Traumreise Kapitel 9
Julie öffnete den Mund, aber kein Laut entwich ihren Lippen. War er es wirklich? Ihre Kehle wurde eng. Da setzte er sich auf die Bettkante und sagte:
„Liebling! Was ist denn passiert?“
Liebling? Was sollte das jetzt?
„Warum nennst du mich so? Yasmin ist doch jetzt dein Liebling.“
„Nein! Ich habe gespürt, dass irgendwas ist. Also hab ich bei Gloria angerufen, und als sie erzählte, was passiert ist, musste ich natürlich sofort herkommen. Erst da spürte ich, wie wichtig du für mich bist!“
Julie wurde ärgerlich und sagte: „Ach, so plötzlich? Und das soll ich dir glauben?“
„Ich verstehe ja, dass du mir nicht glaubst. Aber sieh mal, ich bin extra hierher nach Amerika gekommen, um dich zu sehen … ist das nicht Beweis genug?“
Julie wurde unsicher. Sie wusste nicht, was sie denken sollte, und ihr Kopf fing an zu schmerzen.
„Ich brauche bitte eine Tablette“, flüsterte sie.
Im Augenwinkel sah sie, wie die Türe aufging. Sie hörte, wie Carlo sagte:
„Nein, du brauchst jetzt das hier“.
Dann beugte er sich zu ihr hinunter, nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie hart und brutal, ohne auf ihr Zusammenzucken zu achten- er hatte mit dem Daumen ihre vernähte Schnittwunde erwischt.
Hör auf. Lass mich los, dachte sie.
„Lass ihn sofort los, du Schlampe!“, kreischte eine weibliche Stimme. Carlo ließ Julie los, zuckte zurück und sah – Yasmin, die wie eine große, kurvige, brünette Walküre aufs Bett zustürmte, Carlo zur Seite schubste, Julie an den Schultern packte und sie schüttelte.
Julies Kopf dröhnte, die Schmerzen wurden stärker, und ihr war, als ob Lichtblitze vor ihren Augen tanzten. Ihre Brille war inzwischen zu Boden gefallen, und so erkannte sie den Mann nicht, der nun ins Zimmer stürmte.
„Was zum Teufel ist hier los?“, brüllte eine Stimme auf Englisch, und jemand stürmte ans Bett heran und zerrte Yasmin weg.
Diese schrie: „Sie hat meinen Freund abgeknutscht. Die Schlampe!“
„Er was, er hat mich zuerst … “, flüsterte Julie, und Yasmin unterbrach sie:
„Papperlapapp! Was will er denn mit so einer faden, blassen Maus mit ungewaschenen Haaren!“
Julie schloss die Augen. Als sie bemerkte, wie es im Krankenzimmer plötzlich still geworden war, öffnete sie sie wieder und kniff sie zusammen, um wenigstens ein bisschen besser zu sehen.
Carlo und Yasmin sahen den Neuankömmling verblüfft an – das meinte Julie jedenfalls an ihrer Haltung zu erkennen. Carlos Mund schien offenzustehen, sicher war sie nicht. Yasmin stotterte:
„Was hat Neo hier verloren?“
Neo? Zuerst verstand Julie gar nichts, zu sehr wütete das Kopfweh noch. Dann dämmerte ihr etwas.
Entkräftet flüsterte sie: „Kann mir jemand meine Brille reichen?“
Doch niemand schien sie zu hören. Carlo bemerke ärgerlich:
„Ach quatsch. Was soll der denn in Julies Zimmer verloren haben.“
Yasmin ging näher an den Neuankömmling ran und erklärte:
„Aber natürlich ist er das!“
Dann hielt sie seinen Kopf fest und küsste ihn, woraufhin er sie von sich weg stieß und ärgerlich sagte: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“
„Kann mir bitte jemand meine Brille geben“, sagte Julie so laut wie möglich, doch ihre entkräftete Stimme drang nicht zum merkwürdigen Trio durch. Ihre Ohren hatten Keanus Stimme erkannt, doch ihr Hirn vermochte diese Information nicht zu verarbeiten.
Inzwischen wurde auch Carlo wütend. Er packte den verdatterten Keanu am Kragen und wollte den größeren, kräftigeren Mann schütteln, ohne viel Erfolg, denn dieser packte ihn an den Handgelenken und brüllte: „Jetzt reicht’s mir aber langsam! Lass mich in Ruhe, und Julie dazu!“
„Sie hat mich nicht in Ruhe …“, wollte Carlo sich verteidigen, als eine kräftige,weibliche Stimme im Kommandoton brüllte:
„Raus hier, und zwar alle zusammen!“
Schwester Luisa!
Die drei Streithähne zuckten zusammen, dann ließen sie ihre Köpfe hängen und schlichen hochroten Kopfes nach draußen. Keanu blieb einen Moment bei der Schwester stehen und murmelte entschuldigend: „Ich wollte doch nicht …ich habe doch nichts …“
„Gehen Sie jetzt bitte nach draußen. Die Patientin braucht Ruhe, okay?“, sagte die Krankenschwester in etwas freundlicherem Ton.
Dann trottete auch er von dannen.
Schwester Luisa eilte an Julies Bett, legte eine Hand auf ihren Unterarm und sagte: „Du meine Güte, was war denn da los? Bleiben Sie am besten liegen.“
„Mein Kopf tut so weh. Er hat mich geküsst und mir weh getan. Dann hat sie ich geschüttelt, ich hab Sterne gesehen. War das Keanu vorhin? Ich weiss überhaupt nichts mehr …“
„Atmen Sie erstmal ruhig durch. Dann schlucken Sie das.“ Mit diesen Worten legte ihr die Krankenschwester eine Tablette in den Mund. Dann hob sie mit der einen Hand Julies Oberkörper an, hielt mit der anderen Hand das Wasserglas an die Lippen, und Julie spülte die Tablette hinunter.
„Und jetzt machen Sie die Augen zu. Mögen Sie reden?“
„Das war mein Exfreund. Er hat erfahren, dass ich diesen Unfall hatte. Ist hier aufgetaucht. Hat ich geküsst. Obwohl er jetzt eine Andere hat. Dann war da seine Freundin. Sie war wütend auf mich. Warum eigentlich? Er war’s doch. Sie hat mich geschüttelt. Und dann kam noch jemand, der tönte wie Keanu. Sie hat ihn dann geküsst, die Männer haben dann gestritten. Au weia, was für ein Durcheinander. Und ich konnte nichts sehen, weil meine Brille runtergefallen war.“
„Klingt in der Tat ziemlich wirr. Am besten versuchen sie zu schlafen, okay? Ich sehe später nach ihnen.“
Dann verließ die Krankenschwester das Zimmer.
Julie nickte ein. Beim Dösen glaubte sie, die Zimmertür zu hören. War die Schwester bereits wieder da? Julie mochte ihre Augen nicht öffnen, zu schwer lag der Schlaf auf ihren Lidern. Schritte näherten sich. Jemand setzte sich auf den Bettrand. Sie hörte eine tiefe, ruhige Stimme sagen:
„Ich wusste nicht, dass das noch so nah ist.“
Es war Keanus Stimme, die da sprach. Aber was war denn nah? Julie verstand nicht. Mühsam blinzelte sie und erkannte einen dunklen Haarschopf. Sie öffnete den Mund und brachte kein Wort heraus, da wiederholte er:
„Deine Beziehung zu ihm. Die ist noch nah. Sonst hättest du das nicht getan.“
„Aber ich habe gar nicht …“
„Schhhh, kleine Maus. Sprich jetzt nicht. Wir haben wohl ein schlechtes Timing.“
Er seufzte zuerst, dann sagte er mit Härte in der Stimme:
„Wir lassen das besser bleiben. Ich will nicht das Trösterchen sein. Alles oder nichts. Es sieht nach ‚nichts’ aus.
Jetzt spürte Julie, dass ihrem Herzen gewaltsam etwas entrissen wurde. Sie wurde endlich richtig wach, griff nach seinem rechten Arm und sagte leise: „Er hat mich geküsst, nicht ich ihn.“
Er hatte sich inzwischen gebückt und ihre Brille genommen und setzte sie ihr vorsichtig auf. Jetzt sah sie, dass seine Augen ganz schwarz geworden waren.
Black Velvet, sang es in ihrem Kopf.
Er sah sie nur an – mehrere Sekunden, Minuten oder Stunden, sie wusste es nicht. Sie ließ seinen Arm los, er griff nach ihren Schultern, beugte sich hinunter und küsste sie; dieses Mal nicht sanft und zart, sondern wild und leidenschaftlich. Seine Zunge bahnte sich einen Weg in ihren Mund, traf auf ihre, in ihrem Kopf fing es an zu rauschen, ihr wurde warm, und sie vergaß alles um sich herum. Unwillkürlich hob sie ihre Hände, wollte ihn berühren, ihn näher ziehen, doch da setzte er sich wieder auf.
„Damit du mich nicht vergisst – und damit du nie vergisst, dass ich kein Tröster für gebrochene Herzen bin“, sagte er. Dann zögerte er, beugte sich nochmals zu ihr herunter, hauchte ein paar zarte Schmetterlingsküsse auf ihre Unterlippe, ohne den Blick von ihr abzuwenden, stand auf, drehte sich um und verließ grußlos das Zimmer.
Julie blieb wie vom Donner gerührt liegen Sie hob ihre Hand und berührte ihre Lippen; sie fühlte sich, als sei sie soeben bei lebendigem Leibe verzehrt worden – ein herrliches und schreckliches Gefühl. Herrlich, weil sie noch nie einen derartigen Kuss erlebt habe, der sie in eine andere Welt entführt hatte. Schrecklich, weil sie dies wohl nie wieder erleben würde.
Sie war zu erschlagen, um zu weinen, schloss ihre Augen und hoffte, ein paar Monate zu schlafen und erst wieder aufzuwachen, wenn alles vergessen war.