Jahre des Schweigens
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Dorfprinzessin
keanumaniac



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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 12:34    Titel: Jahre des Schweigens Benutzer-Profile anzeigen 

Jahre des Schweigens

Vorwort
Ich bin keine Ärztin und arbeite auch sonst nicht in irgendeinem medizinischen Beruf – ich habe also lediglich meine eigenen Erfahrungen als Patient als medizinische Grundlage vorzuweisen, und selbst die ist definitiv fehlerhaft und subjektiv. Mir hat nur die Idee von einer Ärztin gefallen. Also bitte ich, mir alle Fehler hinsichtlich irgendeiner medizinischen Behandlung zu verzeihen und sie meiner „künstlerischen Freiheit“ zuzurechnen. Die Medizin ist eh nur nebensächlich!


Kapitel 1

2007

Eng umschlungen lagen sie auf der mitgebrachten Decke mitten in der kalifornischen Wüste und lauschten schweigend den Lauten der Natur um sich herum. Sie hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt und konnte seinen Herzschlag spüren, stark, laut und gleichmäßig. Sie hatten den Sonnenuntergang beobachtet, gesehen wie langsam die Sonne versank und dabei alles um sie herum in glühendes Gold, Rot und Orange verwandelte, bis schließlich die Nacht die Oberhand gewann. Es war eine klare Nacht. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen und über ihnen funkelten die Sterne tausendfach. Er hatte ein Feuer machen wollen, doch sie hatte ihn davon abgehalten. Sie wollte nicht, dass der Schein des Feuers diesen wundervollen Anblick zerstörte. Sie sah nach oben, sah wie der Mond seine langen silbrigen Strahlen zu ihnen auf die Erde sandte.
„Das Mondlicht ist wunderschön. Es macht alles noch schöner als es die Sonne schon getan hat.“
Er setzte sich auf und zwangsläufig folgte sie seinem Beispiel. Zärtlich nahm er ihr Gesicht in die Hände und sah sie lang und eindringlich an.
„Das Mondlicht ist so wie Du – wunderschön. Und Du machst mein Leben auch schöner, als es bisher schon war. Du bist mein Mondlicht – mein Moonlight.“ Ihre Lippen näherten sich und …

Sam schrak aus dem Schlaf auf. Müde rieb sie sich die Augen und sah auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Verdammt, 3.20 Uhr am Morgen. Sie hatte wieder einmal nur etwas mehr als vier Stunden geschlafen. Da sie wusste, dass sie sowieso nicht mehr einschlafen konnte, stand sie auf und ging duschen. Bevor sie sich im Bett hin und her wälzen würde, konnte sie die Zeit auch sinnvoll nutzen. Keine Stunde später betrat sie das Yale New Haven Hospital. Sie schaute auf den Dienstplan, um dann zielstrebig in die Cafeteria zu gehen. Fitz saß alleine in dem großen neonlichthellen Raum über ein Kreuzworträtsel gebeugt, einen großen Becher Kaffee vor sich. Im Hintergrund lief tonlos der Fernseher mit der Wiederholung einer alten Serie. Sam setzte sich zu ihm.
„Ich wusste doch, dass ich Dich hier finde.“, begrüßte sie ihren Freund.
„Sam, was machst Du hier? Hast Du nicht zwei Tage frei?“ Erstaunt sah Fitz Sam an.
„Doch, aber ich konnte nicht schlafen und in meinem Zimmer liegen noch einige Krankenakten. Ich hab gedacht, wenn ich sowieso schon wach bin, kann ich genauso gut arbeiten.“ Fitz schwieg dazu. Er kannte Sams Schlafprobleme. Er hatte schon mehrfach versucht mit ihr darüber zu reden, aber sie war bisher immer ausgewichen. Stattdessen fragte er: „Wo ist Katie? Ist sie allein zu Hause?“
„Nein. Katelynn ist übers Wochenende bei einer Freundin. Sie arbeiten an irgendeinem Schulprojekt.“ Sam zuckte die Schultern. Fragend sah Fitz sie an.
„Was jetzt schon? Die High School hat doch erst vor einer Woche begonnen?“
„Du kennst sie doch. Das gibt extra Punkte.“
„Immer noch ihr großer Traum, was? Medizin wie ihre Mom. Du kannst stolz auf sie sein. Sie ist ein tolles Mädchen.“
„Ja das ist sie. Aber nun sag schon, wie lang hast Du schon Dienst?“
Fitz sah auf die Uhr. „Etwas mehr als zwanzig Stunden. Und vier hab ich noch.“
„Na los, geh und leg Dich hin. Dann bekommst Du wenigstens noch etwas Schlaf bevor Du nach Hause gehst. Ich übernehm für Dich.“ Fitz stand auf.
„Danke.“ Dann beugte er sich herab, gab Sam einen Kuss auf die Stirn und sagte:
„Ich hab Dich lieb. Und ich mach mir Sorgen um Dich.“ Dann verließ er den Raum.
Sam sah ihm nach, trank seinen Kaffe aus und antwortete, ohne dass er es hören konnte: „Ich weiß. - Ich weiß.“

Nachdem sie der diensthabenden Schwester Bescheid gegeben hatte, betrat Sam ihr kleines Büro. Es war nur ein kleines unscheinbares Zimmer, aber für Sam bedeutete es Luxus pur. Nun musste sie ihre Krankenakten nicht mehr im Pausenraum aufarbeiten und konnte in Ruhe mit ihren Patienten und deren Angehörigen sprechen.
Sie hing ihren Mantel auf und setzte sich an ihren Schreibtisch. Noch bevor sie zu ihrer ersten Akte griff, fiel ihr Blick auf das Foto ihrer Tochter. Automatisch musste Sam lächeln. Ja, Fitz hatte Recht, sie konnte wirklich stolz auf sie sein. Katie war etwas ganz Besonderes.
Sam nahm das Foto in die Hand und strich mit ihren Fingern über Katelynns Gesicht. Als Medizinerin wusste sie, dass die menschlichen Gene zwar die Anlagen eines Menschen mitprägten, aber das die äußeren Einflüsse, das Umfeld und die Erziehung wesentlich mehr zur Entwicklung eines Menschen beitrugen. Doch immer wenn sie ihre Tochter sah, fragte sie sich, ob Katie die berühmte Ausnahme zur Regel darstellte. Nicht nur, dass sie rein äußerlich das Ebenbild ihres Vaters war – langes schwarzes, seidiges Haar, tief braune unergründliche Augen, die gleichen Gesichtszüge, das gleiche Lächeln, die gleiche große sportliche Figur. Nein auch von ihrem Wesen her glich sie ihrem Vater so sehr, dass es Sam manchmal fast körperlich wehtat, ihre Tochter anzusehen. Sie hatte die gleichen Vorlieben wie er, eine ausgeprägte künstlerische und musische Ader, spielte Klavier und Schach, war unglaublich einfühlsam, und sehr auf das Wohl ihrer Mitmenschen bedacht. Es ging sogar soweit, dass Sam manchmal Gesten an ihrer Tochter beobachtete, die sie vorher nur von einem Menschen so gesehen hatte. Und das alles, obwohl Katie ihren Vater nie kennen gelernt hatte, ja nicht einmal wusste, wer er war.

Gedankenverloren an lang zurückliegende Tage stellte Sam das Foto ihrer Tochter zurück an seinen Platz, atmete tief durch, um die Erinnerungen zu vertreiben und widmete sich ihrer Arbeit.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 12:47    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 2

1992

Verzweifelt sah sie auf die kleine silberne Uhr an ihrem Handgelenk. Es war ein Abschiedsgeschenk ihrer Eltern, bevor sie aus beruflichen Gründen nach Japan umgezogen waren. Verdammt! Sie war schon wieder zu spät dran. Wenn sie heute nicht pünktlich im Club zur Aufgabenverteilung war, bekam sie wieder für den Rest der Woche die Betreuung einer der Lounges zugewiesen. Sie mochte die Arbeit für die VIP - Lounges nicht. Sie stand lieber hinter der Theke und schenkte dort Drinks aus, als für ein paar gut zahlende Typen die persönliche Kellnerin zu spielen.
Schnell warf sie noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Auch wenn sie die Hotpants und das knallige, rote enge TShirt privat nicht getragen hätte, weil es ihr definitiv zu eindeutig war, so musste sie doch feststellen, dass ihr das Outfit nicht gerade schlecht stand. Es brachte die Vorzüge ihres schlanken sehnigen Körpers gut zur Geltung.
Schnell strich sie sich noch einmal mit der Bürste durch die langen glatten hellbraunen Haare, ehe sie aufbrach.

Natürlich kam sie zu spät – ganze zehn Minuten, und so sehr sie Jake auch bat, er war nicht bereit für sie eine Ausnahme zu machen. Wer zu spät kam, durfte nicht wählen und musste die Arbeit übernehmen, die übrig blieb. Also würde sie die ganze restliche Woche die Bedienung in Lounge drei übernehmen mit Alison – einer Neuen. Die Bedienungen wechselten hier ständig. Fünf Abende die Woche von acht Uhr Abends bis drei oder vier am nächsten Tag, das hielt selten eine lange aus, zumal das für die meisten nur ein Nebenjob war. Sie hatte den Vorteil, dass sie nicht viel Schlaf benötigte und Jake eine Schwäche für sie hatte. Ihr gab er frei, wenn am anderen Tag eine wichtige Prüfung anstand und so war sie schon seit drei Monaten bei Jake, seit ihrem 21. Geburtstag, drei weitere würden noch folgen.
So gut es ging, wies sie Alison in die Arbeit ein, gab ihr Verhaltenstipps und erklärte ihr, wie sie am besten mit einem vollen Tablett von der Bar zur Lounge kam.
Als der Club öffnete, füllten sich rasch die bisher leeren Räume. Die Sicherheitsleute hatten am Eingang wieder einmal gut aussortiert, denn die Frauen waren allesamt gut aussehend, durchweg gestylt und die Männer rochen förmlich nach Geld. Diejenigen, die nicht nach der großen Brieftasche aussahen, waren ausnahmslos Künstler – Musiker, Sänger aber vor allem Schauspieler, die es nicht nötig hatten, ihr Aussehen, ihren finanziellen Verhältnissen anzupassen, um eingelassen zu werden.
Jakes „Fiftyfour“ war zurzeit einer der angesagtesten Clubs von ganz L.A. Die Leute kamen in Strömen, nicht zuletzt wegen der hervorragenden Live-Musik jeden Abend.

Ihre Lounge hatten heute ein Dutzend dieser jungen Typen gemietet, die in L.A. so häufig waren – keine wirklichen Pläne für die Zukunft, denn mit dem Geld der Eltern oder Großeltern ließ sich auch ohne eigene Arbeit ein prima Leben finanzieren. Einige Gesichter hatte sie auf dem Campus schon mal gesehen, aber sie hatte noch nie mit ihnen gesprochen. Sie bezweifelte, dass sie sie überhaupt erkennen würden. Sie spielten in zwei völlig verschiedenen Ligen und sie wusste, dass sie voreingenommen war, wenn sie mit solchen Leuten nichts zu tun haben wollte. Doch sie hatte ihre Arroganz und Überheblichkeit am eigenen Leib zu spüren bekommen, als ihre Eltern vor fünf Jahren mit ihr in diese Stadt gezogen waren und sie in der High School nicht mit den entsprechenden Designerklamotten aufgetaucht war. Aber bald würde sie das alles hinter sich lassen. Dann konnte sie dieses Kapitel in ihrem Leben für immer vergessen.

Sie trafen sich alle im Hotelzimmer seines Freundes. Er war einige Zeit lang weg gewesen, um einen Job zu erledigen. Sie hatten sich deshalb nicht sehen können, umso größer war ihre Wiedersehensfreude und ihre Lust, heute Abend ein wenig zu feiern. Mit Drinks vom Zimmerservice brachten sie sich langsam in Stimmung. Irgendwann schlug jemand vor, noch in einen Club zu fahren. Sie riefen sich ein paar Taxis und fuhren los.
Er war noch nie vorher im „Fiftyfour“ gewesen. Der Club war aber anscheinend sehr beliebt, denn trotz der späten Stunde, drängelte sich noch eine ansehnliche Menschenschlange vor dem Einlass. Sie gingen an den wartenden Leuten vorbei. Sein Freund nickte dem Türsteher bloß zu. Augenblicklich entsicherte dieser die Absperrung und ließ sie ein.
Ein für einen In-Club typischer Geräusch- und Lärmpegel umgab ihn sofort nach dem Eintritt. Musik drang aus den Lautsprechern, Menschen sprachen miteinander, Gläser klirrten. Zigarettenrauch stieg ihm in die Nase und mit dem Lärm zusammen benebelte er für einen kurzen Augenblick seine Sinne.
Er folgte seinen Freunden an die Bar. Er sah mehr, als dass er hörte, wie sein Freund mit einem dicken Typen hinter der Theke sprach. Sie begrüßten sich per Handschlag, worauf der Typ hinter der Bar zu einem der Nebenräume deutete. Wieder folgte er seinem Freund, der ihm zugewinkt hatte, durch die tanzende und lachende Menschenmenge. Die Glastüren des Raumes waren weit geöffnet. Sie traten ein, und sofort drang der Clublärm nur noch gedämpft an seine Ohren. Sie ließen sich auf die breiten schwarzen und roten Ledersofas sinken.
Er sah sich um. Neben der Eingangstür zur Lounge hatte sich sofort ein Sicherheitstyp postiert. Es war eine Ecklounge. Die Seiten zum Clubraum und zur Nachbarlounge waren aus Glas, konnten aber mit bodenlangen Vorhängen verdeckt werden, wenn man ungestört sein wollte.
Der Club war voll. Auf der Tanzfläche, an der Bar und an den an der Seite und auf der Empore stehenden Tischen drängelten sich die Menschen. Dafür war die Nachbarlounge leer. Er wusste wie das lief. Die Clublounges wurden nur an gut zahlende Kunden vermietet. Das hieß, bis auf die Ausnahmen, wie er und seine Freunde. Sie bekamen die Lounge umsonst. Die Bezahlung für diese Vorzugsbehandlung bestand lediglich aus ihrer puren Anwesenheit in solchen Clubs. Das brachte dem Club gute Publicity. Dadurch kamen mehr Gäste und somit auch mehr Geld. Ganz einfach.

Noch während er sich weiter umsah, betrat eine junge Kellnerin den Raum. Als sie die mitgebrachten Drinks auf den kleinen Tisch vor ihnen stellte, fiel ihr langes hellbraunes Haar über ihre Schultern. Sie wechselte ein paar Worte mit seinem Freund. Sie schienen sich schon öfters hier gesehen zu haben, denn sie lächelte ihn freundlich an und lachte über einen seiner Scherze. Es war ein bezauberndes Lächeln. Doch ihm entging nicht, dass sie währenddessen immer wieder leicht nervös nach rechts hinüber zur gegenüberliegenden Ecklounge sah.
So gut es ging, folgte er ihr mit seinen Blicken, als sie ihre Lounge verließ. Sie ging direkt zu der anderen Ecklounge, aus der sie gleich darauf wieder mit einer anderen Kellnerin heraustrat. Auf ihrem Weg durch die tanzende Menschenmenge verlor er sie aus seinem Blick.

„Du brauchst Dich von diesen Typen nicht blöd anmachen zu lassen. Du bist Kellnerin, kein Freiwild. Mach ihnen klar, dass sie rausfliegen, wenn so was noch mal passiert. Und wenn gar nichts hilft, schütt ihm einen Drink drüber oder kleb ihm eine. Keine Angst, Jake steht zu uns Mädels. Das hier ist ein Club, hier gibt’s Musik, Drinks und Flirts. Für alles andere müssen sich die Typen einen anderen Ort suchen.
Pass auf, Du bringst die Drinks jetzt hin und siehst zu, dass Du so schnell wie möglich wieder hier bist. Ich bring das Tablett nur noch rüber in die Eins, dann red ich mit Jake und hol Dich da raus. Okay?“
Sie hoffte, sie hatte Alison damit genug geholfen, aber sie war sich nicht sicher, ob Alison das wirklich schaffen würde. Diese widerlichen Kerle dachten mit ihrem Geld könnten sie wirklich alles kaufen. Etwas besorgt sah sie Alison nach, bevor sie selbst ihr Tablett nahm und ging.

Angeregt unterhielt er sich mit seinem Freund. Sie hatten sich eine ganze Zeit nicht gesehen und nun viel nachzuholen. Doch trotz des Gespräches entging ihm nicht, dass die junge Kellnerin erneut ihre Lounge betrat. Sie wirkte nervös, als sie die Drinks vor ihnen abstellte. Wieder nahm er wahr, dass ihr Blick ständig zur gegenüberliegenden Lounge wanderte. Automatisch folgte er ihrem Blick.
Was ging da vor sich? Konnte das sein? Hatte er richtig gesehen? Doch ein Blick zurück zu der Kellnerin, die noch immer vor ihnen stand, sagte ihm, dass sie das gleiche gesehen hatte.
Zwei Kerle hatten die andere Kellnerin in der Lounge festgehalten, bevor ein dritter schnell die Vorhänge zugezogen hatte.
Bevor er wusste, was passierte, ging die junge Frau bereits rüber zur anderen Lounge. Sie ging so schnell sie konnte, ohne Aufsehen zu erregen.
Doch wenn da wirklich passierte, wonach es aussah, musste er ihr folgen.

So schnell sie konnte, betrat sie die Lounge Nr. drei. Zielstrebig ging sie zu dem kleinen Couchtisch und drückte den kleinen versteckten Alarmknopf auf der Unterseite der Tischplatte, während sie ihren Blick nicht von der Szene in der hinteren Ecke der Lounge wendete. Diese widerlichen Typen standen dort alle im Halbkreis. Drei von ihnen standen mit Alison in der Mitte. Zwei hielten sie an den Armen fest und drückten sie gegen die Rückwand, während der Dritte bereits Hand an ihr TShirt und ihre Hotpants gelegt hatte.
„Nimm Deine dreckigen Finger von ihr weg, Du Arschloch!“
Erschrocken und dann belustigt drehten die Typen sich zu ihr um. Der Typ, der eben noch Alison belästigt hatte, kam direkt auf sie zu.
„Wer will mir verbieten, die Kleine da anzufassen?“
Mit einem Kopfnicken deutete er zurück zu Alison, die immer noch von den anderen Typen festgehalten wurde.
„Du bist ganz schön vorlaut. Vielleicht sollte ich besser mit Dir anfangen, damit Du Ruhe gibst. Du scheinst es ja noch nötiger zu haben, als Deine kleine Freundin, wenn Du Dich so einmischst.“
Er war jetzt schon nahe genug an ihr heran, dass sie seinen Atem riechen konnte. Eine ekelige Mischung aus Zwiebeln, schalem Bier und Schnaps stieg ihr in die Nase. Jetzt legte dieser Dreckskerl seinen Arm um ihre Hüfte und zog sie noch näher zu sich heran. Sie hatte Angst, aber sie wusste, dass sie stark sein musste. Mühsam nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und hob in einer blitzartigen Bewegung ihr rechtes Knie. Leider traf sie ihr Ziel nicht richtig, doch es reichte aus, dass der Typ kurz von ihr abließ und nach Luft schnappte.
„Du miese kleine Schlampe, was glaubst Du, wer Du bist.“
Er hatte sich schneller erholt, als sie gehofft hatte und noch ehe sie es sich versah, hatte er ausgeholt und ihr einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpasst. Ihr war als würde ihr Kopf wegfliegen. Sie geriet ins Taumeln und stürzte nach hinten weg. Noch während sie fiel, bemerkte sie, wie der Typ sich nun auf sie stürzen wollte. Doch bevor er auch nur noch näher an sie herankam, sprang ein anderer Mann herein. Sie hörte, wie er schrie:
„Lasst die Frauen in Ruhe, ihr Schweine!“, da hatte er sich auch schon auf ihren Angreifer gestürzt und mit einem kräftigen Kinnhaken zu Boden gestreckt. Zwischen den beiden Männern entbrannte ein erbitterter Kampf. Es schien, als sei ihr Verteidiger ihrem Angreifer überlegen, doch gegen die Mehrzahl der Kerle, die sich jetzt aus der umstehenden Gruppe gelöst hatten und sich auf ihn stürzten, hatte er keine Chance. Sie überwältigten ihn und drückten ihn ebenfalls an die Wand.
Sie lag noch immer auf dem Boden und musste mit ansehen, wie ihr Angreifer sich für den Kinnhaken mit einem kräftigen Schlag ins Gesicht und einem Hieb in die Magengegend ihres Verteidigers revanchierte.
Gerade als ihr Angreifer zu einem Tritt in die Leistengegend ausholte, stürmte Jake mit dem Sicherheitsdienst die Lounge. Die Loungetür ging zu und unbemerkt von den restlichen Gästen im Club, brachten die Jungs vom Sicherheitsdienst die Lage unter Kontrolle. Jake ließ sich neben sie auf die Knie sinken:
„Hey Kleines, alles in Ordnung?“
„Ja mir geht’s gut. Kümmere Dich lieber um Alison.“ Jake nickte und machte sich unverzüglich auf den Weg zu seiner anderen Angestellten. Alison hatte die Fürsorge von Jake wirklich nötiger als sie, weinend und unter Schock hockte sie mittlerweile in der hintersten Loungeecke.

Als sie vom Boden aufstehen wollte, tauchte eine Hand in ihrem Blickfeld auf. Ohne richtig hinzusehen, griff sie zu und ließ sich aufhelfen. Wieder auf ihren Beinen angekommen, konnte sie zum ersten Mal richtig ins Gesicht ihres ritterlichen Verteidigers schauen. Das schwarze Haar war halblang und reicht ihm bis über die Ohren. Nach dem Kampf fiel es ihm in wilden Strähnen ins Gesicht. Mit einem Lächeln nahm er eine Strähne und strich sie hinter sein Ohr. Sein Lächeln war bezaubernd. Wenn sie nicht schon von den Ereignissen eben noch völlig außer Puste gewesen wäre, hätte ihr dieses Lächeln den Atem rauben können. Während er lächelte, blitzten seine tief brauen Augen kurz auf. Es waren besondere Augen, Augen voller Güte und Freundlichkeit. Augen, die ihren Betrachter sofort Vertrauen fassen ließen, obwohl auch etwas Trauriges in ihnen lag. Sie wusste nicht, was sie mehr faszinierte, dieses Lächeln oder seine Augen.
Völlig benommen, ob von den Erlebnissen oder dem Anblick, dessen war sie sich selbst nicht ganz sicher, rang auch sie sich zu einem Lächeln durch.
„Danke für meine Rettung. Wenn Du nicht gewesen wärst, wer weiß, was der Typ noch alles gemacht hätte.“
Doch sie konnte nicht Weitersprechen. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre linke Gesichtshälfte, als sie versuchte zu reden. Erschrocken griff sie mit ihrer Hand nach ihrer Wange und stöhnte.
„Hey, Du solltest Dich erst einmal setzten. Du hast einen ganz schönen Schlag abbekommen.“
Vorsichtig dirigierte er sie zu der großen Couch und drückte sie sanft aber bestimmt nieder. Während er sich neben sie setzte, sah sie, wie diese widerlichen Kerle vom Sicherheitsdienst langsam nach draußen gebracht wurden. Sie hörte Jake was von Zivilpolizei sagen und wie er anordnete, dass jemand Alison erst ins Krankenhaus und dann nach Hause bringen sollte. Ihr drehte sich der Kopf, alles ging so wahnsinnig schnell, dass sie sich nicht einmal richtig von Alison verabschieden konnte. Auf einmal stand Jake wieder vor ihr und lächelte sie an.
„Na, na, na, als ich sagte, Du solltest Dich um Alison kümmern, hab ich nicht gemeint, dass Du Dich für sie verprügeln lassen sollst. Aber wenigstens hast Du gleich jemanden zu Deiner Rettung mitgebracht.“
Jake reichte dem jungen Mann neben ihr seine Hand und bedankte sich. So gut sie konnte, lächelte sie.
„Ich lass Euch jetzt erst mal etwas Eis bringen. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn Dein Gesicht morgen ganz geschwollen wäre Kleines. Na und Ihr Manager sieht es bestimmt auch nicht so gerne, wenn sie mit einem Veilchen durch die Gegend laufen.“
Immer noch benommen sah sie ihren Retter ein weiteres Mal an. Sie erkannte in ihm einen Gast aus der anderen Lounge wieder. Sie wollte ihm so gerne danken, irgendetwas sagen, doch immer wenn sie es versuchte, brach dieser stechende Schmerz über sei herein. Er lächelte sie an.
„Ist schon gut. Nicht reden. Tut ganz schön weh, nicht.“ Zärtlich strich er ihr mit seinen Fingern über die geschundene Gesichtshälfte.

Mit dem Eis kam auch Jake wieder. Er bestand darauf, sie unverzüglich nach Hause zu fahren. Sie fügte sich, da sie an diesem Abend keinen Widerstand mehr leisten konnte, obwohl sie noch gerne gebelieben wäre. Nachdem sie sich von ihrem Retter so gut es eben ging verabschiedete hatte, drehte sie sich noch einmal um und sah ein letztes Mal in seine braunen Augen.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 12:49    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 3

2007

In seinem Kopf kreisten die Gedanken, während der frische Nachtwind ihm ins Gesicht blies. Vor wenigen Tagen hatte er seinen Geburtstag gefeiert – 43. Die Dreharbeiten zu seinem letzten Film lagen hinter ihm. Er stand für neue Verträge in Verhandlungen, aber bisher hatte sich noch nichts Konkretes ergeben. Ihm war das ganz recht, so konnte er einige Tage ausspannen. Er war nach New York geflogen, hatte sich in seinem Appartement vergraben und über sein Leben nachgedacht. Was hatte er bisher erreicht? Was wollte er? Wie würde sein Leben weitergehen?
Als er heute Morgen erwachte, hatte er den Drang verspürt raus zu kommen. Ganz spontan hatte er sich eine Maschine geliehen und war los gefahren, immer die Küste runter. Der Fahrtwind hatte ihm die Grübeleien ausgetrieben. Er fühlte sich frisch und frei. Bis nach New Haven war er gekommen. Es wäre noch Zeit gewesen, weiter zu fahren, aber aus irgendeinem Grund wollte er bleiben. Er hatte sich die Stadt angesehen und gegen Abend ein Hotelzimmer genommen. Doch obwohl er den ganzen Tag unterwegs war, konnte er immer noch keine Ruhe finden. Er beschloss noch eine Runde zu fahren, vielleicht noch mal ans Meer.
Er liebte es nachts auf der Maschine zu sitzen. Früher hatte er daraus öfter Mutproben gemacht, doch heute setzte er sogar ganz vorschriftsmäßig seinen Helm auf. Ja, auch so was brachte das Alter mit sich.
Er fühlte sich gut. Er genoss das Gefühl des Windes auf seiner Haut. Er ließ sich treiben. Er sah die Warnlichter eines LKWs noch ein ganzes Stück vor ihm entfernt. Die breite Ölspur, die der LKW verursacht hatte, sah er nicht.
Er fühlte, wie die Maschine ins Rutschen geriet. Er versuchte sie noch unter Kontrolle zu bringen, doch er fand keinen Halt mehr. Die Maschine kam ins Schleudern. Er konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten. Sie brach zur Seite weg. Er fühlte wie sie kippte. Hörte das Aufschlagen und Rutschen des Metalls auf der Straße. Er spürte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Bein, das noch immer unter dem Motorrad lag. Er schlug mit dem Kopf auf der Straße auf. Alles wurde schwarz.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 12:53    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 4

1992

Am anderen Morgen fühlte sie sich zerstreut. Körperlich ging es ihr gut. Das Eis hatte seine Dienste gut verrichtet. In ihrem Gesicht war nicht die geringste Spur der gestrigen Vorkommnisse zu erkennen. Doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zur letzten Nacht zurück. Was weniger an den Geschehnissen selbst lag, sondern an dem Unbekannten, der ihr so ritterlich zur Seite gestanden hatte. Sie empfand Bewunderung für diesen Mann, der ihr so selbstlos geholfen hatte. Er war zum Amüsieren in den Club gekommen, er hätte ihr nicht helfen brauchen und doch hatte er es getan. Sie hatte in den letzten Jahren nicht oft erlebt, dass es Menschen gab, die sich für andere einsetzten, ohne an die Konsequenzen zu denken. Umso mehr bedauerte sie, dass sie sich nicht richtig hatte bei ihm bedanken können. Wenn sie ihn doch nur einmal wieder sehen könnte. Vielleicht würde er ja noch einmal in den Club kommen.
Bei dem Gedanken daran verspürte sie ein seltsames Kribbeln in ihrer Magengegend, das sie jedoch augenblicklich ihrer Nervosität zurechnete, denn sie betrat gerade das zuständige Policedepartment um ihre Aussage zu den gestrigen Vorfällen zu machen. Obwohl sie wusste, dass sie nichts Verbotenes getan hatte, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl. Uniformierte Beamte flößten ihr mächtig Respekt ein und sie überlegte gleich, wann sie das letzte Ticket für falsches Parken erhalten und ob sie es auch wirklich bezahlt hatte. Eine junge Polizistin und ihr nicht sehr viel älterer Kollege führten sie in einen extra Raum und nahmen ihre Aussage auf. Beide waren recht freundlich zu ihr und trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, von ihnen durchleuchtet zu werden. Deshalb war sie auch mehr als froh, als nach einer halben Stunde alles vorbei war und sie wieder gehen durfte. Sie beeilte sich, um auf dem schnellsten Weg das Gebäude zu verlassen. Doch immer noch mit den Gedanken am Vorabend, gepaart mir ihrem Bestreben an die frische Luft zu kommen, bemerkte sie den jungen Mann nicht, der gerade als sie aus dem Gebäude hinaus in selbiges hinein wollte. Schwungvoll rannte sie förmlich in ihn hinein.
Verwirrt über das plötzlich aufgetauchte Hindernis sah sie auf. Mit einem kurzen „Sorry.“ entschuldigte sie sich bei dem Mann und wäre auch schon weitergelaufen, wenn der junge Mann nicht angefangen hätte zu lächeln.
Das Lächeln kam ihr merkwürdig bekannt vor, doch weil sein Gesicht zur Hälfte von einer Sonnenbrille verdeckt wurde, konnte sie es nicht zuordnen.

Der Mann bemerkte ihre Unsicherheit und nahm seine Brille ab. Er hoffte, dass sie ihn erkennen würde, denn er hatte sie sofort wieder erkannt. Er wurde auch nicht enttäuscht. Sobald sie seine Augen gesehen hatte, umspielte ein Lächeln ihre schönen roten vollen Lippen. Ihm fiel auf, dass es nicht mehr schmerzverzerrt war, und einen kurzen Augenblick lang war er versucht, sie darum zu beneiden.
„Oh mein Gott, Sie äh Du. Entschuldige, ich wollte Dich nicht anrempeln… Dein Gesicht oh Gott, ist es sehr schlimm? Tut’s sehr weh. Oh Gott, es tut mir so leid.“
Erschrocken legte sie sich ihre Hand auf ihren Mund.
Als ihr Gegenüber seine Brille abgenommen hatte, hatte sie in ihm sofort ihren geheimnisvollen Retter von Gestern erkannt. Aber im Gegensatz zu ihr sah sein Gesicht furchtbar aus. Die Region um sein linkes Auge war völlig geschwollen und begann sich in einer eigenartigen Mischung aus dunkelrot und lila zu verfärben. Allein der Anblick ließ sie erkennen, dass es schmerzhaft für ihn sein musste.
Trotzdem lächelte er sie erneut an.
„Ach das ist halb so wild. Ich hatte schon öfters blaue Augen.“, mit einem Nicken deutete er weiter Richtung Flur.
„Dich wollten sie also auch sprechen.“
„Ja. Jake hat ihnen wahrscheinlich meine Nummer gegeben. Sie haben heut früh angerufen.“
„Mich haben sie gestern Abend noch herbestellt.“
„Wegen gestern, ich wollte Dir noch mal danken. Es ging dann alles so schnell. Also ich find wirklich toll, was Du getan hast. Danke.“
„Hey, ich hab nichts getan, was Du nicht auch getan hast.“
„Trotzdem, das war nicht selbstverständlich. Ich würde mich einfach gern bei Dir revanchieren.“
„Okay, dann spendier mir doch wenn Du Zeit hast nen Kaffee. Ich hab heut noch nicht gefrühstückt und könnt wirklich einen gebrauchen.“
Wieder lächelte er sie auf seine besondere Art an. Sie bemerkte, dass die Aura, die von ihm ausging, dadurch noch verstärkt wurde. Ohne sein Zutun nahm dieser Mann Raum und Zeit um sich herum ein. Sie war noch nie einem so außergewöhnlichen Menschen begegnet. Obwohl es sonst nicht ihre Art war, stimmte sie seinem Vorschlag zu und sie verabredeten sich in dem Café am Ende der Straße.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 12:57    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 5

2007

Sam ging durch die leeren Flure des Krankenhauses. Sie mochte diese Stille, die sich jede Nacht über das sonst so geschäftige Treiben legte. Sie dachte an Fitz und lächelte. Sie hatten heute gemeinsam Nachtdienst und am frühen Abend war sie ihm wie immer haushoch beim Schach unterlegen gewesen und wie immer hatte er gelächelt und gefragt, von wem Katie wohl ihr Schachtalent geerbt habe, denn von ihr sicherlich nicht. Fitz ihr guter Freund seit so vielen Jahren. Auch wenn es ihn interessierte, so hatte er sie doch nie zum Reden gedrängt und ihr Schweigen stets akzeptiert.
Jetzt schlief er schon seit einiger Zeit im Ärztezimmer, doch sie konnte noch immer keine Müdigkeit verspüren. Sie ging noch einmal zu dem Patienten, den sie heute zu Letzt operiert hatte. Ihm ging es gut. Seine Vitalfunktionen waren in Ordnung. Seine letzten Laborwerte unauffällig. Sie befühlte noch einmal seine Stirn.
Gerade als sie zurück in ihr Büro gehen wollte, durchbrach der schrille Ton ihres Piepsers die sie umgebende Stille. Sie warf einen kurzen Blick auf das Display und stellte den Rufton ab. Unverzüglich machte sie sich auf den Weg hinunter in die Notaufnahme.

Anders als in den Fluren, wo sie eben noch gewesen war, herrschte hier geschäftiges Treiben. Sie sah zwei Polizisten im Flur stehen und Schwestern zwischen der Anmeldung und den einzelnen Behandlungszimmern hin und her eilen. Eine der Schwestern deutete im Vorübergehen auf Untersuchungsraum zwei, so dass sich Sam unverzüglich in diese Richtung wandte. Als sie den Raum betrat, erfasste sie die Situation auf einen Blick. Der Patient lag bewusstlos auf dem Behandlungstisch in der Mitte, sein rechtes Bein war auf eigenartige Weise verdreht, sicherlich gebrochen. Eine Schwester war gerade dabei, ihn aus seinen Sachen zu schneiden. Drei Assistenzärzte hatten die Erstversorgung übernommen und schienen gut klar zu kommen. Zwei weitere Schwestern halfen ihnen bei ihrer Arbeit.
„Was haben wir?“, fragte Sam und trat an das Fußende des Tisches.
„Patient männlich, weiß, Ende dreißig, Motorradunfall.“, antwortete einer der Ärzte sofort, ehe er begann, Sam sämtliche bisher ermittelten Werte aufzuzählen. Sie speicherte die Informationen und konzentrierte sich auf die weitere Vorgehensweise.
„Okay, wir brauchen Aufnahmen des kompletten Beines, der HWS und Thorax.“
Während Sam die Anweisungen gegeben hatte, hatte die Schwester gerade das TShirt des Patienten zerschnitten und stellte nun fest:
„Na das hier sieht aus, als ob das nicht der erste Unfall für ihn gewesen ist.“
Dabei deutet sie auf eine riesige Narbe, die sich unterhalb seiner Brust beginnend längs über seinen gesamten Bauch zog. Automatisch warf Sam einen Blick auf den Bauch des Patienten.

Ihr stockte der Atem, konnte das sein? Nein, nein, versuchte sie sich zu beruhigen, das war unmöglich, völlig ausgeschlossen. Doch die Ärztin in ihr erklärte ihr, dass sie doch wusste, dass jede Narbe einzigartig war. Es gab keine zwei Narben, die gleich aussahen. Unfreiwillig schossen Sam alte Erinnerungen durch ihren Kopf. Sie kannte diese Narbe, sie hätte sie stets wieder erkannt, denn wie oft hatte sie jeden Millimeter genau betrachtet und war ihrem Verlauf mit ihren Fingern und ihren Lippen gefolgt. Sam trat jetzt näher an den Behandlungstisch heran. Zum einen weil sie einer Schwester mit dem transportablen Röntgengerät Platz machen wollte und zum anderen, um sich zu vergewissern. Sie stellte sich an die linke Seite des Patienten. Während die Ärztin in ihr weiter ihren Beruf ausübte, alle Geschehnisse im Raum genau verfolgte und Anweisungen gab, war die Frau in ihr der Verzweiflung nahe. Wie konnte das sein? Fassungslos betrachtete sie das Gesicht des Patienten. Auch wenn er älter geworden war, Sam erkannte ihn sofort.
Die Feststellung einer Schwester, die eben noch seine Taschen durchsucht hatte, brachte Sam die Bestätigung, die sie eigentlich schon nicht mehr brauchte. Genau vor ihr lag Keanu Reeves.

Obwohl es innerlich in ihr brodelte, sah Sam der Schwester, die gerade die Identität des Patienten festgestellt hatte, direkt in die Augen und sagte ruhig:
„Wecken Sie Dr. Fitz. Sofort!“
Doch ehe die Schwester reagieren konnte, ging alles sehr schnell. Einer der Assistenzärzte hatte freie Flüssigkeit im Bauchraum festgestellt. Wahrscheinlich innere Blutungen, die umgehend gestoppt werden mussten.
Der Blutdruck fiel und die Sauerstoffsättigung sank schlagartig. Die Ärzte reagierten sofort, intubierten und spritzten Epinephrin.
Für einen Augenblick schien sich die Lage des Patienten zu stabilisieren. Doch noch während Sam feststellte,
„Er muss sofort in den OP. Wir müssen die Blutungen stoppen.“, ertönte vom Herzmonitor ein Warnsignal. Wo eben noch der regelmäßige Sinusrhythmus erschienen war, tauchte plötzlich eine Nulllinie auf. Bisher hatte Sam nicht aktiv in die Behandlung eingreifen müssen, doch jetzt stand sie seinem Herz am nächsten. Noch während sie nach dem Defibrillator rief, übernahm sie die dringend notwendige Herzmassage. Als der Ladevorgang des Defibrillators beendet war, schockte Sam ihn zum ersten Mal. Doch der Monitor zeigte weiter eine Nulllinie an.
Das zweite Mal legte sie die Elektroden auf seinen Brustkorb, doch wieder ohne Erfolg. Als einer der Assistenzärzte brummte:
„Der geht hinüber.“, drehte Sam sich zu ihm und den anderen um. Sie schrie:
„Der geht mir nirgendwo hin, verstanden! Noch mal laden! Und schaffen Sie endlich Fitz hierher, sofort!“
Dann wandte sie sich wieder Keanu zu und flüsterte leise, so dass es keiner der Umstehenden verstehen konnte:
„Tu uns das nicht an. Bitte bleib. Wir haben noch so viel zu bereden.“
Anschließend schockte sie ihn zum dritten Mal.
Auf dem Herzmonitor erschien ein schwacher aber regelmäßiger Sinusrhythmus.

Auf dem Weg zum OP tauchte dann auch Dr. Fitzgerald bei ihnen auf. Während Sam ihn über den Patienten und seinen Status in Kenntnis setzte, spürte er ihre Verwirrung. Vor dem OP-Bereich angekommen, fragte er deshalb:
„Sam was ist los? Warum operierst Du nicht? Du warst doch die ganze Zeit dabei? Eigentlich bist Du seine Ärztin.“
Sam schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht.“ Fitz folgte ihrem Blick hinunter zu ihren Händen. Was er sah entsetzte ihn. Sams Hände zitterten.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 13:03    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 6

2007

Ohne ein weiteres Wort war Fitz dem Team in den OP gefolgt. Sam blieb allein zurück. Völlig erschöpft lehnte sie sich an die Tür zum OP-Bereich und ließ sich daran niedersinken. Ihren Kopf auf ihre Knie gebeugt, versuchte sie die Situation zu fassen. Sie konnte es immer noch nicht glauben- Keanu hier.
Sam wusste, wenn sie nicht wollte, dass ihr ganzes Leben durcheinander geriet, musste sie sich von ihm fernhalten. Doch noch ehe sie sich genau überlegen konnte, wie sie das anstellen wollte, siegte ihre Sorge um ihn und sie begab sich in den Beobachtungsraum oberhalb des OPs. Im Dunklen schaltete sie die Monitore an. Die Bildschirme leuchteten auf. Sie zeigten, wie Fitz gerade seine Bauchdecke öffnete, die Anzeigen sämtlicher Kontrollgeräte und die Röntgenbilder, die in den OP gebracht worden waren. Sam konnte erkennen, dass er sich zwei Rippen gebrochen hatte und dass Ober- sowie Unterschenkel seines Beines gerichtet werden mussten.
Gebannt starrte sie auf die Monitore und verfolgte die OP. Die Blutungen zu Stoppen gestaltete sich recht schwierig. Noch zwei Mal sank die Herzfrequenz ab, doch dem Anästhesisten und Fitz gelang es immer wieder ihn rechtzeitig zu stabilisieren.
Als die Blutungen endlich gestillt waren, normalisierte sich sein Zustand. Sam konnte hören, wie Fitz und das Team beratschlagten und sich entschieden, es zu versuchen und sein Bein gleich im Anschluss zu richten. Keiner wollte ein unnötiges Risiko eingehen. Doch ihm so kurz nach dieser ersten OP eine zweite zuzumuten, wollten sie auch nicht unbedingt. Sam sah, wie Fitz die einzelnen Knochen richtete und wo nötig mit Schrauben fixierte. Als sein Bein verbunden war, schaltete Sam die Bildschirme aus und ging zurück in ihr Büro.

Dort wartete sie auf Fitz und seine Fragen, seine Moralpredigt und seine Vorwürfe. Sam wusste, dass Fitz sich schon seit längerem über ihren Gesundheitszustand sorgte, da sie ständig zu wenig schlief. Zweifellos würde er das Geschehene auch auf ihren Schlafmangel und ihre vielen Überstunden zurückführen. Wie sollte sie ihm erklären, wie sehr er damit Unrecht hatte, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Sie hatte es all die vielen Jahre für sich behalten und vor allen Menschen, insbesondere denen, die ihr am nächsten standen, bewahrt. Doch nicht nur, dass sie Geheimnisse vor ihnen hatte, nein, sie hatte ihr gemeinsames Leben auf einer Lüge aufgebaut. Eine Lüge, die nun durch einen dummen Zufall, wie ein Kartenhaus bei einem Luftzug, ihr gesamtes Leben zum Einsturz bringen konnte. Wie sollte sie den Menschen, die sie liebte, Fitz, David und besonders Katelynn, je wieder in die Augen sehen können. Dabei wollte sie doch das alles gar nicht. Wollte nicht, dass ihre Ausrede, ihre Bequemlichkeit, ihre Unsicherheit zu einer Lüge anwuchs und nun ihr ganzes Leben bestimmte. Doch wie hätte sie ihnen denn die Wahrheit anvertrauen können? Wie hätten sie alle damit umgehen sollen, und welche Entscheidungen hätte sie von ihnen allen- von ihm verlangt?

Sam sah auf die Uhr. Sie tigerte nun schon eine Stunde durch ihr Büro und Fitz war immer noch nicht hier. Wahrscheinlich ging er ihr aus dem Weg. Das Krankenhaus um sie herum, erwacht langsam und im Schutz der beginnenden Morgengeschäftigkeit ging Sam, um nach ihren Patienten zu sehen. Sie wusste, dass sie ihre Patienten heute als Grund nur vorgab, um auf die Intensivstation zu gehen, doch dort angekommen, wahrte sie ihre Professionalität und ging tatsächlich erst zu ihren eigenen Patienten, ehe sie zu seinem Zimmer ging. Es war nicht schwer zu erkennen, in welches Zimmer sie ihn verlegt hatten. Fitz stand auf dem Gang davor und sah durch die Fenster hinein zu dem schlafenden Mann. Sam stellte sich neben ihren Freund, der jedoch beharrlich schwieg. Sam räusperte sich.
„Wie geht es ihm?“
„So weit gut. Sein Zustand ist jetzt stabil. Wenn er sich in den nächsten 24 Stunden nicht verändert, kann er auf die normale Station verlegt werden. Wie die OP war, weißt Du ja selbst, Du warst ja da.“ Mit diesen Worten drehte Fitz sich um und ließ Sam alleine zurück. Obwohl er nicht viel gesagt hatte, spürte Sam, wie wütend Fitz auf sie war. Sie hatte ihn noch nie so erlebt. Allein blieb sie vor dem Krankenzimmer stehen. Sie wusste nicht was sie tun sollte. In ihr tobte ein Kampf, dem sie nicht gewachsen war. Sie wollte Fitz hinterher laufen, sich entschuldigen, ihm alles erklären, sich seiner ungebrochenen Freundschaft zu ihr versichern. Sie wollte in das Zimmer hineingehen, ihn anschreien, wieso er ausgerechnet in ihrem Krankenhaus gelandet sei, was er hier an der Ostküste, so weit weg von seinem Zuhause überhaupt machte, warum er ihr das antat und ihr Leben ruinierte. Sie wollte hineingehen, sich zu ihm setzen, seine Hand halten und ihm versichern, dass alles gut werden würde, dass sie alles tun würde, damit er gesund werde, ihn halten und beschützen. Doch nichts von all dem tat sie. Stumm wischte sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht und ging zurück an ihre Arbeit.

Nach der gemeinsamen Visite und der Übergabe ihrer Patienten an die Tagschicht, fuhren Sam und Fitz nach Hause. Kurz bevor sie bei Fitz Haus ankamen, brach dieser das eisige Schweigen.
„Ich nehme nicht an, dass Du mir sagen willst, was heute Nacht mit Dir passiert ist.“
Stumm schüttelte Sam den Kopf.
„Klar. Ich will Dir nur eins sagen, sollte das noch einmal vorkommen, bin ich beim Chef. Ich liebe Dich Sam, aber ich kann nicht zulassen, dass, was immer Dich quält, unsere Patienten in Gefahr bringt. Was hättest Du gemacht, wenn ich heute Nacht nicht da gewesen wäre, um zu übernehmen? Mit Deinen Händen hättest Du schlecht operieren können. Du solltest Dir wirklich mal ein paar Tage frei nehmen und ausspannen.“
„Nein, das geht nicht. Außerdem geht es mir wieder gut. Das heute Nacht war ein einmaliges Ereignis. Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen.“
Dies Mal nickte Fitz. Als er ausstieg, machte Sam keine Anstalten ihm zu folgen, so dass er fragte:
„Kommst Du heute nicht auf einen Kaffee mit rein?“
„Nein. Seid mir nicht böse, aber mir ist heut nicht danach. Sagst Du Katie, dass ich hier auf sie warte. Sie soll sich beeilen, es ist schon spät. Und Fitz, gib David einen Kuss von mir. Beim nächsten Mal wieder, okay?“
„Okay. Ich schick Katie gleich raus. Bis morgen dann.“
„Bis morgen.“

Fitz ging ins Haus und Sam blieb alleine im Auto zurück. Sie versuchte noch immer ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen, doch noch immer war ihr nicht klar, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht wäre es besser, sie würde Fitz Rat annehmen und frei nehmen. Aber sie hatte noch nie einfach so frei genommen, außerdem hatte sie Patienten, die sie brauchten.
Sam wartete nicht lange, bis Katelynn sich zu ihr in den Wagen setzte und sie auf ihre herzliche Art stürmisch begrüßte. Ihre Kleine begann wie ein Wasserfall zu reden, über den vergangenen Abend, das Telefonat mit ihrer besten Freundin und was heute in der Schule so alles anstand. Katelynn plapperte den ganzen Weg zur Schule, doch ihr entging nicht, dass ihre Mutter völlig wo anders war.
„Mom, was ist los? War heut eine schlimme Nacht? Hast Du wieder jemanden verloren?“ Liebevoll lächelte Sam ihre Tochter an.
„Nein Schatz, ich hab niemanden verloren. Heut war eine gute Nacht. Ich bin einfach nur müde. Mach Dir keine Sorgen, ja.“
Als sie bei der Schule ankamen und Katie aussteigen wollte, fügte Sam noch hinzu:
„Katie, Du weißt, dass ich Dich sehr, sehr lieb habe, oder?“
„Mom, dass weiß ich doch.“, lachte Katelynn und öffnete die Beifahrertür, doch Sam hielt sie zurück.
„Katie, versprich mir, dass egal, was jemals passiert, Du nie vergisst, dass ich Dich liebe, ja? Du bist meine Tochter, Du bist mein Leben und ich will Dir auf keinen Fall wehtun. Ich liebe Dich Katie, denk immer daran, ja.“
„Mom, Du machst mir Angst. Ist irgendetwas passiert?“
„Nein Schatz, es ist nichts. Ich will nur, dass Du weißt, wie viel Du mir bedeutest.“
„Okay Mom. Ich weiß es. Ich hab Dich auch lieb. Bis später, okay?“
„Okay.“
Während Katie ausstieg und zu ihren Freunden lief, blieb Sam noch eine Weile vor dem Schulgelände stehen und beobachtete ihre Tochter. Danach fuhr sie nach Hause, ging in ihr Zimmer, zog die Vorhänge zu, bis kein Lichtstrahl mehr hineinfiel und legte sich aufs Bett. Obwohl sie nicht geglaubt hatte, heute schlafen zu können, übermannte sie die Erschöpfung. Augenblicklich fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 13:11    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 7

1992

Sie musste nicht lange in dem kleinen Café auf ihn warten. Sie hatte noch nicht einmal ihre erste Tasse Kaffe geleert, als er durch die Tür trat. Auch jetzt zeigte seine geheimnisvolle Aura wieder ihre Wirkung. Alle Köpfe drehten sich zu diesem gutaussehenden großen sportlichen dunklen Mann im Türrahmen um und er schien das Café ganz für sich einzunehmen. Erst als er sich in Bewegung setzte und sich ihr gegenüber auf die Sitzbank fallen ließ, erwachte seine Umgebung wieder zum Leben.
Fassungslos sah sie ihn einen Moment an. Doch entweder war er diese Reaktion schon gewohnt oder er war sich der Wirkung auf seine Umwelt gar nicht bewusst, denn mit einem Lächeln knüpfte er sofort an ihr eben geführtes Gespräch an.
„Hast Du meinen Kaffee schon bestellt?“
Sie schüttelte den Kopf und klappte ihr Buch zu. Sie war verwirrt. Dieser Typ hatte etwas an sich, aber ihr fehlten die Worte, um es beschreiben zu können.
Er winkte nach der Kellnerin und bestellte ein ausgiebiges Frühstück für sich und Kaffe für sie beide, während sie noch immer kein Wort gesagt hatte.
„Hey, was liest Du da.“ Neugierig griff er nach ihrem Buch und zog es zu sich rüber.
„Die Anatomie des menschlichen Körpers, Du willst wohl wissen, wo Du Deinem Gegner beim nächsten Mal besonders weh tun kannst?“, lachte er und brachte so auch sie zum Lachen.
„Gar keine schlechte Idee, ich kann ja nicht immer von Dir gerettet werden. Aber eigentlich hab ich das Buch fürs Studium.“ Weil er sie fragend anblickte, fügte sie noch erklärend hinzu, “Medizin.“
„Medizin, wow beeindruckend. Du willst also Ärztin werden. Ist das Dein Traum?“
Sie nickte. Das Frühstück kam und während er begann zu essen, fragte er sie weiter über ihr Studium und ihr Leben aus. Er vermittelte ihr den Eindruck, dass ihn wirklich interessierte, was sie machte und wer sie war, so dass sie begann, ihm von sich erzählen. Etwas was sie sonst nie tat. Sie erzählte ihm, dass sie gerade das Vordiplom erreicht hatte und ab Herbst zum Medizinstudium zugelassen sei, dass sie schon immer Ärztin werden wollte, weil sie den Menschen gerne helfen wollte. Sie erzählte ihm von ihrem Plan, später den Ärzten ohne Grenzen beitreten zu wollen, um auch wirklich da zu helfen, wo Hilfe gebraucht werde. Sie sprach über den Umzug ihrer Eltern und dass der Job im „Fiftyfour“ ihr helfe, das Studium zu finanzieren.
Während sie erzählte, sah er ihr immer wieder direkt in die Augen, fragte nach und hörte zu. Als sie ihn nach seinem Leben und seinem Traum fragte, erzählte er ihr von der Schauspielerei. Sie musste zugeben, noch keinen seiner Filme gesehen zu haben, doch das störte ihn nicht. Ihr fiel auf, dass er, wenn er sprach, dafür nicht nur Worte sondern auch sehr viele Gesten benutzte. So schaffte er es, seinem Gegenüber die Leidenschaft zu vermitteln, die er empfand und aufrichtige Anteilnahme am Gehörten zu zeigen. Er war ganz und gar hier bei ihr und das gefiel ihr. Die meisten Menschen fragten einen doch nur aus Höflichkeit etwas oder um ein Gespräch scheinbar aufrecht zu erhalten, doch die wenigsten waren an den Antworten auf ihre Fragen tatsächlich interessiert. Die meisten Menschen standen sich viel zu sehr selbst am nächsten, als dass sie für einen anderen Menschen Zeit und Ohr gefunden hätten. Bei ihm war das anders. Sie konnte seine Aufrichtigkeit spüren und so unterschiedlich ihre Leben und ihre Ziele auch waren, fanden sie doch sehr schnell zueinander.
Sie saßen stundenlang da und redeten, ohne ihre Umwelt noch wahrzunehmen. Sie waren völlig in sich und ihr Gespräch versunken und hätten bestimmt noch eine ganze Weile in dem kleinen Café gesessen, wenn die Kellnerin sie nicht wegen des Schichtwechsels ums Bezahlen gebeten hätte.
Automatisch warf sie einen Blick auf ihre Uhr und fuhr erschrocken auf.
„Mist verdammt, ich muss los, ich muss zur Arbeit.“
„Jetzt schon? Der Club macht doch erst in ein paar Stunden auf.“
„Nein, ins Krankenhaus, ich hab dort noch einen Job als Schwesternhilfe.“
Er bestand darauf, die Rechnung zu zahlen, da er meinte, er hätte ja auch gegessen und sie hätten lediglich einen Kaffee als Wiedergutmachung ausgemacht. Sie spürte, dass er keinen Widerspruch dulden würde und packte ihr Buch ein.
Danach verließen sie gemeinsam das Lokal und er brachte sie noch zu ihrem Wagen.
„Jetzt schulde ich Dir immer noch einen Kaffee.“, stellte sie fest, als sie vor ihrem Auto standen. Doch er lachte nur und antwortete:
„Vielleicht muss es ja doch nicht unbedingt Kaffe sein. Ich weiß ja, wo ich Dich am Abend finden kann.“
Sie war sich nicht sicher, ob das als Verabredung gemeint war, aber zum Nachfragen fehlte ihr der Mut. Sie verabschiedeten sich. Sie stieg ein, fuhr davon und er blieb alleine zurück.

Am Abend ging er mit seinem Freund erneut ins „Fiftyfour“. Sein Freund hatte sich etwas gewundert, weshalb er schon wieder dort hin wollte, hatte sich seinem Wunsch jedoch gefügt. Zielstrebig ging er nach dem Einlass an die Bar. Er sah Jake den Besitzer und begrüßte ihn. Doch dessen Frage nach einer Lounge verneinte er. Er wollte sich heute nicht in eine Lounge setzten, obwohl er deren Privatsphäre sonst zu schätzten wusste. Heute wollte er etwas sehen. Er wollte sie sehen. Sie ging ihm seit dem Morgen nicht mehr aus dem Kopf. Schon lange hatte er sich nicht mehr so gut unterhalten. Er war beeindruckt von ihren Zielen und von ihrem Willen, diese zu erreichen. Dabei war sie so natürlich, stand mit beiden Beinen fest auf der Erde und hatte den Blick für die Realität um sich herum nicht verloren. Das gefiel ihm. Sie gefiel ihm.
Er ließ sich von Jake ein paar Drinks geben und setzte sich dann zu seinem Freund und einigen bekannten Gesichtern an einen der Tische rund um die Tanzfläche. Er sah sich um, doch er konnte sie noch immer nicht entdecken. Es war voll und er überlegte, wieder an die Bar zurück zu gehen, da sie dort irgendwann zwangsläufig auftauchen musste, als er sie plötzlich kommen sah. Gekonnt wich sie der sich ständig bewegenden Menschenmenge aus und stellte leere Gläser auf ihr Tablett. In dem engen Cluboutfit, das sie als Mitarbeiterin auswies, wirkte sie ganz schön sexy. Es betonte ihre Rundungen und ließ ihre schlanken Beine unendlich lang erscheinen. Er beobachte sie, während sie immer näher kam. Ihm fiel auf, wie geschmeidig sie sich bewegte und dass einige Männer sich nach ihr umdrehten und ihr bewundernde Blicke zuwarfen, als sie an ihnen vorüber ging. Doch sie schien davon nichts zu bemerken. Als sie ihn endlich entdeckte, lächelte sie und ein leichtes Prickeln breitete sich in seinem Bauch aus. Sie begrüßten sich und etwas zögerlich gab er ihr einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Dabei konnte er den Duft ihrer Haare riechen, den kleinen Spritzer Parfum, den sie sich hinters Ohr getupft hatte, so dass sich das Prickeln noch verstärkte. Leider konnte sie nicht bleiben, sondern musste zurück an die Bar. Er beschloss, ihr zu folgen. Er stellte sich an das Ende der Theke, wo weniger Andrang war. Von dort aus konnte er sehen, wie sie Gläser spülte, Bestellungen entgegen nahm, Drinks ausschenkte. Sie war stets freundlich und lächelte. Manchmal hatte er den Eindruck, sie flirtete vielleicht sogar mit dem einen oder anderen Gast, was ihm wiederum einen Stich versetzte. Doch immer wenn sie sich zu ihm umdrehte, wurde ihr Lächeln noch einen Hauch herzlicher.
Nach einer ganzen Weile hatte sich der Andrang an der Theke etwas gelegt und er sah, wie sie Jake etwas zurief. Der lachte nur und nickte. Sie nahm zwei Flaschen Bier und eine kleine weiße Tube aus der Kühlung, kam zu ihm, nahm ihn an der Hand und führte ihn nun doch in eine der Lounges.
„Puh, endlich ein wenig Ruhe. Ich liebe diesen Job, aber irgendwann geh ich mit einem Hörsturz hier raus.“, stöhnte sie und ließ sich auf die Ledercouch sinken. Etwas überrumpelt setzte er sich neben sie. Sie reichte ihm ein Bier und grinste.
„Hier. Ist zwar kein Kaffee, aber dafür hab ich Dir noch was anderes mitgebracht.“
Strahlend hielt sie die weiße Tube hoch, doch er zog nur fragend seine Stirn kraus.
Sie trank einen Schluck Bier und erklärte ihm dann:
„Na, Du hast doch heute Früh von Deinem Vorsprechen in zwei Tagen erzählt. Da kann ich Dich doch so nicht hingehen lassen.“ Sie deutete auf sein immer noch geschwollenes Gesicht, das mittlerweile in sämtlichen Farben erstrahlte.
„Schließlich siehst Du wegen mir so aus und ich könnte mir nie verzeihen, wenn Du meinetwegen die Rolle nicht bekommen würdest. Die Salbe ist wirklich gut, ein echtes Wundermittel. Damit ist der Bluterguss in einem Tag verschwunden, versprochen.“
„Na wenn das so ist. Ich wusste doch schon immer, dass es von Vorteil ist, wenn man seine persönliche Leibärztin hat. Leg los.“ Auffordernd hielt er ihr sein Gesicht hin. Vorsichtig drückte sie ein Stück Salbe aus der Tube auf ihre Finger, hielt inne und kräuselte ihre Nase.
„Na ja, es gibt da etwas, was Du wissen solltest. Die Salbe hat eine nicht zu verachtende Nebenwirkung. Ich muss Dich warnen, wenn Du heute Abend noch eine Frauenbekanntschaft machen wolltest, sollten wir das lassen. Denn wenn die Salbe erst einmal verrieben ist und ihre Wirkung entfaltet, entfaltet sie auch einen recht starken Duft.“ Entschuldigend sah sie ihn an, doch er musste lachen.
„Duft? Du meinst sie stinkt.“ Zustimmend nickte sie.
„Ja, ja sie stinkt und zwar fürchterlich, aber ich hab Dich ja gewarnt.“ Angespornt durch sein Gelächter, drückte sie ihm ihre Finger mit der Salbe ins Gesicht und begann sie zu verreiben. Einen kurzen Moment blieb ihm die Luft weg. Er war sich unsicher, ob es an der Salbe lag, die schon jetzt unangenehm roch oder an der Berührung ihrer Hand. Auch sie verspürte ein eigenartiges Kribbeln, das sie sich nicht recht erklären konnte. Automatisch rutsche sie ein wenig näher an ihn heran.
Plötzlich griff er nach ihrer Hand, die immer noch auf seinem Gesicht lag und hielt sie fest. Er sah sie eindringlich an und sie konnte ein kleines Leuchten in seinen Augen erkennen. Als er jetzt sprach, hatte seine Stimme einen noch wärmeren Klang.
„Du hast Recht. Jetzt werd ich den ganzen restlichen Abend alleine bleiben müssen, es sei denn Du kümmerst Dich um mich. Als meine Ärztin gehört das doch zu Deinen Aufgaben, oder? Dich um mich zu kümmern, mein ich.“
Kalte Schauer liefen ihren Rücken hinab. Vorsichtig beugte er sich weiter nach vorn. Beim ersten Mal ahnte sie seine Lippen mehr auf ihren, als dass sie sie tatsächlich spürte. Sie wollte sich wehren, widersprechen, doch seine Lippen waren so zärtlich, so weich. Sie erwiderte seinen Kuss, so dass er fordernder wurde. Sie genoss seine Küsse, seine warmen vollen Lippen auf den ihren. Auch für ihn fühlte es sich gut an, irgendwie richtig. Einen Augenblick lang vergaßen sie alles um sich herum. Dann jedoch gewann ihre Vernunft wieder die Oberhand und sie wollte nun doch widersprechen. Zumindest versuchte sei es, denn er ließ sich davon nicht ablenken, so dass ihr energischer Widerspruch zu einem Gestammel verkümmerte.
„Ich… wir…wir sollten… nicht…ich… mein Studium… meine Arbeit… ich… keine Zeit…konzentrieren…keine Ablenkung…nicht noch mehr…geht nicht…“
„Ja…ich auch nicht…auch Arbeit…Vorsprechen… Dreharbeiten…keine Zeit…aber muss doch auch nicht…einfach sehen…wohin es führt…abwarten.“
„Also…keine…Verpflichtung?“
„Keine…Verpflichtung…nur genießen.“ Als er Luft holte, stieg ihm der nun mittlerweile sehr unangenehme Duft der Salbe in die Nase.
„Puh…stinkt fürchterlich…sicher…sie wirkt?“
„Mmmh.“
„Und…wenn nicht?“
„Mach…ich…morgen…Frühstück.“ Sie konnte sein Grinsen spüren, während sie sich immer noch küssten.
„Und…wenn doch?“
„Machst…Du…Frühstück.“
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
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Beitrag Verfasst am: 09.04.2008, 13:17    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 8

2007

Keanu schlief mehr oder weniger zwei Tage durch. Er erwachte zwischendurch nur kurz, dämmerte aber unverzüglich wieder ein. Eine Folge der starken Medikamente, die er noch immer als Nachsorge nach der Operation erhielt.
Es waren zwei Tage, in denen Sam immer wieder heimlich seine Krankenakte studierte, an seinem Zimmer vorbei ging, um einen Blick auf ihn zu werfen, oder, wenn sie sicher sein konnte, dass niemand sie sah und er schlief, sie zu ihm ging, um ihm zärtlich übers Gesicht zu streichen.

Als Keanu am dritten Tag nach der Operation endlich erwachte, hatte man ihn bereits wieder auf die normale Krankenstation verlegt. Vorsichtig öffnete er zum ersten Mal bewusst wieder seine Augen. Das Erste, das er sah, war seine Schwester Kim, die seit einiger Zeit, wachend neben seinem Bett saß.
„Hey Schwesterherz, was machst Du hier?“, brachte er mühsam hervor. Sein Mund war trocken und fühlte sich unangenehm an. Irgendwie schien ein Laster über seinen Körper gerollt zu sein, denn er fühlte sich total matt und erschlagen.
Seine Schwester blickte auf und kam näher zu ihm heran. Zärtlich strich sie ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Psst, nicht reden. Du musst Dich noch ausruhen. Aber die Frage ist wohl eher, was Du hier machst. Du hast uns allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“
Fragend blickte Keanu seine kleine Schwester an. Kim erzählte ihm von seinem Unfall, der Ölspur, die ihn zum Fall gebracht hatte, seinen Bein- und Rippenbrüchen, den inneren Blutungen, der langen Operation. Sie erklärte ihm, jemand von der Krankenhausleitung habe in L.A. sein Management informiert, nachdem seine Identität feststand, die wiederum hatten seiner Mutter und ihr Bescheid gegeben und sie sei sofort hierher geflogen. Sie hatte das Hotel, in dem er abgestiegen war, ausfindig gemacht, seine Sachen dort abholen lassen und noch ein paar persönliche Dinge von zu Hause mitgebracht.
Keanu stöhnte auf. Eigentlich hatte er gedacht, die wilde Zeit seiner Motorradunfälle bereits hinter sich gelassen zu haben. Aber die Schmerzen, die nun langsam an sein Bewusstsein drangen, überzeugten ihn vom Gegenteil. Er versuchte sich aufzurichten, doch es gelang ihm nicht, da sein rechtes Bein fixiert war. Ein weiteres Mal stöhnte er auf und sank zurück sein Kissen. Er realisierte, dass es ihn ganz schön erwischt haben musste.

Einerseits war Keanu froh seine Schwester an seiner Seite zu wissen, aber andererseits löste die Anwesenheit von Kim Sorgen bei ihm aus. Kim hatte schon zu viel Zeit ihres Lebens in Krankenhäusern, Wartezimmern, Reha-Kliniken und Sprechzimmer verbracht. Sie sollte seinetwegen nicht noch mehr Zeit an diesen schrecklichen Orten verbringen müssen. Er schätze ihren Beistand und ihre Fürsorge, aber sie sollte ihr Leben genießen und nicht ihre kostbare Zeit an seinem Krankenbett vergeuden. Vorsichtig, weil er seine geliebte Schwester nicht unnötig verletzen wollte, teilte Keanu Kim seine Gedanken mit. Wie erwartet, widersprach Kim zunächst heftig. Doch Keanu gelang es schließlich, sie davon zu überzeugen, nach New York zu fahren. Dort konnte sie die Tage des Wartens auf seine Entlassung genießen, alte Freunde besuchen und wäre trotzdem in seiner Nähe. Wenn irgendetwas Unerwartetes passieren würde, wäre sie in kürzester Zeit hier, jedoch weit genug weg, um nicht den ganzen Tag bei ihm zu verbringen. Nachdem Keanu versprochen hatte, sie mindestens drei Mal täglich anzurufen, willigte Kim schließlich widerstrebend ein. Es dauerte jedoch noch eine ganze Weile, bis Kim sich durchgerungen hatte, ihren Bruder tatsächlich alleine zu lassen. Erst als eine Krankenschwester das Zimmer betrat und sie bat, draußen zu warten, nutzte Keanu die Gelegenheit und verabschiedete sich von seiner Schwester.

Die Krankenschwester, eine ältere resolute Person, die sich als Nora vorstellte war freundlich zu ihm und doch bestimmt. Sie tauschte den Infusionsbeutel aus, dessen Flüssigkeit stetig in seine Venen tropfte und kontrollierte die Verbände an seinem Bauch. Dabei erzählte sie fröhlich vor sich hin. Schnell hatte sie ihn in ein angenehmes, ablenkendes Gespräch verwickelt. Keanu fand Nora sehr nett, und obwohl sie um einiges älter als er war, war er doch unangenehm berührt, als sie begann, ihm bei seiner täglichen Körperhygiene zu helfen. Doch was sollte er tun, er
konnte sich schlecht gegen Nora wehren und aufstehen, um es alleine zu tun, konnte er auch nicht, da er mit seinem Bein im wahrsten Sinne des Wortes ans Bett gefesselt war. Erleichtert atmete er auf, als Nora aufhörte und wieder zu anderen Tätigkeiten überging. Sie brachte ihm Essen, plauderte noch eine Weile mit ihm und versicherte ihm, dass so bald wie möglich sein behandelter Arzt käme, um mit ihm alles in Ruhe zu besprechen.

Dann war Keanu wieder alleine. Alleine, das wollte er sein, als er nach New York geflogen war, um sein Leben zu überdenken. Obwohl er sich seine Auszeit, so wie sie momentan verlief, nicht vorgestellt hatte, kam er doch nicht umhin, die Ironie an der Sache festzustellen. Hier würde er sehr viel Zeit zum Nachdenken haben.
Keanu aß eine Kleinigkeit, schaute ein wenig fern und stellte resigniert fest, dass seine Schwester vergessen hatte, ihm etwas zum Lesen mitzubringen. Die Zeit, die sonst in seinem Leben wie ein Schnellzug an ihm vorbei raste, schien plötzlich stehen geblieben zu sein. Keanu war froh über jede noch so kleine Abwechslung und dankbar, als sein Arzt am späten Nachmittag endlich kam. Doch er war auch erstaunt, denn er hatte eher einen älteren Herrn erwartet, als diesen mittelgroßen, sportlichen, blonden Mann, der ihm freundlich lächelnd seine Hand reichte.
„Hallo, ich bin Doktor Fitzgerald, Ihr behandelnder Arzt, aber es reicht, wenn Sie Fitz zu mir sagen, so nennen mich hier alle.“
Keanu erwiderte die freundliche Begrüßung des Arztes und hörte ihm dann gespannt zu, als dieser ihm genauer von seinen Verletzungen, der Operation und den weiteren Behandlungsplänen erzählte. Nebenbei zeigte der Doktor ihm die Röntgenbilder, die er mitgebracht hatte, überprüfte die Wundheilung und erfragte Keanus Zustand.
„Haben Sie noch große Schmerzen?“, wollte Fitz von Keanu wissen.
„Nein, ein kurzes Stechen in der Brust, als ich versucht habe mich aufzurichten, aber ansonsten geht es.“
„Das ist gut. Dann werden wir Ihnen ab morgen früh andere Medikamente verabreichen. Ich würde mir morgen Ihr Bein gern noch einmal ansehen und es röntgen, um den Heilungsprozess zu überprüfen, wenn Sie damit einverstanden sind.“ Keanu nickte um anschließend zu entgegnen:
„Doc, wie lange wird es dauern, bis ich hier raus kann?“
„Na ganz so schnell, wie Sie sich das wünschen, wird es wohl nicht gehen. Sie werden sicher noch eine wahrscheinlich sogar zwei Wochen hier bei uns bleiben müssen.“
„Nein, das mein ich nicht. Damit hab ich schon gerechnet.“ Keanu schluckte ehe er etwas zögerlich weiter sprach. „Mmmh, ich mein, wann darf ich aufstehen Doc? Verstehen Sie mich nicht falsch, Schwester Nora war wirklich aufmerksam, aber ich würde mich doch lieber selbst waschen und zur Toilette gehen können.“
„Ich verstehe. Wenn die Röntgenbilder ihres Beines morgen gut aussehen, ist gegen die drei Schritte zum Bad sicher nichts einzuwenden, aber keinen Schritt mehr! Ihr Bein muss absolut ruhig gestellt bleiben, okay? Wir werden das morgen Früh noch einmal in Ruhe besprechen, einverstanden? Haben Sie sonst noch was auf dem Herzen?“ Keanu nickte.
„Ja Doc. Meine Schwester hat mir erzählt, dass es ganz schön eng um mich stand und ich sogar wieder belebt werden musste. Ich wollte mich einfach noch mal bei Ihnen bedanken, dafür, dass Sie mir mein Leben gerettet haben. Dankeschön.“
Tyler Fitzgerald lächelte und hob abwehrend seine Hände.
„Vielen Dank, doch ich muss ihren Dank leider weiterleiten. Ich hab Sie zwar operiert, aber als Ihr Herz uns diesen Schrecken eingejagt hat, war ich noch nicht bei Ihnen. Doktor Norwood hat Ihnen das Leben gerettet, aber ich werde Ihren Dank natürlich gerne weitergeben.“
Norwood – Norwood - Norwood, der Name hallte in Keanus Kopf ähnlich einem Echo wieder. Er räusperte sich, ehe er weiter sprach.
„Würden Sie dann bitte Doktor Norwood ausrichten, dass ich mich gerne auch noch einmal bei ihm persönlich bedanken möchte.“ Das Lächeln in Fitz Gesicht wurde breiter.
„Ich werde es meiner Kollegin Doktor Samantha Norwood gerne ausrichten. Sie ist zwar heute schon zu Hause, aber Sie wird es sich sicher nicht nehmen lassen, in den nächsten Tagen mal bei Ihnen vorbei zu schauen. Jetzt sollten Sie sich aber noch ein wenig ausruhen. Wir sehen uns morgen wieder. Also bis dann.“
Keanu verabschiedete sich ebenfalls von Dr. Fitzgerald, doch wie sein Arzt den Raum verließ, bekam er bereits nicht mehr mit.
Samantha Norwood, Sam Norwood – konnte das sein? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass er ausgerechnet hier, Sam wieder sehen würde. War es vielleicht nur jemand, die den gleichen Namen hatte? Nein, das wäre noch unwahrscheinlicher, zumal Sam unbedingt Ärztin werden wollte. Ob sie ihn wohl erkannt hatte? Natürlich musste sie ihn erkannt haben. Oder hatte sie ihn vielleicht vergessen? Wie hätte sie ihn und diesen Sommer vergessen können? Er hatte es doch auch nicht gekonnt. Warum war sie noch nicht bei ihm? Wie sah ihr Leben jetzt aus? War sie verheiratet, hatte sie Kinder?
Fragen über Fragen wirbelten durch seinen Kopf. Ihm kam es vor, als würde sich alles um ihn herum drehen wie auf einem Karussell. Er war völlig verwirrt und durcheinander.

Als Keanu in dieser Nacht träumte, träumte er von einem Sommer, einem Sommer vor so vielen Jahren, der sein Leben veränderte und den er nie hatte vergessen können.
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Beitrag Verfasst am: 17.04.2008, 11:51    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 9

1992

Was als Nacht ohne Verpflichtungen begann, nahm schon bald den gesamten Alltag ein und ließ alles andere in den Hintergrund treten.

Da die Salbe ihre versprochene Wirkung gezeigt hatte, machte er nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht Frühstück, indem er sie in eines seiner Lieblingscafés einlud. In den kommenden Wochen aßen sie des Öfteren dort, immer wenn sie nicht in seinem Hotelzimmer übernachteten und den Zimmerservice bemühen konnten oder wenn sie keine Lust hatten, sich in der halb leeren Küche ihrer Eltern etwas zuzubereiten.
Obwohl sie beide eigentlich weder Zeit noch Gefühle in eine feste Bindung investieren wollten, verbrachten sie ab jenem Abend jede freie Minute miteinander. Er begleitete sie abends in den Club, um ihr am Ende der Theke Gesellschaft zu leisten und auf ihren Feierabend zu warten oder er fuhr sie nur hin, um sie nach Lokalschluss dort wieder abzuholen. Nach ihrer Arbeit unternahmen sie meistens noch kleine Ausflüge an den Strand oder zu einem der Aussichtspunkte rund um die Stadt. Sie liebten es nachts unterwegs zu sein, wenn sie ihre Umgebung ganz für sich hatten. Sie konnten stundenlang zusammen sitzen, das Meer beobachten oder warten bis die Sonne über den Dächern von L.A. aufging.

Sie genossen ihr Miteinander. Es waren kostbare Momente voller Intensität und Vertrautheit. Beide spürten sie sich von Anfang an zum anderen auf eine unbeschreibliche und besondere Art hingezogen, die sie sich nicht erklären konnten. Alles was sie gemeinsam taten, fühlte sich einfach nur vollkommen richtig an, so als ob es für ihr Handeln gar keine andere Möglichkeit gegeben hätte. Es war wie das Finden nach einer langen Suche oder das Ankommen nach einer langen Reise.
Sie spürten keine Scheu vor einander, keine Zurückhaltung. Sie konnten sich dem jeweils anderen bedingungslos öffnen und hingeben.
Sie führten lange eindringliche Gespräche miteinander über ihre Leben, ihre Träume, ihre Wünsche, ihre Familien, über alles, was sie bewegte und wichtig war.
Sie gaben einander, ohne dabei vom anderen zu fordern. Sie genossen es beide, ohne dabei etwas zu verlangen, wozu der andere nicht bereit war oder was er einem nicht geben konnte.
So fiel es ihr nicht schwer, von sich aus den Dienst im Krankenhaus ihrer Arbeit im Club so anzupassen, so dass sie an den Tagen, an denen der Club geschlossen blieb, auch nicht im Krankenhaus arbeiten musste. Sich in ihrer Arbeit oder in ihrem Studium auch nach einem anderen Menschen außer ihr selbst zu richten, war etwas, was sie noch nie zuvor getan hatte. Doch bei ihm empfand sie das nicht als Einschränkung, sondern als Gewinn. Jetzt hatten sie zwei Tage pro Woche, die sie noch länger zusammen sein konnten. Zwei Tage, an denen sie Ausflüge machen konnten, abends ausgehen oder sich mit Freunden treffen konnten.
Er hatte in diesem Sommer nur wenige Termine, da er gerade erst von Dreharbeiten zurückgekehrt war, so dass sie den ganzen Sommer zusammen verbringen konnten.
Mehr als zehn Wochen ohne Sorgen und voller Glück.
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Beitrag Verfasst am: 19.04.2008, 20:04    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 10

2007

Keanu wartete. Er wartete zwei ganze Tage, doch Dr. Norwood tauchte nicht auf.
Er wusste, dass sie ganz normalen Dienst hatte, denn er hatte sowohl Dr. Fitzgerald als auch Schwester Nora danach gefragt.
Dr. Fitz hatte Wort gehalten und nachdem die Untersuchungsergebnisse seines Beines zufrieden stellend ausgefallen waren, ließ er Keanu zwei Gehstützen bringen und erlaubte ihm, für die Besuche im Bad das Bett zu verlassen. Keanu war ausgesprochen froh darüber. Er kam jetzt schon fast völlig ohne Schmerzmittel aus und fühlte sich täglich besser. Er genoss seine kleinen Ausflüge aus dem Krankenbett ausgiebig, rief wie versprochen bei seiner Schwester an und plauderte mit Nora, wenn sie zu ihm kam. Doch ansonsten wartete er und langweilte sich.

Lustlos zappte er wieder einmal durch alle Fernsehkanäle, die der kleine Kasten an der seinem Bett gegenüberliegenden Wand hergab. Wie oft er das heute schon getan hatte, wusste Keanu bereits selbst nicht mehr. Er kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass das Fernsehprogramm einfach nur schwachsinnig war. Nichts weckte sein Interesse, so dass er den Fernseher schließlich überdrüssig abschaltete und die Fernbedienung gelangweilt aufs Bett fallen ließ, als seine Zimmertür aufging und ein junges Mädchen in Schwesterntracht hereinkam. Erfreut über die Aussicht, ein wenig Abwechslung zu bekommen, strahlte Keanu das Mädchen mit seinem schönsten Lächeln an. Das Mädchen erwiderte seinen Blick mit ihren wachen, klaren, tief braunen Augen und lächelte dann genauso freundlich zurück.
Augenblicklich begann Keanu zu überlegen, woher er das Mädchen kannte. Ihr Lächeln und ihr Gesicht kamen ihm seltsam bekannt vor, doch ehe er länger darüber nachdenken konnte, zog das Mädchen einen kleinen zweistöckigen Rollwagen hinter sich ins Zimmer herein.
„Hi, ich bin Katie. Ich bin Schwesternhilfe. Ich bin im Auftrag der Patientenbibliothek unterwegs und wollte Sie fragen, ob Sie sich vielleicht ein Buch ausleihen möchten.“
„Hi Katie, ich bin Keanu. Du kommst wie gerufen. Meine Schwester hat nämlich vergessen mir etwas zum Lesen mitzubringen und ich langweile mich hier schon schrecklich. Was hast du denn alles dabei?“
Während er mit dem Mädchen sprach, beobachtete Keanu sie genau. Er war sich sicher, dass er ihr noch nie begegnet war, denn er war ja zum ersten Mal in dieser Stadt. Und doch erinnerte ihn das Mädchen an irgendjemanden. Er kam nur nicht darauf an wen.
„Na ja, um ehrlich zu sein, viel ist nicht mehr dabei, was wirklich gut ist. Sie sind heute der letzte Patient auf meiner Runde und alle guten Bücher sind schon weg. Aber vielleicht finden Sie ja noch etwas, was Sie interessiert.“
Katie schob den Rollwagen ganz nah ans Bett heran, so dass Keanu sich die Bücher genauer ansehen konnte. Er ließ seinen Blick über die Namen der Autoren und die Buchtitel schweifen. Sparks, Gabaldon, Mason, Evans, Mawson, Katie hatte Recht, so richtig was wirklich Ansprechendes für ihn war wirklich nicht dabei. Etwas zerknirscht schaute er das junge Mädchen an.
„Du hast nicht zufällig noch irgendwo einen Klassiker rumliegen, oder?“ Katie schüttelte den Kopf.
„Ich hatte Jane Austen und Hermann Melville dabei, aber die sind alle schon raus. Nächste Woche fang ich die Runde andersrum an, da sind Sie dann der Erste. Soll ich Ihnen da vielleicht irgendetwas Besonderes mitbringen?“
Wenig begeistert griff Keanu nach „Der Klang der Zeit“ von Richard Powers. Er hatte kurz den Umschlagtext überflogen. Es ging um Musik und amerikanische Geschichte, zwei Themen, die ihn selbst sehr interessierten, also schien dieses Buch ihm die beste Wahl zu sein, ehe er sich noch weiter langweilte. Er hielt es Katie hin.
„Ich nehme nicht an, dass sich Shakespeare oder Dostojewski in der Krankenhausbibliothek finden werden, oder? Ich probier es einfach mal damit und nächste Woche sehen wir weiter.“ Sein Lächeln war zurückgekehrt und auch Katie lächelte wieder zurück.
„Sie lesen Dostojewski? Ich hab’s grad mit Tolstoi probiert, Anna Karenina. Das war wirklich großartig. Haben Sie das schon gelesen?“
Ehe Keanu sich versah, war er mit diesem Teenager in ein sehr anregendes Gespräch über Literatur verwickelt. Allein die Tatsache, ein Gegenüber mit soviel Sachverstand und Liebe für Bücher vor sich zu haben, versetzte ihn doch in Erstaunen. Die wenigsten Fremden konnten ihn so schnell und so leicht beeindrucken und für sich einnehmen. Doch er war sich durchaus bewusst, dass vor ihm kein Erwachsener promovierter Literaturstudent stand, sondern ein Teenager von vielleicht fünfzehn Jahren. Katie überraschte Keanu wirklich. Mit ihrer fröhlichen, ungezwungenen Art wurde sie ihm von Minute zu Minute sympathischer. Er genoss das Gespräch mit ihr sehr und auch ihr schien es ebenso zu gehen. Sie war richtig begeistert von dem Thema. Ihre Worte unterstrich sie mit großen und kleinen Gesten und zog ihn dadurch immer mehr in ihren Bann. Sein Gefühl des Wiedererkennens machte sich während ihres langen Gespräches erneut bemerkbar und wandelte sich in Vertrautheit. Keanu wusste, irgendwo musste er diesem Mädchen schon einmal begegnet sein oder zumindest erinnerte sie ihn an irgendjemanden aus seinem näheren Umfeld. Aber ihm wollte einfach nicht einfallen, an wen.

Sie redeten eine ganze Weile und Keanu genoss diese Abwechslung sehr.
Erst als sein Telefon klingelte, wurden sie unterbrochen. Schnell verabschiedete Katie sich von ihm bis zur nächsten Woche und ließ ihn mit seiner Schwester am anderen Ende der Leitung zurück.
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Beitrag Verfasst am: 21.04.2008, 20:21    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 11

2007

Als Keanu am anderen Morgen aus dem Bad zurück in sein Krankenzimmer trat, hatte Schwester Nora ihm bereits sein Frühstück gebracht, sein Bett gerichtet und das Fenster zum Lüften geöffnet. Leider hatte sie die Zimmertür noch offen gelassen, so dass es fürchterlich zog. Obwohl Keanu normalerweise nichts gegen Frischluft einzuwenden hatte, empfand er es heute als störend und humpelte deshalb auf seinen Krücken zur Tür, um diese zu schließen. Dort angekommen sah er eine Krankenschwester eilig an seinem Zimmer vorbei laufen und hörte sie rufen:
„Doktor Norwood! Doktor Norwood warten Sie bitte einen Augenblick. Sie müssen noch etwas unterschreiben.“
So schnell er konnte, trat Keanu aus seinem Zimmer auf den Krankenhausflur. Ihm war klar, wenn Dr. Fitzgerald oder Schwester Nora jetzt seinen Weg kreuzten, hätte er mächtig Ärger am Hals, aber gleichzeitig schien das auch seine einzige Chance zu sein, Doktor Norwood persönlich kennen zu lernen. Er war sich mittlerweile sicher, dass Dr. Norwood ihm bewusst aus dem Weg ging und er wollte endlich wissen, weshalb.
Keanu wandte sich in die Richtung in die die Krankenschwester gelaufen war. Schon nach wenigen Schritten sah er sie. Die Krankenschwester unterhielt sich mit einer Ärztin am anderen Ende des Ganges bei den Fahrstühlen. Sie hielten einige Unterlagen zwischen sich, über die sich die Ärztin beugte, um sie zu unterschreiben. Als sie sich aufrichtete, sich mit ihren Händen durch ihr halblanges Haar fuhr und die Krankenschwester freundlich anlächelte, erkannte Keanu sie augenblicklich wieder.
Dort am anderen Ende des Flures nur noch wenige Meter von ihm entfernt, stand Samantha, Sam – seine Sam.
Sie trug ihr Haar jetzt nicht mehr ganz so lang. Dafür war das strahlende Hellbraun einem warmen Dunkelbraun gewichen. Obwohl sie immer noch schlank war, war ihre Figur fraulicher geworden. Unwillkürlich fragte er sich wieder, ob sie vielleicht Kinder hatte und verheiratet war.
Als die Krankenschwester sich von Sam verabschiedete und zurück an ihre Arbeit ging, war Keanu noch immer ein ganzes Stück von Sam entfernt. Er musste sich beeilen, wenn er sie noch rechtzeitig erreichen wollte, denn sie hatte sich bereits umgedreht und den Rufknopf für die Aufzüge betätigt.
Ohne lange zu überlegen, rief er sie:
„Doktor Norwood!“

Desinteressiert sah sie auf die verschlossenen Fahrstuhltüren, als sie ihren Namen hinter sich hörte. Sie schluckte und atmete tief durch.
Er rief sie. Daran hatte Sam nicht den geringsten Zweifel. Sie hätte seine warme vertraute Stimmer überall erkannt. Doch sie durfte sich nicht umdrehen. Sie musste standhalten. Durfte der Versuchung nicht nachgeben. Zu viel stand auf dem Spiel.
In dem Bruchteil einer Sekunde entschied sie sich, sein Rufen zu ignorieren. Gleichzeitig begann sie inständig zu hoffen, dass der Fahrstuhl schneller sein würde als er.

Sie reagierte nicht. Hatte sie sein Rufen vielleicht nicht gehört oder wollte sie es nicht hören. Nein, über die letztere Möglichkeit wollte Keanu jetzt einfach nicht nachdenken. Sie würde jetzt mit ihm reden. Daran würde er alles setzten. Er rief sie erneut:
„Samantha-Sam!“

Sie musste erneut schlucken und spürte wie die Innenflächen ihrer Hände feucht wurden. Mühsam zwang sie sich, weiterhin stur geradeaus zu den noch immer verschlossenen Fahrstuhltüren zu starren. Sie musste hier weg und zwar so schnell wie möglich. Sie verfluchte sich innerlich, weil sie nicht die Treppe benutzt hatte. Dorthin hätte er ihr in seinem Zustand nicht so leicht folgen können. Sie konnte ihm jetzt nicht gegenübertreten. Sie war darauf nicht vorbereitet. Unmöglich konnte sie jetzt mit ihm sprechen, nicht so, nicht hier. Verzweifelt versuchte sie, mit ihren Gedanken die Aufzüge schneller zu bewegen, doch sie wusste, es war zu spät. Sie konnte seine Anwesenheit jetzt schon deutlich in ihrem Nacken spüren.

Keanu hatte es geschafft. Er war jetzt schon in Reichweite von Sam und sie stand immer noch unverändert da. Er musste sie nur noch berühren und ein letztes Mal ansprechen.
Vorsichtige legte er seine Hand auf ihre Schulter. Vor Anstrengung und Nervosität war seine Stimme zu einem leisen Beben erstickt, so dass er nur für sich selbst und Sam hörbar flüsterte:
„Moonlight.“

Ein Stöhnen erstickte in Sams Mund. Schauer durchliefen ihren ganzen Körper und ließen die kleinen Härchen in ihrem Nacken und auf den Unterarmen nach oben schnellen. Alte Erinnerungen schossen durch ihren Kopf, als wäre es erst gestern gewesen. Und genauso fühlte es sich für Sam an. Es war erst gestern gewesen, denn mit einem Schlag waren alle so lang verdrängten und fast vergessenen Gefühle wieder da. Ihre Knie wurden weich und ihre Beine waren plötzlich wie Butter. Selbständig ohne ihr Zutun begehrten sie gegen ihren inneren Widerstand auf und drehten sich zu ihm um. Eine Sekunde später folgte auch der Rest ihres Körpers und sie standen sich nach fünfzehn Jahren das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Bei Sams Bewegung war seine Hand von ihrer Schulter gerutscht. Nun hielt Keanu sich krampfhaft an seinen beiden Gehstützen fest, dankbar dafür, dass er sie hatte. Sam hatte ihre Hände tief in den Taschen ihres Kittels vergraben.
Schüchtern wie zwei Schulkinder standen sie einander gegenüber, abwartend, wer den ersten Satz wagen würde.
Keanu räusperte sich verlegen. Sam sah noch genauso natürlich und liebenswert aus wie damals. Sie war sogar noch schöner geworden, sie war wunderschön.
„Hi.“ Zögerlich wagte sich Keanu auf unbekanntes Terrain. Ihm war klar, er bewegte sich auf dünnem Eis und konnte nur hoffen, dass es ihrem beiderseitigen Gefühlschaos standhielt.
„Hi.“
„Ich, ich wollte mich bei Dir bedanken. Doktor Fitzgerald hat mir erzählt, dass Du mir das Leben gerettet hast. Also, na ja, danke.“
„Du musst Dich dafür nicht bedanken, ich hab das gern getan, das ist mein Job.“
„Du hast es also geschafft und Deinen Traum verwirklicht.“ Mit einem Nicken deutete Keanu auf Sams Erscheinung, die sie unzweifelhaft als Ärztin auswies. Ebenso nickend fiel Sams Antwort aus.
„Genauso wie Du. Du hast es doch auch geschafft.“
Das Eis hielt ihnen noch immer stand und Keanu fasste ein wenig Mut.
„Es ist schön Dich zu sehen. Du hast Dich kaum verändert, nur die Haare. Aber es steht Dir. Du siehst sehr gut aus.“
„Danke. Es geht mir auch gut. Wie fühlst du Dich? Du hast ganz schön was abbekommen.“ Nervös strich Sam sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zurück hinters Ohr. Keanu fiel auf, dass sie keinen Ring trug. Merkwürdigerweise fühlte er sich dadurch irgendwie erleichtert.
„Ach mit mir geht’s schon wieder bergauf. Doktor Fitzgerald ist wirklich sehr gut.“
„Ja, das ist er. Fitz ist der Beste.“
„Ja. Er sollte Dir Grüße ausrichten, weil ich mich gerne persönlich bei Dir bedanken wollte, aber Du bist nicht gekommen…“
„Ich, ich hatte schrecklich viel zu tun, ich hab es einfach noch nicht geschafft.“


Mit einem „Pling!“ signalisierte der Aufzug, dass er in wenigen Sekunden seine Türen öffnen würde. Dankbar für diese Ablenkung drehte sich Sam kurz um, als ob sie nachsehen müsste, dass es tatsächlich so sei. Sie schaute zu Keanu zurück und trat gleichzeitig den rettenden Ausweg an.
„Ich muss los. Die Pflicht ruft. Ich muss wirklich weg.“
„Wenn Du musst… Sehen wir uns wieder? Kommst Du noch einmal vorbei?“
Sam betrat den Fahrstuhl noch immer Keanu zugewandt.
„Ja, ich komm vorbei.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Die Türen verschlossen sich wieder und Sam war verschwunden.
Doch das Eis hatte standgehalten.[/b]
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Beitrag Verfasst am: 24.04.2008, 21:38    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 12

2007

Am frühen Abend des gleichen Tages wartete Keanu mal wieder auf Schwester Nora und sein Abendessen. Er hatte festgestellt, dass sein Dasein im Krankenhaus eigentlich nur vom Warten bestimmt wurde, warten auf die nächste Mahlzeit, warten auf Schwester Nora oder Dr. Fitzgerald, warten auf die Telefonate mit seiner Schwester, warten auf ein besseres Fernsehprogramm, warten auf Sam. Letzteres bereitete ihm jedoch die meisten Schwierigkeiten, denn er war sich immer noch nicht sicher, ob Sam ihr Versprechen vom Morgen wirklich halten würde.
Deshalb wagte er kaum zu hoffen, dass Sam wirklich zu ihm kommen würde, als es leise an seiner Zimmertür klopfte. Keanu atmete einmal tief durch. Innerlich wappnete er sich für ein erneutes Zusammentreffen mit Sam. Umso überraschter war er, als sich die Tür, nach seiner Aufforderung einzutreten, öffnete, denn nicht Sam sondern Katie betrat sein Zimmer. Anstatt ihrer Schwesterntracht vom Vortag trug sie heute ein knielanges weinrotes Kleid, darüber einen schwarzen Mantel. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt, so dass nur einzelne Strähnen ihr Gesicht umrahmten. Keanu fiel erneut auf, was für ein hübsches junges Mädchen Katie war.
„Hi, stör ich Sie?“, fragte Katie zögerlich beim Näher kommen.
„Nein, überhaupt nicht. Es ist schön Dich zu sehen. Ich dachte nur, Du kommst mich erst in einer Woche wieder besuchen.“
„Ich hab auch erst nächste Woche wieder Dienst, ich will nur meine Mom abholen. Ein Freund von uns eröffnet heute Abend in seiner Galerie eine neue Ausstellung. Dort wollen wir zusammen hin. Sie hat gleich Feierabend. Ich dachte nur, wenn ich schon einmal da bin, könnte ich Ihnen auch etwas vorbeibringen. Na ja, ich mein, falls das Buch von gestern nicht das Richtige ist. Jedenfalls hab ich Ihnen etwas mitgebracht. Hier bitte schön.“
Damit reichte sie Keanu eine kleine unscheinbare schwarze Tüte. Automatisch griff Keanu danach und bemerkte dabei das silberne Armband, dass unter dem Mantelärmel an Katies Handgelenk hervorlugte. Völlig entgeistert starrte er das Schmuckstück an. Ihm lief es kalt den Rücken hinunter. Das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Wie kam dieses silberne Kettchen an Katies Arm? Es war einer der seltenen Momente in seinem Leben, in denen Keanu sich um Fassung bemühen musste. Doch er erinnerte sich daran, wer bzw. was er war, und dass er sich nichts anmerken lassen durfte. Das Alles konnte ja schließlich auch ein Zufall oder Irrtum sein. Während er mit seiner einen Hand die Tüte aufs Bett legte, griff er mit der anderen Hand nach Katies Handgelenk. Vorsichtig strich er mit seinem Daumen über das Armband und drehte es dabei vorsichtig um.
„Darf ich? Das ist ein sehr schönes Armband. Von wem hast Du das?“ Noch ehe Katie antworten konnte, hatte Keanu das Kettchen so gedreht, dass er die Anhänger des Armbandes sehen konnte, ein silberner Mond und links und rechts davon je drei kleine silberne Sterne. Eine Ameisenarmee rannte über Keanus Haut. Nur mühsam konnte er seine beherrschte Fassade aufrechterhalten. Wie war das möglich? Das musste ein Scherz sein und zwar ein schlechter. Ungläubig starrte er auf die Gravur auf der Rückseite des Mondanhängers: „Für mein Moonlight in Liebe K.“
Blitzartig, als ob er glühende Kohlen berührt hätte, ließ Keanu das Armkettchen los. Aus zusammen gekniffenen Augen schaute er Katie an. Ihre Worte drangen wie durch Watte an seine Ohren.
„Das Armband hat mir meine Mom an meinem letzten Geburtstag geschenkt. Es war ein Geschenk an sie von meinem Dad. Es ist das einzige, was ich von meinem Dad habe.“
Katies plötzlich so trauriger Gesichtsausdruck brachte Keanu in die Realität zurück. Dieses Mädchen wusste von nichts. Ihr konnte er keinen Vorwurf machen. Außerdem konnte es sich immer noch um einen Irrtum handeln. Er musste erst Gewissheit haben.
„Warum denn? Was ist denn mit Deinem Dad?“
„Mein Dad ist noch vor meiner Geburt gestorben. Meine Mom spricht so gut wie nie über ihn. Dass er ihr das Armband geschenkt hat, ist eigentlich das einzige, das ich von ihm weiß.“
„Das tut mir leid Katie. Entschuldige bitte. Ich wollte nicht…“
Katie schüttelte den Kopf.
„Ist schon okay. Es ist nicht mehr so schlimm. Ich hab mich daran gewöhnt.“
Keanu schluckte. Er musste einfach weiter fragen.
„Wie lange ist das denn jetzt her? Ich mein, wie alt bist Du denn jetzt?“
„Ich bin vierzehn.“
„Und wann hast du Geburtstag?“ Keanu zwang sich zu einem Lächeln, auch wenn ihm danach momentan überhaupt nicht der Sinn stand. „Ich muss mich ja schließlich für deine Freundlichkeit irgendwann mal revanchieren.“ Dabei deutete er leicht mit seiner Hand auf die Tüte, die noch immer ungeöffnet auf seinem Schoß lag. Doch sein Blick blieb standhaft auf Katie geheftet.
„Oh bis dahin ist noch lange Zeit, am 10. Mai. Ich bin am 10. Mai 1993 geboren.“

Einen kurzen Augenblick lang herrschte absolute Stille im Krankenzimmer, denn Keanu schrie lediglich innerlich auf. Er rechnete, er zählte, rechnete wieder – und kam doch immer wieder zum selben Ergebnis. Was sollte er jetzt tun? Konnte das wirklich wahr sein? Hätte sie so etwas wirklich getan? Nein, nein, sie war nicht so. Sam war aufrichtig. Sie hatten sich geliebt, nie im Leben hätte sie – und doch…
Seine Gedanken überschlugen sich.
Da wurde seine Zimmertür aufgestoßen und Schwester Nora kam mit seinem Abendessen herein. Wie üblich begrüßte sie Keanu fröhlich. Er antwortete ihr mit einem Nicken und einem Lächeln, zu dem er sich mühsam zwang. Dann erkannte Nora Katie und ermahnte sie streng:
„Katie, hier bist du. Deine Mom und Dr. Fitz warten schon auf Dich.“, ehe sie sich sogleich wieder verabschiedete und ging.
Katie zuckte mit den Schultern.
„Ich muss dann wohl. Bis dann.“
„Ja, bis dann. Es war schön, dass Du da warst. Danke und Danke auch dafür.“
Wieder deute Keanu auf die Tüte. Doch Katie sah das nicht mehr, denn sie hatte sich schon umgedreht und die Tür erreicht. Als sie den Türgriff erfasste, schaute sie sich noch einmal um und lächelte.
„Gern geschehen.“
Keanu wusste, er musste ihr nur noch eine Frage stellen. Eine letzte Frage, um endgültige Gewissheit zu erlangen.
„Katie, wer ist Deine Mom?“
„Samantha Norwood, sie ist hier Ärztin. Ich muss jetzt los. Bis nächste Woche dann.“
Sein Mund war trocken und seine Zunge klebte ihm am Gaumen. Krächzend erwiderte er Katies Verabschiedung, doch da fiel auch schon die Zimmertür ins Schloss. Sie war gegangen.

Keanu fühlte sich als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Ähnlichkeit, dass ihm Katie so bekannt vorgekommen war. Alles ergab jetzt einen Sinn und doch fühlte er sich wie ein Idiot, dass er es nicht eher bemerkt hatte.
Er hätte Katies Antwort auf seine letzte Frage eigentlich gar nicht mehr hören brauchen. Denn er hatte es bereits gewusst. Katie hatte ihm nur die allerletzte Gewissheit verschafft. Gewissheit darüber, dass sein Leben seit fünfzehn Jahren aus einem Geheimnis, aus einer Lüge bestand. Gewissheit darüber, warum Sam ihm aus dem Weg gegangen war. Weshalb sie nicht mit ihm sprechen wollte.
Doch, was er noch immer nicht wusste, war, weshalb sie das getan hatte. Weshalb sie ihn all die Jahre betrogen hatte.
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Beitrag Verfasst am: 06.05.2008, 08:32    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 13

1992

Eng umschlungen lagen sie auf der mitgebrachten Decke mitten in der kalifornischen Wüste und lauschten schweigend den Lauten der Natur um sich herum. Sie hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt und konnte seinen Herzschlag spüren, stark, laut und gleichmäßig. Sie hatten den Sonnenuntergang beobachtet, gesehen wie langsam die Sonne versank und dabei alles um sie herum in glühendes Gold, Rot und Orange verwandelte bis schließlich die Nacht die Oberhand gewann. Es war eine klare Nacht. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen und über ihnen funkelten die Sterne tausendfach. Er hatte ein Feuer machen wollen, doch sie hatte ihn davon abgehalten. Sie wollte nicht, dass der Schein des Feuers diesen wundervollen Anblick zerstörte. Sie sah nach oben, sah wie der Mond seine langen silbrigen Strahlen zu ihnen auf die Erde sandte.
„Das Mondlicht ist wunderschön. Es macht alles noch schöner als es die Sonne schon getan hat.“
Er setzte sich auf und zwangsläufig folgte sie seinem Beispiel. Zärtlich nahm er ihr Gesicht in die Hände und sah sie lang und eindringlich an.
„Das Mondlicht ist so wie Du – wunderschön. Und Du machst mein Leben auch schöner, als es bisher schon war. Du bist mein Mondlicht – mein Moonlight.“ Ihre Lippen näherten sich und vereinten sich zu einem langen zärtlichem Kuss.
Plötzlich hielt er inne und sah ihr fest in die Augen. Sein Blick jagte ihr Schauer über den Rücken, es war als wollte er ihr Innerstes damit ergründen. Als er seinen Mund öffnete, durchbrach das Flüstern seiner tiefen warmen Stimme die Nacht.
„Ich liebe Dich Moonlight.“
Sie schluckte und Tränen traten ihr in die Augen. Schnell blinzelte sie sie weg. Das war der Moment vor dem sie sich von Anfang an gefürchtet hatte. Eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf flüsterte ihr zu, dass sie sich nie hätte auf ihn einlassen dürfen. Doch drei kräftige Schläge ihres Herzens ließen sie alle Zweifel und Ängste vergessen. Sie gab sich ganz diesem Moment und ihren Gefühlen hin.
„Ich liebe Dich auch.“

In dieser Nacht liebten sie sich nicht zum ersten Mal, und doch war es etwas Besonderes. Es war anders als all die Male zuvor, denn dieser kurze Augenblick in der Wüste wenige Stunden zuvor hatte alles für sie verändert. Was als Spiel, als Augenblick der Lust und des Genusses begonnen hatte, war mit einem Mal Ernst.
Beide wussten, dass diese Veränderung bereits einige Tage zurück lag. Doch es hatte erst dieser drei kleinen Worte bedurft, um es Wirklichkeit werden zu lassen.
Wenige Tage später schenkte er ihr ein Armband. Er hatte es zufällig bei einem Juwelier auf der Promenade gesehen und sofort gewusst, dass es ihr gehören sollte.
Es war silbern und an den etwas größeren Kettengliedern waren ein silberner Mond und links und rechts jeweils drei kleine Sterne eingehangen.
Er hatte noch nie zuvor einer Frau einfach mal so Schmuck geschenkt, aber er hatte auch noch nie zuvor einer Frau so schnell sein Herz geschenkt. Sie war einfach jemand ganz Besonderer für ihn und das wollte er ihr zeigen. Er war noch nie zuvor so glücklich gewesen und hatte sich noch nie so bedingungslos geliebt gefühlt.
Als er ihr es schenkte, freute sie sich unbeschreiblich. All ihre Bedenken waren wie weggewischt, denn sie fühlte genauso wie er. Alles was in den letzten Wochen zwischen ihnen beiden passiert war, hatte sich einfach nur richtig angefühlt. Das Alles fand seinen Höhenpunkt einfach in dem Geständnis ihrer Liebe zueinander, welches durch dieses Armkettchen nur noch einmal bestärkt wurde.
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Beitrag Verfasst am: 07.05.2008, 12:57    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 14

2007

Keanu hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Er war aufgebracht. Seine Gedanken und Gefühle wirbelten wie wild durcheinander, fanden keinen Punkt an dem sie sich sammeln und festhalten konnten, so unwirklich schien ihm die ganze Situation noch. Fünfzehn Jahre seines Lebens auf einer Lüge aufgebaut. Wie anders hätten all diese Jahre verlaufen können, welche Freude hätte er in dieser Zeit haben können, welche Schmerzen wären ihm vielleicht erspart geblieben.
Keanu war verletzt, wütend, richtig gehend sauer. Er fühlte sich hintergangen, belogen und betrogen.
Während Sam am frühen Nachmittag das Krankenhaus betrat und mit Fitz noch lachend und scherzend den Flur entlang zu ihrem Büro ging, erwartete Keanu sie bereits. Heute war es ihm egal, was Schwester Nora oder Dr. Fitzgerald zu ihm sagen würden, heute musste er einfach mit Sam reden. Und zwar sofort.

„Gib mir zwei Minuten, dann bin ich da, versprochen.“, rief Sam Fitz zu, ehe sie ihr Büro aufschloss und eintrat. Als Keanu ihr ohne anzuklopfen folgte, hatte sie ihren Mantel schon weggehangen und zog sich gerade ihren Kittel über. Sam hatte die Tür gehört. In der Annahme, Fitz stände hinter ihr, lachte sie erneut und sagte:
„So schnell bin ich nun auch wieder nicht. Außerdem hab ich noch mindestens eine Minute.“

Heute war das Eis bereits zerbrochen, noch ehe Keanu einen Ton gesagt hatte. Hilflos rutschten beide weg, hinunter in das eiskalte Wasser und versuchten verzweifelt irgendwo Halt zu finden.
„Wieso hast Du das getan? Wieso hast Du mich all die Jahre belogen? Wie konntest Du das tun?“
Sam zuckte zusammen. Seine Stimme hatte ihren warmen Klang verloren. Sie war hart wie Stahl und seine Worte schneidend. Schnell und präzise rissen sie Wunden auf, die sie all die Jahre mühsam versorgt hatte. Langsam drehte sie sich um. Sie erschrak bei seinem Anblick und suchte Schutz hinter ihrem Schreibtisch.
Keanus sanfte Augen funkelten ihr böse entgegen. Sam konnte sehen, dass er sich nur mühsam beherrschen konnte. So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt. Gut, sie hatte ihn auch erst einmal wütend gesehen und schon diese Begebenheit gehörte zu den schlimmsten in ihrem Leben, aber heute übertraf er alles, was sie bisher gesehen und gehört hatte. Er erinnerte sie an einen tollwütigen Hund und tatsächlich fehlte nur noch der Schaum vorm Mund. Sam hatte Angst, nicht vor seinem Zorn und seiner Wut, sondern vor dem, was ihn so hatte werden lassen.
Bleich stand sie ihm nun gegenüber, nur noch durch den schützenden Tisch voneinander getrennt. Einen Ausweg, sie brauchte dringend einen Ausweg.
„Keanu, was machst du hier? Du darfst nicht aufstehen!“
Leise aber umso zorniger antwortete er ihr:
„Lenk jetzt ja nicht ab Sam. Jetzt nicht mehr!“, ehe er sie förmlich anschrie:
„Tot! Ich bin tot?! Was hast Du Dir nur dabei gedacht?“

Sam war es, als würde sich unter ihr die Erde auftun und wollte sie verschlingen. Sie keuchte, ehe sie schützend nach dem Schreibtisch griff, um sich daran festzuhalten. Sie versuchte zu atmen, aber ihr Brustkorb schien aus Eisen zu sein. Stöhnend brachte sie hervor:
„Woher…? Wie…?“ In seiner immer noch nicht nachlassenden Wut fiel Keanu ihr ins Wort.
„Katie. Sie war bei mir. Hast Du dir gedacht, ich würde es nicht herausfinden? Deshalb bist Du mir aus dem Weg gegangen, weil du nicht wolltest, dass ich von ihr erfahre! Ist es nicht so?“
„Katie. Oh mein Gott! Hast du, hast Du es ihr gesagt? Du hast doch nicht…“
„Nein, ich habe noch nicht mit ihr gesprochen. Du weißt, dass ich so etwas nie tun würde, ohne vorher mit Dir zu reden. Aber ich schwöre Dir Sam, wenn Du es ihr nicht sagst und zwar bald, dann werde ich es tun. Ich werde nicht noch einmal fünfzehn Jahre warten! Hast Du verstanden?!“

In diesem Augenblick betrat Doktor Fitzgerald fröhlich lachend das kleine Büro.
„Sam kommst Du? Wusste ich doch, dass…“, schnell erfasst er die Situation. Der Anblick, der sich ihm bot, war unwirklich. Sam bleich auf ihren Schreibtisch gestützt und Keanu Reeves wutschnaubend ihr gegenüber. Keanus Zorn schien zum Greifen zu sein und Fitz murmelte den restlichen Satz nur noch.
„…Du es nicht schaffst.“ Dann hatte sich Fitz jedoch wieder im Griff, mit seiner Arztstimme fuhr er fort:
„Mister Reeves, was tun Sie hier? Sie dürfen nicht aufstehen! Sie gefährden den Heilungsprozess Ihres Beines! Ist Ihnen das klar?“

Fitz, ihr geliebter Fitz, Sam war es, als würde Fitz ihr das lang ersehnte Rettungsseil zuwerfen, wie schon so viele Male zuvor. Schnell sammelte sie sich wieder, holte tief Luft und stellte sich aufrecht hin.
„Ist schon gut Fitz. Mister Reeves ist nur gekommen, um sich bei mir persönlich zu bedanken. Er wollte auch gerade wieder gehen. Auf Wiedersehen Mister Reeves und gute Besserung.“ Damit drehte Sam sich zum Fenster um.
Fassungslos starrte Fitz noch immer abwechselnd von einem zum anderen. Er konnte spüren, dass hier etwas nicht stimmte. Er glaubte Sam einfach kein Wort. Diese Annahme wurde auch noch verstärkt, als Keanu antwortete:
„Gut Sam, ich gehe. Das ist vielleicht wirklich nicht der richtige Ort und die richtige Zeit, darüber zu sprechen. Aber ich verspreche Dir, Du wirst mit mir reden müssen! Ich werde dieses Krankenhaus erst verlassen, wenn Du mit mir gesprochen hast. Hast Du gehört!“ Dann drehte sich Keanu ebenfalls um und verließ das Zimmer.

Fitz trat um den Schreibtisch herum an Sams Seite. Er sah, dass Sams Brustkorb verdächtig bebte und ihr stumm Tränen die Wangen hinab liefen.
„Sam, was ist hier los? Seit wann duzen Dich unsere Patienten? Was wollte er von Dir?“ Vorsichtig leget er Sam seinen Arm um die Schultern, worauf sie endgültig zusammenbrach. Schützend zog er sie an sich, nahm sie fest in seine Arme und hielt sie, bis sie sich beruhigt hatte. Nach wenigen Minuten hörte Sam auf zu schluchzen, hob ihren Kopf und sah ihn an.
„Danke. Danke für Alles. Du bist der beste Freund, den ich habe.“
„Ich weiß, und deshalb will ich jetzt wissen, was hier los war.“
„Du wirst mich hassen.“
„Ich werde Dich nie hassen. Ich liebe Dich, das weißt Du. Also nun sag schon!“
Sam spürte, dass Fitz diesmal nicht locker lassen würde. Schnell atmete sie noch einmal tief durch. Mit gebrochener Stimme gestand sie:
„Katies Dad, Katies Dad ist nicht tot.“ Sam schaute Fitz in die Augen, doch der erwartete Schock blieb aus, so dass sie weiter sprach:
„Mister Reeves, Keanu – er ist Katies Dad.“ Jetzt erst zeichnete sich leichtes Entsetzen auf Fitz Gesicht ab.
„Sam, das kann nicht Dein Ernst sein. Deshalb war er so wütend, weil du behauptet hast, er sei Katies Vater?“ Das war die einzige logische Erklärung, die Fitz einfiel. Anders konnte es einfach nicht sein, doch Sam schüttelte den Kopf.
„Ich hab ihm gar nichts gesagt. Ich hätte es ihm doch nie gesagt, zumindest noch nicht. Er hat es alleine raus gefunden. Katie, sie muss bei ihm gewesen sein. Ich weiß doch auch nicht. Er weiß es jetzt jedenfalls. Was soll ich denn jetzt bloß tun?“
Fitz tat sich immer noch schwer, das alles zu glauben. Aber er sah die Verzweifelung in Sams Gesicht.
„Er? Keanu Reeves? Ausgerechnet er? Wie ist das denn passiert?“
Jetzt musste Sam doch kurz lächeln.
„Fitz, Du bist Arzt, ich sollte Dir wirklich nicht erklären müssen, wie so etwas passiert.“ Doch dann war ihr Lächeln auch schon wieder verschwunden und ernsthaft fuhr sie fort.
„Damals in L.A. Es war mein letzter Sommer dort. Meine Eltern waren gerade weggezogen. Ich war allein. Ich hatte den Kopf voll mit meinem Studium und meinen Jobs. Eigentlich hatte ich weder Zeit noch Lust mich auf irgendwen einzulassen, weil es doch sowieso keine Zukunft gehabt hätte. Aber auf einmal war er da. Er kam einfach so in mein Leben gerannt und mit einem Mal war alles anders. Plötzlich zählte nur noch er. Es war einfach unbeschreiblich.“ Sam zuckte mit den Schultern und sah wieder zum Fenster hinaus.
„Damals war er noch nicht berühmt, zumindest nicht so wie heute.“
„Und er glaubt einfach so, Katies Vater zu sein? Oder verlangt er einen Vaterschaftstest? Ich mein, weißt Du, was es bedeutet, wenn er ihr Vater ist?“
Sam nickte.
„Ich glaub nicht, dass er einen Vaterschaftstest brauchen wird. Er hat es ja schließlich schon so herausgefunden. Ich glaube nicht, dass er es noch schriftlich brauchen wird.“
„Wie kannst Du Dir da so sicher sein?“
„Schau sie Dir doch an!“, Sam deutete auf Katies Foto auf ihrem Schreibtisch, „Und dann schau ihn an. Katie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie ist ihm so verdammt ähnlich – in allem. Sie wird mich hassen! Das wird sie mir nie verzeihen!“
Erneut traten Tränen in Sams Augen, und wieder begann sie, zu weinen.
Schluchzend sprach sie jedoch weiter.
„Weißt Du, wie gering die Chancen standen, dass er eines Tages ausgerechnet hier auftauchen würde? Er hätte es nie erfahren dürfen, zumindest nicht jetzt und nicht so! Verstehst Du, er sollte gar nicht hier sein! Er sollte am anderen Ende diesen Landes sein! Er lebt schließlich in L.A.! Was macht er überhaupt hier?“
Die Wahrheit und ihr ganzes Ausmaß drangen langsam zu Fitz durch, als würde sich dichter Nebel lüften. Er begann die Zusammenhänge zu begreifen und plötzlich ergab für ihn vieles ein Bild, was er sich bisher nie erklären konnte.
„Deshalb hast Du im Frühjahr die Chefarztstelle im Sinai abgelehnt!“
Wieder zuckte Sam mit den Schultern und nickte.
„Ich konnte doch nicht zurück nach L.A. und schon gar nicht in dieses Krankenhaus. Die Wahrscheinlichkeit, dass er eines Tages dort aufgetaucht wäre oder ihm irgendein Patient von mir und Katie erzählt hätte, wäre viel zu groß gewesen. Ich hab gedacht, nur hier wären wir in Sicherheit. Aber jetzt ist alles aus. Was soll ich den jetzt bloß tun?“
Eindringlich sah Fitz Sam an.
„Du weißt genau, was Du jetzt tun musst. Du musst es Katie sagen. Sie muss die Wahrheit erfahren und zwar von Dir. Darauf hat sie ein Recht. Wenn sie es von ihm erfahren muss, das wird sie Dir nie verzeihen.“
„Du hast Recht. Ich muss mit Katie sprechen. Entschuldigst Du mich beim Chef. Sag einfach, mir geht es heute nicht gut. Ich werd nach Hause gehen und auf Katie warten.“
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Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat. Chamfort
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Beitrag Verfasst am: 14.05.2008, 16:44    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 15

1992

Langsam glitt er aus seinem Dämmerzustand ins Erwachen über. Von unten drang bereits Musik gedämpft, doch noch immer gut hörbar an seine Ohren. Er drehte sich noch einmal im Bett um und lächelte. Sie hatte Recht, was das Hören von Musik anging, hatte sie definitiv durch ihre Arbeit einen Schaden erlitten. Bei ihr musste es immer schrecklich laut sein.
Er vergrub sein Gesicht in ihrem Kissen und atmete ihren unverkennbaren und unwiderstehlichen Duft ein. Erinnerungen an letzte Nacht stiegen zurück in sein Bewusstsein und jagten ihm Schauer über seine Haut.

Sie hatte frei gehabt. Deshalb waren sie am Abend zum Strand gefahren, hatten sich mit Freunden getroffen, Lagerfeuer gemacht, gegrillt, Musik gehört. Später hatten sie einen Spaziergang gemacht. Der Mond war von Wolken verdeckt gewesen, so dass es abseits des Feuers stockdunkel war. Man hatte kaum die eigene Hand vor Augen erkennen können. Plötzlich hatte sie seine Hand losgelassen, war weggelaufen und hatte gerufen:
„Fang mich doch!“
Er hatte sie ins Wasser laufen gehört und war ihr gefolgt. Er konnte ihre Schritte im flachen Wasser hören. Er wusste, er war schneller als sie, doch immer wenn er dachte, er hätte sie, griff seine Hand ins Leere. Sie musste ganz nah bei ihm sein, denn er konnte sie flüstern hören:
„Hier bin ich.“ Und „Fang mich doch!“
Ihre Stimme hatte einen rauchigen Klang, der allein ihn schon erregte. Als ihn plötzlich eine Ladung Wasser mitten im Gesicht traf, sprang er geistesgegenwärtig in die richtige Richtung. Er schnappte sie und hob sie unter ihren lauten Schreien einfach hoch. Sie versuchte, sich zu wehren und zappelte wie ein Fisch, doch er war stärker als sie. Er begann sie zu kitzeln. Sie schrie noch mehr. Etwas unsanft ließ er sie in den noch warmen Sand fallen, um sich unverzüglich auf sie zu setzen. Sein Gesicht war noch immer nass, denn immer wieder fielen Wassertropfen aus seinen Haaren. Er saß auf ihren Beinen, ihre Hände drückte er fest in den Strand, so dass sie ihm hilflos ausgeliefert war. Er beugte sein Gesicht dicht über das ihre und flüsterte:
„Na warte, das wirst Du mir büßen.“
Grob begann er sie zu küssen. Als sie seiner fordernden Zunge jedoch unverzüglich Einlass gewehrte und ihr Becken auffordernd anhob, merkte er, dass sie mindestens genauso erregt war wie er. Er zog ihre Arme oberhalb ihres Kopfes im Sand zusammen, damit er sie nur noch mit einer Hand festhalten brauchte. Mit der anderen Hand befreite er sie aus ihren Jeans, wobei sie ihm wieder durch das Anheben ihres Beckens zu Hilfe kam. Danach befreite auch er seine Erregung aus seiner Hose, um schon im nächsten Moment in sie einzudringen. Wild und heftig stieß er immer wieder zu. Ihr kehliges Stöhnen unterdrückte er durch seine harten Küsse. Bereits nach wenigen Augenblicken fanden beide ihren Höhenpunkt und blieben erschöpft übereinander liegen.

Als sie später zu seinen Freunden zurückkehrten, mussten sie sich natürlich deren Witze und Spott über sich ergehen lassen. Eigentlich war ihm so etwas sonst fürchterlich peinlich, aber an ihrer Seite konnte er es sogar ein wenig genießen, denn er wusste, er würde den Rest seines Lebens mit ihr verbringen. Er hatte noch nicht mit ihr darüber gesprochen, aber sie liebten sich. Sie war die Frau seiner Träume. So wie mit ihr, hatte er noch nie gefühlt. Er genoss jede einzelne Sekunde ihres Zusammenseins und er wusste, ihr ging es ebenso. Das was er mit ihr erlebte, durfte einfach nie zu Ende sein.
Auf dem Heimweg mit seinem Motorrad schmiegte sie sich eng an ihn. Sie hatte ihre Hände fest um seinen Bauch geschlungen. Da sie ihre Hände unter seine Jacke gesteckt hatte, konnte er spüren, wie ihre Finger sanft auf und ab streichelten, während ihr Kopf an seiner Schulter ruhte. Allein diese winzigen Bewegungen ließen sein Verlangen erneut wachsen. Sie hatten seit ihrem Spaziergang kaum ein Wort miteinander gewechselt und auch als sie bei ihr zu Hause ankamen, brauchten sie keine Worte. Ihre Körper hatten ihre eigene Sprache und so liebten sie sich noch einmal lange und leidenschaftlich.

Die Erinnerungen an letzte Nacht erregten ihn erneut. Etwas traurig sah er auf die leere Bettseite neben ihm. Dann sah er auf die Uhr. Es war noch Zeit bis sie zur Arbeit ins Krankenhaus musste, vielleicht könnten sie ja… Er lächelte sehnsüchtig. Ja, er würde hinunter gehen, sie zärtlich auf ihren zauberhaften Nacken küssen, ihr ins Ohr flüstern, wie sehr er sie liebte und wieder mit nach oben nehmen. Doch zuerst würde er duschen. Fröhlich beschwingt stieg er aus dem Bett und ging in das angrenzende Bad. Einige Zeit später kam er frisch geduscht und rasiert wieder heraus. Er suchte seine Sachen zusammen und zog sich an. Er lächelte noch immer und summte gut gelaunt vor sich hin. Er hatte seine Pläne geändert. Er würde sie entführen, würde mit ihr in das kleine Café fahren, in dem sie zum ersten Mal miteinander gefrühstückt hatten. Anschließend würde er sie dazu bringen, ihren Dienst im Krankenhaus abzusagen, sie würden irgendwo spazieren gehen und er würde ihr in aller Ruhe von seinen Plänen erzählen, davon wie er sich ihr weiteres gemeinsames Leben vorstellte. Bis er sie kennen gelernt hatte, hatte er jedem, der ihm davon erzählte, für verrückt gehalten, aber jetzt, wo er ihr begegnet war, wusste er, dass es so etwas wirklich gab. Sie war seine Seelenverwandte und er würde sie nie mehr gehen lassen.
Immer noch vor sich hin summend griff er nach dem Türgriff, um die Zimmertür zu öffnen. Normalerweise stand diese Tür sonst immer offen, aber heute hatte sie sie wahrscheinlich geschlossen, damit ihn die Musik nicht aufwecken würde. Er grinste, bei der Lautstärke half auch die verschlossene Tür wenig. Da er die Rückseite dieser Tür noch nie gesehen hatte, war ihm auch entgangen, dass daran ein Notizbrett hing. Es war voll mit allerlei Zetteln, Kinokarten, Quittungen und anderem Kram. Doch sein Blick blieb an dem großen A 4 Blatt hängen, welches genau in der Mitte des Brettes fein säuberlich mit je einer roten Reißzwecke an jeder Ecke befestigt war. Das Blatt hob sich regelrecht von den anderen Notizen ab. Es passte irgendwie nicht dort hin. Er konnte seinen Blick davon nicht abwenden. Er wusste, dass er es nicht tun durfte und doch las er, was dort stand. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, als er begriff, was er da las. Es war ein Brief. Ein Brief, der all seine Pläne zunichte machte.

„Sehr geehrte Miss Norwood,
das Kollegium der Johns Hopkins Universität freut sich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass Sie ab dem kommenden Wintersemester 1992/1993 an unserer Universität aufgenommen sind.
Baltimore, den 10.05.1992, Hochachtungsvoll…“

Das konnte doch nicht wahr sein. Das konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Vorsichtig nahm er das Blatt von der Pinwand und ging nach unten.
Baltimore, das waren mindestens 2.500 Meilen von hier entfernt. Sie konnte doch unmöglich dahin wollen. Doch er wusste auch, dass die Johns Hopkins Universität eine der besten medizinischen Fakultäten des ganzen Landes hatte. Dort studieren zu können, musste alles für sie bedeuten. Sie wollte doch ihren Traum unbedingt verwirklichen. Wo sonst hätte sie so gute Voraussetzungen dafür.
Aber innerlich regte sich sein Widerstand. Hier gab es auch gute Universitäten, sie könnte immer noch hier bleiben, bei ihm, denn er konnte ja unmöglich weg aus L.A.
Sie könnte auch hier studieren, ihren Traum hier verwirklichen, mit ihm zusammen. Vielleicht war das alles ja ein großes Missverständnis und sie würde nicht weggehen.
Sein Weg führte ihn an den leeren Räumen des Hauses vorbei. Vereinzelt standen noch Umzugskartons herum, aber darin waren nur ihre Sachen, denn das Haus sollte verkauft werden. Sie musste bereits in den nächsten Tagen ausziehen. Da begriff er, dass das kein Missverständnis war, denn er hatte nie bemerkt, wie sie sich in den letzten Wochen, um eine andere Wohnung hier in L.A. bemüht hatte.
Noch ehe er die Küche betrat, wusste er, dass sie ihn verlassen würde.

Als er in die Küche kam, stand sie mit dem Rücken zu ihm und kochte Kaffee. Die Musik war ohrenbetäubend. Ihr langes hellbraunes leuchtendes Haar trug sie locker zu einem Knoten hochgesteckt, so dass er ihren weichen weißen Nacken sehen konnte. Noch vor wenigen Augenblicken hätte er sie dorthin geküsst, um danach zärtlich an ihrem Ohr zu knabbern. Jetzt jedoch war alles anders. Gut gelaunt trällerte sie diesen blöden Radiosong mit, der aus den Lautsprechern dröhnte. Als sie sich umdrehte, erschrak sie, denn sie hatte ihn nicht kommen hören. Sofort stellte sie die Musik leiser. Sie lächelte ihn an, kam zu ihm und gab ihm einen Kuss.
„Guten Morgen, na hast Du ausgeschlafen? Kaffee ist gleich fertig.“
Ihre gute Laune störte ihn. Wie sie so vor ihm stand, kam ihm mit einem Schlag alles falsch vor – ihr Lächeln, ihr Kuss, ihre Fröhlichkeit. Er hatte vor gehabt, sein Leben mit ihr zu verbringen, aber er hatte in ihrem Leben plötzlich keinen Platz mehr.
Er fühlte sich verraten und belogen.
Stumm hielt er den Brief hoch. Dann fragte er leise:
„Was ist das?“

Sie stand wieder mit dem Rücken zu ihm an der Arbeitsplatte, mit dem Kaffee beschäftigt, doch seine Stimmlage ließ sie aufhorchen. Auf ein Mal konnte sie die Kälte, die von ihm ausging förmlich spüren. Langsam drehte sie sich um.
Sie sah auf den Brief, den er in der Hand hielt. Sie konnte ihn von ihrer Position aus nicht richtig erkennen, doch sie erahnte das Wappen einer Universität. Den Rest reimte sie sich zusammen. Sie wurde bleich.
„Woher hast Du das?“
„Das ist doch völlig egal! Wichtig ist doch nur, was es ist und warum Du mir nicht davon erzählt hast! All die Wochen wusstest Du, dass Du fortgehen würdest. Aber Du hast trotzdem kein Wort gesagt.“
Er war wütend und verletzt. Sie sah es und konnte es sogar verstehen. Sie schämte sich. Sie senkte den Kopf und flüsterte.
„Ich hatte Angst. Als es anfing mit uns beiden, erinnerst Du Dich, in dieser ersten Nacht hast Du selbst gesagt, alles ohne Verpflichtungen. Ich hab gedacht, okay, er ist nett, sieht gut aus, wir sind jung, warum nicht ein wenig Spaß haben. Doch dann hat sich plötzlich alles verändert. Es war nicht mehr nur Spaß.“
Schnauben fiel er ihr ins Wort.
„Also war das alles nur ein Spiel für Dich! Ich hab Dir vertraut! Ich hab Dir gesagt, dass ich Dich liebe. Du hast gesagt, Du liebst mich auch. Doch das war alles bloß eine große Lüge, damit Du nicht so alleine sein musstest in den letzten Wochen. Wie konntest Du nur!“
„Nein, nein, so war das doch nicht!“, schrie sie verzweifelt auf.
„Ich liebe Dich! Ich liebe Dich wirklich! Ich wusste doch nur nicht, wie ich es Dir sagen sollte. Es gab einfach nie den richtigen Zeitpunkt. Ich hatte solche Angst, es Dir zu sagen. Angst davor, wie Du reagieren würdest, dass Du mich vielleicht verlassen würdest. Ich liebe Dich, das musst Du mir glauben. Bitte!“
Er konnte das Flehen in ihren Augen sehen. Innerlich spürte er, dass sie ihm die Wahrheit sagte, aber er war zu stolz, um sich das selbst und geschweige denn ihr einzugestehen. Er fühlte sich betrogen, um seine Pläne, um eine gemeinsame Zukunft. Noch nie hatte er je so weit bei einer Frau voraus gedacht. Und jetzt, das erste Mal, dass er es getan hatte, stürzte alles in sich zusammen. Er musste hier raus. Er musste allein sein. Verächtlich schaute er sie an.
„Und wann hattest Du vor es mir zu sagen, mit einer Postkarte, nachdem Du gut in Baltimore angekommen bist? Das ist ja nun nicht mehr nötig! Ich muss hier raus! Ich ertrag das alles nicht mehr!“
Wütend ließ er den Brief aus seiner Hand fallen, drehte sich um, schnappte sich seine Jacke und verließ das Haus.

Völlig erstarrt stand sie noch immer an die Küchenzeile gelehnt. Tränen traten ihr in die Augen. Es war alles falsch gelaufen. So hätte er es nicht erfahren dürfen. Sie wusste, sie hatte alles verdorben. Sie hörte die Haustür polternd ins Schloss krachen, hörte wie er immer noch wütend seine Maschine starte und unter lautem Getöse wegfuhr.
Erst da kam sie langsam wieder zu sich. Erst da drangen seine letzten Worte an ihr Ohr.
„…Baltimore…“, wie kam er auf Baltimore? Schnell ging sie und hob den Brief vom Fußboden auf. Unter Tränen erkannte sie das Wahrzeichen der Johns Hopkins Universität. Ihr wurde schlecht. Das alles durfte doch nicht wahr sein. Das musste ein schlechter Traum sein. Er glaubte tatsächlich, sie ging nach Baltimore ans Johns Hopkins.
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