Das Versprechen
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schnurrli
keanu-junkie



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Beitrag Verfasst am: 30.12.2009, 10:17    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 16

Um zwei Uhr würde er hier sein, hatte Keanu gesagt. Um mit ihr zu reden. Sein Arzt habe ihm empfohlen, sich möglichst viel aus jener Zeit, von der er nichts wusste, erzählen zu lassen, weil das möglicherweise einen Erinnerungsschub auslösen könnte.
Natürlich hatte Helen zugesagt. Die Rekonstruktion seines Gedächtnis war ja ihre einzige Chance, dass er sich an ihre gemeinsame Zeit erinnern würde. Und an das Versprechen, welches er ihr gegeben hatte: Zu testen, ob sie aus seinem Gedächtnis verschwinden würde wie andere Frauen vor ihm. Und sich zu prüfen, ob er sie wiedersehen und den Kontakt wieder aufnehmen wollte - und zwar ganz einfach, indem er feststellte, ob er sie nach zwei Monaten vermisste oder nicht.
Nun, vergessen hatte er sie, und sich erinnern würde er sich so einfach auch nicht mehr. Allerdings war dieses Vergessen auf unvorhergesehene Weise eingetreten, und gleich hatte sie die Chance, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.
Fünf vor zwei, schien ihre Armbanduhr sie zu verspotten. Schon seit ein Uhr tigerte sie im Wohnzimmer hin und her wie ein Raubtier im Käfig. Davor hatte sie versucht, etwas zu essen, aber nichts heruntergebracht. Und auch der Morgen war völlige Zeitverschwendung gewesen, denn sie war mit ihrer Skizze kein Stück weitergekommen und hatte schließlich Bleistift, Radiergummi und ihr spezielles Winkelmass in eine Ecke geworfen. Hm, was trinken. Auf die Toilette gehen. Auch damit konnte man etwas Zeit vertrödeln, außerdem drückte die Blase wie wirklich, wohl, weil sie so nervös war.
Ein weiterer Blick auf die Uhr sagte ihr, nachdem sie das Bad wieder verließ, dass jetzt genau zwei Uhr war. Ob er pünktlich ...
Da, die Türklingel. Dies beantwortete auch die nicht zu Ende gedachte Frage bezüglich Keanus Pünktlichkeit. Helen atmete tief durch, setzte sich auf unsicheren Beinen in Bewegung, öffnete die Tür, und als sie die Erscheinung wahrnahm, die den Türrahmen beinahe ausfüllte, stockte ihr für einen Moment der Atem.

Keanu wirkte jetzt so ganz anders als der kranke, schwache, mitleiderregende Mann im Krankenbett. Aufrecht und kraftvoll sah er aus. Das dicke Haar berührte mit den Spitzen seine Schultern und glänzte frisch gewaschen. Und genauso wie früher musste sie, obwohl selbst nicht gerade klein, an ihm hochschauen. Der Mund, die Nase, die Hände ... er war immer noch derselbe. Bartstoppeln zierten sein Gesicht nach wie vor, und wie früher schon einmal musste sie an einen Freibeuter denken, der eine Frau sah, sie sich über die Schultern warf und einfach mitnahm, ohne vorher zu fragen. Dann schaute Helen in Keanus Augen und musste sich korrigieren: Nein, diese Augen blickten sie ganz anders an als früher. Höflich, aber distanziert - wie man eben eine Fremde betrachtet.
"Hallo, kommen Sie bitte rein und setzen Sie sich", kam es ihr von den Lippen. Um Himmels Willen, was war das denn für eine Begrüßung. Einen Versicherungsvertreter grüsste man so, nicht einen Mann, mit dem man ... Stopp jetzt, ermahnte sich Helen selbst. Zudem: Einen Versicherungsvertreter würde sie nicht hineinbitten, sondern ihm die Türe vor der Nase zuschlagen.
Ein Händedruck folgte, und dabei nahm Helen einen zweiten Unterschied wahr: Eiskalt waren seine Finger, ganz anders als vor wenigen Wochen.
"Danke", antwortete er mit leiser Stimme. Müde hatte es geklungen, dieses 'Danke', fand Helen, und als sie beobachtete, wie Keanu sich zum Sofa begab, fragte sie sich, wo sein schneller, ausladender und energiegeladener Gang geblieben war. Hatten ihn die Ärzte vielleicht zu früh aus dem Krankenhaus entlassen?
"Ich hab Wasser und Cola da ..."
"Könnte ich bitte eine Cola haben? Die bringt mich vielleicht wieder auf die Beine", bat Keanu sie, und als sie ihm das gewünschte Getränk brachte, erhellte dieses Beinahe-Lächeln sein Gesicht. Er hatte richtig tiefe Augenringe, fiel Helen jetzt auf. Würde er dieses Gespräch überhaupt durchstehen, ohne dabei zusammenzuklappen? Sie äußerte ihre Bedenken, aber er winkte ab mit der Bemerkung:
"Es wird schon gehen. Viel wichtiger ist es, dass ich diesen dunklen Fleck in meinem Kopf wieder erhelle. Sonst werd ich noch wahnsinnig!"
"Das versteh ich", entgegnete Helen. "Wie kann ich helfen?" Sie setzte sich neben ihn und drehte sich zu ihm um.
"Bitte erzählen Sie mir alles über unsere Begegnung. Geht das?"
Helens Magen hob und senkte sich, denn beim Gedanken, diesem Mann, für den sie eine Fremde war, intime Details zu berichten, fühlte sie sich unwohl. Aber was sein musste, musste sein, deswegen nickte sie und fing stockend an zu erzählen:
"Unsere erste Begegnung fand in Zürich statt. Bahnhofstrasse."
"Aha, die Schweiz", unterbrach Keanu sie nachdenklich. "Endlich find ich raus, was ich dort zu suchen hatte. Hab ich ein Nummernkonto eröffnet?"
"Nicht, das ich wüsste", gab Helen zurück. In ihren Mundwinkeln zuckte es, und sie war ihm dankbar für die kleine Auflockerung.
"Sie standen neben einem Motorrad und haben ein Hotel gesucht ... es war Morgen. Alle Leute hetzten um Sie herum, nur Sie standen ganz ruhig da mit ihrem Zettel in der Hand und sahen verloren aus. Da habe ich sie angesprochen, gefragt, ob sie Hilfe benötigen.Sie reichten mir den Zettel, eine Hoteladresse stand darauf. Dann erklärte ich ihnen den Weg."
"Hm. Was war denn das für ein Hotel?"
"Das Hotel 'Schütze'. Warum?"
"Weil das ein Hinweis ist, denn ich überprüfen lassen kann."
Helen schluckte die Enttäuschung darüber, dass er ihr keinen Glauben schenkte, herunter und redete weiter:
"Unsere zweite Begegnung fand am selben Tag statt. in einem italienischen Restaurant, ganz nahe des Hotels und nahe der Bank, für die ich arbeite ... ich korrigiere mich: Arbeitete. Die Zeiten sind leider vorbei", fügte sie zu, und man konnte ihr die Verbitterung gut anhören.
"Tut mir leid", bemerkte er leise. "Habe ich mit der Geschichte etwas zu tun?"
"Nein. Das ist ein ganz anderes Theaterstück ..."
"Sie Arme. Ist alles ein bisschen viel für uns, nicht wahr?
Nein, bitte jetzt kein Mitgefühl, sonst würde sie anfangen zu heulen und sich Trost wünschen. Kontraproduktiv, Helen. Nicht weinen, kein Selbstmitleid. Weiterreden, sein Gedächtnis wachrütteln! Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals runter und fuhr fort:
"Zurück zu diesem Mittagessen. Ich saß mit zwei Arbeitskolleginnen dort. Sie saßen schräg gegenüber. Was sie aßen, weiß ich leider nicht mehr. Sie haben wohl gemerkt, dass wir über sie flüsterten, denn sie grinsten zu uns rüber. Dann spendierten Sie uns einen Kaffee ..."
Helen verstummte und betrachtete die inneren Bilder, die aus ihrer Erinnerung aufstiegen.
"Und dann? Habe ich mich zu ihnen gesellt?"
"Nein. Aber da war noch was ..."
"Was denn?"
"Bevor Sie gegangen sind, haben Sie haben einem Kellner einen Zettel für mich hinterlegt. Ich solle doch mal bei ihnen im Hotel vorbeischauen. Ich solle dort nach 'Mr. Schuh' fragen ..."
Auf Keanus müdem, blassen Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.
"Das klingt nach mir", bekannte er. "Mein Pseudonym, um in Frieden gelassen zu werden. Wissen Sie, wie ich darauf kam?"
Helen schüttelte den Kopf, da deutete er auf seine Füße, welche in abgetragenen braunen Schuhen steckte.
"Ich kann einfach meine Lieblingsschuhe nicht wegwerfen. Nicht mal, wenn sie mir fast von den Füssen fallen ..."
"Ah", machte Helen. "Ich hatte mich schon gewundert, wie sie auf den Namen kamen."
"Ganz schön dreist, meine Zettelaktion ... und, haben wir uns danach wiedergesehen?"
Er setzte sich gerade hin, um nach seiner Cola zu greifen, das stöhnte er auf und ließ sich wieder nach hinten fallen.
"Vorerst nicht ... geht es Ihnen gut?"
Ein leichtes Kopfschütteln war die Antwort. Schweißperlen waren auf Keanus Stirn getreten, und er war ganz weiß geworden. Eine Kreislaufschwäche?
"Legen Sie sich hin. Kopf ganz flach nach unten. Füße hoch ... Moment ..."
Sie sprang auf, schichtete ein paar Kissen auf die Sofalehne und befahl:
"Da rauf mit den Füssen. Sie müssen höher legen als der Kopf. Ich helfe ihnen mit den Schuhen."
"Tun Sie das lieber nicht", erwiderte Keanu, der sich inzwischen hingelegt hatte, mit kaum hörbarer Stimme. "Sonst kippen Sie auch noch um! Ich mache das lieber selbst."
Schon wollte er sich aufsetzen und sich vorbeugen, um sich die Schuhe auszuziehen, da kippte er nach halber Bewegung wieder nach hinten.
"Liegenbleiben, dann bleiben die Schuhe halt an", befahl die erschrockene Helen. "Soll ich
den Arzt rufen?"
"Nein", flüsterte Keanu. "Er hat mir schon erzählt, dass das passieren kann, wenn ich nicht aufpasse. Hinlegen soll ich mich dann. Eine Cola trinken. Schlafen."
"Dann wird jetzt ein Schluck getrunken und dann geschlafen", bestimmte Helen. "Und danach sehen wir weiter. In Ordnung?"
"Zu Befehl."
Sie reichte ihm das Glas, und er versuchte, sich zum Trinken aufzustützen. Doch seine Kraft reichte nicht aus. Da griff Helen ihm unter die Arme, zog ihn ein wenig hoch und hielt das Glas an seine Lippen. Dankbar trank er ein paar Schlucke, dann ließ er sich wieder nach hinten fallen und schloss erschöpft die Augen, während Helen verdattert sitzenblieb.
Alles hätte sie dafür gegeben, sich nicht wieder von dieser Berührung losreißen zu müssen. Diese Arme wieder zu spüren, diesen Rücken , wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang wie früher ... ihr Herz klopfte wie wild. Wie hatte sie nur vergessen können, wie süchtig der Körperkontakt zu Keanu sie machte? Sie musste sich schnellstens ablenken, sich wieder beruhigen. Genau. An der Skizze weiterarbeiten, konzentrieren. Zur Vernunft kommen, damit sie später in Ruhe weiterreden konnten. Mit sehr viel Mühe erhob sich Helen, ging zur Ecke, wo sie Bleistift, Gummi und Winkelmass geschleudert hatte, stellte sich vor das riesige Skizzenpapier, welches sie neben der Staffelei an die Wand gepinnt hatte, und machte sich an die Arbeit.

Was für eine einfühlsame, rücksichtsvolle Person, ging es Keanu durch den Kopf, als das Brummen in seinem Kopf unendlicher Müdigkeit wich. Sie hatte bemerkt, wie schlecht es ihn ging. War ihm nicht auf die Pelle gerückt. Zumindest hatte sich ihre Hilfe beim Trinken nicht so angefühlt. Oder etwa doch? Nein, entschied Keanu. Aber für einen kurzen Moment, da hatte er etwas gefühlt. War's Geborgenheit gewesen? Ja, so musste es sein. Geborgenheit, gemischt mit Dankbarkeit. Geborgen ... wann hatte er dies zum letzten Mal empfunden? Er konnte sich nicht daran erinnern. Seltsam, dass eine Frau wie Helen dieses Gefühl vermitteln konnte, war sie doch rein äußerlich so gar nicht der warme, weiche, mollige Typ. Im Gegenteil, gertenschlank war ihre Figur, beinahe schon zu dünn. Und diese Traurigkeit in ihrem Blick, die immer wieder ihre Augen überschattet hatte. Wegen ihm, das spürte er genau, und sein Gewissen fing an, ihn zu plagen. Nein, nein, nein, rief er sich selbst zur Ordnung. Auch dieses Gefühl bringt dich auf deiner Mission, die Wahrheit herauszufinden, nicht weiter. Genauso wenig wie die sexuelle Erregung, die er am Vormittag bei Manon verspürt hatte. Aber zum Glück kannte er sich und seine Schwächen genau. Wohl ahnend, dass sowas geschehen konnte, hatte er seine Schwester gebeten, ihn um eine bestimmte Zeit anzurufen. Gerade im rechten Moment hatte sein Handy dann auch geklingelt und ihn daran gehindert, seinem dämlichen Hormonhaushalt nachzugeben. Gute Karina! Sie hatte ihn dann beim Mittagessen darüber ausgequetscht, wie's gelaufen sei, und er hatte es ihr haarklein berichtet. Sie hatte aufmerksam zugehört, ihre leuchtend grünen Augen in höchster Konzentration auf ihn gerichtet, und zum Schluss knapp gesagt:
"Aha. Verführung als Ablenkungsmanöver. Ein ganz alter Trick."
"Meinst du?"
"Aber natürlich. Ich bin kenn doch die Tricks von uns Frauen, Bruderherz!"
"Warum tut ihr so was?"
"Weil's funktioniert, ganz einfach."
Da musste er ihr recht geben. Ob er vielleicht dem ganzen Beziehungskram lieber ganz aus dem Weg ging, bis sich seine Hormone nicht immer in seine logischen Gedankengänge einmischten und diese durcheinanderwarfen? Andererseits würden genau dieselben Hormone motzen und schimpfen, wenn er der Weiblichkeit ganz entsagte. Ach, es war einfach nicht leicht.
Wann hatte Karina gesagt, würde sie anrufen? Halb vier. Um Zwei war er hier gewesen. Mehr als eine halbe Stunde hatten sie nicht geredet, es sollte also für ein Schläfchen reichen. Ja, das würde ihm gut tun. Froh, seine Gedanken auf diese Weise geordnet zu haben, schlummerte Keanu ein.

Ein Geräusch riss ihn vom Schlaf in einen seltsam halbwachen Dämmerzustand. Wo war er bloß hingeraten? Vorhin hatte er sich doch gerade noch an einem Dreh befunden. Aber für welchen Film? Verflixt, er hatte nur geträumt. Los, aufwachen! Er blinzelte, hoffend, dass die Helligkeit ihm die Traumfetzen endgültig aus dem Gehirn treiben würde. Da stand eine große, schlanke Frau mit geflochtenen, braunem Haar. Sie zeichnete etwas auf ein riesiges, an der Wand befestigtes Papier. Ihr dabei zuzusehen, stimmte ihn friedlich. Jetzt hielt sie inne. Trat einen Schritt zurück. Wie lang diese Beine wohl waren? Spinner, beschimpfte er sich gutmütig und lächelte innerlich. Nun richtete sich ihr Blick auf ein kleines Bild, welches auf einem Stuhl lehnte. Sie hielt irgend einen Gegenstand davor. Trat einen Schritt zur Seite, vor die riesige Skizze. Hob diesen Gegenstand an. Jetzt konnte Keanu erkennen, worum es sich handelte: zwei durch ein Scharnier verbundene Maßstäbe. Immer wieder änderte die Frau den Winkel zwischen den beiden Stäben, betrachtete sie, verglich mit dem Bild. Aha, ob sie dieses Ding als Winkelmass benutzte? Aha, das sah ja aus sie das Ende eines Zollstocks. Wenn man zwei Glieder eines Zollstocks entfernte, ohne die Befestigung untereinander zu zerstören, dann würde man genau so ein Winkelmass kriegen. Clever gelöst! Verflixt, sein Hals war trocken. Er brauchte dringend etwas zu trinken, versuchte, sich aufzusetzen und fing an zu husten.
Die Frau drehte sich zu ihm herum und sagte mit erschrockener Stimme in einem Akzent, welcher ihm bekannt vorkam:
"Sie sind wach? Vorsichtig!"
Dann eilte sie auf ihn zu. Das zweckentfremdete Zollstock-Stück befand sich immer noch in ihrer Hand. Moment mal. Da war doch was gewesen ... eine Frau mit einem Zollstock ... erlebte er etwa gerade ein Déja-Vu?
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Auch auf die längste Nacht erfolgt ein neuer Tag.
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Beitrag Verfasst am: 30.12.2009, 20:02    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 17

"Ist alles in Ordnung?", fragte Helen erschrocken.
Keanu sah immer noch blass aus, und seine Augen ... was war mit ihnen? Verwirung zeigte sich in seinem Blick, aber noch etwas Anders: Als ob er sie durchleuchten wolle. Sie beugte sich über ihn, wollte ihm aufhelfen, da packte er sie am Handgelenk, zwang sie mit erstaunlicher Kraft, sich auf den Sofarand zu setzen, und keuchte:
"Wer bist du? Wo bin ich hier?"
Wie bitte, wollte Helen schon antworten, hielt sich aber instinktiv zurück. Ihr Herz raste, und sie spürte, wie die Angst sie zu überwältigen drohte - Angst, dass er dringend ärztliche Betreuung brauchte. Sie zwang sich, ganz ruhig durchzuatmen, aber ihr Kopf lief auf Hochtouren: Gab es bei Gedächtnisverlust so etwas wie ein um-sich-Greifen, also das Verlieren von weiteren Erinnerungen? Hatte er lebhaft geträumt und fand sich jetzt nicht in der Wirklichkeit zurecht? Oder war sogar ein Erinnerungsfunken zurückgekehrt?
Die beiden schauten sich in die Augen, ohne auch nur einmal mit dem Blick abzuschweifen, niemand sagte ein Wort, sein Griff um ihr Handgelenk verlor an Festigkeit, doch Helen konnte und wollte sich nicht rühren. Sogar ihr Atem verflachte sich, so als ob jedes zusätzliche Geräusch das, was hier geschhah, zerstören konnte. Sie glaubte beinahe zu sehen, wie es in Keanus Kopf arbeitete, auch diese wohlbekannte Falte zwischen den Augenbrauen erschien wieder. Da schlug er die Augen für einen Moment nieder, unter den Lidern arbeitete es, und als er sie wieder öffnete, war sein Blick auf Helens linke Hand gerichtet. Helen folgte seinem Blick, bemerkte erst jetzt, dass sie immer noch den umfunktionierten Zollstock in der Hand hielt, und da kam ihr in den Sinn, dass es diese Situation schon einmal gegeben hatte: Nachdem Jochens Betrug aufgeflogen war, war sie schnurstracks in Keanus Hotel gestürmt, und er hatte mit der selben Verwunderung wie sie den Zollstock in ihrer Hand bemerkt.
"Oh."

Das war das Einzige, was Helen in dieser Situation in den Sinn kam, zu mehr war ihr Gehirn einfach nicht fähig. Sie schaute wieder Keanu an, er hatte seine Augen geschlossen. Die Augenbrauenfalte hatte sich tiefer eingegraben, und er murmelte:
"Dunkelroter Teppichboden. Ledersessel. Ein schwarzer, hölzerner, viereckiger Tisch ..."
Was redete er da?
"Wo und wann war ich da bloss ..."
Moment mal. Wie hatte die Inneneinrichtung des Hotels Schütz ausgesehen? Nur einmal hatte Helen die Lobby des Hotels von Innen gesehen, und damals war sie nicht gerade aufnahmefähig gewesen.
Erinnere dich, Frau, denk nach!
Helen schloss ihre Augen, liess diese wirren Stunden, die nun schon Wochen zurücklagen, Revue passieren. Zuerst war heimgekommen. Hatte Jochen und Corinna aufgelauert. Hatte ihren dummen Spruch wegen den fünfzehn Zentimetern gehört. War hinter der Tür hervorgekommen, hatte den Zollstock aus der Schublade genommen, der belämmert blickenden Corinna gezeigt, wie fünfzehn Zentimeter aussahen, und war dann davongestürmt. Eine Fahrt im Bus folgte dann, die Füsse hatten sie ins Hotel Schütz getragen. Keanu hatte sich in der Lobby aufgehalten. Aber wie hatte es dort ausgesehen? Edel, das war klar. Kühl oder plüschig? Eher Letzteres. Ihr Schritt. Hatte er auf glattem Boden gehallt oder war er gedämpft geworden? Gedämpft, also Teppich. Hell und freundlich oder dunkel und gemütlich? Dunkel. Aber nicht braun, sondern ... ja, eine Art Weinrot. Keanu war allein bei einer Sitzgruppe gesessen. Wie hatte die ausgesehen? Ein niedriger Tisch. Viereckig, dunkel. Ebenso wie die Sessel. Gemütlich hatten sie ausgesehen, und dunkel. Schwarz vielleicht? Das war durchaus möglich, aber so genau wusste sie es nicht mehr.
Helen schluckte, atmete tief durch, und erst, als sie sicher war, dass ihre Stimme funktionieren würde, fragte sie leise:
"Eine Frau mit hochgestecktem Haar und einem Zollstock in der Hand?"
"Ja", kam es von Keanu. "Aber ... es stimmt nicht ..."
Er öffnete die Augen, betrachtete Helen eingehend, schloss sie wieder.
"Hat die Frau etwas gesagt?"
"Nein ... aber ihre Stimme klingt in meinen Ohren ... gelacht hat sie. Ja, daran erinnere ich mich genau. Sie hat gelacht. Was für ein verrückter Traum war das denn?"
"Kein Traum, Keanu", flüsterte Helen, die unvermittelt in die vertrauliche Anrede zurückgefallen war. "Es gab sie wirklich, diese Frau. Wie sah sie aus?"
"Weiss nicht ..."
"Bist du auf einem dieser Ledersessel gesessen, als du sie sahst?"
"Ja - nein", gab er zurück, liess ihr Handgelenk ganz los und und rieb sich die Stirn. "Beides, irgendwie."
Stimmte. Er war dort gesessen und war aufgestanden. Ja, genauso war es gewesen. Helen machte eine entsprechende Bemerkung, da hörte seine Hand auf, an der Stirn zu reiben, und er brummte:
"Zuerst hab ich an ihr hochgesehen, danach an ihr runter. Ich muss aufgestanden sein."
"Wie sehr musstest du runterschauen?"
"Nicht so sehr ... sie kann nicht klein gewesen sein, stimmt's"?
Keanu fing an, klarer zu sprechen, schien den Traum - oder wie man auch immer den Zustand nannte - abzuschütteln. War das ein Vorteil oder ein Nachteil für Helen? Würde er diesen Erinnerungsfetzen - und Helen war davon überzeugt, dass es sich um einen handelte - in Rauch aufgehen lassen oder würde sein Gehirn es schaffen, ihn zu packen, ihn als ein wichtiges Puzzlestück anzusehen?
"L.A.", murmelte er da und schlug die Augen auf. Wen sah er da, die Fremde, die behauptete, ihn zu kennen, die Helen von früher oder irgend etwas dazwischen?
"Ja", bekräftigte Helen. Da befinden wir uns jetzt, wollte sie gerade hinzufügen, da hob er die Hand, berührte sachte ihre Wange und flüsterte:
"Traurige, graue Augen. Die nicht mitlachten. Genau wie die hier. Ganz genau wie diese hier."
Ein Schauer überlief Helens Rücken. Nichts Falsches sagen jetzt, befahl sie sich. Er schien die Verbindung zwischen dem Erinnerungsfetzen und ihr zu finden, und diese Verbindung bestand in ihren Augen. Er berührte sie jetzt nicht mehr, hatte den Arm wieder zur Seite sinken lassen, doch sie spürte die Hand immer noch auf ihrer Wange, und dieses Kribbeln unter der Haut machte es ihr fast unmöglich, klar zu denken. Verdammt, sie musste sich zuasmmennehmen, das Selbstmitleid konnte sie sich für später aufsparen.
"Seltsam ...", hörte sie Keanu murmeln. "Habe ich geträumt oder habe ich mich an etwas erinnert?"
Er kniff die Augen zu, öffnete sie wieder, sein Blick war wieder klar, und er fragte:
"War das ein Traum, oder war das eine Erinnerung?"
"Eine Erinnerung", erwiderte Helen und erschrack über den rostigen Klang ihrer Stimme.
"Sind Sie das gewesen?"
Helen nickte stumm. Er hatte die vertrauliche Anrede nicht benutzt. Sein Verstand hatte das Puzzlestück nicht als solches erkannt. Sie hatte verloren! Der Klumpen in ihrem Hals wurde immer grösser, und zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Rasch wandte sie den Kopf ab, zwang sich, sich zu beruhigen, was ihr schliesslich auch gelang.
"Ich muss mich aufsetzen, etwas trinken", brummte Keanu hinter ihr, und sie machte ihm stumm Platz, damit er sich aufrichten konnte. Nachdem er sein Glas leergetrunken hatte, war er Helen einen langen Seitenblick zu und fragte behutsam:
"Alles in Ordnung mit Ihnen?"
"Es geht so", erwiderte Helen leise.
"Dann gab es also diese Szene wirklich, diesen Clubtisch, die Sessel, Sie mit dem Zollstock in der Hand ... entweder ist da ein Erinnerungsstück aus dem toten Bereich meines Kopfes in einen Traum hineingebröckelt, oder ich habe mich im Halbschlafzustand wirklich an etwas erinnert, wenn auch nur an wenige Sekunden ..."
"Ja, scheint so zu sein", erwiderte Helen spröde und griff nach ihrem Glas. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie ihre Hand zitterte. Nervös blickte sie zu Keanu hin und entdeckte den Schalk in seinen Augen. Wie konnte man so eine Situation witzig finden? Ärger mischte sich zu ihrem Kummer hinzu, und sie wollte schon eine entsprechende Bemerkung machen, da meinte er:
"Das könnte man doch auf sehr angenehme Art und Weise ausnützen, oder?"

Er zwinkerte ihr zu, und in diesem Moment flammte Helens Wut rotglühend auf. Sie knallte ihr Glas auf den Tisch, starrte ihn wütend an und zischte:
"Können Sie nur an das eine denken, Mister? Wie wär's, wenn ihr Männer mal die graue Masse zwischen euren Ohren mehr benutzen würdet? Ich kann es nicht fassen. Gebe mir hier die grösste Mühe, zu helfen, und krieg nur dumme Sprüche zu hören! Das ist doch einfach unglaublich!"
Keanu schien ein wenig kleiner zu werden. Er blickte verlegen zu Boden und sagte kleinlaut:
"Ich habe doch nur einen Witz gemacht. Ich wollte Sie zum Lachen bringen, Sie haben so traurig ausgesehen ..."
"Und das ist alles?", schrie Helen und sprang auf. Sie eilte auf die Tür zu, wollte schon raus und sie so laut wie möglich hinter sich zuknallen, eifnach laufen, laufen, laufen, da erinnerte sie sich daran, dass das ja ihre Wohnung war. Sie fing an, wie eine wütende Löwin im Wohnzimmer auf- und abzugehen und brüllte weiter:
"Mir reichts allmählich. Da hab ich einen Freund, er betrügt mich. Auf meinem eigenen Sofa. Ja, es ist hässlich, das blöde graue Ding, aber wir haben es gemeinsam eingekauft. Ich werd aus meinem Job rausgedrückt, kann sehen, wo ich bleibe. Wunderbar. Ich lerne einen anderen Mann kennen. Bin blöd genug, mich in ihn zu verlieben. Dann vergisst er mich einfach. Ich tu alles, um ihm zu helfen, dass er seinen Kopf wieder in Ordnung kriegt. Bleibe ruhig, wenn ich schreien möchte, atme tief durch, wenn's mir ums Weinen ist. Und was tut der holde Herr? Er macht blöde Witze! Ich platze gleich vor Wut! Ich kann nicht mehr!"

In irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins erschrak Helen über ihren eigenen Ausbruch. So oft hatte sie Wut und Kummer durch Ruhe und Sachlichkeit ersetzt, doch jetzt hatte es einfach nicht mehr funktioniert. Am äussersten Rand des Blickwinkels nahm sie wahr, wie Keanu sich erhob. Seltsam, er müsste doch jetzt verschreckt aussehen. Schuldbewusst vielleicht. Oder wütend, auch wenn er kein Recht dazu hatte. Sie hatte schliesslich niemandem etwas getan, oder? Er kam langsam auf sie zu, und in seiner Miene las sie etwas, was sie nicht zu deuten vermochte. Ihre Wut kippte um, verwandelte sich in eine merkwürdige Leere. Eine Haarsträhne hatte sich aus dem Zopf gelöst und kitzelte irritierend ihre Wange. Entnervt strich Helen sie zurück. Keanu blieb etwa einen Meter von Helen entfernt stehen, schaute sie an ... nein, nicht sie, sondern einen Punkt hinter ihr. Zu der Wand, an der die Skizze hing. Wenn er jetzt anfing, über ihren Auftrag zu sprechen, würde sie ihm die Leinwand über den Kopf schlagen, das schwor sich Helen, deren Wut bei dieser Vorstellung schon wieder hochkochte.
Doch was er dann fragte, liess ihr den Atem stocken:
"Ein graues Sofa, sagtest du? Hing diese Zeichnung darüber? Die beiden sich umarmenden Liebenden? Das Muster für das grosse Bild, welches ich von Erwin geschenkt kriege?"
Wie in Trance blickte Helen hinter sich zur Zeichnung, die sie mitsamt dem Rahmen mitgenommen hatte, um es als Vorlage zu verwenden. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf Keanu, und stumm nickte sie. Etwas kitzelte ihre Wange. Sie musste dringend den Zopf neu flechten, das Haar nervte. Da trat Keanu einen Schritt auf sie zu, stand so dicht vor ihr, dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Sie hielt den Atem an, um diese Nähe auszuhalten. Seine Augen. Sie blickten sie wieder so an wie vorhin, als er aufgewacht war. Er hob seine Hand an, strich ihr ganz, ganz vorsichtig die Haarsträhne aus dem Gesicht, hielt sie dabei in seinem Blick gefangen. Dunkel wie ein Bergsee in der Nacht ... Selbst wenn sie gewollt hätte, Helen hätte nicht wegsehen können. Seine Lippen teilten sich, und seine Stimme klang belegt, als er flüsterte:
"Helen?"
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Beitrag Verfasst am: 31.12.2009, 16:41    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 18

Helen konnte nur nicken, ohne ihren Blick von Keanu zu wenden.
"Ich bin dort gewesen", flüsterte er und griff nach ihrer Hand. "Ein graues Sofa. Dieses Bild hing darüber. Und irgend etwas war mit deinem Haar ..."
Wie sie es ins Badezimmer schaffte, hätte sie später nicht sagen können, erst recht nicht, woher die Idee kam, die sich in ihrem Kopf formte. Helen sah sich selber im Spiegel zu, wie sie ihr Haar aufsteckte, ganz genauso, wie sie es früher immer getan hatte, als sie noch ihr altes, vorhersehbares Leben gelebt hatte. Dann kehrte sie zu Keanu zurück, der genau an der selben Stelle, in der selben Haltung verharrt hatte. Sie stellte sich vor ihn hin, schaute an ihm hoch. Seine Hände hoben sich, fassten ihr ins Haar, fanden die Klammer und die Nadeln, zogen sie heraus.

Dieses Haar. Es gehörte nicht hochgesteckt, fand er. Es sollte frei über die Schultern und den Rücken fließen. Und durch seine Hände ...
Es waren nur Bruchstücke von Bildern und Gesten, die in Keanus Gedächtnis aufflackerten. Haar, welches seidig durch seine Finger glitt. Graue Iris mit riesigen, schwarzen, Pupillen in perfektem Weiß, von langen, dunkeln Wimpern umrahmt. Das Bild über einem grauen Sofa. Eine lachende Frau mit traurigen Augen und einem Zollstock in der Hand. Helen. Dieselbe Helen, die ...
Keanus Telefon klingelte. Ausgerechnet jetzt! Wer störte ihn denn jetzt? Karina. Ach ja. Er hatte seine Schwester gebeten, ihn anzurufen, um ihn daran zu hindern, etwaigen Dummheiten zum Opfer zu fallen. Aber hier waren keine Torheiten im Gange, sondern er folgte einer Spur. Sollte er das Klingeln ignorieren? Aber das würde nichts bringen. Seine Schwester würde ihn nicht so leicht vom Haken lassen, sie würde es wieder und wieder und wieder versuchen, bis sie ihn erreicht hatte.

"Darf ich?", fragte er Helen. Sie nickte, er ging zum Sofa, setzte sich schwer atmend hin und nahm den Anruf entgegen, und während Karina ihn begrüßte, sah er Helen in der Küche verschwinden. Sie wollte ihn wohl für sein Telefonat eine gewisse Privatsphäre zugestehen.
Aufgeregt erzählte Keanu seiner Schwester, was sich zugetragen hatte. Sie freute sich wie ein kleines Kind, dass er anscheinend wirklich seiner Erinnerung auf der Spur war, und riet ihm:
"Falls sie mag, bitte Sie, weiterzuerzählen. Vielleicht hilft es dir, die aufgetauchten Puzzlestücke am richtigen Ort einzusetzen ..."
"Und weitere auf die richtige Seite zu drehen. Dieses Analogie gefällt mir. Je mehr Teilchen ich umgedreht habe, desto besser kann ich erkennen, wie das fertige Bild aussehen könnte ..."
"... und je mehr Teile du zusammenfügst, desto deutlicher wird das Ergebnis", ergänzte Karina. "Das ist die reinste Detektivarbeit, Bruderherz. Du wirst das mit der Zeit schon schaffen! Aber bitte, gib auf Helen acht."
"Wie meinst du das? Weil das Ganze schwierig ist für sie?"
"Ja. Die Erinnerungen, in denen du herumstocherst, könnten ihr weh tun."
"Aber warum denn? Ich denke, ich bin auf angenehme Erfahrungen gestoßen. Auf jeden Fall waren die Gefühle, die ich durchlebte, wenn wieder ein Teil im Gedächtnis auftauchte, sehr schön."
"Für dich vielleicht, aber für sie auch? Überleg mal. Diese Frau empfindet etwas für dich, das glaube ich jedenfalls. Und nun darf sie zusehen, wie der Mann, dem sie all diese Gefühle entgegenbringt, die gemeinsame Vergangenheit wissbegierig wie ein Archäologe ausgräbt und zusammensetzt. Ich habe ja sowas noch nie erlebt, aber das muss doch für sie wie ein Schlag ins Gesicht sein!"
"Du hast recht, Schwesterherz", räumte Keanu ein. "Ich muss rücksichtsvoll vorgehen. Aber das wird mir sowieso nicht schwerfallen. Helen hat etwas an sich ... ich mag sie, weißt du?"
"Wie ist sie denn so?"
"Ruhig und ausgeglichen. Dachte ich zumindest. Bis sie vorhin die Beherrschung verloren hat."
"Was nachvollziehbar ist bei allem, was sie erlebt hat. Es hat sie wohl viel Kraft gekostet, nicht auszurasten, und irgendwann wurde der Druck zu viel."
"Stimmt. Nun, 'abwartend' ist vielleicht ein gutes Wort, um sie zu beschreiben. Wie jemand, der dir Raum zum Handeln gibt, ohne Lenkversuche."
"Manipulationsversuche, meinst du? So wie diese Manon heute morgen?"
"Ich weiß ja, dass du das für ein Ablenkungsmanöver hältst. Um mich daran zu hindern, ihr auf den Zahn zu fühlen."
"Richtig. Mir kommt da übrigens noch was in den Sinn. Versuche, rauszufinden, wann du L.A. verlassen und wann wieder betreten hast. Die Fluggesellschaften können sowas nachsehen. Und sobald du die Daten hast ..."
"... muss ich wohl Manon eine Falle stellen. Sie genau nach den Daten fragen, wann was zwischen uns passiert ist. Aber ..."
"Aber was? Hier hast du das perfekte Mittel in der Hand, um eine eventuelle Lügengeschichte aufzudecken!"
"Schon", entgegnete Keanu und atmete hörbar aus.
"Aber was, wenn sie echte Gefühle für mich hegt? Muss ich da nicht Rücksicht nehmen?"
"Naja, du weißt ja, wie ich über diese Gefühle denke. Eine verliebte Frau benimmt sich nicht so! Du musst sie ja nicht an dein Pult bitten, ihr mit der Lampe ins Gesicht leuchten und sie ins Verhör nehmen. Aber fragen musst du sie, sonst kommst du nicht weiter!"
"Ich weiß ja."
"Sag mal, warum gibt es eigentlich keinen Verlobungsring? Das wäre ja auch mal eine Frage wert."
"Gut, mentale Notiz ist gemacht."
"Nicht mental - schreib's auf. Was nützt dir eine mentale Notiz, wenn der Zugang zu deinem Gehirn, äh, blockiert ist, wenn sie wieder ..."
"Ja, ja", unterbrach Keanu seine Schwester ärgerlich, stand auf, suchte und fand einen Kugelschreiber und ein Stück Papier und schrieb auf:
"Ringe. Flugdatum."
"Noch was? Ach ja. Ich wollte herausfinden, ob und wie lange ich mich in diesem Hotel Schütz aufgehalten habe. Und vielleicht erinnert sich jemand an eine merkwürdige Frau mit einem Zollstock ..."
"Zollstock?", erklang Karinas ungläubige Stimme aus der Hörmuschel.
"Genau. Wenn ich es auch selbst noch nicht verstehe."
"Auf die Erklärung bin ich ja gespannt. Was steht jetzt an?"
"Ich werd versuchen, noch mehr aus Helen rauszukriegen. Sofern sie reden mag. Dann die Sache mit dem Flug ... Manon ..."
"Weißt du was, Bruderherz? Die Auskunft mit den Flügen und dem Hotel nehme ich dir ab. Du klingst müde, du solltest dich ausruhen. Und Manon läuft dir ja nicht davon, oder?"
"Da hast du recht. Danke, Schwesterherz!"
Sie verabschiedete sich, und minutenlang blieb Keanu sitzen, bevor er sich zu Helen in die Küche gesellte, wo er sie am kleinen Küchentisch sitzend vorfand, mit einer Tasse Kaffee vor sich stehen.
"Das war meine Schwester. Dürfte ich bitte auch eine Tasse haben?"

Schweigend erhob sich Helen, ließ heißen Kaffee in eine weitere Tasse laufen, und reichte sie ihm.
"Danke. Ich möchte mich entschuldigen ..."
"Tut mir leid, mein Ausbruch vorhin, Sie können ja nichts ..."
Sie hatten beide gleichzeitig gesprochen, verstummten in der selben Sekunde wieder. Ein graues Augenpaar blickte in ein braunes, ein wenig Humor - denn diese Situation war so aberwitzig, warum sollte man nicht darüber lachen - stahl sich in die Blicke, und schließlich lächelten sich die beiden zu und tranken ihre Tasse leer.
"Und das 'Sie', das lassen wir weg, in Ordnung?", meine Keanu. "Ich habe nämlich den Verdacht, dass wir recht vertraut miteinander waren. Richtig?"
"Richtig", bestätigte Helen, und feine Röte stieg ihr ins Gesicht.
"Oh", murmelte er, schaute für einen Moment weg, um sie ihre Fassung wiedergewinnen zu lassen, dachte nochmals über die merkwürdige Szene mit dem Zollstock nach.
"Sag mal, wie kam das eigentlich, dass du mit dem Zollstock ins Hotel kamst?"
Helen schaute ihn an, schlug dann die Augen nieder, und während sie ihm die ganze Geschichte erzählte, betrachtete sie ihre Fingernägel. Als sie zu der Stelle mit den fünfzehn Zentimetern kam, wurde ihr Kopf schon wieder heiß, und das Ganze wurde noch schlimmer, als sie Keanu leise lachen hörte.
"Tut mir leid", murmelte er, als sie ihren Bericht beendet hatte. "Das war nicht witzig, und dennoch ... wenn man es aus Distanz betrachtet ..."
"Das ist mir klar", gab Helen zu, schaute ihn an. Der Schalk, der ihm im Nacken saß, steckte an. Diese funkelnden Augen. So hatte er sie auch angesehen. Aber jetzt versuchte er, das Gehörte und die Erinnerungsfetzen zusammenzusetzen.

"Wir sind dann also gleich zusammen essen gegangen. Daran erinnere ich mich nicht."
"Dafür weiß ich das noch umso lebhafter. Ich hatte mich noch gewundert, dass du mit mir Irren deine Zeit verschwendest ..."
"Du bist keine Zeitverschwendung. Dessen bin ich mir sicher", unterbrach er sie und nahm ihre Hand. "Ich ahne, dass mich diese Erinnerung, sobald ich sie wiederhabe, sehr erfreuen wird. Sag mal, haben wir uns eigentlich geküsst?"
"Ja, hatten wir", erwiderte Helen leise und betrachtete ihre Hand, die in seiner lag. Die Berührung tat ihr gut, gab ihr Halt., und sie fuhr fort: "Aber nicht an jenem Tag."
"Wir aßen also zusammen, danach verabschiedeten wir uns, und fertig?"
"Nicht ganz", entgegnete sie. "Du hast mich dazu eingeladen, dich auf einer Motorradtour zu begleiten. Und weil ich sowas noch nie gemacht hab, drehten wir wenige Tage später eine kleine Runde. Damit ich mich daran gewöhne."
Sie schaute auf und erschrak ob Keanus Blässe. War das Ganze auch für ihn zu viel geworden und etwa nicht nur für sie?
"Vielleicht sollten wir ein Andermal weiterreden", schlug sie vor. "Du siehst fix und fertig aus."
"Fühl ich mich auch. Schade, ich hätte gerne noch mehr gehört. Aber ich denke, ich muss jetzt nach Hause. Schlafen gehen. Eventuell habe ich morgen noch ein Gespräch vor mir, das mir viel schwerer fällt als dies hier".
Manon, wollte Helen fragen, hielt aber den Mund. Die beiden erhoben sich, gingen zu Tür, blickten sich nochmals an, und Helen fragte sich, wie man sich in so einem Moment voneinander verabschiedete. Keanu löste das Problem, indem er sie kurz an sich drückte, Adieu sagte und hinzufügte:
"Ich freue mich, von dieser Motorradfahrt zu hören."
Und sie freute sich, davon zu erzählen, ging es der erstaunten Helen durch den Kopf, als der die Tür hinter sich geschlossen hatte. Seinen Geruch hatte sie immer noch in der Nase, als sie sich zu ihrer Skizze begab, nach dem Bleistift griff und weiterarbeitete.
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Beitrag Verfasst am: 01.01.2010, 12:45    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 19

Dank moderner Technologie war es heutzutage viel einfacher als vor zehn Jahren, rasch zu Informationen zu gelangen, und deswegen konnte Karina ihrem Bruder schon am nächsten Tag folgende Daten bestätigen:
Flug von L.A. nach Zürich am 14. August, Ankunft 15. August, Rückflug am 28. August, Ankunft am selben Tag. Aufenthalt im Hotel Schütz vom 17. August bis zum Abflug - für die Zeit vom 14. bis zum 17. August konnte kein Aufenthaltsort ausgemacht werden.
Zwischen Anfang August und dem 14. schien sich Keanu in Los Angeles aufgehalten zu haben - Telefonate mit Freunden und Familienmitgliedern bestätigten das, doch er verfügte über keinerlei Erinnerungen an diese Zeit. Wahrscheinlich hatte er die Mitwirkenden zum Filmdreh, der nach seiner Rückkehr begann, um die Zeit schon kennengelernt. Und vielleicht ein Techtelmechtel mit Manon angefangen. Das konnte er weder bestätigen noch verleugnen. Außer, die genauen Zeitpunkte für ihre Verabredungen würden genau auf die Termine fallen, die er mit Freunden, seinen Schwestern oder seiner Mutter wahrgenommen hatte.
Würde Manon behaupten, ihn zwischen der Zeit vom 14. und dem 28. August hier getroffen zu haben, wäre das glatt gelogen.
Die Frage war nun: Wusste sie, dass er zwei Wochen weg gewesen war?
Wenn ja, würde es schwierig werden, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Nun, gleich würde er der Sache vielleicht auf den Grund kommen können, überlegte Keanu, klingelte an Manons Tür und betrat ihre Wohnung.

"Liebling", hauche sie und wollte ihm gleich einen Kuss auf den Mund drücken, er drehte ihr jedoch die Wange hin, was ihm einen wütenden Blick einbrachte.
"Bitte, setzen wir uns doch", bat er sie und setzte sich aufs Sofa. Schwerer Fehler: Sie setzte sich gleich neben ihn, lehnte sich an ihn an und drückte ihm das Glas Wein in die Hand, welches schon bereit gestanden hatte.
"Wein am Morgen?", bemerkte er und hob eine Augenbraue.
"Damit uns das Reden leichter fällt. Sonst wird es so ... steif. Zudem ist schon Vormittag", erklärte Manon und blickte treuherzig an Keanu hoch. Die Masche also wieder, das kannte er doch schon. Er musste aufpassen. Erst fragen, dann trinken, so lief er keine Gefahr, den Faden oder seine Selbstbeherrschung zu verlieren.
"Kommen wir gleich zur Sache ...", fing er an und wurde von einem "gute Idee"
unterbrochen. Manon hatte ihre Hand auf seine gelegt und hatte angefangen, langsam seine Finger zu streicheln.
"Ich mag es, wenn du zur Sache kommst ..."
"Das meine ich nicht", erklärte er und spürte Ärger in sich aufsteigen. Wie er es hasste, wenn jemand nicht konzentriert bei der Sache bleiben konnte. Ein ideales Gespräch verlief mehr oder weniger schnurgeradeaus. Kleine Schwenker im Weg durften sein, sofern man, sobald vollbracht, wieder sein Ziel anpeilte. Die wenigsten Frauen verfolgten den selben Gesprächsstil - einer der vielen Gründe, warum ihm jede einzelne Frau, die ihm je über den Weg gelaufen war, irgend wann so sehr auf die Nerven gegangen war, dass er sich vor ihr losgesagt hatte.
Keanu rückte ein wenig von Manon ab, und am liebsten hätte er ihr seine Hand entzogen. Doch da kam ihm ein Gedanke. Er drehte seine Hand um, so dass er ihre zu fassen bekam, betrachtete zuerst ihre Finger, blickte ihr dann fest in die Augen und fragte in sanftem, lauernden Tonfall:
"Wo sind eigentlich die Ringe?"
"Ringe?", echote Manon.
"Ja. Unsere Verlobungsringe. Schon vergessen?"
"Natürlich nicht. Ich erzählte dir doch schon, das Ganze kam ziemlich spontan ..."
"Richtig ..."
"... die Ringe sollten folgen, dann hattest du deinen Unfall."
Mist, das hatte er schon wieder vergessen. Nicht aufgeben, dranbleiben!
"Sag mal, wann war das nochmals genau? Mein Antrag. Es ist wichtig ... jedes ¨Detail kann mir mein Gedächtnis zurückgeben, jeder Puzzlestein ist wichtig."
"Na gut", seufzte Manon ergeben. "Am 30. August. war das. Und am 31. gingen die Dreharbeiten endlich los."
Das klang plausibel.
"Aber kennengelernt haben wir uns davor ... wann war das etwa?"
"Anfang August. Die ganze Crew traf sich zur Vorbereitung. Damit wir sofort loslegen können, wenn wir grünes Licht kriegen."
Auch das klang vernünftig.
"Und wie und wann kamen wir uns näher?"
"Das war wenige Tage später. Du hattest uns alle zu dir nach Hause eingeladen. Ich habe schon bemerkt, dass du mich den ganzen Abend beobachtet hast, mir aber nichts dabei gedacht. Du hast mich dann immer mehr geneckt, mit mir geflirtet. Und irgendwann, als du mich mal alleine auf der Terrasse erwischt hast, hast du mich einfach geküsst."
"Und du hast mir eine gescheuert?", rutschte es Keanu heraus.
"Aber nein. Nicht, wenn ich so geküsst werde", hauchte sie. Unbemerkt war sie wieder nahe an ihn herangerutscht, und bevor er wusste, wie ihm geschah, küsste sie ihn, dass ihm schwindelig wurde. Du meine Güte, er musste aufpassen. Zeit gewinnen, sich abregen, bevor das Blut wieder aus seinem Kopf in tiefere Regionen absackte.
Um dies zu erreichen, löste Keanu sich von Manon und beugte sich vor, um einen Schluck Wein zu trinken. Dann drehte er, ohne sich wieder zurückzulehnen, zu ihr herum und fragte sie:
"Weißt du, an welchem Datum diese Party stattfand?"
"Nein, leider nicht mehr."
"Dann lass es uns nachvollziehen, ja?", bestimmte er, kramte in der hinteren Jeanstasche und zog den kleinen Taschenkalender hervor, den er eigens für dieses Treffen bereitgelegt hatte.
"Weißt du vielleicht noch den Wochentag?"
"Samstag."
"Gut. Wenn die Crew sich also Anfangs August kennenlernte und ihr an einem Samstag bei mir wart, muss das der 8. gewesen sein. Richtig?"
"Ja", meinte Manon mit gerunzelter Stirn. "Ist das eigentlich ein Verhör oder was?"
"Aber nein. Ich versuche, ein Puzzle zu lösen, schon vergessen?"
"Natürlich nicht", murmelte sie und schmiegte sich an ihn. "Entschuldige."
"Wie ging es mit uns weiter?"
"Nun, ich bin gleich über Nacht geblieben. Heimlich. Wir wollten keine Eifersüchteleien und kein Geschwätz auslösen. Erst am Sonntag ging ich heim. Am späten Nachmittag, wenn ich mich recht erinnere."
"Und danach? Sahen wir uns öfter?"
"Ja, fast jeden Tag."
"Und was haben wir so unternommen? Ich nehme nicht an, dass wir uns nur im Schlafzimmer aufhielten. Wir gingen doch sicher auch zusammen weg? Essen? Ein Theaterstück anschauen?"
"Wir waren nicht nur im Schlafzimmer. Aber oft, sehr oft. Ich erinnere mich, wie ich von deiner Ausdauer überrascht war. Ich bin dann mal in einen Fettnapf getreten ... mir ist die Frage herausgerutscht, ob du Viagra nimmst. Weil du ja immerhin über vierzig bist. Ich hab das im Spaß gesagt, und du hast mich angesehen, als ob du mir gleich den Kopf abreißen würdest."
"Sowas hätte jeden Mann beleidigt. Auch einen Viagra-Konsumenten. Wir sahen uns fast jeden Tag, bis Drehbeginn?"
"Nein. So stimmt das nicht ganz. Du musstest weg und kamst erst wieder, als wir grünes Licht bekamen."
"Weißt du genau, wann ich abreiste? Und wohin ich ging?"
"Nein. Bei aller Leidenschaft warst du von Anfang ein Geheimniskrämer, was gewisse Dinge anbelangt. Du hast mir eines Morgens mitgeteilt, dass du weg musst und wiederkehrst, wenn das Projekt losgeht. Das war's."
"Und das hast du einfach so akzeptiert? Dass du nicht gewusst hat, wohin ich reise?"
"Mich hat das schon gewurmt. Aber was sollte ich machen? Ich wollte dich ja nicht anbinden. Ich wusste doch, dass du das nicht magst."
"Stimmt", gab Keanu zu und überlegte: Irgendwie läuft das heute ganz anders als beim letzten Mal. Unser Gespräch verläuft in einer geraden Linie. Aber irgend etwas Fassbares fehlt mir dennoch. Verflixt nochmals. Ich habe nichts, was sie als Lügnerin entlarven würde. Rein gar nichts!

Keanu wurde ganz flau im Magen. Was, wenn sowohl Helen als auch Manon die Wahrheit sagten, was, wenn er ein doppeltes Spiel gespielt hatte? Würde das Rückgewinnen seines Gedächtnisses seine miese Tour ans Licht bringen? Keanus Kopf fing an zu dröhnen, und er bedurfte keiner Selbstbeherrschung seinerseits, um sich von Manons Händen, die zärtlich über seinen Unterarm strichen, nicht verführen zu lassen. Nicht mit diesem Kopfweh. Schwerfällig drehte er den Kopf zu ihr herum, und bevor sie diese Geste falsch deuten konnte, sagte er:
„Mir geht es gar nicht gut. Sei mir nicht böse, ich muss mich hinlegen.“
„Oh je“, seufzte Manon und drückte ihm ein Kuss auf die Wange. „Das tut mir leid. Du kannst dich gleich aufs Sofa legen, wenn du magst. Oder in mein Bett. Ich verspreche dir, dich in Ruhe zu lassen. Auch wenn es mir schwerfällt. In Ordnung?“
Verdammt, wie das dröhnte in seinem Kopf. Keanu fühlte sich versucht, Manons Angebot anzunehmen, doch hegte er den Verdacht, dass er dann diese Räumlichkeiten heute nicht mehr verlassen und so bei seinen Nachforschungen keinen Schritt mehr vorankommen würde. Ein ganzer Tag für die Katz, das durfte nicht sein. Eine oder zwei Stunden lang die Augen schließen, dann würde es ihm etwas besser gehen. Vielleicht konnte er dann mit Helen sprechen. Ja, das wäre ganz in seinem Sinne: Immerhin gab es aus den zwei Wochen in der Schweiz kleine Erinnerungsfetzen. Und mit viel Glück würde er es schaffen, diese auszubauen.
„Nein, lieber nicht“, lehnte er deshalb Manons Angebot ab und sah, wie Enttäuschung in ihren blauen Augen aufblitzte. „Ich habe am Nachmittag einen Termin in der Nähe meines Hauses – tut mit leid“, fügte er hinzu. Das war nur zur Hälfte gelogen, und er handelte nur zum eigenen Schutz so. Trotzdem fühlte Keanu sich wie ein mieser Kerl, als er sich von Manon verabschiedete, in sein Auto stieg und davonfuhr.
Auf dem Heimweg hatte er noch genügend Zeit, Karina von seinem Gespräch mit Manon zu berichten. Wie er kam auch sie zum Schluss, dass nichts Haltbares daraus hervorgegangen war. Ihre Ungenauigkeit bezüglich Daten und Treffpunkte – immerhin hatte sie ihm kein einziges Lokal genannt, welches sie zusammen besucht hatten – konnten Zufall sein oder eine Verschleierungstaktik. Beweisen konnte man beides nicht.
Man konnte nur warten – und hoffen, dass die Blockade in Keanus Kopf sich endlich löste.
Mit diesem Gedanken zog er sich, als er endlich zuhause angekommen war, aus, schlüpfte unter die Decke und schlief sogleich ein.
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Beitrag Verfasst am: 01.01.2010, 15:26    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 20

„Darf ich reinkommen?“
Keanu hatte unangemeldet an ihre Tür geklopft an diesem späten Donnerstagnachmittag. Die Haare zerzaust, der Blick verhangen, ein Anblick wie frisch aus dem Bett gekrochen – niemals wäre Helen ein 'Nein' über die Lippen gekommen.
„Komm rein.“
Ganz kurz und sehr vorsichtig nahm er sie in den Arm, ließ sie wieder los, ging zum Sofa und setzte sich hin.
„Etwas zu trinken?“
„Gerne. Danke, dass du dir etwas Zeit nimmst.“
„Ich liebe Puzzles“, meinte Helen, ging in die Küche und kam gleich mit einem Glas Cola zurück. „Hier. Du siehst aus, als ob du das gebrauchen kannst. Geht es dir nicht gut?“
„Es geht so. Ich hatte einen frustrierenden Morgen, bekam mächtig Kopfweh und musste mich hinlegen. Meinem Kopf geht's jetzt zwar besser, aber ich fühl mich wie gerädert.“
„Oje. Bist du sicher, dass du zuhören magst?“
„Unbedingt. Ich will endlich vorwärtskommen bei diesem Rätsel. Den ganzen Morgen bin ich kein Stück weitergekommen!“
„Mit wem hast du denn gesprochen?“, wollte Helen wissen, drehte sich um und betrachtete ihn genau.
„Mit Manon“, erwiderte Keanu, hielt sich die Hand vors Gesicht und schloss für einen Moment die Augen. „Und bei allem, was sie erzählt hat, hat's kein einziges Mal geklingelt. Ich weiß noch nicht mal, ob sie wirklich meine Verlobte ist oder nicht.“
„Wie bitte?“
„Was soll ich sagen“, erklärte Keanu und rieb sich die Augen. „In meiner Erinnerung bin ich nicht verlobt. Eine Gedächtnislücke von einem Monat folgt, und peng! Hab ich ne Verlobte. Wie soll ich wissen, dass das nicht etwas faul ist?“
„Schon wahr. Aber meine Geschichte könnte genauso faul sein“, murmelte Helen, und eine eiskalte Hand griff nach ihrem Herz.
„Nein, das glaube ich nicht“, erwiderte er. „Das Schlimme ist, beide könnten wahr sein. Es gibt aber zurzeit nur aus 'deiner Zeit' Erinnerungsfetzen. Sie sind nur kurz, aber du kommst in ihnen vor. Und genau deswegen bin ich hier. Ich hege die Hoffnung, dass mehr Erinnerungen wach werden, wenn wir darüber sprechen, was alles geschehen ist. Hilfst du mir? Bitte?“
Flehend blickte Keanu Helen in die Augen. Dunkles Goldbraun ... wie hätte sie diesem Blick widerstehen können?
„Ich helfe dir.“
„Danke!“ Er nahm ihre Hand, drückte sie kurz, und Helen bedauerte es, dass er sie wieder los ließ.

"Wo waren wir stehengeblieben?", murmelte sie, seinem Blick ausweichend.
"Die kurze Fahrt auf dem Motorrad. Zur Angewöhnung."
"Angewöhnung ist gut", rutschte es Helen heraus, und wie ein Teenager kicherte sie errötend. Ja, man konnte durchaus behaupten, dass sie sich bei dieser kurzen Fahrt an ihn ... gewöhnt hatte.
"Du hast mich abgeholt, hast mir auch gleich einen Helm mitgebracht und Lederbekleidung."
"Und, hat's gepasst?"
"Wie angegossen."
"Wie ist das genau vonstatten gegangen? Jedes Detail könnte mir helfen ..."
"Gut. Du hast geklingelt und bist hochgekommen. Du hast mich zur Begrüßung umarmt."
"Kein Kuss?"
"Der kommt noch! Ich hab dir kurz meine Wohnung gezeigt. Das ging rasch, die Wohnung ist nur klein. Wir tranken Kaffee. Bei der Gelegenheit - so ganz genau weiß ich es leider nicht mehr - kam die eine Szene, an die du dich erinnerst: Du hast mein Haar geöffnet. Sagtest zu mir ..."
"... dass man denjenigen verklagen sollte, der dir zu dieser Frisur geraten hat", ergänzte Keanu, und er strahlte. "Ja, daran erinnere ich mich!"
"Fantastisch!"
"Und ich hatte sowas von recht ...", murmelte er, nahm sie genau in Augenschau, und seine Augen verdunkelten sich.
Helen schluckte, dann sprach sie weiter:
"Ich probierte die Klamotten an, die du mir gebracht hast. Sie passten."
"Hmm ... Helen in Leder. Warum erinnere ich mich Idiot nicht. Du hast sicher fantastisch ausgesehen."
"Ich glaube, ich hab dir schon gefallen", bemerkte Helen schüchtern. "Jedenfalls hast du so ausgesehen, als ob du etwas siehst, was dir gefällt."
"Und dann kam der Kuss?"
"Nur Geduld. Wir gingen dann nach unten. Du hast mir genau erklärt, wie man aufs Motorrad aufsitzt. Wie ich dir während der Fahrt übermitteln konnte, wann wir anhalten sollten, wie ich dir den Weg weisen soll ..."
"Durch Druck auf meine Oberschenkel?"
"Genau."
"Und dann sind wir losgefahren?"
"Ja. Aber nicht, bevor du mir einen kurzen Schmatz auf die Lippen gestohlen hast."
"Das war der ganze Kuss? Ich bin enttäuscht von mir", fand Keanu. Sein Blick wanderte über
Helens Gesicht und blieb auf ihren Lippen hängen. Unbewusst hatte er ihre Hand wieder genommen, und ihre Finger waren ineinander verschlungen, erst jetzt konnte Helen das spüren. Strom schien von dieser Berührung auszugehen und sich über ihren ganzen Körper zu verbreiten. Sie schluckte und sprach weiter:
"Nicht so ungeduldig! Wir fuhren los. Anfangs war das ein komisches Gefühl, hinter dir zu sitzen, meine Arme um deinen Bauch ... ich kannte dich ja noch nicht so gut."
"Noch nicht. Das gefällt mir", unterbrach er sie. Seine Stimme klang leise und rau.
"Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Wir fuhren eine kleine Passstrasse hoch, nicht weit von mir weg. Dir war es wichtig gewesen, dass wir ein paar Haarnadelkurven fahren. Mich mit dir eine Kurve hineinzulehnen, hat mich verängstigt. Ich fürchtete, mitsamt dir und dem Motorrad umzukippen. Aber nach ein paar Kurven gewöhnte ich mich an den Bewegungsablauf."
"Wir fuhren den Berg hoch, runter und gleich wieder zurück?"
"Nein. Als wir oben waren, signalisierte ich dir, anzuhalten. Ich wollte dir mitteilen, dass ich die Angst verloren hatte. Wir hielten an."
"Dann bist du sicher gut drauf gewesen. Es ist einer der schönsten Gefühle der Welt, Angst zu überwinden."
"Stimmt ..."
Kein weiterer Kommentar folgte. Helen beobachte Keanu, der seine Augen geschlossen hatte. Unter seinen Lidern arbeitete es. Versuchte er, die Fahrt in seiner Vorstellung nachzuvollziehen, um an weitere Erinnerungsbruchstücke heranzukommen?
Plötzlich waren seine Augen wieder offen, sein Blick ... erwartungsvoll? Er schluckte und fragte:
"Waren da Bäume? Tannen?"
"Ja!", rief Helen erfreut aus. "Links und rechts der Strasse. Jedoch kein dichter Wald. Erinnerst du dich?"
"Ich habe das Gefühl von Waldboden unter den Füssen ..."
"Ja, stimmt! Wir sind neben die Strasse getreten. Das muss es sein!"
"Was geschah dann?"
"Ich glaube, du hast dich von meiner Freude über die gelungene Fahrt anstecken lassen. Hast mich umarmt, angesehen ..."
"... geküsst?"
"Ja."
Helens Stimme war nur noch ein Flüstern gewesen. Etwas veränderte sich in Keanus Gesicht. Er schien nicht mehr sie anzuschauen, sondern ... ein Bild aus der Vergangenheit? Jedenfalls sah er genauso aus wie damals. Vor dem ersten richtigen Kuss. Und genauso wie damals hob er seine freie Hand. Strich ganz sachte über ihre Wange, ihre Lippen. Helen konnte kaum atmen, geschweige denn denken. Diese Liebkosung, die Bewunderung in seinen Augen, die sich rasch in Begehren verwandelte. Schwarz wie die Nacht waren sie jetzt, diese Augen, ganz genauso wie an jenem Tag. Sein Gesicht kam näher. Sollte sie ihm Einhalt gebieten? Vielleicht. Konnte sie es? Niemals.
Seine Lippen berührten ihre. Ganz vorsichtig erforschte er mit seiner Unterlippe die Form ihres Mundes. Helen erinnerte sich jäh daran, wie dieser zarte, vorsichtige Vorstoß sie damals überrumpelt hatte. Keanu eroberte nicht, er verführte, verlockte, ließ ihr Zeit und Raum, selbst mehr zu wollen.
Damals wie heute, schoss es Helen durch den Kopf, als ihre Lippen sich wie von selbst ein wenig teilten. Ganz viele zarte Küsse berührten ihre Ober- und Unterlippe, wie der Schlag von Schmetterlingsflügeln. Und dazwischen schaute er sie immer wieder an, seine Augen lächelten. Himmel nochmals, das wurde gefährlich. Sie konnte seine Zunge auf ihrer vorsichtigen Erkundungstour auf ihren Lippen fühlen. Wie weit würden sie gehen? Den ganzen Weg bis zur vollständigen Ekstase? Helen wusste genau, dass sie dazu breit war, konnte jedoch nichts dagegen tun, dass ihr diese sanften Berührungen nicht mehr ausreichten. An jenem Abend waren sie genau richtig gewesen. Der Kuss hatte sich nicht vertieft, hatte jedoch ausgereicht, um ihre Vorfreude auf mehr zu entfachen. Doch jetzt, da sie wusste, wie ihr das "mehr" schmeckte, wollte sie es haben. Sofort.

Doch eines hatte sie dabei außer Acht gelassen: Aus Keanus Sicht war dieser Kuss ihr erster, nicht derjenige im Wald. Er löste seinen Mund von ihrem, sie glaubte, sowohl Freude als auch Verlangen in seinem Gesicht zu lesen, und er flüsterte:
"So?"
"Ja", erwiderte sie. "Genau so."
"Wow. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das ausgereicht hat, an jenem Tag."
"Hat es auch nicht. Aber du hast mich dann nur noch nach Hause gebracht und dich verabschiedet."
"Wow, mein Alter hat mich wirklich zurückhaltend gemacht ..."
"Hast du dich an den Kuss erinnern können?"
Die Frage hatte auf Helens Lippen gebrannt, doch fürchtete sie sich vor der Antwort.
"Es ist merkwürdig", erwiderte er leise und schloss die Augen wieder. "Der Waldboden unter meinen Füssen. Ein dunkler Wald ... es kommt mir bekannt vor. An den Kuss selbst erinnere ich mich nicht. Aber ..."
"Aber ... was?"
Diese Furche bildete sich wieder zwischen seinen Augenbrauen.
"An eine gewisse Empfindung. Wärme. Begehren. Und ..."
Und was, wollte Helen rufen, ihn schütteln dabei. Aber sie durfte die Spinnfäden dieses sehr brüchigen Erinnerungsnetzes nicht durchreißen. Keanu musste es selbst weben, dieses Netz, geduldig wie eine Spinne.
Ein paar Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten, kam nichts, dann bat er sie:
"Kannst du bitte die Hände auf meinen Rücken legen?"
Helen folgte seiner Bitte. Dieser warme Rücken unter ihren Fingern ...
Er tat es ihr nach, zog sie näher an sich heran, ließ seinen Blick über ihr Gesicht wandern. Dann sagte er:
"Ja. Daran erinnere ich mich ganz genau. Tannen. Die Dunkelheit. Deine Augen ... und deine Arme um mich."
Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern gewesen, und Helens Herz raste wie ein Schnellzug. Diese Reise in das verlorene Gebiet in Keanus Gehirn ... sie versprach, gefährlich zu werden. Gefährlich und ausgesprochen reizvoll.
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Beitrag Verfasst am: 01.01.2010, 22:15    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 21

"Du solltest dich hinlegen. Ich könnte weiterarbeiten", murmelte Helen in Keanus Nacken.
"Mmh", brummte er und klang gar nicht so, als ob er ihrer Meinung sei.
"Vielleicht wird dir der Schlaf helfen, mehr Erinnerungen auszugraben. Wie gestern", schlug Helen vor.
"Ja, vielleicht."
Das hatte ausgesprochen widerwillig geklungen. Auch seine Hände ließen ihren Rücken nicht los. Die eine stahl sich sogar in den Nacken und fing ihn an zu kraulen.
"Das fühlt sich nicht nach Loslassen an", keuchte Helen. Ein Schauer riesele über ihren Rücken, weil sie diese Liebkosung so genoss.
"Und das klingt nicht ausgesprochen widerwillig", gab Keanu zurück. Er lockerte seinen Griff etwas, schaute Helen tief in die Augen und zog sie dann wieder an sich.
"Ich bin nicht widerwillig", murmelte sie in sein Haar hinein.
"Das dachte ich mir."
"Ich hatte solche Sehnsucht nach dir."
"Ich ... ich weiß es nicht mehr", gab Keanu leise zurück. Dann ließ er seine Hände locker. Eine blieb warm auf ihrer Taille liegen, mit der anderen strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und flüsterte:
"Vielleicht sollten wir warten, bis ich meine Erinnerung wiederhabe."
"Ja", flüsterte sie zurück. "Das wäre wahrscheinlich klüger."
Auch sie hatte ihre Hände gelockert, schaffte es aber nicht, den Hautkontakt zu lösen. Sie ließ sie über seinem Hosenbund liegen, schaute ihm ins Gesicht. Hände zurückziehen. Blick niederschlagen, Magie unterbrechen, sandte ihr Gehirn Kommandos aus. Es bereitete ihr beinahe körperliche Schmerzen, diesen Befehlen zu folgen, ihn nicht mehr zu berühren, ihn nicht anzuschauen, bis die Hände wieder in ihrem Schoss lagen.
Aber jetzt durfte sie wieder gucken, oder? Sie tat es, und was sie sah, raubte ihr fast den Atem. Keanus Haar glänzte in der Abendsonne, die ihr ins Appartement schien. Die Stoppeln in seinem Gesicht ließen ihn außerordentlich verwegen und männlich wirken. Diese Lippen, sie brachten sie immer wieder zum Staunen. Konnte ein Mann einen schöneren Mund haben? Oder einen zärtlicheren. Nein, das war ausgeschlossen!
War es da ein Wunder, dass die Sehnsucht sie gequält hatte, und dass sie die Beherrschung verloren hatte, nachdem dies alles geschehen war?

Helen zwang sich, aufzustehen, und wie durch ein Wunder gehorchten ihre Beine. Wie er dann so ungläubig an ihr hochblickte, sie hätte sich am liebsten gleich wieder neben ihn gesetzt. Oder auf seinen Schoss, sodass sie ihm noch näher sein konnte. Nein, nein. Nicht so hastig. Sonst wäre sie bald soweit wie an jenem Tag, als er ihr gestand, nicht zu wissen, ob er für eine richtige Beziehung bereit sei. Nein, er sollte sich zuerst an alles erinnern. Dann würden sie weiter sehen.
"Ich habe einen Vorschlag", sagte Helen, und sie staunte über den festen Klang ihrer Stimme.
"Ich arbeite an meinem Entwurf weiter. Sonst wird der nie fertig. Und du legst dich etwas hin, ruhst dich aus. Vielleicht ..."
"... Vielleicht döse ich ein. Träume von diesen hohen Bäumen und von dir", vollendete Keanu ihren Satz. "Ein Puzzlestück mehr ..."
"Ja. Außerdem siehst du müde aus. Die hätten dich nicht so früh aus dem Spital entlassen sollen."
"Andererseits ... .wäre ich gestern nicht so müde gewesen, wäre ich nicht eingeschlafen und hätte mich nicht erinnert."
"Ja, das ist wahr."
"Helen ..."
Keanus Augen wirkten auf einmal riesig in seinem blassen Gesicht. Er hatte seine Hände nach ihr ausgestreckt, stand aber nicht auf. Fühlte er sich zu schwach?
Sie ergriff seine Hände, die kühl geworden waren.
"Ja?"
"Danke. Für deine Geduld und deine Hilfe."
Er ließ sie wieder los und beugte sich vor, um die Schuhe zu öffnen. Während er sich hinlegte, holte sie eine Wolldecke, mit der sie ihn daraufhin zudeckte.
"Der Abend ist kühl und deine Hände eiskalt", erklärte sie, und er schenkte ihr ein dankbares Lächeln.
Wusste dieser Mann eigentlich, was er mit diesem Lächeln anrichten konnte? Dies fragte sich Helen, als sie ihm den Rücken zudrehte und zu ihrer Skizze hinüberging. Sein ganzes Gesicht lächelte mit, wenn sein Mund es tat. Er hätte damit wohl eine ganze Armee entwaffnen können. Sie aber war nur eine einzelne Frau, die am liebsten zu ihm zurück gerannt wäre, sich neben ihm hingesetzt, nein, hingelegt hätte, ihn umarmt und geküsste hätte.
Nein, nein, nein, schalt Helen sich und fügte hinzu: Nicht jetzt.
Sie warf einen Blick zurück und sah, dass Keanus Augen sich beinahe geschlossen hatten. Dann zückte Bleistift, Radiergummi und Winkelmass und begann mit der Arbeit.

Schön warm, diese Wolldecke nach der Kälte, die er empfunden hatte, überlegte Keanu, der zwar die Augen geschlossen hielt, aber noch nicht schlief. Und es war ein gutes Gefühl, hier zu liegen, in aller Ruhe, nicht allein zu sein und noch in Frieden gelassen zu werden. Nicht so wie heute Vormittag. Das war doch eigentlich seltsam. Er hatte eine Verlobte, und wenn er sich ausruhen wollte, sehnte er sich nach seinem eigenen Bett. Und hier war Helen.. Bei ihr blieb er gerne freiwillig. Sollte er sein Gedächtnis nie mehr wiedergewinnen, wäre der Fall klar: Manon wäre Geschichte. Aber so, wie die Dinge standen, kam seine Erinnerung brockenweise zurück, und hatte er da nicht die Pflicht, abzuwarten, bis ihm alles wieder bewusst war?
'Warum eigentlich?', tönte es in ihn. Was war das denn?
'Du wirst dich bald an mich erinnern. Wir hatten schon mal das Vergnügen. Und jetzt ist es mal wieder nötig, dass ich einschreite. Also nochmals: Warum musst du eine Entscheidung darüber, wen du lieber magst, von deiner Erinnerung abhängig machen? Beobachte doch die Beiden im Hier und Jetzt. Wie fühlst du dich, wenn du mit ihnen zusammen bist? Wohl, unwohl?'
Wozu sollte das gut sein?
'Ganz einfach, du schlaues Kerlchen. Wenn du dich jetzt mit einer Frau wohl fühlst, besteht die große Chance, dass du es schon während der Zeit tatest, an die du dich nicht erinnerst.'
Ja, das stimmte irgendwie schon.
'Siehste. Denn dir fehlt einfach ein Monat. Es ist ja nicht so, dass du einen kompletten Gedächtnisverlust erlitten hast. Du weißt genau, wer und wie du bist. Nur ein Monat fehlt. Mehr nicht.'
Wie wahr. Warum hatte er es nicht gleich so gesehen?
'Du bist verunfallt, dein Kopf hat gelitten. Da sieht man nicht alles ganz klar.'
Und wie soll ich vorgehen?
'Beobachte die beiden, und beobachte dich selbst. Sieh dir selbst zu, fühle, wo es dich hinzieht.'
Zurzeit zog es ihn hierhin, überlegte Keanu. Hier mochte er sich ausruhen, bei Manon vermochte er das nicht. Warum war das so? Verflixt nochmals, er war eigentlich zu müde, um da noch länger darüber nachzugrübeln. Grosse Schläfrigkeit überkam ihn, und bevor er wusste, wie ihm geschah, war er schon ins Traumland übergewechselt.

Die Kälte wollte nicht weichen, im Gegenteil, sie intensivierte sich. Eiskalt war das! Er blickte an sich runter und bemerkte, dass er splitterfasernackt im Wasser stand. Er hatte dein Eindruck, nicht allein zu sein, und nun hörte er es: das Lachen einer Frau. Er schaute sich um, und da sah er sie: Eine Nymphe oder eine Seejungfrau, ebenso nackt wie er, schlank und feingliedrig und mit langem, braunen Haar, welches sich wie ein Schleier durchs Wasser bewegte, wenn sie tauchte. Saftiger, grüner Rasen wuchs am Ufer. Da gab es eine blickgeschützte Stelle, von Bäumen und Büschen umgeben. Wo schwamm sie hin, die Nymphe? Näher zu ihm hin. Er wollte sie berühren, doch sie entwischte ihm. Da - jetzt gelang es ihm, eine Hand auf ihren Rücken zu legen. Wie weich sich ihre Haut anfühlte. Was war das für ein Geräusch? Etwas war heruntergefallen Für den Bruchteil einer Sekunde verschwanden der See und die Nymphe. Ein Traum nur? Nein, er wollte weiterträumen von diesem bezaubernden Wesen, wollte es nochmals berühren. Da war sie wieder, endlich! Doch was hatte sie mit ihrem Haar gemacht? Sie hatte es hochgesteckt. Aber solch herrliches Haar war dazu gedacht, frei über die Schultern und den Rücken zu fließen. Verdammt, war das kalt. Es fing an, ungemütlich zu werden. Rasch, aufs Ufer zuwaten. an die Sonne gehen. Die Seejungfrau fror ebenso, umarmte sich schotternd selbst. Er musste sie an die Sonne bringen, sie wärmen in dem Tuch, das dort auf dem großen Stein lag, und mit seiner eigenen Körperwärme. Ein erregender Gedanke, und die Vorstellung ... sie wirkte so konkret. Seltsam. Sein Auge juckte, er blinzelte, und wieder verschwand das Traumbild. Stattdessen sah er eine Frau, genauso langgliedrig wie das Wesen in seinem Traum. Die Beine, die in abgeschnittenen Jeans steckten, sahen genauso aus. Ebenso die Schulten und die Arme, die aus einem um den Hals gebundenen Oberteil hervorlugten. Dieses Haar ... wenn es nicht in einem Zopf geflochten war, sah es bestimmt genauso aus wie bei der Nymphe. Die Frau kümmerte sich nicht um ihn, zeichnete etwa auf ein riesiges Papier. Er schloss die Augen wieder, kehrte zurück an den See, wo er nur noch knietief im Wasser stand und an der Sonne fror. Noch ein Schritt, noch einer, jetzt war er draußen. Das Wesen - er hatte inzwischen begriffen, dass es sich um eine Frau aus Fleisch und Blut handelte - folgte ihm. Er nahm sich das riesige Tuch, legte es sich um die Schultern. Die Frau kam näher und schlüpfte unters Tuch. Die Vorstellung war sehr real und ausgesprochen anregend - so sehr, dass Keanu erstaunt die Augen aufriss. Die Frau zeichnete immer noch. Helen. Ja, das war ihr Name. Sie sah der Frau im See verblüffend ähnlich. Genau dieselben Beine, dieselbe Haltung, dieselbe Silhouette. Moment mal. Helen WAR die Frau im See, durchzuckte es ihn. Zuerst war das Haar offen gewesen. Dann hochgesteckt. Dann geflochten.

Keanus Mund wurde trocken. Den See hatte es gegeben, und er war mit Helen dort gewesen. Diese blickgeschützte Stelle ... ja, sie hatte existiert. Streng deinen Kopf an, alter Junge, befahl er sich. Er schloss nochmals die Augen, rief sich die Bilder von seinem Traum in seinen Kopf. Da war er wieder, der See. Er ging dem Ufer entlang, weg von den Bäumen. Da war noch mehr Wiese. Ein dichter Wald grenzte an die gegenüberliegende Seite dem See an, und vor sich ragte eine Felswand steil in den Himmel hinauf. Ein Bergsee! Rechts von ihm führte ein gewundener Pfad aufwärts. Er war dort durchgegangen. Einmal allein, einmal mit ihr. Am anderen Ende des Pfades stand das Motorrad. Und irgend etwas hatte es mit der Felswand auf sich. Er ging darauf zu, und als er angekommen war, steckte er den rechten Fuß ins Wasser. Brr, eiskalt. Aber nicht tief : unter seiner Fußsohle konnte er Felsen spüren. Man konnte also der Felswand entlanggehen. Es donnerte, er musste Schutz suchen. Nein, er hatte Schutz gesucht. In der Höhle ... wo war Helen? Er musste sie holen. Als er sich umdrehte, sah er sie winken. Ihr Haar war hochgesteckt, warum nur?

Keanu öffnete die Augen, sein Herz raste. Helen hatte noch nicht bemerkt, das er wach war. Seine Frau vom See! Er musste ihr näherkommen, sie berühren, diese zarte Haut unter seinen Händen spüren. Diese magische Anziehungskraft, die sie in dem See auf ihn ausgeübt hatte, sie war immer noch da. Langsam erhob er sich, ging einen Schritt, noch einen.
Helen drehte sich um und meinte erstaunt:
"Schon wach? Du siehst viel besser aus."
Nun stand er vor ihr, legte seine Hand an ihre Wange und fragte:
"Warum hast du dein Haar nicht offen getragen im See?"
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Beitrag Verfasst am: 04.01.2010, 00:07    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 22

Helens Bleistift landete mit leisem Scheppern auf den Holzboden, rollte zur Wand und blieb dort liegen. Sie starrte Keanu mit offenem Mund an.
"Was hast du da eben gesagt?"
"Ich fragte, warum du dein Haar damals nicht offen getragen hast. Am See."
Nun stand er ganz dicht vor Helen, griff um sie herum zum Zopf, löste den Gummi am unteren Ende und entflocht ihn vorsichtig. Dabei ließ er sie für keinen Blick aus den Augen, bis der Zopf vollständig aufgelöst war. Als seine Finger durch ihr Haar glitten, kribbelte Helens Kopfhaut. Sie fühlte sich zurückversetzt an diesen klaren, kalten Bergsee, wo er sie zuerst hatte ins Wasser werfen wollen. Sie hatte ihn zurückhalten können mit dem Hinweis, dass ihr Haar nie trocknen würde. Er hatte sie aus dem Wasser getragen, splitternackt, wie sie war. Hatte sie dann unter das große Tuch genommen, abgetrocknet und sie erstmals seinen nackten Körper in aller Deutlichkeit hatte spüren können. Ein paar Schritte weiter waren sie auf der Wolldecke gelandet, und dann....

"Sag es mir", unterbrach Keanu ihren gedanklichen Rückblick leise, und Helen erwiderte:
"Ich wollte nicht, dass mein Haar nass wird. Sonst wäre es niemals wieder getrocknet."
Sie schluckte und fügte hinzu:
"Heißt das, dass du dich an unseren Ausflug an den Bergsee erinnern kannst?"
"Nur bruchstückhaft."
"Woran erinnerst du dich?"
Beide fühlten sich etwas geschwächt. Hand in Hand gingen sie zum Sofa, setzten sich hin, ohne zu wissen, wer jetzt wem zuerst die Hand gereicht hatte.
"An eiskaltes Wasser. Ich stand nackt drin, da war eine Seejungfrau. Das war aber aus meinem Traum, und ich merkte, dass du das warst."
"Wie hast du das bemerkt?"
"Es war dein Haar, es war plötzlich hochgesteckt."
"Erinnerst du dich, wie wir aus dem Wasser kamen?"
"Nein. Aber ich habe mir den Ort angesehen. Eine saftige Wiese, die bis ans Wasser reichte. Aber wie wir am Ufer standen. Ich nahm ein Tuch von dem großen Stein. Du bist mit mir zusammen druntergeschlüpft. Ein kleines Fleckchen Rasen, von Bäumen und Sträuchern umgeben. Blickgeschützt. Wald, der am gegenüberliegenden Ende des Sees bis ans Ufer reichte. Eine steile, graue Felswand, die aus dem Wasser ragte. Donner. Und? Fantasie oder Wirklichkeit?"
Keanu schaute sie fragend an, und Helen entgegnete:
"Wirklichkeit. Naja, abgesehen von der Seejungfrau."
"Da bin ich mir nicht so sicher", warf er ein und für eine Sekunde drückte er ihre Hand etwas fester. "Helen, kannst du mir bei diesem Puzzlestück helfen? Schaffst du das, oder wird es zu ... emotional?"
"Es wird schon gehen", entgegnete Helen leise. "Wo soll ich anfangen?"
"Am Anfang des Ausflugs. Okay?"

"Gut. Du kamst mich abholen. Samstagvormittag war's. Mir ging's an dem Tag nicht so gut."
"Was fehlte dir denn?"
"Ärger bei der Arbeit mit vorübergehender Freistellung."
"Hm. Wegen derselben Geschichte, die dich letztendlich die Stelle gekostet hat? Darüber müssen wir später reden. Ich weiss ja so gar nichts von dir. Aber weiter. Ich kam bei dir an, bemerkte deine Missstimmung ..."
"Ja. Du hast mich um einen Kaffee gebeten. Während die Kaffeemaschine aufwärmte, hast du dich umgeschaut und dir aufgrund meiner Einrichtung ein Bild von meiner Persönlichkeit gemacht."
"Sowas! Und wie schätzte ich dich ein?"
"Du sahst, dass ich gut mit Pflanzen umgehen kann, bemerktest meine Ordnung, konntest aber nicht einschätzen, ob ich von Natur aus ordentlich bin oder zu denjenigen Menschen gehöre, die für Besucher aufräumt."
Keanu schmunzelte, blickte sich um, schaute zu Helen zurück und meinte:
"Letzteres, oder?"
"Genau. Und dann sahst du das graue Sofa und das Bild darüber ..."
Helen verstummte und erinnerte sich an die Traurigkeit, die sie damals verspürt hatte. Jochen hatte auf diesem hässlichen Sofa bestanden, und damals war die Wunde, von ihm hintergangen zu werden, noch frisch gewesen.
"Was war damit? Dein Gesicht ... du siehst plötzlich so anders aus. Bist du in Ordnung?"
Keanu nahm Helens andere Hand, und sie erklärte es ihm.
"Aha. Jochen also. Hm. das Bild über dem Sofa ... ja daran erinnere ich mich. Was geschah weiter?"
"Ich hab dir erzählt, welchen Beruf ich ausübe. Du hast mir ein Kompliment zum Kaffee gemacht. Als er leer getrunken war, hast du die gebrauchte Tasse in die Küche gebracht."
"Das hat dich beeindruckt?", bemerkte er und zwinkerte ihr zu.
"Mächtig beeindruckt", bestätigte sie und lächelte.
„Gut so, alter Junge“, murmelte Keanu. „Danke, Mama!“
"Dann hast du mich ... richtig begrüßt!"
"Wie bitte?"
"Du hast gefunden, dass du mich noch nicht richtig begrüßt hast. Hast mich umarmt. Und nicht gleich wieder losgelassen."
"Sondern?"
"Das hier gemacht ..."
Helen legte ihre Hand in Keanus Nacken, und ihr Daumen vollführte einen zarten Kreis auf seinem Hals. Verdammt, wie gut sich das anfühlte, diese warme, glatte Haut unter ihren Fingern zu spüren. Man konnte süchtig werden danach. Keanus Blick verdunkelte sich, und heiser flüsterte er:
"So?"
Sie spürte seine Hand im Nacken, sein Daumen liebkoste die zarte, empfindliche Stelle direkt hinter ihrem Ohr. Ein Schauer lief über ihren Rücken, und sie konnte nur nicken, ohne ihren Blick abzuwenden. Wie er sie anschaute, genau wie damals. Welche Helen sah er jetzt, diejenige aus der Vergangenheit oder die heutige? Da beugte er sich langsam vor, küsste sie sanft auf die Wange, und die völlig erstarrte Helen hörte seine tiefe, samtene Stimme sagen:
"Es ist, als ob mein Körper sich erinnert ..."
"Stimmt", flüsterte Helen. "Du gabst mir einen Kuss auf die Wange, und dann sind wir hinuntergegangen und losgefahren."
"Oh. Okay. Wie lange dauerte die Fahrt etwa?"
"Eine Stunde. Inklusive einem Halt, weil ich mal für kleine Mädchen musste."
"Eine Stunde mit dir auf dem Mottorad. Du schmiegst dich an mich ... das muss schön gewesen sein. Wie dumm, dass ich mich daran nicht erinnere", schimpfte Keanu.
"Wie war das vorhin mit dem Körpergedächtnis? Stell dir mal vor, mit mir Motorrad zu fahren. Ich halte mich ganz gut an dir Fest, die Hände auf deinem Bauch ..."
"Tu das mal", unterbrach Keanu, ließ ihre Hände los und drehte ihr den Rücken zu.
"Wie meinst du das?", entgegnete Helen und betrachtete verwundert Keanus Rücken, der in einem grauen Shirt steckte.
"Halt dich mal an mir fest. Genauso wie auf dem Motorrad. Vielleicht hilft das meinem Gedächtnis auf die Sprünge."

Helen war froh, dass er ihr Gesicht jetzt nicht sehen konnte, denn es war bestimmt feuerrot geworden. Sie setzte sich so hin, dass das rechte Bein neben seinem Stand, das Linke winkelte sie an und quetschte es zwischen Sofalehne und ihm hindurch. Dann beugte sie sich so vor, dass ihre Brust seinen Rücken berührte und schlang wie beim Motorradfahren ihre Arme um seinen Bauch. Da spürte sie auch schon den Unterschied: Bei der Fahrt hatten sich zwei Schichten Leder zwischen ihnen befunden, hier trennte nur dünner T-Shirt-Stoff ihre Brust von seinem Rücken. Ganz deutlich konnte sie seine Körperwärme spüren, und sie konnte gerade noch verhindern, laut zu seufzen Sei still, befahl sie sich selbst, damit er die nötige Ruhe hatte, in seiner Erinnerung zu graben.
Sie hörte ihn schwer atmen, spürte, wie sein Rücken sich etwas hob und senkte dabei, wünschte sich, dass es möglichst lange dauerte, bis er reagierte, und irgendwann meinte er:
"Das ist jetzt schwierig."
Seine Stimme klang gepresst, und sie flüsterte:
"Warum?"
"Ich kann spüren, wie mein Körper reagiert. Ich weiss aber nicht, ob das noch etwas mit meiner Erinnerung oder mit deiner Nähe zu tun hat."
"Soll ich dich lieber loslassen?"
"Nein, bitte nicht. Ich schließe jetzt die Augen. Der Wind pfeift mir um die Ohren, ich sitze auf einer donnernden Maschine ..."
Eine Idee schoss Helen durch den Kopf, und sie drückte zweimal gegen Keanus Oberschenkel.
"Gut, ich halte an", sagte er sofort. Dann drehte er sich zu Helen herum, Verblüffung stand in seinem Gesicht geschrieben.
"Unser Zeichen fürs Anhalten! Daran erinnere ich mich! Du bist ein Genie!", rief er aus, strahlte sie an und drückte ihr spontan einen Kuss auf die Lippen.
Mit feuerrotem Gesicht murmelte Helen:
"Das hast du auch gemacht, bevor wir losfuhren. Mir einen Kuss gestohlen!"
"Ich weiss halt, was gut ist", meinte er grinsend. "Wie ging es weiter? Wir kamen an und ich brauchte nach dieser ... anregenden Fahrt ein kaltes Bad?"
"Beinahe", gab Helen zurück und war froh um den humorvollen Moment, der ihre innere Spannung löste.
"Wir fuhren eine Passstrasse hoch, dann auf eine Nebenstrasse. Verließen die gepflasterte Strasse, stellten das Motorrad unter. Es ging zu Fuß weiter. Vor Hunger wurde ich quengelig ..."
"Nur noch um den Felsen herum", flüsterte Keanu. "Dann sind wir da."
"Ja. Genau das hast du gesagt! Super!", freute sich Helen und strahlte ihn an.
"Wenn ich dich nicht hätte", sagte er leise, und in seinen Augen leuchtete so viel Wärme, dass sie vor Wonne beinahe schmolz.
"Wie ging's weiter?"
"Wir standen vor diesem wunderschönen Bergsee. Dunkelblau glänzte er. Rechts vom See ..."
"... da war doch diese steile Felswand, nicht?"
"Genau. Wir sind einen Moment dagestanden und haben geschaut. Dann nahmst du mich an der Hand und führtest mich zu dieser Wiese am Wasser. "
"Von Bäumen und Büschen umgeben ..."
"Richtig!"
"Und dann gingen wir nackt baden?"
"Nicht so schnell", meinte Helen und musste schmunzeln. "Du hast eine Decke ausgebreitet. Wir setzten uns hin und aßen Brote. Du zogst zuerst deine Schuhe aus und dann meine. Wir legten uns hin und lauschten den zwitschernden Vögeln. Ich bedankte mich bei dir für diesen wunderbaren Ort. Du zeigtest auf deine Wange ..."
"Um dir anzuzeigen, wo ich deinen Dankeschönkuss hin möchte."
"Erinnerst du dich daran?"
"Nein", seufzte er. "Ich hab geraten."
Dann zeigte er auf seine Wange, und vorsichtig küsste Helen die Stelle.
"Süß", meinte er, und seine Augen glänzten traurig. "Und ich könnte mich treten, dass ich das nicht mehr weiss. Wie kann man so etwas Wundervolles einfach vergessen."
"Du kannst doch nichts dafür", tröstete ihn Helen und drückte seine Hand. "Das wird schon wieder!"
"Hoffentlich. Und wie ging's dann weiter? Zogen wir uns einfach aus und sprangen ins eiskalte Wasser? Das kann ich mir nicht vorstellen."

"Nein", sagte Helen leise. Sie konnte nicht weitersprechen, deutete nur mit dem Zeigfinger auf Keanus Lippen. Stumm hob er seine Hand und tippte auf seine Unterlippe, genauso wie damals. Helen näherte sich, bis ihre Nasen sich berührten, blickte ihm in diese wundervollen, dunkelbraunen Augen, verlor sich in dessen Tiefen, und dann berührten ihre Lippen endlich seine. Ganz zart und vorsichtig war dieser Kuss, und genauso zurückhaltend erwiderte er ihn. Es war, als ob die beiden die Wärme und die Weichheit ihrer Lippen und jede Sekunde davon auskosten wollten. Doch irgendwann reichte das nicht mehr aus. Sie fing an, an seiner Unterlippe zu saugen, ein leises Stöhnen entfloh seinem Mund. Er tat es ihr gleich, und Helens Herz stolperte. Wie von selbst krallten sich ihre Finger in seinen Rücken. Die selbstauferlegten Grenzen, die schon längere Zeit brüchig geworden waren, bröckelten und fielen in sich zusammen. Der Kuss vertiefte sich, warme Zungen fanden sich, spielten miteinander dieses uralte leidenschaftliche Spiel, Zähne knabberten zärtlich, Lippen erforschten sich gegenseitig neugierig und auf betörend sinnliche Weise, und wann sie eng umschlungen auf das Sofa gesunken waren, konnte keiner von den Beiden sagen.
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Beitrag Verfasst am: 06.01.2010, 22:58    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 23

Irgendwann lösten sich ihre Lippen voneinander. Keanu hätte nicht sagen können, ob er sich in den letzten Minuten bei Helen auf dem Sofa oder mit ihr am Bergsee gefunden hatte. Und war nun eine emotionale Erinnerung zurückgekehrt oder war er von der heutigen Helen so angetan? Er betrachtete das zarte Gesicht mit der hohen Stirn, den leuchtenden, jetzt etwas verhangen wirkenden, grauen Augen, der geraden, kleinen Nase und dem fein geschwungenen Mund und sagte sich, dass beides möglich war - denn ihm gefiel ganz einfach, was er sah und spürte. Seine Küsse hatten ihre Lippen erröten lassen, und die Haut darum herum wirkte gereizt. Kein Wunder, dass Frauen glattrasierte Männer bevorzugten, dachte Keanu und strich ihr entschuldigend über die Wange. Diese Haut, diese unendlich zarte, samtene Haut, er konnte nicht genug davon kriegen, sie immer wieder unter seinen Fingerkuppen zu spüren, ihre Weichheit zu genießen. Wahrscheinlich war Helens Haut am ganzen Körper so glatt. Irgendwie war er überzeugt davon, dass er dies bereits herausgefunden hatte. Es von neuem zu erforschen, trieb ihn fast zum Wahnsinn.

Von diesen Händen auf seinen Rücken ging eine Strömung aus, die ihm die Hitze erst zwischen die Beine und dann durch seinen ganzen Körper fahren ließ. Meine Güte, jetzt strichen sie auch noch über sein Rückgrat, mit viel zu langsamen Bewegungen. Schneller, tiefer, dachte er und schloss die Augen, um sich voll und ganz diesem Gefühl hinzugeben. Nicht nur so ein wenig wollte er, sondern alles. Am liebsten gleich. Da gab es diese Stelle, direkt über dem Steißbein ... wenn Helens Hand dort ankam, würde er sofort explodieren. Doch nein, sie tat es nicht, diese Hand, sie fuhr mit federleichten Wellenbewegungen, die sich über den ganzen Rücken erstreckten, wieder nach oben und blieb dort liegen, neben der anderen Hand. Keanu hörte Helen leise seufzen. Irgend etwas vibrierte in seinem Brustkorb, als er dieses Geräusch vernahm, welches ihm vorkam wie das Singen eines Engels. Er öffnete die Augen, sein Blick fiel auf ihre geröteten Lippen, und dieser verlockenden Weichheit konnte er einfach nicht widerstehen. Er musste sie spüren, diese Lippen, sofort. Sein Mund näherte sich ihrem, ganz langsam, wie um die Vorfreude auf den kommenden Kuss auszukosten. Und endlich berührte er sie, diese wundervoll zarten, weichen Lippen. Es fühlte sich einfach göttlich an. Jeden Millimeter davon wollte er erforschen, und das tat er dann auch, sehr langsam und ausgesprochen gründlich. Helens Fingerspitzen krallten sich in seinen Rücken, und ein Schauer der Lust überrollte ihn vor Freude über ihre Reaktion. Sie wollte ihn genauso wie er sie, jubelte es in ihm. Ihre Lippen teilten sich. Sesam öffne dich! Er tauchte mit seiner Zunge in dieses Paradies ein, begierig, die darin verborgenen Schätze zu entdecken, und er wurde freudig begrüßt. Erst war alles langsam, weich, warm. Wie gut sie schmeckte. Nie hätte er ihren Geschmack beschreiben können, aber er spürte, wie irgend etwas darin ihn dazu brachte, schnell mehr zu wollen. Schneller, er wollte nun schneller ans Ziel kommen. Darum zog er das Tempo an, seine Zungenspitze reizte und lockte nicht mehr, sie eroberte und nahm, was sie kriegen konnte.

Derweil taten Helens Hände dasselbe. Die Hände auf seinen Schulterblättern hörten auf, sanft zu halten, packten nun richtig zu, bewegten sich über den Rücken wie ein General, der Feindesland erobern wollte. Keanu erwischte sich dabei, wie seine Hände dasselbe taten, ohne, dass er dies gesteuert hatte. Sein Körper fing an, sich selbständig zu machen. Sie wollten mehr von dieser weichen, samtenen Haut spüren, seine Fingerspitzen, noch viel mehr davon. Jeden Quadratzentimeter dieser Frau wollten sie nun erobern, wanderten nach unten, bis sie auf diesen herrlich runden Halbkugeln zu liegen kamen und genussvoll zupackten. Dabei schob sich ihre Hüfte näher an seine heran. Ja, sie sollte ruhig spüren, wohin diese Reise ging. Leise stöhnte sie in seinen Mund. Herrlich, sie war bereit für das aufregendste Erlebnis, welches es zwischen Mann und Frau gab. Durch die Kleider hindurch konnte er die Hitze spüren, die Helens Körpermitte ausstrahlte. Oh ja, genau dorthin wollte er, ganz tief in sie hinein musste er, um auch dort jeden Quadratzentimeter zu erobern, zu seinem zu machen.
Ihre Gedanken schienen in die selbe Richtung zu gehen, denn sie fing an, an seinem Oberteil zu zerren. Zu viel Stoff, viel zu viel Stoff befand sich zwischen ihnen. Haut auf Haut, ja, das musste es jetzt sein. Keanu hob die Arme an, um ihr zu helfen, und schon flog sein graues T-Shirt irgendwohin. Er sah Helens Augen aufstrahlen und wollte schon ihrem Beispiel folgen, da spürte er, wie sie ganz, ganz sanft der Narbe entlang strich, die sich von seinem Oberbauch bis unter seinen Hosenbund erstreckte. Diese zarte Liebkosung schaffte es aus irgendeinem Grund, die drängende Eile, sich mit ihr zu vereinigen, auszulöschen. Ein Gefühl der Ruhe breitete sich in ihm aus. Er wollte es jetzt einfach anschauen, dieses Wesen, welches sich mit ruhiger Beharrlichkeit in seine Gedanken geschlichen hatte. Sie blickte auf ihn nieder, ihr Haar kitzelte ihn, brachte ihn zum Lächeln, was sich so fort auf ihrem Gesicht widerspiegelte. Helens Miene drückte jetzt etwas ganz anderes aus. Die Leidenschaft war wie weggewischt, sie blickte ihn nun an wie ... wie eine verliebte Frau? Verliebt. Warum raste sein Herz jetzt so? Keanu betrachtete Schatten, den Helens Wimpern auf ihre Wangen warfen, versenkte dann seinen Blick in ihren Augen, die inzwischen anthrazitfarben wirkten.
Ihr Mund öffnete sich, und sie flüsterte.
"Ich habe dich vermisst."
Nur das, mehr nicht. In Keanus Brustkorb zog sich etwas zusammen, in seinem Bauch vibrierte es. Wie aus weiter Ferne vernahm er ein Hupen, welches zu einer anderen Welt zu gehören schien. Noch einmal. Er öffnete den Mund, wollte sprechen.
"Ich ..."
Es krachte und klirrte. Erst schien es ganz leise, dann immer lauter, bis sich dieses Geräusch wie ein Pfeil in Keanus Gedanken katapultierte. Ein Krachen und Klirren.
Keanus Körper erstarrte. Nein. Nein, bitte nicht! Er wollte leben! Ein Mann schrie. Wer war das gewesen?


Was für ein Kuss, Helen hatte fast geglaubt, gen Himmel zu schweben. Um schmerzhaft wieder auf der Erde aufzuschlagen, ohne jegliche Vorwarnung. Wie konnte das geschehen? Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn vermisste, und nun schaute er sie an, als ob ihm etwas ganz Entsetzliches widerfahren war. Oh nein. Hatte dieser Ausdruck ihrer Gefühle ihn erschreckt oder gar abgeschreckt? Nein, nein, das durfte einfach nicht sein. Bitte nicht! Wenn das geschehen war, war ihr Leben jetzt, in dieser Sekunde, zu Ende, ihr Herz würde in tausend Stücke zerspringen. Nein, so durfte das alles doch nicht enden, oder etwa doch? Wie er sie anschaute, blankes Entsetzen lag in seinem Blick. Keanus Gesicht war kreideweiß geworden, Schweißperlen hatten sich seiner Stirn gebildet. Das Gespräch, dass sie vor ihrer geplanten Trennung geführt hatten, kam ihr wieder in den Sinn. Seine Unsicherheit, eine langfristige Beziehung führen zu können, seine Angst davor, ihr weh zu tun.
War es nun soweit? War er nun gekommen, der Moment, wo Helens Träume in sich zusammenfielen wie ein Kartenhaus?
Keanus Augen waren weit aufgerissen - vor Angst? Moment mal. Er schaute ja gar nicht sie an, sondern blickte ins Leere, so, als ob er sich in seine innere Welt zurückgezogen hätte.
Sein Mund öffnete sich, er schien etwas sagen zu wollen, doch er brachte nur ein Stöhnen heraus. Was hatte er nur?
Helen setzte sich langsam auf, nahm vorsichtig seine Hand und erschrak darüber, wie kalt und klamm sie war.
"Was hast du?", flüsterte sie. "Ist es so schlimm, dass ich dich vermisst habe?"

Keine Antwort kam von ihm, und kein Blickkontakt und kein Händedruck zeigten ihr, dass er sie gehört hatte. Helens Kehle zog sich vor Angst zusammen. Sie löste ihre Hand von seiner, strich ihm vorsichtig über die Wange und fragte leise:
"Keanu, kannst du mich hören? Bitte sag was, ich mache mir Sorgen!"
Sein Brustkorb hob und senkte sich rasch, er atmete flach, blickte jedoch immer noch ins Leere. In Helen stieg die leise Ahnung auf, dass sein merkwürdiges Verhalten nichts mit ihr zu tun hatte, sondern mit irgendetwas Schrecklichem, was in seinem Kopf vorging. Moment mal.
Hatte es draußen nicht gekracht, als er so seltsam reagierte? Es hatte geklungen, als ob ein Auto in ein anderes gekracht sei, erst jetzt wurde das Helen klar. War dieses Geräusch Schuld daran, dass er nicht mehr ansprechbar war?
Da schoss plötzlich Keanus Hand hoch, seine eiskalten Finger schlossen sich um ihr Handgelenk. Er starrte sie an, und Helen erschrak zu Tode, als sie seine Augen sah:
Todesangst lag darin.
"Hast du Schmerzen?", flüsterte sie. "Bitte antworte. Soll ich einen Notarzt rufen?"
"Mein Kopf."
War es möglich, dass mit einem Mal starke Kopfschmerzen auftraten, wenn man eine Hirnerschütterung hinter sich hatte? Helen wusste es nicht versuchte, die Verzweiflung zu bekämpfen, die sie beschlich. Wie half man jemandem, der einem nicht mitteilte, was ihm fehlte? Beruhigen. Sie musste ihn soweit beruhigen, bis er wieder sprechen konnte.
"Es ist alles in Ordnung. Du bist hier, bei mir, in Sicherheit", wisperte Helen, und mit ihrer freien Hand strich sie ihm vorsichtig über den Kopf.
Keanus Blick bekam etwas Flehendes. Hoffentlich, hoffentlich drangen ihre Worte zu ihm durch!
"Es ist alles gut. Du brauchst dich nicht zu fürchten", flüsterte sie und strich ihm nochmals über den Kopf. Immer und immer wieder wiederholte sie diese Worte, bis er endlich ruhiger atmete. Seine Augen fingen an, feucht zu glänzen, eine einzelne Träne löste sich, rann über seine Wange und verlor sich in seinem Haaransatz.
Mein Gott, was machte dieser Mann nur durch? Mitleid verlieh Helen neuen Mut, sie redete auf ihn ein, hoffend, dass ihre Stimme ihm half, in die Gegenwart zurückzukehren. Und nach einer halben Ewigkeit schien ihre Strategie endlich aufzugehen. Keanus Atem wurde ruhiger, und die Hand um ihr Handgelenk lockerte sich soweit, dass sie sich lösen und seine Hand in ihre nehmen konnte.
Inzwischen war die Nacht angebrochen, doch niemals hätte Helen es gewagt, aufzustehen und Licht zu machen. Auf keinen Fall wollte sie den Kontakt jetzt abbrechen. Noch ein paar Mal strich sie ihm über den Kopf, flüsterte beruhigende Worte, und endlich bekamen seine Augen wieder diesen ruhigen Glanz, der ihr zeigte, dass er sich wieder ganz im Hier und Jetzt befand. Er öffnete den Mund, wollte sprechen, brachte aber nur ein Krächzen zustande. Zum Glück befand sich noch etwas Cola im Glas auf dem Tischchen. Helen reichte es ihm, er stützte sich auf, trank einen Schluck, und sagte leise:
"Der Unfall. Ein Albtraum. Es krachte, die Welt drehte sich. Mein Kopf. Es tat so weh, alles wurde schwarz."

"Du hast einen Unfall gehabt. Wurdest verletzt, jetzt bist du wieder beinahe gesund. Du lebst", flüsterte Helen.
"Ja", gab er leise zurück. "Ich erinnere mich. Es war schrecklich."
Sie hatten es jetzt - das Wichtigste und auch das Schrecklichste aller Puzzleteile in diesem Schicksalsspiel.
"Ich bin so müde".
"Schlaf doch ein wenig", schlug Helen vor.
"Nein", widersprach Keanu. "Ich habe Angst, dass ich es wieder vor mir sehe, wenn ich die Augen schließe. Es ist schrecklich. Immer und immer wieder kracht es, ich werde herumgeschleudert, alles wird schwarz."
Fieberhaft dachte Helen nach. Wie ging man mit einen Menschen um, bei dem eine schreckliche Erinnerung wieder hochgespült wurde?
"Wie kann ich dir helfen?", fragte sie ihn.
"Geh nicht weg. Bleib bei mir", erwiderte er, Flehen ließ seine Stimme vibrieren.
"Deine Hände sind ja so kalt. Zieh dich an, dann deck ich dich zu."
Helen beugte sich vor und griff nach dem T-Shirt, reichte es ihm und half ihm, hineinzuschlüpfen.
"Leg dich hin. Ich ..."
"Nicht weggehen. Bitte!"
"Ich geh nicht weg. Weißt du was? Ich leg mich zu dir, wir kriechen gemeinsam unter die Decke und geben uns gegenseitig warm."
Helen hob die Decke an, deckte den frierenden Mann bis zur Taille zu. Dann schlüpfte sie ebenfalls unter die Decke, legte sich ganz eng neben ihn und zog die Wolldecke bis zu den Schultern nach oben. Sie lagen nun einander gegenüber, vorsichtig legte sie ihre Arme um ihn, kuschelte sich ganz nah an ihn heran, er tat es ihr nach. Erst da spürte sie, wie sehr sie dieser Schreck erschöpft hatte und wie kalt ihr war. Nicht mal wenn sie gewollt hätte, hätte Helen jetzt aufstehen können. Ihr Glieder wurden schwer, und sie flüsterte:
"Du solltest deinem Therapeuten erzählen, dass du dich wieder an den Unfall erinnerst."
"Ich weiß", gab er leise zurück. Seine Stimme klang schon wieder etwas ruhiger. "Ich sehe ihn morgen, dann werde ich das tun."
"Gut. Schaffst du es jetzt, die Augen zu schließen?"
"Ich weiß nicht ..."
"Ich bin ja bei dir. Auch, wenn du mich nicht siehst. Du kannst mich spüren. Versuchs mal."
Sekundenlang starrte er sie an, bis er es endlich wagte, die Augen zuzumachen.
"In Ordnung?", fragte Helen und hielt den Atem an.
"Ja", flüsterte er, und kaum hörbar fügte er hinzu:
"Danke."
Helen bemerkte, dass ihr Gesicht ganz nass war. Wann hatte sie denn geweint? Sie wusste es nicht mehr und war zu müde, um diesen Gedanken zu verfolgen. Sie horchte Keanus regelmäßigen Atemzügen, und Sekunden später war auch sie eingeschlafen.
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Beitrag Verfasst am: 09.01.2010, 22:50    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 24

Am späten Abend weckte ein gurgelndes Geräusch Helen, und sie benötigte einen Moment, um sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Sie lag auf dem Sofa anstatt im Bett, und die Nacht hatte noch nicht richtig begonnen. Neun Uhr abends, sagte ihr ein Blick auf die Uhr, und Keanu schlief tief und fest. Schon wieder grummelte es - Helens Magen knurrte. Verflixt, das Einkaufen war total vergessen gegangen. Musste sie ausgerechnet jetzt erstmals seit Wochen wieder richtigen Appetit verspüren? Helen betrachtete das Gesicht des schlafenden Mannes vor sich, um sich abzulenken. Seltsam. Wenn sie ihn so sah, wirkte er gar nicht so groß und stark, sondern irgendwie zerbrechlich und müde. Was war ihm da bloß widerfahren - ihnen beiden, wie sie sich sofort korrigierte. Und da gab es ja auch noch diese Verlobte. Sofern sie das wirklich war. Wie würde Keanu weiter vorgehen? Unruhe breitete sich in Helen aus, zudem protestierte ihr Magen jetzt lauthals. Nein, so ging das nicht, sie musste sich ablenken. Einkaufen, ja, das war's! Im Kühlschrank herrschte sowieso gähnende Leere. Und das kleine Lebensmittelgeschäft am Ende der Strasse schloss erst in einer Stunde.
Vorsichtig kroch Helen unter der Decke hervor und stand auf. Sie schrieb Keanu einen Gruß auf einen Post-It-Zettel, machte ihn am Salontisch fest, schlüpfte in Schuhe und Jacke und machte sich auf den Weg.

"Hola, Señorita", begrüßte Enrico, der Ladenbesitzer, Helen. Fräulein, so so, überlegte sie und schmunzelte, aber dem freundlichen, alten Mexikaner mit dem melierten Haar, den freundlichen, braunen Knopfaugen und dem riesigen Schnurrbart im braun gegerbten Gesicht konnte sie diese altmodische Anrede nicht übelnehmen.
"Ich habe heute was für Sie", redete er weiter. "Schauen Sie. Para mi pequeña Suiza - für meine kleine Schweizerin!"
"Ich bin doch nicht klein", gab Helen zurück, schaute auf den netten Verkäufer herab und musste grinsen. Ihr Grinsen verwandelte sich in ein breites Lächeln, als sie sah, was Enrico hervorzauberte: Ihre Lieblings-Schokoladencreme aus der Dose.
"Staldencreme! Das gibt's ja nicht. Da nehme ich gleich eine Büchse mit. Nein, besser zwei! Danke!"
"Bitte. Das wird Ihnen gut tun. Sie sind viel zu dünn und müssen dringend essen", bemerkte Enrico und betrachte sie wie ein besorgter Vater.
"Danke, Sie sind ein Schatz! Und heute hab ich endlich wieder richtig Appetit und brauche jetzt was Nahrhaftes!".
Helen stellte die Dosen in den Einkaufskorb und marschierte los. Zuerst zum Gemüse: Tomaten und Zwiebeln für die Sauce. Etwas Obst. Sogar leuchtend rote, reife Erdbeeren waren im Angebot, und Helen verspürte nicht übel Lust, gleich zu kosten. Sie konnte die süßen, saftigen Früchte schon förmlich schmecken, und Helen lief das Wasser im Munde zusammen. Als Nächstes die Milchprodukte: Milch für den Frühstückskaffee und Reibkäse. Und zum Trinken? Irgend ein Rotwein. Hm. Und was, wenn Keanu gar nicht bei ihr essen wollte? Blödsinn, schimpfte sie mit sich selbst. Ein Mann konnte immer essen, oder?
Helen legte noch weitere Leckereien in ihren Einkaufskorb und eine Viertelstunde später stand sie an der Kasse.
"So ist's recht", meinte Enrico zufrieden, als er ihre Einkäufe einpackte und seine Augen strahlten. "Immer tüchtig essen! Sonst fallen Sie auseinander! Ah, ein guter Wein", schwärmte Enrico. "Ich hoffe, Sie trinken ihn nicht allein?"
"Ich hoffe nicht", entgegnete Helen, und ihre Wangen röteten sich etwas.
"Wäre ja ein Idiot, wenn er sich das entgehen lässt", brummte der Ladenbesitzer und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu:
"Der Bursche soll ja schön auf Sie aufpassen und sie ein wenig füttern. Sonst brechen Sie eines Tages zusammen!"
"Das geschieht schon nicht. Nicht, wenn Sie solche Leckereien führen. Da muss ich noch aufpassen, dass ich nicht aus den Nähten platze!", erwiderte Helen, verabschiedete sich und überlegte sich auf dem Heimweg, dass ihr Keanu bestimmt helfen würde, die eingekauften Kalorienbomben zu vernichten.

Als sie wieder zuhause war - seltsam, obwohl sie erst ein paar Tage hier war, fühlte sie sich in der kleinen Wohnung schon daheim - schlief Keanu immer noch. Guter Dinge, dass er ihr beim Essen Gesellschaft leisten würde, stellte sie sich in die Küche. Zuerst kam die Tomatensauce an die Reihe: Zwiebeln hacken und anbraten, löschen, Tomaten schnell aufkochen und schälen, stückeln ... das war schnell gemacht, nun durfte die Sauce eine Stunde brodeln. War das ein guter Plan gewesen? Nein, denn sie war jetzt hungrig und nicht in einer Stunde. Hm, eine Erdbeere vielleicht zur Vorspeise? Helen wusch die Beeren gerade, da fühlte sie zwei Hände, die ihre Schultern umfassten.
"Hey", sagte sie und drehte sich mit einem Lächeln um.
"Selber Hey", brummte ein völlig zerzauster Keanu. "Wie lange hab ich denn geschlafen?"
"Ein paar Stunden. Ich war inzwischen einkaufen, und ich dachte, vielleicht bist du auch hungrig?"
"Ja, ich könnte schon was vertragen", meinte er ging zum Topf und hob den Deckel an. "Riecht lecker. Tomatenspaghetti?"
"Genau. Ich bin keine Gourmetköchin, da muss es was Einfaches sein."
"Ich freu mich drauf! Wann ist es denn fertig?"
"Die Sauce muss jetzt noch eine Stunde köcheln. Eine Fehlplanung meinerseits", seufzte Helen.
"Was hast du denn da?"
Keanu stellte sich hinter Helen und blickte ihr über die Schultern.
"Erdbeeren. Lecker! Darf ich?"
Und ohne ihre Antwort abzuwarten, steckte er sich eine in den Mund. Eine Hand war dabei an ihre Taille gewandert und verbreitete dort eine angenehme Wärme.
"Und? Gut?", wollte sie wissen.
"Süß und saftig", gab er zurück.
"Sie waren eigentlich als Dessert gedacht, aber ..."
"Ne Vorspeise wäre auch nicht schlecht! Aber können wir uns aufs Sofa setzen? Ich bin noch ganz schläfrig.
"Klar."
Helen gab die Beeren in eine Schüssel und verließ die Küche. Keanu trottete ihr nach, stutzte und meinte:
"Und was ist das?"
"Schokocreme. Ist meine Lieblingssorte. Ich hab mich so darüber gefreut, sie hier zu kriegen, da hab ich sie gleich gekauft."
"Deine Lieblingssorte? Die würde ich gerne probieren. Ach, wie praktisch", fand Keanu, als er die Dose untersuchte. "Die hat ja gleich eine Lasche zum Öffnen!"
Schon hatte er den Deckel gelöst und schnupperte.
"Schweizer Schokolade! Darf ich mal?"
Er schnappte sich eine Erdbeere, tauchte sie in die Creme und probierte.
"Köstlich!"
"So hab ich das noch nie probiert. Darf ich auch mal?", fragte Helen, der beim Anblick von Keanu, der genießerisch die Augen geschlossen hatte, das Wasser im Munde zusammenlief.
"Natürlich, sind ja deine. Hier ..."
Er nahm eine weitere Erdbeere, tauchte sie in die Schokolade und hielt sie ihr ihn. Helen schnappte mit dem Mund danach und schloss gleich die Augen.
"Köstlich!"
"Ich weiß. So, und jetzt füttere ich dich. Du bist viel zu dünn. Mein Gedächtnis ist zwar noch lückenhaft, aber eines weiß ich - ein bisschen mehr hattest du schon auf den Rippen."
"Ich kann halt nicht essen, wenn ich Kummer habe", entgegnete Helen, und Traurigkeit überkam sie.
"Tut mir leid. Ich Esel, ich habe dir solchen Kummer gemacht", murmelte er und gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange. Er stellte die Creme hin, nahm Helen die Schüssel in aus der Hand, und dann nahm er sie fest in die Arme.
"Ich mach's wieder gut, ich verspreche es"
"Ok", flüsterte sie. "Was ist mit Manon?"
Oh nein, hatte sie die genau in dem Moment erwähnen müssen? Mist! Keanus Rücken versteifte sich etwas, und mit etwas gepresster Stimme gab er zurück:
"Ich werde mich morgen um sie kümmern. Nicht heute, nicht jetzt. Mir wieder diesen Unfall vor Augen zu führen, war genügend harter Tubak für einen Tag."
"Das denk ich mir. Also, heute keine tiefschürfenden Diskussionen mehr?"
"Lieber nicht", gab er zu. "Ich will mich lieber ein wenig um dich kümmern."

Plötzlich fühlte Helen sich hochgehoben, und schon sass sie auf der Küchenablage.
"Und jetzt?", wollte sie wissen.
"Jetzt fütter ich dich!", gab Keanu zurück. Eine weiter Erdbeere wurde in Schokolade getunkt und landete in Helens Mund.
"Noch eine", bat sie und leckte sich die Lippen.
"Moment ..."
Er stellte sich genau vor sie hin, und da sie breitbeinig dasass, wurde sie sich seiner körperlichen Nähe sehr bewusst. Seine Augen glänzten in derselben Farbe wie die Schokocreme, seine Hände umfassten ihr Gesicht wie eine Kostbarkeit, und dann küsste er sie ganz zart.
"Dein Mund war verschmiert", sagte er mit rauer Stimme. Dann tauchte er noch eine Erdbeere in die Creme, und bevor er sie ihr in den Mund steckte, fuhr er damit an ihrem Hals entlang.
"Das gibt ne ganz schöne Sauerei", sagte Helen leise, und ihr Herz fing an zu rasen, als Keanu sich daran machte, mit seinen weichen Lippen die Schokoladespuren von ihrem Hals zu reinigen.
"Ich weiss", flüsterte er, als ihr Hals sauber war. "Wir werden danach vielleicht ein Bad brauchen."'
"Was hast du mit mir vor?"
Keanu blieb ihr die Antwort schuldig, zog sie nur ganz fest an sich und küsste sie leidenschaftlich. Wie sich sein Unterleib an ihren presste, Gott, das fühlte sich so gut an.Mehr davon! Die ausgebeulte Jeans presste sich genau zwischen ihre Beine, und mit einem kleinen Seufzen rutschte sie ein wenig vorwärts, um ihn besser spüren zu können.
"Ich glaube, wir machen jetzt besser einen Ortswechsel ...", knurrte Keanu, packte sie, trug sie ins Schlafzimmer und setzte sich so auf den Bettrand, dass sie auf seinem Schoss landete.
"Oh", hauchte sie. "Und was ist mit unserem Dessert?"
"Hol ich gleich. Aber erst muss ich dich küssen."
Engumschlungen sassen sie da, kein Blatt hätte mehr zwischen sie gepasst. Gott, wie gut sich dieser Mann anfühlte, ging es Helen durch den Kopf. Nicht mehr schwach und zerbrechlich, sonden gross, stark ... und unheimlich sexy. Und dieser Mund, was der mit ihr anstellte. Konnte man nach einem bestimmten Lippenpaar süchtig werden? In diesem Moment hätte Helen die Frage bejaht, und sie protestierte leise, als er sich von ihr löste.
"Nicht aufhören!"
"Ich habe noch was anderes vor", flüsterte er, und seine Stimme hörte sich so samten an, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief.
"Was denn?"
"Erdbeeren à la Keanu."
"Klingt verführerisch", gab sie leise zurück. Unwillkürlich blickte sie nach unten, und als sie sah, wie sich sein Glied an den Knopfverschluss presste und danach drängte, freigelassen zu werden, fügte sie hinzu:
"Und davon krieg ich auch was?"
"Alles zu seiner Zeit", entgegnete er und lachte leise. Dann hob er sie hoch, setzte sie neben sie und stand auf.
"Bitte entschuldige die Unterbrechung, ich hole gleich den Rest. Sag mal, wo ist denn das Bad?"
Helen erklärte es ihm, und als Keanu das Schlafzimmer verliess, schaute sie ihm mit klopfendem Herzen und ziehenden Lenden nach.
"Mach nicht zu lang", flüsterte sie. Dann zog sie sich die Schuhe aus, legte sich hin, stützte sich auf den Ellbogen und harrte der Dinge, die da kamen.
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Beitrag Verfasst am: 10.01.2010, 20:37    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 25

Wenige Minuten später betrat Keanu das Schlafzimmer wieder. In den Händen trug er die Dose mit der Schokocreme und die Schüssel mit den Erdbeeren, und überm Arm hing ein großes Frottiertuch.
"Ich brauche etwas Platz", meinte er. Helen setzte sich wieder auf, rutschte an den Bettrand und schaute zu, wie er die Esswaren auf den Nachttisch stellte, die Tagesdecke wegzog und das Frottiertuch auf dem Bett ausbreitete.
"Damit die Sauerei nicht allzu groß wird", erklärte er und zwinkerte.
Helen zwinkerte zurück, tauchte ihren Finger in die Dose und hinterließ einen kleinen Schokoladefleck auf Keanus Wange, gleich darauf küsste sie ihn wieder weg.
"Lecker!"
"Hier", meinte er, tauchte eine Erdbeere in die Dose und steckte sie ihr in den Mund. "Jetzt hast du ein Schokolademündchen."
Mit diesen Worten beugte Keanu sich vor und entfernte die Schokoladereste von Helens Lippen.
"Ich mag deinen Mund", flüsterte er.
"Ich deinen auch", erwiderte sie. "Oh, aber da ist auch ein Fleck."
Sie saugte den nicht vorhandenen Fleck von seiner Unterlippe. Dabei hielt sie die Augen geschlossen und konnte gar nicht damit aufhören, so gut fühlte sich der Hautkontakt an. Dann blinzelte sie, ihr Blick wurde magisch von seinen dunklen, glänzenden Augen angezogen. Ein zärtlicher Kuss folgte, dann noch einer, dieses mal intensiver, sie umarmten sich fest und schmiegten ihre Oberkörper aneinander. Die beiden ließen sich aufs Bett fallen, ohne den Kuss zu unterbrechen. Raum und Zeit verschwanden, es gab nur noch sie beide und dieses wunderbare Gefühl. Irgendwann unterbrach Keanu den Kuss, schmunzelte und zwinkerte Helen zu.
"Und nun?", wollte sie wissen.
"Wird gegessen."
Seine raue Stimme ließ eine Stelle tief in Helens Bauch erbeben, und gebannt schaute sie zu, wie er seinen Arm ausstreckte, um Creme und Beeren vom Nachtisch zu holen und zwischen sich und ihr hinzustellen. Für einen so schlanken Mann hatte er schön kräftige Oberarme. Das gefiel ihr, und sie teilte es ihm mit.
"Danke, meine süße Helen", meinte er lächelnd und küsste ihre Nase. "Was soll ich sagen, mir gefällt alles an dir. Merkwürdig irgendwie ..."
"Merkwürdig?"
Helen schnappte mit ihren Lippen nach einer mit Schokolade überzogenen Erdbeere, die er ihr entgegenstreckte.
"Eigentlich kenne ich dich gar nicht wirklich. Nur Bruchstücke sind mir bekannt. Aber du fühlst dich nicht fremd an. So als ob sich irgend ein Teil von mir an dich erinnert."
"Vielleicht ist das so", gab sie zurück. "Allerdings war schon damals, als wir uns kennenlernten, rasch eine Vertrautheit da."
"Das kann ich mir gut vorstellen. Es ist so einfach, mit dir zusammen zu sein, so leicht, dich zu mögen."
"Und was ist mit dem Begehren?"
Sie strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht und schaute ihm gebannt in die Augen.
"Ein Kinderspiel", flüsterte er. "Hier, iss!"
Eine weitere Erdbeere landete in Helens Mund. Genüsslich verspeiste sie sie, und währenddessen drehte sich Keanu auf den Rücken und schaute ihr versonnen zu.
"So ist's recht. Damit du groß und stark wirst!", meinte er, und der Schalk tanzte ihm in den Augen.
"Frechdachs!"
Helen setzte sich auf Keanus Oberschenkel und wollte ihn auskitzeln, da sah sie im Augenwinkel, wie die Dose drohte, umzukippen. Sie bekam sie gerade noch zu fassen, und spekulativ ließ sie ihre Augen von Doseninhalt zu der Stelle, wo Keanus hochgerutschtes Shirt ein kleines Stück Bauch freigab, und wieder zurück wandern. Dann hob sie die Dose an und stellte sie schräg.
"Untersteh dich", knurrte Keanu, und in seinen Augen glitzerte es gefährlich. Doch bevor er ihr Handgelenk packen konnte, war schon ein Klecks Schokolade auf seinem Bauch gelandet.
"Das darfst du jetzt reinigen. Ohne Hände! Das hast du nun davon!", drohte er und wollte schon Helens andere Hand packen, da entwand sie sich ihm, stellte die Dose ab und zog ihm das T-Shirt so hoch, dass es sein Gesicht bedecke und den Bauch freigab.
"Das sieht gar nicht gut aus", murmelte sie, nahm die Dose, und noch ein Klecks landete auf Keanu, dieses mal genau in den Bauchnabel.
"Was machst du da, Weib?", brummte er hinter seinem Shirt. "Ich will auch gucken."
"Nichts da, ich bin noch nicht fertig. Da fehlt noch was ..."
Helen griff in die Schüssel, nahm eine Erdbeere und legte sie so auf den Schokoladeckeklecks, dass die Spitze nach oben zeigte.
"Voilà, es ist angerichtet. Schokoerdbeere auf Keanu. Eine Spezialität des Hauses! Du darfst gucken. Aber ganz vorsichtig, ja? Damit du das Kunstwerk nicht zerstörst!"
Langsam klappte Keanu das Shirt ein wenig runter und hob den Kopf, um Helens Werk zu bewundern.
Seine Augen glitten zu Helens Gesicht, dann über die Arme zu der Hand, die die Dose hielt, und er meinte:
"Das ist kein schlechter Anfang."
"Kein schlechter Anfang, sagst du? Arme nach oben!"
"Zu Befehl, Miss", gab er zurück, grinste breit und hob seine Arme an, sodass sie ihm das Oberteil über den Kopf ziehen konnte.
"Und jetzt ganz ruhig liegenbleiben, ja?", wies sie ihn an. "Schön viel Platz. Und auf einem so herrlich flachen Bauch funktioniert das wunderbar."

Klecks um Klecks der kühlen Creme landete auf Keanus Oberkörper, und jedes Mal raubte ihm die Kälte ein wenig den Atem. Er hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und schaute Helen interessiert zu, wie sie Creme und Erdbeeren verteilte. Dabei platzierte sie die Früchte nicht wahllos, sondern schien einer bestimmten Idee zu folgen.
"Was wird das, wenn es fertig ist?", wollte er wissen.
"Du wirst schon sehen", erwiderte sie und arbeitete weiter. Inzwischen zierten einige braune Flecken ihr gelbes Oberteil, aber sie war so konzentriert dabei, ihr Kunstwerk zu schaffen, dass sie es nicht bemerkte. Ein wenig Schokolade hatte sich sogar in ihr Haar verirrt, doch das störte sie anscheinend überhaupt nicht. Hm, das Oberteil, welches sie trug, war überhaupt sehr interessant. Nicht sehr enganliegend, aber aus einem leichten, weichen Material, unter dem sich kein BH-Rand abzeichnete. Und darunter versteckten sich Früchte der besonders köstlichen Art, wie er ahnte. Plötzlich wollte er nichts mehr anders, als diese Früchte zu erforschen, zu ertasten, von ihnen zu kosten. Wann war sie endlich fertig? Ihm war heiß, und in seiner Hose wurde es schon wieder eng.
Instinktiv wollte er aufsitzen, doch sie hinderte in daran und sagte in gespielter Strenge:
"Geduld der Herr. So, jetzt bin ich fertig. Du darfst gucken, aber ganz vorsichtig!"
Keanu ließ seinen Blick nach unten schweifen. Das war doch ... er hob vorsichtig seinen Oberkörper an. Tatsächlich, sie hatte aus Schokolade und Erdbeeren ein Herz auf seinen Bauch gezeichnet.
"Süß", hauchte er. "Und jetzt?"
"Jetzt vernasche ich das Herz".
"Und wann bin ich an der Reihe?"
"Alles zu seiner Zeit", gab sie zurück. Dann legte sie sich quer zu ihm auf den Bauch, stützte sich auf und fing an zu essen.
Ein Herz also. Bedeutete das etwa, dass sie ihn ... hoppla, ihre Lippen hatten jetzt seinen Bauch erreicht, weich und warm. Er konnte Helens Gesicht nicht sehen, ein Haarvorhang verdeckte es. Aber er konnte ihren Mund spüren, mit dem sie die Früchte aufpickte, und ... Himmel nochmals, ihre Zunge, wie sie die Schokolade aufleckte. Ach du meine Güte. Er musste sich jetzt ganz fest zusammenreißen, um nicht aufzusitzen, sie zu packen und auf der Stelle zu vernaschen. Eine Qual war das, was sie da mit ihm veranstaltete! Die untere Hälfte des Herzens war bereits weg. Sie schaute hoch, ihr Blick traf sein Innerstes, und sie sagte leise:
"Wenn du wüsstest, wie gut mir das schmeckt."
Ihre Stimme klang etwas heiser. Das freut mich, wollte er ihr sagen und öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Kein Wunder, denn in seinem Kopf befand sich wahrscheinlich kein Tropfen Blut mehr. Und er musste nicht nach unten schauen, um festzustellen, wo es sich angesammelt hatte. Sein bester Freund war mehr als einsatzbereit, doch Helens schien es kein bisschen eilig zu haben. Erdbeere und Erdbeere verschwand in ihrem Mund, und sie entfernte die Creme äußerst sorgfältig von seinem Körper. Das fühlte sich so köstlich an, dass Keanu gerne bereit war, die süße Pein noch ein wenig in die Länge zu ziehen und ihr den Spaß zu lassen.

"Alles weg", hauchte sie da und blickte an ihm hoch. "Du darfst dich jetzt aufsetzen!"
Wie herrlich doch ihre Augen glänzten. Aber sie war viel zu weit weg! Keanu setzte sich mit gestreckten Beinen hin und klopfte auf seine Oberschenkel. Helen nahm die Einladung an und nahm ihm gegenüber Platz. Irgendwie fühlte sich ihr Gewicht so nahe an seinen Lenden ausgesprochen anregend an, und aus ihm brach heraus:
"Das war unglaublich. Du bist unglaublich. Weißt du das?"
"Ach", murmelte sie da, senkte ihren Kopf und - errötete. Wie bitte, zuerst veranstaltete sie ein dermaßen sinnliches Spektakel und brachte ihn dazu, sich zu fühlen wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, und dann reagierte sie schüchtern? Ihr Mund stand leicht offen, und ihre Augen wirkten riesig in ihrem zarten Gesicht. In Keanus Erregung mischte sich ein anderes Gefühl. War es Rührung? Egal, es brachte ihn dazu, die Hand auszustrecken, sie ihr unters Kinn zu legen und sie zu zwingen, ihm in die Augen zu schauen.
"Doch das bist du", wiederholte er, zog sie an sich heran und verschloss ihre Lippen mit einem langen Kuss.
Schließlich lösten sie sich voneinander, und er ließ seinen Blick über ihren Oberkörper wandern. Ihr Oberteil war von oben bis unten mit Schokolade verschmiert, und darunter konnte er zwei Spitzen ausmachen, die ihn an die Erdbeeren erinnern, die sie vorhin von seinem Bauch genascht hatte.
Sein Mund wurde trocken, in seinen Lenden schien es einen Satz zu machen, und er flüsterte:
"Du solltest das Ding ausziehen. Es ist vollkommen versaut."
Er konnte nicht anders - seine Hände machten sich selbständig, magnetisch von den beiden Erhebungen angezogen. Wie herrlich warm und weich sie doch waren, diese Brüste. Hatte er sie früher schon einmal angefasst? Wenn ja, verdiente er einen Tritt dafür, dass er dieses Gefühl vergessen hatte. Wenn nein, würde demnächst Helens Hand gleich in seinem Gesicht landen. Sie passten genau in seine Hände, was sich unglaublich gut anfühlte. Ins Gesicht, du Idiot, schalt er sich selbst. Schau ihr in die Augen, um festzustellen, ob sie wütend ist.
Doch Wut war das letzte, was Helens Gesichtsausdruck aussagte. Ihre Augen waren fast schwarz geworden und ihre Lippen hatten sich geteilt. Keanus Blick schweifte ein wenig nach unten, er sah, dass sie schnell atmete. Ja, ja, ja! Sie mochte es, so von ihm angefasst zu werden.
"Ich habe sie so vermisst, diese Hände".
Wie ein Hauch hatte das in Keanus Ohren geklungen, und wie ein Orkan wirkte es auf ihn. Sie legte ihre Hände auf seine." Ihre Lippen zitterten, und er erwiderte leise:
"Dann haben wir schon mal ..."
Sie nickte, und sein Herz schien aus der Brust zu springen.
"Wie konnte ich das vergessen?", wollte er wissen.
"Vielleicht kommt dir alles wieder in den Sinn, wenn wir ..."
Helen beendete den Satz nicht, und ihr Gesicht wurde ein wenig dunkler.
"Ja, vielleicht", entgegnete er, und er wunderte sich, dass seine Muskeln ihm noch gehorchten. Er löste die Hände von ihrem Oberkörper und griff damit an den Bund ihres Tops. Zu viel Stoff - weg damit! Helens Hände legten sich an seine Hüften, wanderten nach hinten.
Da grummelte es, und beide hielten inne. Was war das?
Es grummelte schon wieder. Das kam eindeutig aus Helens Magen!
"Komm, wir ignorieren das", flüsterte sie, da rumorte es schon wieder. Eine ganz andere Art von Hunger als derjenige, den Keanu die letzte Stunde geplagt hatte, drängte sich in sein Bewusstsein. Nochmals knurrte es, und dieses Mal waren beide Mägen beteiligt. Helens und Keanus Blick ging zuerst nach unten, dann schauten sie sich an, und sie lachten laut heraus.
"Ist vielleicht doch besser, wenn wir erst mal was essen", fand er.
Sie stimmte ihm zu, und die beiden standen auf und gingen in die Küche, um nach der Tomatensauce zu sehen.
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Beitrag Verfasst am: 16.01.2010, 23:52    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 26

„Lecker war das“, fand Keanu, rieb sich den Bauch und unterdrückte ein Gähnen. „Du bist eine gute Köchin!“
„Wenn du wüsstest, dass dies das Einzige ist, was ich in der Küche zustande kriege“, gab Helen schmunzelnd zurück. Als sie den Mann betrachtete, der müde an ihrem Küchentisch saß, verließ sie die Leichtigkeit, die sie vorhin noch verspürt hatte. Sein Kinn ruhte in seinen Händen, und sein Blick ging ins Leere. Erst jetzt bemerkte Helen die Augenschatten. Kein Wunder, es musste anstrengend sein, so sehr um seine Erinnerungen kämpfen zu müssen. Hinzu kamen auch noch diese Kopfschmerzen. Und wie sah es in Keanus Kopf aus? Erkannte er sie wirklich oder lernte er nun eine neue Helen kennen – durchzogen mit Bruchstücken aus seiner Erinnerung? Und wie gut kannten sie sich denn überhaupt? Alles in allem hatten sie nur wenige Tage miteinander verbracht. Reichte diese Zeit aus, um sich emotional mit einem Menschen einzulassen, wäre es nicht klüger, alles ein wenig langsamer anzugehen? Und war diese Idee, angesichts der Tatsache, dass sie schon mehrmals miteinander geschlafen hatten, nicht einfach lächerlich? Verflixt nochmals, je länger sie darüber nachdachte, desto komplizierte wurde die ganze Geschichte.
„Was ist denn los mit dir? Du wirkst auf einmal so nachdenklich“, unterbrach Keanu ihre Gedankengänge.
Helen blickte auf und schaute ihm in Augen, die irgendwie blass wirkten.
„Ich weiss nicht, ob ich es dir sagen soll.“
„Warum denn nicht? Du kennst mich, ich kenne dich und doch tu ich es nicht ... ich erinnere mich vage an dich, aber gleichzeitig bist du für mich eine Frau, der ich erst vor Kurzem begegnet bin. Ich möchte dich besser kennenlernen! Ich weiss nicht, was deine Lieblingsfarbe ist, dein Lieblingsessen, welche Musik du gern hörst. Und – wie gut kennst du mich?“
„Ich bin da natürlich im Vorteil, meine Erinnerung an dich ist vollständig. Aber ...“
Helens Stimme stockte. Wenn sie weiter sprach, würde sie zugeben müssen, dass ihre Bekanntschaft trotz Vertrautheitsgefühl noch sehr frisch war. Zu frisch, um den Test der Zeit zu überstehen? Bei sich selbst verspürte sie da keinerlei Zweifel. Sie war verliebt und würde es noch lange bleiben. Doch wie sah es in ihm aus?
Verdammt, sie waren noch genau gleich weit wie damals, als sie vereinbart hatten, sich zur Prüfung ihrer Gefühle sechzig Tage lang nicht zu sehen! Nein, sie waren sogar noch weniger weit – Keanu wusste gar nicht darüber.
„Aber?“, hakte er nach, streckte seine Hand aus und berührte sachte ihren Unterarm.
Helen schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, herunter und sagte das Erste, was ihr in den Sinn kam:
„Wenn wir miteinander schlafen, wird es für dich wie das erste Mal sein, obwohl es das nicht ist?“
„Gute Frage“, entgegnete Keanu. Er rieb sich die Stirn, richtete seinen Blick auf Helen, in seinem Kopf arbeitete es lange, bis er weiterredete:
„Wirklich eine schwierige Frage. Ich kann sie dir nicht mit Sicherheit beantworten. Ja, vielleicht wird es sich für mich anfühlen wie das erste Mal. Erstmals deinen unbekleideten Körper sehen, erstmals meine Hände auf Reisen schicken ... möglicherweise wird dabei eine Erinnerung auftauchen.“
„Oder danach“, warf Helen leise ein. „Viele deiner Erinnerung sind ja im Schlaf zurückgekehrt.“

„Oder im Halbschlaf“, stimmte er zu, beugte seinen Oberkörper vor und stützte seinen Kopf wieder in beide Hände. Sein Gesicht war Helens nun ganz nah, sie konnte alles genau sehen: Die Fältchen um die Augen, die Sommersprossen auf der Nase, jede einzelne Bartstoppel und die bläulichen Augenschatten, über denen Keanus samtbraune Augen inzwischen wieder voller Energie funkelten.
„Es gibt nur einen Weg, dies herauszufinden“, hörte Helen ihn sagen. Dabei fixierte er sie mit seinem Blick, hielt sie gefangen, gab ihr keine Chance auszuweichen.
„Nur – wie wird es für dich sein?“
„Bittersüß“, gab Helen zur Antwort, denn zu einer beschönigenden Lüge war sie nicht fähig. „Du würdest mich neu entdecken, neu erobern. Neu herausfinden, was ich mag. Ich hätte da einen Vorsprung, würde immer wieder daran erinnert, dass wir uns ... ach, ich weiss nicht, wie ich das erklären soll.“
„Dass wir uns nicht auf dem selben Level befinden?“
„Ja, genau das meinte ich.“
„Na siehst du. So gut verstehe ich dich bereits, wir können uns also nicht so fremd sein, oder?“
„Das ist auch wieder wahr. Aber dennoch. Du bist mir so vertraut, und doch kenne ich dich nicht wirklich. Auch ich kenne deine Lieblingsfarbe, dein Lieblingsessen und die Musik, die du gerne hörst, nicht. Ich weiss wenig über deine Arbeit, umgekehrt ist es genauso.“
„Da gebe ich dir recht“, gab Keanu zu. „Wenn ich recht darüber nachdenke, finde ich unsere Situation sehr merkwürdig. Mir ist klar, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Zumindest gab es einen Flug in die Schweiz und zurück, das habe ich bestätigt gekriegt. Und in diesem Hotel Schütz war ich auch. Und irgendeine Art von Erinnerung an Dich ist bei mir hängengeblieben. Nur ...“
Keanu verstummte und unterbrach den Blickkontakt. Was wollte er Helen nicht sagen?
„Nur ... was?“, hakte sie nach.
„Mir fehlt der emotionale Teil“, gab er zu. „Ich erinnere mich nicht daran, in dich verliebt gewesen zu sein.“
Er blickte hoch, fasste nach ihrer Hand und sagte leise:
„Es tut mir leid. Aber du musst doch die Wahrheit erfahren. Vielleicht schaffe ich es eines Tages, die Barriere zu meinen fehlenden Tagen komplett zu überwinden. Aber im Moment sind alles, was ich habe, Bruchstücke und Traumbilder.“
Seine Stimme hatte genauso verbittert geklungen, wie Helen sich fühlte. Ihr war, als ob jemand ihr Herz in die Faust genommen hatte und nun gnadenlos zudrückte. Was war den mit ihren Gefühlen gewesen auf dem Bett, und davor, auf dem Sofa? Als sie sich geküsst hatten? Sie schluckte und äußerte ihre Gedanken laut.
Die wohlbekannte Denkfalte erschien auf Keanus Stirn, und nach einer Minute, die sich für Helen wie ein ganzer Tag anfühlte, gab er ihr zur Antwort:
„Ich versuche, es dir zu erklären. Ich empfinde etwas für dich. Was es genau ist, weiss ich noch nicht. Anziehung ist bestimmt dabei, das kann ich nicht verneinen. Außerdem mag ich dich, du bist ein sehr lieber Mensch. Dann ist da noch so ein vertrautes Gefühl, welches ich nicht zuordnen kann. Dieses hat vielleicht mit unserer Vergangenheit zu tun, aber wenn es so ist, werde ich es wohl erst erkennen, wenn die zerrissene Verbindung wieder besteht. Du siehst, meine Empfindungen für dich existieren. Aber sie beziehen sich auf die Helen, die vor ein paar Tagen zu mir ins Krankenzimmer spaziert ist, und nicht auf die Frau im See. Verstehst du, was ich meine?“
Helen nickte. Ja, natürlich verstand sie es, was er gesagt hatte, klang in ihren Ohren nachvollziehen. Aber es tat auch weh, so fürchterlich weh! Wie sollte es nun weitergehen? Ach, warum konnte nicht alles so leicht und schön sein wie nur wenige Minuten zuvor? Ihre Augen wurden feucht, und eine Träne rollte über ihre Wange. Sie wagte es nicht, Keanu in die Augen zu sehen, Blickkontakt ertrug sie jetzt nicht. Sein Daumen wischte die Träne sanft weg, und leise sagte er:
„Ein Riesenmist, das Ganze, nicht wahr? Ich wünschte mir ja auch, es wäre anders. Aber ich kann es nicht ändern!“
„Ich fühl mich elend“, stieß sie hervor, ohne dabei ihren Blick zu heben. „Wie ein Idiot fühl ich mich. Ein verliebter Idiot. Ich schäme mich so.“
„Schämen? Das brauchst du doch nicht.“

Helen hörte, wie Keanu aufstand, sah aus den Augenwinkeln, wie er zu ihr ging, wie er ... in die Knie ging? Nicht nur das, er setzte sich auf den Küchenboden, blickte von unten zu ihr hoch und versuchte so, den Blickkontakt wieder herzustellen.
„Hey“, sagte er leise, doch sie reagierte nicht.
„Hey.“
Er berührte ihr Knie, und erst jetzt nahm Helen die Hände von ihrem Gesicht und blickte nach unten. Als sie sah, wie lieb Keanu sie von unten her anblickten und wie diese honigbraunen Augen glänzten, wurde ihr Herz butterweich. Wie gern würde sie jetzt seine Hand nehmen und sie ganz fest drücken. Zögerlich wanderte ihre Hand zu seiner, Zentimeter für Zentimeter, bis sich ihre Hand endlich auf seine legte, ganz vorsichtig, als ob sie Angst davor hatte, sie zu verscheuchen. Doch das geschah nicht. Keanus Hand drehte sich um, packte ihre, und der feste Griff verlieh Helen Kraft. Die Schwermütigkeit verlor die Macht über sie, und endlich, endlich konnte sie wieder lächeln.
„Du bist süß. Ich kann mir nicht helfen, du bist einfach süß!“
„Ehrlich?“, gab er zurück und zwinkerte ihr von unten zu. „Und das sagst du nicht nur, um mich um den Finger zu wickeln?“
„Nein. Du schaffst es immer wieder, mich mit kleinen Gesten aus dem Loch zu ziehen. Danke“, flüsterte sie und verschränkte ihre Hand mit seiner.
„Mach ich doch gerne. Ich weiss zwar immer noch nicht viel über uns, aber eines ist sicher: Ich mag es nicht, dich traurig zu sehen, Helen. Aua.“
„Was ist denn?“
„Meine Knie. Der Schneidersitz tut mir einfach nicht gut! Sag mal, was willst du eigentlich von seinem alten Sack wie mir?“
„Du bist der liebste alte Sack, den ich kenne“, gab sie zurück, kicherte und erhob sich, ohne Keanus Hand loszulassen. „Komm, ich helfe dir auf.“
„Meine Güte. Eine Frau muss mir aufhelfen. Wie entwürdigend“, brummte er, doch das Funkeln in seinen Augen verriet, strafte ihn Lügen. Er zog sich hoch, grinste an ihr herunter und meinte:
„Kriegt der liebe alte Sack jetzt wenigstens eine Umarmung?“
„Natürlich“, gab Helen zurück, und schon legten sich ihre Arme umeinander. Wie schon einige Male zuvor schnupperte sie an seinem Nacken. Es tat ihr gut, ihn zu riechen. Nein, nicht nur das, sein Geruch regte sie an, ob sie wollte, oder nicht. Oder waren es die Hände, die auf ihrem Rücken lagen, die ihr Herz dazu brachten, ein paar Takte schneller zu schlagen? Oder die Tatsache, dass er seinen Kopf beugte, mit einer Hand ihr Haar anhob und mit seinen Lippen ihren Hals berührte und damit einen Stromstoss durch ihren Körper jagte? Unwillkürlich verstärkte sich ihr Griff, und sie drückte sich fester an ihn, als ob jedes Bisschen Luft, das sich zwischen ihnen befand, störte.
„Hey“, flüsterte Keanu und löste seinen Griff etwas, sodass er ihr in die Augen sehen könnten.

Nein, was sollte das jetzt? Nicht loslassen, wollte Helen schreien, schaffte es aber nicht, auch nur einen Ton herauszukriegen.
„Ich habe eine Idee“, sagte er.
Fragend blickte sie an ihm hoch.
„Wir haben vorhin festgestellt, dass wir eigentlich wenig voneinander wissen. Wie wäre es denn, wenn wir das ändern?“
„Wie sollen wir das tun? Ein erstes Date verabreden wie zwei Menschen, die sich noch nie begegnet bin?“
„Und ich soll dich dann nicht küssen, weil man das in diesem komischen Land frühestens ab dem dritten Date darf? Das ist Folter“, gab er zurück und fuhr mit dem Daumen über Helens Unterlippe.
„Ach ja, die Regeln“, meinte Helen und bedauerte es, als Keanus Daumen ihre Lippen wieder verließ. „Anja hat mir mal dazu ein Büchlein gegeben, weil sie fand, dass ich immer an die falschen Männer gerate. Ich fand es recht merkwürdig.“
„Ist es auch. Wir können ja nach unseren eigenen Regeln arbeiten. Küssen ist beim ersten Date erlaubt.“
„Gut, einverstanden. Und alles, was darüber hinausgeht, darf erst geschehen, wenn ... was geschieht? Wenn du deine vollständige Erinnerung zurück hast?“
„Das wäre durchaus vernünftig“, gab Keanu zu. „Aber weißt du was?“
„Was?“
Wie wunderbar dunkel seine Augen jetzt glänzten, und was für ein unbeschreibliches Gefühl es war, in diese schwarzen Teiche einzutauchen und sich einfach fallen zu lassen. Helen wollte plötzlich nicht mehr reden, sondern...
„Ich weiss nicht, ob ich das schaffe“, redete Keanu da weiter und brachte sie aus dem Konzept.
„Was schaffst du nicht? Entschuldige, ich war geistesabwesend.“
„Ich schaffe es nicht, dich zu küssen und dann die Finger von dir zu lassen. Das wäre ja, wie an Schokolade zu schnuppern und sie dann nicht essen zu dürfen. Apropos Schokolade ...“
Seine Stimme, die nun ganz tief und rau geworden war, jagte Schauer über Helens Rücken.
„Ja?“, fragte sie nach.
„Wir können doch gleich jetzt mit dem Kennenlernen anfangen. Ich erzähle dir jetzt, was ich gern esse.“
In so einem Moment konnte er ans Essen denken? Verwunderte nickte Helen und wartete ab, was Keanu zu sagen hatte.
„Also, die Spaghetti vorhin haben mir beispielsweise sehr gut geschmeckt. Weißt du auch, was ich auch sehr mag?“
„Was denn?“
„In Schokolade eingetauchte Erdbeeren. Es sind doch noch welche da, oder?“
„Ja“, flüsterte Helen, und ihr Mund wurde trocken. „Und von der Creme habe ich noch eine zweite Dose.“
„Gut. Darauf hätte ich jetzt ganz große Lust. Vorhin hast du mir alles weggegessen, jetzt bin ich an der Reihe! Gut?“
„Gut“, gab sie leise zurück, dann löste sie sich von ihm und nahm die Creme aus dem Kühlschrank.
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Beitrag Verfasst am: 24.01.2010, 01:21    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 26

"Erlaubst du mir, dich zu entdecken wie beim allerersten Mal? Bevor ich von diesen süßen Früchten koste?"
Helen und Keanu lagen nebeneinander auf dem Bett, und er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, während er ihr tief in die Augen sah.
"Wie meinst du das?", wollte Helen wissen.
"Nun, du bist im Vorteil. Du kennst mich besser als ich dich. Du bist mit meinem Körper vertraut, und deiner ist mir neu. Wie fühlen sich zum Beispiel deine Arme an?"
Sanft glitt Keanus Hand über Helens Oberarm, dann ihren Unterarm, seine Finger liebkosten ihren Handrücken. Ein wohliger Schauer lief über Helens Körper, und sie gab leise zur Antwort:
"Ich erlaube es dir."
Seine dunklen Augen leuchteten auf, und ein sanfter Kuss landete auf Helens Lippen, dann noch ganz viele davon, während er erst ihre Schulter und dann ihren Nacken liebkoste. Sie spürte wie seine Finger der Kante ihres Oberteils entlang strichen, und mir rauer, tiefer Stimme sagte er:
"Das Ding ist im weg".
"Dann weg damit", gab sie zurück. "Es ist sowieso klebrig."
"Ich darf? Toll!", flüsterte er, und für eine Sekunde glich er einem Jungen im Süßwarengeschäft.

Helen hob ihre Arme an, damit Keanu ihr das mit Schokospuren verklebte Oberteil über den Kopf ziehen konnte, aber sobald er seine Augen auf ihren Oberkörper richtete, überkam sie Schüchternheit, und sie kreuzte schützend ihre Arme über den Brüsten.
"Hey, Süße", sagte er leise. "Was hast du denn? Ich bin sicher, dass sie wunderschön sind."
"Ich ...", stotterte Helen, und ihre Gesicht wurde warm. Keanu drückte ihr einen sanften Kuss auf den Mund, und sie sprach weiter: "Ich hab dünner geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich .. ich bin nicht mehr gerade kurvig."
"Schon vergessen?", gab er zurück, und noch ein Kuss landete auf ihren Lippen. "Ich sehe Dich jetzt zum ersten Mal. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit. Und ich vergleiche auch nicht, sondern genieße, was ich sehe."
Helen zögerte immer noch, gleichzeitig hätte sie sich für diese Scheu am liebsten selbst getreten. Sie biss sich auf die Lippe und schlug die Augen nieder.
"Sieh mal hin", meinte da Keanu und ließ Helen für einen Moment los, um sich auf den Rücken zu rollen und sein Shirt auszuziehen. Dann sprach er weiter:
"Sieh genau hin. Ich bin völlig durchschnittlich. Nicht gerade ein Muskelpaket und dann auch noch mit käseweißer Haut gesegnet. Und dann diese lange Narbe am Bauch. Das ist doch, wenn man wirklich darüber nachdenkt, wirklich nicht besonders schön, oder?"
Helen vergaß für einen Moment, dass sie oben herum nackt war, stützte sich auf und betrachtete den Mann, der neben ihr auf dem Rücken lag. Was er gesagt hatte, stimmte irgendwie, und dennoch ...
"Mir gefällt aber, was sich sehe", gab sie leise zurück, streckte ihre Hand und strich über seine Haut. "Die Narbe, die helle Haut ... sie gehören zu dir. Du ... "
Helen unterbrach sich, denn sie hatte bemerkt, dass Keanu ihr nicht mehr ins Gesicht schaute. Nein, sein Blick traf sie etwas weiter unten, auf ihren Brüsten, die sie vorhin unbemerkt entblößt hatte.
"Hey!", rief sie da aus. "Du hast mich hereingelegt!"

Helen kicherte und kitzelte Keanu an der Taille.
"Aufhören! Sonst wird meine Rache fürchterlich sein", versuchte er, sie davon abzuhalten, hatte damit aber keinen Erfolg. Deshalb packte er sie, warf sie auf den Rücken und begann nun seinerseits, sie auszukitzeln, bis sie Tränen lachte. Dann wurde seine Miene ernster. Auch Helen beruhigte sich wieder, und für eine kleine Ewigkeit sahen sie sich tief in die Augen. Irgendwann reichte der Blickkontakt nicht mehr aus. Keanu beugte sich zu Helen hinunter und küsste sie sanft und sinnlich. Schon wollte sie ihn zu sich hinunterziehen, doch der hielt sie davon ab, und auf ihren fragenden Blick hin meinte er:
"Jetzt bin ich dran mit dem Dessert!"
Er griff nach der Dose mit der Schokocreme, tauchte seinen Finger hinein und strich dann damit über Helens Unterlippe. Mit saugenden Küssen entfernte er die Creme wieder, und das Geräusch brachte sie zum Kichern.
"Hier wird nicht gelacht, junge Dame. Das ist eine ernsthafte Angelegenheit", ermahnte Keanu sie mit gespielter Strenge. Dann malte er eine Linie von Helens Kinn bis zwischen ihre Brüste und musste dabei selbst grinsen.
"Das ist wie Malen mit Fingerfarben, nicht wahr?", fand sie und lächelte schelmisch.
"Hmm", machte er nur und funkelte sie aus schwarzen Augen an, bevor er den Kopf wieder beugte und sich daran machte, die Süßigkeit von Helens Haut zu lecken. Keanus Zunge fühlte sich auf Helens Haut warm und weich an, währenddessen kratzte der stoppelige Bart ein wenig, und dieser Kontrast ließ sie vor Erregung erschauern.
"Wunderschön", hauchte Keanu, als er fertig war. "Wie ich es mir gedacht habe."
Und wie um ihr zu zeigen, was er meinte, verteilte er viele kleine Küsse auf Helens Brüsten.
"Wirklich?"
Helens Stimme war nur ein Flüstern gewesen. Zärtliche Gefühle waren in ihr erwacht und wurden verstärkt, als er sie wieder sanft auf den Mund küsste und zur Antwort gab:
"Ja. Süß und perfekt. Und sieh mal, sie passen genau in meine Hand. Ich zeige es dir."
Nach diesen Worten setzte sich Keanu auf Helens Oberschenkel, griff zur Schokocreme und gab einen Teil davon in seine Hände. Diese legte er dann auf Helens Brüste und massierte sie ein wenig, sodass sich die braune Creme klebrig darauf verteilte. Die warmen Hände und die kühle Creme fühlten sich seltsam an, fand Helen. Seltsam, und irgendwie ... gut. Er wischte seine Hände an der Unterlage, die in einem großen Frottiertuch bestand, ab, griff nach der Schale mit den Erdbeeren und fing an, diese auf Helens Oberkörper zu verteilen. Neugierig hob sie ihren Kopf, konnte aber nicht erkennen, was er vorhatte.
"Und was soll das darstellen?", wollte sie wissen.
"Hm. Moderne Kunst", erwiderte er und zuckte mit den Schultern. "Du bist die Künstlerin! Aber gut sieht‘s aus", sprach er heiser weiter und stellte die leere Schale weg. "Zum Fressen! Darf ich?"

Helen nickte, legte sich bequem zurück, und schon begann Keanu mit seinem Werk. Zuerst stibitzte er mit dem Mund eine Erdbeere, um dann die frei gewordene Fläche sorgfältig mit der Zunge zu reinigen. Anfangs fühlte sich das seltsam an, doch mit der Zeit begann Helen, diese sinnliche Liebkosung zu genießen. Sie konzentrierte sich völlig auf diesen Mund, der Frucht um Frucht von ihr aß und die zarte Haut ihrer Brüste küssend und leckend von der flüssigen Schokolade befreite. Mit jeder Berührung seiner Lippe klopfte ihr Herz etwas schneller, und mit jedem Zungenschlag steigerte sich ihre Erregung, und so wurde das kleine Feuerchen, das anfangs in ihr brannte, langsam, aber stetig zu einem Flächenbrand. Als Keanus Mund sich um ihre linke Brustspitze schloss und sie spürte, wie diese warme, weiche, verwöhnende Zunge Blitze durch ihren Körper schießen ließ, keuchte sie unwillkürlich auf, und als sie spürte, wie seine warme Hand sich auf ihre andere Brust legte und diese streichelte, vorsichtig drückte und zart verwöhnte, war es um ihre Geduld geschehen. In ihr drin brodelte es, dieser leichte Körperkontakt machte sie ungeduldig. Jetzt wollte sie mehr, viel mehr!
"Keanu", keuchte sie. Er hob seinen Kopf und schaute sie fragend an. Vor wenigen Minuten hätte sie über sein schokoladeverschmiertes Gesicht noch gelacht, doch dieses Detail interessierte sie jetzt nicht die Bohne.

"Küss mich jetzt richtig", brach es aus ihr heraus. "Ich kann nicht mehr warten!"
"Endlich", gab Keanu mit rauer Stimme zurück. "Ich halte es kaum mehr aus!"
Dann legte er sich ungeachtet aller Schokoladereste auf sie, bedeckte ihren Mund mit seinem, und während er sie leidenschaftlich küsste, ließen sie sich zur Seite rollen und umschlagen sich bald mit Armen und Beinen. Ja, sang es in Helen. Genau danach hatte sie sich die ganze Zeit gesehnt. Diese Lippen zu spüren, wie sie sie beinahe auffressen wollen. Diese Zunge, die nun nicht mehr lockte, sondern eroberte. Diese Hände, die sie an ihn pressten, die auf ihrer Wirbelsäule tanzten, dabei ihrem Steißbein verlockend nahe kamen und tief in ihr drin ein wahres Feuerwerk auslösten. Sie spüre, wie sich seine Erregung an ihren Unterbauch presste und lachte heiser auf. Ja, auch darauf hatte sie gewartet, und endlich, endlich hatte sie ihn wieder, bald ganz tief in sich drin. Aber etwas störte.
"Zu viel Stoff", sagte sie leise in einer Stimme, die ihr fast fremd vorkam.
"Sehe ich auch so", gab er zurück. "Schnell weg damit!"
Beide nestelten an ihren Hosenverschlüssen herum, und innert kürzester Zeit hatten sie sich von allen Stoffresten befreit. Und schon klammerten sie sich wieder aneinander, küssten sich, und Helens letzter Gedanke war, dass es nichts Vergleichbares auf dieser Welt gab, als den nackten Körper dieses Mannes zu spüren. Von Kopf bis Fuß. Und hoffentlich auch bald woanders.

Von diesem Augenblick an fühlten beide nur. Ihr Instinkt trieb sie auf ein gemeinsames Ziel zu, Gedanken waren dabei überflüssig. Ihre Küsse wurden immer hungriger und ungeduldiger, ihre Hände streichelten nun nicht mehr, sondern packten zu.
"Ich möchte dich überall berühren", keuchte Keanu während einer Atempause.
"Tu es", gab Helen zurück, und schon konnte sie seine Finger spüren, wie sie auf ihrem Oberkörper Muster zeichneten, die auf ihrer Haut eine Spur aus Feuer zu hinterlassen schienen. Bei aller Ungeduld hatte er sich gut im Griff und legte keine Eile an den Tag, verwöhnte vor allem ihre Brüste ausgiebig.
"Mehr", brach es aus ihr heraus. "Schneller. Ich mag nicht mehr lange warten!"
"Bist du sicher?"
Keanu ließ seine Hand nach unten wandern, hin zum Bauchnabel, weiter nach unten bis zu ihrem Schambein, noch weiter, bis er endlich die Stelle erreichte, die am nötigsten berührt werden wollte.
"Ja", bestätigte er, und seine tiefe, heisere Stimme ließ den Vulkan, der in Helen brodelte, noch stärker aufkochen. "Du bist sicher."
Er rollte sich vorsichtig auf sie, und automatisch spreizte sie ihre Beine und schlang sie um ihn. Gott, wie sie das vermisst hatte, dieses Gewicht auf sich. Diese heißen Küsse, den gierigen Blick. Ihn in sich drin. Das Keuchen, das Stöhnen. Diese erobernden Stöße, schnell und tief, ohne Kunstgriffe, ohne Verzögerungen, genauso, wie sie es jetzt brauchte. Dieses Vibrieren, das sich bald über ihren ganzen Körper ausbreitete und sie glauben ließ, sich auf einem fliegenden Teppich zu befinden. Dieses herrlich matte, schläfrige Gefühl danach. Oh ja, Helen würde heute gut schlafen, zusammen mit Keanu auf dieser Wolke.

Auch er war erschöpft, hielt die Augen geschlossen und atmete tief durch, ohne sie dabei loszulassen. Liebevoll betrachtete sie ihn, noch immer ganz berauscht von diesen Empfindungen, die sie verloren geglaubt und nun endlich wiedergewonnen hatte. Aus einem Impuls heraus drückte sie ihm einen zarten Kuss auf die Lippen, woraufhin er die Augen öffnete.
Ob er sich endlich, endlich richtig an sie erinnerte? Helen wagte es nicht, ihm diese Frage zu stellen, blieb stumm.
"Gott, bist du süß", waren seine ersten Worte, dann küsste er sie zuerst auf beide Wangen und dann auf den Mund. "Süße Helen. Jetzt wünschte ich mir, ich sei ein junger Kerl und könnte nochmals ... das war ja ne ziemlich kurze Sache."
"Sch", machte Helen und strich ihm über die Lippen. "Es war wunderbar."
"Ja, das war es. Gott, ich wünschte mir, mich endlich an mehr zu erinnern."
Keanus Stimme klang dabei frustriert. Ein Kloß bildete sich in Helens Hals und schwoll schnell an. Zu ihrem Entsetzten spürte sie, wie Tränen in ihre Augen schossen. Dabei konnte sie selbst nicht sagen, ob es eine Reaktion auf dieses beglückende Erlebnis oder Enttäuschung darüber war, dass er sich noch immer nicht richtig an sie erinnerte. Ein kleiner Schluchzer entfloh ihrer Kehle, und sofort fühlte sie, wie Keanu sie ganz fest an sie presste und ihr liebevoll übers Haar strich.
"Das wird schon", murmelte er. "Irgendwann funktioniert mein dämlicher Kopf schon wieder. Ich bin doch nicht blond!"
Die Worte beruhigten Helen ein wenig, und bei der letzten Bemerkung konnte sie ein leichtes Lächeln nicht verhindern.
"Danke", gab sie zurück. "Es ist nicht einfach."
"Aber es ist doch auch nicht schwer", fand Keanu, während er ihr sanft den Rücken streichelte. "Wir mögen uns. Sehr sogar. Ich glaube sogar ..."
Er verstummte, lockerte seinen Griff ein wenig und schaute ihr ernst in die Augen.
"Ja?"
Eine halbe Ewigkeit lang streichelte er mit seinem Blick ihr Gesicht, erfasste jede Kontur, schaute ihr dann tief in die Augen. Wie schwarz sie glänzten, ging es ihr durch den Kopf. Helen wollte in diese dunklen Teiche eintauchen, jetzt und für immer. Gott, was musste es für ein Gefühl sein, jeden Morgen als Erstes und jeden Abend als Letztes in diese Augen blicken zu dürfen. Ein unglaubliches Glücksgefühl breitete sich in ihr aus. Keanus Mund öffnete sich wieder, und er sagte leise, fast schon schüchtern:
"Ich glaube, ich bin dabei, mich in dich zu verlieben."

Irgendwo da draußen gab es noch eine Welt, die sich weiterdrehte. Doch das interessierte die beiden klebrigen Menschen in dieser kleinen Wohnung in Los Angeles nicht. Sie lagen Bauch an Rücken auf dem Bett, dabei umschlangen die Arme des Mannes die Frau, seine Handteller ruhten auf ihren Händen. Eine dünne Decke, fürsorglich von ihm hochgezogen, bedeckte sie. Beide hatten noch jede Menge Herausforderungen zu bewältigen in den nächsten Tage. Doch jetzt, in diesem Moment, als sie gemeinsam einschliefen, war ihre Welt perfekt. Der nächste Morgen konnte warten.
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Beitrag Verfasst am: 25.01.2010, 22:22    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 27

Dunkelheit und angenehm träge Müdigkeit lullten Keanu ein, als er in jener Zwischenwelt zwischen Wachen und Schlafen schwebte. Er hatte keine Ahnung, wo er sich aufhielt, wusste aber, dass er nackt war und jemanden festhielt. Eine Frau, so unbekleidet wie er. Hm, das war ein schönes Gefühl, diese weiche, zarte Haut zu spüren und an diesem Haar zu schnuppern. Wie gut doch Frauenhaar roch, vor allem, wenn es nicht von Spray und Haarschaum in Berührung gekommen war. Ein bisschen nach Pfirsich, und ein wenig nach ... nach dieser Frau. Verflixt, was war mit seinem Gehirn los, irgendwie war er nicht richtig bei Bewusstsein. Ja, da war ein Bett gewesen. Worauf lag er da? Es fühlte sich ein wenig rau an, dabei war es doch gerade erst glatt gewesen. Ein glattes, weißes Leintuch, ja, mit einer zart geblümten Federdecke obendrauf. Kühl war die Luft gewesen, und von draußen waren nur wenige Geräusche nach innen gedrungen. Nicht so wie hier. Er schnupperte nochmals. Ja, es roch genau gleich, dieses Haar, ob er jetzt auf dieser merkwürdig rauen Unterlage oder glatter Baumwolle lag. Diese süße, kleine Hand unter seinen, wie zerbrechlich wie auf einmal wirkte. Überhaupt ging von diesem Körper etwas fragiles aus ... jetzt oder auf jenem weißen Laken? Ja, es hatte sich schon damals so angefühlt, aber jetzt erst fiel es ihm auf. Dies war jemand, dem man nicht wehtun durfte, nicht wehtun sollte, schoss ihm durch den Kopf. Sein Gewissen meldete sich. Warum er ihr dann so weh getan hatte, fragte es ihn. Aber was sollte denn da passiert sein? Nein, diesem Wesen durfte man keine Schmerzen zufügen.
'Und doch hast du es getan.'
Was? Er sollte ihr etwas angetan haben? Um Himmels Willen! Was war geschehen? Keanu konnte bei aller Anstrengung keine weiteren Informationen aus seinem verdammten Gedächtnis herausholen. Und auch diese Stimme in seinem Inneren meldete sich nicht mehr. Zurück blieb nur ein mieses Gefühl und das Wissen, dass er die Frau unter der geblümten Decke unglücklich gemacht hatte.
Unwillkürlich zog er sie etwas fester an sich und hörte, wie sie im Schlaf in ihrer Muttersprache etwas murmelte. Keanu horchte in sich hinein. Hatte die Frau unter der zart geblümten Federdecke genauso gesprochen mit diesem gerollten 'r'? Konzentration, höchste Konzentration. Ja, sie hatte. Helen. Ja, jetzt war ihm ihr Name endlich wieder eingefallen. Er war mit Helen unter dieser Federdecke gelegen. Nackt. Und davor hatten sie sich wohl geliebt. Allerdings konnte Keanu sich nicht daran erinnern. Der Nebel in seinem Kopf war drauf und dran, sich zu verziehen. Federdecke, vergiss nicht, sie nachher nach dieser Decke zu fragen, befahl er sich selbst. Und versuche herauszufinden, was damals geschehen ist. Was auch immer es war, es darf nie wieder vorkommen. Wie um dieses Versprechen zu besiegen, hob er den Kopf und drückte einen Kuss auf ihre Schulter, dann verschränkte er seine Finger mit ihren. Nein, nie wieder sollte Helen ein Leid zugefügt werden, sie hatte in letzter Zeit genug durchgemacht. Und dieses Mal waren es nicht nur ihre Erzählungen, die ihm dieses Wissen verschafften. Er konnte auch fühlen, dass er mit ihrem Schmerz mehr zu tun hatte, als ihm zu diesem Zeitpunkt bewusst war.

Helen bewegte sich. Oh nein, hatte er sie etwa geweckt? Wenn er jetzt ganz still blieb, schlief sie bestimmt wieder ein. Doch zu spät. Helen hob ihren Kopf ein wenig und murmelte:
"Was ist denn los? Es ist noch dunkel."
"Schsch", machte er. "Schlaf weiter, meine Süße."
Süß, genau. Jetzt erst fiel ihm der gestrige Abend wieder ein. Die Erinnerung an den Unfall. Erdbeeren mit Schokolade. Spaghetti, danach noch mehr Erdbeeren. Leidenschaft. Und bei dem Rauen, worauf er lag, handelte es sich um Helens großes, rotes Frottiertuch.
"Ich bin so klebrig", murmelte sie. "Wieso denn bloß? Ach ja."
"Ja, genau", flüsterte er. "Es war einfach herrlich. Doch jetzt ..."
"... ist es unangenehm", ergänzte sie leise. "Ich würde mich am liebsten waschen, mag aber nicht aufstehen."
"Ich auch nicht."
Er gähnte, hielt sich die Hand vor den Mund und verzog dann das Gesicht.
"Zähneputzen wäre auch nicht schlecht. Es hilft nichts. Ich klebe und habe ekligen Mundgeruch. Wir sollten duschen."
"Ja, ich weiß", seufzte sie. "Aber ich bin so herrlich faul."
"Hat dein Badezimmer nicht eine Wanne? Ist die groß?"
"Ja, wieso?"
"Groß genug für zwei?"
"Ich denke schon. Möchtest du denn ..."
"Das wäre doch die beste Lösung. Oder?"
"Stimmt", meinte Helen. "Stehst du auf und lässt das Badewasser ein?"
"Klar."
Dann gab sich Keanu einen Ruck, schwang sich aus dem Bett und erhob sich. Für einen Moment meldete sich ein leichtes Schwindelgefühl, welches sich schnell wieder verzog, dann begab er sich ins Bad, wo er zuerst einem dringenden Bedürfnis nachging, bevor er Wasser in die Wanne laufen ließ und einen Badezusatz dazugab, den er auf dem Fenstersims fand.

Helen hörte die Toilettenspülung und wartete ein paar Minuten. Dann meldete sich ihre Blase, sie schälte sich aus dem Bett und stand auf. Und jetzt sollte sie so splitternackt und klebrig, wie sie war, zu Keanu ins Bad marschieren? Sie überlegte kurz, wickelte sich dann ins völlig verschmierte Frotteetuch, ging zum Bad und klopfte an, bevor sie die Tür öffnete. Dampf schlug ihr entgegen. Keanu beugte sich übers Waschbecken und spülte sich den Mund. In ihrem Zahnputzglas leistete nun eine blaue Zahnbürste ihrer roten Gesellschaft. Aha, er hatte also ihre Ersatzzahnbürste gefunden. Für einen Moment beneidete sie ihn für seinen völligen Mangel an Scheu, dann drehte er den Kopf zu ihr herum, lächelte sie an und begrüßte sie:
"Willkommen, Schönheit!"
"Hey", grüsste sie ihn zurück und blickte ihm ins Gesicht. Was war denn nur mit seinen Augen los? Irgendwie wirkten sie anders. Eine ganz bestimmte Erinnerung wurde hochgespült, und ganz schnell verdrängte Helen sie wieder, denn der Druck ihrer Blase wurde nun unerträglich.
"Darf ich dich für ein paar Minuten rausschicken? Ich muss noch ..."
Sie deutete mit dem Kinn auf die Toilette. Keanu verstand sofort, verließ das Bad, und erst, als sie sich erleichtert und wieder frischen Atem hatte, durfte er wieder reinkommen.
"Alles gut?", fragte sie ihn, nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn sanft auf den Mund.
Er erwiderte den Kuss mit derselben Sanftheit, und ohne ihre Frage zu beantworten, meinte er:
"Komm, gehen wir in die Wanne."
Helens offene Frage musste warten. Keanu stieg als Erstes ins Wasser und machte es sich bequem, dann ließ Helen das Tuch fallen und folgte rasch nach, wobei sie es sich zwischen seinen Beinen bequem machte und leise seufzte, als er seine Arme um sie legte. Wie warm sich das Wasser anfühlte, wie gut es duftete. Und sich so an ihn anlehnen zu dürfen ... Helen fühlte sich wie im Himmel. Oder fast. Warum war Keanu so ruhig, warum hatten seine Augen vorhin so traurig geblickt?
"Hey", machte sie und legte ihre Hand auf seine. "Was hast du denn? Schlecht geträumt?"
Keanu blieb stumm. Schon glaubte Helen, er habe sie nicht gehört, da fragte er sie:
"Weißes Leintuch und eine Federdecke mit einem Blumenmuster. Sagt dir das was?"
"Ja", gab sie zurück. "Ich habe so eine Decke zuhause."
Ruckartig drehte sie den Kopf herum und fragte:
"Eine Erinnerung?"
"Ja", gab er zurück. "Aber nur eine ganz kurze. Ich lag mit dir unter dieser Decke."
"Ja, einmal lagen wir dort", bestätigte Helen, und ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie sich erinnerte.
"Nach dem Motorradausflug hatten wir ausgemacht, dass du mich nach Hause fährst und ins Hotel zurückgehst. Wir konnten uns jedoch nicht trennen, drum bist du mit hochgekommen und hast bei mir übernachtet."
"Haben wir ...", hakte er nach, und anstatt seine Frage zu beenden, küsste er ihren Hals.
"Ja. Es war eine wunderbare Nacht. Aber ..."
Danach war alles schwierig und furchtbar geworden, dachte Helen, schaffte es aber nicht, die Worte laut auszusprechen. Sie hatte einen schwierigen Anruf ins Büro gehabt, hatte sich später mit Anja in der Stadt getroffen, um alles mit ihr zu besprechen. Dann war diese Frau aufgetaucht. Ashley. Und von da an war es aus gewesen mit der Leichtigkeit zwischen ihnen beiden.
"Irgendwas ist schiefgegangen, nicht wahr?", unterbrach Keanu Helens Gedanken.
"Erinnerst du dich an Einzelheiten?"
"Nein", gab er zurück. "Aber ein Gefühl ist hängengeblieben. Gewissensbisse und das Wissen, dir weh getan zu haben. Ich weiß nicht, wo das Gefühl herkam, es war einfach da."
Helen konnte nicht sprechen. Jetzt klopfte der schmerzhafte Teil ihrer kurzen, gemeinsamen Vergangenheit in seiner Erinnerung an, und auch in ihr wurde der ganze Kummer, den sie damals erlitten hatte, wieder hochgespült. Sie schluckte, wollte schon etwas sagen, da hörte sie ihn:
"Habe ich dir damals in irgendeiner Art und Weise weh getan, Helen?"
Sie konnte nur nicken. Seine Arme schlangen sich ganz fest um sie herum, und dann brach es auch ihm heraus:
"Es tut mir leid. Was auch immer ich getan habe, es tut mir leid. Ich kann mir nicht vorstellen ..."
Seine Stimme versagte, und sein Brustkorb zuckte verdächtig. Weinte er etwa? Eine einzelne Träne löste sich von Helens Augen, rann ihr über die Wange, und für einen Moment klammerte sie nur krampfhaft Keanus Hände fest. Irgendwann beruhigten sie sich beide, und leise fing Helen an zu sprechen.

Sie erzählte ihm alles. Wie sie mit Anja im Café gesessen hatte und diese Ashley aufgetaucht war und sehr vertraut mit Keanu umgegangen war. Wie sie irgendwie zurück in ihre Wohnung gelangt war und sich zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig betrunken hatte. Wie er dann bei ihr aufgetaucht war, ihr Kopfwehtabletten und Wasser verabreicht und auf ihrem Sofa übernachtet hatte. Und dann das Gespräch am nächsten Tag, bei dem Keanu es nicht geschafft hatte, die Ängste, die wieder in Helen erwacht waren, zu zerstreuen. Und er hatte zugeben müssen, dass er nicht wisse, ob er das schaffe. Eine Beziehung, bei der er einer Partnerin über die ganze Zeit treu sein konnte. Wie sie dann beschlossen hatten, sich zu testen, indem sie sich sechzig Tage lang nicht sahen.
Helen verstummte und lag völlig erschöpft in Keanus Armen. Einige Minuten lang äußerte er sich nicht, bis er endlich sagte:
"Und wenn ich dich in diesen sechzig Tagen vermisst hätte, hätte mir das bewiesen, dass meine Gefühle für dich beständig sind?"
"Ja", gab Helen leise zurück und schloss die Augen.
"Na, toll. Und jetzt kann ich nicht mal sagen, ob ich dich vermisst habe weil genau dieses Zeitstück in meinem Kopf fehlt. Verdammter Unfall!"
Frust und Wut hatten ihn laut sprechen lassen, und schon wieder schossen Helen Tränen in die Augen, welche sie mit der Hand abwischte.
"Helen. Es tut mir leid. Es ist so frustrierend! Aber du kannst doch gar nichts dafür. Es tut mir leid, meine Süße ..."
Mit diesen Worten drückte er sie fest an sich, murmelte verzeihende und Trost spendende Worte, und sie konnte nichts anderes tun, als sich auf die Seite zu drehen und ihren Kopf auf seine Schulter zu lehnen. Wie durch ein Wunder beruhigte sich Helen wieder. Wie schaffte das der Mann nur, sie musste nur seine Hände spüren, dieser samtenen, warmen Stimme horchen, diese Haut riechen, und schon ging es ihr besser.
Sie sprachen beide kein Wort, bis das Wasser unangenehm kühl wurde und sie beide fröstelten.
"Komm, jetzt waschen wir uns erstmal, dafür sind wir doch da", sagte Keanu leise und griff nach dem Schwamm, der neben der Badewanne in einem Korb lag. Er tauchte ihn ins Wasser ein und wusch Helen sanft von oben bis unten. Diese einfache Geste der Körperpflege hatte etwas Rührendes, und für ein paar kurze Sekunden war der Schmerz vergessen. Als er fertig war, setzte sie sich auf und tat dasselbe bei ihm. Er zog den Stöpsel heraus, und während das Wasser gurgelnd im Abfluss verschwand, kuschelten sich die beiden in zwei frische Frotteetücher und begaben sich ins Schlafzimmer zurück. Sie krochen unter die Decke, und dieses Mal zogen sie bis unters Kinn hoch. Keanu nahm Helen in den Arm, und schon wollten ihr die Augen zufallen, als er flüsterte:
"Wie wir vorhin da lagen und ich aufwachte, war mir eines klar. Das hier ist ein Wesen, dem man nicht wehtun darf. Und doch hab ich es getan. Ich kann dir gar nicht erklären, wie leid mir das tut."
"Du konntest ja nichts für deinen Unfall", gab Helen zu bedenken.
"Nein. Aber was davor geschah ... ich kann mich an Ashley erinnern, von früher. Und auch an mich selbst vor diesem August. Ich ... ich will das nicht mehr."
"Was willst du nicht mehr?"
Helens Stimme hatte ganz hohl geklungen, und jähe Angst drückte ihr Herz zusammen.
"Ich will dir nie wieder wehtun, Helen. Und ich will auch nicht herausfinden, ob ich dich vermisse, wenn ich dich nicht sehe. Denn ich weiß jetzt schon, dass es so sein wird. Ich habe eine sogenannte Verlobte namens Manon. Habe ich sie vermisst in den letzten vierundzwanzig Stunden? Nein. Und - gesetzt dem Fall, dass sie wirklich meine Verlobte ist - eigentlich habe ich sie betrogen. Schluss damit. Ich will das nicht mehr!"
"Und was wirst du tun?"
"Das, was ich schon gestern angedeutet habe. Ich rede mit ihr. Ich teile ihr mit, dass diese Verlobung, sollte sie je bestanden haben, aufgelöst wird. Damit muss ich vielleicht schon wieder jemandem weh tun, aber ich möchte das einfach nicht mehr. Ich habe schon genug mit meinem dämlichen Kopf zu kämpfen, da habe ich keine Lust, dich - und damit auch mich - unglücklich zu machen. Ich ertrage es nicht, wenn es dir schlecht geht, also sorge ich dafür, dass ich dir möglichst wenig Grund dazu gebe. Was sagst du?"
Helen konnte daraufhin gar nichts sagen. Diese vehemente Rede hatte die Angst aus ihrem Herzen gewischt und sie durch reine Freude ersetzt, und beinahe hätte sie vor Glück geweint. Nein, nicht schon wieder weinen, dachte sie. Darum äußerte sie ihre Gefühle in der einzigen anderen Art, die ihr zur Verfügung stand: Indem sie Keanu den zärtlichsten Kuss auf dem Mund drückte, zu dem sie in der Lage war. Ein glückliches graues Augenpaar tauchte in ein glänzend braunes, dann schlossen beide die Augen und schliefen friedlich ein.
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Beitrag Verfasst am: 07.02.2010, 00:06    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 28

Schon am nächsten Morgen hatte Keanu einen Termin bei seinem Therapeuten bekommen. Man konnte das Aufblitzen von Dr. Smith’s Augen beinahe durchs Telefon hören, als er vernahm, dass eine erste Unfallerinnerung zurückgekommen war, und er wollte ihn sofort sehen. Deswegen mussten sich Helen und Keanu von der Idee eines ausgedehnten, kuscheligen Morgens mit vielen Küssen und noch mehr Zärtlichkeit verabschieden. Schon um acht Uhr hieß es für ihn: Aufstehen und Anziehen. Helen hatte ihm zuliebe auch aus dem Bett kriechen wollen, doch er hatte sie davon abgehalten, als er ihre Augenringe sah: Sie brauche jetzt Schlaf, hatte er augenzwinkernd argumentiert, denn schließlich habe sie noch viel zu tun – mit dem Bild und mit ihm. Sie glaubte, seinen frischen Duft immer noch riechen und seine Lippen immer noch auf ihren spüren zu können, als er die Tür hinter sich zugemacht hatte, und mit einem Gefühl der absoluten Zufriedenheit schloss sie ihre Augen und ließ die vergangene Nacht Revue passieren: die Zweifel, die Tränen und letztendlich die Sicherheit, dass er ihre Gefühle erwiderte. Das gemeinsame Einschlafen, den Frieden, den sie verspürt hatte.
Doch warum verspürte sie jetzt einen Stich im Herzen? Keanu ging zum Psychologen, um sich helfen zu lassen, weitere Puzzlestücke in sein unfertiges Erinnerungsbild einzufügen. Dann aß er mit seiner Schwester Karina zu Mittag. Das brauchte ihr doch keine Sorgen zu machen, oder? Die Schwester würde neugierig werden und sie vielleicht irgendwann kennenlernen wollen, aber bis es soweit war, konnte es noch dauern. Aber was danach kam, bereitete Helen trotz aller Beteuerungen von Keanus Seite Magendrücken: Das Gespräch mit seiner Verlobten. Oder nicht-Verlobten, je nach dem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtete. Sie hatte Manon nur einmal gesehen, und er hatte nie wirklich schlecht über sie gesprochen, doch aus irgendeinem Grund konnte sie nicht wirklich glauben, dass das alles so einfach sein würde. Nur – was für einen Trick konnte Manon noch aus dem Ärmel ziehen? Sobald Keanu sein Gedächtnis wiederhatte, würde die Lüge auffliegen. Sofern es sich um eine Lüge handelte ...

Schluss jetzt, befahl Helen sich selbst, setzte sich langsam im Bett auf und stellte ihre Füße auf dem kühlen Holzboden ab. Dieses Hin- und Herüberlegen brachte doch gar nichts. Sie erhob sich, warf sich ein übergroßes T-Shirt über, schnappte die leere Cremedose, lächelte, als ihr durch den Kopf ging, wie sie die Creme verspeist hatten, und tappte gähnend in die Küche. Dort gab sie sie eine Kapsel in die Kaffeemaschine schaltete sie ein. Während die Maschine sich im Aufwärmemodus befand, nahm sie sich ein Glas Wasser und ließ ihren Blick durch die Küche schweifen, während sie trank. Auf dieser Theke hatte sie gestern gesessen, und Keanu hatte sich an sich gepresst. Sexy und heiß war das gewesen, und beim Gedanken daran wurde ihr bereits wieder warm. Was allerdings auch an der Temperatur liegen konnte, die trotz der frühen Stunde bereits weit über zwanzig Grad lag. Was daraufhin gefolgt hatte, war Sinnlichkeit pur gewesen. Was auch immer aus ihnen beiden werden würde, Helen würde ihre Zeit mit ihm nie vergessen. Ach verflixt, wo kamen denn die melancholischen Gedanken schon wieder her? Verflixte Manon. Helen brachte einfach den Gedanken nicht aus dem Kopf, dass diese Person noch ein Ass im Ärmel hatte, welches alles kaputtmachen würde. Vertrauen. Sie musste Keanu vertrauen. Und gestern vor dem Einschlafen hatte sie damit keine Probleme gehabt, warum kroch denn jetzt diese dumme Angst in ihr hoch?
Helen nahm sich eine frische Tasse und beobachtete, wie der frische, duftende Kaffee sie füllte. Dann gab sie Milch und Zucker dazu, setzte sich an den Küchentisch und nippte an der köstlichen Flüssigkeit, welche sie sogleich belebte und ihr half, einen klaren Kopf zu kriegen. Diese ganze Sorgenmacherei brachte doch nichts, und dennoch ... heute hatte sie nichts als Malen geplant, und dabei würden sich ihre Gedanken die Freiheit nehmen, in diese unangenehme Richtung abzuschweifen. Ganz sicher würde das passieren, so gut kannte Helen sich. Doch wie konnte sie das verhindern? Reden. Genau, sie musste dringend mit jemandem Reden. Anja! Warum hatte sie nicht gleich daran gedacht? Wie spät war es in Zürich? Vier oder fünf Uhr musste es dort sein. Wenn sie Glück hatte, würde sie ihre Freundin erreichen. Sie hatte sie sowieso schon anrufen wollen, wahrscheinlich machte sie sich schon länger Sorgen.
Helen trank die Tasse leer, ließ sich noch einen Kaffee heraus und begab sich damit ins Wohnzimmer, wo sie sich auf dem Sofa niederließ. Sie wählte Anjas Nummer, und während das Klingelzeichen ertönte, malte sie sich aus, wie ihre Freundin reagieren würde, wenn sie jetzt die Katze aus dem Sack ließ. Denn die ganze Geschichte mit Keanu hatte Anja niemals mitgekriegt.
„Hallo?“
Glück gehabt, Anja war bereits zuhause.
„Ich bin’s – Helen“, begrüßte sie ihre Freundin, und nach kurzer, atemloser Stille ertönte ein lauter Jubelschrei aus dem Hörer.
„Du lebst. Halleluja! Ich dachte schon, du seiest ins Meer gefallen. Bist du gesund? Hast du schon viele tolle Typen kennengelernt? Erzähl mal!“
„Ja, ich bin gesund“, fing Helen vorsichtig an. „Ich komme mit der Arbeit gut voran.“
„Und? Wer ist denn nun der geheimnisvolle Fremde, für den du das Bild malst? Erzähl schon, ich bin ja so gespannt!“
„Anja“, gab Helen zurück und holte tief Luft. „Am besten setzt du dich hin. Und wenn du ein Glas in der Hand hast, stell es hin, okay?“
„OK!“
Und Helen fing an zu erzählen: vom Moment, wie sie Keanu damals beim Finden seines Hotels geholfen hatte, bis zur letzten Nacht. Wobei sie die intimen Details für sich behielt, über so etwas redete sie nicht gern, auch nicht mit der allerbesten Freundin.
Und immer wieder unterbrach eine völlig überraschte Anja Helens Erzählung Fragen und Bemerkungen ein wie:
„Er hat dir einen Zettel zugesteckt? Du sollst ihn im Hotel besuchen?“
„Dann hast du also Jochen am selben Tag mit dieser Tussi auf diesem hässlichen, grauen Sofa erwischt? Und bist vor lauter Schreck zu Keanu ins Hotel gerannt?“
„Wie hat er denn aus der Wäsche geguckt, als du da auftauchtest, mit dem Zollstock in der Hand? Es spricht ja schon mal für ihn, dass er nicht die Irrenärzte gerufen hat!“
„Stattessen seid ihr essen gegangen, und ein paar Tage später drehtet ihr ne Runde auf dem Motorrad? Hast du dich da nicht gefürchtet?“
„Was? Er hat dich geküsst? Na, dann wäre mir die Angst auch vergangen! Ist er ein so guter Küsser, wie ich es mir vorstelle?“
„Schade, dass danach nichts geschehen ist. Ich kann’s nicht fassen. Meine beste Freundin hat Keanu Reeves geküsst, und er kann’s sogar noch besser als im Film! Wenn ich nicht so ein netter Mensch wäre, würde ich glatt neidisch werden!“
„Wie bitte? Ein ganzes Wochenende seid ihr zusammen weg gewesen? Hand aufs Herz: Beim Händchenhalten ist es nicht geblieben, oder?“
„Ich hab’s doch gewusst! Da hat’s ja mächtig gefunkt zwischen euch. Und, wie war er so?“
„Ach komm schon. Du musst ja nicht ins Detail gehen.“
„Hach! Wie schön ist das denn. Endlich mal ein Kerl, der der Frau in der Horizontalen den Vortritt lässt. Aber wie! Da könnten sich manche Typen eine Scheibe abschneiden. Ein Wunder, dass du nicht komplett geschmolzen bist.“
„Ein Gewitter, und ihr musstet in eine Höhle flüchten. In der er schon alles gemütlich eingerichtet hat! Ich glaube es nicht. Ein traumhafter Liebhaber, ein Romantiker und dann auch noch ein guter Organisator? Das ist ja wie im Film!“
„Ach, ein bequemes Bett ist halt doch am Schönsten. Ich nehme an, von dem Hotel hast du nicht viel gesehen, oder?“
„Der Arme mit seinem Rücken. Wie lieb, dass du ihn massiert hast. Und er hat sich ja dann auch wunderbar revanchiert. Und dann gleich nochmals, bei dir zuhause. Du elender Glückspilz. Wie alt ist der Mann? Fünfundvierzig sagst du? Mensch, der hat aber ganz schön Ausdauer!“
„Ach! Und am Montag nach diesem wunderbaren Wochenende wurdest du gefeuert? Du meine Güte, was für eine kalte Dusche!“
„Und ausgerechnet an dem Tag habe ich dir auf den Anrufbeantworter gesprochen? Als ob ich’s gerochen hätte!“
„Ach, deswegen bist du im Café auf die Toilette gerannt. Wegen dieser Ashley. Kein Wunder, dass dir schlecht geworden ist. Zum Glück hat sich das geklärt.“
„Wir haben ja dann Jochen von weitem gesehen und noch mit Monika gesprochen. Und? Hat er reagiert? Hat er sich bei dir entschuldigt?“
„Wie bitte? Du hast dich betrunken? Das will ich nie wieder hören, verstehst du? Aber er ist zu dir gekommen. Gott, wie süß. Ich könnt diesen Kerl knutschen.“
„Das mit dem Knutschen nehme ich jetzt aber zurück. Das darf doch nicht wahr sein! Er traute seinen Gefühlen nicht? Dem werd ich was husten!“
„So gesehen hast du natürlich recht. Ist ehrlicher, als dir zuerst den Kopf zu verdrehen und dich irgendwann fallenzulassen wie eine heiße Kartoffel.“
„Sechzig Tage kein Wiedersehen, um zu spüren, wie sehr man sich vermisst? Wer ist denn auf den Blödsinn gekommen?“
„Den Rest kenn ich ja. Du im Elend, Jochens Beschiss hat sich aufgeklärt. Und dann tauchte ein Interessent für deine Bilder auf, und ausgerechnet Keanu steckt dahinter? Siehst du? Und genau deswegen sage ich immer, dass ich nicht an Zufälle glaube.“
„Was? Er hat das Gedächtnis verloren und sich gar nicht mehr an dich erinnert? Und er hat sich inzwischen verlobt? Und wie steht er jetzt zu dir?“
Helen erzählte Anja den letzten Rest, und die Freundin meinte:
„Das ist ja ein ganz durchtriebenes Luder. Ich muss dir Recht geben: Nimm dich in acht! Dieser Frauentyp gibt sich nicht so schnell geschlagen. Aber dieser Mann scheint es wert zu sein, für ihn zu kämpfen. Also, krempele deine Ärmel hoch, Mädel!“
„Das mach ich, so gut es geht. Ich denke, er mag mich schon“, stimmte Helen zu.
„Also, wenn du mich fragst: Das ist schon mehr als Mögen. Ich frage mich, ob er seine Erinnerung vollständig wiederkriegt?“
„Keine Ahnung“, gab Helen zurück. Aber sag mal, was ist in der Heimat los? Wurde Jochen schon geschnappt?“
„Nein. Dieser Arsch hat es tatsächlich geschafft, unterzutauchen.“
„Au weia. Na, in die USA lassen sie ihn nicht so leicht rein. Zum Glück! Erstmals bin ich so richtig froh über die strengen Einreisebedingungen.“
„So ist es“, fand Anja. „Und, was macht du heute noch so?“
„Weitermalen und versuchen, mir nicht alle Fingernägel abzukauen. Und am Abend werd ich hoffentlich von Keanu hören, wie seine Unterredung mit Manon gelaufen ist.“
„Ich drück dir die Daumen. Meld dich, wenn du mehr weißt, ja? Du Geheimniskrämerin!“
„Entschuldige bitte dafür“, gab Helen verschämt zurück. „Ich traute der ganzen Sache nicht, wollte mich vor dir lächerlich machen.“
„Das versteh ich schon. Du, ich muss – eine Vernissage! Mach’s gut!“
„Mach’s besser!“
Die beiden legten auf, und Helen blieb noch eine Weile nachdenklich auf dem Sofa sitzen, bis sich ihr Magen meldete. Sie ging in die Küche, verpflegte sich, machte sich im Bad frisch, zog sich an und wandte sich ihrem Bild zu.
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Beitrag Verfasst am: 07.02.2010, 21:18    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 29

Was für ein furchtbarer Tag.

Gut, der Termin bei Dr. Smith war erleuchtend gewesen. Sich an den Auslöser der Gedächtnislücke zu erinnern, sei, meinte der Psychologen, ein großer Schritt auf dem Weg zur Genesung des Geistes. Und auch das Mittagessen mit Karina hatte, wie immer, Spaß gemacht Als sie bemerkt hatte, dass ihr großer Bruder heute irgendwie anders wirkte als sonst – offener, herzlicher, und ihr zufolge hatte er mit dem Lächeln gar nicht mehr aufhören können – hatte sie ihn so lange gelöchert, bis er ihr von Helen erzählt hatte. Zwar war er mit seinen Worten sparsam umgegangen, aber Karina kannte ihren Bruder gut genug, um zu merken, dass da mehr dahintersteckte als nur ein Abenteuer. Aber zu seiner Überraschung hatte sie ihn nicht gefragt, ob sie Helen kennenlernte – noch nicht. Das würde sie später bestimmt nachholen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Doch dann war das Gespräch mit Manon an die Reihe gekommen, und es hatte ganz und gar nicht den Verlauf genommen, welchen sich Keanu vorgestellt hatte.
Er hatte sie geradeheraus fragen wollen, wie sie dazu gekommen sei, sich als seine Verlobte auszugeben. Und dann hätte ihre Reaktion wohl Bände gesprochen. Höchstwahrscheinlich wäre sie zusammengebrochen und hätte ihm ihre Lüge gestanden. Oder sie hätte getobt, geheult und geschrieben und ihn beschimpft. Wüstling, Herzensbrecher, oder was auch immer einer wütenden Frau, deren Plan nach Hinten losgegangen war, so alles einfiel. Daran, dass es unangenehm werden würde, zweifelte Keanu nicht, doch mit dem hatte er nun wirklich nicht gerechnet.

Und dabei hatte er sich alles so schön ausgemalt. Er war vor Helen wachgeworden, hatte sich aber schlafend gestellt, um die gleichzeitige Nähe und die Freiheit, seinen Gedanken nachzugehen, auszukosten. Dabei waren ihm Ideen durch den Kopf gegangen, die ihm trotz seiner fünfundvierzig Jahre fremd waren. Er wollte sie richtig gut kennenlernen, ausprobieren, wie es war, länger mit Helen zusammen zu sein. Er würde erst die Tage und Wochen, in denen sie an den Bildern arbeitete, mit ihr genießen. Zeit hatte er ja nun, da die Dreharbeirten bis auf Weiteres verschoben waren, genug. Und dann würde er sie bitten, länger zu bleiben. Vielleicht ... vielleicht würde er sie sogar fragen, ob sie bei ihm wohnen wollte. Um auszuprobieren, wie es sich mit ihr lebte. Und, wie er vor sich selbst zu gab, um Helen immer dann umarmen, küssen und lieben zu dürfen, wenn ihm und ihr danach war. Und danach war ihm zurzeit andauernd. Himmel, zuletzt hatte er als junger Mann derartige horizontale Leistungen hingelegt. Nur schon, sie zu riechen und zu berühren, beglückte und erregte ihn. Helen tat ihm gut, sehr gut sogar, im Vergleich zu ihr konnte man alle Aufbaupräparate getrost in den Eimer treten. Und das galt nicht nur in körperlicher Hinsicht. Bei ihr konnte er sich selbst sein, ihre Gegenwart stimmte ihn zufrieden, wenn sie sich in seiner Nähe aufhielt, waren seine Gedanken liebevoll. Wenn sie sich nicht körperlich berührten und streichelten, taten sie es auf geistiger Ebene, jedenfalls kam es ihm so vor. Glücklich, ja, das war er. Genau das hatte er gefühlt, als er heute, am frühen Morgen, erwacht war. Glück. Und gefreut hatte er sich, dass er endlich, endlich diese Zweifel überwunden hatte, diese Angst, dass es enden würde wie bei all den anderen Beziehungen: Feuer am Anfang und kurz darauf die kalte Dusche der Ernüchterung. Beweise hatte er zwar nicht, aber dieses mal war er wirklich davon überzeugt, dass es anders werden würde.

Denn in einem unterschied sich Helen von allen anderen Frauen, mit denen er je zusammengewesen war: Er fühlte sich von ihr nicht festgebunden, nicht kontrolliert und nicht bevormundet. Er spürte auch nicht dieses unsichtbare Messer an der Kehle, welches sagte: „Die Beziehung wird fixiert, oder es ist aus.“ Genau wie er schien sie es zu mögen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sie kämpfte zwar, erzwang aber nichts. Ja, so jemanden hatte er gerne in seiner Nähe. Und dann gab es noch diese Momente, in denen ihre Augen aussahen wie diejenigen eines verschreckten Tieres. Da wollte er sie einfach vor der bösen Welt beschützen, wollte sie nur halten versuchen, sie wieder zum Lächeln zu bringen. Beschützerinstinkt, ja, so nannte man wohl diese Empfindung, die immer dann auftauchte, wenn einem ein Mensch besonders wichtig war und es diesem Menschen nicht gut ging. Er hatte es seiner anderen Schwester gegenüber empfunden, als es ihr so dreckig ging, und nun hatte Helen es bei ihm ausgelöst. Das Gefühl machte ihn stolz, er fühlte sich dadurch stark und männlich wie noch selten zuvor. Das hier, hatte er heute morgen gedacht und den Duft von Helens Haar eingeatmet, war seine Frau, daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Und jetzt war Abend, Manon war weg. Der Streit, den sie gehabt hatten, war scheußlich und laut gewesen, doch das hatte ihn nicht erschreckt. Und er hatte ja auch einen Teilsieg errungen: Manon hatte zugegeben, dass die Geschichte mit der Verlobung eine Lüge gewesen war – und zwar aus Liebe und Verzweiflung. Doch nicht alles, was sie von sich gegeben hatte, war Schwindelei gewesen: Die unglaubliche Nacht zwei Tage vor Keanus Unfall hatte wirklich stattgefunden, das hatte ihm Manon beteuert. Und warum sollte jemand, dessen Lug und Betrug aufgeflogen war, nicht die Wahrheit sagen? Gab es den geringsten Grund, dies anzuzweifeln? Nein, dachte Keanu frustriert und wütend auf sich selbst. Nein, den gab es nicht.
Die Wahrheit, die wusste er nun, aber über diese Wahrheit konnte er sich nicht freuen. Was während der Zeit seiner Gedächtnislücke geschehen und mit dessen Konsequenzen er jetzt konfrontiert worden war, ließ alles in einem anderen Licht erscheinen. Das Leben, wie er es bisher gekannt hatte, war nun zu Ende. Die schönen Zukunftspläne waren zu Staub zerfallen. Nur, weil er einen Fehler, an den er sich nicht einmal erinnern konnte, gemacht hatte. Dieser würde ihn bis an den Rest seines Lebens verfolgen.


Irgendwann im Laufe des Tages war es Helen gelungen, ihre Konzentration wiederzugewinnen und die Welt um sich herum zu vergessen. Sie pinselte wie eine Besessene, nahm ihre Umgebung nicht mehr wahr, und erst der Schmerz in der rechten Schulter zwang sie am Nachmittag dazu, eine Pause einzulegen. Jetzt, dachte sie. Genau jetzt sprachen Keanu und Manon miteinander. Danach würde er sich bei ihr melden, hatte er ihr versprochen, und ihr hoffentlich erzählen, dass er endlich Klarheit in sein Leben gebracht hatte. Und wer weiss, vielleicht hatte auch diese Sitzung mit dem Psychologen schon etwas gebracht. Doch zuerst musste das Thema „Manon“ abgehakt werden, davor würde keine Gewissheit in Keanus Gedanken einkehren und somit auch nicht in Helens Leben. Ihr Magen knurrte, und sie streifte sich Sandalen über und ging nach draußen, um sich zu verköstigen. Nur wenige Minuten kehrte sie mit einem Curry vom Thai-Takeaway, der sich schräg gegenüber vom Wohnblock befand, zurück, verschlang ihn hungrig und freute sich darüber, dass sie hier anscheinend im Paradies für Kochanfänger gelandet war. Sowas kannte sie von Zuhause nicht, erst in den letzten Jahren waren auch an ihrem Wohn- und Arbeitsort Takeaway-Buden wie Pilze aus dem Boden geschossen. Bald beruhigte sich Helens Magen und vermochte es nicht, sie von ihren sorgenvollen Grübeleien abzulenken.
‚Los jetzt. Volle Konzentration aufs Bild. Er meldet sich später’, befahl sie sich selbst, räumte das Wegwerfgeschirr weg, wusch sich die Hände und stellte sich wieder vor die Leinwand. Bevor sie einen Klecks frischer Farbe auf die Palette gab, den Pinsel eintauchte und ihn zur Leinwand führte, schickte sie noch einen warmen Gedanken an Keanu. Ja, bald, bald würde er sie anrufen. Oder vielleicht sogar herkommen, sie in seine starken Arme schließen und ihr sagen, dass nun alles in Ordnung kommen würde. Und wie würde ihm bei seinem folgenden Weg zur endgültigen Wiederfindung seiner Erinnerung zur Seite stehen, und dabei hatten sie gleich die Gelegenheit zu prüfen, ob nicht nur ein Feuer zwischen ihnen brannte, sondern auch eine lang anhaltende Glut die Dunkelheit erleuchten würde, wenn das trockene Holz einmal heruntergebrannt war. Strohfeuer oder mehr? Für Helen war dies eine rhetorische Frage, doch ob Keanus Gefühle diesen Test bestehen würden, würde die Zeit zeigen. Und nach der vergangenen Nacht fand Helen, dass ihre Chancen gar nicht so schlecht standen.

Ein feiner, gelber Strich landete auf dem nachtblauen Hintergrund. Noch einer, fließend, langsam und zart, Helens Gedanken wegwischend. Sie malte und malte, dachte an nichts mehr anderes, bis die hereinbrechende Dämmerung sie um sieben Uhr stoppte. Hm, das war nun doch seltsam. Keanu hatte sich noch nicht gemeldet. Wie lange konnte so ein Gespräch denn dauern? Hoffentlich hatte Manon keine unangenehme Überraschung auf Lager. Wenn alles in Ordnung wäre, hätte er sich bestimmt schon gemeldet, oder? Helens Magen zog sich zusammen. War wie zu optimistisch gewesen? Nein, nein, bestimmt nicht, versuchte sie, sich selbst zu beruhigen. Vielleicht war das Gespräch schwierig gewesen, vielleicht war es zu einem Streit gekommen, und er musste erst allein sein und sich beruhigen. Vielleicht saß er auf dem Motorrad und ließ seinen Kopf vom Wind abkühlen, oder vielleicht war er auch zu ihr unterwegs. Nervös ging Helen in die Küche und trank ein großes Glas Wasser. Dann noch eins. Dann begab sie sich ins Wohnzimmer und fing an, hin und her zu gehen. Nein, so hatte da keinen Sinn. Hinsetzen, TV einschalten. Ablenken. Sie versuchte, sich auf die bewegten Bilder zu konzentrierten, doch nichts kam bei ihr an. Acht Uhr, sagte ihr ein weiterer Blick auf die Uhr. Eine Stunde totgeschlagen, kein Keanu. Das war ja nicht auszuhalten. Anrufen. Ja, sie konnte ihn doch anrufen, inzwischen hatte sie seine Nummer. Oder war das zu aufdringlich?

Ach was. Sie wollte nur seine Stimme hören, das reichte, um alles zu erfahren, was sie wissen musste. Nur seine Stimme, für ein paar Sekunden, das würde ausreichen. Helen nahm den Hörer ab und wählte. Am anderen Ende klingelte es: Einmal, zweimal, dreimal. Immer weiter, doch niemand ging ran. Zuhause war er also nicht, war er vielleicht schon zu ihr unterwegs und sie machte sich ganz umsonst Gedanken? Sie legte wieder auf und knetete ihre Hände. Dann versuchte sie es auf seiner Handynummer – ohne Erfolg. Wieder versuchte sie, sich vom Fernseher ablenken zu lassen, eine halbe Stunde lang. Viel länger konnte sein Weg zu ihr nicht dauern, oder? Nochmals ein Anruf auf sein Handy brachte nichts.

Verdammt nochmals, wo steckte der Mann denn bloß? Das war ja nicht mehr auszuhalten!
In der inzwischen dunklen Wohnung ging Helen wieder auf und ab und merkte erst nach einer weiteren halben Stunde, dass es kühl geworden war. Sie zog sich etwas wärmeres an und griff zum Hörer. Und bevor sie sich selbst stoppen konnte, bestellte sie sich ein Taxi. Aufdringlich hin oder her – sie musste zu Keanu. Eine weitere halbe Stunde später saß sie auf dem Rücksitz eines Oldsmobile, nannte dem Fahrer die Adresse und schickte ein Stossgebet zum Himmel. Hoffentlich war er zuhause. Sie musste ihn sehen, mit ihm reden. Und hoffentlich nahm er ihr das spontane Auftauchen nicht übel. Aber auch wenn nicht: Sie brauchte jetzt Gewissheit, sonst drehte sie noch durch.
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