Verwirrt
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schnurrli
keanu-junkie



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Beitrag Verfasst am: 02.01.2009, 16:06    Titel: Verwirrt Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 1


Sie fasste sich an die Stirn und wartete, bis das surrende Gefühl in ihrem Kopf nachliess. Aus weiter Ferne drang Geschrei zu ihr durch, sie konnte jedoch nicht sagen, woher es kam. Ihr war ein bisschen schwindelig, und sie schaffte es nicht, die Augen zu öffnen.
‚Wo bin ich bloss?’, dachte sie desorientiert.
Diese Situation kam ihr merkwürdig bekannt vor, wenn sie jetzt auch nicht hätte sagen können, warum. Sie wusste nur eins: Sie musste rasch zur Besinnung kommen! Sie versuchte, sich auf ihren Körper zu konzentrieren, und nach einiger Anstrengung nahm sie wahr, dass sie sass, und zwar auf einer glatten, kalten Oberfläche. Ihre Füsse befanden sich auf einem Boden, der etwas hohl tönte, wenn sie aufstampfte. Sie fasste nach unten und spürte den Stuhl, auf dem sie sass, tastete herum und bemerkte, dass es ein Sitz war. Diese Wahrnehmung war undeutlich, aber warum? Danach umarmte sie sich selbst und bemerkte zwei Dinge: Sie trug eine dicke Jacke, und – Handschuhe, zudem spürte sie kühle Luft an ihrem Gesicht. Es musste Winter sein! Doch wo war sie, und vor allen Dingen: Wer war sie?

Eine Stimme neben ihr sprach:
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Die Sprache klang ungewohnt, aber komischerweise verstand sie sie. Warum nur? Sie öffnete die Augen und drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein älterer Mann sass neben ihr. Er hatte graues, schütteres Haar, einen dicken Bauch und seine grauen Augen blickten sie besorgt an. Sie liess ihren Blick schweifen und sah, dass sie sich in einer gedeckten Halle befand. Sie sass inmitten einer Menschenmenge auf einer Tribüne, und unter sich erstreckte sich eine Eisfläche, auf der sich dick angezogene, mit Helmen geschützte Männer auf Schlittschuhen mit Stöcken in der Hand tummelten. Die einen waren in rot und weiss, die anderen in blau und gelb gekleidet. War das etwa Eishockey? Wer spielte gegen wen, und was zum Teufel machte sie hier?
Einer der schwarzweiss gekleideten Schiedsrichter pfiff, und die Spieler gingen vom Feld. Anscheinend war Pause. Die Nummer eins der Männer in Rot wandte sich in ihre Richtung, schien jemanden in ihrer Nähe anzuschauen und winkte. Meinte er etwa sie? Sie kniff ihre Augen zusammen, um den Schriftzug auf seinem Oberteil besser erkennen zu können. Warum das Zusammenkneifen der Augen etwas bringen sollte, wusste sie nicht, aber ihr Instinkt hatte ihr befohlen, dies zu tun. Es half, sie konnte den Schriftzug nun entziffern: Reeves. Nun schob er das Visier seines Helms hoch, und auf seinem Gesicht zeigte sich ein strahlendes Lächeln, und es galt ihr, das wusste sie einfach, ohne es erklären zu können!

Plötzlich geschah etwas mit ihr: Es war, als ob die Hülle, die sie umgab und die sie daran hinderte, zu verstehen, zerschlagen wurde. Alles war mit einem Mal glasklar. Sie war Liz, und der Mann, der sie eben angelächelt hatte, hiess Keanu Reeves und war seit einem Jahr ihr Ehemann. Man hatte ihn, obwohl er altersmässig schon lange über dem Zenit war, ins Team Canada gewählt, welches am Spengler-Cup in Davos teilnahm. Diese Ehre hatte er sich verdient, indem er in den letzten fünf:huepf: Jahren sowohl bei den Vancouver Giants und auch in der Nationalmannschaft einer der besten Torhüter gewesen war. Er hatte sich eigentlich schon aus dem Profisport zurückgezogen, und in diesem Turnier gab er seine Abschiedsvorstellung. Heute kämpfte seine Mannschaft gegen den einheimischen Hockeyclub Davos, und in den nächsten Tagen würden sie noch einige Spiele bestreiten müssen, um den Finaleinzug zu schaffen. Davos erwies sich als erstaunlich gut. Nach dem ersten Drittel führten sie mit 3:0, und jetzt lag Team Canada mit 3:4 zurück. Die Stimmung in der Halle glich einem Hexenkessel, doch die Aggressionen zwischen den Fans der Mannschaften, wie man sie leider oft im Fussball sah, blieben hier aus. Der Mann, der neben Liz sass und sie gefragt hatte, wie es ihr ging, war ein Fan der Davoser Mannschaft, doch störte es ihn kein bisschen, dass Liz nie dann jubelte, wenn er es tat.

Liz dachte darüber nach, ob ihr Mann wohl vorhin bemerkt hatte, was los war, doch bald war das seltsame Erlebnis vergessen, denn das letzte Drittel fing an. Die beiden Teams kämpften verbissen, keines wollte den Sieg abgeben. Kurz vor Schluss schaffte Kanada den Ausgleich, doch der Jubel dauerte nicht lange, denn nur eine Minute darauf stand es 5:5. Der Schlusspfiff ertönte, und das bedeutete: Verlängerung. Doch in diesen fünf Minuten geschah nichts, was bedeutete, dass die Mannschaften danach zum Penaltyschiessen antreten mussten. Und wenige Minuten später war alles vorbei, der Torhüter von Davos war erfolgreicher gewesen. Liz’ Mann hatte irgendwie unkonzentriert gewirkt, ob er gemerkt hatte, was mit Liz los gewesen war? Wenn ja, würde es später zu einer schwierigen Diskussion kommen. Liz hoffte stark, dass dem nicht so war, denn Keanu konnte äusserst stur sein. Mit Enttäuschungen wie dieser hatte er jedoch keine grösseren Probleme. Er war ein Mann, der nicht lange über Vergangenes nachgrübelte. „Neues Spiel, neues Glück“, würde er wahrscheinlich lapidar sagen, wenn sie sich später sahen, unter der Dusche verschwinden und sich dann intensiv um seine Frau zu kümmern. Diese Variante wäre Liz viel lieber als ein Gespräch, das möglicherweise in einem Streit endete, denn an einem Ort gab es in ihrer Beziehung keinerlei Probleme: im Bett. Die Leidenschaft brannte zwar nicht mehr so lichterloh wie damals, als sie noch frisch verliebt waren, sie war eher zu einem langsamen, stetigen Glühen geworden. Wo sie früher richtiggehend wild aufeinander gewesen waren, nahmen sie sich heute viel mehr Zeit füreinander, entdeckten sich jedes mal neu, tasteten, streichelten, horchten und schmeckten einander voller Gefühl und Sinnlichkeit. Aus Gesprächen mit verheirateten Freundinnen wusste Liz, dass dies nicht selbstverständlich war, und sie wusste es sehr zu schätzen.

Eine Stunde später stellte sich heraus, dass Liz mit der schwierigeren Variante konfrontiert wurde.
„Darüber unterhalten wir uns noch“, hatte er zu ihr gesagt, bevor er im Bad verschwunden war.
Die Feinfühligkeit, die sie an ihm so liebte, wandte sich nun gegen sie, und sie wusste, was ihr blühen würde, wenn er aus der Dusche kam. Ob sie es schaffte, ihn abzulenken? Einen Versuch war es wert. Sie nahm ihr mahagonifarbenes Haar aus dem Pferdeschwanz und lockerte es mit den Händen, sodass es sich wie eine Wolke um ihren Kopf legte und bis zu den Schulterblättern fiel. Dann entkleidete sie sich bis auf ihre Unterwäsche – zum Glück trug sie heute ein hübsches Set aus schwarzem Satin – und drapierte sich in möglichst verführerischer Stellung auf dem Hotelbett, gerade rechtzeitig, bevor ihr Mann, nur mit einem weissen Tuch um die Hüften, aus dem Bad kam. Obwohl sie nun schon mehr als zehn Jahre zusammen waren, stockte ihr bei seinem Anblick der Atem und sie vergass, warum sie in der Unterwäsche auf dem Bett lag. Seine Schulter waren breit, die Oberarme kräftig und der Bauch flach und muskulös. Was sie von den Beinen sah, wirkte stramm, und was sie unter dem Frotteetuch erwartete, war es auch, das wusste sie. Liz erinnerte sich mit einem Grinsen daran, wie sie ihn zum ersten Mal nackt gesehen hatte. Sie war noch jung gewesen und ihre Erfahrungen mit Männern hatten sich in Grenzen gehalten.
„Hat der überhaupt Platz!“, war ihr spontaner Ausruf gesehen, als sie seinen Penis zum ersten Mal gesehen hatte, und er hatte dies zuerst mit einem
„Das ist kein Problem! Da wird einmal ein ganzer Kinderkopf durchpassen!“ beantwortet und es ihr dann auf die bestmöglichste Art und Weise bewiesen. Niemals hätte sie gedacht, dass diese Nacht der Leidenschaft und jugendlichen Verliebtheit zu einer jahrelang anhaltenden, innigen Beziehung werden würde, betrug doch der Altersunterschied zwischen den Beiden immerhin neun Jahre. Doch genau so war es gekommen, aus einem Date wurden mehrere, und sie entdeckten, dass sie sich auch ausserhalb des Schlafzimmers wunderbar verstanden und ergänzten. Er konnte dickköpfig sein, und Liz war eher sanftmütig. Doch auch sie konnte einen starken Willen entwickeln, wenn ihr etwas wirklich wichtig war, und mit ihrer sanften Art schaffte sie es oft, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn er wieder mal auf seiner Meinung beharrte. Er seinerseits war, nachdem er seine Schüchternheit, entstanden aus einer unsteten Jugend, abgelegt hatte, ein positiver, lebensbejahender Mensch, der nicht lange über Vergangenes nachgrübelte, und schaffte es mit Herz und Humor, Liz immer wieder aus dieser Melancholie, die sie oft umgab, herauszuholen.

„Süsse, versuchst du, mich abzulenken?“, erkundigte sich Keanu und setzte sich zu Liz auf die Bettkante.
„Gelingt es mir?“, hauchte sie, beugte sich näher zu ihm hin und streichelte zärtlich seinen Oberschenkel. Die Beule, die unter dem Frotteetuch entstand, sprach dafür, dass ihr Plan aufging, doch sein Gesichtsausdruck sprach eine andere Sprache.
„Liz, ich weiss doch, dass du dieses Thema nicht magst. Aber ich mache mir grosse Sorgen um dich!“, erwiderte er und strich ihr über den Kopf.
„Können wir dieses Thema nicht einfach verdrängen?“, bat sie ihn. Die Verführungsstimmung war verflogen, und in ihr machte sich Angst breit.
„Das machst du schon seit Jahren, Liebling, und doch geschieht es immer wieder! Ich glaube, solange du der Sache nicht auf den Grund gehst, wird es auch nicht besser! Auch wenn ich es mir nicht immer anmerken lasse: Ich sehe doch, wie es dir nach diesen Anfällen oft geht.“
„Heute war es nicht so schlimm, ich habe nur Minuten gebraucht, um es zu vergessen und mich ins Spiel hineinzuversetzen!“, verteidigte sich Liz, doch der Versuch scheiterte.
„Ja, manchmal schafft du das“, widersprach Keanu ihr. „Wie oft bist du danach stundenlang abwesend und traurig, grübelst darüber nach, was dir widerfahren ist, bist nicht richtig im Hier und jetzt. Das ist doch nicht schön, damit machst du dir doch das Leben schwer!“
Liz’ Angst steigerte sich, und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. War es nun soweit? Würde er jetzt endgültig die Geduld mit ihr verlieren? Sie setzte sich neben ihn und sandte ihm stumm die Bitte, sie nicht zu verlassen, dabei klammerte sie sich an seiner grossen, starken Hand fest.
Er schien zu bemerken, was in ihr vorging, denn er nahm sie beruhigend in die Arme und murmelte in ihr Haar:
„Hab keine Angst, ich lass dich nicht im Stich! Aber du musst verstehen, dass ich mir grosse Sorgen mache um dich!“
„Es tut mir leid“, brach es aus ihr hervor, und Tränen traten in ihre Augen. „Es tut mir so leid!“
„Das muss es nicht“, flüsterte er und begann, ihren Rücken zu streicheln. „Du machst das doch nicht mit Absicht!“
Keanus zärtliche Berührung tat Liz wie immer gut. Ganz bewusst nahm sie seinen beinahe nackten Körper, seine warme, glatte Haut wahr, und die Angst wurde von Begehren verdrängt.
„Du bist so lieb“, murmelte sie, liess ihre Finger über seine Wirbelsäule gleiten und bemerkte zufrieden, wie seine Muskeln sich anspannten. „Komm, wir legen uns noch ein wenig hin, bevor wir essen gehen.“
„Gerne, meine Süsse“, erwiderte er heiser. „Aber nur, wenn du mir versprichst, professionelle Hilfe zu suchen, sobald wir wieder zuhause sind!“
„Versprochen“, hauchte sie, verdrängte das ungute Gefühl, dass dabei in ihr hochkam, und liess sich zusammen mit ihm aufs Bett fallen.

Zärtlich küssten sie sich, und es dauerte nicht lange, bis beide vollständig nackt waren. Liz genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihrem Mund, auf ihrem Hals, ihren Brüsten ... überall. Oh ja, Keanu verstand es, sie zu verwöhnen, er neigte dazu, mehr zu geben als zu nehmen, und er machte es voller Freude. Und Liz genoss, und wie sie es genoss! Während er zarte Küsse auf ihren Bauchnabel drückte, strich sie ihm immer wieder durchs seidige, immer noch dichte Haar, und die Hand auf ihren Brüsten liessen Schauer der Erregung über sie hinweg gleiten. Das bekannte, sehnsüchtige Ziehen machte sich bei ihr bemerkbar, lange hielt sie das nicht aus. Heute durfte es ruhig ein wenig schneller gehen! Keanu sah das zum Glück genauso, denn bald war er nicht nur auf, sondern in Liz. Doch diesen Teil zögerte er immer wieder heraus, um sie so richtig verrückt zu machen, und erst, als sie sich richtiggehend an seinem Rücken festkrallte und ihm in die Unterlippe biss, gestatte er ihr – und sich – zu kommen.

Eine halbe Stunde später sassen die beiden im Hotelrestaurant und genossen Pizokel, mit Gemüse, eine Bündner Spezialität aus Buchweizen, den Spätzle ähnlich. Keanu hatte sich, obwohl es nicht dazugehörte, ein schönes Stück Fleisch dazu bestellt, er brauchte das einfach nach sportlicher Tätigkeit.
Liz’ Abendessen blieb heute vegetarisch, und danach beschlossen sie, sich eine Mousse au Chocolat zu teilen.
„Hast du das früher oft gegessen?“, fragte Keanu Liz, als sie aufs Dessert warteten, und sie schüttelte den Kopf und erklärte ihm, dass man dies in ihrer Gegend nicht gegessen hatte.
„Rösti mit Geschnetzeltem, das war die Spezialität dort, wo ich aufwuchs. Meine Güte, das habe ich schon seit einer Ewigkeit nicht gegessen“, murmelte sie zu sich selbst, und ihre Gedanken wären in Richtung Kindheit und Jugend abgeschweift, wenn sie nicht Keanus Hand auf ihrer gespürt hätte.
„Kochst du das mal für mich, wenn wir wieder zuhause sind?“, bat er sie, lächelte und betrachtete sie liebevoll aus seinen warmen, braunen Augen.
Wenn er sie so anschaute, konnte er alles von ihr haben, und Liz nickte. Schon wollte sie etwas sagen, da fing in ihrem Hinterkopf wieder dieses leichte Surren an. Oh nein, nicht schon wieder! Schnell, sie musste etwas sagen, irgendeine Ausrede, und dann für ein paar Minuten verschwinden!
Liz konzentrierte sich und zwang sich zu sprechen:
„Natürlich mach ich das für dich! Sobald wir zuhause sind. Ich freue mich schon drauf! Aber jetzt muss ich mal kurz austreten, bin gleich wieder hier!“
Sie stand auf, ging zu ihm rüber, bemüht darum, nicht auszusehen, als ob sie auf der Flucht sei. Spontan beugte sie sich vor und drückte ihm einen zarten Kuss auf die Stirn, dann richtete sie sich auf, drehte sich um und ging langsam Richtung Toilette. Sie wusste, dass er ihr nachsah, und so fing sie erst an zu laufen, als sie ausser Sichtweite war. Rasch suchte sie das Frauenklo auf, fand zum Glück eine freie Kabine, warf die Tür hinter sich zu und setzte sich zitternd auf den Toilettendeckel. Dann beugte sie sich vor, barg ihr Gesicht in ihre Knie, während sie mit den Armen ihre Beine umfasste, schloss ihre Augen und wartete.
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Auch auf die längste Nacht erfolgt ein neuer Tag.
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Beitrag Verfasst am: 03.01.2009, 21:31    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 2

Es war dunkel, so wie jedes Mal. Die Augen in diesem Moment zu öffnen, versuchte sie gar nicht erst, ebenso wunderte sie sich nicht über die fehlenden Sinneseindrücke. Es war, als würde sie in einem Raum schweben, in dem es keine Temperatur, kein Gewicht, keine Helligkeit, keine Geräusche und keinen Geruch gab. Sie setzte alles daran, sich diese Tatsache zu merken, denn schon bald würde der Augenblick vorüber sein.
Da drang eine Stimme an ihr Ohr, die so überhaupt nicht an diesen Ort passen wollte. Zuerst verstand sie nicht, was sie sagte, und konzentrierte sich auf den Klang. Die Stimme klang männlich und tief, sie sprach Englisch mit einem Akzent, den sie nicht zuordnen konnte. Sie versuchte, die Stimme zu ignorieren, um diesen Ort besser wahrnehmen zu können, denn sie wusste: Würde sie die Worte einmal verstehen, wäre sie im Nu wieder drüben.
Doch die Stimme wollte und wollte keine Ruhe geben, und sie konnte nicht anders – sie begann, Bedeutung hinter den gesprochenen Worten zu finden.

„Mademoiselle Lisa!“
Damit war sie gemeint.
„Mademoiselle Lisa, es ist wieder soweit!“
Beim Sprecher konnte es sich nur um Dr. Pelletier handeln, ihren Vorgesetzten. Nur er brachte es fertig, diese altmodische Anrede zu verwenden, ohne sie zur Weissglut zu bringen.
Und da waren sie auch schon wieder, die Sinneseindrücke. Lisa stand auf einem ebenen Boden, die Temperatur war angenehm, und es roch – nach Kaffee, wie sie schnuppernd feststellte. Jemand hatte sie am Arm gepackt und schüttelte sie leicht. Als sie die Augen öffnete, erkannte sie, dass es Dr. Pelletier war, der aus seiner Welt der Formeln zu ihr hinuntergetaucht war und sich Sorgen machte. Seine Stirn war tief gefurcht, sein schlohweisses Haar wirr, und seine blauen Augen blickten sie besorgt an.

„Es geht gleich wieder“, erwiderte sie und blickte sich um. Sie befand sich in einem modernen Büro – dem Büro ihres Vorgesetzten, wie sie feststellte. Und nun setzte sich ihre Erinnerung Stück für Stück zusammen, wie ein Puzzle. Ihr Name war Lisa Bauer. Seit mehreren Jahren studierte sie an der Universität Zürich Physik, und vor einem halben Jahr hatte sich die Möglichkeit ergeben, das Studium zu unterbrechen und am CERN ein Praktikum zu absolvieren, welches ein Jahr dauern sollte. Dankend hatte sie dieses Angebot angenommen, denn sie war schulmüde gewesen, hatte sie doch ihre Fähigkeit, sich nur theoretisch mit einem Thema zu befassen, unterschätzt. Dies war bei Studenten, die erst im Erwachsenenalter zu studieren anfingen, häufig der Fall, da sie meist schon das Erwerbsleben kennengelernt hatten. Bei Dr. Pelletier auszuhelfen, ihm zu assistieren, war hochinteressant, und es handelte sich um konkrete Arbeit. Das war es, was sie erreichen wollte! Daran arbeiten, komplexe Theorien in die Praxis umsetzen, die Ergebnisse erforschen und dabei wiederum neue Theorien ins Leben rufen. Deswegen war dieses Praktikum für sie Gold wert, und sie war sicher, dass es sie für die kommenden Studienjahre motivieren würde.

„Alles in Ordnung? Es ist schon wieder geschehen, nicht wahr, Mademoiselle?“, erkundigte sich Vorgesetzter. Diese kleinen Abstecher ins Nichts, die Lisa gelegentlich widerfuhren, gab es schon jahrelang. Wann sie genau angefangen hatten, wusste sie nicht so genau. Vertraute Personen – und dazu gehörte Dr. Pelletier – waren eingeweiht. Lisa war der Meinung, dass Probleme dazu da waren, gelöst zu werden, und wenn man vertraute Menschen einweihte, konnte es geschehen, dass diese etwas zur Lösung beizutragen hatten. So war ihrer Mitbewohnerin Leonie aufgefallen, dass Lisas Pupillen sich gelegentlich für eine Sekunde dramatisch ausweiten und sich dann wieder auf Normalgrösse zusammenzogen. Zuerst hatte Leonie dies mehrere Male nur beiläufig erwähnt, bis Lisa sie bat, besonders darauf zu achten. Ihr Verdacht hatte sich bestätigt: Dieses Ausweiten der Pupillen geschah immer gleichzeitig mit dem Abstecher ins Nichts. Nachdem sie diesen Zusammenhang erkannt hatte, konnte sie Leonie, die einen möglichen Zusammenhang mit Drogen sah, eines Besseren belehren. Ein Besuch beim Augenarzt brachte keine Ursachen für dieses Phänomen zum Vorschein, und Lisa nahm Leonies Rat an, weitere Menschen, die sie regelmässig sahen, einzuweihen. Ihre Wahl war auf ihren Vorgesetzten gefallen, dem sie nicht nur von ihren Reisen ins Nichts erzählte, sondern ihm auch ein nach aussen sichtbares Symptom liefern konnte. Er war von ihrem Bericht von Anfang an fasziniert gewesen und wollte Lisa helfen, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Dies tat er nicht nur, um ihr beizustehen und sie dabei zu unterstützen, diese zwar nicht beängstigenden, aber doch etwas befremdliche Sache aus der Welt zu schaffen, sondern auch, weil der Wissenschaftler in ihm von Natur aus nach Erklärungen suchte. Dazu gehörte seiner Ansicht nach dazu, ein unerklärliches Phänomen erst mal genau zu beobachten. Er riet Lisa, zu versuchen, dieses „Wegtreten“ bewusst wahrzunehmen, und half ihr dabei, indem er sie, sobald er sah, dass ihre Pupillen sich scheinbar grundlos weiteten, ihren Arm packte. Um dieses Experiment häufiger wiederholen zu können, beauftragte Lisa Leonie, dasselbe zu tun. Anfangs hatte diese Methode nichts gebracht, doch mit der Zeit schaffte sie es, ihre Auszeit im Nichts bewusst zu erkennen. Das Hingelangen ins Nichts konnte sie noch nicht fassen, das dort sein und zurückkehren jedoch schon. Einen klitzekleinen Teil konnte sie transportieren, nämlich denjenigen, der wusste, wer sie war. In diesem speziellen Raum, wie ihn Dr. Pelletier nannte, wusste Lisa zwar ihren Namen nicht, doch sie erkannte sich selbst, und bei jeder Rückkehr erinnerte sie sich wieder schneller an die Details ihrer Existenz und schaffte es seit einigen Tagen auch, von der Erfahrung zu berichten.

„Wie war es dieses Mal?“, wollte der Wissenschaftler wissen.
„Es war wie beim letzten Mal. Keine Geräusche, kein Gewicht, kein Geruch.“
„Kein Gewicht? Wie meinen Sie das, Mademoiselle?“, hakte er nach.
„Hm“, überlegte Lisa und kratzte sich am Kopf. „Schwer zu sagen ... ich spürte es einfach.“
„War es, weil sie auf keiner Unterlage standen? Ein schwebendes Gefühl?“
„Ja, genau“, murmelte Lisa und runzelte die Stirn.
„Konnten Sie ihre eigene körperliche Begrenzung – also die Haut – wahrnehmen?“
„Ich glaube nicht“, meinte sie und fragte zurück: „Aber können wir das hier, in unserer Welt? Schliessen Sie mal ihre Augen in einem Raum, in dem es keine Luftzüge gibt. Die einzigen Orte, wo Sie diese Begrenzungen spüren können, sind ihre Fusssohlen, durch den Boden, auf dem sie stehen. Vielleicht auch noch durch das Gewicht einer Tasche in ihrer Hand, und in meinem Fall durch das Gewicht meines Haars, welches an meiner Kopfhaut zieht.“
„Interessanter Gedanke“, gab Dr. Pelletier zu. „Das würde heissen, dass ihr Eindruck entweder davon kommt, dass sie in diesem Moment keine körperliche Begrenzung besassen, oder aber ...“
„Oder aber, dass ich mich in einem Zustand der Schwerelosigkeit befand. Warum auch immer“, seufzte Lisa und machte eine hilflose Armbewegung. „Doch wie sollte so etwas möglich sein?“
„Anscheinend ist es möglich“, meinte er. „Ich sehe es als meine Berufung an, Möglichkeiten zu erforschen, Unerklärliches zu erklären. Das ist es, was mich seit Jahren bei der Stange hält! Das Wissen, das wir längst noch nicht alles wissen, und es vielleicht niemals tun werden. Stellen Sie sich das einmal vor, es gibt noch so viele Dinge herauszufinden!“

Seine Augen wirkten nun ganz entrückt, und Lisa wusste aus Erfahrung, dass die Diskussion um ihre seltsamen Erlebnisse nun beendet war. Es störte sie nicht, denn der nächste Anfall würde wieder geschehen, und vielleicht würde sie es dann schaffen, mehr Details zu erkennen. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie jetzt eh keine Zeit mehr hatte, darüber nachzugrübeln, und sie sagte:
„Es ist Zeit, beim Teilchenbeschleuniger nach dem Rechten zu sehen!“
„Sie haben Recht!“, rief Dr. Pelletier aus. „Kommen Sie mit und lernen Sie!“
Stundenlang gingen sie in der riesenhaften Apparatur von Station zu Station und kopierten sie Messergebnisse auf den speziellen Laptop des Wissenschaftlers, bis Dr. Pelletier am Abend sagte:
„Sie scheinen langsam zu wissen, was wo ist. Am Montag Nachmittag gehen Sie voran! Und am Montagmorgen erläutern wir die Messergebnisse. Doch jetzt ist Wochenende, zumindest für Sie! Sie sind schliesslich eine junge Frau und haben ein Leben!“
Den letzten Satz hatte er mit einem freundlichen, für ihn typischen Zwinkern gesagt, das Lisa wie immer zum Lächeln brachte. Wie schön, dass ihre Furcht, mit den meist männlichen Kollegen nicht zurecht zu kommen, sich nicht bewahrheitet hatte! Höflich wünschte sie ihrem Vorgesetzten eine gutes Wochenende und verliess das Gebäude, wobei sie sich von ein paar weiteren Kollegen verabschiedete.

Draussen schlug Lisa feuchte, unter die Haut gehende Kälte entgegen, wie so oft im Januar in dieser Gegend. Von Weitem sah sie schon ihren Bus kommen, fing an zu rennen und erwischte ihn gerade noch. Keuchend setzte sie sich an einen freien Platz, und schon eine Viertelstunde später war sie zuhause angekommen und betrat die gemütliche Dreizimmerwohnung nahe des Genfer Zentrums, die sie zusammen mit Leonie bewohnte.
Der Duft, der ihr entgegenschlug, liess das Wasser in Lisas Mund zusammenlaufen, und sie rief:
„Hallo, Mitbewohnerin! Was gibt’s denn Leckeres? Und darf ich auch was abhaben?“
„Lasagne, und – ja!“, kam es aus der Küche.
„Wo steckt Frédéric, ton amour?“, wollte Lisa wissen und betrat die Küche.
„Pah. Es hat sich aus-amourt! Der kann mich mal!“, knurrte Leonie, und jetzt sah Lisa, dass ihre Freundin ziemlich sauer aus der Wäsche schaute. Fragend hob sie ihre Augenbrauen, und Leonie verdrehte die Augen und erzählte:
„Er könne sich jetzt nicht binden, das hat er mir bereits gestern gesagt. Pah. Und heute? Da hab ich ihn mit so einer spindeldürren Kuh gesehen, und er wirkte sehr verbunden mit ihr. Männer!“
„Männer, in der Tat“, schimpfte Lisa, winkte ab und erinnerte sich an ihre letzte Beziehung, die aus ähnlichen Gründen geendet hatte. Nur hatte ihr bindungsscheuer Exfreund ihr zu seiner Hochzeit mit dieser Frau, die er erst seit wenigen Wochen kannte, eine Einladung geschickt, was sie damals fürchterlich getroffen hatte. Später hatte sie erfahren, dass das Baby schon unterwegs gewesen war, und sie war heilfroh gewesen, diesen Dummkopf los zu sein.
„Sein Pech“, meinte Leonie gleichmütig und wirkte schon wieder zufriedener. „Mehr Lasagne für uns! Hast du noch von dem Wein übrig? Den du zu Weihnachten geschenkt gekriegt hast? Ich muss schon sagen, deine Kollegen scheinen nett zu sein und wirklich eine Ahnung zu sein. Vielleicht sollte ich mein Glück mal mit einem Wissenschaftler versuchen!“
„Ich hab noch von dem Wein, ich hol ihn gleich aus dem Keller!“, sagte Lisa lächelnd und ging zur Tür. Dort drehte sie sich nochmals um und meinte: „Pass auf, was du dir wünschst! Meine Kollegen finden oft Neutronen und Protonen interessanter als weibliche Wesen!“
„Alles klar, Miss Simpson!“, witzelte Leonie, auf die kluge Tochter der bekannten Zeichentrickfamilie anspielend. „Nun geh schon!“

Minuten später schmausten die beiden Leonies Lasagne, genossen den edlen Tropen und redeten. Lisa erzählte, dass es heute schon wieder passiert war, und Leonie kommentierte:
„Ich möchte zu gerne wissen, was dahinter steckt, warum das mit dir geschieht. Ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, dass ausgerechnet du das erleben musst?“
„Nun“, meinte Lisa. „Von dir als Studentin der Philosophie habe ich so eine Frage erwartet. Ich weiss es, ehrlich gesagt, nicht! Mich interessiert erst mal, was überhaupt mit mir geschieht und wie es möglich ist! Ich habe mir schon überlegt, mal einen Psychologen aufzusuchen, aber ...“
Sie unterbrach sich und zuckte die Achseln.
„Ach, die meisten Psychoklempner kannst du vergessen. Die werden eine Psychoanalyse machen und feststellen, dass du mit deinem Vater Probleme hattest“, meinte Leonie mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Nun, die hatte ich. Probleme mit dem Vater, meine ich“, gab Lisa zu bedenken.
„Wer hatte die nicht“, gab Leonie zurück und verdrehte wider ihre himmelblauen Augen.
„Auch wieder wahr!“, lachte Lisa, zog den Haargummi vom Handgelenk und band ihre mahagonifarbene Mähne zu einem Pferdeschwanz zusammen, damit sie ihr beim Essen nicht in den Weg kam. Ihr Gegenüber betrachtete sie spekulierend und meinte dann:
„Die vom CERN können von Glück sagen, dass du dein Haar nie offen trägst. Die klugen Köpfe könnten gar nicht mehr denken und die Forschung würde stillstehen!“
„So ein Blödsinn“, kicherte Lisa. „Es ist doch nur Haar, nichts anderes!“
„Sei doch nicht immer so wissenschaftlich. Du hast jetzt Wochenende, Spass ist angesagt! Wollen wir nachher noch in die „Bar Léman“ gehen und uns einen Drink gönnen?“
„Was, nicht ins ‚Elan’?“
„Nein. Dort hängen zu viele Studienkollegen rum. Und damit auch Frédéric, diese Ratte“, erklärte Leonie.
„Ach so, ich verstehe. Na gut, dann halt ins Léman!“, fand Lisa. Dann assen die beiden schweigend ihre Teller leer, um sich anschliessend zurechtzumachen.

Eine halbe Stunde später sassen die beiden in der Hotelbar. Leonie trug cremfarbene, unten ausgestellte Hosen, dazu Stiefel mit hohen Absätzen und ein einfaches, enganliegendes Oberteil in derselben Farbe. Glitzernder Modeschmuck schmückte ihre Ohren und ihren Hals, und sie wirkte wie ein kleiner, blonder, kurviger Engel. Lisas Beine steckten in schwarzen Hosen. Diese waren jedoch eng, und die Stiefel, die sie darüber trug, hatten nur einen kleinen Absatz. Obenrum hatte sie eine weisse, leicht transparente Bluse mit einem hübschen Trägertop darunter angezogen, und Leonie hatte beim Verlassen der Wohnung gemeint, dass sie eher wie ein Supermodel als wie eine Studentin der Physik aussah.
„Blödsinn“, hatte Leonie trocken bemerkt. „Dafür wäre ich mit meinen 1.70 viel zu klein und auch noch zu alt!“
Das Argument, dass Kate Moss auch keine Riesin war, hatte sie ignoriert, denn die Welt der Mode interessierte sie nur begrenzt.
Ungeduldig warteten die beiden auf ihre Getränke, während gemütliche Lounge-Musik ertönte, und Leonie murrte:
„Jetzt weiss ich wieder, warum ich hier eigentlich nur im Notfall herkomme. Wo bleibt die Bedienung nur? So viel ist auch nicht los hier!“
„Warte mal“, sagte Lisa und reckte sich auf ihrem Barhocker. „Dort hinten ist sie, bei diese Menschentraube. Sieht aus, als ob sie mit jemandem flirtet.“
„Was?“
„Na, du weisst schon! Mit den Wimpern klimpern, Haare zurückstreichen, auffallend laut lachen, der ganze Klimbim eben“, erklärte Lisa und betrachtete die Szene neugierig.
Leonie drehte sich ebenfalls herum und meinte:
„Du scheinst recht zu haben. Na klar! Sie flirtet mit dem dunkelhaarigen Typen, der uns den Rücken zudreht!“
„Und wie. Schau mal, weiter hinten an der Bar, diese junge Frau mit den kurzen, braunen Haaren ... sie sieht ebenfalls in seine Richtung und scheint hin und weg zu sein. Der Typ muss ja bombastisch aussehen“, meinte Lisa und kicherte.
„Oder er hat ein bombastisches Portemonnaie und gibt riesige Trinkgelder“, bemerkte Leonie trocken. „Er müsste sich halt mal zu uns umdrehen, dann wüssten wir mehr!“
Beide brachen in schallendes Gelächter aus, und Lisa war froh, hergekommen zu sein. Dieser Abend versprach, amüsant zu werden!
Da schien das Objekt ihrer Beobachtung den Heiterkeitsausbruch, der hinter ihm stattfand, bemerkt zu haben, und er drehte sich langsam zu ihnen herum, und beiden Frauen verschlug es den Atem. Und dabei war es nicht mal dieses ungemein attraktive Gesicht mit den mandelförmigen, schwarzen Augen, der klassischen Nase und den vollen, geschwungenen Lippen, welches Leonie und Lisa so erstaunte, sondern der Umstand, dass sie diesen Mann kürzlich gesehen hatten, und zwar in einem Kino.
„Ich glaub’s nicht, das ist doch ... das ist doch ...“, stotterte Lisa herum und konnte nur starren, während der Dunkelhaarige seinen Mund zu einem süssen Lächeln verzog. Sie merkte gerade noch, wie Leonie sie am Arm packte, drehte den Kopf zu ihr herum, und plötzlich war sie weg, an dem Ort, wo es keine Geräusche, keine Beleuchtung, kein Gewicht und keine Gerüche gab.
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Beitrag Verfasst am: 11.01.2009, 16:48    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 3

Ein letztes Mal bummelten Liz und Keanu durchs verschneite Davos, bevor es nach Hause ging. Sein Team hatte den Final verpasst, die Enttäuschung war gross gewesen. Zu gerne hätte Keanu seine Karriere mit einem letzten Triumph abgeschlossen, doch das hatte nicht sollen sein. Inzwischen hatte er sich beruhigt und blickte wieder hoffnungsfroh in die Zukunft: Er hatte das Angebot bekommen, eine Juniorenmannschaft zu trainieren, und freute sich schon auf diese Aufgabe.
„Bleib doch mal da stehen, Süsse“, sagte er gerade, als sie an einem total verschneiten, weissen Hügel vorbeikamen. „Ich will gern ein Foto von dir machen! Dein Haar sieht so toll aus vor dem weissen Schnee!“
„Du hast doch schon hunderte solcher Fotos“, lachte Liz. „Na gut, dann drück mal ab!“
Er knipste, und sie wollten schon weitergehen, als ein Junge an Keanus Ärmel zupfte.
Stumm und augenscheinlich schüchtern schaute der Junge an ihm hoch, und Keanu fragte:
„Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Ja“, traute sich der Bub nach ein paar Sekunden zu sagen und fragte dann auf Englisch mit starkem Akzent:
„Sie sind doch der Torhüter der Kanadier? Dürfte ich ein Autogramm haben?“
„Natürlich“, meinte Keanu ein wenig erstaunt, er hätte nicht damit gerechnet, in dieser Gegend erkannt zu werden. In Nordamerika war es normal, dass gelegentlich Autogrammjäger bei ihm auftauchten, doch in Mitteleuropa kam das doch eher selten vor, ganz einfach, weil hier andere Sportarten populärer waren als Eishockey, zudem versteckte meist eine Schutzmaske sein Gesicht.
„Natürlich“, erwiderte er freundlich. „Hast du einen Kugelschreiber und ein Papier?“
„Ich habe das hier“, entgegnete der Junge und drückte Keanu ein kariertes Heft in die Hand, offensichtlich handelte es sich um ein Schulheft.“ Dann wühlte er in den vielen Taschen seiner Jacke, bis er schliesslich enttäuscht seinen Kopf schüttelte.
„Einen Moment, ich glaube, ich hab was“, mischte sich Liz ein und fing an, in ihrer Handtasche zu graben. Einige Sekunden später rief sie aus: „Bitte sehr!“ und förderte einen schwarzen Filzstift zutage, welchen sie ihrem Mann reichte. Dieser unterschrieb das Heft des Jungen auf einer freien Seite, gab es ihm zurück, dann setzten die beiden ihren Spaziergang fort.

„Hey, du hast hier einen Fan!“, meinte Liz, lächelte ihren Mann an und hängte sich bei ihm ein. „Ist doch süss, oder?“
„Nur einen Fan?“, gab Keanu zurück und machte einen übertriebenen Schmollmund.
„Zwei Fans!“, korrigierte sich Liz und küsste ihn auf die Wange, die er ihr hinhielt. „Erinnerst du dich? Du hattest Helm und Maske auf, als ich dich zum ersten mal sah! Ich war mit Deborah bei deinem Spiel, sie hat mich mitgenommen, um mich vom Heimweh abzulenken. Nach dem Spiel hatten wir auch dich gewartet, da habe ich dich zum ersten mal richtig gesehen, und du hast mich angelächelt. Später hast du uns mitgenommen, wir gingen tanzen, und ich brachte kein Wort raus. Weil mein Englisch noch nicht so gut war!“
„Und ich hab auch kaum was gesagt. Weil du mich so eingeschüchtert hast. Ich hatte gedacht, dass du genau eines dieser Girls bist, bei dem ich nicht landen kann. Weil ich nicht so gebildet bin und immer Schulschwierigkeiten hatte. Und du mit deinem Gymnasiumsabschluss ... ich kam mir richtig dumm vor neben dir!“
„Irgendwann habe ich dir klargemacht, dass Bildung und Intelligenz nicht dieselben Dinge sind. Und beim Schach hast du mich immer geschlagen“, schmunzelte Liz, als sie sich an die vielen Nachmittage und Abende erinnere, die sie mit Keanu brütend über einem Schachspiel verbracht hatte. Es hatte ein wenig gedauert, bis die beiden es schafften, normal miteinander zu reden. Doch irgendwann hatte sich Keanus Schüchternheit gelegt, und Liz’ Englisch war gut genug geworden, um sich unterhalten zu können, und erst nach Wochen wagte er es endlich, sie um ein Date zu bitten.
„Ich weiss“, meinte Keanu und kratzte sich am Kinn. „Meine Schwester hatte mir dafür die Hölle heiss gemacht!“
„Wieso das denn? Das wusste ich gar nicht“, wollte Liz wissen und blieb stehen.
„Sie hatte geglaubt, dass es besser sei, dich auch mal gewinnen zu lassen, da sich so nie eine Beziehung, sondern ein Konkurrenzkampf entwickeln würde. Ich hingeben dachte, dass es besser sei, dich ehrlich gewinnen zu lassen, da du es merken würdest, wenn ich absichtlich schlecht spiele, und dir damit die Freude nähme.“

Auf diese Worte hin blieb Liz ein paar Minuten lang stumm, dann erklärte sie:
„Zum Glück hast du nicht auf Kim gehört! So eine Unehrlichkeit hätte alles kaputtgemacht. Ich mochte solche Spiele nie, habe ihren Sinn nie verstanden!“
„Ich auch nicht“, meinte er leise. „Und genau aus diesem Grund wollte auch dich auch besser kennenlernen. Natürlich nicht nur aus diesem Grund. Ich fand dich auch sexy!“
„Ich dich doch auch! Ich mochte immer deine schönen, grossen Hände und deine Augen, in denen so oft der Schalk geschrieben stand“, meinte Liz. „Und so wurde aus einem Sprachaufenthalt ...“
„... ein Aufenthalt für immer!“, ergänzte Keanu und drückte sie fest an sich. „Zum Glück war dein Englisch so mies. Sonst wärst du nach der Schule arbeiten gegangen ...“
„... und ich hätte Zürich so rasch nicht verlassen!“, beendete sie seinen Satz. „Eigentlich hatten sich meine Eltern erhofft, dass ich nach einem Jahr Sprachaufenthalt genug Mumm haben würde, mein Studium zu beginnen. Falsch gedacht! Das hätte ich so oder so nicht getan! Nach der ganzen Büffelei für die Fremdsprachen war ich einfach schulmüde! Doch das sagte ich den liebe Eltern natürlich nicht. Sonst hätten sie mich bei diesem Austausch nie unterstützt.“
„Und ich hätte meinen Nummer-Eins-Fan nie kennengelernt“, meinte er und wirkte auf einmal ungewöhnlich nachdenklich. „Ob ich dann auch so motiviert gewesen wäre, mit dem Sport weiterzumachen? Ich hatte da mehr als einen Durchhänger, und so oft waren es deine glänzenden Augen, die mir wieder Mut gemacht haben, die mich dazu gebracht haben, die harten Trainings durchzuhalten und es leichter wegzustecken, wenn ich mal wieder eine Ewigkeit auf die Reservebank verbannt wurde!“
Die beiden hatten ihre Augen geschlossen und genossen einfach die Nähe des anderen, so blieben sie eine ganze Weile lang stehen, bis es an der Zeit war, die Koffer zu holen und sich auf den Weg zum Flughafen zu machen.

Stunden später sassen sie im Flugzeug und wurden vom Schub des Starts in ihre Sitze gedrückt. Liz, die nicht gerne flog, war froh, dass sie Keanus Hand so stark quetschen durfte, wie sie konnte, gleichzeitig machte sich Wehmut in ihr breit. Zu gerne hätte sie ihre Eltern gesehen, doch diese befanden sich auf unbestimmte Zeit auf einer Weltreise, um die Frühpensionierung von Liz’ Vater zu feiern. Um die Melancholie nicht noch zu vertiefen und zuhause tagelang unter Heimweh zu leiden, hatte sie Keanus Vorschlag, einige Tage in ihrer alten Heimat zu verbringen, abgelehnt.
Endlich hatte der Flieger seine endgültige Flughöhe erreicht, und das Essen wurde serviert. Sie hatten die Schweiz hinter sich gelassen, und je weiter sie sich entfernte, desto besser ging es Liz wieder. Sie freute sich auf ihr Haus und auch auf ihre alte Freundin Debbie, und sie freute sich auch auf ihre Zukunft. Sie und Keanu hatten einmal die Abmachung getroffen, dass sie erst dann ernsthaft über Kinder nachdenken würden, wenn er sich endgültig vom Profisport verabschiedet hatte, und nun war es endlich soweit.
„Ich freu mich schon aufs üben“, hatte er ihr augenzwinkernd gesagt, und ihr ging es ganz genauso. Sie fühlte sich bereit dazu, Mutter zu sein, zudem war ihr Mann ein zärtlicher und leidenschaftlicher Liebhaber, sodass sie darauf hoffte, sich die Elternschaft so hart wie möglich erarbeiten zu dürfen.

Doch es gab da eine Sache, die in ihr ungute Gefühle weckte: Der Besuch beim Psychiater. Keanu hatte sie dazu gebracht, sich noch von der Schweiz aus mit Debbies Hilfe einen Termin geben zu lassen, da er fürchtete, dass sie versuchen würde, sich zu drücken. Sie hatte ihm diesen Gefallen getan, und sie hätte es so oder so gemacht. Seit klar war, dass sie eine Familie gründen wollten, sah sie die Notwendigkeit ein, sich genau untersuchen zu lassen, zumindest, um auszuschliessen, dass hinter ihren Aussetzern eine vererbbare Krankheit steckte.

Liz beschloss, jetzt nicht über dieses Thema nachzudenken. Ihr Mann schlief ein, sobald die Flight Attendants das Essen wieder abholen, und sie tat es ihm gleich und erwachte erst wieder, als der Landeanflug begann.

Debbie holte die beiden ab, ihr Mann war zuhause geblieben, um auf die kleine Olivia aufzupassen, die krank war. Zuhause angekommen, faulenzten Liz und Keanu, bis es dann für ihn an der Zeit war, die ersten Gespräche über seine neue Aufgabe zu führen. Bald ging es dann für ihn darum, seine neue Mannschaft kennenzulernen, einen Trainingsplan aufzustellen und mit dem Training zu beginnen, so war er häufiger ausser Haus. Liz nahm ihre Teilzeittätigkeit – das Betreuen von Kindern in einer nahen Krippe – wieder auf, und so verging die Zeit immer schneller. Der gefürchtete erste Termin beim Psychiater kam immer näher, und dann war er da. Sie sass mit Keanu im Wartezimmer, und ihr Magen krampfte sich beim Gedanken daran, was vor ihr lag, zusammen.

„Das wird schon werden“, sagte er ihr leise und drückte beruhigend ihre Hand.
„Ich hoffe es“, murmelte sie. „Was, wenn es was Erbliches ist?“
„Lass uns jetzt nicht ängstlich sein“, erwiderte er und versuchte ihr mit seinen liebevollen, braunen Augen ein bisschen Ruhe zu vermitteln. „Vielleicht gibt es eine ganz einfache, harmlose Erklärung!“
„Ich hoffe es“, seufzte Liz. Erst gestern hatte sie Debbie erzählt, warum sie sich endlich bereit erklärt hatte, diesen Termin wahrzunehmen und sich nicht mehr sträubte, der Sache auf den Grund zu gehen. Debbie war ihr glücklich um den Hals gefallen, und sie hatte mit aller Deutlichkeit gefühlt, wie sehr sie sich ein Kind wünschte. „Aber ich habe solche Angst!“
„Ich warte um die Ecke“, versprach Keanu, hielt ihr nun beide Hände und lächelte sie an. „Und wenn irgendetwas ist: Schrei! Dann komm ich dich retten, okay?“
‚Ja. Bitte rette mich, genau jetzt’, bat Liz ihn in Gedanken, und schon fühlte sie es wieder, dieses leichte Surren im Hinterkopf. ‚Hilf mir, ich will das nicht mehr!’
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Beitrag Verfasst am: 13.01.2009, 00:07    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 4

„Deine Augen! Lisa, du hattest wieder das mit deinen Augen! Ist es wieder passiert?“, rief Leonie.
Langsam fand sich Lisa wieder zurecht. Sie saß in dieser Bar. Mit Leonie. Hatte jemanden entdeckt, war anscheinend wieder weggetreten. Sie nickte, drehte ihren Kopf langsam nach links und nach rechts, dann schaute sie Leonie in die Augen und flüsterte:
„Ja! Schon zum zweiten Mal heute. Was soll das? Hey, und dieses mal hatte ich sogar eine Halluzination!“
„Ach was!“, staunte Leonie, dann dachte sie nach. „Was für eine denn?“
„Ich habe tatsächlich geglaubt, Keanu Reeves gesehen zu haben. Ausgerechnet hier! Moment mal, das war, bevor ich weggetreten bin ... Leonie, spinn ich jetzt? Oder haben die mir was in den Drink gemixt?“
„Nein, und nein, um deine Fragen zu beantworten. Wir haben unsere Drinks noch gar nicht gekriegt. Du erinnerst dich, die flirtende Bardame. Und rate mal, wen sie da so anschmachtete! Schau mal nach da drüben!“
Lisa schaute nach links, und tatsächlich, der Filmstar saß leibhaftig dort! Doch er lächelte nicht mehr, sondern wirkte irgendwie verwirrt – oder sogar besorgt?

„Wow, ich spinn also nicht“, flüsterte Lisa. „Er ist es tatsächlich!“
„Genau“, wisperte Leonie. „Und er hat vorhin zu uns rübergelächelt. Als du weggetreten warst! Hach, ich glaubte schon, die Sonne geht auf! Und schau mal ...“
„Ja?“, erwiderte Lisa.
„Er schaut immer noch zu uns hin. Besser gesagt, zu dir!“
„Ich kann nicht hinschauen“, flüsterte Lisa und betrachtete ihre Freundin entsetzt. „Sonst fall ich noch vom Stuhl vor Nervosität!“
„So kenn ich dich gar nicht! Du und nervös, wegen eines Mannes?“
„Das ist nicht irgendein Mann. Er hat in einem der intelligentesten Filme mitgespielt, die ich kenne!“, erwiderte Lisa.
„Du meinst ‚Matrix’?“, riet Leonie. „Der war ja schon cool ... aber so wirklich verstanden hab ich den nie!“
„Das war doch gar nicht so kompliziert! Hör mal ...“ setzte Lisa zu einer Erklärung an, da fasste ihr Leonie an den Arm und zischte:
„Schau jetzt nicht hin. Er schaut immer noch zu uns, und jetzt steht er auf!“
„Na, jeder muss mal zur Toilette“, murmelte Lisa und betrachtete interessiert ihre Fingernägel.
„Er kommt auf uns zu! Ich werd wahnsinnig! Du meine Güte, ich glaub, ich kann jetzt gar kein Englisch mehr!“

„Ladies? Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“, sprach da eine tiefe, warme Stimme neben ihnen, und die beiden Frauen blickten hoch, direkt ins Gesicht des Schauspielers. Lisa schielte zu ihrer Freundin hin, deren Gesicht knallrot angelaufen war, und sie befürchtete, dass ihr gerade dasselbe passierte, denn ihr Kopf wurde mit einem Mal glühend heiß. Leonie sagte kein Wort, blickte nur verzweifelt zwischen Lisa und Mr. Reeves hin und her, und da wusste Lisa, dass es an ihr lag, Höflichkeit zu zeigen und dem Mann die Frage zu beantworten. Nur die Ruhe, sagte sie sich selbst. Auch dies war ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Fehlern und Schwächen, auch er hatte mal einen Pickel, miese Laune oder ein Loch in der Socke.

„Ja, alles bestens“, sagte sie mit etwas heiserer Stimme und musste husten.
„Ich besorge Ihnen etwas zu trinken. Cola für beide vielleicht? Sie haben vorhin so ausgesehen, als ob ihnen schwindlig ist“, schlug er vor, und schon hatte er sich zum Tresen umgedreht und die Bestellung aufgegeben. Eine Minute später hielten er schon die Getränke in der Hand und überreichte sie den Frauen. Als Lisa ihm das Colaglas aus der Hand nahm, berührten sich ihre Finger kurz, und ihr war, als würde sie ein Stromschlag treffen. Erstaunt schaute sie ihm in die Augen, und der dunkle Glanz in ihnen sagte ihr, dass er das auch gespürt hatte. Es musste einfach so sein!
‚Blödsinn’, schimpfte Lisa in Gedanken mit sich selbst, da erinnerte sie sich wieder an das Gebot der Höflichkeit. Leonie war zu nichts mehr zu gebrauchen, sie staunte bewundernd am edlen Spender hoch und himmelte ihn offensichtlich an, deswegen sagte Lisa leise:
„Dankeschön! Wir haben schon eine Ewigkeit auf unsere Getränke gewartet!“
Dabei schaute sie ihm in die Augen, und ihr war, als würde sie in diesen dunklen Tiefen etwas entdecken ... doch was? Sie konnte den Gedanken nicht weiterverfolgen, denn ihre Mitbewohnerin hatte ihre Sprache wiedergefunden, streckte ihm die Hand hin und hauchte:
„Hi! Ich bin Leonie!“
Lisa war ein wenig enttäuscht, als der Blickkontakt abbrach, andererseits war sie froh darüber, dass Leonie nun wieder reden konnte, so lag die Last der Unterhaltung nicht mehr auf ihr allein.
„Ich bin Keanu“, erwiderte der Angesprochene und ergriff Leonies Hand, die daraufhin strahlend lächelte und hauchte:
„Ich weiss!“
Lisa streckte schüchtern ihre Hand aus, er ergriff sie und fragte sie:
„Und du bist ...?“
„Lisa“, stellte sie sich vor und wollte etwas Belangloses hinzufügen, doch es gelang ihr nicht. Wie schon vorhin, hielt sein Blick sie gefangen, und den Druck seiner großen Hand zu spüren, machte sie ein wenig atemlos. Er lächelte sie zwar nicht an, doch sein Gesichtsausdruck war freundlich, und seine Augen hatten einen warmen Glanz.
„Und was hat euch zwei hierhin verschlagen? Wohnt ihr hier oder seid ihr Touristinnen?“, fragte er und ließ Lisas Hand wieder los, und daraufhin beruhigte sie sich etwas.

„Wir sind von hier“, beantwortete Lisa die Frage, und Leonie ergänzte:
„Wir bewohnen zusammen eine WG, wir studieren nämlich beide!“
„Was denn, wenn ich fragen darf?“, wollte Keanu wissen, und Leonie beantwortete die Frage, während Lisa stumm blieb. Sie beobachtete, wie die beiden sich angeregt über Platon und Aristoteles unterhielten, und fühlte sich plötzlich ausgeschlossen. So jedenfalls interpretierte sie den feinen Stich, den sie in ihrem Brustkorb spürte. Ihr eigenes Studienfach gefiel ihr, es faszinierte sie, doch manchmal machte es sie traurig, dass Außenstehende die Physik eher langweilte und ihr nicht lange zuhören mochten. Irgendwann begannen Lisas Gedanken, abzuschweifen, sie dachte zuerst über ihre vergangene Arbeitswoche nach, über die Hilfe, die ihr Dr. Pelletier anbot, und schließlich landete sie bei ihren seltsamen Ausflügen ins Nichts. Wo lag wohl die Ursache, war sie psychisch, oder gab es irgend eine andere Erklärung? Und würde sie sie jemals finden?
Lisa zuckte zusammen, als jemand ihren Arm berührte, und sofort wurde sie wieder in die Wirklichkeit zurück transportiert. Sie schaute auf und blickte geradewegs in Keanus fragendes Gesicht. Er hatte sie etwas gefragt, doch was denn bloß? Sie versuchte, es sich zusammenzureimen, hatte aber keine Chance, es herauszufinden.
„Was denn dein Studienfach ist, wollte er wissen“, flüsterte Leonie ihr zu, und errötend beantwortete Lisa die Frage.
„Physik! Das ist ja faszinierend“, erwiderte Keanu, und schon wollte Lisa sich enttäuscht ihrem Drink zuwenden, weil dies eine absolute Standardreaktion war. Doch dann fing er an, sie auszuquetschen, und sie beobachtete erstaunt, wie seine Augen zu strahlen anfingen, als sie erzählte, dass sie gerade im CERN ein Praktikum absolvierte.
„Zu gerne würde ich dort mal reinschauen“, meinte er gerade begeistert. „Was ist eigentlich aus diesem Experiment geworden, in dem man den Urknall nachspielen wollte?“
„Es ist leider fehlgeschlagen“, erwiderte Lisa. „Die Details kann ich leider nicht erklären, dafür reicht mein Wissen leider nicht aus.“
„Noch nicht, wie ich doch hoffe!“, schmunzelte er. „So ein kluger Kopf muss doch benutzt werden, wäre doch ewig schade drum!“

Wär doch ewig schade drum. Diese Worte hatte sie doch schon einmal gehört! Mit diesen Schulnoten gehöre sie an die Uni, hatte ihr Vater gesagt, als sie das Gymnasium als Jüngste ihrer Klasse beendet hatte. Das mit den Fremdsprachen könne man richten, beispielsweise mit einem Sprachaufenthalt, hatte der Papa gemeint. Lisa erinnerte sich noch gut an den Druck, der ihr damals übergroß erschienen war. Ihre Reaktion darauf war heftig gewesen: Sie weigerte sich schlicht, näher über den Austausch nachzudenken, den der Vater ihr vorschlug. Ihre Freunde hatten sie dafür allesamt für verrückt erklärt, wer schlug schon ein Jahr in Kanada aus? Doch Lisa ging es ums Prinzip, sie hatte genug von der Einmischerei. Also suchte sie sich eine Lehrstelle, und drei Jahre später kam sie in einem Industriebetrieb als kaufmännische Angestellte unter. Nach einigen Jahren kam eine diffuse Unzufriedenheit auf, die sich irgendwann nicht mehr ignorieren ließ, und der Gang zum Berufsberater zeigte auf, dass Lisa geistig massiv unterfordert war und sich bei der Arbeit schlichtweg langweilte.
Lange hatte sie hin- und herüberlegt, und letztendlich schrieb sie sich in der Uni Zürich ein. Ihr Arbeitgeber löste den Arbeitsvertrag aus und beschäftigte sie im Stundenlohn, sodass sie sich finanziell über Wasser halten konnte.

Keanus Bemerkung erinnerte Lisa daran, wie sie ihrem Vater von ihrem Entscheid, nun doch zu studieren, berichtet hatte. Er war fast geplatzt vor Stolz und Freude, und er hatte genau dieselben Worte benutzt wie Keanu eben. Sie lächelte, und als ihr Gegenüber sich erkundigte, was denn mit ihr los sei, erklärte sie es ihm in kurzen Worten.
„Man muss seinen Weg halt selbst suchen und finden“, kommentierte Keanu ihre Erzählung nachdenklich, und seine Augen blickten ins Leere.
„Wie hast du deinen gefunden?“, wagte Lisa zu fragen, und nach langem Nachdenken sagte er leise, ohne sie anzuschauen:
„Das Theater, die Schauspielerei – das war es letztendlich, was mich am meisten angezogen hat. Ich hatte zwar noch den Sport im Kopf, doch da hat letztendlich die Motivation gefehlt.“
„Was wäre denn das für eine Sportart gewesen?“, wollte Leonie wissen, und er antwortete:
„Eishockey. Doch ich war ein schlechter Teamplayer, wollte nie hören, war aufsässig, und irgendwann verlor ich den Mut. Gleichzeitig fühlte ich mich auf der Bühne immer heimischer, und so ...“
„... können wir dich nun im Kino bewundern statt in der Sportschau“, vollendete Leonie den Satz, und die drei lachten.

Ein lebhaftes Gespräch entstand nun, und die Zeit verging wie im Flug. Lisa und Leonie erfuhren, dass Keanu sich in der Schweiz umsehen wollte, um sich allenfalls niederzulassen – zumindest für eine Weile, um dem Rummel in den USA zu entkommen. Er hatte die Schweiz früher einmal besucht und festgestellt, dass man hier viel zurückhaltender und höflicher mit ihm umging als anderswo. Paparazzi hatte er hier nie welche gesehen, und selbst die Reporter der Klatschblätter gaben sich hier zurückhaltender als in anderen Ländern.
Irgendwann gähnte er und meinte:
„Entschuldigt bitte, ich muss mich hinlegen. Ich bin erst gestern angekommen, und meine innere Uhr ist total durcheinander!“
„Kein Problem“, antwortete Lisa, die sah wie klein seine Augen geworden waren. „Für uns ist es auch an der Zeit, Feierabend zu machen!“
„Danke für ihr Verständnis!“, erwiderte er. Dann reichte er zuerst Leonie, dann Lisa die Hand, um sich zu verabschieden, und machte sich auf dem Weg zum Ausgang. Dann blieb er stehen, kam mit gesenktem Kopf nochmals zurück, und murmelte, ohne die beiden richtig anzuschauen:
„Ich hab noch was vergessen zu fragen.“
„Was denn?“, fragten die beiden im Chor.
Er hob den Kopf, und der Blick, der Lisa traf, berührte sie in ihrem Innersten. Sekundenlang betrachtete er sie schweigend, dann sagte er leise:
„Ich bin noch für einige Tage hier. Werde ich euch vielleicht nochmals hier antreffen?“
„Äh“, stammelte Lisa, die nun völlig außer Fassung war, und Leonie antwortete für sie beide:
„Ich denke schon, wir sind oft hier!“
Er lächelte strahlend, dann schaute er wieder verlegen auf den Boden, bevor er sich umdrehte und das Lokal wortlos verließ.
Minutenlang starrten sich die Frauen an, bis Lisa das Schweigen durchbrach:
„Was war das denn!“
„Ich weiss es nicht“, meinte Leonie. „Warum er wohl nochmals zurückgekommen ist?“
„Keine Ahnung! Vielleicht fühlt er sich ein wenig alleine und ist froh, jemanden zum Reden zu haben!“
„Ich weiss nicht“, überlegte Leonie und kratzte sich am Kopf. „Wie er dich angesehen hat ...“
„Ach, Blödsinn“, wehrte Lisa ab und spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. „Was meinst du, wollen wir uns auch langsam auf den Heimweg machen?“
„Gerne, ich bin hundemüde! Aber so leicht kommst du mir nicht davon. Er hat dich angesehen, als ob du die erste Frau bist, die er je zu Gesicht bekommen hast!“, erwiderte Leonie, während sie in ihre Jacke schlüpfte.
„Das bildest du dir bloß ein“, murmelte Lisa und schaute ihre Freundin nicht an, während sie ihre Jacke anzog. Sie machten sich auf dem Weg zur Ausgangstür, und schon bald schlug ihnen die kalte Nachtluft entgegen.
„Ich bilde mir gar nichts ein“, widersprach Leonie, während sie durch die Dunkelheit eilten. „Ich glaube, er ist sogar ein bisschen rot geworden. Süß!“
„Das konnte man bei dem gedämpften Licht doch gar nicht erkennen“, behauptete Lisa. „Außerdem ist er alt genug! So schnell wird der nicht mehr rot!“
„Tja, wir werden sehen!“, kicherte Leonie. „Da sind wir schon. Schnell rein in die warme Stube!“
„Zum Glück sind wir in der Nähe geblieben“, meinte Lisa, als sie händereibend die Treppe hochgingen.
„Und wir werden diese Bar in den nächsten Tagen noch öfters besuchen! Wir müssen doch rauskriegen, ob er wiederkommt!“
„Ach was“, wehrte sich Lisa nicht sehr überzeugend, und Leonie doppelte nach:
„Sag bloß nicht, dass er dich nicht fasziniert hat! Diese Augen, oh Mann! Und hast du die großen Hände gesehen? Du weißt doch, was man über Männer sagt, die große Hände haben?“
„Ach, halt doch die Klappe“, erwiderte Lisa grinsend.

Später lag sie im Bett, konnte aber nicht einschlafen. Ja, Keanus dunklen Augen verfolgten sie, das musste sie zugeben. Klar, er sah schon sehr gut aus, und wenn er lächelte, ging die Sonne auf, aber es waren diese schwarzen, glänzenden Augen, in denen sie irgend etwas entdeckt hatte, das sie nicht mehr losließ. Lisa wollte unbedingt herausfinden, was sich hinter diesen Augen verbarg.
Ja. Leonie hatte recht, er faszinierte sie auch, und sie hoffte inständig, dass sie ihm nochmals über den Weg laufen würde. Sie schloss ihre Augen und sah nochmals dieses strahlende Lächeln vor sich, das sie getroffen hatte, bevor sie sich mal wieder ins Nichts verabschiedet hatte. ‚Dieses Lächeln sollte es auf Rezept geben’, ging ihr als letztes durch den Kopf, bevor die ihr wohlbekannte Desorientierung eintrat und es nicht mehr lange dauerte bis zu ihrem nächsten Ausflug ins Nichts.
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Beitrag Verfasst am: 22.01.2009, 21:53    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 5

„Nun, ein wenig habe ich über den Grund ihres Besuchs bereits erfahren. Sekunden, in denen sie nicht wissen, was um Sie herum geschieht, Desorientierung“, meinte Dr. Bernauer Liz, und die blauen Augen hinter den dicken Brillengläsern betrachteten sie genau. „Zum einen werden wir das genau miteinander besprechen, damit ich mehr Details erfahre. Wir müssen jedoch einige Untersuchungen machen, um mögliche psychische Ursachen auszuschließen. Nach unserer Vorbesprechung hier gebe ich sie gleich in die medizinische Abteilung weiter, wo ein EEG gemacht wird.“
Liz schaute ihn nur mit großen Augen an, und Dr. Bernauer erklärte:
„Davor brauchen Sie sich nicht zu fürchten! Das Ganze dauert nur 30 Minuten. Ihnen werden Elektroden am Kopf befestigt, und während einer halben Stunde werden Ihre Gehirnströme gemessen, während Sie verschiedenen Reizen ausgesetzt werden. Wir werden auch eine Kernspintomographie anfertigen lassen, dafür brauchen Sie aber einen Termin bei der Uniklinik.“
Dr. Bernauer fing Liz’ fragenden Blick auf und erläuterte:
„Sie werden in eine Röhre geschoben, und darin wird sozusagen ein Bild vom Inneren ihres Kopfes aufgezeichnet. Auch diese Untersuchung ist nicht schmerzhaft. Leiden Sie unter Platzangst?“
„Nein, tu ich nicht“, meinte Liz, und der Doktor machte sich eine entsprechende Notiz.
„Eventuell ordne ich noch einen PET an. Soll ich es ihnen erklären?“, fragte er, als er Liz’ verwirrten Blick bemerkte.
„Nein, lieber nicht. Das wird ein bisschen viel“, bekannte sie und atmete tief durch.
„Nun, dann lassen wir das vorerst auf der Seite. Bevor ich ihnen einige Fragen stelle, möchte ich ihnen mitteilen, dass sie keinerlei Grund haben, sich unwohl zu fühlen. Der menschliche Geist ist komplex und in vielerlei Hinsicht immer noch rätselhaft – auch für uns Mediziner. Wie jedes komplexe Ding können Fehler passieren, und das geschieht häufiger, als Sie vielleicht denken. Dass Sie hier bei mir sitzen, bedeutet nicht, dass Sie nicht normal sind. Sie haben keinen Grund, sich zu fürchten! Okay?“
„Okay“, sagte Liz leise, betrachtete den kahlköpfigen Arzt und harrte der Dinge, die da kamen.

„Gut, dann fangen wir an. Beschreiben Sie mir, was bei einem typischen Anfall geschieht.“
Liz atmete tief durch, dachte nach und erklärte:
„Zuerst weiss ich nicht, wo ich bin. Ich sehe und höre nichts. Dann dringen langsam Geräusche zu mir durch. Ich öffne die Augen und fühle mich zuerst desorientiert.“
„Das heißt, sie wissen zuerst nicht, wo sie sich befinden?“
Liz nickte bestätigend.
„Können Sie ungefähr sagen, wie lange so ein Anfall dauert?“
Liz dachte nach und murmelte: „Ein paar Sekunden? Minuten? Es ist schwer zu sagen!“
Dr. Bernauer machte einige Notizen, dann stellte er die nächste Frage:
„Während Sie in diesem Anfall drinstecken, verspüren Sie Schmerzen oder andere auffallende Symptome?“
Liz dachte angestrengt nach, schüttelte zuerst den Kopf und korrigierte sich dann:
„Ich habe eine Art Surren im Hinterkopf. Aber weh tut das nicht.“
„Wie sieht es mit Krämpfen aus?“
Sie verneinte, und er hob die buschigen Augenbrauen und machte sich eine Notiz.
„Wie häufig leiden Sie unter den Anfällen? Täglich? Mehrere Male pro Woche?“
„Es ist nicht immer gleich“, erwiderte Liz. „Während ich in Davos war, kam es beinahe täglich vor. Seit ich wieder zurück bin, hatte ich keinen Aussetzer mehr. Ob das etwas mit der Reise zu tun hatte, oder mit dem Klimawechsel?“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Sagen Sie, wie lange haben sie diese Anfälle schon? Erinnern Sie sich an den ersten Anfall?“
Liz dachte scharf nach, dann musste sie eingestehen, dass sie es nicht mehr wusste.
„Ich glaube, ich war schon ein paar Jahre hier, als es losging. Ich bin aber nicht mehr sicher.“
„Hm“, meinte Dr. Bernauer und kratzte sich am Kinn.
„Nun, sicher können wir noch nicht sein, aber dies klingt mir nicht nach einer Epilepsie.“
„Wäre denn das möglich gewesen?“
„Ich hatte diesen Gedanken, aber ... jetzt nicht mehr“, erwiderte er und blickte auf die Uhr. „Ausschließen können wir es aber erst, wenn wir die Ergebnisse der Untersuchungen haben. Gleich ist es Zeit fürs EEG. Eine Schwester zeigt ihnen den Weg. Danach begeben Sie sich bitte ins Wartezimmer, bis ich Sie abhole, in Ordnung? Sind Sie alleine hier?“
„Nein, mein Mann ist mitgekommen.“
„Gut!“, meinte Herr Bernauer und lächelte. „Dann also bis später!“
Liz stand auf, reichte dem Psychiater, der sich ebenfalls erhoben hatte, die Hand, dann verließ sie das Zimmer.

In der nächsten halben Stunde saß Liz da und hatte nichts anderes zu tun, als ruhig dazusitzen, gelegentlich die Augen zu schließen und wieder zu öffnen, auf verschiedene Geräusche zu hören und einige einfache Rechenaufgaben zu lösen. Währenddessen zeichneten die etwa zwanzig Elektroden, die auf ihrem Schädel verteilt waren, die Gehirnströmungen auf und sendeten sie per Kabel an ein Gerät. Dann war der Spuk schon wieder vorbei, und sie konnte sich ins Wartezimmer begeben, wo Keanu nervös hin- und herging.
„Und? Haben sie schon etwas herausgefunden?“, fragte er, als er sie entdeckte, ging auf sie zu und nahm ihre Hand.
„Nein, eigentlich nicht. Es ist wahrscheinlich keine Epilepsie, aber man kann es nicht mit Sicherheit sagen“, berichtete Liz.
„Und wie geht es jetzt weiter?“
„Dr. Bernauer kriegt jetzt das Ergebnis des EEG, danach muss ich nochmals zu ihm rein. Später soll ich noch in die Röhre. Ich weiss nicht mehr, wie diese Untersuchung heißt. Er will sicher sein, dass hinter den Anfällen keine physischen Ursachen stecken.“
„Hat er schon eine Idee, was die Ursache sein könnte?“, fragte Keanu, und eine Falte grub sich zwischen seine Augenbrauen.
„Nein. Ich muss wohl abwarten, was er nachher sagt. Ich denke, man wird auch psychische Ursachen abklären müssen.“
„Komm, setzen wir uns“, schlug Keanu vor, ließ sich nieder und wollte Liz mitziehen. Da merkte er plötzlich, wie sie plötzlich steif wurde und zu zittern anfing und murmelte:
„Hast du Angst?“
Liz nickte, da zog er sie auf seinen Schoss, drückte sie sachte an sich, streichelte sanft ihren Rücken und redete leise auf sie ein. Langsam wurde sie wieder ruhiger, blickte ihrem Mann ins Gesicht, betrachtete die Narbe an seinem Kinn und war einfach froh, dass sie ihn hatte. Seine warmen, braunen Augen blickten verständnisvoll, und sie fühlte sich bei ihm sicher, nicht nur, weil er so groß und kräftig war, sondern auch, weil seine Ausgeglichenheit ihn zum Felsen in der Brandung machte.
„Besser?“, murmelte er, und als sie ihn versonnen anlächelte, zog sie etwas näher heran und küsste ihre Schläfe.
„Ja“, meinte sie, und ihr Puls erhöhte sich nun aus einem angenehmen Grund. „Aber jetzt setz ich mich besser neben dich, sonst ...“
„Du hast recht“, seufzte er. „Sonst schmeißen die uns noch wegen unsittlichen Verhaltens im Wartezimmer raus!“
Gerade rechzeitig wechselte Liz den Platz, da öffnete sich die Tür und die Arzthelferin bat beide, sich zu Dr. Bernauer zu begeben.

„Setzen Sie sich“, meinte der Psychiater und sagte dann, zu Keanu gewandt:
„Ich habe Sie absichtlich mit hereingebeten, da Sie eventuell behilflich sein könnten.“
Keanu nickte, und Dr. Bernauer erkundigte sich bei Liz, ob es in Ordnung sei, wenn ihr Mann auch mithörte.
„Wir haben nichts voreinander zu verbergen“, erwiderte Liz mit leiser Stimme, Keanus Hand, die ihre hielt, gab ihr Sicherheit.
„Nun: Das Ergebnis des EEG zeigt auf, dass mit ziemlicher Sicherheit kein Verdacht auf Epilepsie besteht. Wie ich es schon erwartet habe.“
Keanus erleichtertes Aufatmen zeigte, dass auch er sich wegen dieser Möglichkeit schon Sorgen gemacht hatte, und Dr. Bernauer fuhr fort:
„Ihre Gehirnströme sehen völlig normal aus. Nichts darauf deutet darauf hin, dass eine physische Störung besteht.“
„Heißt das, dass mein Problem psychischer Natur ist?“, wollte Liz wissen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, und sie klammerte sich nun förmlich an Keanus Hand fest.
„Sagen kann man das erst nach dem Kernspintomogramm, aber es sieht ganz danach aus. Bitte vergessen Sie nicht, was ich ihnen vorhin gesagt habe“, fügte Dr. Bernauer hinzu, als er ihr entsetztes Gesicht sah. „Auch wenn es eine psychische Ursache gibt: Dafür gibt es eine Erklärung! Es kann dauern, bis wir sie finden und an einer Lösung arbeiten können, aber wir werden alles daran setzen.“
„Was gibt es für Analysemöglichkeiten?“, wollte Keanu wissen und blickte dem Psychiater ins Gesicht.
„Nun, wir beginnen am Besten mit der Ursachenforschung“, erklärte Dr. Bernauer und schaute Liz’ Ehemann fest in die Augen. „Wir müssen herausfinden, wann diese Anfälle begonnen haben was zu jener Zeit im Leben ihrer Frau aktuell war. Und genau hier könnten Sie behilflich sein.“
„Vielleicht solltest du Debbie einweihen“, schlug Keanu vor und betrachtete Liz nachdenklich. „Du kennst sie schon, seit du nach Kanada gekommen bist! Und ihr steht euch sehr nahe.“
„Gute Idee“, meinte Dr. Bernauer, und Liz nickte.
„Autogenes Training könnte helfen, vergrabene Erinnerungen wieder hervorzuholen“, erklärte der Psychiater. „Ich erkläre es ihnen, wenn es soweit ist.“
„Ist das so etwas wie Hypnose?“, hakte Keanu nach.
„Nicht ganz, aber gibt Gemeinsamkeiten. Übrigens könnte man auch eine Hypnose zu Hilfe nehmen. Sofern das Unterbewusstsein ein Trauma verdrängt, wäre dies die Abkürzung zur konventionellen Analyse. Allerdings ...“
„Allerdings was?“, meldete sich Liz zu Wort, und ihre Stimme klang in ihren Ohren merkwürdig hohl.
„Die Hypnose muss mit Bedacht durchgeführt werden“, warnte Dr. Bernauer. „Plötzlich hochkommende Erinnerungen können einen Schreck auslösen, der nur schwer zu verkraften ist. Natürlich bin ich dann für Sie da, dennoch könnte diese Erfahrung unangenehm sein. Wir werden dieses Mittel vorerst nicht einsetzen.“
Dann blickte der Psychiater auf die Uhr und meinte:
„Nun, heute können wir nicht mehr viel machen, mein nächster Patient wartet schon. Ich melde der Sprechstundenhilfe, dass Sie in ein paar Tagen einen Termin festlegt.“
„Soll ich dabei sein?“, wollte Keanu wissen. „Ich habe Trainingszeiten zu berücksichtigen, möchte aber auch helfen, wo ich kann.“
„Nein, da kann ihre Frau alleine kommen. Sie könnten ihr allerdings helfen. Reden Sie miteinander. Versuchen Sie gemeinsam herauszufinden, wann der erste Anfall geschah. Wo er stattgefunden hat, und ob sich kurz davor etwas Spezielles ereignet hat. In Ordnung?“
„In Ordnung“, erwiderten Liz und Keanu gemeinsam, dann verabschiedeten sie sich, vereinbarten mit der Sprechstundenhilfe einen Termin für Liz und verließen das Gebäude.

„Süße, wollen wir jetzt gleich zu Debbie gehen oder ...“, meinte Keanu, als sie draußen in der Kälte standen und unterbrach sich gleich, als er ihr bleiches Gesicht sah.
„Nein, lieber nicht“, sagte sie leise und drängte sich ganz nahe an ihn heran.
„Ich verstehe“, sagte er leise und zog sie an sich heran. „Du musst das erst verarbeiten, nicht wahr?“
Sie nickte, und er führte sie zum Auto. Er ließ sie erst los, als er ihr die Türe öffnete, und als sie drinnen saßen, bat sie ihn:
„Kannst du bitte heute bei mir bleiben?“
„Natürlich, meine Süße! Ich habe mir den ganzen Tag freigehalten“, erwiderte er leise, lächelte sie aufmunternd an und drückte nochmals ihre Hand, bevor er den Motor startete.
Das Auto vibrierte, doch das Surren, dass sie im Hinterkopf spürte, hatte damit nichts zu tun. Verängstigt tastete Liz nach Keanus Hand und fand sie zum Glück. Er sagte etwas, was sie nicht verstand, und das Letzte, was sie spürte, war deren warmer, fester Druck.
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Beitrag Verfasst am: 31.01.2009, 18:13    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 6

Es war noch finster draußen, als Lisa am Sonntagmorgen erwachte, und sie brauchte ein paar Minuten, um zu begreifen, dass sie sich in ihrer Wohnung in Genf befand. Sie erinnerte sich daran, weggetreten zu sein, sie musste danach gleich in tiefen Schlaf gefallen sein. Das war ihr noch nie passiert! Nach und nach kamen ihr auch die Gedanken kurz vorm Einschlafen in den Sinn, und auch der Abend davor ging ihr durch den Kopf.

Wie seine Augen geglänzt hatten, und dieses Lächeln ... ob er wusste, dass er einem damit innert Sekunden für sich gewinnen konnte? Natürlich wusste er das, denn es gehörte doch zu seinem Beruf. Und trotzdem ... irgendwie hatten diese Augen ganz besonders geglänzt, als sie sie angeschaut hatten. Anfangs hatte sein Blick freundlich gewirkt, und als er bemerkt hatte, dass etwas nicht in Ordnung war mit ihr, besorgt, beinahe schon liebevoll. Ob sie sich von Leonie überreden lassen sollte, bereits heute Abend wieder in diese Bar zu gehen?
‚Sei nicht albern! Den siehst du nicht wieder’, schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst. Ein Gähnen entschlüpfte ihr, und sie beschloss, noch ein Stündchen zu schlafen. Beim Einschlummern erlaubte sie ihren Gedanken, bei dem Mann mit den faszinierenden Augen zu verweilen.

Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, war schon später Vormittag, und sie hörte Leonie trällern. Langsam erhob sie sich und begab sich im Pyjama in die Küche.
„Morgen, Langschläferin“, begrüßte sie ihre Mitbewohnerin. „Komm, ich mag dir einen Kaffee!“
Die beiden schwiegen, bis Lisa ihren Tasse leer getrunken hatte, und erst dann fragte Leonie:
„Ansprechbar?“
Mit einem müden Lächeln nickte Lisa, und einmal mehr war sie dankbar, dass ihre Mitbewohnerin sie so gut kannte. Nichts hasste sie mehr, als kurz nach dem Aufwachen mit Kommunikation konfrontiert zu werden, erst nach der ersten Tasse Kaffee war sie ansprechbar.
„Guten Morgen“, waren Lisas ersten Worte. „Was hast du denn heute noch vor?“
„Ich sollte lernen“, seufzte Leonie. „Und abends ... da möcht ich in die Bar! Sehen, ob ein ganz bestimmter Herr sein hübsches Gesicht zeigt! Und du?“
„Ich wollte noch einige Papiere durchsehen, die Dr. Pelletier mir mitgegeben hat. Und ich werde wohl laufen gehen! Nächste Woche werde ich noch lange genug im Gebäude eingesperrt sein!“
„... und abends? Du kommst doch auch, oder?“
„Ach, ich weiss nicht!“, murmelte Lisa und betrachtete ihre leere Kaffeetasse.
„Keine Widerrede! Hoppla, wirst du etwa rot? Naja, ich kann’s dir nicht verdenken! Wer weiss, wer auch noch in der Bar sein wird, was?“

Ja, wer wusste das schon, dachte Lisa, als sie ihre Runde durch die Kälte drehte. Sie trug eine dicke Trainingshose, Handschuhe, einen Fliespulli und eine Mütze, und dank der vernünftigen Kleidung und dem Sport war die einzige Stelle, wo sie die Kälte spürte, ihr Gesicht. Rechts, links, rechts, links, einatmen, ausatmen, dachte sie und bewunderte die glatte Oberfläche des Sees. Wie schön silbergrau er glänzte, der See, dachte Lisa, wie flüssiges Metall. Unwillkürlich wandten sich ihre Gedanken einem Augenpaar zu, das dunkel schimmerte wie schwarzer Turmalin. ‚Was soll das, den siehst du nie wieder’, überlegte sie, und doch konnte sie nicht verhindern, dass sie sich Keanus Gesicht in aller Deutlichkeit vorstellte. Was für ein faszinierender, gutaussehender Mann er doch war, und sie war bestimmt nicht die Einzige, die von ihm träumte. Und ihm war sicher bewusst, wie er auf Frauen wirkte, nicht wahr? Das musste einfach so sein. Wenn man mit solchen Augen und einem derartigen Lächeln durchs Leben wandelte, wusste man solche Dinge einfach, oder? Ob er sie wohl attraktiv fand? Und warum dachte sie das überhaupt?

‚Hör auf damit’, schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst. ‚Du siehst ihn eh nie wieder, schon vergessen? Und jetzt denk an was anderes!’
Lisa lenkte ihre Gedanken auf den folgenden Tag. Sie würde mit Dr. Pelletier die Messergebnisse vom Freitag besprechen, das hieß, er sprach und sie hörte zu. Und später am Tag würde sie bei den Messungen vorangehen. Lisa war sich ziemlich sicher, dass alles klappen würde, und sie freute sich darüber, dass ihr langsam ein bisschen mehr Verantwortungen übertragen wurde. Und nach der Arbeit würde sie sich einen gemütlichen Abend zu Hause machen. Oder aber sie würde sich nochmals von Leonie ins Léman zerren lassen. Nur, um sicher zu sein, dass er wirklich nicht mehr dort auftauchte. Denn das würde er bestimmt nicht, oder?
‚Nein, ganz sicher nicht’, stellte Lisa im Stillen klar. Nein, sie würde ihn garantiert nie wiedersehen.

Doch dieser Gedanken würde sie nicht daran hindern, heute Abend mit Leonie die Bar zu besuchen, und dieses süße Lächeln, die schimmernden Augen und die warme, tiefe Stimme verfolgten sie auf der ganzen Joggingrunde. Erst, als Lisa zurück war, geduscht hatte und über ihren Papieren brütete, schaffte sie es endlich, ihn zu vergessen.

„Ob er aufkreuzt?“,. fragte sich Leonie laut selbst, als die beiden ein paar Stunden später auf den mit braunem Leder überzogenen Barhockern des Léman hockten und auf ihre Colas warteten.
„Nie im Leben“, meinte Lisa düster, blickte immer wieder zur Tür und war sich nicht sicher, ob sie darüber erleichtert oder traurig sein sollte. Denn was, wenn er wirklich auftauchen und sich gar nicht um sie kümmern würde, was, wenn diese merkwürdige Spannung, die sie zwischen ihnen zu spüren geglaubt hatte, sich als Einbildung herausstellte? Wie lächerlich wäre das denn! Und überhaupt, was sollte so ein großer Star überhaupt von einer Studentin wie ihr wollen. Ja, groß, das war er gewesen, dachte sie verträumt, sie hatte ziemlich an ihm hochgucken müssen am Freitagabend, ein Umstand, der ihr sehr gefallen hatte. Sie würde sich sogar an ihm anlehnen können, wenn ...
„Noch ist nicht aller Tage Abend“, unterbrach Leonie Lisas Träumerei. „Wie gerne würde ich ihn nochmals sehen. Hach, wenn mir vorhin jemand gesagt hätte, dass ich dem leibhaftigen Keanu Reeves gegenüberstehen würde, und dass er in echt noch besser aussieht als auf der Leinwand, ich hätte mich kaputtgelacht. Naja, er ist eher was für dich als für mich. Wusstest du, dass er dieses Jahr 45 wird? Er könnte mein Vater sein!“
„So alt schon?“, staunte Lisa. „Ich dachte, er sei in meinem Alter! Wie macht er das bloß? Ich würde ihn zu gerne mal fragen!“
„Ob er ...?“, fing Leonie an und zog sich als Andeutung mit beiden Händen die Gesichtshaut nach hinten.
„Glaub ich nicht“, vermutete Lisa. „Sonst würden doch seine Augenbrauen viel höher liegen.“
„Du hast recht“, gab Leonie zu. „Wie viele dieser Stars haben diesen permanent überraschten Gesichtsausdruck mit weit aufgerissenen Augen! Das sieht so dämlich aus!“
„Jetzt, wo du’s sagst! Da schau mal, unsere Colas!“

Sie nahmen die Gläser zur Hand und nippten langsam an ihren Getränken, während sie immer wieder unauffällig zur Tür sahen. Doch das Objekt ihrer Begierde tauchte nicht auf. Sie plauderten, lachten, beobachteten die Leute um sich herum, doch irgendwann sprach Lisa aus, was beide dachten:
„Ach komm, wie lange können wir den letzten Schluck Cola noch hinauszögern? Er kommt nicht! Und ich muss morgen früh raus!“
„Du hast recht“, seufzte Leonie. „Schade ... ich fand doch seine Sommersprossen so süß!“
„Ich auch! Ob er die nur im Gesicht hat?“
Als sie merkte, was ihr da herausgerutscht war, wurde Lisa feuerrot, und um dies zu verbergen, bestellte sie die Rechnung. Dann bezahlten sie, verließen das Lokal, und beim Heimgehen meinte Leonie:
„So schnell geben wir nicht auf! Oder? Wir haben schließlich die Frage mit den Sommersprossen zu klären! Vielleicht findest du’s heraus?“
Lisa wurde zuerst verlegen, dann musste sie aber lachen, und während Leonie einstimmte, erwischte sie sich bei der Vorstellung, wie sie sich an auf die Suche nach Keanus Sommersprossensuche machte.

Fünf Minuten, nachdem die beiden Frauen die Bar verlassen hatten, betrat Keanu sie. Er war heute den ganzen Tag mit dem Leihwagen unterwegs gewesen und hatte sich nicht nur ein Haus, sondern die ganze Umgebung angeschaut. Was er sah, hatte ihm gefallen, und der Umstand, dass er hier so ziemlich in Ruhe gelassen wurde, hatte dazu geführt, dass der den Tag richtiggehend genossen hatte. So entspannt hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt! Gelegentlich war diese Frau in seinen Gedanken aufgetaucht, mit ihrem hellen, weichen Gesicht, den blaugrünen Augen und dem dunkelbraunen Haar, in dem rote Lichter zu tanzen schienen. Er wunderte sich darüber, denn dass er eine Frau nicht vergessen konnte, war ihm schon lange nicht mehr passiert. Er hatte zwar in den letzten Jahren nicht wie ein Mönch gelebt, aber keine der Affären waren ihm so richtig unter die Haut gegangen. Was hatte diese Frau an sich, dass er nicht vergessen konnte? Gut, sie war attraktiv und klug, doch irgendwas war in ihren Augen gewesen. Sie hatte ihn, bevor er aufgestanden und zu den beiden hinübergegangen war, so seltsam angesehen, und er hatte darin ... eine Art Wiedererkennen gesehen, welches nicht mit seinem Bekanntheitsgrad zu tun hatte. Aber vielleicht bildete er sich das nur ein? Und was sollte sie wiedererkannt haben, wenn nicht das Gesicht auf der Leinwand? Nun, heute Abend hoffte er, es herauszufinden, und wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Er hatte ja genug Zeit.

„Und, haben Sie alles verstanden?“, fragte Dr. Pelletier Lisa am Montagmittag, als sie in der Kantine saßen und aßen.
„Das Meiste“, gab Lisa zurück. „Ich habe mir da aber ein paar Fragen notiert.“
„Wunderbar! Wir können sie gerne am Nachmittag erörtern, nachdem wir die Geräte und Messstationen geprüft haben. Aber jetzt sagen Sie mal ... wie geht es ihnen?“
„Ganz gut“, meinte Lisa. „Allerdings ...“
„... hatten Sie wieder einen Anfall, nicht wahr?“
„Ja, am Freitagabend. Ich war mit meiner Mitbewohnerin in einer Bar, und da hat es mich eiskalt erwischt.“
„Sie hatten also Zeugen? Das war bestimmt unangenehm“, vermutete Lisas Vorgesetzter.
„Ein bisschen, ja“, gab Lisa zu. „Ein Mann hatte mich angesprochen, er fragte, ob ich mich nicht wohl fühle.“
„Haben Sie ihm was erzählt?“
„Ach nein, ich kenn ihn ja kaum. Und ich ... wissen sie, ich möcht ihn nicht gleich wieder verscheuchen. Weil ich so ein Freak bin.“
„Aha, interessant“, bemerkte Dr. Pelletier, und seine blauen Augen blitzten. „Er hat ihnen also gefallen?“
Lisa errötete und murmelte irgendwas, und Dr. Pelletier schlug sich an die Stirn und stöhnte:
„Verzeihen Sie bitte, das geht mich doch gar nichts an! Aber ... es gibt doch noch ein Leben außerhalb der Welt der Physik, und Sie sind noch jung!“
„Ist schon in Ordnung“, erwiderte Lisa und schmunzelte. „Ich sehe den Mann eh nie wieder!“
„Man begegnet sich immer zweimal im Leben! Aber jetzt zu was anderem: Ich habe mir überlegt, dass es hilfreich sein könnte, wenn wir herausfinden würden, wann ihre Anfälle anfingen. Was meinen Sie?“
Lisa nickte kauend, und er fuhr fort:
„Versuchen Sie sich zu erinnern. Sind sie gelegentlich weggetreten, als sie ein Kind waren?“
Lisa dachte scharf nach, dann schüttelte sie den Kopf.
„Und während ihrer Zeit auf dem Gymnasium, gab es da diese Ausflüge ins Nichts schon?“
Sie runzelte die Stirn, dachte über ihre Schulzeit nach, ihre Freundinnen und Freunde, die Lehrer, an Fächer, die die sie geliebt und an solche, die sie gehasst hatte. Doch Aussetzer hatte es dort nicht gegeben, und wiederum schüttelte sie den Kopf.
„Das heißt, die Anfälle fingen nach ihrer Schulzeit an. Hm“, dachte er laut und kratzte sich am Kinn. „Sie haben doch bei Techco gearbeitet, bevor Sie das Studium begannen. Was genau haben Sie dort gemacht?“
„Ich war Sekretärin und Assistentin für ein Team, welches Präzisionsgeräte hergestellt und verkauft hat.“
„Und das hat ihnen gefallen?“
„Zuerst war es schön, eigenes Geld zu verdienen und von zuhause unabhängig zu sein“, sinnierte Lisa und legte ihr Besteck nieder. „Doch wirklich fasziniert hat mich diese Arbeit nicht.“
„Und dann haben Sie irgendwann beschlossen, doch auf die Uni zu gehen? Was hat Sie auf die Idee gebracht? War es der Umstand, dass das CERN damals schon ein Kunde der Techco war?“
„Vielleicht unbewusst“, überlegte Lisa und dachte nach. Dann fiel es ihr wieder ein. „Es war ums Millennium herum, wir hatten ein sehr erfolgreiches Jahr. Also ließ sich die Geschäftsleitung zur Feier etwas einfallen. Wir reisten alle zusammen nach Genf und durften einen Teil des CERN besichtigen, danach gab es ein schickes Abendessen. Wir übernachteten in einem schönen Hotel, besichtigten am nächsten Tag die Stadt, und erst dann ging es wieder nach Hause. Dieser Ausflug hat mich nie losgelassen, mich hatte der Gedanke gepackt, hier arbeiten zu dürfen, an den spannenden Entdeckungen teilzuhaben, und der Gedanke machte sich breit, dass ich bei der Techco mein Leben verschwende.“

„Dann war dies ein wichtiger Tag in ihrem Leben“, murmelte Dr. Pelletier. „Und jetzt überlegen Sie: Gab es diese Aussetzer schon davor, also während der Zeit, in der Sie sich bei der Arbeit langweilten? Oder kamen sie erst, als sie diese Idee im Kopf hatten?“
Lisa dachte scharf nach, dann entgegnete sie in einem leicht unsicheren Tonfall:
„Ich glaube, sie kamen erst nach diesem Besuch. Sicher bin ich aber nicht.“
„Ich helfe ihnen. Wenn ihnen während diesen öden Jahren so etwas widerfahren wäre, glauben sie nicht, dass sie sich daran erinnern könnten?“
Sie ließ sich diese öden, grauen Jahre nochmals durch den Kopf gehen. Sie hatte damals einen Freund gehabt, Andreas. Ein lieber Kerl, dem sie alles anvertraut hatte, solange sie zusammen waren. Hatte sie ihm von irgendwelchen Ausflügen ins nichts berichtet? Nein, das hatte sie nicht, und sie sprach den Gedanken laut aus.
„Und was soll das nun bringen?“, fragte sie ihren Vorgesetzten.
„Immerhin wissen wir jetzt, dass die Anfälle nach jenem Betriebsausflug losgingen, das macht das Erforschen der Ursache leichter. Ich schlage vor, dass Sie sich weiterhin selbst beobachten, während Sie diese Anfälle haben. Vielleicht fällt ihnen noch irgendwas auf, was sie noch nicht beachtet hatten. Eventuell eine Gemeinsamkeit oder einen Auslöser? Und jetzt, wo wir ihr Gedächtnis aktiviert haben, kommen ihnen vielleicht mehr Details zum Zeitpunkt des ersten Anfalles in den Sinn, verstehen Sie?“
„Ja, das tue ich“, staunte Lisa. „Dr. Pelletier ... ich bin froh, dass ich sie habe! Vielleicht finde ich ja noch raus, was dahintersteckt?“
„Und ob Sie das tun. Nur Mut!“, erwiderte er und nickte. Dann war es an der Zeit, sich um die Messgeräte zu kümmern.

Der Nachmittag wurde anstrengend, denn Lisa musste sich sehr konzentrieren, um ja die Messstationen nicht nur in der richtigen Reihenfolge abzuklappern, sondern auch alle Messergebnisse korrekt und vollständig zu notieren. Schneller als gedacht war der Abend da, und schon befand sich Lisa im Bus zur Stadt, und wenige Minuten später wurde sie von der ungeduldigen Leonie begrüßt.
„Das hat ja gedauert! Gehen wir gleich?“
„Einen Moment, ich will mich noch schnell zurecht machen!“, erwiderte Lisa, verschwand im Bad und kehrte ein Paar Minuten mit frisch gebürstetem Haar zurück.
„Ich beneide dich“, seufzte Leonie und betrachtete ihre Mitbewohnerin. „Du brauchst nur dein Haar runterzulassen, und schon siehst du klasse aus!“
„Ach iwo! Du bist süß, blond und kurvig, wer kann dir schon widerstehen“, gab Lisa lächelnd zurück, dann machten sich die beiden auf den Weg.
Die Bar Léman war heute halb leer, und dieses Mal setzten sich die beiden auf ein bequemes Sofa. Die Bedienung kam bald, und schon in wenigen Minuten standen die Colas vor ihnen.
„Ob er kommt?“, fragte Leonie und hypnotisierte die Eingangstür, als ob sie ihn herbeizaubern könnte.
„Ich weiss nicht“, murmelte Lisa, und eine merkwürdige Unruhe machte sich in ihr breit.
„Da, die Tür geht auf“, keuchte Leonie, und Lisa zuckte zusammen und schaute auf.
„Falscher Alarm, es ist ein dicklicher älterer Mann im Nadelstreifenanzug. Sicher ein Banker“, meinte Lisa und schüttelte sich. „Oh nein! Er steuert auf unseren Tisch zu. Ob er sich zu uns setzen will? Komm, sieh schnell zu mir hin, wir reden jetzt intensiv miteinander, dann wird er uns schon nicht stören!“
Die beiden Frauen drehten sich zueinander um und taten so, als ob sie in einer tiefen Diskussion verwickelt waren, und aus den Augenwinkeln konnten sie erleichtert beobachten, dass der Banker sich an der Bar niederließ. Dass inzwischen noch jemand die Bar betreten hatte, hatten sie übersehen, und als eine tiefe, männliche Stimme sie ansprach, erschraken beide und blickten hoch.

„Schön, euch beide hier anzutreffen, ich habe euch gestern vermisst“, sprach Keanu, der vor ihnen stand wie aus dem Boden gewachsen. Er trug eine schwarze, schmale Hose, einen grauen Rollkragenpullover, und über seinem Arm hingen eine Winterjacke und ein grauer Schal. Die Bartstoppeln von wenigen Tagen zierten sein Gesicht, sein Haar war ein bisschen zu lang, und er sah einfach umwerfend aus.
„Sie ... du warst gestern hier?“, stammelte Leonie, und er nickte, um dann gespielt dramatisch zu verkünden:
„Doch die edlen Damen waren nicht erschienen. Was für ein Schmerz für mein armes Herz“. Dann legte er sich die Hand auf die Brust, verdrehte traurig die Augen, und Lisa konnte nicht anders, als zu kichern.
„So ist’s schon besser“, meinte er und lächelte. „Als ich dich das letzte Mal sah, hattest du einen ganz seltsamen Ausdruck in den Augen. Darf ich mich zu euch setzen?“
Lisa nickte, und Keanu ließ sich den beiden gegenüber nieder.
„Und, hast du heute was Schönes entdeckt?“, erkundigte sich Leonie, und er erzählte, dass er gestern und heute mit dem Auto unterwegs gewesen war. Doch er hatte noch kein Haus gefunden, dass ihm gefallen hatte.
„Aber ich habe ja noch viel Zeit. Und was habt ihr so gemacht?“, wollte er wissen und schaute zuerst Leonie an, bevor sein Blick bei Lisa hängenblieb. Heute wirkten seine Augen ganz samten, fand Lisa, wie dunkelbrauner Plüsch. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie fürchtete, alle könnten es hören, und während Keanu sich mit Leonie unterhielt, ging sein Blick immer wieder zu ihr, und jedes Mal hielt sie den Atem an. Sie hatte geglaubt, zu schüchtern zu sein, um diese Blicke zu erwidern, aber sie schaffte es einfach nicht, wegzusehen. Wie tief diese Augen doch waren, und doch so unergründlich. Es lag etwas in ihnen, dass Lisa nicht beschreiben konnte, Wärme, und eine Art von Erkennen, das unerklärlich war. Und diese Stimme ... Keanu sprach langsam, mit einer Ruhe, die beinahe hypnotisierend war. Stundenlang hätte Lisa ihm zuhören können. Sie erwischte sich bei dem Wunsch, ihm alleine gegenüberzusitzen, mehr Zeit zu haben, um Augen und Stimme dieses Mannes studieren zu können, andererseits war sie froh, dass Leonie hier war – schließlich hatte sie es noch nicht geschafft, mehr als eine zögerliche Begrüßung über die Lippen zu bringen.
Da wandte sich Keanu ihr zu, schaute ihr tief in die Augen und fragte:
„Und was hast du heute im CERN gemacht? Gab es aufregende Entdeckungen?“
Dieser offene Blick weckte Lisa aus ihrem verträumten Zustand, und sie fing an zu erzählen. Keanu hörte interessiert zu, und sie wurde ein wenig mutiger, verlor ihre Angst, ihn zu langweilen.
„Es muss toll sein, tagtäglich mit so einer faszinierenden Materie zu tun zu haben“, seufze er nach einer Weile und betrachtete nachdenklich seine Hände.
„Faszinierend, findest du?“, gab Lisa zurück. „Die meisten Leute finden meine Arbeit todlangweilig! Und warum sagst ausgerechnet du sowas?“
„Du glaubst gar nicht, wie langweilig mein Beruf sein kann. Es ist immer ein- und dasselbe! Klar, der kreative Prozess, die Arbeit am Drehbuch, das Ausarbeiten der Szenen, das ist faszinierend, das liebe ich. Doch die Promotionstouren mit all den Presseterminen ... puh! Und die Zeit zwischen den Filmen, da erlebe ich kaum was Besonderes! Ich stehe irgendwann auf, esse was, treffe mich mit Freunden, lese, esse noch mehr und geh schlafen. Das wars. Todlangweilig!“

Keanu blickte auf und lächelte Lisa verlegen an. In ihrem Kopf fing das altbekannte Surren an, und sie bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Leonies Blick zuerst zwischen ihr und Keanu hin und herging und dann bei ihr hängenblieb. Nein, nicht jetzt, das war der falsche Augenblick! Sie wollte jetzt nicht ins nichts verreisen, sie wollte sich mit dem ersten Mann, der sich für das, was sie tat, interessieren zu schien, unterhalten, wollte der warmen Stimme horchen und in diese Augen blicken! Doch das Surren wurde immer stärker, und ein vages Schwindelgefühl kam hinzu. Helft mir doch, dachte Lisa und streckte die Hand aus, wollte nach Leonie greifen. Jemand nahm ihre Hand. Sie schaffte es gerade noch zu erkennen, dass es Keanu war, der ihre Hand genommen hatte, da war sie auch schon weg.
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Beitrag Verfasst am: 07.02.2009, 14:58    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 7

Ihr letzter Eindruck war auch ihr erster, als Liz wieder zu sich kam: Keanus Hand, die ihre hielt. Was zwischen der Erinnerung und diesem Händedruck war, konnte sie nicht sagen, doch zum ersten Mal nahm sie bewusst wahr, dass es so etwas wie eine Lücke gegeben hatte. Dieser Gedanke war beängstigend, und mit klopfenden Herzen fragte sie ihren Mann:
„Wie lange hat es dieses Mal gedauert?“
„Ungefähr zehn Sekunden“, erwiderte er, und sein Blick ruhte nachdenklich und besorgt auf ihr. „Komm, wir fahren, und dann versuchst du. dich zu entspannen, okay?“
„Ich weiss nicht, ob ich mich entspannen kann“, murmelte Liz, als ihr Mann den Motor anließ und losfuhr, dann sprach sie laut weiter:
„Ich denke, ich rufe Debbie an. Vielleicht hat sie Lust, vorbeizukommen? Eventuell weiss sie besser als ich, wann das mit dem Wegtreten losging. Was meinst du?“
„Ich finde das sehr mutig von dir, und sie kennst du doch am allerlängsten. Gute Idee!“, meinte Keanu und lächelte ein wenig.
„Stimmt. Sie war bei diesem Austausch von Anfang an so nett zu mir, fast wie eine Schwester zu mir ...“, erinnerte sich Liz, kramte das Handy aus ihrer Handtasche, wählte Debbies Nummer und paar Minuten später versprach ihr ihre Freundin, dass sie in einer halben Stunde bei ihnen vorbeikommen würde.
„Wir werden wohl ziemlich in Erinnerungen schwelgen“, meinte Liz, zu ihrem Ehemann gewandt. „Wenn du möchtest ...“
„Ach was“, wehrte der Angesprochene mit gerunzelter Stirn ab. „Ich bleib bei dir!“
„Ach komm, Süßer“, entgegnete sie und legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. „Ich sehe dir doch an, dass du deinen Kopf lüften musst nach allem, was du dir heute hast anhören müssen!“
„Ist es für dich wirklich in Ordnung, wenn ich noch eine Runde drehe? Aber ich warte noch, bis Debbie hier ist, okay?“
„Ja, es ist wirklich in Ordnung!“, bekräftigte Liz, und fühlte, wie er dankbar und erleichtert ihre Hand drückte.
So war Keanu halt: Eine treue Seele, die loyal zu ihr stand, doch er brauchte immer wieder seine kleinen Auszeiten, Stunden, in denen er mit keiner Menschenseele sprechen und niemandem zuhören musste. Anfangs hatte sie sich an dieses Verhalten gewöhnen müssen, manche Male war sie verletzt zurückgeblieben, wenn er mal wieder verduftet war, und hatte sich gefragt, was sie falsch gemacht hatte. Irgendwann war es zu einer Aussprache gekommen, und inzwischen machten ihr seine einsamen Ausflüge nichts mehr aus. Sie vertraute ihm voll und ganz, nie würde er sie hintergehen, zudem war er so viel ausgeglichener, als wenn sie ihn gezwungen hätte, immer bei ihr zu kleben.

Als Debbie eine Dreiviertelstunde später auf ihren Sofa saß und mit Liz plauderte, während die kleine Olivia tief versunken schönste Märchenschlösser aus bunten Holzklötzen baute, war er bereits dick vermummt mit seiner Harley unterwegs und würde wohl erst gegen Abend wiederkommen.
„Es ist schon ne Ewigkeit her, als du bei uns ankamst. Ich erinnere mich gut daran, wie verloren du ausgesehen hast mit riesigen, blaugrünen Augen, wildem Haar! Und dann dein Akzent!“
„Ach ja! Ich hatte mich von meinen Eltern überreden lassen. ‚Lern Englisch, damit kommst du überall durch’, hatte mein Vater gepredigt. Ich wollte ja zuerst gar nicht herkommen, doch ... ein Jahr nicht unter der Fuchtel meines Vaters hat mich dann doch gereizt!“, schmunzelte Liz. „Und du hast mir den Einstieg wirklich leicht gemacht. Dazu hätte ich gleich eine Frage ...“
„Ja?“
„Erinnerst du dich, ob ich damals diese Aussetzer schon hatte?“
Debbie dachte scharf nach, kratzte sich dabei am Kopf und schüttelte dann langsam den Kopf.
„Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass du irgendwas erzählt hast. Vielleicht hilft es, in Meilensteinen zu denken?“
Fragend hob Liz die Augenbrauen, und Debbie erklärte:
„Ich habe mal irgendwo gelesen, dass wir kleine Erinnerungen in Beziehung zu großen Ereignissen im Gedächtnis abspeichern, auch Ortschaften, wo die kleinen Begebenheiten stattgefunden haben, spielen eine Rolle. Und genauso soll das beim Aufrufen der Ereignisse vonstatten gehen. Wollen wir es mal ausprobieren?“
In der Ecke krachte Olivias Kunstwerk zusammen, sie fing an zu weinen, und Debbie musste sie zuerst trösten, bevor sie sich wieder zu Liz gesellte.
Diese hatte sich Debbies Erklärung durch den Kopf gehen lassen, betrachtete ihre Hände und sagte leise:
„OK“.
„Nur Mut“, meinte Debbie, legte ihre Hand auf Liz’ Unterarm und stellte ihre erste Frage.
„Hattest du schon Aussetzer, als du noch in der Schweiz warst? Erinnere dich an deine alte Umgebung zurück. Dein Zimmer, die Schule, deine Eltern ...“
Liz dachte nach und schüttelte den Kopf.
„Also begann das erst hier. Dein erster Anfall fand also statt, nachdem dein Flugzeug in Toronto gelandet ist?“
„Ich denke schon“.

„Was wäre dann dein nächster Meilenstein? Dein erster Schultag hier? Du erinnerst dich bestimmt daran, wie ich dich beinahe hinzerren musste, weil du so schüchtern warst! Davor waren Sommerferien, und ich habe dir die Gegend gezeigt, und wir gingen oft aus. Kim war oft dabei. Erinnerst du dich? Versetz dich mal zurück. Gab es in jenem Sommer, vor dem Schulbeginn, schon Aussetzer?“
Liz dachte an jenen sorglosen Sommer zurück, in dem sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnt hatte und anfing, sich richtig wohl zu fühlen. Nicht nur Debbie, sondern auch Kim war sehr nett zu ihr gewesen, und das Heimweh hatte allmählich nachgelassen.
„Nein, damals fiel mir nichts besonders auf“, sagte Liz leise und schaute Debbie an.
„Danach folgte ja dein Schuljahr. Ein Jahr, alles in einer Fremdsprache. Erinnere dich an die Schule, die Lehrer. Du hattest doch damals diesen Physiklehrer, der es so auf dich abgesehen hat. Mr. Miller.“
„Ach ja“, stöhnte Liz, und die Erinnerung ließ sie das Gesicht verziehen. „Ich glaube, der hat mir die Idee, nach dem Austauschjahr jemals wieder eine Uni zu betreten, endgültig ausgetrieben.“
„Und, hattest du während jenem Jahr Aussetzer? In der Schule vielleicht, auf dem Heimweg, beim Lernen?“
Liz dachte scharf nach, ließ die Zeit an der kanadischen Revue passieren, und erinnerte sich dann an eine besondere Begebenheit bei Mr. Miller.“
„Dieser Typ hatte mich immer im Auge, hat wie ein Wachhund darauf aufgepasst, dass ich auch ja aufpasse. Und wehe, ich hab mal was nicht verstanden, weil er so einen fürchterlichen Akzent hatte, dann hat er mir gleich Vorwürfe gemacht, weil ich nicht zuhöre“, dachte Liz laut nach.

„Ich erinnere mich daran. Einmal warst du besonders wütend. Unfair sei er gewesen, hast du getobt und beinahe geheult, weißt du noch?“
Liz dachte nach, dann riss sie die Augen auf und entgegnete:
„Genau! Jenes Mal hatte ich genau aufgepasst, meine Ohren waren gespitzt. Und dennoch hatte ich eine wichtige Information verpasst.“
„Und warum hast du die verpasst?“, hakte Debbie nach und packte Liz am Arm.
„Ich habe zugehört, er hat irgendwas zu den chemischen Elementen gesagt, dann ... ich hörte plötzlich nichts mehr, alles wurde dunkel, und als ich wieder wusste, wo ich war, stand er vor mir und hat geschimpft wie ein Rohrspatz!“
„Könnte das dein erster Aussetzer gewesen sein?“
„Damals dachte ich, ich hätte Kreislaufprobleme, aber wenn ich es mir recht überlege ... ja!“
„Wann war denn das genau?“
Liz dachte nach, dann erhellte sich im Gesicht und sie antwortete:
„Das muss im Winter gewesen sein! Ich ging durch den Schnee nach Hause, dann folgte mein Tobsuchtsanfall, und du fragtest mich ...“
„... ob du mitkommst zum Eishockeyspiel von Kims Bruder“, ergänzte Debbie. „Wo du Keanu dann zum ersten Mal über den Weg gelaufen bist!“
„Richtig“, erwiderte Liz und lächelte selig. Dann wurde ihr Gesicht wieder ernst, und sie fragte Debbie:
„Ob es etwas zu bedeuten hat, dass diese beiden Ereignisse am selben Tag stattfanden?“
„Ich habe keine Ahnung, tut mir leid“, erwiderte Debbie und schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber diese Frage könntest du dem Psychiater stellen, nicht wahr? Und deinem Ehemann, vielleicht hat er eine Idee, was das zu bedeuten hat?“

„Das wusste ich ja gar nicht“, staunte Keanu, als Liz ihm Stunden später von den neuesten Erkenntnissen erzählte. „Das war ja dann damals ein schwieriger Tag für dich! Erst bist du weggetreten, ohne zu wissen, was dir geschah, dann stauchte dich dieser blöde Mr. Miller zusammen, und dann lerntest du noch Kims blöden Bruder kennen! Arme Kleine!“
Mit diesen Worten nahm er Liz in den Arm, und sie brummte:
„Ich bin nicht klein!“
„Ich weiss, das hast du mir damals in aller Deutlichkeit mitgeteilt!“

Nach dem Spiel hatte Kim sie ihrem Bruder vorgestellt, und er hatte gesagt:
„Das ist also die Kleine, die bei Debbie wohnt!“
Er strahlte sie dabei dermaßen an, dass sie rot wurde, und um ihre Verlegenheit zu überspielen, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und wütend gezischt:
„Ich bin nicht klein!“
Er schaute sie einfach nur an, ein belustigtes Funkeln in seinen Augen, da verlor Liz das Gleichgewicht und Keanu fing sie auf.
„Nicht so stürmisch, Süße!“, hatte er erstaunt gemurmelt, auf sie herabgeblickt, und für eine Sekunde hatte sich Liz ihre ganze Umgebung weit weg gewünscht, nur um diese Arme noch ein wenig länger genießen zu dürfen. Dann war ihre Verlegenheit wiedergekommen, und sie hatte sich von ihm losgerissen.
Danach begegneten sich die beiden immer wieder. Oft schaffte es Keanu, Liz mit einem Lächeln oder einem Zwinkern in Verlegenheit zu bringen, doch sie ließ dies nicht auf sich sitzen, und manchmal gelang es ihr, ihm mit einem verführerischen Augenaufschlag oder einer zufälligen Berührung die Röte ins Gesicht zu treiben. Sie umkreisten sich scheu, beobachteten einander, analysierten jeden Gesichtsausdruck des Anderen, doch mehr geschah lange Zeit nicht zwischen den Beiden. Liz’ Englisch war nicht gut genug, um sich ernsthaft mit Keanu zu unterhalten, und die innere Unruhe, die er in ihr auslöste, verschlug ihr mehr als einmal die Sprache. Und er war von der hübschen Schweizerin mit dem wundervollen Haar viel zu beeindruckt, um mehr als ein bisschen zu flirten. Irgendwann fanden sie heraus, dass sie beide Schach spielten, die Eishockeysaison war vorbei, und endlich hatten sie einen Aufhänger, um mehr Zeit miteinander zu verbringen. Von da an brüteten sie viele Abende über den Schachfiguren. Das Kokettieren verschwand, die beiden entspannten sich zusehends, und ihre Gespräche gewannen an Tiefe.

„Wie hast du eigentlich gemerkt, dass du mehr für mich empfindest?“, wollte Liz wissen, und kuschelte sich näher an ihren Mann heran. Sie kannte die Antwort bereits, schon mindestens ein Dutzendmal hatte sie ihm diese Frage gestellt.
„Debbies Bruder John kam vom Militärdienst zurück. Er hat dich angebaggert, ich hasste das!“
„Er hat nicht gebaggert, er war nur nett zu mir!“
„Denkste, mit Blicken ausgezogen hatte er dich“, murmelte Keanu in ihr Haar und drückte ihr dann einen Kuss auf die Schläfe. „Ich hätte ihn erwürgen können damals, und wurde immer übellauniger! Bis mir Kim den Kopf zurechtgesetzt hat!“
„Die gute Kim“, seufzte Liz, schaute ihrem Mann in die Augen und wie immer, wenn sie das warmherzige Leuchten darin sah, breitete sich eine wunderbare Wärme in ihr aus. Sie strich ihm eine Strähne aus der Stirn, er lächelte sie liebevoll an, genauso wie damals, als sie ihn zum ersten Mal sah. Schon war es wieder da, dieses Surren im Hinterkopf, doch dieses Mal gab es einen entscheidenden Unterschied: Sie hatte nur wenig Angst, fühlte sich geborgen in Keanus Armen. Er drückte sie ganz fest an sich, sie schaute ihm tief in die Augen, dann verschwamm ihre Umgebung. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, waren seine Augen – diese samtenen, braunen Augen, die mehr zu ihr sagten, als die menschliche Sprache jemals ausdrucken könnte.
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Beitrag Verfasst am: 07.02.2009, 20:53    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 8

Es fühlte sich an, als ob sie in der Dunkelheit schwebte, und sie fühlte ... was? Nichts? Die Luft, sofern es hier überhaupt Luft gab, hatte keine Temperatur, es gab hier auch keinen Geruch, keine Geräusche. Doch was war mit ihrem Tastsinn geschehen? Da war nichts, sie stand weder mit den Füssen auf einer Unterlage, noch spürte sie eine körperliche Begrenzung. Und doch ... was war mit ihrer rechten Hand? Im Grunde fühlte sie dort nichts, und doch empfand sie eine Art Druckgefühl, oder besser gesagt: Das Echo eines Druckgefühls, als ob jemand ihre Hand gehalten hätte. Nein, nicht nur das, eine unbestimmte Geborgenheit machte sich in ihr breit. Wie konnte da sein? Es war niemand da, oder etwa doch?
‚Ich muss versuchen, den Kopf zu drehen’, ging ihr durch den Kopf, doch sie besaß keinerlei Kontrolle über ihren Körper – sofern sich ihr Geist überhaupt in ihrem Körper befand.

Das Schwarz wurde heller, verwandelte sich in eine Art dunkles Grau, das immer mehr zu wirken begann wie dichter Nebel. Der Druck auf ihrer rechten Hand verstärkte sich, Wärme kam hinzu. Moment mal, jemand hielt tatsächlich ihre Hand! Und da gab es auch leise Stimmen rundherum. Eine Frau sagte auf gebrochenem Englisch:
„Ich kenne das, sie ist gleich wieder da.“
Und eine männliche Stimme sagte auf amerikanischem Englisch:
„Ist alles in Ordnung mit dir? Brauchst du Hilfe?“

Eine Sekunde später wusste Lisa wieder, wo sie sich befand und welcher Wochentag war. Es war Montag, und sie saß mit Leonie im Léman. Keanu war aufgetaucht, ein nettes Gespräch hatte sich entwickelt, und da war es wieder gewesen, dieses Surren im Hinterkopf. Dieses Mal hatte sie sich darüber geärgert, und das Ausstrecken ihrer Hand war ein Versuch gewesen, sich in der Wirklichkeit festzuklammern. Nicht Leonie, sondern Keanu hatte nach ihrer Hand gegriffen, also hatte er genau mitbekommen, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Oh nein!
Lisa öffnete die Augen. Falsch, sie waren die ganze Zeit offen gewesen, aber erst jetzt erst erkannte sie ihre Umgebung wieder. Ihr Blick richtete sich auf ihre rechte Hand, wo sie den Druck verspürte, schon vorhin verspürt hatte. Immer noch hielt Keanu ihre sie, und ihre Körpertemperatur schien sich um ein Grad zu erwärmen. Ihre Wangen glühten, und sie traute sich nicht, aufzusehen.
Dieses Gefühl, dass jemand ihre Hand hielt ... sie hatte es schon im Nichts gehabt. Bedeutete das, dass sie den Kontakt zur Außenwelt nicht ganz verlor? Doch jetzt musste sie reden, den beiden einen Hinweis geben, dass sie wieder in Ordnung war. Ohne den Kopf zu heben, sagte sie leise:
„Ich bin wieder OK!“

„Zum Glück. Was ist geschehen? Deine Pupillen sind für ein paar Sekunden riesig geworden, und du schienst komplett abwesend zu sein“, sprach Keanu. Während Leonie erklärte, dass dies immer so sei, hob Lisa ihren Kopf, und sei Blick nahm sie auf der Stelle gefangen. Wie Plüsch wirkten sie, seine Augen, nein – eher wie edler, weicher, brauner Samt. Und irgend etwas stand darin, Worte, für die es keine Sprache gab. Eine Welle des Erinnerns wusch über Lisa hinweg, er kam ihr bekannt vor, dieser Gedanke. Und da war noch seine Hand, und das unbestimmte Gefühl, dass es genau so sein musste. Es war schon einmal so gewesen! Aber wann? Nur den Bruchteil einer Sekunde dauerte es an, das Déjà-Vu, dann war es wieder weg.

„Hier, trink etwas“, sprach Leonie. Lisa ließ Keanus Hand los, ergriff das Glas, welches ihre Freundin ihr reichte, und nahm einen großen Schluck Cola. Dann blickte sie zu Leonie, dann zu Keanu, der sie immer noch fragend anschaute, und erzählte stockend, was geschehen war.
„Ich habe das schon seit einigen Jahren, genau genommen, seit ich arbeite. Ich fühle so ein Surren im Hinterkopf, dann verschwindet die Umgebung. Ich kann es nicht erklären. Ich bin dann ganz weg, dann finde ich mich in völliger Dunkelheit wieder. Oje“, flüsterte sie und schlug ihre Augen nieder. „Du musst denken, ich sei verrückt!“
„Es gibt nichts, was es nicht gibt“, meinte er nur und schaute sie ruhig an. Lisa blickte wieder hoch, dieses Gefühl des Vertrauens durchdrang sie, und sie erzählte weiter.
„Doch dieses Mal war etwas anders als sonst. Normalerweise gibt es in diesem Nichts, wie ich es nenne, keine sensorischen Empfindungen. Doch vorhin hatte ich mitten in der Dunkelheit das Gefühl eines Druckes auf meiner Hand. Als ob jemand sie gehalten hatte. Es ist doch manchmal so: Man gibt jemandem die Hand, lässt wieder los, und das Gefühl klingt irgendwie nach. Genauso hat es sich angefühlt. Danach war es wie immer. Das Dunkel scheint sich aufzulösen, ich nehme Stimmen war, und in kurzer Zeit weiss ich wieder, wer und wo ich bin.“
„Das heißt, während dieser ‚Auszeit’ vergisst du, wer du bist?“, hakte Keanu nach.
„Nicht richtig. Ich weiss, dass ich existiere, aber – es ist, als ob ich während diesen Sekunden keinen Namen habe.“
„Merkwürdig“, brummte er und kratzte sich am stoppeligen Kinn. „Ein Rätsel! Warst du mal beim Arzt?“
„Ja“, seufzte Lisa. Davor hatte sie sich gefürchtet! Sie wollte weder mit Psychologen noch mit Psychiatern etwas zu tun haben!
„Ich war bei meinem Hausarzt. Alles ist in Ordnung! Der Blutdruck ist normal, und ich leide auch nicht unter Schwindelanfällen!“
Sie hatte etwas heftiger gesprochen als gewollt, und fügte leise hinzu:
„Bitte Entschuldige meinen harschen Tonfall. Du kannst ja nichts dafür, dass ich ... dass mir das hin und wieder passiert.“ Dass ich verrückt bin, hatte sie sagen wollen, doch schaffte sie es im allerletzten Moment, diese Worte zu unterdrücken.

In dem Augenblick, wo Lisa dies sagte, hasste sie ihre Ausflüge ins nichts. Hatte es genau jetzt passieren müssen, vor Zeugen? Und dazu noch vor einem so attraktiven Zeugen? Hätte er das nicht mitgekriegt, hätte sie vielleicht die Chance gehabt, so zu tun, als ob sie eine ganz normale Frau war, die zwar ein außergewöhnliches Studium absolvierte, die aber ansonsten ein ganz normales Leben führte. Doch nein, er hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte, und anstatt geistesgegenwärtig irgend eine faule Ausrede parat zu haben, hatte sie blöde Kuh ihm auch noch die ganze Wahrheit gebeichtet. Aber warum denn nur? Es musste an seinen Augen liegen. Genau! Wer über solch einen Blick verfügte – ruhig und absolut vertrauenerweckend – bekam wahrscheinlich immer die Wahrheit zu hören, denn wer konnte schon lügen, wenn er so angeschaut wurde? Lisa war jedenfalls dazu nicht in der Lage gewesen, und jetzt musste Keanu denken, dass er eine Irre vor sich hatte, einen Freak.
‚Doch warum spielt das eine Rolle?’, überlegte sie. ‚Ich habe ihn jetzt angetroffen, gut, es waren zwei Mal. Aber bald ist er weg, und ich sehe ihn nie wieder!’

„Ist schon in Ordnung“, erwiderte er und beendete Lisa Grübelei. „Ich hoffe, ich bin dir nicht zu nahe getreten? Du hast die Hand so suchend ausgestreckt, als ob du dich an etwas festhalten wolltest, da habe ich deine Hand automatisch ergriffen. Ich habe nicht darüber nachgedacht!“
„So war es auch“, bestätigte Lisa. „Ich wollte mich ... in der Wirklichkeit festhalten. Das muss wirr tönen, aber ich finde keinen besseren Ausdruck dafür!“
„Wenn dies die Wirklichkeit ist, ist das Andere ... die Unwirklichkeit?“
Verblüfft riss Lisa die Augen auf. Von diesem Standpunkt aus hatte sie es noch gar nie betrachtet!
„Das glaube ich nicht“, sprach Leonie neben ihr, und Lisa zuckte zusammen. Meine Güte, sie hatte ihre Mitbewohnerin völlig vergessen! Fragend schauten Keanu und Lisa zu Leonie hin, und diese erklärte:
„Wir wissen ja nicht, wo die Wirklichkeit sich befindet. Vielleicht ist dieses Nichts die Wahrheit, und das drumherum – also unser Leben – eine Lüge?“
„Tja, wer weiss“, brummte Keanu und kratze sich am Kinn. „Ein faszinierender Gedanke, doch für mich ist er im Moment zu theoretisch! Ich komme gern mal darauf zurück, aber ... nicht hier und jetzt, okay?“
Bei diesen Worten blickte er Lisa tief in die Augen, und für eine kleinen Unendlichkeit schien die Welt stillzustehen. Für das, was er gesagt hatte, hätte sie ihm am Liebsten den Bauch geküsst, und weil sie sich dies gleich plastisch vorstellte, wurde ihr Gesicht schon wieder heiß.
Ein Hüsteln neben ihr unterbrach den Zauber des Augenblickes, und Leonie verkündete:
„Mir kommt gerade in den Sinn. Ich muss dringend lernen. Ich habe noch eine wichtige Prüfung morgen, wie konnte ich das nur vergessen!“
„Was denn für eine Prüfung?“, wollte Lisa wissen und drehte sich zu Leonie herum. Diese antwortete auf Französisch:
„Ob ich morgens pünktlich in den Hörsaal komme, du Nuss! Ich gehe jetzt. Mach was draus! So einen Mann trifft man nicht alle Tage!“ Sie zwinkerte Lisa mit einem Auge zu, verabschiedete sie sich bei beiden und verließ eiligst das Lokal.

„Ist sie immer so vergesslich?“, fragte Keanu und unterbrach damit das sekundenlange Schweigen.
„Ja, sie ist ein ganz schöner Wirrkopf! Wer weiss, vielleicht geht’s bei ihrer morgigen Prüfung um genau dieses Thema – wo ist die Wirklichkeit“, improvisierte Lisa, und Keanu Nicken zeigte er, dass er ihre Ausrede geschluckt hatte. Verflixte Leonie, was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Dass sich dieser Mann, der nicht nur gutaussehend, sondern auch berühmt und wahrscheinlich auch reich war, für sie interessierte? Das konnte unmöglich der Fall sein, und ein wenig bedauerte Lisa das.
„Ja, vielleicht“, meinte er und lächelte ein wenig. „Willst du noch was trinken?“
„Ja – nein“, stotterte sie, entschuldigte sich und erklärte: „Mein Aussetzer vorhin, er hat mich ein wenig durcheinander gebracht. Bisher bist du erst der Dritte, der davon weiss. Leonie weiss es, und mit meinem Vorgesetzter spreche ich auch darüber.“
„Eltern, Geschwister? Wissen die nichts“, wollte er wissen und beugte sich ein wenig vor, wie um sie noch besser im Auge behalten zu können.
„Nein, meinen Eltern wollte ich nichts erzählten, da meine Mutter immer so überbesorgt ist. Geschwister habe ich keine!“, berichtete Lisa und wollte ihren Blick von ihm losreißen. Doch sie schaffte es nicht. Obwohl seine Augen eher ruhig und freundlich als stechend und hypnotisch wirkten, merkte sie, wie sie in ihren Bann geriet. Ein Teil von ihr wollte unbedingt herausfinden, was sich dahinter verbarg, was für ein Mensch Keanu war. Sie gab es zu, zumindest vor sich selbst: Er interessierte sie als Mann, aber das war ja auch kein Wunder. Jede Frau aus Fleisch und Blut würde genauso empfinden. Doch dies war nicht der hauptsächliche Grund: sie wollte diesem Déjà-Vu von vorhin nachgehen. Warum das so wahr, hätte sie niemandem erklären können, sie wusste einfach, dass sie das tun musste. Und auch dafür, dass sie dieses Gefühl mit ihm verband, verstand sie nicht. Aber es war so.
Deswegen antwortete sie, als er sie fragte, ob sie lieber ein paar Schritte gehen wollte, sofort mit „ja“.
Das Aufleuchten seiner Augen freute sie, und als er ihr nach dem Bezahlen in die Jacke half, klopfte ihr Herz wie verrückt.
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Beitrag Verfasst am: 08.02.2009, 19:10    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 9

Die Kälte, die ihr draußen entgegenschlug, ließ Lisa nach Luft schnappen, und Keanu sah sich hilflos um und fragte:
„Wohin?“
„Der See ist nur ein paar Schritte entfernt – dort“, erwiderte Lisa und zeigte nach rechts. Dann vergrub sie die Hände in den Jackentaschen, er zog den Schal hoch, und sie gingen los. Stumm gingen sie nebeneinander her, die beiden einsamen Gestalten. Merkwürdig war das, fand Lisa, und doch irgendwie stimmig. Außer ihnen befand sich keine Menschenseele auf der Strasse, denn wer wagte sich bei diesen Temperaturen schon nach draußen?
„Nur Irre“, sagte Lisa leise auf französisch zu sich selbst, und Keanu wollte wissen, was sie meinte.
Sie übersetzte es ihm, und schmunzelnd meine er:
„Du hältst mich also für verrückt?“
„Ach was“, erwiderte Lisa und wurde verlegen. „Nur – schau dich mal um! Wer geht schon freiwillig raus und friert!“
„Menschen, die ihren Kopf freimachen müssen. Und Menschen, die es sich gerne aussuchen, wer sie sieht!“
Verwirrt betrachtete sie ihn, da kam ihr seine Bemerkung zum fehlenden Rummel in den Sinn, und mit einem Mal tat er ihr leid. Es musste furchtbar sein, nie seine Ruhe zu haben!
„Aber zurück zu dir“, fuhr er fort. „Darf ich dich was fragen?“
Sie nickte, und Keanu fragte:
„Wie lange hast du es schon? Diese Ausflüge ins Nichts, wie du sie nennst?“

Lisa berichtete ihm von ihrem Gespräch mit Dr. Pelletier. Als sie geendet hatte, waren sie am See angelangt. Er glänzte wie ein Spiegel, und silbernes Mondlicht glitzerte darin. Schweigend folgten sie dem Uferweg, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, als er plötzlich sagte:
„Glaubst du an Zufälle?“
Lisa zuckte ein wenig zusammen und erklärte, dass sie es nicht wisse.
„Warum stellst du diese Frage?“
„Es ist nur so ein Gedanke, vergiss es“, wich er aus, und sie hakte nach:
„Bitte erzähl es mir. Für dieses Puzzle ist jedes Teilchen wichtig!“
„Naja“, erwiderte er und blickte zu Boden. „Du hast doch erzählt, dass du normalerweise gar nichts empfindest, wenn du im Nichts landest. Du hörst nichts, du siehst nichts, du riechst nichts und du spürst nichts, richtig?“
„Richtig.“
„Doch heute war es anders. Du hast meine Hand gespürt. Besser gesagt, den Eindruck, dass jemand deine Hand gehalten hatte. Und ich hatte deine Hand davor und danach gehalten. Vielleicht ... ach nein, das ist blödsinnig!“
„Bitte, sprich weiter“, bat sie in und packte seinen Unterarm.
Er schaute sie für eine kurzen Moment an, dann ging sein Blick wieder nach unten, und er erklärte:
„Ich habe mir überlegt ... vielleicht hat das irgendwas mit mir zu tun? Ich weiss, das klingt verrückt, aber ... wenn du zum ersten mal nicht ganz ‚verschwunden’ bist und ich dabei war, ist das vielleicht kein Zufall?“

Er schaute wieder auf, und Lisas Herz machte einen Hüpfer. Könnte es sein, dass er recht hatte? Nein, das war zu abwegig. Oder etwa nicht? Sie schaute ihm in die Augen und erwartete schon, dass dieses Surren wieder einsetzen würde, doch nichts geschah. Ihn immer noch betrachtend, dachte sie darüber nach, was er gesagt hatte, doch ergaben die Wortfetzen in ihrem Kopf keinen Sinn. Keanus Augen glänzten in der Dunkelheit, und in ihr rührte sich etwas. Nein, kein Déjà-Vu ließ sie innerlich erzittern, sondern die außergewöhnliche Seele, die sich hinter diesen Augen befand. Wie ferngesteuert ließ Lisa seinen Arm los und war nicht überrascht, dass er wieder ihre Hand nahm. Sie nahm die zweite Hand aus der Jackentasche, er ergriff sie, und stumm standen sie sich gegenüber, Hand im Hand, und ihre Blicke versanken ineinander, bis die Welt rundherum aufhörte, zu existieren.
Keanu sprach als erster wieder.
„Du hast ganz kalte Hände“, sagte er mit leiser, tiefer Stimme. Dann ging er einen kleinen Schritt auf sie zu und steckte seine Hände in die Jackentaschen, ohne ihre Hände dabei loszulassen. Sie standen nun ganz nahe beieinander, und die Nähe seines Körpers brachte Lisas Herz in Aufruhr. Sie hatten die Hände ineinander verschlungen, hielten sich ganz fest, und sie fragte sich nicht mehr, was das zu bedeuten hatte, sondern fühlte nur noch.

Dabei schauten sich die beiden immer noch an, ihre Blicke gingen hin und her, kommunizierten miteinander, sprachen dabei eine ganz eigene Sprache. Doch irgendwann reichte dies nicht mehr aus. Keanu neigte den Kopf so, dass sie sich an Stirn und Nase berührten, und nun konnten sie ihren Atem spüren. Nie hätte Lisa gedacht, dass so ein einfacher, harmloser Hautkontakt sie so verzaubern könnte. Sie fühlte seinen Atem auf ihrem Kinn, sein Daumen streichelte ihr Handgelenk, und ein Schauer überlief sie.
‚Wenn ich jetzt den Kopf hebe, küssen wir uns’, dachte sie, und wie von selbst hob sie ihr Gesicht an.
Keanus schwarze Augen glühten, stellten ihr stumm eine Frage. Lisas Augen, die inzwischen ganz dunkel geworden waren, beantworteten die Frage, und da trafen sich ihre Lippen zu einem ersten, zarten Kuss.
Wie gut sich seine Lippen doch anfühlten, dachte sie, als sie ihre Augen schloss und er ihr viele vorsichtige Küsse auf die Lippen drücke. Seine Zurückhaltung ließ ihr Herz so schnell schlagen, dass es fast zu zerspringen drohte, doch weder er noch sie intensivierten die Küsse. Dann ließ er von ihr ab, nahm die Hände aus der Jackentasche, ließ sie los, und schon wollte Lisa vor Enttäuschung innerlich aufschreien, als sie ihm in die Augen sah. Soviel Gefühl lag ihn ihnen, solche Leidenschaft, dass sie seufzte.
„Wir sollten besser zurückgehen, sonst ...“, sagte er heiser, und sie nickte.

Doch keiner von ihnen machte Anstalten, den Rückweg einzuschlagen, immer noch standen sie nahe beieinander, in ihrer eigenen Welt gefangen, bis Keanu stöhnte:
„Verflixt nochmals!“
Mit diesen Worten nahm er sie ganz fest in die Arme, drückte sie an sich, und ohne nachzudenken erwiderte Lisa die Umarmung. Warum fühlte es sich bloß so gut an, diesen Mann, der im Grunde ein Fremder für sie war, so nahe bei sich zu spüren? Aufseufzend lehnte sie ihren Kopf an seine Schultern, schloss ihre Augen und gab sich diesem Gefühl einfach hin. Minutenlang standen sie engumschlungen da, konnten kein Wort sagen, wollten den anderen nicht gehen lassen. Doch irgendwann wurde es zu kalt, und dieses mal war es Lisa, die als Erste sprach:
„Wir sollten zurückgehen. Es ist kalt, und ... ich muss morgen früher raus.“
„Ich weiss“, seufzte er, dann ließ er sie widerwillig los, nicht ohne ihre Hand zu nehmen. „Darf ich dich bis zu deiner Haustür begleiten?“
„Ja, gerne“, hauchte sie, und wieder nahm sein Blick sie gefangen. Seine Augen sprachen tausend Worte, und irgend etwas Vertrautes lag in ihnen. Als ob sie schon einmal so dagestanden wären, irgendwo und irgendwann! Das war nicht fremd für sie, das war schon einmal geschehen! Keanu lächelte, Lisas Herz machte einen Freudensprung, ja, das hatte es schon einmal gegeben! Doch bevor sie diesen flüchtigen Gedanken packen konnte, passierte es wieder: In ihrem Hinterkopf fing es wieder an zu surren, ihre Umwelt wurde grau und undeutlich, sie hörte, wie Keanu etwas zu ihr sagte, und da ging sie schon wieder auf die Reise.
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Beitrag Verfasst am: 14.02.2009, 18:03    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 10

„Bist du ok?“
Wer hatte das gesagt? Und wo war sie? Es war so kalt ... sie wollte sich die Hände reiben, aber das ging nicht, weil sie jemanden umarmte.
Ihre Umwelt nahm wieder Konturen an, und langsam kehrte ihr Geist ins hier und Jetzt zurück.
„Süße? Keine Angst, du bist hier, bei mir!“, sprach die ruhige, männliche Stimme wieder.
Diese Augen! Irgendetwas war mit ihnen ... nein, nicht mit Keanus Augen, sondern die Augen, die sie zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort genauso angesehen hatten. Es waren andere Augen gewesen, aber doch dieselben. Wie war so etwas nur möglich? Liz versuchte, diesen Gedanken zu fassen, diesen Eindruck festzuhalten, da verschwamm er auch schon wieder, verankerte sich irgendwo, tief in ihrem Unterbewusstsein.
Sie schaute in Keanus Augen, entdeckte die Besorgnis darin, und sagte leise:
„Ich bin wieder in Ordnung.“
„Ich habe mir große Sorgen gemacht, Liz“, meinte er und atmete hörbar aus. „Du bist länger weggewesen. Es waren zwanzig Sekunden, ich habe mitgezählt! Ach, Süße ...“
Mit diesen Worten drückte er sie ganz fest an sich, und Liz Augen wurden feucht.
„Es tut mir leid“, murmelte sie in seinen Brustkorb hinein. „Es tut mir so schrecklich leid!“
„Das muss es nicht“, beruhigte er sie und streichelte ihr über den Rücken. „Du kannst doch nichts dafür! Hoffentlich finden wir bald raus, was dahintersteckt. Kannst du dich an irgendwas erinnern?“
„Das ist schwer zu sagen“, seufzte Liz. „Ich sah zuerst nichts, oder verschwommen. Hörte jemanden fragen, ob ich okay sei.“
„Das bin ich gewesen.“
„Ich weiss. Ich fing wieder an, zu sehen, sah deine Augen ... und ... irgendwas war seltsam. Aber ich kann es nicht sagen!“
Keanu schwieg, streichelte weiter ihren Rücken, und Liz sprach weiter:
„Weißt du, vielleicht sollte ich eine Hypnose in Betracht ziehen? Um diese Eindrücke nach so einem Anfall, genauer einzufangen, sie vielleicht sogar beschreiben zu können?“
„Vielleicht“, meinte Keanu, und seine Hand hielt inne. „Aber du weißt, was Dr. Bernauer gesagt hat. Eine Hypnose könnte für dich beängstigend sein. Ich will dich keinem Risiko aussetzen!“
„Ich will einfach herausfinden, was da soll“, murmelte Liz und drückte sich noch enger an ihren Mann, kroch beinahe in ihn hinein. „Damit wir endlich wissen, woran wir sind!“
„Meine mutige Süße“, flüsterte er zärtlich, fuhr mit der Hand ihrem Rückgrat entlang nach oben und kraulte voller Hingabe ihren Nacken. „Aber erstmal klären wir ab, ob wirklich keine körperlichen Ursachen bestehen. Einverstanden?“

„Hm“, seufzte Liz, die seine Liebkosungen genoss, zustimmend.
„Bist du hungrig?“
„Kommt darauf an“, erwiderte sie, hob ihren Kopf und küsste sanft seinen Hals.
Er lachte leise und sagte: „Soll ich uns etwas bestellen?“
„Nicht nötig“, erwiderte sie und ließ ihre Lippen zu seiner Halsbeuge wandern. „Alles, was ich jetzt will, ist genau hier!“
„Hm“, brummte Keanu. „Das hör ich gern! Komm her ...“
Er legte sich rücklings aufs Sofa und zog sie mit, dann versanken sie in einem innigen Kuss.
Ach, es fühlte sich so gut an, so auf ihm zu liegen, ihn von oben bis unten zu spüren. Ganz warm und fest war er, und die Hände, die sich unter ihren Pulli stahlen und sanft ihren Rücken streichelten, fühlten sich so gut an. Ja, Liz fand ihren Mann immer noch begehrenswert, und wie! Es waren auch Momente wie dieser, wo sie sich dazu beglückwünschte, damals die Schweiz verlassen zu haben, denn sie hätte dann Keanu nie kennengelernt, sie hätten sich nicht verliebt, und solche Momente wie jetzt würden nie stattfinden. Eine schreckliche Vorstellung!
Eine gute Stunde lang lagen die beiden auf dem Sofa und schmusten wie die Teenager, da meldete sich Liz’ Magen.
„Ich denke, du brauchst jetzt doch feste Nahrung, Süße“, schmunzelte Keanu, und seufzend nickte sie.
„Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, nicht wahr?“
Sie bestellten sich Pizza und Salat, aßen mit Genuss und danach waren beide plötzlich so erschöpft, dass sie nach einem Gutenachtkuss gleich einschliefen.

Die folgenden Tage gestalteten sich friedlich. Keanu musste zwar fast jeden Tag zum Training, kümmerte sich aber, so oft es ging, liebevoll um Liz. Die Arbeit in der Krippe lenkte sie zusätzlich ab, zumindest so lange, wie sie dort war: Um die kleinen Kinder herum, die umherschwirrten wie Mücken, konnte Liz sich keinerlei Unaufmerksamkeit leisten. Glücklicherweise hatte sie – zumindest im Moment – Ruhe von den Aussetzern. Sie verbrachte auch viel Zeit mit Debbie und Olivia, und dennoch: so ganz verdrängen konnte sie die Unruhe nicht. Bald würde sie zur Kernspin-Tomographie gehen müssen, und dabei würde sich zeigen, ob es in ihrem Gehirn eine sichtbare Unregelmäßigkeit gab. Das mögliche Ergebnis ängstigte Liz. Wenn man etwas finden würde, wie ginge es dann weiter? Und was, wenn sich herausstellte, dass es keinerlei körperliche Ursachen für ihr Problem gab? Dann musste man doch annehmen, dass es die Psyche war, die ihr einen Streich spielte, nicht wahr?

Eine Woche ging vorüber, und endlich war er da, der Termin. Am Vormittag fuhr ihr Mann sie zur Universitäts-Klinik. Sie begaben sich in den Warteraum, setzten sich und Liz glaubte, man müsste ihren Herzschlag aus mehreren Metern Entfernung hören, so nervös war sie. Keanu nahm ihre Hand und streichelte sanft ihren Handrücken, murmelte beruhigende Worte, die jedoch nicht bei ihr ankamen, und als sie endlich abgeholt wurde, glaubte sie, ihr Herz müsse zerspringen.
„Wenn das vorbei ist, machen wir uns einen schönen Abend, ja? Tapfere Liz!“, sagte er leise und drückte ihr nochmals die Hand.
„Ich freu mich schon drauf“, erwiderte sie mit zitternder Stimme, dann folgte sie dem Assistenten in Weiss.
Bald kamen sie in einem kahlen, weißen Raum an, in dem sich ein Tisch, zwei Stühle, eine Liege und ein riesiger Apparat stand, der aussah wie eine Röhre. Wie eng sie aussah! Liz fühlte, wie ihr Herz raste. Man maß ihren Blutdruck und Puls, und aufgrund der Werte wurde beschlossen, ihr ein Beruhigungsmittel zu geben. Sie nahm es ein, und während sie auf die Wirkung wartete, wurde die Untersuchung erklärt. Sie würde sich aller metallenen Gegenstände entledigen müssen, danach wurde ihr ein Kontrastmittel gespritzt und in die Röhre geschoben. Dort würde sie eine halbe Stunde lang liegenbleiben, musste ruhig atmen und sich absolut still verhalten. Während der Zeit im Gerät würde ein Magnetfeld errichtet werden, dann kam Radiostrahlung dazu. Wenn man die Radiostrahlung wieder abstellte, war das Gerät in der Lage, aus den Wellen, die die Atome in Liz’ Körper zurücksandten, ein Bild ihrer inneren Organe darzustellen.

Während der Assistent die Prozedur erläuterte, fühlte sich Liz immer mehr wie die Schauspielerin in einem Science-Fiction-Film. Gleichzeitig wurde sie ruhiger, das Beruhigungsmittel zeigte Wirkung. Als es endlich so weit war, war es ihr mittlerweile egal, dass sie die nächste halbe Stunde in dieser Höllenmaschine verbringen würde. Sie legte ihren Gürtel, den Schmuck und ihre Uhr ab und legte sich auf die Liege vor der Maschine. Man drückte ihr noch einen Knopf in die Hand, der an einem langen Kabel befestigt war. „Damit Sie klingeln können, wenn Sie sich unwohl fühlen“, erklärte der Mann im weißen Kittel. „Bleiben sie ganz ruhig und entspannt liegen, und atmen sie normal.“
Zudem reichte man ihr Kopfhörer, um ihr Gehör von den lauten Klopfgeräuschen zu schützen, die im Gerät entstanden, wenn es lief.
„Es könnte sein, dass das Beruhigungsmittel sie schläfrig macht“, erklärte der . Es ist kein Problem, wenn sie einnicken. Sind Sie soweit?“
Liz nickte, zog den Kopfhörer an, legte die Hand mit der Klingel auf ihren Bauch, und dann wurde die bewegliche Liege in die Röhre geschoben.
Hätte sie das Beruhigungsmittel nicht bekommen, wäre Liz wohl nervös geworden in der Enge der Röhre. Aber so war es ihr ziemlich egal. Oben und unten war die Röhre offen, und darum fühlte sie sich nicht eingesperrt. Ihre Gedanken schweiften ab, wanderten durch die Vergangenheit, merkwürdigerweise waren es jetzt vor allem Erinnerungen an die Zeit vor ihrem Austauschjahr, die ihr durch den Kopf gingen. Sie sah Gesichter alter Schulkameraden vor sich, dachte an die Lehrer im Gymnasium, dann spürte sie, wie sie immer schläfriger wurde, und schon war sie weg.
Liz erwachte erst wieder, als sie aus der Röhre geschoben wurde.
„Sehen Sie, ist nicht so schlimm, Sie haben es schon hinter sich!“, erklärte der Assistent mit einem Lächeln.
„Setzen Sie sich langsam auf und atmen Sie tief durch. Hier“, meinte er und reichte ihr ein Glas Wasser, welches sie durstig leerte. Der leichte Schwindel verging wieder, sie nickte dem Assistenten zu und zog dann Schuhe, Gürtel, Schmuck und Uhr wieder an, welcher er ihr reichte.
„Müssen Sie fahren?“, fragte er, und sie erklärte ihm, dass ihr Mann sie heimbringen würde.
„Gut. Andernfalls hätten Sie noch warten müssen. Das Ergebnis dieser Untersuchung wird direkt an ihren behandelnden Arzt geschickt ...“
Er blätterte in seinen Papieren.
„Aha, Dr. Bernauer. Er wird sich persönlich wegen einem Termin mit ihnen in Verbindung setzen!“
„Gut“, sagte Liz und stand vorsichtig auf. Dann reichten sie sich die Hand, und sie war entlassen.

„Und?“, war Keanus erstes Wort, als Liz das Wartezimmer wieder betrat. Er stand auf und legte ihr den Arm über die Schulter.
„Ich hab’s hinter mir“, waren ihre Worte. Und: „Ich will jetzt nach Hause gehen.“
Sie schwankte ein wenig, und er drückte sie ganz fest an sich.
„Was ist denn?“
„Ich ... ich musste ein Beruhigungsmittel nehmen. Ich war schon vorhin nervös, und als ich dieses ... Ding sah, wurde es noch schlimmer. Und wenn ich daran denke, was dabei herauskommen wird ...“
„Meine Süße“, murmelte er und drückte sie fest an sich. „Komm, wir gehen, dann legst du dich etwas hin, okay?“
„Ich will mich aber nicht hinlegen“, erwiderte Liz mit einer Heftigkeit, die sie selbst überraschte, und ihr Mann riss erstaunt die Augen auf. „Ich ... ich will wieder Spaß haben, Freude ... ich will leben, ich habe sowas von genug!“
„Aber du wolltest doch der Sache auch nachgehen?“, stotterte er hilflos.
„Ja! Aber ich fühle mich langsam nur noch wie ein Patient!“, erwiderte sie, und ihre Wut schlug in Hilflosigkeit um. „Aber ich bin ...“
Sie hob die Hände an, senkte sie wieder, sie fand einfach die Worte nicht für das, was sie empfand.
„Komm, wir gehen heim, dann reden wir weiter, okay?“
Liz nickte, und Hand in Hand gingen sie zum Auto. Während der Fahrt sagte sie kein Wort, überlegte hin und her. Sie wusste, sie war ihrem Mann gegenüber unfair, doch irgendwas war aus dem Gleichgewicht, und es machte sie wütend.
Auch zuhause angekommen, fehlten ihr die richtigen Worte. Er fragte sie, ob sie was zu trinken wollte, legte ihre Lieblings-CD ein, doch sie spürte, dass er ihr jetzt nichts recht machen konnte. Darum sagte sie leise zu ihm:
„Es ist jetzt besser, du drehst eine Runde. Ich muss ein wenig für mich sein, okay?“
„Okay“, flüsterte er, und der Blick aus seinen Augen rührte sie aufs Innerste. So traurig hatte er schon lange nicht mehr ausgesehen. Doch er respektierte ihren Wunsch, zog seine festen Stiefel, die Lederjacke, Handschuhe und den Helm an und verließ mit hängenden Schultern das Haus.

Liz blieb stumm auf dem Sofa sitzen, und Tränen traten ihn ihre Augen. Was war nur mit ihr los, was hatte sie getan? Wie ein geprügelter Hund hatte Keanu das Haus verlassen, und sie hatte ihn fortgeschickt.
Das Telefon klingelte, und erst wollte sie gar nicht rangehen. Sie wartete, bis sich der Anrufbeantworter einschaltete, und hörte Debbie, wie sie sagte:
„Nimm bitte ab, wenn du zuhause bist. Ich habe an dich gedacht. Hoffentlich ist es gut gegangen. Oder schick mir wenigstens eine Nachricht, wenn du nicht reden magst, okay?“
Schnell nahm Liz den Hörer ab, meldete sich und entschuldigte sich mit den Worten:
„Ich bin ein wenig neben mir, und Keanu ist fort.“
„Was, fort? Hattet ihr etwa Streit? Aber ...“
Debbie konnte nicht weitersprechen, denn die Befürchtung, dass dieses Traumpaar sich verkracht haben sollte, war unvorstellbar.
„Nein, keinen Streit. Es ist nur ... ach, ich weiss gar nicht, wie ich es erklären soll!“
„Dann erzähl mir mal, wie die Untersuchung gelaufen ist!“
Liz berichtete und endete mit den Worten:
„Ich weiss auch nicht, was mit mir los ist. Als ich aus dieser Röhre rauskam, fühlte ich mich plötzlich gar nicht mehr ... nicht wie ein Mensch ist das falsche Wort.“
„Wie hast du dich dann gefühlt?“, wollte Debbie wissen.
„Wie ... eine Patientin! Man untersucht mich, stellt mir Fragen. Keanu ist lieb und fürsorglich, aber ... es ist schwer zu erklären. Es ist jedenfalls nicht mehr wie vorher! Als wir in Davos waren, hatte ich auch so einen Aussetzer. Natürlich war er auch besorgt, aber das war schnell wieder vergessen! Aber seit ich der Sache nachgehe ...“
„... da hat die Geschichte Überhand genommen? Ja, ich glaube, ich weiss, was du meinst! Sag mal, was war es, was in Davos für Ablenkung sorgte? Was geschah nach dem Aussetzer?“
„Zuerst war er schon besorgt, aber danach haben wir miteinander geschlafen“, erwiderte Liz, und da ging ihr ein Licht auf.
„Das ist es, was fehlt! Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, einen Fürsorger zu haben, und keinen Mann mehr! Und ich komme mir so mies vor, dass ich das überhaupt sage, er ist so lieb zu mir!“, stöhnte Liz und schloss die Augen.
„Vielleicht will er dich schonen“, vermutete Debbie. „Er hat ja diese Versorger-Ader, und nun schießt er übers Ziel hinaus! Dann ist es ja ganz einfach.“
„Ja?“, hakte Liz nach und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen, ohne etwas wahrzunehmen.
„Du musst aufhören, die Anlehnungsbedürftige zu sein, und wieder mehr zur Verführerin werden! Zieh dir ein sexy Négligé an, besorge Champagner, Kerzen ... zeig ihm, dass du deinen Mann zurück willst!“
„Hm“, machte Liz und überlegte, dann wandte sie ein: „Aber das hatte ich doch nie nötig!“
„Stimmt nicht ganz! Erinnerst du dich nicht? Nächtelang habt ihr über jenem Schachspiel gebrütet, habt über Gott und die Welt gebrütet. Wir haben schon Wetten abgeschlossen, wann ihr euch endlich richtig küsst, aber da war nichts, ihr wart viel zu schüchtern!“
„Stimmt“, gab Liz zu und lächelte ein wenig. „Du hast mir dann den Rat gegeben, mich mal ein bisschen verführerischer zu kleiden, und ...“
„Es hat doch gewirkt, oder?“
„Stimmt“, schmunzelte Liz. „Dann geh ich mal meinen Schrank durchsuchen! Der Négligé-und-Pantöffelchen-Typ bin ich zwar nicht, aber irgendwas werd ich schon auftreiben, nicht wahr?“
„Das denk ich auch. Und – viel Glück!“

Fast eine Stunde lang stand Liz vorm offenen Kleiderschrank und durchsuchte ihn nach verführerischen Outfits. Dann genehmigte sie sich ein Bad, rieb sich danach mit duftender Bodylotion an, fönte und kämmte ihr Haar, bis es glänzte, schminkte sich ein wenig, zog sich an und wartete.
Als Keanu eine Stunde später zurückkehrte, staunte er erstmal. Im Hintergrund lief leise Musik, auf dem Salontisch flackerte eine Kerze, doch Liz war nirgends zu sehen. Er zog sich Jacke, Helm und Schuhe aus, ging suchend umher und rief:
„Liz? Wo steckst du?“
Nach ein paar Sekunden hörte er Schritte, die die Treppe hinunter kamen, und als er hochblickte, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen.
Liz war richtig nervös gewesen, als sie seine Ankunft gehört hatte. War es richtig, was sie tat, oder machte sie sich gerade lächerlich?
‚Nur Mut’, befahl sie sich selbst, ging auf die Treppe zu und stieg langsam, Stufe um Stufe, hinunter. Und als sie den Blick aus Keanus Augen auffing, wusste sie: sie hatte es goldrichtig gemacht!
Das Kleid, das sie trug, war aus himmelblauen, fließenden Seidenjersey und ließ ziemlich viel von ihren Beinen sehen. Sie hatte es einmal aus Übermut gekauft und wegen seiner Kürze nie zu tragen gewagt, doch für heute war es genau richtig. Darunter trug sie halterlose Strümpfe, und dass ihr Mann dies von unten erkennen konnte, war zwar nicht beabsichtigt, aber sehr wirkungsvoll. Denn als sie unten ankam und an ihm hochblickte, sah sie nichts als nackte Bewunderung in seinen Augen, gemischt mit einer guten Portion Hunger.

„Du siehst einfach sagenhaft aus, meine Süße“, sagte er, und seine tiefe Stimme klang dabei ein wenig heiser. „Erwartest du noch jemanden?“
Der Klang seiner Stimme ließ Liz erschauern, und sie antwortete leise:
„Ja. Ich erwarte diesen wahnsinnig sexy Typ, der hier wohnt. Er ist groß, dunkelhaarig und ziemlich knackig.“
„Ach was“, erwiderte er mit gespieltem Erstaunen, und ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen. „Und was gefällt dir am Besten an ihm?“
„Das hier“, flüsterte Liz, stellte sich ganz nahe vor ihm hin und legte ihre Hände auf seinen hintern. „Dieser süße, freche Apfelpopo, der gefällt mir sehr!“
„Mmh“, brummte er und legte die Arme um sie, fing an, mit dem Zeigefinger ihr Rückgrat hinauf- und wieder hinunterzufahren.
„Und was gefällt dir sonst noch an ihm?“, wollte er wissen, und seine Lippen zuckten dabei.
„Das hier“, hauchte sie und küsste ihn zart auf die Lippen. „Ja, wenn ich es mir recht überlege, gefällt mir sein Mund am allerbesten. Er kann so gut küssen, dieser Mund, dass ich dabei regelrecht abhebe und vergesse, wo ich bin.“
„Meinst du so?“, entgegnete er leise, drückte sie noch fester an sich und fing an, ihren Kuss zu erwidern. Ganz zart streichelte er mit seiner schön geschwungener Oberlippe ihre Unterlippe, was ein behagliches Kitzeln in ihr auslöste. Dann knabberte er zart an ihrer Unterlippe, leckte sie zwischendurch immer wieder ab, machte sich dann über ihre Oberlippe her, zog dann den Kopf ein wenig zurück und murmelte:
„Ist es das, was du gemeint hat?“
Er lächelte ihr an, und das Surren im Hinterkopf zeigte ihr, was nun geschehen würde.
‚Nein, davon lass ich mich jetzt nicht stören’, zeterte sie in ihrem Inneren und sagte ihm:
„Genau das. Küss mich, Keanu. Küss mich, wie nur du es kannst!“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen, und als Liz dieses Mal ins Leere abtauchte, war sie so tief in diesen Kuss versunken, dass sie fast nichts davon merkte.
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Beitrag Verfasst am: 14.02.2009, 23:08    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 11

Schwerelosigkeit und Dunkelheit umgaben sie, und es war weder heiß noch kalt. Irgendwo, ganz weit hinten in ihrem Kopf, wusste sie, dass sie in diesem Zustand immer so etwas wie Körperlosigkeit verspürte. Auch jetzt schien sie nirgends zu stehen. Doch etwas war anders: Deutlich spürte sie eine Hand, die ihre hielt, und sie glaubte, eine Stimme zu hören. Sie konnte nicht ausmachen, wer da sprach, und verstand erst die Worte nicht, die sie sagte. Sie horchte, hörte ganz genau hin und bemerkte zwei Dinge: Die Stimme war männlich. Und sie schien sie etwas zu fragen, nämlich: ‚Ist es das, was du gemeint hast’. Wovon sprach die Stimme bloß, sie hatte doch nichts gesagt, oder etwa doch? Zu ihrer Verblüffung spürte sie nun nebst der Hand noch eine weitere Berührung: Ein leichtes Druckgefühl auf ihren Lippen. Jedoch wirkte dieses Gefühl auf sie nicht so real wie der Druck der Hand, es war eher ein Gefühl wie das Kribbeln nach einem Kuss.
Da sprach die Stimme wieder, lauter und deutlicher.
„Bist du noch da? Lisa? Was war das eben?“
Oder war das eine andere Stimme gewesen? Sie war deutlicher, realer gewesen, genauso wie der Händedruck. Die andere Stimme hatte fern und verschwommen getönt, doch der Klang war genau derselbe.

Aus dem Schwarz wurde grau, die neutrale Temperatur verwandelte sich langsam in beißende Kälte, und nun konnte Lisa ihre Umgebung erkennen und erinnerte sich auch wieder daran, wo sie war. Sie stand immer noch mit Keanu am See, sie hatten sich eben umarmt und er hatte sie nach Hause begleiten wollen. Doch etwas war anders: Er lächelte nicht mehr, sondern schaute sie verwirrt, ja, fassungslos an. Dann öffnete er den Mund, und leise fragte er:
„Was ist das eben gewesen? Und warum sind deine Hände plötzlich so warm?“
„Wie meinst du das?“, flüsterte sie. „Ich war mal wieder weggetreten, wie immer. Aber dieses mal war es anders ...“
„Wie war es denn?“, wollte er wissen, und sein eindringlicher Blick ging ihr durch und durch.
Und nun schnell reden, bevor sie es wieder vergaß, dachte Lisa, und erzählte:
„Ich hörte jemanden sprechen, eine männliche Stimme, ganz leise!“
„Was hat sie gesagt?“, bohrte er nach und packte Lisas andere Hand.
„Etwas ganz merkwürdiges. ‚Ist es das, was du gemeint hast’. Das hat sie gesagt!“
„Hast du die Stimme erkannt?“
Schnell weiterreden, die Erinnerung wollte bereits verblassen!
„Sie klang wie deine!“, stieß Lisa verwirrt hervor. „Aber du warst es nicht! Ich hatte auch deine Hand gespürt, du hast sie gehalten. Genauso wie jetzt, es fühlte sich real an. Aber diese Stimme ... es war so merkwürdig! Und dann hatte ich so ein komisches Gefühl auf meinen Lippen. Als ob ... “
„... dich jemand geküsst hätte?“, ergänzte er ihren Satz, und Lisas Herz blieb beinahe stehen. Sie konnte nicht glauben, was sie da eben gehört hatte.
Er starrte sie schweigend aus großen Augen an, schien selbst verwirrt über seine Aussage. Warum sagte er nichts? Sie musste es wissen, darum fragte Lisa leise:
„Wie kommst du darauf? Und ... während ich weggetreten war ... hast du etwas gesagt?“
Keanu blickte zu Boden, schluckte, dann schaute er Lisa wieder an und erwiderte:
„Es tut mir leid. Ich weiss es nicht! Es ist mir einfach so durch den Kopf geschossen!“
„Wie, du weißt es nicht? Wie meinst du das?“, hakte sie nach und wagte es nicht mehr, zu atmen.
„Ich erinnere mich noch daran, wie deine Pupillen größer wurden und dein Blick ins Leere ging. ‚Es ist wieder soweit’, habe ich gedacht. Und dann ...“
„Und dann was?“
„Das nächste, woran ich mich erinnerte ist, wie deine Pupillen wieder kleiner wurden. Der Augenblick dazwischen, der fehlt mir! Weg!“
Lisas Herz fing an zu rasen, und sie krächzte:
„Ist der Augenblick komplett weg, warst du weg und gleich wieder da? Bitte denk scharf nach, ich glaube, das ist wichtig!“
Keanu runzelte die Stirn, schloss die Augen, dann sprach er endlich:
„Nein. Bevor ich bemerkte, dass du wieder auftauchst und dich ansprach, war es, als ob der Nebel sich verziehst, als ob du vor meinen Augen wieder auftauchst. Aber Moment mal, kann es sein ...“
„... dass du das Selbe empfindest wie ich? Aber wie kann da sein?“
„Ich habe keine Ahnung“, stöhnte er. „Ich habe keinen blassen Schimmer, Süße!“
Da ließ er ihre Hand los und schlug sie sich entsetzt auf den Mund, und sie fragte mit bebender Stimme:
„Seit wann nennst du mich so?“

„Es tut mir leid“, sagte Keanu und blickte sie um Verzeihung bittend an. „Ich kann dir nicht sagen, wo das herkam! Ich kenn dich doch noch kaum, es ist mir irgendwie rausgerutscht! Bitte denk jetzt nicht schlecht von mir!“
„Das tue ich nicht“, erwiderte Lisa und nahm seine Hand. „Es ist nur ... es hat mich erschreckt! Ich weiss genau, dass du mich noch nie so genannt hast, und dennoch ...“
Langsam schüttelte sie den Kopf, dann fröstelte sie.
„Dir ist ja ganz kalt! Ich wollte dich doch nach Hause begleiten ...“
„Stimmt.“
„Dann gehen wir los! Lisa ... darf ich meinen Arm um dich legen?“
Ein junger Hund hätte sie nicht bittender und lieber anschauen können, uns sie gestattete es ihm, und so eilten sie Arm in Arm auf Lisas Wohnblock zu. Und obwohl sie sonst eher der Typ war, der eine Weile brauchte, bis sie sich von einem fremden Mann berühren ließ, genoss sie diese vertraute Geste – so, als ob er ein alter Bekannter war. Sie genoss sie so sehr, dass sie es sehr bedauerte, als sie vor der Haustüre ankamen, denn dies bedeutete, dass er sie nun verlassen würde. Keanu schien dieselben Probleme zu haben, denn anstatt sich von ihr zu verabschieden, nahm er in die Arme und drückte sie so fest an sich, als wolle er sie nie wieder loslassen.
Wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an Keanu fest, am liebsten wäre sie in ihn hineingekrochen. Was immer ihr auch widerfuhr, er hatte irgend etwas damit zu tun, das spürte sie ganz deutlich. Und sie war nicht allein damit, endlich war sie nicht mehr allein damit! Niemals würde sie nach dieser Erkenntnis einfach in ihre Wohnung hinaufgehen, sich allein in ihr Bett legen und schlafen können. Sie wollte ihm nahe sein, wollte ihm reden, mit ihm zusammen herausfinden, was los war, und sie wollte ... ihn. Sie überlegte gerade, dass sie ihn nicht hinaufbitten konnte, denn in dieser Hinsicht war sie altmodisch. Zudem hatte sie keine Lust, Leonies Aufmerksamkeit zu erregen und sich morgen früh mit Fragen löchern zu lassen.

„Darf ich dich was fragen?“, murmelte da Keanu in ihre Halsbeuge.
Sie nickte, und er fragte leise:
„Ich kann dich jetzt nicht einfach gehen lassen. Nicht nachdem, was vorhin geschehen ist. Bitte versteh mich nicht falsch. Darf ich ... magst du die Nacht mit mir verbringen?“
„Ja“, hauchte Lisa, ohne darüber nachzudenken.
„Wir müssen nicht ... ich will dich hier nicht anbaggern. Ich will bloß nicht alleine sein, will dich in meiner Nähe haben ...“ Erst in diesem Moment verarbeitete er Lisas Antwort, und er stieß hervor: „hast du ‚ja’ gesagt?“
„Ja, hab ich“, erwiderte sie und war ganz verwirrt darüber. „Komm schnell mit rein. Ich packe ein paar Sachen für die Nacht zusammen, und dann gehen wir? Und sei bitte ganz leise. Wenn Leonie deine Stimme hört, ist’s mit dem Frieden vorbei!“
„Alles klar“, entgegnete Keanu, dann schloss Lisa die Haustür auf und sie schlichen nach oben.
„Moment“, flüsterte Lisa, als sie vor ihrer Wohnungstür standen. „Ich will erst sehen, ob Leonie wirklich schläft. Bitte sei mir nicht böse, aber ich möchte jetzt kein Geschwätz. Sie ist lieb, aber auch sehr neugierig. Wenn ich in 5 Minuten nicht wieder zurück bin ...“
„... dann zieh ich alleine und einsam in Kälte und Dunkelheit in meine Höhle zurück“, wisperte er und zwinkerte. Dann verschwand Lisa in der Wohnung und zog die Tür leise hinter sich zu.

Die beiden Frauen waren sehr ordentlich, und dieser Umstand kam Lisa nun zugute. Da lagen keine Schuhe herum, über die sie stolpern und das ganze Haus aufwecken konnte, keine Stühle standen im Weg und warteten darauf, umgeworfen zu werden. Leonie schien in der Tat schon fest zu schlafen, denn Lisa sah kein Licht unter ihrer Türritze. Unbemerkt schlich sie in ihr Zimmer, nahm eine leere Sporttasche zur Hand und warf eilig Wäsche zum Wechseln hinein. Dann ging sie auf leisen Sohlen ins Bad, schloss die Tür und machte das Licht an. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte sie alles, was sie brauchte, in die Tasche geworfen, und eine Minute später stand sie wieder auf dem Gang draußen, wo Keanu geduldig auf sie wartete. Sie legte den Zeigfinger an den Mund, schloss vorsichtig die Tür hinter sich, ging voran und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Und schon standen sie wieder draußen, und die schwere Haustür schlug hinter ihnen zu.
„Bitte verzeih meine Geheimniskrämerei“, erklärte sie, und ihre Atemluft färbte sich in der Kälte weiss. „Ich ... es ist alles noch so frisch und so merkwürdig, und da mag ich nicht mit ihr darüber reden. Sie ist sowas von neugierig, und ... ich ertrag das jetzt nicht.“
„Kein Problem, ich versteh das“, erwiderte er, strich ihr über die Wange und nahm dann ihren Arm. „Komm! Es ist kalt!“
Keanus Hotel war zum Glück nicht weit weg, und so befanden sie sich bald wieder in der Wärme. Während er an der Rezeption den Schlüssel verlangte, hielt sie sich im Hintergrund, und während sie ihn beobachtete, kam auf einmal ein seltsames Gefühl in ihr hoch. Was mochten die Hotelangestellten von ihr denken? Ob sie glaubten, dass sie eines dieser Mäuschen war, die sich von einem Superstar abschleppen ließen? Und - war sie das irgendwie nicht auch?
„Was hast du?“, fragte Keanu, als er mit dem Schlüssel in der Hand wieder vor ihr stand, und stockend erklärte sie es ihm.
„Blödsinn“, bemerkte er. „Da ist doch kein one night stand. Und was die Leute reden ... das kannst du sowieso nicht beeinflussen. Denk einfach nicht darüber nach! Oder willst du wirklich wieder nach Hause gehen? Ich fände das sehr schade ...“
Da war sie wieder, die Wärme in seinem Blick. Lisa sah Zuneigung in Keanus Augen, las aber keine Gier darin. Lisa gab sich einen Ruck, lächelte ihn an und folgte ihm zu den Liften.
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Beitrag Verfasst am: 15.02.2009, 21:22    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 12

Eine Minute später waren sie in Keanus Suite angekommen. Er half Lisa aus der Jacke, zog sich seine aus, und sie verschwand auf die Toilette, um sich frisch zu machen. Als sie die Hände abtrocknete, blickte ihr aus dem Spiegel ihr Gesicht entgegen, und sie bemerkte, dass ihre blaugrünen Augen noch nie so geglänzt hatten. Ihre Wangen waren ein wenig gerötet, und irgendwie wirkten ihre Lippen voller aus als sonst. Gleichzeitig war sie nervös. Was zum Henker machte sie hier? Mit einem wildfremden Mann aufs Zimmer gehen, das war doch sonst nicht ihre Art.
‚Aber er kommt mir gar nicht fremd vor’, dachte sie. Sie hatten einiges zu besprechen. Seine Erinnerungslücke von vorhin zum Beispiel: erlebte er etwa dasselbe wie sie? Und – würden sie beim Reden bleiben?
Sie verließ das Bad, ließ ihn eintreten. „Machs dir schon mal bequem“, sagte er zu ihr, dann schloss er die Tür hinter sich. Während sie sich aufs Sofa setzte, rieb sie sich die immer noch kalten Hände und hörte das Wasser rauschen. Sie sah eine Decke in der einen Sofaecke liegen, zog sich die Schuhe aus, und als sich die Badezimmertür öffnete, und Keanu kam wieder heraus, saß sie zusammengekauert unter der Decke.

Wie gut er doch aussah! Lisa musste sich zusammennehmen, um ihn nicht mit offenem Mund anzustarren. Er war sehr schlank und dabei perfekt proportioniert mit seinen schmalen Hüften und dem flachen Bauch. Sein Rolli betonte die Schultern, aber ... was machte er mit seinen Händen? Er schien sie sich zu massieren, rieb jeden einzelnen Finger.
„Was hast du?“, fragte sie. „Tun dir die Finger weh?“
„Ja“, erwiderte er. „Sie waren sowas von kalt, ich hab sie gleich mit heißem Wasser abgespült. Ein Fehler! Das sieht aber gemütlich aus!“, ergänzte er, als er Lisa unter der Decke entdeckte.
„Ich habe gefroren! Ich hoffe, es ist okay!“
„Sicher. Darf ich auch ein wenig Decke abhaben?“
„Ja, natürlich!“
„Hm, wie wollen wir das bewerkstelligen“, brummte er. Dann zog er den Sessel, der am anderen Ende des Zimmers stand, ans Sofa heran, und Lisa durfte feststellen, dass seine Proportionen auch von hinten stimmten. Doch was hatte er vor?
„So können wir beide die Beine hochlegen und unter die Decke kriechen!“, erklärte er schmunzelnd, zog sich die Schuhe aus, setzte sich neben Lisa und legte mit einem Seufzer die Füße hoch.
„Ach, so meinst du das“, erwiderte Lisa und lächelte. Sie legte ihre Beine neben seine, beugte sich vor, um die Decke über beide Beinpaare zu drapieren, und als sie sich wieder zurücklehnte, achtete sie darauf, dass beide bis zur Brust zugedeckt waren. Dass Keanu seinen Arm inzwischen ausgestreckt hatte, hatte sie zwar nicht bemerkt, doch sie genoss das überraschende Gefühl, als er sie ein wenig an sich zog und sie sich an ihm anlehnen konnte. Sie merkte, dass ihre Hände wieder warm geworden waren, und forderte ihn leise auf:
„Gib mir mal deine andere Hand.“
Er reichte ihr seine freie Hand, lehnte sich dabei noch näher an sie heran. Dann nahm sie diese große Hand zwischen ihre Finger und hielt sie einfach fest.
„Gleich wird sie wieder warm“, meinte sie und blickte hoch.

Keanus Gesicht war nun ganz nah an ihrem, und seine Augen wirkten auf Lisa wie Magneten: Sie konnte einfach nicht mehr wegschauen.
„Jetzt weiss ich, warum ich dich vorhin ‚Süße’ genannt habe’, murmelte er, und sein Gesicht strahlte wie das eines Kindes vorm Weihnachtsbaum. ‚“Weil du so unglaublich süß bist.“
Lisas Gesicht wechselte die Farbe, doch dann wurde sie ernst und erwiderte:
„Aber das war nicht der Grund, nicht wahr?“
„Nein, war er nicht. Ich kann dir nicht sagen, wo ich das Wort plötzlich herhatte. Ich glaube, ich habe noch nie zu einer Frau ‚Süße’ gesagt!“
„Wie hast du denn deine Freundinnen immer genannt?“, wollte Lisa wissen. Die Vorstellung von diesen Freundinnen versetzte ihr einen kleinen Stich, doch was wollte sie? Der Mann war ein ganzes Stück älter als sie, dazu noch absolut hinreißend, was erwartete sie?
„Ich war immer eher der ‚Schatz’-Typ“, erwiderte er grinsend. „’Süß’, das hat doch eine ganz andere Qualität.“
„Was für eine?“
„Lieb, hübsch ...“
„Findest du mich hübsch?“, rutschte es Lisa heraus, und sie spürte, wie sie dunkelrot anlief. Meine Güte, sie benahm sich wie ein Teenager mit Hormonschub!
„Ja, finde ich“, entgegnete er. Die raue Stimme, mit der er das sagte, ließ einen Schauer über Lisas Rücken laufen, und wie er ihr Gesicht mit Blicken streichelte! Ihr Puls musste inzwischen bei 180 sein.

‚Jetzt nimm dich zusammen’, schimpfte sie mit sich selbst. ‚Flirten kannst du später!’
Laut sagte sie:
„Wie war das denn nun bei dir? Als du vorhin ein Stück Zeit verpasst hast?“
„Wie ich schon sagte: Ich erlebte, wie du abdriftetest, sah den Augenblick, wie du zurückkamst, aber das Stück dazwischen fehlt.“
„Du hast etwas von Nebel gesagt ...“
„Ja“, erwiderte Keanu. „Kurz bevor ich sah, wie deine Pupillen kleiner wurden, war es, als ob sich Nebel verzog. Und da war noch was...“
„Was denn?“
„Ich habe mir eingebildet, dass du etwas ganz Bestimmtes gesagt hast“, sagte er, blickte weg und zu ihrem Erstaunen stellte Lisa fest, dass eine feine Röte sein Gesicht überzog.
„Was denn?“, flüsterte Lisa, und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
„Ich habe geglaubt zu hören, dass du ‚Küss mich’ zu mir gesagt hast. Aber ... das hast du nicht, nicht wahr?“
„Nein, hab ich nicht“, entgegnete sie mit heißem Gesicht. „Aber wer soll denn das sonst gesagt haben?“
„Ich weiss es nicht“, erwiderte er und traute sich wieder, sie wieder anzuschauen. Lange Zeit sagten sie nichts, Lisa spürte, dass auch seine Hand wieder warm war, sah, wie sich sein Brustkorb bei jedem Atemzug hob und senkte, dann öffnete sie den Mund und fragte leise:
„Ist dir so etwas schon einmal passiert? Ich meine, dass du ... Zeit verloren hast?“
„Ich ... ich weiss es nicht. Keine Ahnung! Nun, ich war sicher schon oft geistesabwesend und wusste nicht gleich, wo ich war, als ich wieder in die Gegenwart zurückfand. Aber ob das dasselbe ist?“
„Fühlte es sich denn heute wie Geistesabwesenheit an?“, wollte Lisa wissen, und während sie auf Keanus Antwort wartete, hielt sie den Atem an.
„Ja und nein! Normalerweise weiss ich hinterher immer, wo meine Gedanken gewesen sind, aber heute ... nichts! Nada!“

„Seltsam“, murmelte sie. „Sag mal ... hättest du etwas dagegen, wenn ich meinem Vorgesetzten davon erzähle?“
„Einem Physiker?“
„Ja“, erwiderte Lisa und lächelte über Keanus erstauntes Gesicht. „Dr. Pelletier hat es sich zum Hobby gemacht, dieses eine Rätsel zu lösen. Er mag das Unerklärbare und will Lösungen finden, schließlich ist das sein Beruf. Und meiner hoffentlich auch, in Zukunft!“
„So gesehen verstehe ich es. Nein, ich habe nichts dagegen. Sag mal, wie bist du eigentlich zu diesem Studium gekommen?“
„Nun, mein damaliger Arbeitgeber war ein Lieferant des CERN. Wir wurden zu einer Besichtigung eingeladen ... und da hat es mich einfach fasziniert! Eine Aufregung lag in der Luft, eine Konzentration. Ich wusste plötzlich, dass ich an dieser Welt teilhaben wollte!“
„Dann hast du also vorm Studium gearbeitet?“
„Ja! Ich war nach dem Gymnasium lernmüde und wollte arbeiten gehen. Meine Eltern hat das mächtig geärgert! Sie haben sich das ganz anders ausgedacht.“
„Wie denn?“, hakte er nach, drehte sich ein wenig zu ihr herum, und Lisa wurde es plötzlich bewusst, dass sie ihn von oben bis unten spüren konnte. Ihr Blut geriet in Wallung, doch Keanu wartete immer noch auf ihre Antwort.
„Nun, ich hatte große Schwierigkeiten mit dem Englisch, es war mein absolutes Horrorfach! Um mich umzustimmen, und vielleicht auch, um mir ein Zuckerchen zu geben, wollten sie, dass ich an einem Schüleraustausch mitmache. Ich sollte ein Jahr lang in Kanada zur Schule gehen ...“
„Welche Stadt?“, unterbrach er sie mit glitzernden Augen.
„Toronto. Warum?“
„Dort komm ich doch her! Unter anderem!“, rief er aus. „Wer weiss, vielleicht wären wir uns sogar über den Weg gelaufen! Dann hätte ich dein herrliches Haar schon viel früher gesehen“, ergänzte er und strich ihr langsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wie dunkle Seide mit roten Glanzlichtern drin. Herrlich“, flüsterte er, und seine Augen wurden etwas dunkler.

„Ja, wer weiss“, wiederholte sie. Keanus Arm hatte sich inzwischen um ihre Taille gelegt, und nun hatte Lisa absolut keine Lust mehr, mit ihm zu diskutieren. Anschauen wollte sie ihn, riechen, spüren, mit allen Sinnen wahrnehmen. Die Gefühle, die er in ihr auslöste, waren wie ein Rausch. Seine dunklen, tiefen Augen sprachen zu ihr, teilten ihr Dinge mit, die fremd und doch vertraut waren. Ihre Vorbehalte verflogen, und wie ferngesteuert sie zog sich noch näher an ihn heran und flüsterte:
„Darf ich dich um etwas bitten?“
„Worum denn?“, wollte er wissen und fing an, ihr Kreuz zu kraulen.
Eine heiße Welle der Erregung breitete sich in Lisas Körper aus, und sie schaffte es nicht, den Mund zu öffnen. Stattdessen hob sie ihre Hand, legte sie auf Keanus Mund und zeichnete zart dessen Konturen nach.
Die Hand in ihrem Rücken spannte sich an, Keanus Pupillen erweiterten sich, und seine Stimme war ganz heiser, als er sagte:
„Du wolltest mir sagen, dass ich dich küssen soll, nicht wahr?“
Lisa konnte nur nicken und ihm mit ihren Augen mitteilen, wie sehr sie sich das wünschte. Und schon lagen seine weichen Lippen auf ihren, liebkosten, streichelten und knabberten, und sie glaubte, vor Wonne zu zergehen. Während sie die zärtlichen Küsse erwiderte, griff sie in sein Haar und wuschelte darin.
Mit geschlossenen Augen genoss Lisa die Gefühle, die sie nun durchströmten, ohne wissen zu wollen, wo sie herkamen. Die starke Hand auf ihrem Rücken, seine Lippen auf ihren, das dichte Haar in ihrer Hand, das war alles, was sie sich wünschte.
Keanu hielt einen Moment lang inne, schaute ihr tief in die Augen, und diese lächelten so liebevoll, dass Lisa in am Liebsten auf der Stelle gefressen hätte. Sein Atem ging schnell, und er nahm ihre Hand und legte sie sich an seine Brust.
„Spürst du das?“, flüsterte er.
Ja, sie konnte spüren, sein Herz, es hämmerte genauso wie ihres. Sie nickte ergriffen, und während er seine Finger mit ihren verhakte, ging das Lächeln auch auf seinen Mund über.
Da surrte es auch schon wieder in ihrem Hinterkopf, doch dieses Mal war es Lisa egal.
‚Nur ein paar Sekunden, dann bin ich zurück und er ist mein’, dachte sie, spürte als Letztes, wie seine Hand sie wieder an sich zog, und glitt angstfrei ins Nichts hinein.
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Beitrag Verfasst am: 27.02.2009, 21:31    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 13

Wo bin ich? Es ist dunkel, und es ist weder warm noch kalt. Ich spüre keinen Luftzug, ich höre keine Geräusche, ich bin schwerelos. Hier ist nichts, absolut nichts. Doch halt! Berührt meine Hand etwas? Mal versuchen, meine Finger zu bewegen. Es geht nicht. Und doch ist mir, als ob meine Hand bis vor Kurzem etwas gespürt hat. Ein Klopfen, ein regelmäßiges, schnelles Pochen, direkt unter meiner Handinnenfläche. Warum weiss ich das? Und hier ist doch gar nichts?

Das Schwarz wurde etwas weniger dunkel, und mit einem Mal konnte sie etwas ertasten. Ihre Hände lagen auf weichem Stoff, und darunter befanden sich kräftige Muskeln. Ein Rücken ... aber da war kein Pochen. Sie wurde festgehalten. Nicht nur das, sie wurde nicht nur festgehalten, sondern auch geküsst, ganz zart wurden ihre Lippen gestreichelt, vorsichtig wurde an ihnen geknabbert. Bevor sie realisierte, wer und wo sie war, seufzte sie leise auf und genoss dieses Gefühl. Dann öffnete sie ihre Augen, erkannte ihren Ehemann und wusste, dass sie sich zuhause befand. Doch wo war bloß das Pochen hergekommen?
„Einen Moment“, flüsterte sie in Keanus Mund hinein und löste sich etwas von ihm.
Für eine Sekunden blickten seine dunklen Augen sie fragend an, und er bemerkte:
„War es wieder soweit?“
„Ja“, erwiderte Liz leise. „Doch dieses Mal war etwas anders. Ich ... ich hatte keine Angst! Und ich fühlte mich nicht lange desorientiert!“
„Vielleicht ist das ein Zeichen der Besserung?“, mutmaßte er und nahm ihre Hände.
„Ich weiss es nicht. Und da war noch was ... mir war, als ob meine Hände etwas gespürt hatten.“
„Du hattest sie auf meinem Rücken. Konntest du vielleicht meinen Rücken spüren?“
„Nein. Da war ... da war ...“, dachte Liz laut nach und runzelte die Stirn. Ihre rechte Hand machte sich selbständig, und ohne dass Keanu sie losließ, legte sie sie ihm auf die Brust. Sie spürte, wie sein Herz pochte, ihre Hand war zwischen seinem klopfenden Herz und seiner großen, starken Hand gefangen.
„Genau wie vorhin“, stieß sie hervor. „Aber wie ist das nur möglich?“
„Wie meinst du das, wollte er wissen.
„Es kommt mir so bekannt vor. Ich fühle dein Herz, gleichzeitig liegt deine Hand auf meiner ... mir war, als hätte ich das vorhin gefühlt.“
„Wann, vorhin?“
„Bevor alles wieder klar wurde! Aber das ergibt keinen Sinn!“
„Geht dir vielleicht eine alte Erinnerung im Kopf herum?“, vermutete Keanu. Seine Hand lag immer noch auf ihrer, und noch immer konnte sie spüren, wie sein Herz klopfte.
„Eine Erinnerung ...“, murmelte sie. „Irgendwie ... nein, nicht eine Erinnerung. Eher ein Déjà Vu. Sag mal, wo hatte ich meine Hände, bevor ich verschwand? Doch auf deinem Rücken, oder?“
„Zuerst auf meinem Po, dann auf meinem Rücken, genau“, erwiderte er. Ein Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und seine Augen glitzerten.
„Du solltest das Alles mit Dr. Bernauer besprechen. Doch jetzt ...“
„Doch jetzt?“, wiederholte Liz, und das Herz unter ihrer Hand beantwortete ihre Frage bereits, indem es anfing zu rasen wie ein Zug, der aus dem Bahnhof fuhr und Geschwindigkeit aufnahm.

„Jetzt möchte ich dort weitermachen, wo wir aufgehörten haben. Meine wunderschöne, süße Frau. Gott, was bin ich für ein Glückspilz!“
Der merkwürdige Moment war schnell vergessen, und ein Glücksgefühl breitete sich in Liz aus. Sie waren nun schon so lange zusammen, und noch immer begehrten sie sich. In Gedanken schickte sie Debbie, die sie auf diese Idee gebracht hatte, ein herzliches Dankeschön, dann schlang sie ihre Arme um Keanus Taille, spürte seinen Rücken unter ihren Händen. Seine Augen glommen wie glühende Kohlen, sei Blick verhakte sich mit ihrem, und er murmelte:
„Grün wie eine Wiese und blau wie der Himmel. Ich liebe deine Augen. Ich liebe dich, Süße!“
„Ich liebe dich auch“, erwiderte sie leise, betrachtete sein Gesicht voller Zuneigung. Nein, Keanu war kein junger Mann mehr. Seine Haut war nicht mehr ganz so glatt, um seine Augen herum hatten sich viele Fältchen eingegraben, und seine Augenbrauen lagen etwas tiefer als früher. Sein Haar jedoch war immer noch dicht, voll und dunkel, genau wie früher, und nur einzelne, silberne Fäden glitzerten darin. Sein Mund, der nun zu einem Schmunzeln verzogen war, war voll und die Oberlippe wunderschön geschwungen wie die Oberseite eines Herzens. Wie zum Küssen gemacht, fand Liz, beendete ihre Betrachtung und fing an, die Kontur seiner Lippen mit kleinen Küssen zu bedecken. Mit halbgeschlossenen Augen beobachtete Keanu das Tun seiner Frau und genoss ihre Zärtlichkeiten sichtlich. Er lächelte, dann war er an der Reihe, Liz’ Lippen zu verwöhnen, und tat dies ausdauernd und gefühlvoll. Ein leises Seufzen entfloh Liz’ Mund, und wie von selbst wanderten ihre Hände unter seinen Pullover, wollten seine nackte, warme Haut spüren. Der Kuss vertiefte sich, ihre Zungen trafen sich zu einem langsamen, sinnlichen Spiel, dass sie alles um sich herum vergessen ließ.
Plötzlich fühlte Liz, wie sie im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füssen verlor. Keanu hatte sie hochgehoben und trug sie – nein, nicht nach oben, sondern zum Sofa, ohne den Kuss zu unterbrechen. Dort setzte er sich mit ihr im Arm hin, und dem kurzen Zusammenzucken merkte sie an, dass dies Schmerzen in seinem Knie verursachte.
Liebevoll streichelte sie Keanus Schläfen, und der Glanz in seinen Augen ließ ihr Herz vor Liebe groß werden. Ihr Mund öffnete sich ein wenig, sie kuschelte sich ganz nahe an ihn heran, und sie setzten den Kuss fort, ganz langsam, tief und sinnlich. Mit einem Arm drückte er sie an sich, und mit der anderen Hand spielte er an ihrem Rocksaum herum, streichelte die stumpfbedeckte Haut darunter, ganz langsam gingen seine Finger weiter nach oben, bis sie nackte Haut ertasteten.

Für einen Moment unterbrachen sie den Kuss. Ein Schauer überlief Liz’ Körper, und Keanu atmete schwer, während er ihre Oberschenkel streichelte. Begehren lag in seinem Blick, dasselbe Verlangen, dass auch sie verspürte. Aber er hatte es nicht eilig. Er entfernte die Hand von ihren Beinen, setzte den Kuss fort, ließ seine Zunge über ihre Unterlippe streicheln, was sie zugleich kitzelte und erregte. Sie drückte ihre Lippen fest auf seine, suchte mit ihrer Zungenspitze nach seiner und als sie sie fand, wurde aus dem spielerischen Necken ein intensiver, leidenschaftlicher Kuss. Liz war froh, dass sie saß, denn jetzt wäre sie nicht mehr in der Lage gewesen, auf ihren Füssen zu stehen.
Keanus Hand lag inzwischen auf ihrem Bauch, und nun fing er an, ihn durch den weichen Stoff hindurch zu kraulen. Diese Liebkosung brachte sie fast um den Verstand, Wellen der Wonne breiteten sich unter seiner Hand in ihr aus und verbreiteten sich in ihrem ganzen Körper. Jemand hatte leise gestöhnt – war sie das gewesen? Die Beiden unterbrachen ihren Kuss, schauten sich nur tief in die Augen, während das Kraulen auf Liz’ Bauch zu einem zarten, aufreizenden Streicheln wurde. Sie trank seinen Blick durstig, versank dann in den dunklen Tiefen seiner Augen, und unter dieser streichelnden Hand hatte sie das Gefühl, sich langsam, aber sicher zu verflüssigen.
Bisher waren ihre Hände untätig gewesen, doch nun wollte auch sie streicheln, tasten, Keanus glatte, warme Haut spüren. Sie ließ ihre rechte Hand unter seinen Pulli gleiten und nach oben wandern, streichelte zuerst seinen Bauch, dann seine Brust, wobei sie neckisch mit seinen Brustwarzen spielte. Wie gut er sich anfühlte, so herrlich warm und fest! Keanus Augen wurden etwas dunkler, und er zog sie noch fester an sich und fing an, sie wie ein Besessener zu küssen, sodass ihr beinahe die Luft wegblieb. Sie erwiderte diesen Kuss mit derselben Intensität, und das sehnsüchtige Ziehen, dass sich nun in ihrem Unterleib ausbreitete, ließ sie fast aufheulen vor Frustration. Doch anscheinend hatte es Keanu immer noch nicht eilig, denn er beendete den Kuss wieder, schaute sie nur an, lächelte ein wenig und fing wieder an, Liz’ Bauch zu streicheln. Dabei bewegte sich seine Hand wie zufällig immer weiter nach oben, bis sie genau unter ihren Brüsten lag – und dort nicht den erwarteten BH-Abschluss fand. Sein Lächeln vertiefte sich, und er nahm zuerst eine, dann die andere Brust in seine Hand. Liz konnte die Wärme durch den dünnen Stoff hindurch wunderbar spüren, und auch ihren Brustwarzen schien die Nähe dieser Hand zu gefallen, denn sie richteten sich auf und schrien förmlich danach, von ihm berührt zu werden. Was er dann auch ausgiebig tat, während er Liz unentwegt tief in die Augen schaute. Ihr Herz raste, und sie wusste nicht, was sie mehr erregte: die streichelnde Hand oder der tiefe, erotische Blick, der sie jeden Moment zu verbrennen drohte.

‚Mein Gott, es ist wieder wie früher! Danke, danke, danke!’, dachte Liz, und unbewusst drückte sie ihren Rücken durch, damit Keanu ihre Brüste besser erreichen konnte. Dabei sank ihr Kopf nach hinten, und endlich, endlich küsste er sie wieder, ohne das Spiel seiner Finger zu unterbrechen. Erst als Liz drohte, wegzukippen, zog er sie mit beiden Armen ganz fest an sich, und sie hielt sich an ihm fest wie eine Ertrinkende. Sie spürte, wie sein Herz genauso raste wie ihres, und sie wünschte sich, dass dieser Kuss nie enden würde. Doch irgendwann mussten sie beide nach Luft schnappen, und sie schauten sich verblüfft an. Keanus Haar war komplett zerzaust, seine Lippen etwas angeschwollen, was kein Wunder war. Seine Augen erinnerten sie nun an glimmende, schwarze Kohlen, und nun breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, das ihr versprach, dass diese Wonnen noch die ganze Nacht andauern würden.
Wieder berührten sich ihre Lippen, immer und immer wieder, dieses Mal wieder ganz zart und verführerisch, wie am Anfang. Sie neckten sich, spielten miteinander, ihre Münder, streichelten, tasteten und knabberten. Immer, wenn sie sich für eine Sekunde voneinander lösten, lächelte Keanu ein wenig, und Liz wurde mit einer Zärtlichkeit erfüllt, die keine Grenzen kannte. Dies war ihr Mann, und davor war er lange Jahre ihr Freund gewesen. Sie kannten sich genau, vertrauten einander, und nur wenige Stunden zuvor hatte Liz befürchtet, dass das Feuer aus ihrer Beziehung verschwunden war. Doch jetzt war alles anders: sie war drauf und dran, sich wieder neu in Keanu zu verlieben.
„Gehen wir nach oben?“, flüsterte er heiser, und als sie nickte, hob er sie hoch und trug sie langsam die Treppe hoch, ohne dabei auch nur einmal den Blick von ihrem zu lösen.
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Beitrag Verfasst am: 05.03.2009, 23:50    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 14

Liz war so aufgeregt wie eine Jungfrau vor ihrem ersten Mal, obwohl sie schon unzählige Male mit ihrem Mann geschlafen hatte und ihn längst in- und auswendig kannte. Ihr Herz klopfte wie verrückt, genauso wie seins, und sie wünschte sich, er würde die Treppenstufen schneller erklimmen, damit sie ihm endlich die Kleider vom Leib reißen und ihn bei lebendigem Leib auffressen konnte. Doch auch jetzt hatte Keanu keine Eile. Langsam nahm er Stufe um Stufe in Angriff, und immer wieder blieb er stehen und drückte ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen. Endlich waren sie im Schlafzimmer angekommen, und vorsichtig setzte er Liz ab. Dabei verzog er, wie schon vorhin, für eine Millisekunde sein Gesicht, und Liz strich ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn, als er sich neben sie setzte.

‚Du musst das nicht tun’, lag ihr auf der Zunge, doch sie wollte ihren stolzen Mann nicht verletzen, und so verbiss sie sich die Bemerkung. Stattdessen betrachtete sie sein Gesicht, das in den letzten Jahren seine Glattheit verloren hatte und nun so männlich wirkte, dass es ihr den Atem verschlug. Nur wenn Keanus Augen glitzerten, sein Mund lächelte und der Schalk ihm im Nacken saß, wurde er wieder zu dem jungen Mann mit dem bubenhaften Charme, genauso, wie sie ihn vor vielen Jahren kennengelernt hatte. Jetzt lächelte er nicht, sondern hielt sie in seinem glutvollen Blick gefangen, brachte ihr Herz zum Rasen und ihr Blut zum Kochen. Sie legte eine Hand auf seinen Oberschenkel, und mit der anderen streichelte sie seine Schläfe, über die Augenbraue, die Nase entlang nach unten, ihr Zeigfinger zeichnete seinen Lippenkonturen nach, was ihn dazu brachte, zu lächeln und spielerisch nach ihm zu schnappen. Um sie daran zu hindern, ihn noch mehr zu kitzeln, zog er Liz’ Hand sanft weg, drehte sie so, dass er ihre Handinnenfläche anschauen konnte, und fing an, sie mit zarten Küssen zu bedecken, zuerst an den Fingerkuppen, dann den Fingern entlang bis zu ihrem Handteller. Liz hielt den Atem an, das hatte er noch nie gemacht! Oh, wie genoss sie das Gefühl seiner Lippen, die sich unendlich warm und weich anfühlten. Sein Mund erreichte die Innenseite ihres Handgelenkes, und die zarte Berührung sandte Schauer der Wonne über ihren Körper. Als ihr ein tiefer Seufzer entfuhr, schaute er für einen Moment hoch, einen unergründlichen Ausdruck im Gesicht, dann nahm er ihre andere Hand und verwöhnte auf die gleiche Weise. Liz fing an, sich durch Keanus dichtes Haar zu wühlen, genoss das seidig-glatte Gefühl, und als sie seinen Nacken erreichte, fing sie ihn an zu kraulen, bis er von ihrer anderen Hand abließ, seinen Kopf in ihre Halsbeuge legte und ein Geräusch von sich gab, dass dem Schnurren eines zufriedenen Katers erstaunlich nahe kam.

Irgendwann hob er den Kopf wieder, für eine Sekunde sah Liz das Mondlicht, das von draußen in ihr Schlafzimmer schien, in seinen schwarzen Augen glitzern, dann schlangen sie ihre Arme umeinander, küssten sich, als ob es kein morgen gäbe und sanken Seite an Seite aufs Bett, ohne sich dabei loszulassen oder den Kuss zu unterbrechen. Keanu suchte und fand den Reißverschluss des Kleides und zog ihn langsam hinunter, dabei strich er mit einem Finger über die nackte Haut, die dahinter zum Vorschein kam. Liz’ Herz schlug wie wild, in ihrem Unterleib zog es wie verrückt, und wie von alleine glitten ihre Hände unter seinen Pulli und strichen über die glatte, warme Haut. Sie wollte mehr und mehr von ihm spüren und verstärkte den Druck ihrer Hände, während sie über seinen Rücken strich und das Spiel seiner Muskeln unter ihrer Hand genoss. Der Stoff, der sich zwischen ihnen befand, störte, und so zog Keanu Liz das Oberteil über die Schultern, sie schlüpfte mit den Armen hinaus und ließ es zu, dass er es langsam nach unten schob und weglegte. Dabei küsste er jedes Stückchen Haut, das frei wurde, und widmete dabei ihrem empfindsamen Bauch wieder sehr viel Aufmerksamkeit, küsste ihn, streichelte ihn mit seinen Lippen, was jedes Mal einen heißen Schauer mitten in ihr Zentrum jagte. Liz war da weniger geduldig, ungeduldig zerrte sie an seinem Pulli, warf ihn dann in irgendeine Ecke, stürzte sich mit den Worten ‚alles Meins’ auf und küsste ihn, dass ihm das Hören und Sehen verging.
„Langsam, meine Süße“, flüsterte er, als sie irgendwann keuchend voneinander abließen, um nach Luft zu schnappen.

Liz protestierte, doch Keanu erstickte ihren Protest in einem äußerst langsamen, sinnlichen Kuss und sie drehten sich so, dass sie auf dem Rücken landete und er seitlich von ihr, sodass er, auf einem Ellbogen aufgestützt, sie weiterhin küssen und mit der freien Hand jedes Stückchen freie Haut verwöhnen konnte. Zuerst zeichnete er mit seinen Fingerspitzen Kreise um ihren Bauchnabel, dann wanderte seine Hand nach oben, und mit der gesamten Handinnenfläche strich er über ihre Brüste, immer und immer wieder. Wilde Gefühle durchströmten sie, als er ihre Brustwarzen rieb, und als seine Hand nach unten wanderte und anfing, die Haut unter ihrem Höschen zu streicheln, stöhnte sie leise auf und öffnete ihre Beine, um ihm zu zeigen, wo sie seine Hand jetzt haben wollte. Er verstand, legte seine Hand zwischen ihre Beine, bewegte sie jedoch vorerst nicht. Doch nur schon der leichte Druck und die Wärme, die von ihm ausging, machte sie verrückt, und als er anfing, langsame, kreisende Bewegungen zu vollführen, entfuhr ihr ein kleiner, spitzer Schrei und sie vergrub ihre Hand in seinem Nacken. Immer weiter machte er, reizte sie, spielte mit ihr und küsste sie dabei immer weiter. Ihre Zungen vollführten einen sinnlichen, warmen Tanz, trafen sich, umschlangen einander, und diese Hand zwischen ihren Beinen trieb Liz fast zum Wahnsinn. Doch dann beendete Keanu den Kuss. Mit gerötetem Gesicht ließ er seine Frau los, zerrte sich ungeduldig die Hose samt der Unterhose vom Körper und schmiss sie irgendwohin. Liz tat dasselbe mit ihrem Slip und wollte schon die Halterlosen loswerden, als er ihr Einhalt gebot. Er kniete sich vor seiner Frau hin, nahm ihre Hände, atmete ein paar Mal tief durch und bat Liz heiser:
„Du bist so wunderschön. Lass mich dich einfach anschauen. Bitte!“

Ihre Augen wirkten in ihrem fahlen, von Mondlicht beschienenen Gesicht wie riesige, dunkle Teiche, ihr Haar lag wie ein Fächer um ihren Kopf herum auf dem Kissen, und sie nickte, gerührt darüber, dass er sie auch nach all diesen Jahren immer noch so sehen, so begehren konnte. Dann beobachtete sie, wie seine Blicke über jeden Winkel ihres Körpers glitten, konnte sie beinahe spüren und erinnerte sich an jenen Moment, wo er sie zum ersten Mal nackt gesehen hatte und sie mit demselben entrückten Gesichtsausdruck betrachtet hatte. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, während seine Augen über ihren Körper wanderten, betrachtete ihn nun, als sähe sie ihn das erste Mal. Diese Schultern, die muskulösen Oberarme, die beinahe gänzlich unbehaarte Brust, sein Profil mit der geraden Nase, den hohen Wangenknochen und dem schön geschwungenen Mund ... dann ließ Liz ihren Blick nach unten schweifen, auf sein vollständig erregtes Glied, und sie erinnerte sich an ihr allererstes Mal mit ihm, bei dem sie befürchtet hatte, dass er keinen Platz haben würde. Diese Erinnerung brachte sie zum Lächeln, und er blickte ihr tief in die Augen und murmelte:
„Keine Angst, passt schon!“
Dies und das Funkeln in seinen Augen zeigte ihr, dass er in diesem Moment genau gewusst hatte, was sie dachte.
„Komm her“, befahl sie ihm leise, denn dieser nackte, schöne Körper hatte ihre Gier geweckt. Er ließ sich nicht zweimal bitten, sie legten sich Seite an Seite nebeneinander, umklammerten sich mit Armen und Beinen, um möglichst viel voneinander zu spüren, und dabei küssten sie sich leidenschaftlich. Oh, wie sehr Liz dies genoss, diese Wärme von Kopf bis Fuß, Keanus Haut, seine Hände überall, sein Geruch ...
Aus Wärme wurde bald Hitze, und sie fingen an, ihre Hüften rhythmisch gegeneinander zu pressen. Sie lösten sich ein wenig voneinander, und Keanu fing an, mit dem Mund Liz’ Brustwarzen zu verwöhnen, während er mit der Hand zuerst ihren Bauch streichelte, sie dann endlich nach unten wandern ließ und dort mit provozierend langsamen Bewegungen ihre empfindliche Knospe reizte. Liz keuchte auf und flüsterte:
„Jetzt reichts!“
Dann zerrte sie seine Hand weg, packte seine Schulten, drehte ihn mit einer erstaunlich schnellen und kräftigen Bewegung auf den Rücken und legte sich mit gespreizten Schenkeln auf ihn, ließ sich dabei langsam nieder, sodass er ganz langsam in sie eindrang. Nun war er es, der aufstöhnte. Mit seinen großen Händen packte er ihre Hüften, presste sie an sich hinunter, dann rollten sie über die Matratze, bis sie auf dem Rücken lag und er sich in einem langsamen Rhythmus in ihr bewegte. Oh, wie unendlich gut es sich anfühlte, wie er sie ausfüllte, immer und immer wieder. Liz wollte mehr, noch mehr, und sie sah in seinen Augen, dass es ihm nicht anders ging. Er ließ sich ganz auf sie sinken, ergriff Besitz von ihrem Mund und küsste sie nun wild und leidenschaftlich. Verflixt nochmals, sie war einfach verrückt nach diesem Kerl, der ihr Mann war!
‚Mehr, mehr’, waren ihre einzigen Gedanken, als sie ihre Arme um seinen Rücken schlang und nie wieder loslassen wollte.

Und mehr bekam sie. Immer wieder hielt Keanu inne, hörte auf, seine Hüften zu bewegen, unterbrach den Kuss, betrachtete sie nur aus glänzenden, dunklen Augen, bevor er erneut weitermachte. Sie passte sich seinem Rhythmus perfekt an, schließlich kannte sie ihn schon lange genug, und doch staunte sie, wie lange er durchhielt. Immer wieder brachte er sie und sich an den Rand der Explosion, doch nie ganz, bis sie irgendwann wimmerte:
„Bitte!“
„Aber gerne“, keuchte er, sie küssten sich, als ob sie sich gegenseitig auffressen wollten, und während er mit seinen Hüften immer schneller zustieß, hielt er ihr Hinterteil fest umklammert, machte mit den Händen die Bewegungen ihres Beckens mit. Vor Liz’ Augen wurde alles rot, zwischen ihren Beinen fand ein kleiner Urknall statt, der sich in heißen Wogen über ihren ganzen Körper ausbreitete.
Und während ihr Körper zuckte, vibrierte und zu schmelzen schien, und Keanu mit einem Stöhnen in und auf ihr liegenblieb, nahm Liz ganz am Rande ihres Bewusstseins wahr, wie in ihrem Hinterkopf das wohlbekannte Surren anfing.
Nein, diese Nacht würde sie sich nicht davon verderben lassen.
„Bitte halt ich fest, ganz, ganz fest“, bat sie Keanu leise und hoffte, dass er nicht eingeschlafen war. Er hob seinen Kopf, blickte sie fragend an, sie nickte, dann hielt er sie fest, drehte sich auf den Rücken und zog sie an sich. Als das Surren stärker und die Welt um sie herum grau wurde, konnte sie Keanus Herzschlag hören, spürte, wie sich ihre Finger ineinander schlangen und zum ersten Mal nahm sie ihr Entgleiten bewusst wahr, ohne sich zu fürchten. Solange Keanu bei ihr war, konnte ihr nichts passieren, dessen war sie sich sicher.
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Beitrag Verfasst am: 15.03.2009, 22:42    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 15

Es gab kein Licht an diesem seltsamen Ort, keine Geräusche und auch keine Gerüche. Ein oben und unten fehlte, ebenso jegliche sensorische Wahrnehmung. Die Abwesenheit aller Sinneseindrücke dauerte nicht lange an, plötzlich war ihr, als ob da ein Pochen war. Sie konnte es nicht hören, aber dennoch nahm sie es wahr, wenn auch nur ganz vage. Aber wie nahm sie dieses regelmäßige Pochen wahr? Sie konzentrierte sich darauf und stellte überrascht fest, dass es unter ihrer Hand war, und es war auch nicht wirklich ein Geräusch, sondern eher ... eine Art von Vibrieren unter ihrer Haut?
Haut. Ja, die Haut an ihrer Hand spürten etwas. Stoff, und ein pochendes Etwas darunter. Jetzt müsste der Moment kommen, wo die Schwärze sich verzog, doch nichts wahr. Sie bewegte die Finger ein wenig, doch irgend etwas hinderte sie daran. Jemand hielt ihre Hand, genau! Sie wollte ihren Gedanken schon befehlen, mit einer Analyse zu beginnen, da fiel ihr auf, wie wohlig müde und warm sie sich fühlte. Wärme? Ja, wie nach einem schönen, heißen Bad. Oder wie nach schönem, heißen Sex, schoss ihr durch den Kopf, aber sie hatte doch gar nicht ...?
Mach die Augen auf, befahl sie sich selbst, und ganz langsam hob sie die Lider und blickte direkt in dieses wunderschönes, dunkelbraunes Augenpaar hinein, das sie schon seit Jahren kannte und liebte. Dann erwischte sich Lisa bei diesem Gedanken, und ihr wurde kalt. Wo war dieser Gedanke hergekommen?
Denk nach, Lisa. Denk nach!

Sie war mit Keanu am See gewesen. Es war kalt geworden, und er hatte sie nach Hause begleitet. Dort hatten sie sich nicht voneinander trennen können, und sie hatte ich ein paar Sachen gepackt und war mit ihm aufs Hotelzimmer gegangen. Dann hatten sie sich auf dem Sofa zusammengekuschelt und ja, sie hatten sich geküsst, und es war ein wunderbarer Kuss gewesen, mehr war aber nicht passiert.. Aber warum fühlte es sich an, als ob weitaus mehr geschehen war, und warum war sie vorhin auf die Idee gekommen, dass sie dieses Augenpaar seit Jahren kannte und liebte? Gut, letzteres ließ sich vielleicht erklären, schließlich war Lisa eine fleißige Kinogängerin. Doch dieses wohlige Gefühl vorhin, wie eine Katze, die die Sahne aufgeschleckt hat?
„Alles in Ordnung, Lisa?“, fragte Keanu sie da und unterbrach damit ihren Gedankengang. „Du hast ja ganz kalte Hände gekriegt ...“
„Ich ... ja, ich bin wieder da. Hat es dieses Mal lange gedauert?“
„Ich schätze, beinahe eine Minute“, erklärte er, und Lisa wurde flau im Magen. „Vielleicht auch weniger lang – du hattest die Augen geschlossen, deswegen kann ich es nicht wirklich beurteilen.“
„Und du ... hast du irgendwas bemerkt?“, flüsterte sie.
„Ich bin nicht sicher“, erwiderte er leise. „Ich glaube nicht, dass ich Zeit verloren habe. Aber eines war seltsam.“
„Was denn?“
„In dem Moment, bevor du die Augen geschlossen hast, war mir für einen ganz kurzen Augenblick, als ob ich dich schon ewig kenne. Ich weiss zwar, dass dies nicht den Tatsachen entspricht, aber irgendwo, ganz weit hinten in meinem Hinterkopf ...“
„Es geht mir genauso“, unterbrach sie ihn. „Als ich die Augen öffnete, dachte ich, dass ich diese Augen seit Jahren kenne und liebe. Aber ich gehe ja oft ins Kino, deswegen kann mich das Gefühl auch getäuscht haben. Allerdings ...“
„Allerdings was?“, hakte Keanu, schaute ihr ernst in die Augen und Lisa spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.
„Kann ich nicht sagen, du wirst mich für verrückt halten“, erwiderte sie leise und schlug die Augen nieder.
„Werd ich nicht“, versprach er, doch Lisa konnte jetzt nicht sprechen.
„Ich muss für einen Moment ruhig sein und nachdenken“, erwiderte sie leise. Er löste seinen Griff, und sie legten sich wie vorhin nebeneinander aufs Sofa, immer noch mit den Beinen auf dem Sessel.
„Okay. Darf ich trotzdem deine Hände halten? Sie sind wirklich eiskalt!“
Sie nickte, fühlte, wie er mit seinen warmen Händen ihre klammen Finger umschloss, schloss ihre Augen und dachte nach.
Wie sollte sie einem wildfremden Mann sagen, dass es sich für sie anfühlte, als habe sie gerade eine leidenschaftliche Nacht und einen unglaublichen Höhepunkt hinter sich? Er würde denken, dass sie eines dieser Groupies war, die ihm nachliefen! Sie überlegte hin und her, und ein Knoten begann sich in ihrem Kopf zu bilden. Sie hörte, wie Keanu sich neben ihr bewegte, und sah im Augenwinkel, dass er sich zu ihr umgedreht hatte. Sie schaute ihn nicht an, zu groß war die Verwirrung in ihrem Inneren, da fühlte sie, wie sich eine Hand auf ihren Bauch legte und sie zärtlich zu kraulen begann.
Mein Gott, wie schön sich das anfühlte! Danach hatte sie sich gesehnt, ohne es geahnt zu haben. Woher wusste er das bloß, konnte er Gedanken lesen? Furcht mischte sich in die Wogen der Wonne, die diese Liebkosung in ihr auslöste, und sie keuchte auf und sagte, ohne mit ihm Blickkontakt aufzunehmen.
„Woher weißt du, wie sehr ich das mag?“
Er nahm die Hand weg, und sie wartete ein paar Sekunden, bevor sie ihn antworten hörte:
„Ich wusste es nicht! Ich habe es einfach gemacht, meine Hand legte sich automatisch auf deinen Bauch.“
„Merkwürdig ... was ist da bloß los!“
„Magst du es mir jetzt sagen? Das, was du vorhin nicht aussprechen konntest?“, fragte er leise, und seine Stimme klang dabei so warm und butterweich, dass ihr beinahe die Tränen kamen.
„Ja“, gab sie zur Antwort. „Aber nur, wenn ich dich dabei nicht ansehen muss.“
„Okay!“
„Vorhin, als ich wieder auftauchte, habe ich mich wohl gefühlt. Auffallend wohl sogar!“
„Und?“, hakte er nach, und sie spürte, dass er sie genau beobachtete.
„Es hat sich angefühlt“, begann sie, musste husten und konnte erst nach ein paar Sekunden weitersprechen.
„Es hat sich angefühlt, als ob ich ... als ob ich gerade mit einem Mann geschlafen habe!“
„Mit mir?“, fragte er erstaunt nach.
„Ich glaube ja!“, gab sie verwirrt zur Antwort. „Aber das kann doch nicht sein! Wir haben doch nicht ... als ich weggetreten war ...“
„Nein, ganz bestimmt nicht“, wehrte Keanu ab. Lisa glaubte, in seiner Stimme Belustigung gehört zu haben, und sie drehte sich zu ihm hin und sah, dass er tatsächlich lächelte.
„Was ist denn daran so komisch?“, begehrte sie auf.
„Nichts, entschuldige. Ich habe nur gedacht ... du warst höchstens eine Minute weg, mehr nicht!“
„Na und? Das würde doch ausreichen, um zu ...“, begann Lisa, und er unterbrach sie mit den Worten:
„Nein, das würde nicht reichen. Ganz und gar nicht würde das ausreichen, nicht für eine Frau wie dich“, erwiderte er, und seine raue, belegte Stimme ließ die grüblerischen Gedanken – nein, sämtliche Gedanken, wenn sie ehrlich war – schlagartig aus ihrem Kopf verschwinden, und im nächsten Augenblick lagen sie sich in den Armen, küssten sich, und die Welt versank um sie herum.

Wie gut sich doch diese warmen, weichen Lippen auf ihrem Mund anfühlten, diese Zunge, die sachte damit spielte, die starken Arme, die sie an sich pressten, und das spürbare Zeichen seiner Erregung, das sich deutlich gegen ihren Oberschenkel drückte. Ihm schien es genauso gut zu gefallen, denn als er sich ein wenig von ihr löste, um nach Luft zu schnappen, entfloh seinem Mund ein leises Stöhnen, und seine Augen brannten sich schwarz vor Lust in ihre. Dann fing er an, ihren Rücken zu streicheln, zuerst über ihrem Pullover, und irgendwann spürte sie seine Hand auf ihrem nackten Rücken. Er liebkoste jeden Quadratzentimeter Haut, angefangen von ihrem Hosenbund, dann arbeitete er sich mit langsamem, sinnlichen Streicheln, das sie fast schmelzen ließ vor Lust, nach oben vor. Als er bei ihrem BH-Verschluss ankam, öffnete er ihn mit einer sicheren Bewegung, und Lisa stockte der Atem, als sich das Band löste und er nun die Stelle zwischen ihren Schulterblättern mit zärtlichen Streicheleinheiten verwöhnte. Dabei küsste er sie, immer und immer wieder, und gerne nahm sie diese Küsse entgegen, knabberte und saugte voller Wonne an seiner vollen Unterlippe und ihr wurde ganz heiß, als er wieder leise aufstöhnte.
Egal, was war, heute Nacht gehörte Keanu ihr, nur ihr ganz allein, und sie hatte vor, zu genießen. Lisas Hände, mit denen sie sich bis jetzt nur an ihm festgehalten hatte, fanden ihren Weg unter seinen Pullover. Sie spürte seine glatte, warme Haut, die Muskeln, die sich unter ihren Berührungen anspannten und wieder lösten, horchte seinen Seufzern zwischen den Küssen und hätte vor Freude darüber, dass er es genauso genoss wie sie, am liebsten laut gelacht. Seine Hände hielten sie jetzt nur noch, und an seinen halb geschlossenen Augen und dem leisen Lächeln auf den Lippen konnte sie erkennen, wie er auf ihre Liebkosung reagierte.
„Gleich fang ich an zu schnurren“, sagte er leise mit seiner tiefen Stimme, und Sekunden später produzierte er tatsächlich ein Geräusch, dass einem Katzenschnurren erstaunlich glich.
„Du Schauspieler“, lachte Lisa, und Keanu öffnete die Augen, lachte mit ihr und meinte dann:
„Du Physikerin!“
„Noch nicht, das dauert noch eine Weile“, gab sie zurück, und für einen Augenblick fühlte sie sich in die Wirklichkeit zurückkatapultiert. Wehmut kam in ihr auf, als sie daran dachte, dass der Alltag sie früher oder später ein- oder überholen würde. Er schien ihren Stimmungswechsel zu bemerken, denn er sagte leise:
„Denk jetzt nicht. Genieße! Komm her ... “
Er rückte ein wenig ab, und dieses Mal verwöhnte er ihren Bauch ganz bewusst. Zentimeter um Zentimeter schob er ihren Pullover hoch und liebkoste ihre warme, weiche Haut. So herrlich war dieses Gefühl, dass Lisa sich ganz auf den Rücken drehte, sodass er besser herankam. Als seine zärtliche Hand unter ihren Brüsten ankam, wurden ihre Augen groß, und unwillkürlich setzte sie sich auf, sodass er ihr den Pulli samt dem BH langsam und vorsichtig über den Kopf ziehen konnte.

Der Pullover landete auf der Sofalehne, und ganz vorsichtig fasste Keanu Lisa an die Schultern, betrachtete den Anblick, den sich ihm darbot, mit deutlicher Bewunderung, und unter diesem Blick fühlte sie sich begehrenswert und wunderschön, sodass der erste Moment der Nacktheit für sie nicht peinlich, sondern sehr erregend war.
„Wundervoll“, flüsterte er, dann bedeckte er mit seinen Händen ihre Brüste.
„Sie passen genau hinein! So warm, weich, rund und perfekt ...“
„Sie gehören genau dort drauf, deine Hände“, gab sie zurück, und ihre Stimme war nur noch ein Hauch, denn er hatte nun angefangen, sie zu liebkosen, was ihren Atem stocken ließ. Sie schloss ihre Augen, gab sich seinem sinnlichen Streicheln, anfassen und kneten hin, spürte, dass ihre Brustwarzen hart wurden und keuchte auf, als er sie mit seinem Mund zu verwöhnen begann. Sie hielt ihre Augen geschlossen, während sie die Hände ausstreckte und an seinem Pullover zu ziehen begann, er ließ von ihr ab, und sie hörte das Geräusch von Stoff, dass über Haut rieb. Sie blinzelte, und als sie seinen nackten Oberkörper mit der glatten, nur leicht behaarten Haut entdeckte, öffnete sie die Augen ganz weit, um möglichst schnell viel von diesem herrlichen Anblick in sich aufzusaugen. Dann streckte sie in einer stummen Aufforderung ihre Arme aus, er packte sie, und während er sie hochzog, setzte er sich hin und stellte die Füße auf dem Boden ab.
Lisa landete seitwärts auf Keanus Schoss, doch das reichte nicht, und so setzte sie sich rittlings auf ihn, presste sich ganz fest an ihn und konnte jedes bisschen Haut spüren, mit dem sie ihn berührte. Er stöhnte und umklammerte sie, als ob er sie zerdrücken wollte, und dann küssten sie sich wieder, dieses Mal so wild und leidenschaftlich, als ob sie sich gegenseitig auffressen wollten. Sie konnte zwischen ihren Schenkeln spüren, wie sich der Beweis seiner Erregung an sie drückte, presste sich noch mehr an ihn heran, und es reichte immer noch nicht, immer noch befand sich viel zu viel Stoff zwischen ihnen, fand sie.
Ihm schien es genauso zu ergehen, denn plötzlich hob er sie an, packte sie unterm Hintern, murmelte:
„Halt dich gut fest, Süße“
und hob sie hoch, um sich dann in Richtung des Schlafzimmers zu begeben. Mit aller Kraft klammerte sie sich an ihn, ihre Arme um ihren Rücken geschlungen, ihre Beine umschlangen seine Hüften, und als sie endlich angekommen waren und er sich mit ihr zusammen auf der Bettkante niederließ, dachte sie nur:
„Endlich.“
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Auch auf die längste Nacht erfolgt ein neuer Tag.
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