
„Wie .. ich meine…“
Leila liess Keanu nicht aussprechen und sah ihn mit grossen Augen an:
„Was meinst Du mit WIE?? Wie man halt so schwanger wird!“
ihre Tonlage bekam ein fast ängstliches Ausmass einer Tonlage dass Keanu sie mit grossen Augen ansah. Wieder drehte sie sich von Keanu ab und starrte in die Nacht. Doch Keanu blieb ruhig. Die letzte halbe Stunde wurde er mit Leilas Gefühlsausbrüchen konfrontiert, die Nächsten würde er bestimmt auch noch überstehen… Mit einem Schritt trat er wieder zu Leila.
„Leila, ich meinte wie es sein kann, dass sich die Ärzte all die Jahre getäuscht hatten?“
Keanu versuchte sachlich zu bleiben und Leila drehte ihren Kopf leicht zu ihm und antwortete:
„Das ist genau einer der Punkte, den ich nicht verstehe..:“
sie drehte sich ganz zu ihm um und Keanu reichte ihr beide Hände, die sie zögernd nahm:
“ all die Jahre hatte man mir gesagt, dass ich durch das eine geteilte und neu zusammen gewachsene Chromosom keine Kinder haben könnte. Zumindest zu 99.9% nicht. Ein so genanntes „Restrisiko“ wäre wohl da, aber die Chance, jemals schwanger zu werden, war ja praktisch gleich Null! Und das von dem Restrisiko weiss ich auch erst seit ein paar Tagen!“
Keanu hörte gespannt zu und mit Leilas Erklärung wurde sie etwas ruhiger.
„Wäre die Schwangerschaft denn ein gesundheitliches Risiko für Dich?“
fragte er vorsichtig und zog sie etwas näher zu sich. Leila schüttelte energisch den Kopf.
„Nein, das nicht…“
antwortete sie, zwar etwas ruhiger, doch sehr besonnen und wieder entstand eine neue Denkpause.
„Und was hältst Du selbst von einem kleinen Reeves Baby-Girl oder Baby-Boy??“
fragte er vorsichtig. Leila sah ihn fragend an. Darüber hatte sie sich noch keine grossen Gedanken gemacht. Schliesslich wusste sie ja bis anhin nicht, was Keanu davon hielt, also würde sie sich erst näher mit dem Gedanken befassen wollten, wenn sie wusste woran sie war.
Keanus Blick war für einen Moment tiefgründig, aber gleich darauf wanderten seine Augen an Leila herunter und blieben kurz auf ihrem Bauch liegen.
Leila atmete tief durch – eine Gefühlswelt brach aus ihr heraus und sie konnte bei dem Gedanken, Mutter zu werden keinen klaren Gedanken mehr fassen und brach erneut in Tränen aus, die sie sich immer wieder abwischte. Keanu hatte seine Hände nun auf ihren Schultern liegen und hielt sie fest.
„Gott, Keanu, ich weiss es nicht! Das Ganze ist so unfassbar für mich! Ich hätte nie schwanger werden sollen und jetzt?? Und - wir wollten doch zusammen ziehen, sehen, ob wir wirklich zusammen passen, ob es mit uns – funktioniert…! Ich wollte Dich nicht mit einem Kind überrumpeln!“
wieder klangen ihre Worte verzweifelt doch Keanu sah sie einfach nur an. Selbst in diesem Augenblick konnte Leila nicht sagen, was in seinem Kopf vorging. Schliesslich hatten sie noch nie über Kinder gesprochen und jetzt standen sie vor Tatsachen.
„Was hältst Du denn davon?“
fragte sie schniefend und entlockte ein kurzes Lächeln auf Keanus Gesicht. Dieser zog Leila näher an sich, legte seine Arme um ihren Oberkörper und neigte seinen Kopf zu ihrem Ohr:
„Ich finde es wunderbar!“
flüsterte er leise und ein tiefer Atemzug zeugte davon, dass ihn diese Neuigkeit total überwältigt hatte. Dann liess er sie wieder los und schaute Leila an.
„Findest Du wirklich?“
fragte sie ziemlich verunsichert…
Keanu nickte und schenkte ihr ein sagenhaftes, voller Überzeugung strahlendes Lächeln, das sich gleich wieder in einen ernsteren Gesichtsausdruck wandelte. Dann drückte er Leila zaghaft an sich und umarmte sie erneut.
„Ja, ich finde es wunderbar!“
wiederholte er und drückte ihre einen zärtlichen Kuss auf die Wange….

Kapitel 34

Keanu hielt Leila eine scheinbare Ewigkeit einfach in seinem Arm und spürte, wie sie sich langsam zu beruhigen begann.
Die erste Hürde schien sie überwunden zu haben und Leila war erleichtert, dass wenigstens Keanu so positiv darauf reagierte.
Dann löste sie sich sachte aus seiner Umarmung und sah ihn an.
„Keanu, ich bin froh, wie Du darüber denkst. Aber… „
sie suchte nach Worte und Keanu sah sie ebenfalls nur an und wartete.
„aber - wie soll es nun weiter gehen?“
Leila hatte ihre Hände noch immer schützend auf seiner Brust gelegt doch ihr Gesicht war jetzt ganz nah an seinem als sie sprach.
„Wie denkst Du wie es weitergehen sollte?“
frage Keanu vorsichtig und Leila schüttelte den Kopf.
„Ich bin mir nicht sicher. Ich wollte doch arbeiten … die Schulden von meinem Vater….“
sie begann wieder zu schniefen und sah Keanu mit grossen, fast verzweifelten Augen an: „…und jetzt?“
Keanu wog Leila beruhigend in seinem Arm, drückte ihr einen zarten Kuss auf die Stirn, überlegte einen Moment und antwortete mit ruhiger Stimme:
„Und wo genau denkst Du wo das Problem liegen könnte?“
Wieder schniefte sie und sah ihn mit noch grösseren, diesmal fragenden Augen an. Sie überlegte einen Moment:
“Wo das Problem liegen könnte?“ Leila sah ihn mit noch grösseren, fragenden Augen an: „Du siehst keine Probleme??“
Das wiederum konnte sie kaum glauben, schliesslich hatten sie doch tausende Pläne die sie besprochen und zusammen geschmiedet hatten….
Keanu schüttelte den Kopf und wiederholte ihre Worte in einem ganz sanften, beruhigenden Ton:
„Nein, ich sehe absolut keine Probleme… - Es gibt für alles eine Lösung“
antwortete er und strich Leila sanft über die Wange um eine weitere ungewollte Träne wegzuwischen. Liebevoll sah er sie an und Leila wurde ganz anders. Ihre Gesichtszüge begannen sich langsam zu entspannen und in Keanus Arm fühlte sie sich zunehmend wieder wohler….
„keine Probleme?“
wiederholte Leila fast ungläubig und strich mit der einen Hand die letzte Träne, die sich wieder gebildet hatte, aus ihren Augen. Keanu schüttelte den Kopf erneut verneinend den Kopf und dann begann Leila aufzuzählen, wo sie alles Probleme sah; ihre zukünftige Arbeit, die Schuldenbegleichung, ihre Schwangerschaft, die gemeinsame Zukunft…
Keanu hörte gebannt zu, dann sagte er ganz beruhigend:
„Darling, es gibt keinen Grund Sorgen über Dinge zu machen, die wir gemeinsam lösen können.“
Wieder sah er sie tiefgründig und fürsorglich an und Leila wusste, wie Recht er doch hatte. Zärtlich strich er Leila über den Rücken und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Wange. „Komm, lass uns ein Stück gehen…“
sagte Keanu aufmunternd und legte seinen Arm um Leilas Schulter. Leila dachte einen Moment lang nach dann endlich liess sie sich von Keanu wieder in den Arm nehmen. Sie machten ein paar Schritte und dann blieb Keanu erneut abrupt stehen, drehte sich wieder zu Leila und sagte:
„Wir bekommen ein Baby….“
und selbst in der Dunkelheit konnte Leila sein Strahlen sehen als er sie wieder in seinen Arm nahm. Als sie die Worte hörte huschte endlich ein Lächeln über ihr Gesicht. Keanus Wortwahl hatte sie übermannt; nicht nur sie würde ein Baby bekommen, sondern sie beide und das fand sie wahnsinnig einfühlsam und vor allem nicht selbstverständlich. Leila nickte nur, endlich erlöst von all ihrem Kummer und Sorgen, nicht zu wissen wo sie stand und wie Keanu darüber dachte und mit einem Schlag schien alle ihre Bedenken wie weggeblasen zu sein. Und endlich konnte sie sich mit dem Gedanken befassen, Mutter zu werden, was auf einmal ein wahnsinniges Gefühl in ihr auslöste.
Leila fasste Keanu am Ärmel und zwang ihn damit, sie wieder anzusehen. Ein unsicheres Lächeln war auf ihrem Gesicht erschienen:
„Keanu. Der Gedanke, ein Kind zu haben, daran muss ich mich erst gewöhnen. Ich weiss nicht, ob ich das schaffe…..“
Keanu sah sie einen Moment lang an, ganz ruhig, dann lächelte er wieder und seine Augen versanken in ihren:
„Darling, WIR werden ein Kind haben…“
betonte er nochmals, grinste eher spitzbübisch und dann fuhr er etwas ernster fort:
„… wir werden das gemeinsam durchstehen, egal was kommen mag. Wir tragen jetzt eine grosse Verantwortung und Du weißt, dass ich immer für Euch da sein werde!“
Leila nickte dankbar, beruhigte sich wieder und als Keanu sie ganz sanft küsste, da wusste sie, dass er an ihrer Seite war, nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft.
Leilas Hände wanderten um seinen Hals, als er sie nochmals zärtlich küsste und endlich, endlich hatte sie die Sicherheit, nach der sie gesucht hatte. Keanu stand zu ihr und dem ungeborenen Kind und der Gedanke, später vielleicht nur noch für ihn und ihr Kind da zu sein, trugen ihre Gedanken weit weg. Einmal mehr musst sie sich klar werden, dass eine ganz neue Situation in ihr und Keanus Leben getreten das noch zu vielem Gesprächsstoff Anlass geben würde.
Keanu hatte seine Stirn an ihre gedrückt und so sahen sie einander nur an. Gelöst von den Gesprächen konnten beide die tiefen Gefühle füreinander spüren. Keanu hielt Leila fest, so als wollte er sie nie wieder loslassen und Leila lächelte verlegen. Dieses Gefühl hatte sie so sehr vermisst und nun standen sie so eng aneinander geschlungen inmitten einer der bedeutendsten Parks der ganzen Welt und alles um sie schien weit weg zu sein. Sie hatten einander und sie wussten, dass der gemeinsame Weg in die Zukunft von einem kleinen Wunder begleitet würde. Keanu sah Leila tief in die Augen und insgeheim dankte er dem Himmel, dass er ihm diesen Engel geschickt hatte. Liebevoll strich er Leila ein paar Haare aus dem Gesicht, die der Wind dorthin verirren liess und strich ihr über die Wange.
„Weißt Du, ich hatte mir meinen nächsten, grösseren Urlaub in LA schon etwas anders vorgestellt!“
lächelte sie etwas verlegen und strich über ihren Bauch. Keanu grinste ebenfalls, drückte sie zärtlich an sich und nickte nur, wortlos aber seine Gedanken galten Leila und dem Baby und vor seinem geistigen Auge konnte er die beiden schon auf seiner Terrasse sehen…. Dann blieb er erneut Stehen und seine warmen, braunen, leuchtenden Augen sahen sie fragend an:
„Wie – ich meine, wann ist es denn soweit?“
wollte er wissen und sein Blick wanderte auf Leilas Bauch. Sie sah in einfach nur an und lächelte. Keanu rieb sich sein Kinn und versuchte es mit anderen Worten:
„In welcher Woche bist Du denn?“
Leila sah ihn jetzt grinsend aber mit warmen Augen an;
„Ich habe Dich schon verstanden. Aber ich versuche mir Deinen Gesichtsausdruck bei dieser Frage einzuprägen….“
Diese Augen, dieser Blick, die Wärme die sie umgab, die sanften Worte… Seine Hand, die noch immer ihrem Oberarm entlang strich uns die fest hielten und sie immer wieder zärtlich berührten…
„In der siebten Woche“ antwortete Leila leise.
Keanu nickte lächelnd, zog Leila noch näher zu sich heran und drückte sie fest an sich. Diese Frau, für die er gekämpft hätte, verkörperte einfach alles was er sich je gewünscht hatte.
„Siebente Woche.. Hmmm. Das wäre dann so in etwa auf Hawaii passiert?“
stellte er fest, und Leila schien, als sehe sie einen Funken Schalk in seinem Gesicht. Aber er hatte Recht. Nach ihren Berechnungen musste es tatsächlich in genau dieser Woche passiert sein; schlussendlich war es eine sehr intensive Woche – in vielen Bereichen….
Endlich erhaschte ein leises Lächeln Leilas Gesicht, rückblickend auf all die Tätigkeiten, die sie auf der Insel „verübten“ und sie nickte.
„Das ist doch etwas Wunderbares!“
flüsterte er bevor er ihre Hand wieder los liess und ihr einen sagenhaften Blick schenkte.
Sie sah Keanu in die Augen, lange, wirklich lange bevor sie antwortete:
„Es hätte überall passieren können…“
Keanu lächelte als er antwortete;
“Das stimmt. Aber dass es gerade in Hawaii passiert ist… Ich meine…“
Keanu machte eine kurze Pause und als Leilas Augen sich in seine bohrten fuhr er fort:
„Leila, ich bin nicht sehr wortgewandt wenn es um Beziehungen geht…“
jetzt wurde er richtig ernst und seine Augen bekamen einen merkwürdigen Glanz… „
Leila nickte, ja, das war er wirklich nicht, doch seine Augen die konnten sprechen und bis anhin hatte sie oft darin lesen können und meistens auch verstanden was er sagen wollte…
„ich – Gott, Leila! Ich hatte erst auf Hawaii gemerkt wie sehr ich mich in Dich…“
wieder stockte er und Leila sah ihn erwartungsvoll an. Dann strich sie mit dem Daumen zärtlich über seine Lippen und sagte:
„Dass Du Dich vielleicht in mich lieb hast?“
Sein Blick hellte sich auf, dankbar für ihre Worte und er nickte, drückte ihre einen sanften Kuss auf den Mund und dann blieben seine Augen in ihren liegen.
„Ja, Leila! Ich liebe Dich von ganzem Herzen!“ flüsterte er ganz leise und Leila legte ihre Arme um seinen Hals.
„Ich liebe Dich auch, Keanu und ich danke Dir von Herzen für Dein Dasein!“

ENDE

Nachwort

Schon einige Wochen später flog Leila zu Keanu nach LA. Sie hatte sich zu Hause von Familie und den engsten Freunden verabschiedet; dass sie schwanger war, das erzählte sie niemandem. Sie wollte erst Mitteilung machen, wenn die kritische Zeit vorbei war und sie sicher sein konnte, dass das Kind wohlauf war.
Keanu hatte inzwischen einige Arrangements mit seinem Management getroffen. Die Beziehung zu Leila sollte so lange wie möglich unter Verschluss gehalten werden, schliesslich war es seine Privatsache und Leila hatte sich damit einverstanden erklärt. Es lag genauso wenig in ihrem Interesse, der Öffentlichkeit und vor allem den Papparazzies Futter zu geben.

Das Zusammensein mit Keanu gestaltete sich auf allen Höhen und Tiefen und die ersten Monate vergingen wie im Fluge. Keanu begleitete Leila so oft er konnte zu den regelmässigen Kontrollen und freute sich zusammen mit ihr über das heranwachsende Geschöpf das sich langsam auch optisch zu einem kleinen Menschlein entwickelte. Die Schwangerschaft selber verlief ohne Probleme; im Gegenteil. Leila blühte auf, ass gesund und bewegte sich viel an der frischen Luft.

Als sie im vierten Monat war, telefonierte sie nach Hause und berichtete die Neuigkeiten. Mutter war erst sprachlos konnte aber nicht verleugnen, dass sie sich über Leilas und Keanus Glück freute. Wie Vater allerdings die Neuigkeit aufnehmen würde, da war sich Leila nicht sicher. Doch die beiden hatten versprochen, dass sie die werdenden Grosseltern sobald als möglich in der Schweiz besuchen würden und das taten sie schon einige Wochen später. Keanu wurde mit offenen Armen von Leilas Eltern aufgenommen und sogar ihr Vater, der eher zurückhaltend und strickt war, nahm seine Tochter seit Jahren das erste Mal wieder in seine Arme und drückte seine Freude auf diese Art aus. Keanu begrüsste er mit einem kräftigen Händedruck und hatte ihn schon nach kurzer Zeit in sein Herz geschlossen. Er war überzeugt, dass dieser Mann gut auf seine Tochter aufpassen würde und als sie nach ein paar Tagen wieder abreisten, umarmte er Keanu als Anerkennung und liess ihn wissen, dass er seine Tochter noch nie so glücklich gesehen hatte, wie jetzt wo sie mit ihm zusammen war und zusammen eine Familie gründen würden.

Schon eine Woche später begann Leila in Keanus Produktionsfirma zu arbeiten. Der Job sollte nur für eine begrenzte Zeit sein und nur so lange, wie sich Leila wohl fühlte. Dem Personal wurde Leila als Studentin vorgestellt und selbst später, als die Schwangerschaft offensichtlich wurde, äusserte sich weder Leila noch Keanu dazu und das Personal wurde zu Schweigepflicht verdonnert. Es blieb ihr Geheimnis.
Schnell arbeitete sich Leila in die Materie ein und dadurch verstand sie Keanu und seine Leidenschaft zur Schauspielerei noch viel besser. Obwohl sie sich tagsüber nur dann sahen, wenn Keanu geschäftlich im Büro zu tun hatte, so hatten sie doch genügend Gesprächsstoff am Abend, die sie oft auf der Terrasse verbrachten und stunendlange Gespräche über Alltag und vor allem über die Zukunft führen konnte. Und auch hier ergänzten sie sich wie auf vielen anderen Ebenen auch.

Keanu verwöhnte Leila auf alle möglichen Arten; entweder überraschte er sie mit vielen Kleinigkeiten die er jeweils schön einpacken liess und auf den Esstisch legte wenn er nach Hause kam, liess Blumen nach Hause schicken wenn sie nicht arbeitete oder er führte Leila abends ganz gediegen zum Essen aus. Wenn sie sich in die Öffentlichkeit begaben, benahmen sie sich wie gute alte Freunde. Meistens waren auch Freunde oder sogar seine Schwester mit dabei um das Interesse an Leila zu dämmen. Das klappte so lange, bis man Leilas Bäuchlein bemerkte, das nach dem 5. Monat zu einem erheblichen Umfang heranwuchs und Spekulationen über die Frau an Keanus Seite angestellt wurden. Keanus Management äusserte sich nie dazu und weder Keanu noch Leila gingen nicht auf das inzwischen aktuelle Thema ein, wenn sie in der Oeffentlichkeit danach gefragt wurden

So vergingen die Monate und als die letzte Woche vor dem errechneten Geburtstermin angebrochen war, war Keanu nur noch für Leila und da. Nichts konnte ihn mehr von ihrer Seite fern halten und erstaunlicherweise entwickelte sich Keanu in dieser Zeit als ein eher nervöses Wrack als eine grössere Hilfe für Leila. Diese wiederum musste oft über seine überdurchschnittliche Hilfsbereitschaft schmunzeln und sie ermahnte ihn mehr als einmal, dass sie nicht krank sondern lediglich schwanger war…

Keanu hatte an diesem Tage das Haus vor einer Stunde verlassen um rasch einzukaufen, als ihn Leila auf dem Handy anrief und ihn aus dem Lebensmittelladen scheuchte. Noch nie war er so schnell in LA unterwegs, riskierte X Tickets wegen zu schnellem Fahren, und als er endlich zu Hause angekommen war und nach Leila rief, fand er sie in der Badewanne wo sie sich bereits mit einem warmen Bad auf die Geburt vorbereitete.
Die Fruchtblase war gerade geplatzt, als Keanu wegfuhr und die ersten Wehen traten unweigerlich danach auf. Also liess sich Leila ein Bad ein um die ersten Vorbereitungen zu treffen, damit sie bei Keanus Rückkehr gleich zum Spital fahren konnten.
Und so fand er sie im warmen Wasser sitzend und stöhnend und schon kurz darauf fuhren die beiden mit dem Porsche - und wieder in Windeseile- zum Spital. Trotz der Schmerzen musste Leila lachen; ihren sonst so ruhigen, kühlen Keanu aufgebracht, nervös und hektisch zu sehen (er vergass beinahe ihren Wochenkoffer am Hauseingang), war unübersehbar und erst als sie im Kreissaal angelangt waren und ein Ärzteteam sich um Leila kümmerte, da war auch Keanu etwas beruhigter, hielt ihre Hand und nahm aktiv an der Geburt teil. Es schien als würde er jeder Wehe mit leiden, bestärkte Leila in der eigentlichen Geburt, strich ihr immer wieder die Schweisstropfen vom Gesicht, beruhigte sie wo er nur konnte und hielt die ganze Zeit ihre Hand. In den Ruhephasen vor den nächsten Wehen sah er Leila liebevoll aber auch besorgt an, schüttelte immer wieder den Kopf, fast ungläubig über das Glück, das ihm diese Frau beschert hatte und als Leila ihn darauf ansprach, lächelte er nur.

Stunden später lag ein kleines Bündel in Leilas Armen; eingepackt in wärmende, kleine, flauschige Decken. Die kleinen Augen kaum offen für die neue grosse Welt die dieses Kind gerade mit lautem Geschrei begrüsst hatte und doch konnte man erkennen, dass das winzige Wesen seine Eltern mit jetzt noch dunkelblauen Äuglein kurz ansahen und es schien, als wäre gerade ein Lächeln über das zartrosa Gesicht gehuscht.
Keanu sass bei Leila auf dem Bett und hatte seine Arm um ihre Schulter gelegt und sah Leila mit grossen, stolzen und feuchten Augen an, strich ihr zärtlich über die Stirn und nahm das kleine Händchen das ihm gerade entgegengestreckt wurde.
„Hallo kleine Maus“ flüsterte er und strich behutsam über die zarten Fingerchen. Leila sah Keanu ebenso stolz an und lächelte.
„Ist sie nicht wunderschön, Deine kleine Tochter?“ fragte sie scheu und Keanu nickte.
„Unser kleines Mädchen“ verbesserte er zärtlich und drückte Leila einen sanften Kuss auf die Wange und Leila nickte im Einverständnis.
„Ich bin überaus stolz auf Dich, Leila. Du und unsere kleine Rosalyn machen mich zu einem sehr, sehr glücklichen Menschen! Ich liebe Euch über alles“ flüsterte er in ihr Ohr und drückte Leila nochmals ganz zärlich an sich.

Ein sanftes Lächeln erschien auf Leilas Gesicht und sie sah Keanu mit warmen Augen an. Mit diesem einen Blick, der tief in sein Herz und in seine Seele drang, brauchte er keine Antwort; in diesen Augen erkannte er einen Himmel voller Sterne die für Ihn und für das Kind leuchteten das die Krönung ihrer Liebe war, die Familie, die er sich so sehr gewünscht hatte und die ihm Leila heute geschenkt hatte. Und Keanu wusste, dass diese Sterne aus Leilas tiefstem Innern heraus strahlten, die seine Liebe erwiderten und die immer für ihn und ihre kleine, wunderbare Tochter da sein würden.

*E*N*D*E*