Jahre des Schweigens
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Dorfprinzessin
keanumaniac



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Beitrag Verfasst am: 15.08.2009, 22:42    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 46

Mai 2008


Keanu war erschöpft, müde und gleichzeitig voller Vorfreude auf den vor ihm liegenden Abend. Einen Moment zögerte er noch, ehe er die Haustür öffnete, dann trat er in sein Haus.
Ohrenbetäubende Musik empfing ihn. Popsongs schallten aus seiner Anlage im Wohnzimmer und hüllten das ganze Haus ein. Es war nicht das, was er sich vorgestellt hatte – ein ruhiger besinnlicher Abend – und dennoch erfüllte es ein Herz mit Freude. Keanu lächelte. Es war so typisch für sie.
Und es war das, was er sich schon so lange ersehnt hatte. Sein Haus war nicht mehr leer, wenn er kam, es war mit Leben gefüllt. Er war nicht mehr allein, sondern irgendwo hier war die Frau, die er liebte. Er würde alles dafür tun, damit es so blieb.
Die Musik war so laut, dass er ohne Probleme weiter gehen konnte, ohne bemerkt zu werden. Er ließ sein Reisegepäck zu Boden gleiten und folgte der Musik auf der Suche nach Sam weiter ins Haus. Keanu betrat das Wohnzimmer. Als er auf die Terrasse kam, sah er den liebevoll gedeckten Tisch. Er lächelte wieder und stellte seine Laptoptasche daneben. Nun wusste er, wo er Sam finden würde.
Im Türrahmen zur Küche blieb er stehen. Er lehnte sich dagegen, verschränkte seine Arme und genoss einfach den Anblick, der sich ihm bot.
Samantha stand mit dem Rücken zu ihm an der Küchenzeile neben dem Herd. Dank der Musik, hatte sie ihn noch immer nicht kommen gehört. Mit gekonnten Bewegungen schnitt sie Gemüse, um es anschließend in einen Topf zu geben. Sie musste vor kurzem erst geduscht haben, denn aus ihrem hochgesteckten Haar fielen einige feuchte Strähnen ihren Nacken hinab und sie trug lediglich ihren Morgenmantel.
Keanu ging das Herz auf, als er sie so sah. Sie war die wunderschönste und begehrenswerteste Frau, der er je begegnet war. Ein warmes angenehmes Gefühl durchströmte seinen ganzen Körper. Er war glücklich, denn in diesem Moment war alles perfekt.
Gleich würde er hinüber gehen und die Frau, die er liebte, in seine Arme schließen. Er würde ihren Nacken küssen, ihren Hals… Er konnte sich nichts Schöneres vorstellen.
Doch plötzlich wandelten sich seinen Gefühle. Wo er eben noch vollkommenes Glück gefühlt hatte, stiegen kalte Schauer in ihm empor. Eine beklemmende Angst schnürte seine Kehle zu und raubte ihm den Atem. Gänsehaut überzog seinen Rücken und die eben noch entzückende Wirklichkeit vermischte sich mit seinen Erinnerungen. Das alles hatte er schon einmal so gesehen und empfunden.
Keanu fühlte sich zurück versetzt in eine Zeit, als dieser Moment der Anfang vom Ende gewesen war. Damals hatten sie sich gleich darauf so heftig gestritten, dass es aus gewesen war. Für immer – wenn der Zufall sie nicht nach fünfzehn Jahren wieder zusammen geführt hätte.
Was, wenn es wieder so passierte? Was, wenn auch dieser Moment unweigerlich zum bitteren Ende führen würde?
Er wollte nicht, dass ihnen das noch einmal passierte. Er wollte Sam nicht noch ein zweites Mal verlieren. Er wollte nicht noch einmal warten müssen, keine fünfzehn Wochen, Monate oder Jahre. Er wollte Sam jeden Tag bei sich haben. Er wollte sie nie wieder gehen lassen, denn er liebte sie. Er liebte sie mehr, als er sich je hätte vorstellen können, einen Menschen zu lieben, oder mehr als er mit Worten ausdrücken konnte. Sie war wie warmer Sommerregen auf der Haut, die erste Blüte nach einem langen Winter, der entscheidende Punkt, der für das Lieblingsteam den Sieg bedeutete.
Oh nein, sie war gewiss nicht perfekt. Es gab Momente, da brachte sie ihn zur schieren Verzweifelung, aber dafür liebte er sie umso mehr.
Doch genau wie er, hatte Sam einen Traum, der ihrem Leben einen Sinn, ein Ziel gab. Es gab Dinge in ihrem Leben, außer ihm, die ihr wichtig waren und eine Bedeutung für sie hatten. Das war schon damals so gewesen und ein Grund, warum er sich in sie verliebt hatte. Sie war eine starke unabhängige Frau mit einem eigenen Leben. Er konnte nur ein Teil davon sein, genau so wie sie immer nur ein Teil seines Lebens, aber nie sein ganzes Leben sein konnte. Aber er wollte zum wichtigsten Teil ihres Lebens werden, genauso wie sie es bereits in seinem war. Doch dazu mussten sie sich endlich aufeinander zu bewegen.
Keanu hatte begriffen, dass sich ihrer beider Leben unmöglich miteinander vereinbaren ließen, wenn nicht einer von ihnen endlich auf den anderen zugehen würde. Er hatte in den letzten Tagen viel Zeit gehabt, über alles nachzudenken. Auf keinen Fall wollte er Samantha wieder verlieren. Und weil dies so war, war er bereit seinen Beitrag zu leisten. Er würde sie nicht mehr unter Druck setzten und von ihr eine Entscheidung verlangen. Nein, er würde für sie beide entscheiden und ihr dadurch helfen, zu erkennen, was richtig war. Er hatte den ersten Schritt dazu bereits getan und eine Überraschung für sie in seinem Reisegepäck.
Keanu wusste, Sam würde nicht in Freudentaumel ausbrechen, aber mit der Zeit würde sie erkennen, wie gut er es meinte. Sie würde ihre Zweifel und Vorurteile überwinden, wenn sie sah, wie ernst es ihm war.
Das Lächeln kehrte auf Keanus Lippen zurück und die Vorfreude und Zuversicht vertrieben die bösen Erinnerungen.
Keanu stieß sich vom Türrahmen ab und mit wenigen Schritten war er bei Sam.
Wie er es sich ausgemalt hatte, legte er seine Hände von hinten auf ihre Taille und küsste ihren zarten warmen weichen Nacken.
Samantha erschrak unter seinen plötzlichen Berührungen. Sie ließ das Messer fallen und zuckte zusammen.
„Hey schöne Frau, schön Dich wieder zu sehen.“, flüsterte Keanu auf ihren Nacken.
„Keanu!“
Völlig entgeistert drehte sich Sam zu ihm um. Seine Hände lagen noch immer auf ihrem Körper und ehe sie noch mehr sagen konnte, verschloss er ihren Mund mit einem drängenden fordernden Kuss. Dann ließ er plötzlich von ihr ab, trat einen kleinen Schritt zurück und sah sie an. Er musterte sie von oben bis unten, so als wollte er sich ihr Bild für immer einprägen. Sein Gesicht war dabei unbewegt, seine Augen dunkel und unergründlich.
Sam war verwirrt. Von seinem plötzlichem Auftauchen ebenso wie von dem, was gerade vor sich ging. Etwas war anders. Keanu war anders. Und sie, die sonst in seinen Augen lesen konnte, wie in einem Buch, wusste nicht so recht, was vor sich ging. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Den ersten klaren, sprach sie aus.
„Was machst Du hier? Ich habe Dich erst in Stunden erwartet. Seit wann bist Du zurück?“
„Ich hab heute Morgen die erste Maschine genommen. Wir sind gestern noch mit Drehen fertig geworden. Ich wollte Dich überraschen. Ich war schon bei Katie und hab alle wichtigen Termine erledigt, so dass ich die nächsten zwei Tage nur für Euch da sein kann.“
Seine Stimme war tief und rau. Sie jagte Sam kalte Schauer über den Körper.
Dann lächelte er. Es war ein umwerfendes Lächeln. Liebevoll, atemberaubend, spitzbübisch, entwaffnend und gleichzeitig drückte es ein unglaublich tiefes Bedauern aus. Eine Verletzlichkeit, die Sam Angst machte. Keanus ganze Bandbreite der Gefühle überrollte Sam, so dass sie Halt suchend hinter sich griff. Sofort war Keanu bei ihr, hielt sie fest, um sie anschließend hoch zu heben und vor sich auf die Arbeitsplatte seiner Küche zu setzen. Nun stand er ganz nah bei ihr. Sam nahm seinen gesamten Körper in einer faszinierenden, aber auch unheimlichen Präsenz war. Ihr Kopf war wie leergefegt, ihr Mund ausgetrocknet, so dass sie nur noch mühvoll schlucken konnte.
Keanu sah sie noch immer mit diesem Blick an, der ihr langsam ungeheuerlich wurde. Zärtlich strich er mit den Fingern seiner linken Hand über ihr Gesicht. Vorsichtig fuhr er mit seinen Fingerspitzen über ihren Mund und ihre Wange. Dann legte er die Hand in ihren Nacken, so dass es für Sam kein Entkommen mehr gab. Langsam spreizte er mit seiner anderen Hand ihre Beine, um sich noch näher an sie zu drängen. Wieder bedachte Keanu Sam mit seinem forschenden Blick, in dem eine Anziehung lag, der Sam sich auf keinen Fall entziehen konnte.
„Weißt Du eigentlich, wie schön Du bist?“, fragte er leise flüsternd, während er ihre Haare befreite, so dass sie wallend hinab fielen.
„Ich habe Dich vermisst, Moonlight. So sehr.“
Die Intensität mit der Keanu dies sagte und sein Blick, ließen Sam zweifeln, wovon er eigentlich sprach. Ob er tatsächlich nur die letzten Tage meinte. Und plötzlich wusste sie es. Sie wusste, was er als nächstes sagen würde und ihr ganzer Körper krampfte sich innerlich zusammen. Sie konnte es nicht zulassen. Es durfte nicht sein, nicht ehe sie noch einmal mit ihm gesprochen hatte. Ihre lang verdrängte innere Stimme kämpfte sich langsam empor und versuchte die Oberhand über Sam, ihren Verstand und ihren Körper zu gewinnen. Doch wie nur sollte sie ihm widerstehen können?
Sein Blick war warm. Das Braun seiner Augen tief, so dass Sam glaubte, sich darin zu verlieren. Er sah sie nur an und Sam wusste, er konnte in ihre Seele blicken. Er konnte den Schmerz sehen und dennoch ließ er sich davon nicht abschrecken.
„Sam – ich liebe Dich.“
Er verlieh seinen Worten Nachdruck mit seinen Händen. Es gab kein Entrinnen, kein Davonlaufen. Sam keuchte auf.
„Hörst Du Sam, ich liebe Dich. Du bist mein Moonlight. Für immer!“
In Sams Innern zerbrach etwas. Ein Schutz, den sie noch immer zwischen ihm und sich errichtet hatte und der ihr geholfen hatte, sie beide auch mit Abstand, mit einer kalten Nüchternheit betrachten zu können. Doch das war nun vorbei. Nun musste sie sich der Realität stellen und konnte sich nicht mehr dahinter verstecken. Und nun musste sie mit ihm reden. Sie musste es ihm sagen. Und sie wusste, es würde ihn verletzten, ihm vielleicht sogar wieder das Herz brechen.
Tränen rollten ihre Wangen hinab.
„Nicht weinen Moonlight. Du brauchst nicht weinen. Ich bin hier. Alles wird gut. Ich liebe Dich.“
Sam wollte aufschreien, dagegen ankämpfen. Doch im nächsten Augenblick verschloss Keanu ihren Mund mit einem Kuss, in dem so viel Zärtlichkeit, Leidenschaft und Liebe lag, dass Sam wusste, sie würde nicht dagegen ankönnen.
Sie würde es nicht aufhalten können, sondern sich ihm ergeben.
Sie gab sich ihm hin, unterlag seinen Berührungen, seinen Küssen, seinen Zärtlichkeiten, und während er sie hier auf der Stelle liebte, klammerte sie sich an ihn, suchte an ihm Halt wie eine Ertrinkende.
Sam schenkte Keanu sich und ihren Körper, weil dies alles war, wozu sie noch in der Lage war.
Als sie scheinbar eine ganze Ewigkeit später wieder zu sich kam, als ihr Geist, ihr Verstand wieder Einlass bekamen in ihren Körper, lag sie noch immer in Keanus Armen.
Dunkel konnte sich Sam daran erinnern, dass Keanu sie irgendwann aus der Küche ins Schlafzimmer getragen hatte, um sie dort erneut ein zweites und drittes Mal zu lieben. Er hatte sie mit seinen Zärtlichkeiten, mit seinen Berührungen und seiner Leidenschaft von einer Welle der Erregung zur nächsten getragen. Dabei hatte er sie die ganze Zeit festgehalten und angesehen, als ob sie so erkennen sollte, wie ernst er es wirklich meinte.
Doch an der Wahrhaftigkeit, an der Bedeutung seiner Worte hatte sie nie gezweifelt. Im Gegenteil, sie war sich dessen nur allzu schmerzlich bewusst.
Langsam drehte sich Sam zu Keanu um. Sie hob ihren Kopf und sah ihn an. Noch immer ruhte sein eindringlicher Blick auf ihr. Samantha schluckte.
„Keanu, ich…“, doch weiter kam sie nicht. Schon hatte er sich aufgerichtet, seinen Finger auf ihre Lippen gelegt und den Kopf geschüttelt.
„Psst Moonlight. Sag jetzt nichts. Später.“
Dann zog er sie wieder mit sich hinab, um sie erneut, fest in seine Arme zu schließen.
Sein „später“ war für Sam ein Rettungsseil, dass er ihr zugeworfen hatte, um sie beide noch eine Weile vor dem Unvermeidlichen zu schützen. Ganz in einer Illusion aufgehend, gab Sam sich diesem einen kleinen Wort hin. Sie legte ihren Kopf auf Keanus Brust, lauschte seinem Atem und genoss das Spiel seiner Finger auf ihrer Haut.
Sie wusste nicht, wie lange sie beide so dagelegen und einander festgehalten hatten, als sich Keanus Magen bemerkbar machte. Sam setzte sich auf.
„Du solltest was essen. Komm ich mach uns was. Ich wollte doch sowieso für Dich kochen.“
„Nein lass mal.“
Keanu schüttelte wieder den Kopf, drehte sich zum Nachttisch und griff sich das Telefon.
„Ich hab Appetit auf Pizza.“
„Pizza?“ Sam sah ihn ungläubig an.
„Ja, Pizza. Lass uns Pizza bestellen, eine Decke nehmen und sie draußen auf der Terrasse direkt aus der Schachtel essen. So wie…“
„So wie früher?!“, fiel Sam ihm ins Wort. „Du bist verrückt, weißt Du das?“
„Ja, aber nur nach Dir!“
Keanu lachte und Sam stimmte mit ein. Es war befreiend und vertrieb die Angst, die ihr noch immer in den Knochen steckte. Sie küsste Keanu. Dann stand sie auf und Keanu bestellte die Pizza.

Während sie warteten, räumte Sam die Küche auf. Es tat ihr leid, um das schöne Essen, dass sie hatte kochen wollen, aber sie wollte Keanu heute Abend auf keinen Fall noch mehr vor den Kopf stoßen.
Keanu brachte derweil das Geschirr von der Terrasse zurück, das sie nun nicht mehr brauchen würden und bereitet draußen alles nach seinen Vorstellungen vor.
Als es klingelte, ging er an die Tür und nahm seine Bestellung entgegen. Er brachte die Pizza nach draußen, legte den Karton in die Mitte der Picknickdecke und setzte sich Sam gegenüber. Dann schenkte er Wein ein.
Sie stießen an, um danach schweigend unter dem sternenklaren Nachthimmel von Los Angeles zu essen.
„Weißt Du noch, wie oft wir früher unter freiem Himmel gegessen haben? Wir waren fast jede Nacht noch draußen unterwegs.“, begann Keanu lächelnd ein Gespräch.
Samantha erwiderte seine Geste und nickte. Nie im Leben würde sie diese Nächte mit ihm vergessen können.
„Ja, ich weiß. Es war eine unglaubliche Zeit. Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen und ich bin immer noch 21.“
Keanu trank einen Schluck Wein.
„Aber dies Mal wird es anders enden – versprochen.“
Samantha sah ihn an. Sie wusste, sie musste es tun und jeder Moment würde dafür der falsche sein. Sie war eben keine 21 mehr und diese Zeit lag schon zu lange zurück, um gleichzeitig noch immer viel zu real sein.
„Keanu ich“, sie atmete aus, um noch ein wenig Zeit zu gewinnen, „ich muss Dir was sagen.“
„Ich Dir auch Moonlight. Ich habe Dir etwas mitgebracht.“
Keanu griff hinter sich in die bereit liegende Laptoptasche. Er zog einen großen braunen Umschlag heraus und reichte ihn Sam.
„Was ist das?“, fragend sah sie ihn an. Doch er zuckte nur mit den Schultern und lächelte.
Sam stellte ihr Weinglas bei Seite und öffnete den Umschlag.
Ihr wurde heiß und kalt zugleich, als sie begriff, was sie da in den Händen hielt.
Sie hatte mehrere Exposés über Häuser in New Haven aus dem Umschlag gezogen und vor sich ausgebreitet. Nach Fassung ringend starrte sie auf die Papiere.
Von ihr unbemerkt hatte sich Keanu hinter sie gesetzt, seine Arme um sie geschlungen und seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt.
„Ich war heute schon bei der Maklerfirma und hab eine Vorauswahl getroffen. Das sind meine Favoriten. Das Dritte“, er deutete mit seiner Hand auf die Unterlagen in der Mitte, „gefällt mir am Besten. Ich weiß, es ist riesig und im Moment brauchen wir nicht so viel Platz, aber das Grundstück macht einen tollen Eindruck und für Katie ist es nur noch einen Katzensprung bis zu ihrer alten Schule...“
„Du willst Dir ein Haus kaufen?“ Sam stand auf.
„In New Haven?”
Sie ging zum gegenüberliegenden Ende der Terrasse und legte ihre Hände auf das Geländer. Sie starrte in das Dunkel der Nacht, während sich die Kühle des Metalls beruhigend über ihre Handflächen ausbreitete. Sie griff fester zu, Halt suchend, bis ihre Knöchel weiß hervor traten. Es war zu spät. Sie hätte viel eher mit ihm reden müssen. Sie hatte es immer gewusst, doch nun war es zu spät.
Keanu war verunsichert. Er hatte sich alle möglichen Szenarien ausgemalt, wie Sam auf seine Ankündigung reagieren würde, aber so?
Sie war beunruhigend ruhig, beinahe gleichgültig. Er stand auf und ging zu ihr hinüber.
„Wir kaufen ein Haus. Unser Haus.“, Keanu trat näher an Sam heran und legte ihr seine Hände auf die Schultern.
„Weißt Du, ich habe wirklich über alles nachgedacht. Du kannst wegen Deiner Arbeit nicht aus New Haven fort, ich schon.“ Das scharfe Einatmen von Sam ging in Keanus Worten unter.
„Ich werde mir ein Arbeitszimmer einrichten, Telfon, Fax, Email. Drehbücher kann ich auch in New Haven lesen und zu Dreharbeiten muss ich meistens sowieso verreisen. Da ist es egal, wo ich wohne. Katie braucht Dich. Ich weiß, dass sie gerne hier ist, aber Du fehlst ihr. Und Dir fehlt sie auch. Ihr beide solltet wieder zusammen sein und ich möchte einfach bei Euch sein können. Ihr zwei seid das Wichtigste für mich…“
Keanu verstärkte den Druck seiner Hände und zwang Sam so, sich zu ihm umzudrehen.
„Ich liebe Euch beide. Ich liebe Dich Sam. Ich will Dich immer bei mir haben. Ich will Dich einfach nicht noch einmal gehen lassen.“
Zärtlich hob Keanu Sams Kinn an, in der Absicht sie mit seinen Küssen von der Richtigkeit seiner Entscheidung zu können, da sah er die Tränen in ihren Augen.
Sie war bleich und zitterte am ganzen Körper.
„Scht, scht, Moonlight, schon gut. Ich wollte Dich nicht aufregen.“
Keanu war erschrocken über diese heftige, unerwartete Reaktion. Er schloss sie in seine Arme und versuchte weiter, sie zu beruhigen. Doch als Samantha auch noch nach einigen Minuten zitternd und bleich vor ihm stand, wusste er, dass irgendetwas falsch gelaufen war, ohne wirklich sagen zu können, was passiert war.
Die Angst vom frühen Abend stieg wieder in ihm empor und breitete sich in ihm aus. Nur mit sehr viel Mühe gelang es ihm, sie wieder zu vertreiben und sich einzureden, dass doch noch alles gut werden würde. Obwohl ihm klar war, dass er lieber seinem Instinkt und seinen Gefühlen vertrauen sollte, versuchte er sich selbst vom Gegenteil zu überzeugen, so dass seine Verzweiflung eine nie geahnte Stärke hervorbrachte, mit der er nach außen hin Sam zeigen konnte, dass alles in Ordnung war.
„Vielleicht solltest Du hinein gehen und Dich hinlegen. Du hörst ja gar nicht mehr auf, zu zittern. Geh. Ich bin gleich bei Dir.“
Mit seinen Händen, die Sam leicht in Richtung Wohnzimmer schoben, verlieh Keanu seinen Worten Nachdruck.
Samantha, die immer noch geschockt über Keanus Geste und ihre eigene Feigheit war, nahm dieses Angebot zur Flucht mehr als dankbar an. Als sie sich am Eingang zum Wohnzimmer noch einmal nach Keanu umdrehte, meinte sie jedoch, auch in seinen Augen Tränen gesehen zu haben, aber sicher war sie sich nicht.
So schnell sie konnte, ging sie hinein. Sie stellte sich schlafend, als sich Keanu wenig später neben sie legte und sie in seine Arme schloss. Sie lauschte seinem gleichmäßigen Atem, während er schlief, und sie in dieser Nacht keinen Schlaf finden konnte.
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Beitrag Verfasst am: 29.10.2009, 22:20    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 47

Mai 2008

Katelynns Geburtstag am anderen Tag war überschattet von dem scheinbar unüberwindbaren Graben, der sich am vergangenen Abend zwischen Keanu und Samantha aufgetan hatte. Sie waren höflich und freundlich zueinander, gaben sich alle Mühe, Katie nichts davon merken zu lassen, und dennoch stand Keanus Vorschlag zwischen ihnen. Keiner von beiden brachte das Thema erneut zur Sprache, weil beide sich vor den Reaktionen fürchteten, die das bei ihnen beiden auslösen würde. Sie spürten, dass sich seit Keanus Vorstoß etwas zwischen ihnen verändert hatte. Die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft war erneut ins Wanken geraten und Keanu, der nicht wusste, weshalb oder was er falsch gemacht hatte, wagte sich noch nicht, Sam direkt danach zu fragen.
Sam, die ihre Entscheidung diesbezüglich bereits vor langer Zeit getroffen hatte, fand nicht den Mut und die passende Gelegenheit mit Keanu darüber zu sprechen.
Sie hatte sich Fitz anvertraut. In einem langen nächtlichen Telefonat, während Keanu schlief, hatte sie Trost bei ihrem besten Freund gesucht. Doch so sehr Fitz Sam auch liebte und schätzte, dies Mal hatte er ihr gehörig den Kopf gewaschen und sie aufgefordert, Keanu endlich reinen Wein einzuschenken. Sie wusste, wie Recht er hatte, aber trotzdem war ihre Angst einfach größer.
Nach Monaten, in denen sie ihr gegenseitiges Vertrauen wieder aufgebaut und ihre Beziehung auf eine neu Ebene gestellt hatten, waren sie nun wieder da, wo alles begonnen hatte – auf dünnem wankendem Eis, mit der wagen der Hoffnung, dass doch noch eine Möglichkeit bestand, dass es sie beide würde tragen können.

Am Nachmittag vor Sams Abreise aus L.A. hatte Dr. Grad hervorragende Neuigkeiten. Nach der Auswertung der letzten Testergebnisse teilte er Katie, Keanu und Sam mit, dass er Katies Entlassung für den kommenden Tag vorbereiten wollte, wenn die Abschlussuntersuchung am morgigen Tag, die vorliegenden Ergebnisse noch einmal bestätigte.
„Das ist ja großartig. Ich freu mich so sehr für Dich.“, fiel Sam ihrer Tochter freudestrahlend um den Hals, nachdem Dr. Grad das Zimmer verlassen hatte.
„Ich bin so froh. Ich hab wirklich schon überlegt, ob ich nicht doch noch länger bleiben soll.“
„Mom!“, Katie verdrehte liebevoll ihre Augen und lächelte über die Schulter ihrer Mutter hinweg Keanu zu.
„Das haben wir doch bereits ausdiskutiert. Du kannst nicht bleiben. Sie verlassen sich auf Dich und erwarten, dass Du Morgen Abend bereit bist.“
„Ich weiß mein Schatz. Trotzdem fällt es mir schwer, Dich einfach hier zurück zu lassen.“
„Mom! Ich bin doch nicht alleine. Dad ist da und Patric und Karina und wenn es ganz schlimm kommen sollte, brauch ich doch nur in New Haven anzurufen. Fitz und David steigen doch sofort ins nächste Flugzeug.“, lachte Katie und lächelte ihre Mutter an.
„Schon gut. Ich weiß, dass ich übertreibe, aber ich liebe Dich.“
„Ich liebe Dich auch Mom.“
„Gut, dann geh ich jetzt und schau mal, ob Deine Papiere für Morgen schon so weit sind und red noch mal mit Dr. Grad wegen der Medikamente. Okay?“
Mit diesen Worten stand Samantha auf und ging aus dem Zimmer. Katie sah ihr nach. Kopfschüttelnd sagte sie dann zu Keanu:
„Sie kann’s einfach nicht lassen. Sie will doch nur wieder die Untersuchungsergebnisse aus meiner Krankenakte kontrollieren.“
„Sie ist eben Deine Mom und sie liebt Dich.“, antwortete Keanu im Näherkommen. Er schickte sich an, Sams Platz von eben auf Katies Bett einzunehmen, als diese immer noch zur Tür schauend fort fuhr:
„Ich weiß. Ich liebe sie doch auch und ich bin stolz auf sie. Was sie jetzt tut, ist einfach nur toll. Drei Monate in ein fremdes Land zu gehen, um dort zu helfen. Dafür bewundere ich sie wirklich. Endlich kann sie das tun, was sie schon immer wollte. Natürlich mach ich mir auch Sorgen. Kolumbien ist nun nicht gerade für seine Sicherheit bekannt, aber…“ Endlich sah Katie ihren Vater an, der noch vor ihrem Bett stehen geblieben und mittlerweile ganz blass geworden war.
„Katie, wovon redest Du da?“, war alles, was Keanu noch hervorbrachte.
Fassungslos sah Katie Keanu an.
„Sie hat es Dir noch nicht gesagt? Ich dachte… Die ganze Zeit, in der sie schon hier ist. Sie wollte es Dir im Januar schon sagen. Sie hatte es mir versprochen…“
„Katie, was wollte Sam mir sagen?“, fragte Keanu eindringlich.
„Sie fliegt morgen Abend nach Kolumbien. Sie hat dort für drei Monate die medizinische Leitung in einem kleinen Provinzkrankenhaus in Sucre übernommen. Es tut mir Leid Dad. Ich dachte, Du wüsstest das alles längst.“
„Schon gut Katie. Du konntest es ja nicht wissen. Ich bin sicher, dass Deine Mom es mir noch gesagt hätte.“, versuchte Keanu Katie zu beruhigen. Seine Tochter konnte ja wirklich nichts dafür, dass Sam schon wieder davonlief, aber ihm wurde dadurch einiges klarer.

Keanu fühlte sich, als wäre er gerade vor eine Wand gefahren. Wie hatte er nur so blind sein können. Sam hatte nie vorgehabt, in Zukunft gemeinsam mit ihm und Katie zu leben. Sie hatte sich bereits vor langer Zeit dagegen entschieden und die letzten Wochen waren nur…
Keanu wusste selbst nicht, was die letzten Wochen für Samantha bedeutet hatten, aber er musste es herausfinden. Er musste wissen, warum Samantha so etwas tun konnte. Sofort.
Einen Moment blieb er noch bei Katie am Bett und beruhigte seine Tochter, die sich große Vorwürfe machte, ihren Vater so überrumpelt zu haben. Doch dann folgte er Samantha mit der Ausrede, einmal austreten zu müssen, aus dem Zimmer hinaus auf den Krankenhausflur. Zielstrebig ging er den Gang hinunter bis zur Ecke. Keanu war sich sicher, dass Samantha auf der anderen Seite am Schwesterntresen stehen würde mit Katies Krankenblatt in der Hand. Weil er aber unschlüssig war, ob es klug wäre, sie jetzt auf der Stelle in aller Öffentlichkeit zur Rede zu stellen, zögerte er, ehe er weiter ging. Er sah sich lediglich um.

Sam stand tatsächlich dort, wo er vermutet hatte und unterhielt sich gerade mit einer Krankenschwester. Während Keanu noch abwartend im Verborgenen blieb, sah er eine Gruppe von jungen Medizinstudenten geführt von einem Respekt einflößenden bereits ergrauten Arzt auf Sam zuschreiten. Als der Arzt Sam bemerkte, hielt er einen Augenblick inne, um dann lächelnd auf Samantha zuzugehen und mit laut erhobener Stimme zu seinen Studenten zu sagen:
„Meine sehr verehrten Damen und Herren, darf ich Ihnen die beste und herausragenste Studentin vorstellen, die ich in meiner ganzen Laufbahn je ausbilden durfte. Auch wenn es jetzt sehr schmerzlich für Sie sein wird, aber ich denke nicht, dass einer von Ihnen, so sehr er sich auch anstrengen wird, an die Leistungen dieser Kollegin heran reichen wird.“
Keanu sah, wie Sam sich erstaunt von ihm weg in die Richtung des unbekannten Arztes drehte. Er konnte es nicht sehen, aber er hörte an ihrer Stimme, wie sie lächelte, als sie diese eigenartige Begrüßung kopfschüttelnd erwiderte.
„Lassen Sie sich nicht verängstigen. Professor Goldstein übertreibt maßlos. Er will Sie nur einschüchtern. Den Trick hat er vor Jahren bei mir auch schon versucht.“
„Sie unterschätzen sich meine Liebe.“, gab der Professor ebenfalls lächelnd zurück, um anschließen seine Studenten zu verscheuchen.
„So und nun suchen Sie sich alle einen Patienten. Wir sehen uns später wieder. Ich will mit Doktor Norwood einen Augenblick alleine sein.“

Befremdlich sah Keanu zu, wie Sam und der Professor sich umarmten. Dann fasste der ältere Herr Sam fast liebevoll an den Arm und führte sie weg vom Schwesterntresen genau auf die Ecke zu, hinter der sich Keanu noch immer verbarg.
Keanu wusste, dass es unhöflich war, zu lauschen oder Sam nachzuspionieren, aber diese eigenartige Szene fesselte ihn ungewollt. Sam hatte ihm gegenüber schließlich nie ein Wort verloren, dass sie einen Arzt in diesem Krankenhaus persönlich kannte. Scheinbar hatte Sam mehr als nur ein Geheimnis vor ihm verborgen.

„Harold, ich freue mich Sie wieder zu sehen. Ich wusste nicht, dass Sie schon aus ihrem Urlaub zurück sind. Wie geht es Sherry?“
„Sehr gut meine Liebe. Ich werde ihr Grüße von Ihnen ausrichten. Ich konnte es nicht glauben, als meine Sekretärin gestern sagte, dass die kleine Katelynn bei uns im Krankenhaus liegt. Ich versichere Ihnen, sie ist bei Dr. Grad in guten Händen.“
„Ich weiß Harold. Sie wird voraussichtlich morgen entlassen.“
„Das ist sehr schön. Aber im Grunde will ich mit Ihnen über etwas anderes sprechen.“ Der Professor sah sich um und zog Samantha noch enger an die Wand heran.
„Ich bin sehr froh, dass ich Sie vor Ihrer Abreise noch einmal persönlich sprechen kann. Sam, geben Sie mir dies Mal nicht wieder einen Korb. Seit zwei Jahren lehnen Sie mein Angebot ab und seit zwei Jahren halte ich die Klinikleitung nun schon hin. Die Stelle als meine Nachfolgerin ist immer noch unbesetzt, weil ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, Sie doch noch überzeugen zu können. Aber lange kann ich eine Entscheidung nicht mehr hinausschieben. Der Verwaltungsrat will endlich wissen, wer in drei Jahren meine Nachfolge antreten wird. Bisher hat man mir die Entscheidung überlassen, aber wie gesagt, wenn ich denen nicht langsam jemanden präsentiere, wird man mir die Verantwortung dafür abnehmen. Samantha seien Sie nicht so dumm. Bitte überlegen Sie es sich noch einmal. In New Haven werden Sie nie Chefärztin werden, das wissen Sie genauso gut wie ich, aber hier könnte Ihnen das ganze Krankenhaus zu Füßen liegen, wenn Sie nur mein Angebot annehmen.“

Keanu zog es den Boden unter den Füßen weg. Sam hatte ihm nicht nur verschwiegen, dass sie ins Ausland gehen würde, sie hatte ihm gegenüber auch nie ein Wort über eine mögliche Arbeit hier in L.A. verloren. Die ganze Zeit hatte sie ihm immer wieder begründet, dass sie nicht mit ihm und Katie in Los Angeles leben konnte, weil sie eben in New Haven arbeiten würde und nun das. Sie hatte von Anfang gewusst, dass dieser Job existierte und sie ihn nur annehmen musste, um mit ihm gemeinsam ein neues Leben zu beginnen.
Keanu war wütend auf Samantha. Er kam sich verraten vor. Hintergangen. Um seine Liebe betrogen. Was war er für sie? Ein Spielzeug? Ein Zeitvertreib?
Auch wenn er in seinem tiefsten Inneren wusste, dass es für all das einen Grund geben musste, dass Sam ihm dafür sicher eine Erklärung bieten konnte, so war er doch zu verletzt, um auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können.
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Beitrag Verfasst am: 29.10.2009, 22:29    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 48

Mai 2008

Keanu stand auf seiner Terrasse und blickte über die strahlenden Lichter der Stadt. Seine Hände hatte er zu Fäusten geballt tief in seinen Hosentaschen verborgen, weil er nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren. Immer wieder hörte er in seinem Kopf Wort für Wort, was der Professor zu Samantha gesagt hatte, so dass er sich gleichzeitig ständig fragte, ob das vergangene dreiviertel Jahr nicht nur eine einzige Farce gewesen war. Es stellte alles in Frage, was zwischen ihm und Sam passiert war und vor allem, was er sich für ihre gemeinsame Zukunft erträumt hatte.

Leise trat Samantha von hinten an Keanu heran. Sie schlang ihre Arme um ihn, küsste durch sein Shirt hindurch die besondere Stelle unter seiner Schulter und legte dann ihren Kopf an seinen Rücken.
„Hey was hast Du? Du bist so still. Seit wir das Krankenhaus verlassen haben, hast Du kein Wort mehr gesagt.“, fragte sie ihn liebevoll.
Keanu atmete hörbar ein und wand sich dann aus Samanthas Umarmung. Langsam drehte er sich zu ihr um.
Allein an seinem Blick konnte Samantha erkennen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als er ihr dann antwortete, war seine Stimme kalt. Hart und unvorbereitet trafen seine Worte auf Sam, die noch immer nicht verstand.

„Kannst Du Dich noch erinnern, dass wir uns einmal versprochen haben, keine Lügen? Weiß Du das noch?“
„Natürlich. Ich habe Dich auch nie belogen…“
Ahnungslos sah Sam ihn an, als er sie wütend unterbrach.
„Nein. Aber die Wahrheit hast Du mir auch nicht gesagt, oder?! Ich meine, Du hast immer Geheimnisse, damals genauso wie heute.“
Keanu hielt kurz inne, ließ Sam aber nicht noch einmal zu Wort kommen.
„Wohin fliegst Du morgen?“
Auffordern sah er sie an und Sam begriff noch immer nicht.
„Nach Hause. Ich versteh nicht…“
„Und morgen Abend? Wohin fliegst Du da?“, spie er jetzt nur noch verzweifelt hervor.
Langsam stieg Erkenntnis in Sam empor und mit jeder Sekunde des Begreifens verblasste sie. Wie in Trance entfernte sie sich einige Schritte von Keanu, der sie noch immer wütend anfunkelte. Tränen stiegen ihr in die Augen und leise brachte sie ungläubig hervor.
„Du weißt es? Katie, sie hat es Dir gesagt…“
„Mach Katie ja keine Vorwürfe. Die Arme dachte, ich weiß es schon längst. Sie hat geglaubt, dass ich es schon seit Monaten weiß, und mir stolz von Deinem guten Vorhaben vorgeschwärmt. Wie konntest Du nur Sam? Wie konntest Du mir nichts davon sagen?“
„Ich wollte ja…“
„Ach ja? Wann? Morgen am Flughafen? Oder hättest Du mir aus Bogota eine Postkarte geschickt?“
„Nein! Keanu bitte!“, jetzt war auch bei Sam die Verzweiflung mehr als deutlich zu hören. Tränen rannen ihr übers Gesicht, während sie zu erklären versuchte.
„Ich wollte es Dir sagen. Die ganze Zeit schon. Aber ich habe es nicht geschafft. Ich habe mich nicht getraut. Ich hatte Angst.“
Keanu machte eine abwehrende, seinen Unglauben ausdrückende Handbewegung. Doch Sam fuhr unbeirrt fort.
„Ich wusste, dass ich es Dir sagen musste. Doch ich wusste, Du würdest derjenige sein, der mich durchschauen würde. Mir war klar, wenn ich es Dir sagen würde, würdest Du sehen, dass ich mich nicht nur dazu entschlossen habe, um Gutes zu tun. Du hast mich schon immer verstanden, also würdest Du auch dies Mal verstehen, dass ich verletzt war, dass es in gewisser Weise auch eine Trotzreaktion war. Ich war so unglaublich traurig, als Katie nach Weihnachten nicht mehr mit mir zurückkehren wollte. Ich war wütend, auf Dich, auf sie, auf mich. Und ich war einsam. Als ich dann die Anfrage dieser Hilfsorganisation bekommen habe, dachte ich, jetzt wo Katie bei Dir lebt, könnte ich endlich das tun, was ich schon damals tun wollte. Dass es gut wäre, den Menschen dort zu helfen, aber eben nicht nur…“
„Du hättest es mir trotzdem sagen müssen. Du hättest mich in diese Entscheidung einbeziehen müssen. Was wenn Dir etwas passiert? Wir beide tragen für Katelynn Verantwortung! Von dieser Entscheidung bin auch ich betroffen! Ich bin auch ein Teil Deines Lebens Sam! Aber ich weiß schon, dass Du mich nicht in Deinem Leben willst! Ich bin bereit, das alles hier für Dich aufzugeben“, Keanu machte eine Armbewegung die ganz L.A. darin einzubeziehen schien, „aber Du willst das gar nicht. Du vertraust mir ja noch nicht einmal, sondern versteckst Dich hinter Ausreden! Ich stand auf dem Flur Sam. Heute im Krankenhaus. Ich habe alles mit angehört, was dieser Professor zu Dir gesagt hat. Mir erzählst Du die ganze Zeit, dass Du nicht aus New Haven weg könntest, und ich bin bereit, mein Leben Deinem anzupassen. Weißt Du, wie ich mich gefühlt habe, als ich heute erfahren habe, dass hier schon seit Jahren eine viel bessere Arbeit auf Dich wartet und Du nur zugreifen müsstest. Wir könnten schon längst wieder vereint sein. Wir könnten schon längst eine Familie sein! Wenn Du es nur zulassen würdest! Ich verstehe Dich nicht Samantha! Ich liebe Dich! Verdammt! Ich begreife einfach nicht, was Du noch willst!“
„Was ich will? Du willst wissen, was ich will? Ich will etwas, was Du mir nicht geben kannst! Was mir keiner geben kann! Ich will Sicherheiten, Keanu! Garantien! Doch die gibt es nun mal nicht!“
Dies Mal war es Keanu, dessen Blick Unglaube und Unverständnis ausdrückte, so dass Sam automatisch zu einer Erklärung ansetzte.
„Damals in diesem Sommer – es war einfach unglaublich, einfach ein Traum. Nie hätte ich mir träumen lassen, für einen anderen Menschen solche tiefen Gefühle zu empfinden. Du hast mein Herz und meine Seele berührt. Mit jedem Blick, jedem Wort, jeder Berührung von Dir habe ich mich geborgen, beschützt und geliebt gefühlt. Es war, als ob ich am Ziel eines Traumes angekommen wäre, und ich habe gehofft und geträumt, dass es immer so bleiben würde. Als es dann vorbei war, bin ich abgestürzt. Der Schmerz, Dich verloren zu haben, wollte einfach nicht enden. Und wenn ich ehrlich bin, er hat auch nie geendet. Es ist einfach nur leichter geworden mit der Zeit.
Weißt Du, wie es ist, Tag für Tag in die Augen und das Gesicht des einzigen Mannes zu blicken, den man je wirklich geliebt hat und gleichzeitig dadurch daran erinnert zu werden, dass es diese Liebe nie mehr geben wird? Ich liebe Katie, das tue ich wirklich. Sie ist das wunderbarste und wertvollste Geschenk, was ich je bekommen habe. Aber es gab Tage, an denen ich es beinahe nicht ertragen habe, sie anzusehen. Kannst Du Dir vorstellen, wie das ist?“, Sam schluckte schwer,
„Etwa zwei Jahre nachdem ich aus Los Angeles fort gegangen war, war Fitz der Meinung, dass ich endlich wieder einen Mann in mein Leben lassen müsste. Er hat mit Alain vorgestellt. Alain war Jurastudent, stand kurz vor seinem Abschluss und hatte glänzende Zukunftsaussichten. Ich dachte, ich könnte ihn abschrecken, in dem ich ihn gleich bei unserem ersten Treffen mit Katie konfrontierte. Doch er war einfach nur hingerissen. Er hat Katie geliebt und er hat mich geliebt. Wir waren mehr als ein Jahr zusammen. Es war ein gutes Jahr. Aber dann hat er angefangen von Heirat zu sprechen. Er wollte, dass wir eine richtige Familie werden. Er wollte Katie sogar adoptieren. Doch wie hätte ich das zulassen können? Ein ganzes Jahr lang habe ich Deinen Ausdruck in Alains Augen gesucht. Ein Jahr lang habe ich darauf gewartet, dass er mich so berühren würde, wie Du es einst getan hast. Doch er war eben nicht Du. Er wäre Katie sicher ein toller Vater gewesen und für mich wäre so Vieles einfacher gewesen, wenn ich ihn geheiratet hätte, aber er war nicht Du. Ich wollte nicht seine Blicke, seine Hände, seine Küsse, sondern Deine. Ich konnte ihn nicht so lieben, wie ich Dich geliebt habe. Also habe ich mich gegen ein Leben mit ihm entschieden. Doch leichter ist dadurch nichts geworden. Der alte Schmerz war erneut da und umso stärker.
Die letzten sechzehn Jahre waren ein ständiges Auf und Ab. Zielsicher und genau zur richtigen Zeit bist Du immer wieder in mein Leben zurückgekehrt. Ein neuer Film, ein Zeitungsbericht, ein Foto, ein Interview. Immer wenn ich mich gerade gut gefühlt habe, wenn es leichter geworden war, wenn ich dachte, dass ich Dich vielleicht überwunden hätte, bist Du irgendwo aufgetaucht und hast mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Ständig war ich damit konfrontiert, was ich gerne haben wollte, aber nie mehr in meinem Leben erleben würde.
Mit den Jahren ließ der Schmerz ein wenig nach. Es wurde leichter, all die Bilder von Dir und auch Katie anzusehen, obwohl sie Dir immer ähnlicher wurde. Ich war bereit, dem, was ich verloren hatte, nicht mehr nachzutrauern, sondern so gut es eben möglich war, wieder ein eigenes Leben ohne Deinen ständigen Schatten zu führen. In New Haven gibt es diesen Orthopäden – ein unauffälliger, aber sehr netter Kollege. Er hatte mich schön des Öfteren gebeten, einmal mit ihm essen zu gehen. Letztes Jahr habe ich dann endlich zugesagt. Ich habe seine Einladung angenommen und wir haben uns verabredet. Das war am Abend Deines Unfalls. Zu dem Essen ist es nie gekommen.
All die Jahre hast Du mich einfach nicht losgelassen. Und immer wenn ich mich lösen wollte, hast Du mich zu Dir zurückgeholt. Egal was ich auch getan habe, letzten Endes hat mich alles wieder zu Dir geführt. Doch dafür habe ich einfach keine Kraft mehr. Ich bin nicht stark genug, das auszuhalten.“
Sam weinte und Keanu brach es das Herz, sie so verzweifelt zu sehen. Mit zwei Schritten war er bei ihr, strich ihr über die nassen Wangen und flüsterte zärtlich:
„Aber so soll es doch auch nicht mehr laufen. Ich will Dich doch auch nicht noch einmal verlieren. Ich will mit Dir zusammen sein, Sam, Moonlight. Sieh…“
Bei diesen Worten holte Keanu eine kleine Schatulle aus seiner Hosetasche und öffnete sie vor Sams Augen. Dann zog er einen einfachen schmalen silberfarbenen Reif hervor, dessen einzige Zierde eine zartrosafarbene Perle war und reichte ihn Sam. Mit tränenverschleiertem Blick sah Samantha auf den Ring, den Keanu ihr liebevoll in die Hand legte.
„Sieh auf das Datum Sam.“, forderte er sie eindringlich auf, und Sam tat ihm den Gefallen.
„04.06.1992?“
„Ich gebe zu, dass ich niemals an Heirat gedacht habe, aber dass ich mit Dir zusammen sein will, das wusste ich immer. Damals genauso wie heute. Ich hatte damals auch Pläne, von denen Du nichts wusstest. Ich wollte Dich fragen, ob Du vielleicht mit mir zusammen ziehen würdest. Ich dachte, dass das perfekt für uns wäre. Du musstest umziehen und ich wollte gerne so viel Zeit wie möglich mit Dir verbringen. Damit ich Dir zeigen konnte, wie ernst es mir damit war, habe ich diesen Ring gekauft. Als Symbol für unsere Liebe. Doch dann ist es anders gekommen.
Ich habe es nie fertig gebracht, diesen Deinen Ring wegzugeben. Seit unserem Wiedersehen warte ich auf den richtigen Moment, ihn Dir endlich zu geben. Ich weiß nicht, ob dieser Augenblick passend ist, aber Moonlight, ich verspreche Dir, immer für Dich da zu sein, und wenn Du Sicherheiten brauchst, dann lass uns heiraten. Lass es uns offiziell machen…“
„Heiraten? Keanu glaubst Du wirklich, dass es mir darum gehen würde? Gerade Du musst doch wissen, dass ein Trauschein auch keine Garantie für ein für immer ist.
Verstehe doch, egal was wir auch tun, irgendwann wirst Du mich wieder verlassen. Auf die eine oder andere Weise. Es ist mein Schicksal. Und wenn das geschieht, wirst Du mir wieder das Herz brechen. Doch ich werde nicht noch einmal die Kraft haben, das zu ertragen. Ich werde daran zerbrechen. Und das kann und will ich einfach nicht riskieren. Ich halte das nicht noch einmal aus.“
Sam steckte den Ring zurück, schloss den Deckel und übergab die Schatulle an Keanu.
Entsetzen machte sich in ihm breit, weil ihm die Endgültigkeit ihrer Worte langsam begreiflich wurde.
„Sam, das kannst Du nicht tun! Wie kannst Du Dir da so sicher sein. Du kannst doch gar nicht wissen, was passieren wird. Du hast nur Angst!
Was ist mit den letzten Wochen und Tagen? Ich hab mir das alles doch nicht eingebildet. Du empfindest doch etwas für mich!“
„Natürlich tue ich das. Ich habe nie aufgehört Dich zu lieben, aber ich kann Dich nicht noch einmal in mein Herz lassen. Die letzten Wochen mit Dir zusammen waren schön. Sehr schön. Aber mehr als das kann ich Dir nicht einfach nicht geben.“
„Ich will aber mehr. Ich will Dich! Ich liebe Dich Sam!“
„Manchmal ist Liebe einfach nicht genug.“
Die Entschlossenheit und Kraft in Samanthas Worten erschreckten Keanu. Er unternahm einen letzten verzweifelten Versuch:
„Ist das wirklich Dein letztes Wort? Bist Du Dir wirklich sicher Sam?“, doch Samantha nickte nur.

Keanu wich zurück. Mit letzter Kraft drückte er Sam die kleine Schmuckschachtel erneut in die Hand, um sich dann augenblicklich umzudrehen und die Terrasse zu verlassen.
Verloren stand Samantha da, als sie ihn wenig später aus der Garage fahren hörte.
Irgendwann wurde es zu kalt.
Sam ging hinein, um im Schlafzimmer auf Keanus Rückkehr zu warten. Die Schmuckschatulle legte sie auf ihrem Weg dort hin auf die kleine Anrichte im Flur genau neben das Telefon. Sie konnte und wollte den Ring nicht behalten, weil es ihr falsch vorkam.
Im Schlafzimmer legte sie sich hin und wartete. Sie hatte die Hoffnung auf ein erneutes Gespräch mit Keanu noch nicht aufgegeben, als sie ihn gegen vier Uhr endlich zurückkommen hörte. Erwartungsvoll blickte sie zur Tür, durch die er kommen würde. Doch als sie seine Schritte auf dem Flur vorbeigehen hörte, wusste sie, dass er nicht noch einmal zu ihr kommen würde.

Eine Stunde später war das Taxi da, dass Samantha zum Flughafen bringen sollte.
So leise sie konnte, verließ sie das Haus. Doch ehe sie einstieg, drehte Sam sich ein letztes Mal zu Keanus Haus und zu ihm um. Letzteres war ihr allerdings nicht bewusst, da Keanu sich hinter den Vorhängen verbarg. Die Tränen des jeweils anderen sahen sie beide nicht.

Als Samantha dann endlich im Taxi nach einem Taschentuch aus ihrer Manteltasche greifen wollte, stieß sie auf etwas Hartes. Verwundert zog sie den Gegenstand heraus. Als ihr klar wurde, dass sie Keanus Ring in den Händen hielt, brach eine erneute Tränenflut über sie herein.
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Beitrag Verfasst am: 29.10.2009, 22:33    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 49

Kolumbien Sommer 2008

Erschöpft stieg Sam den kleinen Hügel hinter dem Krankenhaus empor und setzte sich auf die alte Holzbank, die irgendjemand vor langer Zeit dort angebracht hatte.
Müde blickte sie auf den Containerbau am Rande des Dorfes hinab, der seit einigen Wochen ihr zu Hause war.
Einen Moment schloss sie ihre Augen und genoss das Gefühl der warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen sie sich erlaubte, ihre Gedanken unkontrolliert schweifen zu lassen. Unweigerlich führten sie Sam zu Keanu. Was er jetzt wohl gerade tat?
Samantha holte tief Luft. Dann zog sie die kleine Schatulle aus ihrer Tasche, die seit ihrer Abreise aus L.A. ihr ständiger Begleiter war, und öffnete sie. Lange Zeit sah sie gedankenverloren auf den Ring.
Als sich plötzlich ein Schatten über sie legte, blickte sie erschrocken auf.

„Pater.“, begrüßte Samantha den geistlichen Leiter des Krankenhauses überrascht.
Der Angesprochene lächelte freundlich und deute auf den freien Platz neben Sam.
„Darf ich?“
Sam rutsche und der Pater setzte sich neben sie. Mit einem Kopfnicken deutete er auf den Ring, den Sam immer noch in den Händen hielt.
„Ein schöner Ring. Für eine schöne Frau. Sie sollten ihn tragen und nicht in der Schachtel verborgen halten.“
„Ja, vielleicht sollte ich das wirklich.“ Samantha schloss die Schachtel und steckte sie zurück in ihre Tasche.
„Aber so einfach ist das leider nicht.“, fuhr sie unbeirrt fort und Pater Alvaro nickte nur wissend.
„Samantha, ich darf Sie doch Samantha nennen? Darf ich Sie etwas fragen?“
Als er von Sam keine Antwort, sondern lediglich einen fragenden Blick erhielt, fragte der Geistliche weiter.
„Warum sind Sie hier? Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir alle sind sehr froh, Sie bei uns zu haben. Sie leisten wirklich ausgezeichnete Arbeit. Aber was verschlägt Sie in diesen abgelegenen Teil der Welt? Sie haben doch sicher Familie zu Hause.“
„Eine Tochter.“, erwiderte Sam leise.
„Wissen Sie Samantha, die meisten Menschen, die extra hier her kommen, um uns zu helfen, sind vor irgendetwas auf der Flucht. Ich habe hier schon viele kommen und gehen sehen, und sie alle sind vor etwas davon gelaufen. Sie auch?“
„Ich weiß es nicht Pater. Vielleicht. Vielleicht versuche ich, meinem Schicksal zu entgehen.“ Samantha sah ihr Gegenüber eindringlich an.
„Darf ich Sie auch etwas fragen Pater?“ Ein zustimmendes Nicken war seine Antwort.
„Ich bin nicht mit dem Glauben an einen Gott aufgewachsen. Ich bin nicht sicher, ob es einen Gott oder etwas Ähnliches gibt. Aber wenn es tatsächlich einen Gott gibt, warum ist er dann manchmal so grausam zu uns Menschen? Warum zeigt er uns, wie schön das Leben sein kann, führt uns in Versuchung, um es uns dann wieder zu nehmen?“
„Oh Samantha, ich glaube nicht, dass das eine Grausamkeit, sondern Gottes Segen ist. Wenn er uns zeigt, wie wunderbar das Leben sein kann und uns durch seine Fügung glücklich macht, ist das doch keine Grausamkeit. Wenn er uns die Liebe zeigt, ist das doch das Wunderschönste, was uns Menschen passieren kann.
Wenn wir diese Liebe dann irgendwann wieder verlieren, ist das sicherlich schrecklich. Doch ich glaube, dass Gott diese Prüfung nur denjenigen auferlegt, die stark genug sind, dies auch zu ertragen.“
„Aber was ist, wenn man eben nicht stark genug ist? Was ist, wenn man genau weiß, dass man daran zerbricht?“ Tränen waren jetzt in Samanthas Augen getreten und Pater Alvaro sah deutlich ihre Verzweifelung.
„Samantha, glauben Sie mir, Sie sind viel stärker, als Sie selber vielleicht glauben. Ich habe Sie beobachtet, seit Sie bei uns sind. Sie sind einer der stärksten Menschen, die ich je getroffen habe. Glauben Sie wirklich, ein schwacher Mensch hätte heute Morgen diesem jungen Mann einfach so das Leben gerettet, ohne auch nur über die Konsequenzen nachzudenken? Sie wissen doch auch, dass dieser Junge nicht irgendwo angeschossen worden ist. Die Kugel, die sie aus ihm herausgeholt haben, stammt höchstwahrscheinlich aus einem Armeegewehr, was bedeutet, dass seine Rettung nicht nur ihn erneut in Lebensgefahr bringt.
Sie sind sehr mutig Samantha. Und nur sehr starke Menschen sind in der Lage, diesen Mut aufzubringen.“
„Das heute Morgen war nicht mutig. Ich habe nur meine Arbeit getan.“
„Das bedeutet dann wohl, dass Sie bereits bei der Wahl Ihres Berufes sehr viel Mut und Stärke bewiesen haben.“
Der Pater machte eine kurze Pause, ließ Samantha jedoch nicht noch einmal zu Wort kommen.
„Im Grund genommen, ist Ihre innere Stärke doch aber gar nicht so wichtig. Meinen Sie nicht auch? Wenn man jemanden liebt, sollte man diese unglaubliche Zeit genießen und sich nicht schon am Anfang Gedanken über ein mögliches Ende machen. Kennen Sie das Sprichwort: Es ist besser, geliebt und verloren zu haben, als nie geliebt zu haben? Darin steckt viel Wahrheit.“
Eine der Schwestern rief vom Krankenhaus aus nach dem Pater, so dass er sich lächeln von Samantha verabschiedete und sie wieder ihren eigenen Gedanken überließ.

Es war nicht das letzte Gespräch dieser Art, das Samantha in den restlichen Wochen ihres Aufenthaltes mit dem Pater führte. Viele Nächte verbrachten sie gemeinsam mit Reden und nach und nach fasste Samantha immer mehr Vertrauen zu diesem sonst so eher schweigsamen Mann. Irgendwann erzählte sie ihm ihre ganze Geschichte. Doch Pater Alvaro hörte ihr nur zu. Er gab ihr keinen Rat oder sagte Samantha, was er vielleicht an ihrer Stelle tun würde. Er ließ sie selbst eine Entscheidung treffen.
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Beitrag Verfasst am: 29.10.2009, 22:37    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 50

Los Angeles, August 2008

Keanu bezahlte den Taxifahrer und stieg aus.
Er war auf einer Feier gewesen. Eigentlich hatte er geplant, sich dort ordentlich zu betrinken, aber irgendwie war es nicht dazu gekommen. Es waren einige attraktive Frauen ohne Begleitung da gewesen, und einen kurzen Augenblick war er versucht gewesen, das eindeutige Angebot einer dieser Damen anzunehmen. Er wollte so gerne endlich vergessen. Einmal wieder andere Gedanken haben, als ständig daran erinnert zu werden, was Sam gesagt oder getan hatte. Doch als diese unbekannte Frau so vor ihm gestanden und ihn berührt hatte, da hatte er doch nur wieder Samantha vor sich gesehen.

Als Keanu seine Haustür öffnete, wunderte er sich, weshalb die Alarmanlage ausgeschalten war. Er war sich sicher, dass er sie wie immer beim Verlassen des Hauses aktiviert hatte. Vorsichtig trat er in den schwach erleuchteten Flur und legte seinen Schlüssel auf die Anrichte. Da sah Keanu, dass dort bereits ein anderer Schlüssel lag. An dem kleinen blauen Segelboot, das er selbst Samantha nach ihrer Nacht auf der Ariadne gekauft hatte, erkannte er, dass es Sams Schlüssel war.
Eine Welle des Schmerzes überrollte ihn. Keanu atmete tief ein und wappnete sich gegen das unvermeidliche Gegenübertreten. Die Wunden, die Sam das letzte Mal hinterlassen hatte, waren noch zu frisch und zu tief, als dass er sie einfach freundlich begrüßen konnte.

Keanu wusste instinktiv, wo er Samantha finden würde, und so ging er zielstrebig auf seine Terrasse. Er hatte Recht. Dort stand sie, fast an der gleichen Stelle, an der er vor wenigen Wochen gestanden hatte, an dem Abend, an dem alles geendet hatte.
Keanu räusperte sich und Samantha drehte sich zu ihm um.
Verlegen lächelte sie ihn an. Doch Keanu hatte nicht vor, es ihr so einfach zu machen. Mit vor der Brust verschränkten Armen sagte er kühl:
„Sam, was willst Du hier? Katie ist nicht hier. Sie ist immer noch in Seattle, aber das müsstest Du wissen.“
Sam nickte. Als sie antwortete, zitterte ihre Stimme, doch sie zwang sich durchzuhalten.
„Ich weiß. Ich wollte auch nicht zu Katie. Ich wollte zu Dir.“
Fragend sah Keanu sie an, aber Samantha ließ sich nicht davon beirren.
„Ich weiß, ich habe kein Recht hier zu sein, seitdem ich das letzte Mal so abweisend zu Dir war. Mir ist klar, wie sehr ich Dich damit verletzt habe. Aber auch wenn es heute vielleicht schon zu spät ist, will ich Dir einfach sagen, wie leid es mir tut, was ich zu Dir gesagt habe. Ich hatte in den letzten Wochen viel Zeit zum Nachdenken. Du hattest Recht mit allem, was Du gesagt hast. Ich hatte Angst. Große Angst. Angst, wie die Entscheidung für uns, mein Leben verändern würde. Angst davor, dass es vielleicht doch nicht klappen könnte. Angst, dass wir uns doch nur wieder verlieren und am Ende vielleicht sogar hassen würden. Aber jetzt weiß ich, dass es falsch ist, sich von dieser Angst beherrschen zu lassen. Ich habe meine Gefühle für Dich verdrängt, aus Angst am Ende wieder alleine zu sein. Doch dabei habe ich übersehen, dass ich durch diese Angst schon die ganze Zeit alleine war.
Ich will nicht mehr alleine sein Keanu.

Vom ersten Augenblick an hast Du mein Leben verändert. So unglaublich das auch ist, aber es ist wahr. Alles was ich danach getan habe, hat mich unweigerlich immer wieder zu Dir geführt. Du bist seit sechzehn Jahren ein Teil meines Lebens. Du bist mein Leben.
Ich weiß, ich habe alles getan, um das nicht wahr haben zu wollen. Immer wenn ich meine Gefühle für Dich verdrängt habe, kamen sie wieder. Jetzt will ich sie nicht mehr verdrängen. Ich will nicht mehr vor ihnen oder uns davon laufen.
Vielleicht ist es jetzt nach all der Zeit zu spät. Aber ich bitte Dich trotzdem, gib mir, gib uns noch eine Chance.
Ich will mit Dir zusammen sein, Keanu. Ich will bei Dir sein.“, Samanthas Hände zitterten und aufgeregt fuhr sie sich durch die Haare.
„Ich bin schon seit einer Woche aus Kolumbien zurück. Ich habe eine Maklerfirma beauftragt, mein Haus in New Haven zu vermieten. Heute war ich bei Professor Goldstein. Nächste Woche fange ich bei ihm im Krankenhaus an.
Ich werde alles tun, damit Du siehst, dass ich dieses Mal nicht wieder davon laufen werde. Es tut mir leid, Keanu, dass ich so lange gebraucht habe, um es zu verstehen und einzusehen. Ich hoffe, du kannst mir noch einmal verzeihen.
Ich liebe Dich.“

Keanu hatte seine abwehrende Haltung schon lange aufgegeben. Was Sam ihm da sagte, hatte den Kummer und Schmerz der letzten Wochen bereits weggespült. Eine Welle des Glücks hatte stattdessen von ihm Besitz ergriffen, denn endlich wendete sich alles genau in die richtige Richtung. Seine Träume wurden wahr und er konnte noch immer nicht glauben, dass sie wirklich vor ihm stand und sich ihm einfach so darbot.
Mit wenigen Schritten war er bei ihr. Freudig erregt zog Keanu Samantha einfach in seine Arme. Statt ihr zu antworten, umschloss er ihre Lippen mit einem hingebungsvollen und leidenschaftlichen Kuss, denn Samantha glücklich und voller Liebe erwiderte.

Sachte strich Keanu, Samantha eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Lange sah er ihr tief in die Augen und ließ sie so teilhaben an seinen Gefühlen. Dann erst sprach er:
„Ich liebe Dich auch.
Ich habe Dich damals geliebt. Ich habe Dich letztes Jahr geliebt. Ich habe Dich vor deiner Abreise geliebt. Und ich liebe Dich jetzt.
Du warst immer die einzig richtige für mich und wirst es auch immer bleiben.“
Zärtlich lächelnd sah Keanu Samantha an.
„Hast Du meinen Ring noch, Moonlight?“
Nickend zog Sam die kleine Schachtel aus ihrer Tasche und reichte sie Keanu.
Keanu holte seinen Ring heraus. Dann sah er Sam noch einmal an.
„Für immer ?“
Noch während Samantha nickte und ihm antwortete,
„Für immer.", streifte Keanu den Ring über Samanthas Finger.
Dann gaben sie sich erneut ihren überschäumenden Gefühlen hin und besiegelten ihr Glück mit einem weiteren endlos erscheinenden Kuss.


ENDE
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