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esbe
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Beitrag Verfasst am: 21.07.2010, 21:55    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 16


Sofort hockte Jo sich vor ihn und ergriff seine Hände. Sie fühlten sich eiskalt an. Er trug jetzt einen dunklen Anzug mit ebenso dunklem Hemd. Hose und Jacke waren schmutzig und das Hemd drei Knöpfe weit offen. Und sein Haar hing ihm wirr in die Stirn. Er war käseweiß. Aber das schlimmste waren seine Augen. Groß und dunkel und glasig und irgendwie ganz starr waren sie.
"Was ist passiert, Keanu? Was hast du?" fragte Jo endlich ängstlich.
Erst schien es ihr, als hätte er sie gar nicht gehört. Dann aber öffnete er mühsam seine Augen wieder, die er für einen kurzen Moment geschlossen hatte.
"Kopfschmerzen, ich habe so furchtbare Kopfschmerzen. Und mir ist übel. Ich glaube ich muss spucken. Ich ..." brachte er mühsam hervor und hielt sich die Hand vor den Mund, weil er tatsächlich würgen musste.
Dabei versuchte er aufzustehen, schaffte es aber nicht. Seine Knie gaben nach und er plumpste schwer zurück auf den Stuhl.
Aber Jo sprang schnell auf und holte die Schüssel, die sie am Nachmittag für die Wäsche benutzt hatte, erneut aus dem Schrank. Gerade noch rechtzeitig stand sie wieder neben Keanu und konnte ihm die Schüssel unterhalten. Dann erbrach er sich heftig.

Noch nie hatte Jo jemanden so schlimm spucken sehen. Immer und immer wieder würgte er, obwohl längst nichts mehr im Magen war. Und vor Anstrengung und Erschöpfung zitterte er am ganzen Körper. Schweiß stand ihm auf der Stirn und Jo litt so sehr mit ihm, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Zu gerne hätte sie irgendetwas getan, um es ihm zu erleichtern oder sogar zu beenden. Aber ihr fiel nichts ein. Statt dessen hielt sie die Schüssel nur mit einer Hand fest, um mit ihrer anderen beruhigend über seinen Rücken streichen zu können. Das ging aber auch nur, weil auch Keanu einen Arm um die Schüssel gelegt hatte, und sie so mit hielt.

Schließlich aber, nach einer unendlich langen Zeit wie es Jo schien, wurde es besser. Das Würgen ließ nach und hörte schließlich ganz auf. Jo wartete noch einen Moment und zog dann die Schüssel aus Keanus Arm und stellte sie zur Seite. Dann nahm sie auch die Hand von seinem Rücken und ging zum Schrank. Sie holte ein Handtuch heraus und machte es an einer Ecke mit etwas Wasser aus einer Flasche nass. Damit strich sie Keanu vorsichtig über die Stirn und dann über das ganze Gesicht. Er saß immer noch zitternd, mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf vor ihr und ließ es ohne eine weitere Regung geschehen.

Und während Jo noch einmal über seine Stirn strich, wurde ihr plötzlich bewusst, was für ein ekelhafter Geruch von der Schüssel ausging. Eben war ihr das nicht so aufgefallen, aber jetzt. Daher atmete sie einmal tief aus, nahm die Schüssel wieder auf und trug sie am langen Arm vor sich her. Sie öffnete die Tür und trat hinaus. Dann machte sie einige Schritte um das Haus herum und stellte die Schüssel ins Gras. Sie würde sich später darum kümmern. Sollte Keanu noch einmal spucken müssen, hatte sie zum Glück noch eine zweite Schüssel.

Sie drehte sich gerade wieder um, um in die Hütte zurückzukehren, da hörte sie ein lautes Stöhnen und sofort danach ein dumpfes Geräusch und ein Poltern. Sie rannte los und als sie durch die Tür kam, sah sie Keanu am Boden liegen. Neben ihm den umgekippten Stuhl. Er hatte sich auf der Seite zusammengerollt und hielt eine Hand an seinen Kopf und die andere an seinen Bauch gepresst. Sofort kniete sie sich neben ihn und sprach ihn an:
"Keanu?"
Sie war selbst erschrocken, wie fremd ihre Stimme klang und daher räusperte sie sich kräftig bevor sie noch einmal fragte:
"Keanu?"
Nichts geschah.
"Keanu, hörst du mich?"
Die einzige Antwort, die sie jetzt bekam, war ein leises Stöhnen. Und dieses Stöhnen klang so unendlich gequält, dass Jo's Herz sich zusammenzog. Wieder liefen ihr die Tränen aus den Augen und sie wischte sie ungeduldig weg.
"Keanu, bitte."
Keine Reaktion.
"Keanu!" Jetzt klang sie eindeutig angsterfüllt.
Und endlich regte Keanu sich. Er drehte sich etwas herum und sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. Dann nahm er seine Hand vom Kopf und hob sie zu ihrem Gesicht. Mit zittrigen Fingern wischte er die Tränen auf ihrer Wange weg.
"Nicht weinen, Jo" flüsterte er mit rauer Stimme.
"Oh, Keanu. Du machst mir Angst. Was hast du nur?"
"Ich habe...." weiter kam er nicht, denn wieder stöhnte er auf und rollte sich zurück auf die Seite.
Jo konnte sehen, wie er sich noch mehr verkrampfte und hörte, dass er dabei hart die Luft durch die Nase ausstieß. Sie saß völlig hilflos daneben und konnte sich nicht rühren.

Als Keanu dann aber versuchte, sich etwas aufzurichten, griff sie ihm doch unter die Arme und half ihm dabei. Als er endlich, in sich zusammengesunken, an ein Tischbein gelehnt dasaß, begann er wieder zu sprechen.
"Mein Kopf... er platzt gleich. Und mein Magen brennt wie verrückt. Ich bin so widerlich, Jo. Und so ein Idiot. Wie kann ich dir das überhaupt zumuten."
"Das ist doch nun egal. Ich rufe dir jetzt einen Arzt!"
"Nein, bitte nicht. Das darfst du nicht. Er würde dich sehen. Ich brauche keinen Arzt" meinte Keanu und kam etwas hoch.
"Doch, du...."
"Nein. Es wird bald wieder. Ich weiß das."
"Aber...?" versuchte Jo es noch einmal ängstlich.
"Versprich es mir, Jo. Bitte, keinen Arzt. Ich brauche nur etwas Zeit."
"Keanu ..."
Als Keanu aber schwach den Kopf schüttelte und noch einmal eindringlich:
"Versprich es mir" forderte, stimmte sie schließlich, noch immer zweifelnd, zu.
"Ok, ich verspreche es dir."
Beruhigt ließ er sich danach wieder zurücksinken.

"Dann müssen wir jetzt erst mal versuchen, was gegen deine Schmerzen zu tun. Ich werde dir einen Tee kochen. Vielleicht behälst du ihn bei dir. Und dann hole ich kaltes Wasser aus dem See. Damit kann ich dir kalte Umschläge machen. Beides lindert zumindest etwas."
"Danke" krächzte Keanu.
"Aber hier kannst du nicht sitzen bleiben. Du frierst ja fürchterlich. Meinst du, dass du es nach oben schaffst? Dort kannst du dich hinlegen und zudecken."
"Ich versuche es" meine Keanu und stemmte seine Hände auf den Boden und zog die Beine an. Aber er war so schwach, dass sein Körper ihm nicht gehorchen wollte. Nur mit Jo's Hilfe, die sich vor ihn stellte und an ihm zog, konnte er sich schließlich mühsam aufrichten. Als er endlich auf wackeligen Beinen vor ihr stand, legte sie seinen Arm um ihre Schultern und langsam gingen sie auf die Leiter zu. Keanu dort hoch zu bekommen, war fast unmöglich. Aber irgendwie hatten sie es dann doch geschafft und Keanu fiel wie ein nasser Sack auf die Matratze und schloss sofort die Augen. Jo zog ihm noch die Schuhe aus und auch die Jacke. Dann deckte sie ihn zu und betrachtete ihn.

Noch immer zitterte er. Er zitterte sogar so sehr, dass seine Zähne aufeinander schlugen. Und als er versuchte, die Decke noch fester um sich zu ziehen, legte Jo sich einfach neben ihn. Sie hob die Decke wieder an und schlüpfte mit darunter. Sie legte sich auf die Seite und ganz dicht neben Keanu und umarmte ihn ganz fest. So hoffte sie, etwas von ihrer Wärme an ihn abgeben zu können. Aber zuerst half es nicht. Dann aber merkte sie doch, dass sein Körper wärmer wurde. Und endlich hörte er auch auf zu zittern. Die ganze Zeit hatten sie nicht gesprochen und gerade wollte Jo aufatmen und Keanu ansprechen, da spürte sie, dass er regelrecht zu glühen begann. Unruhig warf er sofort die Decke von sich und stöhnte einmal laut auf. Dann lag er wieder ganz still. Innerhalb weniger Augenblicke war er schweißgebadet und sein Hemd klatschnass.

Als Jo dann auch noch versuchte, ihn anzusprechen und absolut keine Reaktion erhielt, fühlte sie sich so hilflos, dass sie einen Moment reglos neben ihm sitzen blieb und ihn nur anstarren konnte. Dann aber kam Leben in sie. Sie stieg schnell die Treppe herunter, nahm die andere Schüssel aus der Anrichte und rannte damit zur Tür. So schnell sie in der Dunkelheit konnte, lief sie zum See. Dort füllte sie die Schüssel mit dem kalten Wasser und rannte zurück. Im Vorbeigehen holte sie noch zwei Handtücher und zwei Waschlappen aus dem Schrank und stieg wieder die Leiter hoch. Es waren nur ganz wenige Minuten vergangen, aber wieder hatte Keanus Zustand sich geändert. Jetzt wälzte er sich ruckartig hin und her und nuschelte wirres Zeug.

Jo stellte das Wasser ab und kniete sich dann neben ihn. Sie öffnete sein Hemd ganz und zog ihm dann auch noch die schmutzige Hose aus. Das war sehr schwierig, aber sie schaffte es. Und als sie diese achtlos zu Seite warf, sah sie aus den Augenwinkeln, das etwas aus der Tasche fiel. Sie beachtete es aber nicht weiter, sondern nahm beide Handtücher und die Lappen und tauchte alles ins Wasser. Dann wrang sie die Handtücher etwas aus und wickelte sie um seine Waden. Einen Waschlappen legte sie auf seine Stirn und mit dem zweiten kühlte sie seinen Hals und seinen Oberkörper. Zuerst wehrte sich Keanu dagegen. In seinem Delirium versuchte er Jo abzuwehren, indem er nach ihr schlug. Aber es gelang ihm nicht. Jo wich seinen Händen geschickt aus und erneuerte immer wieder die Umschläge, wenn sie zu warm wurden.

So vergingen fast zwei Stunden. Während der Zeit konnte Jo kaum einen klaren Gedanken fassen. Sie stand riesen Ängste aus. Was war nur mit Keanu? Was, wenn er .... sterben würde? Nur weil sie keinen Arzt gerufen hatte. Aber sie hatte es ihm versprochen. War er überhaupt bei klarem Verstand gewesen, als er es sie hatte versprechen lassen? Aber er hatte gesagt, er wüsste, dass es bald besser werden würde. Aber wann bald? Sollte sie doch telefonieren? Oder sollte sie sich an das Versprechen halten? Mehrere Male war sie versucht, es nicht zu tun. Ein paar Mal war sie schon aufgestanden, um das Telefon aus seiner Jacke zu nehmen. Im letzten Moment ließ sie es aber immer wieder bleiben. Sie hatte es ihm doch versprochen. Oder? Aber nach endlos langer Zeit wurde Keanu dann tatsächlich langsam ruhiger. Sein Körper strahlte nicht mehr soviel Hitze aus und er lag nun fast still da. Aber noch immer redete er unverständliches Zeug. Ein paar Mal hörte Jo ihren Namen heraus, aber den Sinn seiner Worte verstand sie nicht. Und auf ihre Ansprache reagierte er auch noch nicht. Er hielt dann zwar kurz in seinem Gebrabbel inne, so als würde er lauschen, aber eine Antwort oder auch nur eine Reaktion, dass er sie wirklich verstanden hatte, bekam sie nicht. Und daher holte Jo noch einmal frisches Wasser und kühlte auch weiterhin seine Stirn und seinen Oberkörper.

Eine weitere Stunde später hatte er sich dann endgültig beruhigt und lag nun völlig still im Bett. Seine Temperatur war etwas gesunken, und sie hoffte, dass er das Schlimmste, was auch immer das gewesen war, überstanden hatte. Und erst als es an ihrem Kinn kitzelte, bemerkte sie, dass ihr wieder die Tränen übers Gesicht liefen. Als sie sich daher kurz abwandte, um nach einem Taschentuch zu greifen, schlug Keanu die Augen auf. Er seufzte leise auf, als er Jo neben sich sitzen sah, und sofort drehte sie sich wieder zu ihm um.
Sie sah auf ihn herunter und wie schon vorhin, hob er wieder seine linke Hand und wischte mit seinem Daumen über ihre rechte Wange.
"Nicht weinen, Jo" flüsterte er noch einmal leise und versuchte zu lächeln.
Aber mit diesen drei Worten erreichte er bei Jo das genaue Gegenteil. Sie schluchzte vor Erleichterung auf und die Tränen begannen wieder zu fließen. Das war ihr jedoch egal und sie hätte eh nichts dagegen tun können.

Sofort schob Keanu seine Hand in ihren Nacken und zog sie sanft zu sich herunter und ließ sie weinen. Sie legte ihren Kopf in seine Halsbeuge und seine Hand ruhte auf ihrem Rücken. Er war zu schwach, um sie zu streicheln, aber das war auch gar nicht nötig. Nur die Berührung allein tat ihr schon so gut, und schnell beruhigte sie sich. Daher setzte sie sich nach wenigen Minuten bereits wieder auf und putzte sich die Nase. Dann sah sie Keanu an. Er war noch immer sehr blass. Seine Augen waren zwar nicht mehr ganz so glasig und starr, aber die Pupillen noch immer geweitet.
"Wie geht es dir jetzt. Sind die Schmerzen besser?"
"Ja, etwas. Danke, Jo."
"Du hast mir eine verdammte Scheißangst eingejagt, Keanu. Weißt du das?"
"Das wollte ich nicht, entschuldige" antwortete der so leise, dass Jo ihn kaum hören konnte und gleich darauf schloss er seine Augen wieder.

Eigentlich hatte Jo ihn so viel fragen wollen. Warum er zu ihr gekommen war und nicht zu Freunden gefahren war. Und wie er es überhaupt geschafft hatte, den Weg in seinem Zustand zu finden und zu gehen. Obwohl er, wenn sie seine Kleidung betrachtete, die auf dem Boden neben der Matratze lag, wohl eher gekrochen sein musste. Und als sie so auf die Kleidung schaute, fiel ihr auf, dass etwas gelbes halb verdeckt darunter auf dem Boden lag. Und jetzt fiel ihr auch wieder ein, dass vorhin etwas aus der Hosentasche gerutscht war. Sie beugte sich also vor und griff danach, um es wieder in die Tasche zurückzustecken, damit Keanu es dort später auch wiederfand. Als sie es dann aber in der Hand hielt, starrte sie das Ding an. Es war ein Kondom. Unbenutzt zwar, obwohl die Verpackung bereits fast ganz aufgerissen war. Gedankenverloren betrachtete Jo es. Die Verpackung war quitsch-gelb. Und an der Aufschrift konnte sie erkennen, dass es mit Bananen-Aroma war. Und plötzlich wurde ihr so einiges klar. Sie wusste nicht genau wieso, aber sie war sich sicher, dass Keanu seine Filmpartnerin von damals auf der Party getroffen hatte. Und er hatte vorher gewusst, dass sie dort sein würde. Darum auch sein Spruch, dass sie, Jo, auf ihn aufpassen könnte, wenn sie ihn begleiten würde. Also hatte er geahnt, was passieren könnte. Und was dann wohl auch passiert war. Denn er hatte tatsächlich wieder irgend so ein Zeug geschluckt. Daher auch die geweiteten Pupillen. Wieso war ihr das nicht vorher auf- und eingefallen. Wahrscheinlich, weil sie zu geschockt gewesen war. Aber nun hatte sie es begriffen. Scheinbar konnte er der Frau nicht widerstehen. Wahrscheinlich bedeutete sie ihm doch noch etwas, und er wollte ihr gefallen. ... und mit ihr diese besondere Art Sex haben? Auch wenn er das Gegenteil behauptet hatte. Tja, es musste wohl so sein. Aber irgendwas war dann gewaltig schief gelaufen .....

Und noch während sie das dachte, hob sie ihren Blick und schaute auf Keanu. Der lag dort .... und sah auch sie an. Und soweit sie das im Licht der Petroleumlampe sehen konnte, meinte sie trotz seiner unnatürlichen Blässe, eine ganz leichte Röte auf seinen Wangen zu erkennen. Und seine Augen blickten unglaublich traurig. Beide sagten sie nichts und nach einer Weile steckte Jo das Kondom dann endlich in seine Hosentasche zurück.
"Jo, ich..."
"Ich hole dir jetzt erst mal was zu trinken. Du musst durstig sein" unterbrach sie ihn. "Kann ich dich einen Moment alleine lassen?"
"Ja."
"Wirklich?"
"Ja, es geht schon wieder. Aber ..."
"Gut, bin gleich wieder da." meinte Jo nur kurz und ging nicht weiter auf ihn ein. Sie nahm die Schüssel mit dem inzwischen ziemlich warmen Wasser und stieg dann die Treppe herunter, um Tee zu kochen. Keanu versuchte nicht, sie aufzuhalten.

Als sie wieder nach oben kam, dachte sie, er würde schlafen. Er hatte seine Augen geschlossen und atmete gleichmäßig. Daher stellte sie die Schüssel mit neuem, kaltem Wasser leise auf den Boden und hob seine schmutzigen Klamotten auf. Mit ihnen im Arm stieg sie noch einmal nach unten, um den Tee zu holen. Dabei bemerkte sie den Geruch, der besonders von seinem Jackett ausging. Ein schwerer, blumiger Geruch. Frauenparfüm, eindeutig. Und eine Welle der Übelkeit überkam sie. Das war sicher ihr Geruch. Ekelhaft, dachte Jo. So ekelhaft, dass sie die Sachen kurzerhand nach draußen vor die Tür warf.

Als sie dann erneut zurückkam, hatte Keanu seine Augen wieder geöffnet und sah sie an. Sie setzte sich auf den Rand der Matratze und holte den Waschlappen aus dem kalten Wasser und wrang ihn etwas aus. Dann legte sie ihn Keanu auf die Stirn. Sofort schloss er seine Augen wieder und seufzte auf.
"Danke."
"Ok, schon gut" nickte sie. "Magst du dich jetzt etwas aufsetzten und von dem Tee trinken? Oder noch nicht?" wollte sie dann wissen.
"Doch, gerne."
Mühsam stützte er sich daher erst auf einen Ellenbogen und setzte sich dann ganz auf. Das nasse Tuch gab er Jo, die es ins kalte Wasser zurück tat. Nachdem er gierig fast den ganzen Becher ausgetrunken hatte, ließ er sich sofort wieder müde nach hinten sinken und Jo legte ihm das Tuch zurück auf die Stirn. Und immer wenn es zu warm wurde, nahm sie es und erneuerte es. So verging eine weitere halbe Stunde, während der sie beide nicht sprachen.
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Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-
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Beitrag Verfasst am: 24.07.2010, 17:15    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 17



Langsam wurde es heller im Raum. Die Sonne ging auf und Jo konnte durch das kleine runde Fenster immer deutlicher den Himmel erkennen. Keine Wolken waren zu sehen und sicher würde es wieder ein warmer, sonniger Tag werden. Das Petroleum in der Lampe, die während der ganzen Zeit ein einigermaßen helles Licht verbreitet hatte, neigte sich auch langsam dem Ende zu. Und da die Lampe den Fehler hatte, dass sie dann nicht einfach ausging, sondern auch noch den Docht bis zum letzten Rest verbrannte, lehnte Jo sich vor, um sie zu löschen. Keanu lag völlig ruhig und schien zu schlafen. Aber gerade in dem Moment, als Jo sich vorbeugte, bewegte auch Keanu seinen Arm und Jo stieß leicht dagegen. Sofort hielt sie in der Bewegung inne, weil sie dachte, dass sie ihn jetzt geweckt hatte. Aber er rührte sich nicht mehr und daher schob sie ihre Hand noch ein Stück weiter vor und drehte solange an dem kleinen Rädchen an der Seite der Lampe, bis die Flamme in der Flüssigkeit erstickte. Danach setzte sich wieder zurück. Und noch während sie dies tat, sah sie auf Keanu herunter. Der hatte seine Augen geöffnet und blickte ihr von unten herauf direkt ins Gesicht.
"Oh, jetzt habe ich dich doch geweckt. Das wollte ich nicht. Entschuldige."
"Nein, hast du nicht. Ich war die ganze Zeit wach. Ich bin nur so furchtbar schlapp und mag mich kaum bewegen. Wie spät ist es denn überhaupt? Es wird ja schon hell."
"Es ist gleich 6 Uhr."
"Meine Güte. Wann bin ich denn hergekommen?"
"Ich weiß nicht ganz genau. So um halb 2."
"Du musst hundemüde sein, Jo."
"Es geht so. Aber das ist doch jetzt nicht so wichtig. Hauptsache, dir geht es besser. Geht es dir besser?"
"Das tut es, ja."
"Gut."

Einen Moment sagte keiner was. Dann fing Keanu wieder an:
"Jo?"
"Ja."
"Ich möchte dir gern sagen, was geschehen ist."
"Und wenn ich es gar nicht hören möchte? Was dann?"
"Bitte lass mich erzählen."
"Ich möchte das aber nicht, Keanu."
"Du denkst, ich habe wieder Drogen genommen, oder?"
"Hast du nicht?"
"Doch, aber..."
"Aha, siehst du" unterbrach Jo ihn. "Und genau damit will ich nichts zu tun haben. Du musst es mir nicht erklären und du musst dich auch nicht rechtfertigen. Denn es geht mich absolut nichts an."
Hier verstummte sie. Nur um gleich darauf hinzuzufügen:
"Mensch Keanu. Ich dachte, du stirbst. Ich hatte echt Angst um dich."
"Unkraut vergeht nicht so schnell."
"Jetzt mach nicht auch noch Witze darüber. Ich meine das völlig ernst. Nochmal möchte ich das nicht erleben."
"Das kann ich verstehen."
"Wenn dir auf dem Weg hier her was passiert wäre. Es hätte Tage dauern können, bis ich dich gefunden hätte. Warum zum Kuckuck, hast du dich nicht ins Krankenhaus bringen lassen?"
"Ja, ins Krankenhaus" Keanu schnaufte verächtlich durch die Nase. "Die Schlagzeilen hätte ich lesen mögen. Mit schön großen Fotos dabei. Nein danke. Es reicht schon völlig, was sonst so über mich geschrieben wird."
"Dann mach sowas nicht. Dann brauchst du dir darüber, dass dich jemand dabei sehen könnte, keine Gedanken machen."
"Das ist ganz einfach, nicht wahr?"
"Keine Ahnung. Ist es das nicht?"
Auf diese Frage ging Keanu nicht ein. Statt dessen wollte er wissen:
"Dann darf ich nächstes Mal, wenn es mir schlecht geht, nicht mehr herkommen, Jo? Oder darf ich sowieso nicht wiederkommen?"

Dabei schaute Keanu sie aus jetzt viel klareren Augen bittend an. Und Jo schoss durch den Kopf, dass er also schon mit einem "nächsten Mal" rechnete? Das machte sie tatsächlich wütend. Sehr wütend sogar. Und mit zusammengekniffenen Augen öffnete sie schon den Mund, um ihm zu sagen, dass er sich dann, verflixt nochmal, jemand anders suchen müsste. Dass sie dann auf keinen Fall wieder zur Verfügung stehen würde. Fotos und Schlagzeilen hin oder her. Aber sie brachte es nicht heraus. Statt dessen drangen seine letzten Worte zu ihr durch und sie runzelte die Stirn und schloss kurz die Augen. So konnte sie nicht sehen, dass Keanu ängstlich ihr Mienenspiel beobachtete.

Noch mit geschlossenen Augen fing sie dann wieder an zu sprechen. Ganz leise waren ihre Worte und Keanu musste genau hinhören, um sie zu verstehen.
"Oh, Keanu. Doch! Mist. Doch, ich werde dir wieder helfen. Ich weiß nicht genau wieso, aber ich werde es tun."
Als sie die Augen nun wieder öffnete, konnte Keanu sehen, dass alle Wut daraus verschwunden war. Statt dessen blickte sie ihn traurig an.
"Ich möchte doch gerne wissen, was passiert ist. Du hast sie auf der Party getroffen, oder?"
"Ja. Ich wusste vorher, dass sie da sein würde."
Jo nickte.
"Das habe ich mir gedacht. Erzähl mir, was geschehen ist."
"Wirklich?"
"Ja ... nein! Ach verflixt ... doch."
"Es ist mir wirklich wichtig, dass du es weißt."
"Ja? Hm..."
Dann atmete sie einmal tief ein und nickte:
"Ok, dann los."
"Danke" meinte Keanu und rappelte sich wieder etwas hoch.
Jo erkannte seine Absicht und half ihm, indem sie das Kopfkissen unter ihm hervorzog und festhielt, während Keanu sich an der Wand dagegenlehnte. Dass sein Hemd noch immer weit offen stand und er auch ohne lange Hose, also nur in Unterhose vor Jo saß, schien ihn nicht zu stören. Leicht hätte er die Decke zu sich heranziehen können. Aber er blieb einfach so sitzen und zeigte keinerlei Verlegenheit. Und Jo störte es auch nicht. Die ganze Nacht hatte sie seinen Körper so vor sich gesehen. Das hatte ihr ein gewisses Gefühl der Vertrautheit gegeben.

"Ich bin von hier direkt zu meinem Haus gefahren und habe schnell geduscht. Ich war ziemlich spät dran und hatte daher nicht mehr viel Zeit. Und als ich mich dann angezogen habe, fingen die Kopfschmerzen an. Diese besondere Art von Kopfweh, die hinter den Augen beginnt und von da überall hin ausstrahlt. Bis in den Nacken hinein. Und weil ich mich nicht hinlegen konnte, habe ich zwei Kopfschmerztabletten genommen und bin losgefahren. Ich wollte mich dort sehen lassen, mit den Leuten, die mich erwarteten, sprechen und so schnell wie möglich wieder verschwinden. Trinken wollte ich wegen der Tabletten nichts. Oder zumindest nicht viel. Ein oder zwei Glas Sekt vielleicht. Da kommt man beim Empfang ja immer nicht drum herum. Aber sonst wollte ich mich wirklich zurückhalten. Ich wollte eben so schnell wie möglich wieder nach Hause, weil ich über einiges nachzudenken hatte und meine Ruhe haben wollte."
Hier verstummte Keanu einen Moment. Jo sagte nichts dazu. Als Keanu sich etwas zu Seite lehnte und nach der Teetasse griff, die noch immer auf dem Boden neben ihm stand, nahm Jo sie auf und gab sie ihm. Er trank den Rest aus und behielt die leere Tasse dann in der Hand.

"Soviel zu dem, was ich wollte. Und am Anfang hat es auch super funktioniert. Die Kopfschmerzen wurden zwar nur ganz langsam besser, aber trotzdem habe ich mich eigentlich recht gut unterhalten. Sie war schon da als ich kam, aber gesprochen hatten wir bis dahin noch nicht miteinander. Nur ein 'Hallo' haben wir uns über die Köpfe der Anderen hinweg zugewunken und dann habe ich sie ignoriert."
"Aber das hat nicht lange geklappt?" fragte Jo, als Keanu wieder eine Pause machte.
"Nein. Wenn sie sich mal was in den Kopf gesetzt hat..... "
"Tja...und wenn du da mitmachst...."
"Aber das habe ich ja nicht, Jo."
"Nein?"
"Nein! Sie kam dann zu mir und hat sich mit mir unterhalten. Zuerst noch ganz normal über alles Mögliche. Dann über den Film, den wir gemacht haben und über die Promo-Tour, die bald für uns zusammen ansteht. Schon dabei stand sie ganz dicht neben mir und kam immer noch dichter. Und irgendwann ist sie dann ziemlich deutlich geworden. Sie hat mich gebeten, sie nach Hause zu fahren. Und mich mit einem Zwinkern auf ein Glas Wein eingeladen. Dabei hat sie zu laut und zu albern gelacht und es war mir sowas von zuwider. Aber ich konnte sie nicht loswerden. Sie hing an mir wie eine Klette. Sie hat es sogar geschafft, dass meine Kopfschmerzen wieder stärker wurden."

Hier schloss Keanu kurz seine Augen und stöhnte leise auf.
Sofort fragte Jo besorgt:
"Wird es jetzt auch wieder schlimmer?"
"Ja."
"Dann hör auf, Keanu. Leg dich wieder hin und ruh dich aus."
"Nein, später. Jetzt bin ich angefangen. Nun sollst du erst alles wissen."
Als Jo nickte, fuhr er fort:
"Sie hing also, wie schon gesagt, an mir wie eine Klette. Und weil mir das alles wirklich zuviel wurde, habe ich gesagt, ich müsste jetzt gehen und habe mich von ihr verabschiedet. Ich habe den Gastgeber gesucht und bin danach noch mal auf die Toilette. Scheiße! Wäre ich bloß direkt zur Tür. Denn als ich wieder heraus kam, stand sie dort. Mit zwei Gläsern in der Hand. Ein kleiner Abschiedsdrink, wie sie meinte. Ich Idiot habe nicht nein gesagt. Wir haben angestoßen und ich habe in einem Zug ausgetrunken."

Die ganze Zeit, während er sprach, hatte er die leere Tasse nervös in seinen Händen gedreht. Jetzt aber lagen sie still in seinem Schoß. Er sah Jo nicht mehr an, sondern blickte durch sie hindurch auf irgendetwas, dass nur er sehen konnte. Jo beobachtete ihn dabei und sie konnte genau erkennen, wann er zu ihr zurückkehrte. Denn sein Blick veränderte sich wieder und wurde klarer. Jetzt sah er sie wieder an und seine Augen hielten ihre fest. Sie musste einmal schlucken, denn nun würde sie das erfahren, was sie eigentlich gar nicht wissen wollte. Aber sie hatte sich entschieden, ihm zuzuhören. Also wollte sie dies auch bis zum Schluss tun. Egal wie weh es ihr tun würde.

"Wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann weiß ich, dass der Drink bitter geschmeckt hat. Aber
zu dem Zeitpunkt habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich wollte nur so schnell wie möglich da raus. Aber ich habe es nicht weit geschafft. Mir wurde fast augenblicklich ... ja wie eigentlich? Ganz merkwürdig, auf alle Fälle. Mein Kopf war wie in Watte gepackt. Das Licht und alle Farben waren plötzlich so grell, während die Geräusche um mich herum nur noch dumpf und irgendwie ein bisschen undeutlich waren. Und es fühlte sich auf einmal gut an, dass sie mich umarmte. Ihre Hände waren auf meinem Rücken, auf meiner Brust und auch zwischen meinen ...."
"Keanu!" unterbrach Jo ihn laut. "Kannst du die allzu deutlichen Einzelheiten bitte für dich behalten. Ich habe genug Fantasie, um es mir auch so vorzustellen. Bitte" bat sie ihn und er konnte an ihren traurigen Augen sehen, dass es ihr schwerfiel, ihm zuzuhören. Um so dankbarer war er ihr, dass sie es dennoch tat.

"Und plötzlich wollte auch ich sie umarmen. Ich wollte mit ihr..." hier stockte er wieder kurz. ..."na du weißt schon. Wir standen in einer Ecke des ziemlich dunklen Flures und niemand beachtete uns. Sie hatte angefangen mein Hemd aufzuknöpfen und ich ihre Bluse... Hm... und dann hat sie dieses Kondom aus der Tasche gezogen und es langsam und aufreizend aufgerissen. Sie hat es mir erst vor die Nase gehalten und hin und her geschwenkt. Ich konnte es riechen."
Hier schüttelte er sich kurz.
"Sie hat es in meine Hosentasche gesteckt und gemeint, das wäre für gleich. Dann hat sie eine Tür aufgemacht und mich in einem kleinen Raum gedrängt. Aber bevor sie die Tür schließen konnte, habe ich....." wieder verstummte er.
Und als er auch nach einigen Sekunden nicht weitersprach und wieder ins Leere schaute, fragte Jo:
"Was hattest du da, Keanu?"
Sofort sah er sie wieder an.
"Kennst du Chris Rea, Jo?"
"Ja" sagte Jo erstaunt. "Warum?"
"Weil genau in dem Moment, als sie die Tür zumachen wollte, das Lied von Chris Rea gespielt wurde."
Leise begann er zu singen:

"There's rain on my window,
but I'm thinking of you.
Tears on my pillow,
but I will come through.
Josephine I'll send you all my love
and every single step I take
I'll take for you.
Josephine I'll send you all my love .... "


Er verstummte und sprach dann wieder.
"Und sofort hat sich alles verändert. Plötzlich war all das so falsch. So furchtbar falsch und ekelhaft. Mir wurde übel. Von dem Zeugs in dem Drink und von dem Gedanken daran, was ich beinahe getan hätte. Dann habe ich sie weggeschubst und bin regelrecht geflüchtet. Ich bin zu meinem Auto gerannt. Da fing es schon an, dass es mir immer schlechter ging. Aber irgendwie konnte ich doch noch fahren. Ich weiß noch, dass ich den Wagen in die Parkbucht gestellt habe. Wie ich allerdings im Dunkeln den Weg hier her zu dir gefunden habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich unbedingt zu dir wollte. Unbedingt. Egal wie. Das war das Einzige, was noch zählte. Das Einzige, was wichtig war. Und ich habe es geschafft... "

Die letzten Worte hatte Keanu ganz leise gesprochen. Seine Kraft schien aufgebraucht zu sein und er schloss für einen Moment die Augen und rutschte ein Stück tiefer. Jo starrte auf die Wand hinter ihm und konnte nicht glauben, was sie da gehört hatte. Doch, glauben tat sie ihm. Nicht eine Sekunde zweifelte sie daran, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Aber sie verstand nicht, wie jemand so etwas tun konnte. Sie verachtete diese Frau so sehr dafür. Abgrundtief! Was war sie nur für ein Mensch, dass sie Keanu so etwas antat. Nur um ihre eigenen Bedürfnisse kurzzeitig zu befriedigen. Und bei diesen Gedanken lief eine Träne über ihre Wange.

"Du glaubst mir nicht, Jo" stellte Keanu fest, der ihren Gesichtsausdruck völlig falsch gedeutet hatte. "Ich verstehe das."
Er hatte die Abscheu, die er in ihrem Blick gesehen hatte, auf sich bezogen und sein Herz hatte sich dabei schmerzhaft zusammengezogen. Er sah die Träne und kam sich wie das Allerletzte vor. Übelkeit stieg wieder in ihm hoch. Aber konnte er ihr verdenken, dass sie ihm diese Geschichte nicht abnahm? Nein. Sie klang wirklich zu fantastisch, um wahr zu sein.

Bei seinen Worten blickte Jo ihn wieder an. Und wieder sah sie nur seine traurigen Augen. Und ohne zu überlegen, beugte sie sich vor und legte sich an seine Brust. Sie schmiegte sich an ihn und hielt seinen Oberkörper mit ihrer rechten Hand an sich gedrückt. Auch er umschlang sie sofort mit seinen Armen und presste seine Wange an ihr Haar.
"Natürlich glaube ich dir, Keanu" schniefte Jo. "Das ist ja schrecklich. Wie konnte sie nur sowas tun?"
"Ich weiß es nicht. Aber ich will es auch gar nicht wissen. Und es war das letzte Mal, dass ich so blöd war, auch nur mit ihr zu sprechen. Sie ist für mich gestorben. Ein für alle Mal."
"Wird das denn gehen? Ihr müsst doch immerhin bald den neuen Film zusammen vorstellen."
"Es wird gehen, glaube mir. Dafür sorge ich. Danke, dass du mir glaubst, Jo."
"Mmmm... Jetzt bin ich froh, dass ich dir zugehört habe."
"Ja, ich auch. Aber was mich beschäftigt und mir Angst macht...."
"Ja?"
"Was wäre gewesen, wenn ich das Lied nicht gehört hätte, Jo? Wie weit wäre ich gegangen? Hätte ich mit ihr geschlafen?"
"Das weiß ich nicht, Keanu. Was meinst du?"
"Ich hoffe nicht."
"Ich finde es sowieso 'n Ding, dass dich das Lied, oder wahrscheinlich mein Name in dem Lied, davon abgehalten hat. Wenn du es wirklich gewollt hättest, ich meine so richtig wirklich, dann hätte das nichts genützt. Dann hättest du es getan. So aber hat dein Unterbewusstsein sicher die ganze Zeit gewusst, dass es nicht ok ist und brauchte nur einen kleinen Anstoß, um dein normales Empfinden wieder an die Oberfläche kommen zu lassen. Aber auch ohne Lied hättest du es nicht gemacht, Keanu. Da bin ich sicher."
"Hm...kann sein."
"Bestimmt. Ui... bin ich schlau. Freud lässt grüßen."

Der Gedanke, dass es wirklich so gewesen sein könnte, beruhigte Keanu etwas. Und um es noch bequemer zu haben, rutschte er noch etwas weiter herunter und lag nun wieder waagerecht. Noch immer hielt er Jo im Arm und auch sie löste sich nicht von ihm. So hingen sie beide ihren Gedanken nach. Und als Jo dann wenig später ganz gleichmäßig atmete, wusste Keanu, dass sie eingeschlafen war. Daher nahm er mit einer Hand die Decke auf und zog sie über sie beide. Auch er versuchte noch etwas zu schlafen, aber es gelang ihm nicht. So lag er dort in der Stille und schaute zu, wie es immer heller und heller wurde.
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Beitrag Verfasst am: 26.07.2010, 22:17    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 18


Keanu wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als er leise sein Handy klingeln hörte. Es kam von unten und ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es inzwischen nach 10 war. Mist. Also war er doch eingeschlafen. Jo schien das Klingeln nicht gehört zu haben, denn sie lag noch immer friedlich neben ihm und rührte sich nicht. Daher hob er vorsichtig die Bettdecke auf seiner Seite an und stand langsam auf. Trotzdem wurde ihm schwindelig und er musste sich einen Moment an der Dachschräge abstützen, um nicht umzufallen. Als es wieder besser wurde, stieg er mit Beinen, die sich ein bisschen wie aus Gummi anfühlten, die Leiter herunter.

Und obwohl er für das alles ziemlich lange gebraucht hatte, hörte das Klingeln nicht auf. Und genau aus dem Grund wusste er schon wer das war, noch bevor er das Telefon, dass neben seiner Brieftasche auf dem Tisch lag, in der Hand hielt. Als er es endlich erreicht hatte, drückte er auf die Annahmetaste und meldete sich, ohne einen Blick auf das Display geworfen zu haben, mit:
"Hi, Mom."
"Keanu!" kam es sofort entrüstet vom anderen Ende. "Ich steh hier seit 10 Minuten vor der Tür und klingel und klingel. Mach gefälligst endlich die Tür auf."
"Oh, Mom. Ich bin nicht zu Hause."
"Wie bitte? Wir sind um 10 bei dir zum Frühstück verabredet. Und du bist nicht mal hier?"
"Nein, entschuldige. Es ist was dazwischen gekommen. Tut mir wirklich leid."
"Es tut dir also leid. Na das ist ja auch das Mindeste. Wo steckst du denn."
"Ich bin ... äh...."
"Bei einer Frau nehme ich an. Du hast mich bis jetzt zwei Mal versetzt. Und jedes Mal steckte da eine Frau dahinter."
"Ja, ich bin bei einer Frau. Du hast recht."
"Keanu, also wirklich!"
"Aber es ist anders als du denkst."
"Anders? Woher weißt du, was ich denke? Aber, ich versteh dich so schlecht. Du bist zu leise. Sprich bitte etwas lauter."
"Das geht nicht. Sie schläft noch und ich möchte sie nicht wecken."
"Keanu!" bekam er sofort wieder zu hören.
Er mochte es nicht, wenn sie seinen Namen so aussprach. So anklagend und auch ein bisschen schnippisch.
"Es macht dir nichts aus, deine Mutter stehen zu lassen? Aber diese, diese Frau willst du nicht wecken? Wie überaus rücksichtsvoll von dir."
"Mom, es tut mir wirklich leid. Lass uns doch bitte gleich was Neues ausmachen. Das werde ich dann auch ganz bestimmt nicht vergessen."
"Nein, nein, lass mal. Wenn du zu beschäftigt bist, will ich dich nicht drängen."
"Ach, Mom. Das stimmt doch nicht. Wann passt es dir?"
"Ich weiß noch nicht. Ruf mich morgen noch mal an, dann sage ich es dir."
"Ok, wie du willst" meinte Keanu und rollte mit den Augen.
"Ich werde jetzt zu Roberta fahren und mit ihr frühstücken. Siiiie hat bestimmt Zeit für mich."
"Ja mach das, Mom. Bis morgen dann" aber das hörte seine Mutter schon nicht mehr.
Sie hatte das Gespräch bereits unterbrochen.

"Ärger?" fragte Jo plötzlich hinter ihm.
Und als er sich umdrehte war er erstaunt, dass sie nur wenige Schritte von ihm entfernt stand. Er hatte sie nicht kommen hören.
"Ich war mit meiner Mutter um 10 zum Frühstück verabredet."
"Tja, das schaffst du nun wohl nicht mehr" meinte Jo und schaute auf ihre Uhr. "Ist sie sehr sauer?"
"Geht so. Sie beruhigt sich schnell wieder."
"Ja? Aha. Und danke, dass du mich nicht wecken wolltest. Aber das wäre nicht nötig gewesen."
"Du hast es gehört?"
"Ja, entschuldige. Aber hier in dieser Hütte ist es schwer, etwas nicht zu hören, wenn es mit einigermaßen normaler Lautstärke gesprochern wird. Wie geht es dir?"
"Viel besser. Kopfschmerzen habe ich noch, aber nicht mehr so schlimm. Und mein Magen hat sich beruhigt."
"Prima."
"Wo sind denn meine Sachen?" fragte Keanu nun und sah sich suchend um.
"Äh ... sie rochen so komisch ... nach Parfüm und so. Da habe ich sie einfach vor die Tür geworfen" meinte Jo kleinlaut. "War wohl nicht so gut, was? Der Anzug war bestimmt sauteuer, oder?"
Keanu konnte nicht anders, er musste lachen.
"Das macht überhaupt nichts."
"Aber ich kann ihn dir nicht bezahlen. Ich habe nämlich nur noch genau 23,70 $."
"Wie? Ist doch nicht deine Schuld. Wahrscheinlich war er eh nicht mehr zu retten."
"Tja, der Arme" meinte Jo gespielt traurig. "Aber immerhin habe ich noch dran gedacht, dein Handy und die Papiere rauszunehmen, bevor ich ihn weggepfeffert habe."
"Kluges Kind."
"Nicht wahr" grinste Jo. "Aber den Anzug brauchst du ja gar nicht. Du hast doch noch die Jeans und das T-Shirt hier. Die kannst du wieder anziehen. Ich hab sie gewaschen, getrocknet und zusammengelegt. Nur Bügeln konnte ich sie nicht. Bügelfalte ist also leider nicht."
Keanu sah sie aus großen Augen an.
"Jeans mit Bügelfalte? Uhhhhh....! Aber du hast meine Sachen gewaschen? Warum?"
"Warum nicht? Ich habe doch Zeit genug. Musst du denn schon wieder los?"
"Für einen gemütlichen Kaffee habe ich noch Zeit. Aber dann... ja leider."
"Tja, ok. Und nun? Wirklich Kaffee oder doch lieber Tee, Keanu?"
"Nein Kaffee, bitte."
"Gut, wie du meinst" antwortete Jo.
Bevor sie ihn aber kochte, holte sie noch Keanus Sachen hervor, damit er sich anziehen konnte.

Das bereitete ihm dann allerdings doch mehr Schwierigkeiten, als er gedacht hatte. Als er versuchte auf einem Bein zu stehen, um mit dem anderen in die Hose zu steigen, merkte er, dass zwar zwei Gummi-Beine ihn durchaus tragen konnten. Eins jedoch nicht. So kam er ins Wanken und konnte sich gerade noch an einer Stuhllehne festhalten, sonst wäre er doch noch gefallen. Sofort stand Jo neben ihm und griff ihm helfend unter die Arme.
"Komm, setz dich" meinte sie zu ihm. "Ich helfe dir beim Anziehen."
Ohne zu zögern, kam Keanu dieser Aufforderung nach. Noch nie hatte er sich von einer Frau seine Hosen anziehen lassen. Nein, das stimmte nicht. Damals im Krankenhaus, nach dem Motorradunfall hatte ihm die Krankenschwester einige Male geholfen. Und es hatte etwas Entwürdigendes gehabt. Bei Jo aber kam es ihm nicht so vor. Er hielt ihr, als er saß, ganz selbstverständlich seine Füße hin und Jo streifte die Hose darüber. Als er dann aufstand, zog Jo die Hose bis zu seinen Oberschenkeln hoch. Dann konnte er sie selbst erreichen, ohne sich bücken zu müssen, und gleich darauf schloss er sie. Dann setzte er sich wieder hin, streifte das Hemd ab und schlüpfte in sein T-Shirt.

Das Hemd lag dabei auf seinem Schoß. Er nahm es wieder in die Hand und roch daran. Als er dabei das Gesicht verzog, nahm Jo es ihm ab und schüttelte den Kopf.
"So ist es nun mal, wenn man schwitzt. Was riechst du noch daran?"
"Wie konntest du es aushalten, in meinem Arm zu liegen?"
"Meine Nase lag mehr an deiner Brust. Und die war absolut ok" versicherte Jo ihm und grinste.
"Aha, dann ist ja gut" meinte er und sah sie trotzdem etwas verlegen an.
"Hast du vielleicht eine Tüte, damit ich alles da rein tun kann?"
"Klar" antwortete Jo und kramte eine aus dem Schrank hervor.
Sie gab sie Keanu und stellte dann die dampfenden Kaffeebecher auf den Tisch.
Sie ließen sich Zeit dabei und Keanu ging es von Minute zu Minute besser. Essen wollte er jedoch nichts. Als er dann aufbrechen musste, begleitete Jo ihn zum Auto. Er war doch noch etwas wackelig auf den Beinen und so hatte Jo ihn wieder untergehakt. Zwar hätte sie ihn nicht halten können, wäre er wirklich gefallen, aber stützen konnte sie ihn immerhin schon. Einige Male blieben sie auch stehen, damit Keanu sich etwas ausruhen konnte. Der Weg strengte ihn sehr an und er atmete schwer, als sie endlich wohlbehalten beim Auto ankamen.

Müde lehnte er sich sofort gegen die Fahrertür und schloss kurz seine Augen. Jo nahm ihm den Schlüssel aus der Hand und öffnete das Auto. Dann ging sie drumherum und legte die Tüte mit seinem Anzug in den Fußraum vor dem Beifahrersitz. Mit Schwung warf sie die Tür wieder zu und kam zu Keanu zurück. Der stand noch genau wie vorher da und versuchte, seine Atmung in den Griff zu bekommen. Er war wieder sehr blass, und die dunklen Ränder um die Augen schienen noch eine Spur dunkler geworden zu sein. Daher machte Jo noch zwei weitere Schritte und blieb dann ganz dicht vor ihm stehen. Sie hob ihre rechte Hand und strich ganz sanft mit ihrem Zeige- und Mittelfinger über seine linke Augenbraue und dann über sein Auge. Sofort seufzte Keanu auf und griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. Mit noch immer geschlossenen Augen zog er sie zu seinem Mund und küsste die Fingerspitzen, die ihn eben gestreichelt hatten. Dann öffnete er seine Augen wieder und sah sie an.
"Danke, Jo."
Jo nickte:
"Am liebsten würde ich dich nicht gehen lassen. Wenn du jetzt wieder in deine Welt da draußen fährst und deine ganzen Termine wahrnehmen musst, wirst du sicher nicht viel Zeit zum Ausruhen haben. Das ist nicht gut, glaube ich."
"Ach Jo. Du weißt ja gar nicht, wie gern ich bleiben würde. Aber es geht nicht."
"Nein. Aber in drei Tagen kommst du ja wieder. Oder?"
"Ich werde ganz bestimmt kommen. Warum fragst du?" wollte Keanu erstaunt wissen.
"Ich weiß nicht. Es ist nur....ich denke immer ...." sie verstummte.
"Ich komme, Jo!" meinte er bestimmt.
Denn für ihn stand es absolut fest.
"Ok, dann ...."
"Ja, dann....!" antwortete er und ließ seine nun Hand sinken.
Jo dachte, jetzt würde er sie wieder loslassen, aber das tat er nicht. Statt dessen schob er seine rechte Hand auf ihren Rücken und zog sie zu sich heran, so dass ihre Körper sich berührten. Sofort legte Jo ihren Kopf wieder an seine Brust und Keanu strich über ihren Rücken. Auch sie schlang ihre Arme um ihn und hielt ihn fest. So standen sie eine Weile still und genossen den letzten Moment.

Bis Keanu leise:
"Ich muss jetzt wirklich los" sagte.
"Natürlich" antwortete Jo und rückte von ihm ab.
Widerwillig ließen sie sich endlich los und Keanu wandte sich um, um die Tür zu öffnen.
"Bis dann, Keanu."
Sofort drehte er sich wieder um.
"Tschüss, Jo."
Dann stieg er endgültig ins Auto, startete den Motor, winkte ihr noch einmal zu und fuhr los.
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Beitrag Verfasst am: 01.08.2010, 18:40    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 19


Als Keanu aus seinen Auto stieg, sich die schwere Tasche über den Kopf auf die Schulter hob, und an der Straße entlang auf den kleinen Pfad zuging, der in der hellen Sonne des Vormittags und durch die Schatten, die die Büsche darauf warfen, für ein ungeübtes Auge kaum zu sehen war, blieb er noch einmal kurz stehen und schloss seine Augen. Er atmete tief ein und fühlte das leichte Kribbeln der Freude, das er schon den ganzen Morgen verspürt hatte, nun so viel deutlicher. Aber da war nicht nur Freude. Nein, da war auch Aufregung. Und bei dieser Erkenntnis musste er grinsen. Er war tatsächlich aufgeregt. Denn noch immer war es für ihn etwas ganz Besonderes, hier her zukommen. Und wieder einmal hatte er Jo viel zu lange nicht mehr gesehen und ihre Nähe gefühlt. Sie fehlte ihm. Und die Gewissheit, dass er sie gleich wieder spüren würde, ließ ihn leise aufseufzen. Ja, sicher würde er sie schon spüren können, noch bevor er auf dem Weg zur Lichtung um die letzte Kurve kam.

Dieses merkwürdige und ganz und gar unglaubliche Gefühl, das er dann jedesmal hatte, ließ sich kaum beschreiben. Es war dann, als ob Jo's Ausstrahlung und ihre Kraft ihn durchdringen würden. Als würde jede einzelne Faser in seinem Körper sich durch sie wieder aufladen. Wie ein fast leerer Akku, der in eine Ladestation gesteckt wurde, weil er nicht mehr genug Strom lieferte, und weil dadurch alles nicht mehr richtig und nicht mehr fehlerfrei funktionierte. Und wenn er Jo dann auch noch in die Arme nahm und wirklich körperlich spüren konnte, dann konnte er die Energie, die sie ihm gab, auch auf seiner Haut spüren. Diese wohligen Schauer, die über ihn hinweg rieselten. Dann war er genau dort, wo er sein wollte. Nun war er endlich kurz davor, wieder dort zu sein. Und ohne es zu merken, beschleunigten sich seine Schritte und Sekunden später hatte er den Pfad erreicht.

Sofort fiel Keanu auf, dass sich, seit er das letzte Mal hier entlang gegangen war, einiges verändert hatte. Alles wirkte viel grüner und frischer. Das trockene, gelbe Gras wurde fast überdeckt von neuem, frischen Grün. Viel mehr Vögel zwitscherten fröhlich und es roch auch alles ganz anders. Die sonst nur nach Hitze und Staub riechende Luft war viel klarer und er konnte richtig durchatmen. Hin und wieder blühten sogar einige Wildblumen und sorgten für kleine Farbtupfer. Und während Keanu das alles in sich aufnahm und sich darüber freute, was doch so ein bisschen Regen alles bewirken konnte, dachte er daran, dass er noch vor ganz kurzer Zeit diese Veränderung wahrscheinlich nicht einmal bemerkt hätte, weil er viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen wäre. Heute aber ging es ihm ausgesprochen gut. Sein Körper hatte sich einigermaßen erholt. Er hatte in der letzten Nacht sehr gut geschlafen und einige seiner Termine waren besser verlaufen, als er gehofft hatte. Das alles, und die Tatsache, dass er nun wieder hier war, sorgte dafür, dass er so guter Laune war. Und daher pfiff er sogar leise ein Lied vor sich hin.

Er kam sehr gut voran und wenig später hatte er fast den ganzen Weg geschafft. Nur noch an diesem krüppeligen Baum vorbei und dann durch die kleine Bodensenke. Er hätte diesen Weg inzwischen im Schlaf gehen können, so genau kannte er jede Kleinigkeit. Nun ja, dachte er, genau das hatte er ja schon einmal gemacht. Sozusagen. Und das war wohl auch der Grund, warum er vor wenigen Tagen in seinem Zustand und im Dunkeln überhaupt lebend, oder immerhin fast lebend, bei Jo angekommen war. Jetzt noch an dem Busch mit den stacheligen Ästen vorbei und dann lag sie vor ihm. Die letzte Kurve.

Sofort hinter dem Busch blieb er dann auch stehen und schloss wieder seine Augen. Er atmete tief ein und versuchte, alle anderen Gedanken abzuschütteln. Er wollte nur fühlen. Einen Moment stand er völlig still. Dann schlug er irritiert die Augen auf. Er spürte nichts. Er machte noch einige Schritte weiter vorwärts, aber nichts geschah. Noch einen Schritt und noch einen, bevor er wieder stehenblieb. Nichts. Absolut nichts. Wie kam das? Was war los mit ihm? Warum fühlte er nicht.

Die letzten Meter bis zur Lichtung rannte er geradezu. Beinahe wäre er doch noch gestürzt, aber endlich hatte er sie erreicht und sah sich suchend um. Jo war nicht zu sehen und noch immer konnte er sie auch nicht fühlen. Also lief er mit schnellen Schritten weiter bis zum Durchgang am Felsen und quetschte sich hindurch. Ein dünner Ast strich durch sein Gesicht und ratschte seine Haut an der Wange etwas auf. Ungeduldig schob Keanu ihn zur Seite. Das leichte Brennen ignorierte er einfach. Gleich hinter dem Felsen blieb er erneut stehen. Wieder nichts. Er schaute auf die Hütte, die in der Sonne ruhig da lag und horchte. Nichts. Er konzentrierte sich noch einmal, obwohl er vorher wusste, dass es sinnlos war. Er würde sie weder fühlen noch hören. Denn ... Jo war nicht dort!

Als ihm das bewusst wurde, fragte er sich sofort, warum sie es nicht war. Und wo war sie dann? Hatten sie nicht besprochen, dass es viel zu gefährlich für sie war, sich irgendwo anders sehen zu lassen? Warum also hatte sie es trotzdem getan? Eigentlich hatte er ihr doch genug zu essen und zu trinken mitgebracht, so dass das nicht der Grund sein konnte. Oder lief sie nur ein bisschen im Gelände umher? Nein, er wusste nicht wieso, aber er war sich sicher, dass sie das nicht tat. Und sofort ahnte er, wo sie war. Aber half ihm das? Sollte er zurücklaufen und zum Ventura Boulevard fahren? Nein, dort könnte er lange suchen. Er würde sie zwischen den vielen Menschen sicher nicht noch einmal finden. Vielleicht war sie sogar schon auf dem Rückweg. Also würde er einfach warten. Das war eigentlich etwas, das er hasste wie die Pest, aber in diesem Fall das einzig Vernünftige. Und daher schaute er sich suchend nach einer Sitzgelegenheit um. In die Hütte kam er nicht. Die war ganz bestimmt verschlossen. Aber dieser Baumstumpf, der dort halb versteckt im Gebüsch lag. Wenn er den zur Hütte tragen oder ziehen könnte, würde er sich einigermaßen bequem darauf setzen und sich sogar gegen die Wand lehnen können. Also stellte er die Tasche zu Seite, zog seine Jacke aus und machte sich an die Arbeit. Er schwitzte dabei, denn es war anstrengender als er gedacht hatte. Der Stumpf war um einiges größer und schwerer als er auf den ersten Blick ausgesehen hatte. Aber wenig später war es tatsächlich doch geschafft. Und so ließ er sich erschöpft darauf nieder, schloss die Augen und döste in der Sonne.

Aber es dauerte nicht lange, und er hatte sich wieder erholt. Und danach verging die Zeit quälend langsam. Immer wieder blickte Keanu auf die Uhr. Nur um dann festzustellen, dass erst wenige Minuten vergangen waren. Zwischendurch stand er immer wieder auf und lief hin und her. Denn so bequem ihm der Baumstumpf am Anfang auch vorgekommen war, so hart war er jetzt. Und von Minute zu Minute wurde Keanu ungeduldiger, ängstlicher und sogar wütend.

So vergingen die nächsten zwei Stunden. Er hatte eben einen weiteren der unzähligen Rundgänge zum See und zurück beendet und sich wieder hingesetzt und noch einmal die Augen geschlossen, als plötzlich viele kleine Ameisen in seinem Inneren zu krabbeln anfingen. Da war es endlich. Das Gefühl, um das, dass musste er sich eingestehen, er sich vorhin betrogen gefühlt hatte. Sofort schlug sein Herz schneller und sein Atem beschleunigte sich. Hören konnte er noch immer nichts, aber sie war in der Nähe und daher stand er langsam auf, machte einige Schritte vorwärts und blickte zum Durchgang am Felsen und wartete.

Und wartete vergeblich. Nichts tat sich. Irritiert schüttelte er den Kopf. Er hatte sich doch nicht etwa getäuscht? Nein, das war nicht möglich, denn das Kribbeln war genauso stark wie eindeutig und noch während er darüber nachdachte, hörte er ganz dicht ein Knacken. Er zuckte ganz fürchterlich zusammen und fuhr herum. Jo stand nur vier Schritte hinter ihm und blickte ihn an. In der Hand hielt sie eine Plastiktüte und an ihrem sich schnell hebenden und senkenden Brustkorb konnte er erkennen, dass sie außer Atem war. Er wusste nicht, wo sie aus dem Gebüsch herausgetreten war, und es war ihm auch egal. Er wollte nur eins. Und daher machte er die wenigen Schritte auf sie zu und zog sie erleichtert in seine Arme. Er drückte sie fest an sich und auch Jo legte, wenn auch etwas zögerlich, ihre Arme um ihn.
Eine Weile standen sie still. Dann aber fing Keanu an zu sprechen:
"Meine Güte, Jo. Endlich bist du wieder da. Ich habe mir solche Sorgen gemacht."
"Hmrmhm..." brummte Jo undeutlich an seiner Brust.
Daher lockerte Keanu seine Umarmung etwas und fragte:
"Wo warst du nur?"
"Ich war einkaufen."
"Wie bitte? Einkaufen? Aber ich hatte dir doch alles mitgebracht."
"Ja schon, aber...."
"Aber?" wollte Keanu sofort etwas ungeduldig wissen. "Mensch Jo. Das war total leichtsinnig von dir. Wir waren uns doch einig, dass es gefährlich für dich ist. Warum konntest du nicht einfach hier bleiben? Wenn dich jemand erkannt hätte! Nicht auszudenken, was dann passiert wäre. Ich kann einfach nicht verstehen, warum du so unvernünftig bist."

Jo rückte noch etwas weiter von Keanu ab und hob abwehrend ihre Arme, so dass er sie loslassen musste. Dann sah sie ihn wieder an. Ihre Augen blickten traurig, denn sie konnte die Wut in seinen Augen sehen und in seiner Stimme hören. Aber trotzdem war ihre Stimme ganz leise und ruhig, als sie sagte:
"Warum ich nicht hierbleiben konnte? Ja, warum wohl? Ich bin hier so allein, Keanu. Und ich fühle mich, als wäre ich in einem Käfig eingesperrt. Ich liebe diesen Ort eigentlich sehr und es ist schön, wenn du mir hier Gesellschaft leistest. Aber um so schlimmer ist es jedesmal, wenn du wieder gehst und ich alleine bleiben muss. Dann ist er eher ein Gefängnis für mich. Weißt du überhaupt wie das ist, wenn man tagelang mit niemandem reden kann. Es ist ein Unterschied, ob man nicht möchte oder nicht kann. Ich habe schon angefangen, Selbstgespräche zu führen. Und weil sogar meine Batterien fürs Radio alle waren, habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten und bin losgelaufen. Und soll ich dir was sagen? Ich habe es sehr genossen, mal wieder unter vielen Menschen zu sein. Ihre Gespräche zu hören und all die anderen Geräusche. Und mal wieder was anderes zu riechen, als nur .... Natur. Und es wäre mir egal gewesen, hätte mich jemand erkannt. Dann wäre das Ganze wenigstens endlich vorbei! Vorbei, hörst du. Egal wie."

Keanu starrte Jo entsetzt an und augenblicklich war seine Wut verschwunden. Er wollte Jo nur noch wieder in den Arm nehmen und trösten. Und als er einen Schritt auf sie zu machte und seine Hände über ihre Oberarme gleiten ließ, wich sie nicht zurück. Ganz sanft zog er sie daher an sich und sie lehnte sich gegen ihn.
Er wollte gerade etwas sagen, als Jo erneut anfing zu sprechen:
"Nicht böse sein, ja? Es tut mit leid."
"Ich bin dir doch nicht böse, Jo. Wie kommst du darauf. Es ist nur, als ich herkam und dich nicht fühlen konnte und du tatsächlich nicht da warst, habe ich wirklich Angst um dich gehabt. Und wie kannst du nur sagen, dass es dir egal wäre, wenn dich jemand erkennen würde. Sag sowas bitte nie wieder. Denke es nicht einmal. "
"Aber es ist so, Keanu. Ein kleiner Teil von mir wünscht sich geradezu, dass es endlich passiert. Aber der größere Teil dann eben doch nicht. Das ist ganz merkwürdig. Als ich durch die Straßen ging, hat dieser kleine Teil mir befohlen, das Cappy abzunehmen und den Menschen geradewegs ins Gesicht zu sehen. Das hat mir dann doch Angst gemacht. Daher bin ich auch schon wieder hier. Ich bin so schnell gelaufen wie ich konnte. Plötzlich schien mir diese Hütte wieder .... hm .... sicher. Und ich wollte nur zurück. Ich glaube ich werde verrückt."
"Das wirst du sicher nicht. Und ja, hier bist du sicher, Jo. Mach es bitte nie wieder. Versprich es mir" meinte Keanu leise.
Das beklemmende Gefühl, dass sich bei ihren Worten in seiner Brust angesammelt hatte, schnürte ihm fast die Kehle zu.

"Das kann ich dir nicht versprechen, Keanu. Bald bist du wieder viele Tage nicht hier. Dann muss ich schon deshalb los, um Lebensmittel zu kaufen. Das weißt du."
"Ja, ich weiß. Aber das ist schrecklich und es gefällt mir nicht. Ich überlege ...."
"Hm?" machte Jo, als Keanu verstummte.
Als er aber nicht weiter sprach, fragte sie:
"Was tust du überhaupt schon hier? Du wolltest doch erst morgen Nachmittag kommen. Und jetzt bist du mehr als einen ganzen Tag früher dran."
"Ja... ja, mein Manager ist krank. Daher sind zwei Termine ausgefallen" antwortete Keanu noch immer tief in Gedanken versunken.

Dann aber hob er ruckartig den Kopf und sah Jo wieder an.
"Ok. Pack ein paar Sachen zusammen, dann können wir gehen."
"Wie bitte? Wovon redest du? Wohin?"
"Zu mir. Du kommst mit zu mir."
"Was? Nein, das geht nicht."
"Aber klar geht das. Warum bin ich nicht schon viel früher auf die Idee gekommen? Also los. Ich helfe dir."
Jo starrte Keanu ungläubig an und schüttelte langsam den Kopf.
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Beitrag Verfasst am: 15.08.2010, 20:25    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 20


"Nein, Keanu."
"Aber warum denn nicht, Jo?"
"Weil, weil ... na weil ...." unsicher brach sie ab und runzelte die Stirn.
"Siehst du, du weißt es selbst nicht. Also komm, lass uns..!"
"Moment, Moment! Wie lange soll ich denn bleiben?"
"Bis das alles ausgestanden ist, natürlich."
"Waaas?"
"Klar, was dachtest du denn?"
Wieder schüttelte Jo daraufhin ihren Kopf.
"Nein, Keanu" wiederholte sie noch einmal. Diesmal aber viel bestimmter.
"Ich weiß genau, warum ich nicht mitkommen will. Oder besser nicht mitkommen kann. Ich gehöre hier her. Es ist nicht schön und es gefällt mir nicht, aber dies ist im Moment mein Leben und ich hoffe ja auch, es wird bald wieder anders. Und in dein Leben passe ich absolut nicht rein. Weder jetzt noch irgendwann. Dir mag es gefallen, hier her zu kommen und die Ruhe zu finden, die du so dringend brauchst. Dafür knappst du dir irgendwie und irgendwo Zeit ab, die du eigentlich gar nicht hast. Aber es ist eben hauptsächlich dieser Ort, der dich immer wieder her kommen lässt. Nicht ich, das weiß ich."
"Nein, ich ..." fing Keanu an.
"Und sicher hast du doch auch oft Besuch" fuhr Jo fort. "Von Freunden, Familie oder auch beruflich."
"Mein Haus ist groß, Jo. Und Besuch lasse ich nur ins Wohnzimmer."
"Sicher. Das kann schon sein. Und es ist ja auch ganz lieb von dir, dass du mir helfen möchtest. Aber wenn ich mitkomme, wird es dir bald leid tun. Dann hänge ich dir auf der Pelle. Dann bin ich immer da. Wenn du nach Hause kommst, wenn du aufstehst, wenn du schlafen gehst. Immer, Keanu. Nicht nur mal ein paar Stunden. Das wird nicht lange gut gehen. Ich wäre dir ganz schnell lästig und würde dir auf die Nerven gehen."
"Nein, würdest du nicht. Aber abgesehen davon muss ich in ein paar Tagen sowieso weg, um einige Szenen nachzudrehen. Dann hast du das Haus für dich."
"Du kennst mich gar nicht richtig und würdest mich allein in deinem Haus lassen? Was, wenn ich mit deinem Silber durchbrenne? Oder deine echten Gemälde verkaufe? Oder sonst irgendwas mache?"
"Ich habe kein echtes Silber. Und ich denke nicht eine Sekunde daran, Jo. Ich weiß, dass du sowas niemals tun würdest und mein Haus bei dir sicher wäre. Und ich könnte auch viel beruhigter abreisen. Denn dann könnten wir oft telefonieren und ich wüsste, dass es dir gut geht."
"Ja, das stimmt. Das könnten wir. Aber was ist mit deiner Putzfrau?"
"Ich werde ihr Urlaub geben."
"Hm ... Und irgendjemand wird sich doch immer um dein Haus kümmern, wenn du weg bist. Was ist mit dem? Wird derjenige sich nicht wundern, wenn du ihm sagst, er braucht nicht zu kommen?"
"Meine Mutter guckt nach meinem Haus. Wir können sie einweihen. Dann könnte sie dir etwas Gesellschaft leisten und auch Lebensmittel besorgen und ...."

Als Keanu das gesagt hatte, sah er sofort an Jo's Gesichtsausdruck, dass dieser Vorschlag falsch gewesen war. Mist, warum war er so voreilig gewesen. Eben noch hatte er das Gefühl gehabt, sie doch überreden und ihre Bedenken zerstreuen zu können. Jetzt aber wusste er, dass Jo das, so wie er es sich ausgedacht hatte, nie machen würde.
"Nein, auf keinen Fall, Keanu" sagte sie dann auch gleich. Und an ihrer Stimme hörte er, dass sie sich nicht umstimmen lassen würde.
Aber trotzdem wollte er noch nicht ganz aufgeben. Wenn sie nicht die ganze Zeit bei ihm bleiben wollte,
dann vielleicht ....
"Und wenn du nur heute mitkommst, Jo? Wir könnten den Tag zur Abwechslung mal bei mir verbringen. Ich könnte was leckeres zu essen bestellen. Wir könnten Musik hören und uns unterhalten. Du würdest mal wieder was anderes sehen. Und vielleicht hast du noch schmutzige Wäsche? Dann könntest du meine Waschmaschine benutzen und mein Bad. Vielleicht möchtest du endlich mal wieder richtig duschen. Ich meine ... oh ..." stockte er verlegen, als er sich bewusst wurde, dass Jo seinen letzten Satz auch falsch verstehen konnte. Daher setzte er sofort hinzu:
"Nicht, dass du das nötig hast. Versteh mich bitte nicht falsch. Aber eine richtige warme Dusche ist doch schöner als das kalte Wasser am See. Und ich bringe dich wieder zurück, wann immer du möchtest. Was sagst du dazu?"
Einen kleinen Moment blieb Jo stumm und Keanu schöpfte wieder Hoffnung. Er war versucht, weiter zu reden, um sie doch noch zu überzeugen. Alles in ihm drängte danach, die richtigen Worte zu finden, um sie umzustimmen. Aber das wäre falsch gewesen. Sie musste sich jetzt allein entscheiden und daher schwieg er.

Als Jo dann wieder anfing zu sprechen, fragte sie:
"Was würdest du zu essen bestellen?"
Keanu sah sie einige Sekunden verdutzt an. Er hatte mit allem gerechnet, aber auf diese Frage war er nicht vorbereitet gewesen.
"Wie bitte?" fragte er daher auch. "Ich bestelle alles, was du möchtest, Jo. Du entscheidest."
"Ja? Aha. Und ich dürfte deine Waschmaschine benutzen?"
"Klar."
"Aber was ist, wenn jemand dein Auto erkennt und uns fotografiert?"
"Du kannst meine Lederjacke überziehen und den Kragen hochschlagen. Wenn du dann noch dein Cappy aufsetzt und im Sitz weit nach unten rutschst, erkennt dich niemand. Außerdem muss ich ja nicht die Hauptstraßen benutzen. Und ich stelle meinen Wagen sowieso immer gleich in die Garage. Dann kannst du aussteigen, wenn das Tor wieder zu ist und von dort direkt ins Haus gehen."
"Und du bringst mich zurück, wenn ich es möchte?"
"Natürlich" meinte Keanu, als Jo ihn mit gerunzelter Stirn fragend ansah.
Noch immer überlegte sie. Keanu konnte kaum still stehen. Dann aber sagte sie endlich:
"Tja, dann .... gerne. Danke, Keanu."

Am liebsten hätte Keanu einen Freudensprung gemacht, so erleichtert war er und so sehr freute er sich. Da er sich dabei aber wirklich albern vorgekommen wäre, beherrschte er sich und lächelte nur fröhlich.
"Super! Was willst du mitnehmen?"
"Hm, ich würde sehr gern die Bettwäsche waschen. Die andere Wäsche kann ich ohne Probleme hier machen. Aber die Bettwäsche ist so groß und ich schlafe schon von Anfang an drin."
"Ok. Soll ich sie abziehen, während du alles andere zusammensuchst? Dann geht es schneller."
"Ja, ok, wenn du willst. Du hast es aber eilig" lachte Jo.
"Der Tag ist kurz. Da wollen wir doch keine Minute verlieren" gab er zu und ging auch schon auf die Leiter zu. Dort drehte er sich noch einmal um.
"Also los. Hopp hopp, steh nicht rum" meinte er, wedelte mit seiner Hand und stieg dann die Stufen hinauf.
Wieder musste Jo lachen. Sie blieb noch solange stehen, bis Keanu oben verschwunden war. Dann drehte sie sich um und nahm eine kleinen Lederrucksack aus dem Schrank. Viel wollte sie nicht mitnehmen. Duschzeug, Zahnbürste, Zahnpasta, Haarbürste und saubere Kleidung packte sie ein. Handtücher würde sie sicher von Keanu bekommen. Zum Schluss steckte sie dann noch ihr Portemonnaie mit ihrem Ausweis und dem letzten Geld in ihre Hosentasche. Lange brauchte sie nicht dafür und als Keanu mit der Bettwäsche im Arm wieder herunterkam, war auch sie fertig.

Da Jo die Hütte bereits so aufgeräumt hatte, dass sie unbewohnt wirkte, als sie früh morgens zum Einkaufen aufgebrochen war, brauchte sie nun nichts mehr tun. Sie sah sich zwar noch einmal prüfend um, konnte jedoch nichts entdecken, was verändert werden musste. Daher trat sie mit Keanu nach draußen und verriegelte die Tür. Danach machten sich beide zusammen auf den Weg zu Keanus Wagen. Sie sprachen während des gesamten Weges kaum, sondern hingen ihren Gedanken nach. Aber es war kein unangenehmes Schweigen. Sie liefen dicht nebeneinander her und lächelten sich oft kurz an.

Sie hatten schon mehr als die Hälfte geschafft, als Jo wieder einmal zur Seite blickte und dabei eine Baumwurzel übersah und ins Stolpern geriet. Sofort ließ Keanu die Bettwäsche, die er im Arm hielt, fallen. Blitzschnell drehte er sich zu Jo um und griff nach ihr. Jo stieß einen erschrockenen Laut aus und Keanu dachte, er würde sie nicht mehr zu fassen bekommen. Er sah sie schon am Boden liegen, aber im allerletzten Moment konnte er seine Hände unter ihren Armen hindurch schieben und sie halten. Fast mühelos hob er sie etwas an und stellte sie wieder auf ihre Füße. Mit noch immer vor Schreck geweiteten Augen blickte Jo ihn an. Und Keanu blickte zurück. Eigentlich wollte er sie sofort wieder loszulassen, aber seine Hände gehorchten ihm nicht. Statt dessen schoben sie sich noch etwas weiter auf Jo's Rücken und zogen sie dichter zu ihm heran. Jo machte willig einen kleinen Schritt auf ihn zu und musste den Kopf jetzt schon sehr weit in den Nacken legen, um ihm noch immer in die Augen sehen zu können.
"Danke" sagte sie ganz leise und schluckte.
Verstummte aber sofort wieder, als Keanu sich langsam, sehr langsam vorbeugte und ihr einen Kuss gab.

Als er sie endlich berührte, stand sie völlig still. Sie traute sich nicht, sich zu rühren. Denn der Kuss war so leicht, dass sie meinte, auch die kleinste Bewegung würde ihn womöglich beenden. Und das wollte sie auf keinen Fall. Denn der Kuss war gleichzeitig auch so unglaublich zärtlich, dass sich ihr Herzschlag beschleunigte und sie unwillkürlich leise aufstöhnte. Keanu stutzte bei diesem Geräusch einen Moment und zog sich etwas zurück. Als er jedoch auf Jo's geschlossene Augen blickte und sah, dass sich ihre Lippen jetzt leicht geöffnet hatten, konnte er nicht widerstehen und wiederholte den Kuss. Er sollte wieder genauso leicht und unverfänglich wie eben werden, aber da er nach wenigen Sekunden Jo's vorsichtig tastende Zunge an seinen Lippen spürte, öffnete auch er seinen Mund und ihre Zungen trafen sich.

Bis jetzt hatte Jo sich noch immer nicht gerührt, und mit ruhig an ihren Seiten herunter hängenden Armen vor ihm gestanden. Nun aber schob sie eine Hand in seinen Nacken und zog ihn sachte weiter zu sich heran. Dabei streichelten ihre Finger langsam über seine empfindliche Haut hinter dem rechten Ohr. Und nun war er es, der aufstöhnte. Aber nicht leise, sondern so laut, dass Jo an seinem Mund anfing zu kichern.
"Alles ok, Keanu?" fragte sie lächelnd.
"Nein, nicht wirklich, Jo" brummte er.
"Sollen wir lieber aufhören?"
"Nein" sagte er sofort bestimmt. Setzte dann jedoch hinzu: "Oder doch. Ist vielleicht besser.Aber eigentlich lieber
nicht ...!"
Wieder kicherte Jo. Dann nahm sie ihre Hand herunter und griff mit beiden auf ihren Rücken. Sie bekam Keanus Ärmel zu fassen und zog daran. Widerwillig gab er nach und Jo fasste seine Hände.
"Komm, lass uns jetzt gehen. Es ist schon fast Mittag und ich bin hungrig."
"Ich bin auch hungrig, Jo."
"Ja? Gut. Also ich möchte gern ein schönes großes Stück Fleisch."
"Ähm...also...tja...ich auch" grinste Keanu leicht verlegen und drückte ihre Hände etwas fester.
Jo verstand sofort und knuffte ihm in die Seite.
"Das solltest du dir noch mal überlegen. Du musst nämlich aufpassen, dass es dir nicht im Hals stecken bleibt. Das Fleisch, das du meinst, ist zäh wie Leder."
"Niemals. Es ist weich und glatt und zart und unglaublich..." fing er an, verstummte aber sofort wieder.
Er holte zweimal tief Luft und drehte sich dann abrupt zum Weg zurück.
"Ich glaube, wir sollten jetzt gehen. Komm..."

Den Rest des Weges schwiegen sie wieder. Am Porsche angekommen, verstaute Keanu Jo's Tasche und die Schmutzwäsche im Kofferraum. Dann gab er Jo seine Lederjacke und sie zog sie über. Wie erwartet, war sie viel zu groß. Die Ärmel waren so lang, dass sie Jo's Hände vollständig verdeckten. Keanu lachte belustigt auf, als Jo ihre Arme schlackernd vor ihrem Körper hin und her bewegte und die Jacke dabei nur so um ihren Körper herum schlotterte. Aber genau weil sie so groß war, verhüllte sie Jo besonders gut. Noch immer lachend trat Keanu dicht an sie heran und schlug ihr den Kragen hoch. Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Nasenspitze und reichte ihr dann das Cappy. Und nachdem sie ihre Haare darunter versteckt hatte, war sich Keanu sicher, dass sie wirklich niemand erkennen würde. Drei Minuten später waren sie bereits auf dem Weg zu seinem Haus.
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Beitrag Verfasst am: 21.08.2010, 21:45    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 21


Solange sie den unbebauten Abschnitt der Straße entlang fuhren, lehnte sich Jo völlig entspannt zurück und schaute aus dem Fenster. Die Straße war uneben und das Auto holperte über die sandige Piste und schüttlete sie durch. Aber das war ihr egal. Es war einfach herrlich für sie, mal wieder in einem Auto zu sein. Und sofort wurde ihr klar, wie sehr sie das vermisste. Selbst hinter dem Lenkrad zu sitzen. Das Leben und den Verkehr um sich herum zu spüren und aktiv daran teilzunehmen. Sich auch mal über die anderen Autofahrer aufregen zu können, und während der Fahrt den Wind in den Haaren spüren zu können. Denn wenn sie mit ihrem Wagen unterwegs war, hatte sie fast immer die Seitenscheibe offen. Aber das lag vielleicht auch daran, dass ihre alte Klapperkiste keine Klimaanlage hatte. Keanu's Porsche aber hatte eine. Und die funktionierte wunderbar. Denn bereits nach wenigen Metern blies die Lüftung kühle Luft in den Wagen und vertrieb die unangenehme Hitze, die sich darin gestaut hatte, als der Porsche in der Sonne geduldig auf seinen Besitzer gewartet hatte.
Trotzdem hätte Jo am liebsten das Fenster auf ihrer Seite aufgemacht. Und tatsächlich hatte sie ihre Hand bereits angehoben und ein Stück in Richtung Öffner geschoben, als die Straße wieder glatter wurde und die ersten Häuser am Wegrand auftauchten. Sofort beschleunigte Keanu den Wagen und gleich darauf begegneten ihnen auch die ersten Autos. Daher ließ sie ihre Hand wieder sinken und seufzte ganz unbewusst leise auf.

Keanu hatte Jo die ganze Zeit aus den Augenwinkeln beobachtet. Sie schien die Fahrt zu genießen, denn ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Diese Lippen, die er eben noch geküsst hatte und die sich dabei so warm und weich angefühlt hatten und die so wunderbar geschmeckt hatten. Und sie hatte sich nicht gewehrt. Im Gegenteil. Trotzdem aber hatte er sich nicht getraut, den Kuss intensiver werden zu lassen. Auch als er Jo's Zunge und ihre Hände gespürt hatte, war er sehr zurückhaltend geblieben. Wie hatte er das nur geschafft? Jetzt, im Nachhinein, schien es ihm fast unmöglich. Aber ein Stöhnen hatte er nicht unterdrücken können. Seine Gefühle waren einfach zu stark gewesen. Sie mussten heraus und sich irgendwie einen Weg suchen. Und das hatten sie dann durch dieses eine Geräusch getan. Und Jo hatte auch sofort darauf reagiert. Alles war wunderbar gewesen. Aber dann hatte er diesen blöden Spruch wegen des Fleisches gebracht. Keanu rollte mit den Augen. Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht? Was war nur in ihn gefahren? Was dachte Jo jetzt von ihm? Trotzdem war sie ganz ruhig geblieben, auf seinen Ton eingegangen und auch weiter mit gekommen. Überhaupt schien sie sehr locker mit dem ganzen Thema Sex umzugehen. Das hatte sie ja schon mehrmals bewiesen.

Und der Gedanke, der ihm jetzt plötzlich kam, gefiel ihm gar nicht und versetzte ihm einen kräftigen, schmerzhaften Stich: Hatte sie etwa soviel Erfahrung damit, dass sie daher so völlig frei sein konnte? Wie viele Männer hatten sie schon anfassen und berühren dürfen? Mit wie vielen Männern hatte sie schon... geschlafen? Es viel ihm sogar schwer, das in seinen Gedanken auszusprechen. Denn dabei hatte er sofort ein Bild vor Augen: Jo mit einem anderen Mann. Beide nackt und mit verschwitzten Körpern eng umschlungen auf einem Bett. Jo mit glänzenden Augen und geröteten Wangen. Ihre Hände streichelten diesen Kerl. Überall. Und der hatte eine mächtige Erektion ... Hier schüttelte Keanu angewidert den Kopf. Nein, das wollte er sich absolut nicht vorstellen. Er hätte vielleicht nichts gegen einen derartigen Traum mit sich in der 'Hauptrolle' gehabt. Obwohl er sich dabei ganz gewiss auch etwas komisch vorgekommen wäre. Aber ein anderer Mann mit Jo? Nein! Das bereitete ihm schon fast Übelkeit. Tja, dennoch war so ein Traum, mit ihm darin, eine Sache. Die Realität sah anders aus. Was, wenn sie nun tatsächlich nachher mit ihm schlafen wollte und er wieder mal nicht konnte? Verflixt, wenn er weiterhin soviel dachte, würde es ganz bestimmt nicht klappen. Und was dann? Offensichtlich auslachen würde sie ihn ganz sicher nicht. Das würde sie niemals tun. Obwohl, damit könnte er sogar noch umgehen. Was aber würde sie denken? Das er ihre Gedanken nicht kennen würde, wäre viel schlimmer zu ertragen. Wäre sie enttäuscht? Oder frustriert? Würde sie ihn mit den Anderen, die sie schon gehabt hatte, vergleichen. Hätte sie womöglich dann sogar das Gefühl, er würde sie nicht sexy genug finden, um ausreichend erregt zu sein?

Himmel, eben hatte er sich noch gefreut wie ein Schneekönig, dass er sie tatsächlich dazu gebracht hatte, mit ihm zu kommen. Sollte er sich das jetzt durch seine blöden Gedanken verderben lassen? Sollte er nicht lieber einfach abwarten? Wahrscheinlich würde es ein wunderschöner Tag werden. Ja genau. Er würde es für Jo zu einem tollen Tag machen. Und als er soweit gekommen war, atmete er einmal tief ein und versuchte, das unangenehme Gefühl, das noch immer in seiner Bauchgegend saß, abzuschütteln. Dann drehte er seinen Kopf kurz ganz zu Jo um. Und gerade in dem Moment sah er, wie sie die Hand, die sie etwas erhoben hatte, zurückzog und enttäuscht aufseufzte. Das Lächeln war jetzt aus ihrem Gesicht verschwunden und obwohl er ihre Augen nicht richtig sehen konnte, wusste er, dass sie traurig blickten.
"Jo?" fragte er daher auch sofort und legte ohne zu überlegen seine rechte Hand sanft auf ihren Oberschenkel.
Und sofort war sein erster Impuls, sie wieder zurückzuziehen. Denn die Hitze, die sich, begleitet von einem Kribbeln, sofort durch seine Finger und seine Handfläche über seinen gesamten Arm ausbreitete, war atemberaubend. Trotzdem blieb die Hand mit einiger Kraftanstrengung wo sie war und er zog nur einmal scharf die Luft ein, bevor er sich räusperte und so ruhig wie möglich weiter sprach:
"Ist alles ok?"
Daraufhin drehte Jo ihren Kopf in seine Richtung. Wie erwartet waren ihre Augen traurig als sie ihn ansah.
"Ja, sicher" sagte sie. "Ich habe nur gerade überlegt, wie sehr ich das Autofahren vermisse. Ich fahre immer mit offenem Fenster, weißt du. Da spürt man den Wind so schön im Gesicht. Das ist herrlich. Ich fühle mich dann so frei."
"Hmmm..." nickte Keanu zustimmend und starrte kurz auf seine Hand, die sich noch immer anfühlte, als würde eine ganze Ameisenarmee darüber krabbeln.
"Dann müssen wir mal eine Runde auf einem meiner Motorräder drehen, Jo. Dann kannst du den Wind noch deutlicher fühlen. Und dann weißt du erst, was Freiheit wirklich bedeutet. Ich würde es dir gerne zeigen."
"Das würde ich gerne mal machen, Keanu" antwortete Jo sofort und blickte dann kurz nach vorn aus der Windschutzscheibe, weil Keanu anhielt. Sie standen an einer roten Ampel.
"Ja, sehr gern sogar. Das muss wirklich schön sein."

"Das ist es, ich...." fing Keanu an, unterbrach sich aber sofort wieder und starrte an Jo vorbei aus dem Seitenfenster.
Jo, die seinen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte, wollte sich eben umwenden, als Keanu sie barsch anfuhr:
"Nein! Dreh dich nicht um. Sieh mich an!"
Jo war so erschrocken, und sie verstand auch Keanu's Worte, aber trotzdem bewegte sich ihr Kopf von ganz allein zum Fenster.
"Jo, sieh mich an. Mich, Jo!" sagte er noch einmal laut und eindringlich und seine Hand auf ihrem Bein kniff kräftig zu.
Jo zuckte bei dem Schmerz, den sie dabei fühlte, zusammen, hielt aber tatsächlich in der Bewegung inne. Langsam und immer noch widerstrebend drehte sie ihren Kopf zurück und sah Keanu wieder an.
"Was ist los, Keanu?" fragte sie dann ganz leise und ängstlich.
"Direkt neben uns steht ein Polizeiwagen, Jo."
"Oh nein" schlagartig wurde Jo blass und Keanu konnte unter seiner Hand spüren, dass sie anfing zu zittern. "Was machen die? Sehen sie her?"
"Ja...verdammte Scheiße" antwortete Keanu und Jo beobachtete, wie er wieder an ihr vorbei schaute und trotz seiner Worte freundlich nickte und seine linke Hand vom Lenkrad nahm und zum Gruß hob.
"Wann wird denn diese blöde Ampel endlich grün? Verdammt ...verdammt ..." brachte er dann ungeduldig, aber noch immer lächelnd, hervor.
"Grün grün grün grün...." murmelte Jo beschwörend vor sich hin und schloss die Augen.
"Grün grün grün grün...."
"Jetzt" stöhnte Keanu nach einer gefühlten Ewigkeit erleichtert auf, nahm seine Hand von Jo's Bein, legte sie ebenfalls ans Lenkrad und eine Sekunde später schoss der Wagen vorwärts.

Jo wurde zurück in den Sitz gepresst und rutschte in dieser Bewegung automatisch noch ein Stück tiefer. Sie öffnete die Augen wieder und blickte Keanu an. Der sah mehr in den Rückspiegel als auf die Straße vor ihm und nahm den Fuß etwas vom Gas, weil er viel zu schnell war. Als er dann aber gleich darauf erleichtert aufatmete und sagte:
"Sie folgen uns nicht. Sie haben den Blinker gesetzt und biegen ab. Meine Güte, Jo....",
da musste Jo sich stark zusammenreißen, um nicht hysterisch aufzulachen. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund und schluckte das Geräusch, das sich schon den Hals herauf geschlichen hatte, wieder herunter.
"Oh, Keanu...hatte ich schiss...."
"Ich auch, Jo. Ich auch. Und wie."
"Wie weit ist es denn jetzt noch?"
"Nicht mehr weit. Wir sind bald da."

Während der restlichen Strecke schaute Keanu immer wieder angespannt in den Rückspiegel. Er hatte seine Hand wieder auf Jo's Bein geschoben und Jo hatte ihre Hand oben drauf gelegt. Als Keanu seine Handfläche dann nach oben drehte, verflochten sich ihre Finger ineinander und Keanu hielt sie leicht, aber für Jo sehr beruhigend, fest. Und als sie wenig später ohne weitere Störungen bei Keanu's Haus ankamen, atmeten beide erleichtert auf.
Er fuhr den Wagen sofort in die Garage und erst als sich das Tor wieder vollständig geschlossen hatte, öffnete Jo ihre Tür und stieg aus.
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Beitrag Verfasst am: 29.08.2010, 10:31    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 22


Keanu war noch vor ihr ausgestiegen und öffnete schon den Kofferraum. Er nahm die Bettwäsche und Jo's Tasche heraus und als sie neben ihm stand, legte er seine freie Hand sanft auf ihre Schulter und sah sie fragend und etwas besorgt an.
"Wie geht es dir jetzt, Jo?"
"Oh.." auch sie blickte ihn an. Schaute dann kurz zum geschlossenen Garagentor, und mit gerunzelter Stirn wieder zu ihm. Mit einem verwunderten Ton in der Stimme, als ob sie es selbst kaum glauben konnte, antwortete sie: "Irgendwie viel besser jetzt, Keanu."
"Das ist schön."
"Hier kommt keiner rein, nicht wahr?"
"Nur, wenn ich es will, Jo. Sonst nicht."
Und als sie daraufhin nickte, meinte er:
"Komm, hier müssen wir durch" und zeigte auf eine Tür im hinteren Teil der Garage.
Jo folgte ihm mit doch noch etwas zittrigen Beinen die wenigen Schritte bis dorthin. Vor der Tür blieb Keanu stehen und gab auf einem Tastenfeld einen Code ein. Lautlos ging die Tür daraufhin auf und Keanu trat einen Schritt zur Seite. Mit einer einladenden Handbewegung meinte er:
"Willkommen, Jo."
"Danke Keanu" antwortete sie und trat vor ihm durch die Tür.
Sie hörte, wie er die Tür hinter ihnen schloss. Dann nahm er ganz vorsichtig ihren Arm und führte sie in den Flur. Hier streifte Keanu sich die Schuhe von den Füßen und Jo tat es ihm gleich. Dann nahm er ihr die Jacke, die sie sich ebenfalls ausgezogen hatte, ab und hängte sie an die Garderobe. Danach gingen sie weiter den Flur entlang zu einer Tür. Auch diese öffnete er wieder für sie und ließ sie eintreten. Während der ganzen Zeit hatte sie sich neugierig umgeblickt und auch, wenn auch so unauffällig wie möglich, in die drei offen stehenden Türen geschielt, an denen sie vorbei gekommen waren. Alles schien hell und freundlich. Aber irgendwie weniger luxuriös eingerichtet als sie gedacht hatte. Und auch das Schlafzimmer, das sie nun betrat, gefiel ihr sehr. Es war für ihre Verhältnisse riesig. Und zweifellos war es Keanu's eigenes Zimmer und kein Gästezimmer. Denn neben der Größe zeugten viele kleine Dinge davon, dass es in Benutzung war. Das Bett war gemacht, aber die Bettwäsche etwas knittrig. Wie sie eben war, wenn jemand darin geschlafen hatte. Auf der kleinen Ablage neben dem großen Bett lag ein aufgeschlagenes Buch und daneben stand eine angefangene Wasserflasche. Und über der Lehne des einen Sessels, der in einer Ecke des Raumes stand, hing eine Jeanshose. Auf dem anderen Sessel daneben lagen zerknüllte T-Shirts und davor Socken. Und ein Anzug hing auf einem Bügel an einer weiteren Tür.

"Ich dachte" sagte Keanu leicht verlegen "dass du dich vielleicht gerne hier ausziehen und auch wieder anziehen möchtest, nachdem du geduscht hast. Ist das ok?"
Und noch während er das fragte, lief er auf die Sessel zu und griff nach seiner Wäsche. Er knüllte sie umständlich zusammen und stopfte sie sich zu der Bettwäsche unter den Arm.
"Ich habe sonst auch noch ein Gästezimmer, wenn dir das lieber ist. Aber von hier kannst du direkt ins Bad gehen."
"Oh..." stockte er dann. "Ich hab dich noch gar nicht gefragt. Möchtest du jetzt überhaupt schon duschen oder lieber etwas später...?"
"Nein, ich würde wirklich lieber jetzt gleich duschen. Ich bin vorhin so schnell gelaufen und habe geschwitzt. Ähm... durch die Tür dort ins Bad?"
"Ja, genau" mit vier großen, schnellen Schritten war Keanu bei der Tür und riss sie stürmisch auf.
Jo folgte ihm langsamer. Als sie ins Bad trat, holte sie erstaunt Luft.
"Wow, das ist ja toll. Meine Güte, Keanu. Sowas habe ich noch nicht gesehen."
"Nein? Oh, es ist doch nichts Besonderes. In jedem besseren Hotel findest du schönere Badezimmer."
"Hm...ja? Tja...also in den Hotels, in denen ich bisher war, waren die nicht so."
"Nein?"
"Bestimmt nicht, das wüsste ich."
"Ja... also dann... Ich kümmere mich dann mal um die Wäsche. Und ich könnte auch schon das Essen bestellen. Es dauert ja noch eine ganze Weile, bis es geliefert wird."
"Gute Idee, ich habe Hunger."
"Was möchtest du denn. Hast du dir das schon überlegt?"
"Ja, habe ich. Ich möchte gern ein schönes gegrilltes Nackensteak. Nicht zu viel Fett dran und ganz durch. Und dazu eine Folienkartoffel und vielleicht gegrillte Paprika. Und einen Salat."
"Ok. Geht klar. Kommst du jetzt allein zurecht?"
"Ja, wenn du mir noch meine Tasche gibst und mir sagst, wo ich ein Handtuch finde."
"Ach, natürlich" Keanu schlug sich mit einer Hand vor die Stirn, reichte ihr die Tasche und ging dann zurück ins Schlafzimmer. Jo hörte wieder eine Tür auf und zu gehen und dann erschien Keanu schon wieder. Mit einem Stapel Handtücher auf seinem freien Arm.
"Ich lege sie dir hier auf die Ablage und du nimmst dir dann, was du brauchst, ja?"
"Ja, danke."
"Gut. Lass dir ruhig Zeit. Und...ähm...wenn du fertig bist, gehst du einfach den Flur weiter. Dann kommst du automatisch ins Wohnzimmer. Da bin ich dann...."
"Gut, mach ich."
"Ok...dann...äh...bis gleich" meinte er noch und verließ schnell das Zimmer.

Jo grinste vor sich hin und ging ins Schlafzimmer zurück. Warum war Keanu nur so unsicher? Na, wie auch immer. Jetzt würde sie erst mal dieses tolle Badezimmer genießen. Langsam zog sie sich daher aus, nahm dann Duschgel, Zahnbürste, Zahnpasta und Kamm aus der Tasche und ging nackt durch die Tür. Ihr Blick fiel jetzt sofort auf die Toilette. Eine richtige Toilette mit Spülung. Und leise seufzte sie auf. Herrlich. Das war das Erste, was sie tun würde. Und danach würde sie dann duschen, richtig lange duschen.

Keanu hatte das Zimmer verlassen und war gleich hinter der geschlossenen Tür stehen geblieben. Er schloss für einen kurzen Augenblick seine Augen und atmete ein paar Mal tief durch, wobei er sich mit seiner Hand durch die Haare fuhr, so dass sie in alle Richtungen abstanden. Bei dem Gedanken daran, dass Jo sich wahrscheinlich jetzt gerade hinter dieser Tür nackt auszog, begann sein Herz noch schneller zu klopfen, als es das ohnehin schon tat. Und für einen Moment lauschte er, ob er vielleicht etwas hören konnte. Dann jedoch schüttelte er entschieden den Kopf, überquerte eilig den Flur und betrat den Raum, in dem seine Waschmaschine stand. Er stopfte die Bettwäsche hinein und legte Jo's andere Schmutzwäsche, die er ebenfalls unbemerkt aus der Hütte mitgenommen hatte, zur Seite. Als die Maschine lief, wandte er sich ab und schloss die Tür hinter sich. Im Wohnzimmer nahm er sein Telefon in die Hand und suchte die gespeicherte Nummer des Restaurants heraus. Nachdem er die Bestellung aufgegeben hatte, deckte er den Tisch. Er stellte Teller und Gläser bereit. Legte das Besteck und die Servietten daneben. Zum Schluss holte er noch zwei hohe silberne Kerzenständer aus einem Schrank. Er hatte sie vor langer Zeit von seiner Mutter geschenkt bekommen und ewig nicht benutzt. Und so sahen sie auch aus. Sie waren zwar nicht direkt angelaufen, aber total verstaubt und er pustete kräftig dagegen. Der Staub wirbelte um ihn herum und kitzelte so in seiner Nase, dass er niesen musste. Nachdem er dann auch noch mal kurz mit seiner Hand darüber gewischt hatte, glänzten sie wieder einigermaßen und er steckte die Kerzen hinein und stellte sie in die Mitte des Tisches.

Fertig. So sollte es sein. Nein halt, dachte er, etwas fehlte noch. Er hatte zwar Weingläser hingestellt, aber er konnte sich ja nicht sicher sein, dass Jo wirklich Wein trinken wollte. Ihm war es egal. Er trank auch das Wasser aus diesen Gläsern. Aber für Jo sollte alles perfekt sein. Daher lief er noch einmal in die Küche zurück, nahm zwei Wassergläser heraus. Er hielt sie sogar gegen das Licht, um zu sehen, ob sie auch keine Flecken hatten und stellte sie zufrieden neben die Weingläser. Dann holte er noch die Getränke. Den Wein öffnete er schon, damit er atmen konnte, bevor sie ihn tranken. Dann war er endgültig fertig.

Und um sein Werk zu begutachten, trat er einen Schritt zurück. Überlegend hob er seine linke Hand zum Gesicht und strich mit seinen Fingern langsam über seinen Bart. Dann trat er wieder einen Schritt vor und griff nach den Kerzenständern. Er hob sie vom Tisch drehte sich um. Er hatte bereits einen Schritt gemacht und dabei seinen Blick immer noch auf die Kerzen gerichtet, als Jo ihn ansprach.
"Warum nimmst du sie wieder vom Tisch. Das war doch sehr schön."
Sofort blickte Keanu hoch. Jo stand im Eingang zum Wohnzimmer und sah ihn ruhig an.
"Oh...hm, das dachte ich zuerst auch. Aber dann schien es mir irgendwie....." er stockte.
"Übertrieben?" fragte Jo.
"Nicht direkt übertrieben. Nur vielleicht etwas ... zu viel? Nicht dass du denkst, ich erwarte...also...äh... dies ist ja kein Candle-Light-Dinner, sondern es soll ein nettes Mittagessen sein. Daher ...." schloss er unsicher.
Jo sah ihn jetzt lächelnd an.
"Stell sie wieder hin, Keanu. Die sind wirklich sehr hübsch. Und ich mag Kerzen auf dem Tisch, wenn ich nett zu Mittag esse."
"Ja? Ok, wie du möchtest" meinte er daher und drehte sich wieder um.

"Magst du schon was trinken?" fragte er dann, als die Kerzen wieder an ihrem Platz standen. "Wasser oder lieber ein Glas Wein?"
"Wein wäre toll" antwortete sie sofort und kam jetzt zum Tisch.
Keanu schenkte ein und reichte Jo das Glas. Er selbst nahm sich etwas Wasser. Nachdem sie sich zugeprostet hatten, machte Jo eine ausladende Geste mit der Hand und fragte:
"Darf ich mich umsehen?"
"Klar, gerne. Fühl dich wie zu Hause" antwortete er sofort und sah in ihr Gesicht, als sie ihren Blick langsam durch das ganze Zimmer schweifen ließ. Über die Wand mit dem dunklen Schriftzug, die Bilder, die Sitzgruppe, die anderen Möbel und die großen Türen, die auf die Terasse hinaus führten. Hier blieb ihr Blick ein wenig länger hängen und sie zog leicht ihre Augenbrauen hoch. Dann stellte sie das Glas wieder ab und machte einige Schritte vom Tisch weg. Keanu dachte, sie würde jetzt zur Terassentür gehen, aber das tat sie nicht. Statt dessen trat sie auf ein Regal zu und besah sich seine Bücher. Mit dem Zeigefinger fuhr sie sachte an deren Rücken entlang und murmelte leise vor sich hin. Und hin und wieder hielt sie inne und schien zu überlegen. Danach nahm ihr Finger die Reise wieder auf und Keanu beobachtete sie dabei gebannt. Er fand es spannend und es freute ihn, dass sie sich dabei Zeit nahm. Er hatte den Eindruck, dass auch sie Bücher liebte, genau wie er. So wie sie sie berührte und ansah, hatte er keinen Zweifel daran. Und sein Herz schlug dabei wieder etwas schneller. Wusste sie eigentlich, wie gut sie gerade aussah und wie sie auf ihn wirkte? Was sie bei ihm bewirkte? Mit ihren dunklen, noch immer feuchten Haaren, die sich leicht um ihr Gesicht lockten. Mit der Jeanshose, die ihre langen Beine und die schmalen Hüften gut zur Geltung brachte. Und dem einfachen, schwarzen T-Shirt, unter dem sich die sanfte Wölbung ihrer Brüste leicht abzeichnete. Und dann ihr Duft. Ganz besonders frisch und deutlich nun, da sie sich gerade eben mit ihrem Duschgel gewaschen hatte. Und unbewusst zog er einmal tief die Luft ein und schloss dabei die Augen für wenige Sekunden.

Als er sie dann wieder öffnete, wandte sie sich gerade seiner CD-Sammlung zu und schaute auch die genau an. Dabei nickte sie einige Male.
In dem Moment läutete es und sie blickte kurz hoch und lächelte ihn an. Er lächelte zurück und lief dann zur Tür und nahm das Essen entgegen. Als er zurück kam, stand Jo wieder am Tisch und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Keanu kam jedoch nicht zum Tisch, sondern ging in die Küche. Jo folgte ihm nicht, hörte ihn aber herum hantieren. Schranktüren und Schubladen wurden auf und wieder zu gemacht. Folie knisterte und Geschirr klapperte. Dann kam er endlich mit dampfenden Schüsseln auf einem Tablett zurück und stellte sie auf den Tisch. Er bat Jo, Platz zu nehmen und zog dann noch kurz ein Feuerzeug aus der Tasche. Nachdem er die Kerzen angezündet hatte, setzte auch er sich hin. Nur um gleich wieder aufzuspringen und zu fragen:
"Darf ich dir auffüllen? Oder möchtest du das lieber selber machen?"
Als Antwort griff Jo zu ihrem Teller und hielt ihn lächelnd hoch. Also nahm Keanu ihn ihr ab und legte von allem etwas darauf. Dann gab er Jo den Teller zurück und wiederholte es für sich.

Während diesem kurzen Moment, der ihr aber unendlich lang erschien, saß Jo angespannt vor ihrem Teller und starrte wie hypnotisiert darauf hinunter. Der Duft des Essens stieg ihr so verführerisch in die Nase und alles sah so lecker aus, dass ihr sofort das Wasser im Mund zusammenlief und sie sich kaum beherrschen konnte. Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und am liebsten hätte sie sofort zu Messer und Gabel gegriffen und angefangen. Aber das ging natürlich nicht. Niemals würde sie ohne Keanu beginnen. Aber lange würde sie nicht mehr warten müssen, denn jetzt saß auch er wieder und war gerade dabei, sich etwas Wein ein- und ihr nachzuschenken. Und daher seufzte sie leise auf.
"Alles ok, Jo?"
"Ja, alles ist gut, Keanu. Das sieht nur soooo lecker aus. Mmmmm...."
"Dann lass uns endlich anfangen. Ich habe auch Hunger. Guten Appetit."
"Danke, das wünsche ich dir auch" antwortete Jo und nahm dann sofort ihr Besteck in die Hand und schnitt sich ein Stück Fleisch ab. Als sie es hastig in den Mund steckte und langsam zu kauen begann, seufzte sie wieder auf. Diesmal aber eindeutig erleichtert. Und Keanu, der sie dabei beobachtet hatte, lachte leise.
"Schön, dass es dir schmeckt" sagte er.
Jo hatte noch immer den Mund voll und war nicht in der Lage zu sprechen. Daher nickte sie nur kräftig und lächelte Keanu an. Daraufhin nahm auch er Messer und Gabel auf, und begann ebenfalls zu essen.
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Beitrag Verfasst am: 06.09.2010, 21:32    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 23


Nachdem Jo ihren allerersten Heißhunger gestillt hatte, entspannte sie sich immer mehr und saß nun ruhig am Tisch. Und sie begann auch wieder zu sprechen. Davor war sie viel zu abgelenkt und beschäftigt gewesen und Keanu hatte sie daher einfach in Ruhe gelassen. Immer wieder hatte er sie zwar verstohlen angesehen, aber sie bemerkte es nicht einmal. Und so hatte er sich nur still darüber gefreut, dass sie mit gutem Appetit aß, dabei lächelte und es ihr scheinbar gut ging. Jetzt aber unterhielten sie sich wieder miteinander und die Schüsseln leerten sich langsam. Keanu schob gerade ein weiteres Stück Fleisch auf seinen Teller, als das Telefon anfing zu klingeln. Er hielt in der Bewegung inne und brummte laut. Und auch Jo, die gerade gesprochen hatte, unterbrach sofort ihren Satz und sah Keanu an. Der blickte zurück und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Dann wandte er sich wieder seinem Essen zu, als ob nichts wäre. Und das Telefon klingelte weiter und weiter.
"Willst du nicht rangehen, Keanu?"
"Nein" kam es sehr bestimmt zurück.
"Nein?"
"Es hört sicher gleich auf. Jeder weiß doch inzwischen, dass ich zu dieser Zeit normalerweise nicht zu erreichen bin" grinste Keanu.
"Stimmt. Das mysteriöse Verschwinden des Keanu Reeves. Hat dich noch nie jemand gefragt, was du dann machst?"
"Doch natürlich. Aber ich beantworte diese Frage einfach nicht genau."
"Und das nehmen die einfach so hin?"
"Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Wenn ich was nicht erklären will, dann tue ich es nicht."
"Aha. Hm ...." antwortete Jo nachdenklich und versuchte, weiter zu essen.

"Keanu?"
"Ja?"
"Es hört nicht auf. Geh bitte ran."
"Ich habe aber keine Lust dazu. Mist, dass ich vorhin vergessen habe das Telefon auszustellen. Ich kann mir nämlich denken, wer das ist."
"Deine Mutter?"
"Ja, genau. Niemand sonst lässt es so lange klingeln."
"Dann geh einfach ran, und danach kannst du es ja ausmachen. Ich denke, deine Mutter hat es nicht verdient, bewusst ignoriert zu werden, oder?"
Erschrocken sah Keanu Jo an.
"Nein, natürlich nicht. So habe ich das noch nie gesehen" und mit diesen Worten stand er schnell auf und lief zum Telefon.

Und das Gespräch dauerte auch gar nicht lange. Jo versuchte, nicht hin zu hören. Aber das gelang ihr nicht. Immerhin stand Keanu nur wenige Schritte neben ihr und so bekam sie doch mit, dass es um finanzielle Probleme seiner Schwester ging und um eine weitere Änderung am Haus seiner Mutter. Seine Stimme klang während des Gespräches etwas ungeduldig und gereizt, aber auch diesmal stimmte er letzendlich doch wieder den Wünschen seiner Mutter zu. Und als er sich wenige Minuten später von ihr verabschiedet hatte und das Telefon zu Seite gelegt hatte, kam er wieder zum Tisch, setzte sich, nahm sein Besteck in die Hände und begann stumm zu essen. Auch Jo sagte nichts, sondern wartete geduldig ab. Das Gespräch beschäftigte Keanu scheinbar noch sehr, denn er war mit seinen Gedanken ganz woanders, das konnte sie ihm ansehen. Aber was auch immer es genau war, über das er nachdachte. Es ging sie nichts an und sie würde niemals fragen.

So beendeten sie beide ihr Essen stumm. Und erst als Jo den letzten Schluck aus ihrem Weinglas getrunken hatte, sich mit einem Seufzer entspannt zurück lehnte, und Keanu Messer und Gabel zur Seite gelegt hatte, blickte er das erste Mal wieder hoch und sie schuldbewusst an.
"Tut mir leid, Jo" sagte er dann auch entschuldigend. "Ich bin ein schlechter Gastgeber."
"Nein, das bist du nicht. Es ist alles in Ordnung, Keanu."
"Aber ich habe dich vernachlässigt."
"So habe ich mich aber nicht gefühlt. Ich erwarte nicht, dass du pausenlos mit mir sprichst und dich jede Sekunde um mich kümmerst."
"Aber hier in meinem Haus muss ich doch...."
"Nein, musst du nicht. Ich freue mich, hier zu sein. Aber ich sehe das ganz locker. Und es ist viel schöner, wenn du das auch tust. Keinerlei Verpflichtung, Keanu."
"Das meinst du wirklich so, nicht wahr?"
"Ja, allerdings."
"Das ... das ist ungewohnt für mich. Du bist ungewohnt für mich."
"Prima. Dann langweile ich dich wenigstens nicht so schnell."
"Langweilen? Du mich? Na hör mal.....Ich bin hier der Langweiler" meinte Keanu daraufhin entrüstet.
"Ja klar, ganz bestimmt" nickte Jo, und ihr Ton ließ erkennen, dass sie ihm trotz ihrer Worte nicht zustimmte. Dann stand sie auf.
"Was willst du?" fragte Keanu sofort.
"Den Tisch abdecken."
"Aber es gibt noch Nachtisch. Eine Cremespeise mit frischen Früchten. Und dazu eine Tasse Kaffee. Magst du?"
"Mmmm, ja gerne. Lecker. Aber dafür können wir doch vielleicht auf deine Terrasse gehen, oder? Und vorher räumen wir alles andere auf. Ich bin jetzt schon so satt. Und wenn ich noch mehr esse, habe ich sicher überhaupt keine Lust mehr dazu."
Keanu stand nun ebenfalls auf, kam um den Tisch herum und stellte sich vor Jo. Er hob seine Hände und legte sie auf ihre Oberarme. Sanft und ganz langsam bewegten sich seine Hände wenige Zentimeter auf und ab.
"Gute Idee, Jo. Aber ich mach das hier und du setzt dich schon raus."
"Kommt nicht in Frage. Ich helfe dir."
"Du bist aber nicht zum Arbeiten hier. Ich möchte, dass du...."
"Zu zweit geht es auch viel schneller, Keanu" meinte Jo, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und hauchte ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen.
Einen Moment war Keanu still. Dann nickte er und lächelte sie an.
"Das stimmt. Na gut, überredet. Dann los."
Und gemeinsam trugen sie das Geschirr in die Küche und räumten es in die Spülmaschine.

Während Keanu sich dann zum Schluss noch um die Kaffeemaschine kümmerte, stellte Jo sich mit dem Rücken an die Küche, zog sich hoch und setzte sich auf die Arbeitsplatte. Ihre Hände stützte sie rechts und links von sich ab und bewegte ihre Beine leicht hin und her. Keanu beobachtete sie lächelnd dabei und Jo lächelte zurück.
"Ich hätte vorher fragen sollen: Ist es für dich ok, dass ich hier sitze?"
"Selbstverständlich. Warum denn nicht?"
Jo zuckte mit den Schultern.
"Nicht jeder mag das. Meine Mutter hat es immer gehasst und mich sofort schimpfend runtergescheucht. Aber ich sitze so gern drauf. Auch bei mir mach ich das immer so. Morgens, bevor ich zur Arbeit fahre. Mit einer Tasse Kaffee in einer Hand und der Zeitung in der anderen."
Keanu nickte und sah sie nachdenklich an.
"Ich weiß eigentlich gar nichts über dein Leben, Jo. Was du magst und was nicht. Bis jetzt hast du mir so gut wie nichts von dir erzählt" meinte er dann.
"Das liegt vielleicht daran, dass es nichts zu erzählen gibt, Keanu."
"Nein?"
"Nichts interessantes zumindest. Alles nur langweiligen Alltagskram."
"Ich mag langweiligen Alltagskram. Sehr sogar. Also: Wie und wo bist du aufgewachsen? Wie war deine Schulzeit? Wie bist du zu deinem Beruf gekommen? Wann hast du deine erste eigene Wohnung gehabt? Was machst du in deiner Freizeit...?"
"Puh, Keanu. Das willst du alles wissen?"
"Ja, alles" meinte Keanu und kam lächelnd auf sie zu.

Er stellte sich vor sie und schaute auf sie herunter. Und Jo sah erstaunt zu ihm auf. Dann jedoch streckte er einen Arm aus und griff über sie hinweg zu einer Schranktür. Jo musste sich etwas krumm machen und ihren Kopf etwas herunterbeugen, damit er sie überhaupt öffnen konnte. Und als er sich dann streckte und mit einer Hand in den Schrank hinein griff, rutschte sein T-Shirt so weit hoch, dass sich ein schmaler Streifen Bauch zeigte. Jo starrte darauf und ihre Hand bewegte sich ganz von allein. Vorsichtig strich sie mit dem Rücken ihres Zeige- und Mittelfingers durch die Haare, die über dem Hosenbund zu sehen waren.

Keanu hatte schon die Henkel der Becher, die er aus dem Schrank nehmen wollte, in der Hand, als er Jo's Berührung spürte. Sofort ließ er die Tassen wieder los und stand nun, mit noch immer ausgestrecktem Arm, völlig still. Sein ganzer Körper war plötzlich angespannt und seine Gefühle konzentrierten sich von einer Sekunde auf die andere nur auf diese winzige kleine Stelle unter seinem Bauchnabel, die Jo so sanft gestreichelt hatte. Und nur ein einzelner Gedanke zuckte immer wieder durch sein Gehirn: 'Nochmal. Nochmal, Jo.' Am liebsten hätte er es heraus geschrien. Aber er blieb stumm und hoffte, sie würde es einfach tun.

Und tatsächlich streichelten ihre Finger nun wieder über diese Stelle. Genauso leicht wie eben aber diesmal hörte sie nicht sofort auf und Keanu stieß zischend die Luft aus, die er bei der ersten Berührung unwillkürlich angehalten hatte. Langsam nahm er seine Hand herunter und legte sie auf Jo's Schulter. Sein Blick war auf ihr Gesicht gerichtet, aber sie sah noch immer auf seinen Bauch. So plötzlich wie sie begonnen hatte, hörte sie auch wieder auf zu streicheln und legte ihre Hand auf ihren Oberschenkel. Keanu schloss für einen kurzen Moment enttäuscht die Augen. Sollte dieser wundervolle Augenblick so schnell vorbei sein? Aber dann spürte er, dass Jo sich erneut bewegte. Und als er seine Augen wieder öffnete, hatte sie ihre Beine etwas auseinander genommen und sah ihn an. Sie hob ihre Hand erneut an und schob sie über seine Hüfte auf seinen Rücken. Mit leichtem Druck zog sie ihn dann zu sich heran. Und Keanu kam dieser Aufforderung sofort nach. Aber das war Jo noch nicht dicht genug. Sie spreizte ihre Beine noch mehr und rutschte gleichzeitig bis zur Kante vor.
Während der ganzen Zeit hatten sie sich in die Augen gesehen. Und als Jo nun auch noch leicht auf ihre Unterlippe biss, stöhnte Keanu auf. Er schob eine Hand in ihren Nacken und beugte seinen Kopf herunter. Jo kam ihm entgegen und als Keanu seine Lippen auf ihre legte, seufzte sie leise auf, schlang ihre Arme richtig um ihn und drückte ihn an sich.

Sofort intensivierte Keanu seinen Kuss und seine zweite Hand strich an ihrem Oberschenkel entlang zu ihrem Po und von dort immer höher. Mit sanften, langsam kreisenden Bewegungen, die das genaue Gegenteil seines leidenschaftlichen, fast stürmischen Kusses waren, fuhr er über ihren Rücken. Jo saß still vor ihm und genoß einfach. Nur hin und wieder bewegte auch sie ihre Hände etwas. Aber jedes Mal wenn sie es tat, stöhnte Keanu auf und versuchte, sie noch fester an sich zu drücken. Seine Atmung hatte sich sehr beschleunigt und Jo konnte spüren, wie er jedesmal, wenn sie sich bewegte, unter ihren Fingern erschauerte. Und daher brummte sie unwillig und hielt ihn auf, als er plötzlich versuchte, sich etwas von ihr zu lösen und einen Schritt zurück treten wollte.
"Jo" stöhnte Keanu. "Bitte lass mich los."
"Nein."
"Du musst. Noch kann ich mich zurückhalten."
"Nein" knurrte Jo erneut.
Und um ihr Wort zu unterstreichen, und ihn davon abzuhalten, sich doch zurückzuziehen, schlang sie nun auch noch ihre Beine um seinen Unterleib.
"Jo" stöhnte er wieder. Diesmal deutlich lauter.
"Nein."
"Du weißt nicht was du tust."
"Doch."
"Jo"
"Nein."
"Du weißt nicht, was ich gleich tue."
"Hmmm?"
"Jo, gleich ..." fing er an.
Aber Jo unterbrach ihn:
"Dann tu doch endlich, was du tun möchtest, Keanu. Jetzt, nicht erst gleich."

Einen winzigen Augenblick stutzte Keanu. Dann legte er beide Hände an Jo's Po und sagte mit leiser Stimme:
"Halt dich gut fest."
Sofort umklammerte Jo seinen Nacken und fühlte sich Sekunden später hoch gehoben. Mit schnellen Schritten, und scheinbar völlig mühelos, trug Keanu sie aus der Küche und dann den Flur entlang Richtung Schlafzimmer. Die Tür stand noch offen und so konnte er einfach hindurch gehen. Als er drinnen war, gab er der Tür mit dem Fuß einen Schubs und sie fiel laut ins Schloss. Dann machte er die letzten Schritte zum Bett, legte Jo vorsichtig darauf ab und richtete sich wieder auf. Kopfschüttelnd sah er dann auf sie herunter.
"Was tust du nur mit mir, Jo?"
"Nichts, Keanu" antwortete sie und setzte sich lächelnd auf. "Ich reagiere nur auf deine Vorgaben. Was also möchtest du mit mir tun?"

Statt einer Antwort, stieg Keanu zu ihr aufs Bett und zog sie zu sich heran und in seine Arme. Jo schmiegte sich an ihn und verteilte viele kleine Küsse auf seinem Hals.
"Ich möchte so viel, Jo. Aber ob ich das auch kann, das weiß ich nicht" flüsterte er so leise, dass sie es kaum verstehen konnte.
"Probier es einfach aus" meinte sie zwischen zwei weiteren Küssen. "Der Anfang war doch schon mal sehr vielversprechend."
Keanu seufzte wieder auf, als Jo's Mund sanft weiter zu seinem Ohr wanderte.
"Aber du wirst enttäuscht sein, wenn ich nicht kann...wenn ich dich nicht ..."
Sofort unterbrach Jo ihr Tun.
"Wie kommst du darauf, Keanu?" fragte sie ihn ebenso leise, wie er eben gesprochen hatte.
"Ich wäre ganz sicher nicht enttäuscht. Warum auch? Und wenn es dir lieber ist, können wir einfach nur ein bisschen kuscheln."
"Das wäre für dich ok?"
"Ja, das wäre es ganz bestimmt. Das mag ich nämlich auch sehr gern" antwortete Jo und löste sich noch etwas mehr von ihm.
"Man muss sich nicht einmal streicheln. Es ist schön, nur ganz dicht beieinander zu sein und die Nähe des Anderen zu genießen. Ganz ohne Zwang auf mehr, Keanu."
Dann sah sie ihm fest in die Augen und Keanu wich ihrem Blick nicht aus. Er versuchte in ihren Augen zu lesen, ob darin nicht doch Enttäuschung zu finden war. Aber er konnte nichts dergleichen erkennen. Sie blickte ihn aus ihren dunklen Augen nur offen und ehrlich an, so dass er wieder zu sprechen begann:
"Jo?"
"Hm?"
"Ich möchte aber eigentlich nicht nur kuscheln."
Sofort ließ das warme Lächeln, dass sich nun auf ihre Lippen schlich, sein Herz noch schneller schlagen.
"Du könntest ja vielleicht mit einem klitzekleinen Kuss anfangen" bat sie ihn. "Dann sehen wir weiter."
Und Keanu zog sie zurück in seine Arme und legte seine Lippen auf ihre.
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Beitrag Verfasst am: 18.09.2010, 23:20    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 24


Jo hielt ihren Mund zuerst noch geschlossen, und daher löste Keanu seinen Kuss wieder etwas und strich nur sanft mit seinen Lippen über ihre. Diese waren so weich und warm und hielten völlig still, als er es tat. Und erst als er dann auch noch vorsichtig begann, an ihrer Unterlippe zu knabbern, weil er sie unbedingt nicht nur fühlen, sondern auch wieder schmecken wollte, stöhnte Jo leise auf. Diesen Moment nutzte Keanu sofort, und seine Zunge fand den Weg zu ihrer. Noch immer saßen sie aufrecht auf dem Bett. Aber jetzt ließ Keanu sich langsam nach vorn sinken. Dabei hielt er Jo fest und sie folgte ihm willig. Wichtig war ihr dabei nur, dass Keanu den Kuss nicht unterbrach.

Und diesen unausgesprochenen Wunsch erfüllte er ihr, denn er schaffte es tatsächlich, sich neben sie zu legen, ohne dass seine Lippen sich von ihren trennen mussten. Sofort zog er seine eine Hand unter ihrem Rücken hervor und ließ sie über ihren Bauch zu ihren Brüsten gleiten. Den anderen Arm schob er unter ihren Kopf, so dass er sich auf seinem Ellenbogen abstützen konnte und etwas auf Jo herunter sah. Ganz kurz lagen seine Finger still. Dann jedoch begann er, Jo zu streicheln. Erst sehr sanft, aber nach nicht mal einer Minute wurden seine Liebkosungen drängender.

Keanu streichelte über Jo's Brüste und fühlte den glatten Stoff ihres T-Shirts unter seinen Händen. Aber er wollte ihre Haut spüren, nicht ihre Kleidung. Und sie sollte ihn spüren. Aber nicht so wie beim ersten Mal in der Hütte. Da hatte Jo fast alles gemacht. Heute war das sein Job. Heute sollte Jo genießen und ihn machen lassen. Das war er ihr schuldig. Also glitt seine Hand ihren Bauch hinunter und unter ihr T-Shirt. Jo seufzte leise auf als er es tat, und er fasste dies als Aufmunterung auf, weiter zu machen. Immer fordernder strich er daher über ihren Oberkörper. Keinen Zentimeter ließ er aus, als seine Hand tiefer und tiefer wanderte. Als er dann am Bündchen von Jo's Hose angelangt war und daran entlang strich, seufzte sie wieder und schon schoben sich seine Finger unter dem Bund hindurch und erreichten ihren Haaransatz. Dabei zog Jo laut die Luft ein, hielt dann den Atem an und klammerte sich an Keanu. Dessen Atmung hatte sich ebenfalls beschleunigt und seine Zunge in ihrem Mund wurde noch einmal schneller.

Aber so sehr Keanu es sich auch wünschte und sich bemühte, sein Körper streikte. Er reagierte einfach nicht darauf, was seine Hände taten. Nichts, rein gar nichts, regte sich bei ihm. Nicht einmal das leiseste Ziehen verspürte er in seiner Lendengegend. Machte er jetzt wirklich schlapp? So wie er es befürchtet hatte? Schlapp, dachte er. Ja, das war genau das richtige Wort. Schlapp und schlaff waren er und sein bestes Stück. Nicht zu gebrauchen. Keinen Pfifferling wert. Verdammt. Und frustriert steigerte er seine Bemühungen noch. Seine Finger kraulten Jo's Venushügel und als er mit seinem Mittelfinger ihre empfindliche Stelle berührte und Jo zusammenzuckte und aufstöhnte, wusste er, dass es ihr gefiel. Aber auch das half nicht. Statt dessen schlief nun auch noch sein Arm, auf dem er sich die ganze Zeit abgestützt hatte, ein. Verdammt, verdammt.

So konnte er es auf alle Fälle nicht mehr lange aushalten und daher zog er seine Hand aus Jo's Hose, umfasste sie damit, drehte sie auf die Seite, holte sie ganz dicht zu sich heran und hob sie dabei etwas an. Dann zog er seinen inzwischen fast tauben Arm unter ihr hervor. Vorsichtig bewegte er die Finger, ließ den Arm dann ruhig zwischen sich und Jo liegen, und legte seinen Kopf erleichtert auf die Kissen. Jo hielt er dabei noch immer fest an sich gepresst und ließ sie auch nicht los, während er darauf wartete, dass das Kribbeln endlich nachließ. Ihr Kopf lag in seiner Halsbeuge und er konnte ihren Atem auf seiner Haut spüren. Sie rührte sich nicht. Ganz still lag sie bei ihm. Scheinbar wusste sie, dass er dies wegen seines Armes tat und gab ihm die Zeit, die er brauchte. Und dafür war er ihr dankbar. Wenn sie wüsste, welche Gedanken ihn wieder quälten. Aber als sein Arm kurz darauf endlich besser wurde, rückte er wieder ein Stück ab und begann erneut, sie zu streicheln.

Bis er nur Sekunden später von Jo ein Geräusch hörte, dass ihn sofort erschrocken innehalten lies. Sie hatte geschluchzt. Nicht geseufzt wie vorher. Sondern richtig geschluchzt. Oder hatte er sich verhört? Nein, hatte er nicht. Warum aber tat sie das? Hatte sie bemerkt, dass er nicht richtig auf sie reagierte? Fühlte sie sich daher nicht gut? War sie doch enttäuscht darüber? War sie vielleicht sogar böse auf ihn? Er schämte sich so, aber er musste es wissen. Und daher begann er leise zu sprechen. Ansehen konnte er sie dabei aber nicht.
"Jo, es tut mir leid wenn ich...." hier schluckte er und verstummte hilflos.
Aber noch bevor er einen neuen Versuch starten konnte, sprach Jo:
"Keanu?" fragte sie.
"Jo, ich..." fing er wieder an.
Aber Jo unterbrach ihn. Als hätte sie gar nicht gehört, dass er etwas gesagt hatte, fuhr sie fort:
"Könntest du mich bitte noch einmal so halten wie eben? Ganz dicht und fest? Nur ein paar Minuten noch? Das mag ich so sehr und es hat sich so gut angefühlt. Ich war so sicher und geborgen in deinen Armen. Das ist etwas, was ich lange nicht hatte. Geht das. Nur ganz kurz, wirklich."
Und als Keanu schwieg, setzte sie noch leiser hinzu:
"Bitte, wirklich nur ganz kurz" und schluchzte wieder.
Sofort erwachte Keanu aus seiner Erstarrung und zog sie zurück in seine Arme. Sie konnte ja nicht wissen, dass er einfach nur zu erstaunt gewesen war, um gleich zu antworten. Hatte er doch etwas ganz anderes erwartet.
"Natürlich, Jo" meinte er dann auch endlich. "Sehr gerne. Immer wenn du möchtest und solange du möchtest."
Und mit diesen Worten drückte er sie wieder fest an sich und hauchte ihr einen Kuss auf die Haare. Dann lagen sie völlig still nebeneinander und als Jo wenig später aufseufzte, lächelte Keanu.

Er lag da und lauschte Jo's Atemzügen und langsam wurde er auch innerlich ruhiger und ruhiger. Sie hatte wieder einmal ganz anders reagiert, als er es vermutet hatte. Sie hatte ihm keine Vorwürfe gemacht. Obwohl er sich sicher war, dass sie schon bemerkt hatte, dass er nicht erregt gewesen war. Hatte sie nicht vorher gesagt, dass sie niemals enttäuscht sein würde? Doch, aber er hatte es nicht so ganz geglaubt. Nun aber tat er es und er fühlte sich viel besser. Und noch etwas fiel ihm ein und er runzelte die Stirn. Hatte Jo ihn eigentlich auch gestreichelt? Er wusste es nicht. Er war so mit sich selbst und seinen negativen Gedanken beschäftigt gewesen, dass er es nicht bemerkt hatte. Er hatte diese wundervolle Frau bei sich, sie wollte mit ihm schlafen und er konnte sich nicht erinnern, ob sie ihn berührt und gestreichelt hatte? Ganz unglaublich.

Keanu wusste nicht, wie lange er Jo schon festhielt, denn die Zeit war unwichtig. Es konnten Sekunden sein, aber auch viele Minuten. Aber plötzlich wurde ihm bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Plötzlich waren sie wieder da, die Gefühle, die er sonst immer in Jo's Nähe hatte. Jetzt nahm er wieder ihren Geruch wahr. Und daher atmete er noch einmal extra tief ein. Er fühlte wieder das Kribbeln in seinen Händen, mit denen er sie fest hielt. Er spürte ihre Hände auf seinem Rücken und die Hitze, die von ihnen ausging. Er spürte ihren gesamten Körper an seinem Bauch, an seinen Beinen, an seinen Armen und ihren Kopf an seinem Hals. Und viele kleine Blitze schossen durch ihn hindurch und ließen seinen Atem für einen Moment stocken. Wie schön war es doch, das alles fühlen zu dürfen. Und wieder einmal wunderte er sich darüber, dass er überhaupt so etwas erlebte. Was war es, das ihn bei Jo so fühlen ließ?

Er hatte diesen letzten Gedanken nicht zu Ende gedacht, als Jo sich in seinen Armen regte. Ihre Hände begannen, sanft über seinen Rücken zu streichen und ihr Mund hauchte leichte Küsse auf seinen Hals. Einen kleinen Moment blieb Keanu noch still liegen und genoss die Schauer, die durch seinen Körper rieselten. Dann aber begann auch er, Jo zu streicheln. Ganz langsam und zärtlich waren ihre Bewegungen. Sie hatten keine Eile mehr und als ihre Münder sich fanden, spielten auch ihre Zungen ebenso langsam miteinander. Keanu fühlte sich unglaublich gut dabei. Und bereits kurze Zeit später verspürte er das bekannte und vorhin so sehnlichst herbei gewünschte Ziehen in seinen Lenden.

Viel später hielt Keanu Jo dann wieder in seinen Armen und versuchte, genau wie sie, ruhiger zu atmen. Er war glücklich und zufrieden. Nicht eine Sekunde hatte er mehr an sich zweifeln müssen. Er hatte Jo verwöhnt und sie ihn und zusammen hatten sie es beendet. Es war für ihn unglaublich intensiv gewesen und Jo's Reaktionen hatten ihm gezeigt, dass es ihr genau so ging. Schon lange war er nicht mehr so befriedigt gewesen und er musste gegen die Müdigkeit ankämpfen, die sich langsam aber sicher in ihm ausbreitete. Aber auf keinen Fall wollt er schlafen. Nicht eine Sekunde dieses kostbaren Tages wollte er versäumen. Und daher machte er seine Augen wieder auf und sah Jo an.

Auch sie regte sich jetzt wieder und schien sich aus seinen Armen befreien zu wollen. Sofort verstärkte Keanu seinen Griff.
"Nicht" sagte er fast barsch. Als er aber merkte, wie er geklungen hatte, setzte er sanfter hinzu. "Bleib liegen, bitte. Duschen kannst du doch auch später, oder?"
"Hä? ... Ich wollte mich bloß anders hinlegen, Keanu. Mein Arm liegt falsch. Ich möchte jetzt nicht duschen. Ich bin nicht schmutzig."
"Das denke ich auch nicht. Im Gegenteil."
"Warum sagst du dann sowas?"
"Oh, na ja...ich habe das schon oft erlebt und daher dachte ich, dass du ...."
"Du magst es also auch nicht, wenn der andere gleich danach aufspringt und unter der Dusche verschwindet?"
"Nein, du auch nicht?"
Und als Jo den Kopf schüttelte, fuhr er fort:
"Es fühlt sich für mich dann an, als ob ich schmutzig wäre und diesen Schmutz weiter gegeben hätte. Und das ..., nun dass sie sich davor ekelt und es so schnell wie möglich abwaschen will. Verstehst du was ich meine?"
"Ja, sehr gut sogar" meinte Jo und kuschelte sich wieder an Keanu.
Er drückte sie wieder an sich und seine Finger strichen sanft über ihren Oberarm und sie seufzte wohlig auf.

"Jo?" fragte Keanu nach einer Weile.
"Ja?"
"Darf ich dich was fragen?"
"Klar."
"Hast du ... hast du schon viele Männer gehabt?" jetzt war es raus. Die Frage, die ihn schon so oft beschäftigt hatte. Und deren Antwort er unbedingt hören wollte, aber irgendwie auch fürchtete.
Einen Moment schwieg Jo. Dann sagte sie:
"Warum willst du das wissen. Ist es nicht egal?"
"Doch, nein...doch. Also..."
"Wenn ich dir diese Frage stellen würde, würdest du sie beantworten, Keanu?"
"Ich? Oh..." brachte er verlegen hervor.
"Aha, siehst du. Warum also sollte ich es tun?"
"Ja, du hast natürlich recht, es geht mich nichts an" meinte er dann nachdenklich und streichelte weiter ihren Arm.

Sie blieben noch eine halbe Stunde im Bett. Sie streichelten und küssten sich. Sie redeten miteinander und lagen auch nur still nebeneinander. Dann aber standen sie auf, zogen sich wieder an und gingen zusammen zurück in die Küche. Der Kaffee stand noch immer in der Maschine und Keanu schenkte zwei Tassen ein. Dann nahm er den Nachtisch aus dem Kühlschrank. Aber bevor sie zusammen nach draußen gingen, entschuldigte er sich kurz und verschwand. Drei Minuten später war er bereits zurück und dann trugen sie alles auf die Terrasse. Während Keanu sich in einen der Holzstühle setzte, betrachtete Jo erst einmal ausgiebig die atemberaubende Aussicht. Dann setzte auch sie sich und sie begannen zu essen.

Nachdem sie aufgegessen und ihre Tassen geleert hatten, gingen sie wieder hinein. Jo war das geschlossene Haus lieber. Hier konnte sie ganz bestimmt niemand sehen und sie fühlte sich dadurch wohler. Keanu war wieder kurz verschwunden und hatte sich in der Zeit, trotz Jo's Einwände, allein um ihre Wäsche gekümmert. Also hatte sie ein Buch zur Hand genommen und es sich auf einem Sofa bequem gemacht. Als Keanu zurück kam, machte er leise Musik an und setzte sich zu ihr. Er warf einen Blick auf das Buch und sah Jo dann an.
"Einen Krimi, Jo?"
"Ja. Viele deiner Bücher sind mir zu schwere Kost."
"Stimmt, manchmal mag ich es auch einfacher und will nur unterhalten werden. Ohne nachzudenken."
"Kein Nachdenken? Geht das bei dir?" grinste Jo.
"Manchmal, ja" antwortete Keanu und stubste Jo leicht in die Seite. "Komm, lehn dich gegen mich. Dann haben wir es beide bequem und ich kann mit hinein sehen."
"Ok."

Ein paar Minuten schwiegen beide und lasen. Dann ließ Jo das Buch wieder sinken und räusperte sich. Sie setzte sich auf und sah Keanu an. Dann begann sie zu sprechen, verstummte aber sofort wieder. Keanu wartete auf das, was nun kommen würde. Und endlich begann Jo doch:
"Es waren sechs Männer Keanu. Mehr nicht. Mit großen Abständen dazwischen. Und der letzte ist auch schon seit eineinhalb Jahren Geschichte. Du siehst also, ich treibe es nicht allzu bunt."
"Oh Gott, Jo, das habe ich auch nie geglaubt."
"Nein, was dann? Warum wolltest du es dann unbedingt wissen?"
"Ich weiß nicht. Na ja, doch. Du bist so offen, was den Sex angeht. Und da dachte ich ..."
"Dass ich viel Übung darin habe? Nun, dann bist du ja jetzt vielleicht beruhigt. Daran liegt es nicht. Bei dir war es nur ganz einfach für mich. Das ist nicht immer so."
Wieder schwiegen beide und hingen ihren Gedanken nach.
"Danke, dass du es mir doch noch gesagt hast, Jo. Und entschuldige" meinte Keanu dann verlegen.
"Es gibt nichts zu entschuldigen" schüttelte Jo den Kopf und gab ihm einen Kuss.
Dann lehnte sie sich wieder zurück, hob das Buch an und las weiter.

So verging der Nachmittag wie im Fluge. Und als der Zeitpunkt des vereinbarten Aufbruchs immer näher rückte, versuchte Keanu noch einmal, Jo zum Bleiben zu überreden. Aber er schaffte es nicht. Immer wieder beteuerte sie zwar, dass ihr der Tag sehr gefallen hatte, aber bleiben wollte sie nicht.

Wenig später hatten sie dann alles aufgeräumt und waren gerade dabei, sich im Flur Schuhe und Jacken anzuziehen, als es an der Tür klingelte. Keanu runzelte die Stirn und warf einen kurzen Blick auf den Bildschirm.
"Das ist mein Bekannter von der Polizei, Jo. Und noch ein anderer Polizist. Soll ich mit ihnen sprechen?"
"Oh.. ich weiß nicht."
"Aber das ist doch jetzt einen Versuch wert. Ich hatte um ein Treffen gebeten und er wollte sehen, wann er Zeit hat. Es wird sicher nicht so lange dauern. Du wartest im Schlafzimmer und lässt die Tür etwas auf. Dann kannst du sogar mithören. Was meinst du?"
"Hm ..."
Wieder klingelte es.
"Jo?"
"Ja...ja gut. Gib mir die Wäsche. Die müssen die nicht sehen. Und wo ist meine Tasche? Und meine Jacke? Ach, hier" meinte sie fahrig und sah Keanu aus großen Augen ängstlich an.
"Sie werden dich nicht sehen, Jo" meinte Keanu und gab ihr einen beruhigenden Kuss.
Dann gab er sie wieder frei. Jo drehte sich um und lief schnell den Flur zurück. Keanu sah ihr hinterher, wie sie im Schlafzimmer verschwand und öffnete dann die Tür.
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Beitrag Verfasst am: 03.10.2010, 13:50    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 25


Mit einem Lächeln im Gesicht und mit kräftigem Handschlag begrüßte Keanu seinen Freund. Noch in der Tür wurde ihm der Begleiter vorgestellt. Auch ihm gab Keanu die Hand und trat dann zur Seite und bat seine Gäste herein. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, ging er vor ihnen her in Richtung Wohnzimmer. Als er an der Schlafzimmertür vorbei kam, warf er einen kurzen Blick darauf. Jo hatte sie tatsächlich nicht ganz geschlossen. Hoffentlich würde sie etwas von dem, was gesprochen wurde, verstehen können. Und wenn nicht, dann würde er es ihr eben hinterher erzählen. Wenn er überhaupt etwas erfuhr. Im Wohnzimmer angekommen, setzten sie sich auf die helle Couch. Die angebotenen Getränke lehnten die beiden Männer ab. Sie hatten nicht viel Zeit, denn ihre Schichten begannen bald. Daher kamen sie auch gleich zum eigentlichen Thema des Besuches.

"Als du mich angerufen hast, Keanu, hast du gesagt, dass du ein paar Fragen wegen einer neuen Rolle hast, die du spielen willst. Weil ich dir da aber so gar nicht weiter helfen kann, habe ich Christopher mitgebracht. Ich hoffe, das ist dir recht?"
"Ja klar ist es das, Mark" meinte Keanu und wandte sich dann an Christopher:
"Sie haben Erfahrung mit Banküberfällen?"
Der aber reagierte zuerst gar nicht. Keanu hatte längst bemerkt, dass er damit beschäftigt war, sich genau umzusehen. Eine Polizisten Angewohnheit vielleicht? Alles in sich aufnehmen und analysieren? Aber noch etwas anderes tat er, was Keanu dann doch ungewöhnlich fand. Christopher hatte seine Nase etwas erhoben und schnupperte ganz leicht. Dann runzelte er die Stirn und kniff die Augen zusammen. Und so wandte er langsam den Kopf und blickte Keanu an.

Einen kurzen Augenblick sah Keanu in Augen, die ihn durchdringend, ja fast stechend, ansahen. Dann aber entspannte sich Christopher's Gesicht wieder und er begann zu sprechen.
"Ein wenig. Ich habe bereits an einigen Fällen mitgearbeitet. Was genau ist es denn für eine Rolle, die sie spielen sollen. Und wie kann ich helfen?"
"Ich habe ein Drehbuch bekommen und finde es eigentlich ganz gut. Aber leider wirkt es auf mich auch etwas unrealistisch und ich möchte gern erfahren, wie die Polizei solche Fälle wirklich behandelt und verfolgt."
Und mit kurzen Sätzen beschrieb Keanu ein Szenario, das, so hoffte er zumindest, nur ganz leicht an Jo's Fall erinnerte. Trotzdem aber nicht zu weit her geholt klang und es ihm ermöglichte, die Fragen zu stellen, auf die es ihm ankam.
Christopher hörte genau zu, sah sich aber zwischendurch auch immer wieder um. Sein Gesichtsausdruck blieb dabei jetzt jedoch unbewegt und ließ nicht erkennen, was er dachte. Nur die Augen musterten Keanu immer wieder durchdringend.

Als Keanu geendet hatte, besprachen sie kurz, was an der Geschichte gut und was völlig unlogisch war. Und dann begann Keanu damit, Fragen zu stellen. Christopher hatte gerade vier beantwortet, da bat er darum, die Toilette benutzen zu dürfen. Selbstverständlich willigte Keanu sofort ein und wollte gerade aufstehen, da meine Christopher:
"Wenn sie mir sagen, welche Tür es ist, finde ich den Weg allein, danke."
Also nickte Keanu nur, ließ sich wieder zurück sinken und beschrieb den Weg. Christopher verließ mit schnellen Schritten den Raum und Keanu wandte sich Mark zu. Er hatte seinen Mund schon geöffnet um etwas zu sagen, schloss ihn aber wieder und lauschte. Denn er hörte nichts. Er wartete noch einige Sekunden, beugte sich dabei unbewusst vor und legte seinen Kopf schief. Aber das erwartete Geräusch blieb aus. Mit einem Knurren sprang er auf und kümmerte sich dabei nicht um den verwunderten Blick, den Mark ihm zuwarf. Er rannte geradezu aus dem Raum und war gerade um die Ecke, da konnte er auch schon sehen, dass Christopher in der geöffneten Tür zum Schlafzimmer stand und hinein sah.

"Das ist nicht die Toilette" sagte er sofort mit lauter Stimme und erreichte damit, dass Christopher sich umdrehte und ihm entgegen sah.
"Nein, aber ich dachte, ich hätte ein Geräusch aus diesem Zimmer gehört" sagte er dann völlig unbeeindruckt und sah Keanu wieder durchdringend in die Augen.
"Nun, das ist kaum möglich, denn hier ist niemand" antwortete der und wich dem Blick nicht aus.
"Dann muss ich mich wohl getäuscht haben."
"Das denke ich auch. Die Toilette ist dort drüben" meinte Keanu und griff an Christopher vorbei und schloss die Schlafzimmertür.
"Ah ja, danke."
Und als Keanu ihm die wenigen Schritte dahin folgte, fügte er noch hinzu:
"Ich finde den Weg zurück."
"Ich werde trotzdem warten."
Christopher nahm das so hin, zuckte nur die Schultern und öffnete die Tür. Die schwang mit einem so lauten Knarren auf, dass er unwillkürlich zusammen zuckte und zu Keanu zurück sah. Und diesmal war er es, der in zusammen gekniffene Augen blickte. Dann betrat er den Raum.

Keanu blieb vor der Tür stehen. Er zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, denn am liebsten wäre er sofort ins Schlafzimmer geeilt, um zu sehen, wie es Jo ging. Sie musste einen riesen Schrecken bekommen haben. Aber Christopher würde nicht lange brauchen und daher wartete er. Und tatsächlich hörte er gleich darauf die Spülung, dann kurzes Wasserrauschen und schon öffnete sich die Tür wieder.
Als sie dann gemeinsam ins Wohnzimmer zurückkehrten, saß Mark noch immer auf dem Sofa und sah ihnen fragend entgegen. Aber keiner gab ihm eine Antwort auf seine stumme Frage. Sie setzten sich einfach wieder und Keanu machte dort weiter, wo sie vorhin aufgehört hatten. Er stellte noch einige Fragen, die Christopher auch bereitwillig, wenn auch jetzt etwas ausweichend, wie es Keanu schien, beantwortete. Hin und wieder sah er dabei verstohlen auf die Uhr und Mark, der die Blicke seines Kollegen richtig deutete, erinnerte daran, dass es langsam Zeit für sie wurde.

Nach einer letzten Frage bedankte Keanu sich für ihr Kommen und Mark entschuldigte sich dafür, dass sie nicht mehr Zeit hatten und bat ihn, sich zu melden, wenn er noch weitere Fragen haben sollte. Keanu versprach das und schweigend gingen sie den Flur entlang zur Tür. Dort gaben sie sich die Hände nachdem Keanu die Tür geschlossen hatte, lief er mit schnellen Schritten zum Schlafzimmer. Er riss die Tür, die er vorhin zu gemacht hatte, auf und trat ein. Jo war nirgends zu sehen. Auch im Badezimmer fand er sie nicht. Irritiert ging er zurück und sah sich um. Fast wollte er das Zimmer verlassen und in den anderen Räumen suchen, als ihm der begehbare Kleiderschrank ins Auge fiel. Der war hier die letzte Möglichkeit. Also ging er darauf zu.

Als Keanu die Tür öffnete fiel das Licht auf eine am Boden hockende Jo. Er konnte genau sehen, dass sie trotz ihrer kauernden Stellung heftigst zusammenzuckte und versuchte, sich noch kleiner zu machen. Sie hatte ihre Arme um die angezogenen Beine geschlungen und den Kopf zwischen den Knien vergraben. Sie gab keinen Ton von sich und sah auch nicht auf. Erst als er leise ihren Namen sagte, hörte er sie schniefen. Sofort ging er vor ihr in die Hocke und zog sie zu sich heran. Mit einem Aufschluchzen klammerte sie sich an ihn und er konnte spüren, wie sehr sie zitterte.
"Sie sind weg, Jo."
Schniefen...
"Er hat dich nicht gesehen. Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen, denke ich. Es tut mir leid. Ich hätte ihn nicht alleine gehen lassen sollen. Entschuldige bitte."
Jo schluchzte wieder auf und Keanu streichelte ihr beruhigend über den Rücken.
"Jo? Sie sind weg. Wir sind wieder allein."
Einen kurzen Moment saßen sie noch so da. Dann endlich hob Jo ihren Kopf und sah Keanu aus großen Augen ängstlich an. Eine Träne lief ihre Wange herunter und Keanu wischte sie sachte mit seinem Daumen weg.
"Sie sind weg, Jo" sagte er noch einmal.
"Das war er, Keanu" brachte diese mit leiser Stimme hervor.
"Wer?"
"Der Kerl, der neben mir im Auto gesessen hat und mich ... mir mit der Waffe ..." hier verstummte sie und schluckte hart.

Einige Sekunden starrte Keanu Jo an. Dann hob er seine Hand und fuhr sich damit durchs Gesicht.
"Natürlich!" stöhnte er. "Der Kerl hat dich gerochen. Jetzt wird mir alles klar."
"Was?"
"Du hast dich auch an dem Tag mit dem Zitronengel gewaschen?"
"Ja, wie immer."
"Dann ist ihm dieser Geruch sicher damals auch aufgefallen. Er hat ja direkt neben dir gesessen. Denn als er im Wohnzimmer saß, hat er immer wieder geschnuppert und mich komisch angesehen. Ich habe es merkwürdig gefunden, aber mir nicht wirklich was dabei gedacht. Jetzt aber....."
"Wenn er weiß, dass ich hier bin, dann muss ich hier weg" und mit diesen Worten befreite Jo sich aus Keanu's Armen und stand auf.
"Sofort!" meinte sie dann noch und wandte sich um.

Auch Keanu rappelte sich mühsam hoch.
"Warte. Was ist, wenn er noch in der Nähe ist und darauf wartet, dass wir das Haus verlassen?"
"Oh..." Jo blieb stehen und sah Keanu wieder an. "Meine Güte, Keanu. Was mache ich denn nun?"
Auch Keanu überlegte fieberhaft.
"Ich kann gleich mal bei Mark anrufen. Ich werde sagen, ich hätte noch eine Frage. Und ganz nebenbei frage ich nach Christopher. Oder besser, ich frage, ob ich ihn sprechen kann. Das müsste gehen."
"Meinst du?"
"Ich werde es auf alle Fälle versuchen."
Jo nickte zustimmend und Keanu nahm ihre Hand.
"Wir kriegen das hin, Jo" meinte er und versuchte zuversichtlich zu klingen, auch wenn er sich eigentlich nicht so fühlte.

Zusammen gingen sie dann ins Wohnzimmer zurück und Keanu nahm sein Telefon zur Hand und nahm die Sperre heraus. Nachdenklich sah er Jo an.
"Wieviel Zeit ist vergangen, seit sie gefahren sind? Zwanzig Minuten? Den Weg zum Revier können sie in der Zeit noch nicht geschafft haben. Ein paar Minuten muss ich ihnen noch geben."
Und dann fügte er hinzu: "Jo, du bist total blass. Möchtest du dich setzen? Nicht, dass du hier noch umkippst. Oder einen Schnaps? Das hilft."
"Nein, danke Keanu. Sicher würde der helfen, aber ich möchte einen klaren Kopf behalten. Und den hätte ich dann nicht mehr. Du bist übrigens auch blass."
"Ja, und ich könnte auch einen vertragen ..."
"Aber wenn du..."
"Ja, ist schon gut. Ich lasse es sein. Wenn ich gleich fahren muss, schnell fahren muss, ist es sicher besser!"

Jo nickte zustimmend und in dem Moment klingelte das Telefon in Keanu's Hand. Erschrocken zuckte er zusammen und hätte es beinahe fallen lassen. Dann aber schaute er auf das Display und runzelte die Stirn. Er drückte auf eine Taste, hob das Telefon an sein Ohr und meldete sich:
"Ja?"
"Keanu, hier ist Mark."
"Hallo Mark" antwortete Keanu und schaute Jo mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Ich habe nicht viel Zeit. Aber kannst du mir mal verraten, was du mit Christopher vorgehabt hast?"
"Was? Ich kann dich so schlecht verstehen."
"Ich kann nicht lauter sprechen. Ich will nicht, dass das hier jemand mitbekommt. Was für ein Problem habt ihr zwei also gehabt?"
"Wieso Problem? Keins. Warum denn?"
"Er hat mich auf der Fahrt ins Revier nach dir ausgefragt. So habe ich ihn noch nicht erlebt. Er war ganz merkwürdig. Er hat mich auch gefragt, ob ich gemerkt hätte, dass wir nicht allein in deinem Haus waren."
"Und? Was hast du geantwortet?"
"Wahrheitsgemäß, dass ich nichts bemerkt hätte. Hätte ich was bemerken sollen, Keanu?"
"Ich wüsste nicht was, Mark."
"Christopher hat mich auch gefragt, ob die Geschichte mit der Rolle nur ein Vorwand gewesen sein könnte. Sie hätte viel Ähnlichkeit mit dem Banküberfall, der vor kurzem passiert ist. Und von den Tätern fehlt auch immer noch jede Spur, soviel ich weiß. War die Geschichte nur ein Vorwand, Keanu?"
"Wie kommst du darauf?"
"Versteckst du jemanden in deinem Haus?" unterbrach Mark ihn.
"Vermutet Christopher, dass ich einen Bankräuber verstecke?"
"Du beantwortest alle meine Fragen mit Gegenfragen, Keanu. Aber tust du?"
"Ich kann dir versichern, dass ich niemals einen richtigen Bankräuber verstecken würde."
"Ehrenwort?"
"Ehrenwort!"
"Ok, ich muss jetzt wieder. Man sieht sich. Und pass auf dich auf."
"Halt, warte Mark."
"Ja?"
"Ist Christopher bei dir?"
"Er sitzt drei Schreibtische von mir entfernt, ja."
"Was macht er?"
"Was er macht? Er hat, seit wir hier sind, versucht zu telefonieren, aber scheinbar niemanden erreicht. Er kocht, wenn ich das richtig beurteilen kann. Das ist echt merkwürdig, Keanu. Sonst ist er immer ganz ruhig, fast schon kalt. Was, verdammt noch mal, soll deine Frage? Was geht hier vor?"
"Nichts, Mark. Ich war nur neugierig. Machs gut, ja? Und pass du auch auf dich auf. Bis dann."
Keanu wartete die Antwort von Mark noch ab und legte dann das Telefon zur Seite und sah Jo wieder an.
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Beitrag Verfasst am: 20.10.2010, 21:55    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 26


"Keanu?" fragte Jo unsicher als Keanu nichts sagte.
Einige Sekunden stand er noch stocksteif da, dann aber kam Bewegung in ihn.
"Jo, wir müssen los. Jetzt!"
"Ist er nicht da draußen?"
"Nein, er sitzt an seinem Schreibtisch und versucht zu telefonieren. Sicher will er jemanden her schicken. Bis jetzt hat er niemanden erreicht. Aber das wird nicht so bleiben. Wir müssen uns beeilen. Wo sind deine Sachen?"
"Die liegen noch im Schlafzimmer hinter der Tür."
"Gut, komm" und damit reichte Keanu Jo seine Hand und zog sie mit sich.
Sie holten alles aus dem Schlafzimmer und gingen dann weiter zur Verbindungstür, die in die Garage führte. Hier blieb Keanu wieder einen Moment still stehen.
"Was hast du?" wollte sie wissen. Ihre Stimme klang immer noch ängstlich.
"Wir werden nicht mit dem Porsche fahren, sondern ein Motorrad nehmen."
"Was? Ich bin noch nie gefahren. Und warum? Ist das nicht viel auffälliger?"
"Du brauchst keine Angst zu haben. Du musst dich nur gut festhalten. Ich werde vorsichtig fahren."
"Angst?" Jo schnaufte auf. "Glaubst du wirklich, ich habe nach dem ganzen Schlamassel hier Angst davor, mit dir Motorrad zu fahren?"
"Nein, sicher nicht" gab Keanu traurig zu. "Aber ich glaube tatsächlich, es ist besser ein Bike zu nehmen. Wir sind damit schneller und wendiger und ich kann es dann ein Stück von der Straße herunter den Pfad entlang schieben und hinter einem Gebüsch gut verstecken. Mit dem Porsche geht das nicht."
"Du musst nicht mit zur Hütte kommen. Wenn du mich dort absetzt und dann gleich weiter fährst, ist das viel sicherer."
"Ich werde dich heute Nacht ganz bestimmt nicht allein lassen, Jo."
"Aber..."
"Kein Aber. Warte noch einen Moment. Ich hole meine große Umhängetasche. Da passt alles von dir rein und auch noch ein paar Dinge für mich. Und ich kann alles prima transportieren."
Er nahm Jo das, was sie getragen hatte, ab und schon war er wieder verschwunden. Jo blieb still stehen und sah ihm hinterher.

Als Keanu wenig später zurückkehrte, stand Jo noch immer am selben Fleck. Sie hatte den Kopf gesenkt und schaute auch nicht hoch, als er neben sie trat. Sie schien so in Gedanken versunken, dass sie ihn nicht einmal bemerkte. Daher hob Keanu seine linke Hand und legte den Zeigefinger unter ihr Kinn und hob es sachte an. Dann beugte er seinen Kopf herunter und hauchte einen zarten Kuss auf ihre Lippen.
"Am liebsten würde ich dich hier behalten, Jo. Da das aber wohl nicht geht, sollten wir jetzt gehen. Was meinst du?" fragte er leise ganz dicht an ihrem Mund und küsste sie gleich darauf noch einmal.
"Mmm..." brummte Jo zustimmend und nickte leicht.
Daher richtete Keanu sich wieder auf, ließ seine Hand sinken und atmete einmal tief ein.
"Ok, dann komm" meinte er und legte seine Umhängetasche zur Seite, um sich seine Jacke von der Garderobe zu nehmen und anzuziehen.
Jo schlüpfte ebenfalls in ihre und als Keanu ihr auch wieder seine Wildlederjacke hinhielt, nahm sie diese wortlos entgegen und zog sie an.

Keanu sah ihr dabei zu und als sie fertig war, nahm er die Tasche wieder auf, hob den Gurt über seinen Kopf, schob die Tasche zurecht und drehte sich um.
"Keanu?" sprach Jo ihn von hinten an.
"Ja?"
"Würdest du bitte dein Handy hier lassen?"
Daraufhin sah Keanu sie kurz mit gerunzelter Stirn fragend an. Dann jedoch griff er in seine Hosentasche und zog es heraus. Er drückte einige Tasten und warf es dann achtlos auf einen kleinen Tisch.
"Danke."
"Schon gut. Komm jetzt" meinte er und öffnete nun endgültig die Verbindungstür.

In der Garage nahm er zwei Helme von einem Regal und gab einen davon Jo. Dann ging er auf ein Motorrad in der hinteren Ecke zu. Jo folgte ihm.
"Wir werden dies hier nehmen. Meine neueste Errungenschaft. Ich wollte es schon längst in meine Werkstatt gebracht haben. Aber die Zeit hat irgendwie gefehlt. Zum Glück, kann ich nur sagen. Wenn wir mit dieser Maschine fahren, wird sich keiner nach uns umdrehen."
Jo sah sich das Motorrad an und nickte dann. Sie verstand nichts von Motorrädern. Aber dies unterschied sich in sofern ganz gewaltig von den anderen, die hier ebenfalls standen, dass es nicht auf Hochglanz poliert war. Es war nicht eigentlich schmutzig, aber es war rostig. Die Sitzbank hatte einen Riss und die Chromteile waren stumpf.
"Komm, setz deinen Helm auf" meinte Keanu und machte es ebenso.
Dann schob er das Motorrad nach vorn zum Tor und setzte sich drauf. Die Tasche schob er so zurecht, dass sie auf dem Tank liegen konnte. Dann drehte er sich wieder zu Jo um.
Die verstand seine stumme Aufforderung, hielt sich an seinen Schultern fest und schwang ein Bein über die Sitzbank. Dann stellte sie die Füße auf die Fußrasten und legte ihre Hände leicht an seine Hüften.
Keanu drehte seinen Kopf so weit es ging in ihre Richtung und meinte:
"Geht es?"
"Ja."
"Ok. Ich werde langsam fahren. Du musst dich aber bitte mit in die Kurven legen, wenn ich es tue."
"Gut, mach ich."
"Ok, aber das geht viel besser, wenn du..." begann er und verstummte.
Statt dessen griff er an Jo Hände und zog sie sanft nach vorne. Er zog sie so weit, bis sie auf seinen Bauch lagen. Dadurch musste Jo so dicht an ihn heran rutschen, dass ihr gesamter Oberkörper seinen Rücken berührte.
"So ist es viel besser" brummte Keanu zufrieden. "Kann es losgehen?"
"Ja."
Also startete Keanu den Motor und öffnete das Tor mit seinem Öffner. Dann fuhr er langsam heraus. Das Tor schloss sich hinter ihnen wieder. Jetzt waren sie aus dem Schutz des Hauses heraus und Keanu konnte spüren, dass Jo sich noch etwas fester an ihn drückte. Beruhigend legte er einen Moment eine Hand auf ihre und streichelte sie leicht. Dabei sah er sich suchend um. Aber sie waren allein. Niemand war auf der Straße. Kein Wagen stand am Straßenrand. Erleichtert atmete er auf und gab dann Gas.

Ohne Zwischenfall kamen sie am Mulholland Drive an. Dort schob Keanu das Motorrad tatsächlich ein Stück den Pfad entlang und hinter einen Busch, so dass es von der Straße nicht zu sehen war. Das war sehr mühsam, denn, so kam es Keanu wenigstens vor, der Sand war nun viel weicher, die Steine plötzlich mindestens doppelt so groß und der Pfad viel schmaler und unebener als noch vor einigen Stunden. Jo's Vorschlag, sie doch allein zu lassen, hatte er gleich mit einer ungeduldigen Handbewegung zu Seite geschoben. Also versuchte sie, ihm so gut es ging zu helfen, und schob von hinten. Und endlich hatten sie es geschafft. Das Motorrad stand an einem Platz, den man von der Straße nicht mehr einsehen konnte und mit einem lauten Stöhnen richtete Keanu sich wieder auf und streckte seinen Rücken und seine Schultern. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. Das Kopfschütteln von Jo quittierte er aber nur mit einem schiefen Grinsen und einem Schulterzucken. Dabei wischte er sich mit der flachen Hand über die Stirn und betrachtete diese.
"Du hättest nicht...." begann Jo und schwieg sofort.
"....mitkommen müssen?" beendete Keanu ihren Satz und blickte ihr in die Augen.
"Ja" antwortete sie leise und senkte ihren Blick.
"Möchtest du jetzt lieber allein sein, Jo? Dann gehe ich."
"Nein!" antwortete Jo sofort und sah wieder auf. "Ich dachte nur, dass du...."
Diesmal führte Keanu das Angefangene nicht weiter, sondern nahm ihre Hand, hob sie an seinen Mund und küsste sie sanft.
"Komm, lass uns gehen" sagte er dann einfach und drehte sich um.

Der restliche Weg schien im Gegensatz zu dem, was sie eben geleistet hatten, ein Kinderspiel. Aber trotzdem war Keanu froh, als er um die letzte Kurve lief und endlich die Lichtung betrat. Sie lag in den letzten Strahlen der Abendsonne ruhig vor ihm, und wie immer blieb er einen Moment stehen, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Jo dabei dicht an seiner Seite zu fühlen, machte es für ihn noch schöner. Fast hatte er das Gefühl, nach Hause zu kommen. Und ein warmer Schauer rieselte durch ihn hindurch.
"Was hast du?" unterbrach Jo seine Gedanken und sah ihn fragend an. "Ist dir kalt?"
"Nein, wie kommst du darauf?"
"Du hast plötzlich gezittert."
"Hab ich?"
"Ja. Hier im Schatten ist es wirklich etwas kühl. Lass uns reingehen."
Und diesmal war es Jo, die Keanu hinter sich herzog.

In der Hütte bestand Keanu dann darauf, die frisch gewaschene Bettwäsche auch wieder aufzuziehen. Nach leichten Protesten gab Jo sich schließlich geschlagen und während Keanu nach oben verschwand, kochte sie Kaffee. Der war fertig, als Keanu wieder auf der Treppe erschien und gemeinsam setzten sie sich an den Tisch. Keanu knabberte dazu einige der Kekse, die Jo bereit gestellt hatte und dabei besprachen sie noch einmal das Wenige, das Keanu von Mark und Christopher erfahren hatte. Aber weiter brachte sie das nicht, und zum Schluss nahm Jo Keanu das Versprechen ab, dass er auf keinen Fall versuchen sollte, weitere Informationen zu bekommen. Egal von wem. Später machten sie sich noch ein Abendessen, das aus Brot, Dosenwurst, etwas Käse und einigen Tomaten bestand. Da es nun bereits dunkel war, aßen sie bei Kerzenschein. Dazu tranken sie den restlichen Wein, der beim Mittagessen übrig geblieben war. Keanu hatte die Flasche kurzentschlossen zu den anderen Dingen in seine Tasche gesteckt. Und so erschien den beiden diese Mahlzeit, trotz ihrer Einfachheit, perfekt. Dass sie den Wein jetzt aus Wassergläsern, und nicht aus richtigen Weingläsern, trinken mussten, störte sie dabei überhaupt nicht.

Und als Jo dann später immer häufiger zu gähnen begann, beschlossen sie, schlafen zu gehen. Wie schon einmal, putzen sie gemeinsam am Bach ihre Zähne und wuschen sich. Diesmal hatte Keanu sein eigenes Schlafshirt mitgebracht und nachdem sie sich umgezogen hatten, legten sie sich schließlich nebeneinander auf die Matratzen. Aber während Jo ziemlich schnell einschlief, lag Keanu noch wach. Dabei war auch er eigentlich müde, aber seine Gedanken ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Daher dauerte es lange, bis auch er eingeschlafen war.

Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, aber als er wieder wach wurde, war es noch immer stockdunkel und er lag allein im Bett. Er horchte eine Weile, ob er etwas von Jo hören konnte. Aber alles war still. Um besser hören zu können, drehte er sich von der Seite auf seinen Rücken und bemerkte dabei, dass sein T-Shirt genau an der Stelle, an seiner linken Schulter naß war, an der Jo beim Einschlafen gelegen hatte. Er griff mit seiner rechten Hand danach und fühlte genauer. Das waren nicht nur einige Tropfen? Das war mehr, viel mehr. Und sofort schlug er die Bettdecke zurück und krabbelte aus dem Bett. Leise stieg er die Treppe herunter und sah Jo in der geöffneten Tür stehen. Zwei Sekunden zögerte er. Dann aber ging er auf sie zu und stellte sich hinter sie. Seinen rechten Arm legte er dabei über ihre Brust und umfasste ihre linke Schulter. Den linken Arm schlang er um ihren Bauch und legte die Hand auf ihre Hüfte. So standen sie einen Augenblick still. Dann hob auch Jo ihre Hände und legte sie auf seinen Arm, der über ihrer Brust lag. Dabei lehnte sie sich zurück und schmiegte sich an ihn.
"Dir geht es nicht gut!" stellte Keanu leise fest und roch an ihrem Haar.
Es roch herrlich und er musste sich zusammen reißen, seine Nase nicht wieder darin zu vergraben.
"Ach..."
"Hm..?"
"Es ist alles nicht so einfach" meinte Jo daraufhin unbestimmt.
"Nein, das ist es nicht."
"Ich weiß gar nicht, womit ich das hier verdient habe, Keanu" meinte Jo daraufhin und seufzte.
"Aber das hast du doch auch nicht."

Kaum hatte Keanu das gesagt, spürte er auch schon, wie Jo sich versteifte. Sie ließ ihre Hände wieder sinken, stellte sich gerade hin und rückte so ein Stück von ihm ab. Sofort begriff er, dass sie ihn falsch verstanden hatte. Völlig falsch. Und daher zog er sie einfach wieder zu sich heran und flüsterte in ihr Ohr:
"Dies hier hast du verdient, Jo. Aber das andere nicht."
"Oh" brachte Jo leise hervor und entspannte sich wieder etwas.
"Was hast du denn geglaubt?" fragte Keanu daraufhin streng, aber auch ungläubig und drehte sie an den Schultern zu sich um, so dass er sie ansehen konnte.
"Dass du es nicht verdient hast, in meinem Arm zu liegen?"
"Ja, ich ... ich meine ... du bist doch ... und bald wirst du ..."
"Oh, Jo."
"Ja, du bist ..."
"Ich bin ein Idiot. Ein riesen Idiot. Und noch was viel schlimmeres wäre ich, wenn ich dich hier in der Kälte stehen lassen würde. Du bist eiskalt. Komm wieder mit mir ins warme Bett, ja? Da können wir reden, wenn du möchtest."
Als Jo nickte, schloss er die Tür und drehte den Schlüssel um. Dann ging er hinter Jo zur Treppe und hinauf. Er stieg nach ihr ins Bett und zog sie dann sofort in seine Arme zurück. Sie zitterte jetzt und um sie schneller zu wärmen, umfasste er sie noch etwas fester und bewegte seine Hände auf ihrem Arm und auf ihrem Rücken hin und her.

Es dauerte dann auch gar nicht lange, da zeigte das bereits Wirkung. Jo hörte auf zu zittern und entspannte sich mehr und mehr. Und sie fühlte sich nun auch wieder warm an und daher hörte Keanu auf, sie zu reiben und begann statt dessen, sie sanft zu streicheln. Er tat dies eigentlich ganz ohne Hintergedanken. Er wollte sie bloß trösten. Schließlich hoffte er, dass Jo mit ihm reden würde. Als er aber Ihre Hand auf seinem Bauch spürte, spürte, wie sich sich langsam unter sein T-Shirt schob und hörte, wie Jo dabei leise seufzte und sich dann auch noch ein wenig reckte, um seinen Hals zu küssen, da war dieser Wunsch augenblicklich vergessen. Und wieder stieg ihm ihr Duft in die Nase und er schloss seine Augen, um richtig genießen zu können. Sofort reagierte sein Körper auf ihre zärtlichen Berührungen, auf ihren Geruch, auf das Gefühl, sie im Arm zu halten und er begann, sie jetzt intensiver zu streicheln. Jo tat es ihm gleich und bedeckte seinen Hals mit vielen kleinen Küssen und rutschte dabei Stück für Stück höher, bis sie endlich über sein Kinn seinen Mund erreicht hatte. Ihre Lippen trafen sich und der zuerst noch sanfte, zärtliche Kuss, den sie immer wieder unterbrachen, um sich anzusehen, wurde bald drängender und leidenschaftlicher. Immer fordernder wurden ihre Hände. Sie streichelten sich an jeder Stelle, die sie erreichen konnten, ohne den Kuss unterbrechen zu müssen. Und erst als Keanu begann, ungeduldig an Jo's T-Shirt zu zerren, lösten sie sich voneinander. Sie zogen sich gegenseitig aus und streichelten und küssten sich dabei weiterhin am ganzen Körper.

Keanu fand es unheimlich erregend zu fühlen, wie erregt auch Jo war. Er konnte es an seiner Hand, mit der er sie an ihrer empfindlichsten Stelle streichelte, fühlen, an ihrem schnellen Atem spüren, und auch an ihren Bewegungen erkennen. Und es kostete ihn viel Überwindung, ihre Hand, die nun auch begonnen hatte, seinen Penis kräftiger zu massieren, sanft weg zu schieben. Aber so leicht ließ Jo sich nicht davon abbringen. Immer griff sie wieder zu. Umging seine Hand geschickt und fand immer wieder einen Weg zu ihrem Ziel. Bis auch Keanu endlich von ihr abließ und sich knurrend aufsetzte. Sofort streckte Jo ihre Arme nach ihm aus und wollte ihn zu sich herunter ziehen. Einmal ging Keanu noch darauf ein und küsste sie zärtlich auf den Mund, dann aber rutschte er endgültig zur Seite und kniete sich hin.
"Nein" stöhnte Jo. "Bleib doch."
"Gleich, Jo" meinte Keanu und beugte sich zur Seite und zog seine Tasche, die neben der Matratze lag, zu sich heran. Er öffnete einen Reißverschluss und zog aus einem winzigen Seitenfach ein kleines Päckchen.
"Du hast welche dabei" kicherte Jo sofort erfreut.
"Ja, ich dachte, für alle Fälle...."
"Kluges Kerlchen. Komm her. Darf ich?"
Keanu rutschte wieder dichter zu Jo heran und reichte ihr das Kondom. Und während sie sich aufsetzte, legte Keanu sich wieder hin und sah ihr dabei zu, wie sie ihm das Gummi geschickt überstreifte. Ihre Hände dabei zu beobachten, wie sie so zärtlich mit seinem besten Stück umgingen, und in ihre leuchtenden Augen zu sehen, machte ihn unheimlich an und er konnte ein lautes Stöhnen nicht unterdrücken.

Jo lächelte ihn bei diesem Geräusch an und als sie fertig war, hielt sie ihn noch immer fest und wollte sich auf ihn setzen. Das konnte Keanu auf keinen Fall zulassen. Er war inzwischen so erregt, dass er, würde er jetzt in sie eindringen, sofort seinen Höhepunkt erreichen würde. Er musste also irgendetwas tun, das Jo noch weiter reizte, ihm aber die Gelegenheit gab, sich etwas zu beruhigen. Und plötzlich lachte er laut auf. Noch heute Mittag hatte er Zweifel daran gehabt, ob er überhaupt eine Errektion bekommen konnte, und nun musste er sich Gedanken machen, wie er seine Erregung zügeln konnte. Und das hatte er Jo zu verdanken. Sie war einfach unglaublich und er fühlte sich unheimlich gut dabei. Und immer noch grinsend blickte er wieder zu ihr auf. Sie hatte in ihrer Bewegung inne gehalten und sah ihn fragend an. Er antwortete ihr jedoch nicht, nutzte aber den Moment, um sich so zu drehen, dass er nun wieder oben lag und sie unten. Jo kicherte dabei und versuchte sofort, ihn zu sich zu ziehen. Aber Keanu folgte ihr nicht. Statt dessen griff er an den Schaft seines Penis und brachte sich in Position. Aber statt in Jo einzudringen, fuhr er einmal ganz leicht und sanft über ihre Spalte. Als er sah, wie Jo die Augen schloss und sich ihm stöhnend entgegen hob, wiederholte er dies ein ums andere Mal. So heizte er ihr immer mehr ein und gleichzeitig fuhr er etwas herunter. Denn das Reservoir an der Spitze des Gummis dämpfte sein Gefühl etwas. Aber auch nur etwas, denn Jo dabei zu beobachten, was das, was er mit ihr tat, bei ihr bewirkte, machte ihn fertig. Sie wand sich unter ihm. Mal versuchte sie, sich ihm stöhnend zu entziehen, dann wieder bog sie sich ihm seufzend entgegen. Dann wieder lag sie still und genoss einfach. Und endlich hatte er sich soweit im Griff, dass er meinte, ihr geben zu können, um was sie ihn jetzt schon einige Male leise, laut, drängend und dann wieder stöhnend gebeten hatte.

Endlich drang er in sie ein. Er hätte nicht sagen können, ob das Stöhnen, das er dabei hörte, von ihm oder von ihr kam. Das ungeduldige Schnaufen aber kam eindeutig von Jo, als er sich sehr langsam und gleichmäßig in ihr auf und ab bewegte. Sie versuchte sich unter ihm ebenfalls zu bewegen, ihn anzutreiben. Aber sein Gewicht hinderte sie daran. Dann aber wurden seine Stöße doch schneller und schneller und sie seufzte erleichtert auf. Nach kurzer Zeit schon spürte Keanu, wie sich Jo's ganzer Körper anspannte. Sie bäumte sich unter ihm auf und in diesem Moment erreichte auch er seinen Höhepunkt. Sein Penis begann zu zucken, aber trotzdem merkte er dabei deutlich, wie Jo's Muskeln sich rhythmisch um ihn zusammen zogen. Das ließ ihn so unglaublich intensiv spüren, dass er vergaß zu atmen und er einmal heftig nach Luft schnappen musste, um nicht ohnmächtig zu werden. Jo hatte sich während der ganzen Zeit an ihn geklammert und auch als ihr Körper sich wieder entspannte, ließ sie ihn nicht los. Erschöpft, aber glücklich, ließ er sich auf sie sinken, strich ihre schweißnassen Haare aus dem Gesicht und küsste sie wieder und wieder zärtlich auf den Mund und auf ihre geschlossenen Augen.
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Beitrag Verfasst am: 22.10.2010, 15:33    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 27


Jo lag völlig still unter ihm und erwiderte auch seine Küsse nicht. Ihr Atem ging jetzt wieder so gleichmäßig, dass Keanu stutzte und seinen Kopf etwas anhob und sie genauer ansah.
"Schläfst du schon?" fragte er ganz leise.
"Nein" kam es ebenso leise zurück.
"Ich dachte schon" meinte er und rollte sich vorsichtig von Jo herunter.
Die brummte dabei ärgerlich und schlug endlich die Augen auf. Keanu lächelte sie an und gab ihr noch einen Kuss auf die Nase. Dann setzte er sich auf, befreite sich von dem Gummi und wickelte es in ein Taschentuch. Und noch während er dies tat, veränderte sich der kleine Raum. Eben noch war es sehr dunkel gewesen, jetzt aber war alles in ein silbriges Licht getaucht. Verwundert blickte Keanu zuerst zu dem kleinen runden Fenster und sah dort hindurch in den Himmel. Die Wolken hatten sich verzogen und gaben den Blick auf einen fast runden Mond frei.
Und dieser Mond schien genau ins Zimmer. Und danach schaute Keanu auf Jo. Und wieder hatte er ein Déjà-vu. Er hatte Jo schon einmal genauso vor sich gesehen. In dieses fahle, schöne Licht getaucht. Das schien eine Ewigkeit her zu sein, aber er erinnerte sich genau daran. Da hatte er in seinem Bett gelegen und an sie gedacht. Nach ihrer ersten richtigen Begegnung war das gewesen. Und dabei hatte er es sich so vorgestellt. Nein, nicht ganz. Jo sah noch viel schöner aus, als er es sich jemals hatte vorstellen können. Ihre glatte Haut schimmerte samtig. Die Haare glänzten. Und ihre dunklen Augen sahen ihn an. Dies hier war echt. Kein Traum.

Und das was er sah, wollte er fühlen. Daher kroch er wieder auf Jo zu und kniete sich vorsichtig über ihre Beine. Er versuchte, sich nicht richtig darauf zu setzen, da er ihr mit seinem Gewicht nicht weh tun wollte. Dann legte er seine gespreizten Hände so auf sie, dass die Fingerspitzen an ihren Seiten lagen und die Daumen auf ihrem Bauch. So fuhr er sanft, fast andächtig, hinauf zu ihren Brüsten, strich vorsichtig darüber hinweg und weiter zu ihren Achselhöhlen. Jo hatte ihn die ganze Zeit angesehen und seufzte mehrmals wohlig auf. Und damit er seine Wanderung nicht unterbrechen musste, hob sie ihre Arme und streckte sie nach oben hin aus. So konnten seine Hände weiter bis zu ihren Händen streichen. Dort angekommen drückte er sie einmal und fuhr dann ebenso zärtlich wieder zurück, bis seine Finger wieder unter Jo's Achselhöhlen lagen und er mit seinen Daumen ihre Brüste liebkosen konnte. Seine Blicke folgten seinen Daumen und so sah er nicht, dass Jo ihn auch weiterhin ansah. Denn genauso wie er, war auch Jo von dem Licht, das auch Keanus Körper in ein fast unwirkliches aber wunderschönes Licht tauchte, hingerissen. Und sie konnte sich nicht satt sehen, an seiner hell schimmernden Haut, seinen Gesichtszügen und seinen Augen, die auf ihre Brüste gerichtet waren.

Längst hatte sie ihre Arme wieder herunter genommen. Und als Keanu seinen Kopf herunter beugte, um ihre Brust zu küssen, ließ sie dies einen Moment zu. Dann jedoch legte sie ihre Hände an seinen Kopf und zog ihn langsam zu sich hoch. Keanu folgte ihr und als Jo ihre Lippen auf seine legte, verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln.
"Schööön..."
"Hmm..." stimmte Jo zu.
"Ich wäre wirklich enttäuscht gewesen, wärst du hinterher gleich eingeschlafen" meinte Keanu und sah sie an.
"Was mir dann entgangen wäre" sagte Jo und küsste ihn wieder auf den Mund.
"Ja" antwortete Keanu schlicht und legte sich dann neben sie.
Er streichelte auch weiterhin langsam über ihren Bauch, schwieg dabei aber.
"Keanu?"
"Hm?"
"Sprich bitte weiter."
"Warum? Es ist so wunderbar friedlich."
"Ich höre danach so gern deine Stimme. Sie klingt jetzt ganz anders."
"Anders?Jetzt?"
"Ja, tiefer, brummiger, einfach .... rrrr..."
"Vielleicht sind auch meine Stimmbänder entspannter? Wundern würde es mich nicht. Ich fühle mich nämlich ganz unglaublich entspannt."
"Ich auch. Es war toll."
"Das ist eine bodenlose Untertreibung."
"Keanu?"
"Ja?"
"Wir haben es schon wieder geschafft."
"Was?"
"Wir haben unseren Höhepunkt zusammen gehabt" antwortete Jo, wobei sie das Wort 'zusammen' etwas mehr betonte.
"Stimmt. Drei von drei. Das ist ein guter Schnitt. Und absolut nicht selbstverständlich."
"Nein, das ist es nicht. Wie ist es normalerweise bei dir?"
"Oh, Jo..." meinte Keanu kopfschüttelnd.
"Sag es mir doch. Ich bin neugierig. Ist doch nichts schlimmes dabei."
"Ich spreche eigentlich nie darüber."
"Eigentlich..."
"Puh ... also gut. Normalerweise, da ..."
"Ja?"
"Normalerweise warte ich, bis die Frau ihren Orgasmus hatte. Und erst dann bin ich dran. Und wenn das mal nicht klappt...ähem..., dann habe ich ja noch meine Finger."
"Normalerweise?"
"Du willst es wirklich genau wissen, was?"
"Ja."
"Ok, also wenn mir was an der Frau liegt, dann mache ich es so. Manchmal muss es aber auch einfach schnell gehen."
"Bei nebenbei aufgegabelten Zufallsbekanntschaften und wenn du den Escort-Service beauftragt hast?"
Einen Moment schwieg Keanu. Aber auch dann beantwortete er Jo's Frage nicht. Statt dessen meinte er:
"Und wie ist es bei dir?"
"Völlig unspektakulär."
"Das fand ich aber eben nicht."
"Nein? Es ist aber so. Normalerweise bin ich schon froh, wenn ich auch auf meine Kosten komme. Das klappt aber nicht immer."
"Hast du schon mal so getan als ob...?"
"Natürlich. Macht das nicht jede Frau?"
"Bei mir wirst du es nicht schaffen. Ich spüre deine Muskeln nämlich jedes Mal ganz deutlich. Wie sie sich um mich zusammenziehen und wieder loslassen und so weiter."
"Ja?"
"Allerdings. Außerdem würde ich es wirklich ganz schrecklich finden, würdest du mir was vorspielen."
"Das mache ich auch nicht. Es ist schon eine Weile her, da habe ich mir geschworen, es nie wieder zu tun. Nur damit der Mann sich besser fühlt? Nein!"
"Eine gute Einstellung."
"Ja? Ich glaube nicht, dass alle Männer so denken."
"Nein, sicher nicht. Aber ich."

Wieder sagten sie eine Weile nichts. Beide hingen ihren Gedanken nach. Und erst als Jo in Keanu's Arm erschauerte, kehrte der in die Gegenwart zurück und zog die Decke über sie beide.
"Wie lange kannst du noch bleiben, Keanu?"
"Um 11 habe ich einen Termin. Also muss ich hier spätestens halb 10 los. Aber nachmittags komme ich wieder."
"Frühstücken wir vorher noch zusammen?"
"Sehr gerne. Aber ich glaube, jetzt sollten wir wirklich schlafen."
"Ja, ist wohl besser" stimmte Jo zu.
Sie kam noch einmal etwas hoch und gab Keanu einen zärtlichen Kuss, der weit mehr als nur ein einfacher
'Gute-Nacht-Kuss' war. Danach legte sie sich dann in seinen Arm zurück und Keanu umfasste ihre Schulter etwas fester und drückte sie an sich. Mit der freien Hand griff er nach ihrer Hand und streichelte sie.
"Sie ist ganz rau" stellte er dann leise fest.
"Hm... Das kommt vom kalten Wasser, denke ich. Ist aber nicht schlimm" murmelte Jo und kuschelte sich an ihn. Gleich darauf waren beide eingeschlafen.

Als Jo wieder wach wurde, wusste sie noch bevor sie die Augen aufschlug, dass Keanu nicht mehr neben ihr lag. Sie konnte es spüren. Und als sie vorsichtig in die Helligkeit blinzelte, konnte sie es auch sehen. Und sie wusste auch sofort, dass er nicht mehr in der Hütte war. Sie war allein. Langsam streckte sie ihre Hand aus und fühlte den freien Platz neben sich. Die Matratze war dort kalt. Keanu musste also schon eine Weile weg sein. Und ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr auch warum. Es war bereits halb 12.
"Mist" sagte sie laut und ärgerlich und ließ ihren Arm wieder sinken.
Warum hatte er sie nicht geweckt? Sie wollten doch zusammen frühstücken. Und nun war er einfach so gegangen. Ohne sich zu verabschieden. Dann aber viel ihr Blick auf einen kleinen Notizblock, der auf dem zweiten Kopfkissen lag. Sie stützte sich auf ihren Ellenbogen und griff danach und begann zu lesen:



Nachdem sie die Nachricht ein zweites Mal gelesen hatte, ließ sie sich lächelnd wieder zurück sinken und drückte den Block an ihre Brust. Aller Ärger war verflogen. Ein paar Minuten blieb sie noch liegen und reckte und streckte sich. Dann stand sie auf, schlüpfte in ihre Jeans und zog sich ein T-Shirt über. Nachdem sie die Betten etwas aufgeschüttelt hatte, ging sie nach unten und von dort zum Bach. Sie wusch sich ausgiebig und putzte ihre Zähne. Danach lief sie zur Hütte zurück und kochte sich einen Kaffee. Mit dem Becher in einer Hand stellte sie sich einen Stuhl in die Sonne und trank den Kaffee dort in aller Ruhe. Essen wollte sie nichts, auch wenn sie sehr hungrig war. Damit wollte sie warten, bis Keanu kam. Und vor sich hin lächelnd hoffte sie, dass er genügend Brötchen mitbringen würde.
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Beitrag Verfasst am: 24.10.2010, 17:19    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 28


Als Keanu wach wurde, schreckte er sofort hoch. Es war sehr hell in dem kleinen Raum und er befürchtete sofort, verschlafen zu haben. Daher blinzelte er sofort auf seine Uhr. Nein, er hatte Glück. Er war tatsächlich rechtzeitig aufgewacht. Erstaunlich eigentlich, nach der kurzen Nacht. Bei dem Gedanken an die letzte Nacht lächelte er vor sich hin. Dann schaute er auf Jo. Sie lag nicht mehr in seinem Arm, aber immer noch dicht neben ihm. Also drehte er sich auf die Seite und betrachtete sie eine Weile. Sie schlief tief und fest und rührte sich auch nicht, als er ihr zärtlich über die Wange fuhr. Ganz zart hauchte er ihr einen Kuss auf die Nase und stand dann auf. Schnell schlüpfte er in seine Jeans. Dann stieg er barfuß und mit nacktem Oberkörper die Treppe herunter und verließ schnell die kleine Hütte. Hinter einem Baum erleichterte er sich. Dann ging er weiter zum Bach. Dort spritzte er sich etwas Wasser ins Gesicht und erhob sich dann gleich wieder. Zurück in der Hütte stieg er wieder die Treppe hinauf. Aber Jo schlief immer noch. Also setzte er sich neben sie und betrachtete sie. Sollte er sie wecken? Sie hatte ihn extra gefragt, ob sie noch zusammen frühstücken würden bevor er ging. Er wollte das eigentlich auch. Andererseits lag sie so friedlich vor ihm, dass es ihm wirklich schwer fiel, sie zu wecken. Noch einmal legte er seine Hand auf ihre Wange und streichelte sanft darüber. Aber außer einem leisen Brummen, regte Jo sich auch jetzt nicht. Daher zog er seine Hand zurück und saß nun still neben ihr. Sollte er? Sollte er nicht? Oder doch? Nein, lieber nicht. Aber, wenn er sie nicht weckte, würde sie wütend sein? Er wäre es an ihrer Stelle. Also doch wecken?

Mist, dachte er. So ging das nicht. Nein. Entschied er dann. Er würde sie nicht wecken. Aber er konnte etwas anderes tun. Und daher griff er zu seiner Tasche und nahm einen kleinen Block und einen Schreiber heraus. Kurz überlegte er, dann begann er zu schreiben. Den Block legte er danach auf das Kopfkissen neben Jo. Dann steckte er den Stift wieder ein, zog sich zu Ende an und verließ mit seiner Tasche leise den Raum. Unten angekommen, zog er noch seine Schuhe an, nahm seine Jacke und seinen Helm und ging zur Tür. Er zog den Schlüssel aus der Eingangstür und löste den zweiten Schlüssel, der auch daran hing, von dem Ring. Den einen legte er dann auf den Tisch und mit dem anderen verschloss er die Tür von außen. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Motorrad.

Heute war es noch anstrengender, das Motorrad wieder auf die Straße zu schieben, weil Jo nicht von hinten nach half. Aber endlich hatte er es geschafft und mit einem lauten Seufzer setzte er sich den Helm auf und brauste los. Er hatte schon den Weg zu seinem Haus eingeschlagen, als er es sich anders überlegte. Also nahm er die nächste Abzweigung und fuhr nach LA hinein. Wenig später hatte er sein Ziel erreicht. Die kleine Werkstatt, in der sein Motorrad überholt werden sollte. Freudig wurde er von den Mitarbeitern begrüßt. Die Entschuldigung, dass der Chef leider nicht anwesend sei, wischte er mit einer Handbewegung lächelnd zur Seite. Er hatte schon vor einiger Zeit abgesprochen, was alles an dem Motorrad gemacht werden sollte, und daher konnte er es trotzdem mit ruhigem Gewissen stehen lassen. Daher stand er kurz darauf bereits wieder auf der Straße. Mit dem Helm unter dem Arm winkte er ein Taxi heran und ließ sich dann direkt zum Termin bringen.

Zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit betrat er die Räume. Aber irgendetwas war nicht wie sonst. Die Empfangsdame hinter dem Schreibtisch saß dort mit hochrotem Kopf. Sie hatte ihr Headset am Ohr und tippte wild auf dem Telefon herum. Als sie ihn sah, sprang sie sofort auf und sah ihm erleichtert entgegen. In diesem Moment ging eine Tür am anderen Ende des Raumes auf und seine Event-Managerin betrat den Raum. Sie schien Keanu nicht gleich zu bemerken, denn sie sah und sprach ihn nicht an.
"Haben sie ihn endlich erreicht?" fragte sie sehr ärgerlich. "Meine Güte, wo steckt der Kerl nur? Dem werde ich was erzählen, einfach die Mailbox einzuschalten und nicht ans Telefon zu gehen."
"Hallo Cheryl" sagte Keanu da und Cheryl fuhr sofort herum.
Sie sah ihn kurz stumm an, dann jedoch bekam er ein Donnerwetter zu hören.
"Keanu? Wo steckst du die ganze Zeit. Seit Tagen bist du nie zu erreichen. Ich habe bestimmt schon hundert Mal versucht, dich anzurufen. Wir sitzen seit fast einer Stunde hier und warten auf dich. Aber der Herr lässt sich ja nicht blicken und hat es auch nicht nötig, mal sein Telefon abzuhören. Ich mache diesen Job wirklich gern. Aber in letzter Zeit ist es einfach nur anstrengend mit dir. Entweder bist du nicht da oder nicht pünktlich. Dann wieder bist du zu betrunken oder sonst was. Was ist los mit dir? Meine Güte, Keanu. Du hast zwei Filme am Laufen. Da kann ich doch wohl ein bisschen mehr von dir erwarten, als dass du dich unsichtbar machst und mich ignorierst. "
Wütend stand sie vor ihm. Ihre Hände hatte sie in die Seiten gestemmt und so funkelte sie ihn an.
"Bist du denn jetzt wenigstens nüchtern, hm?" setzte sie dann noch hinzu und sah ihn genau an.

Bei ihrer Rede hatten sich Keanu's Augen zu Schlitzen zusammengezogen. Seine linke Hand hatte er zu einer Faust geballt. Er hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Diese Anschuldigungen von Cheryl waren zwar nicht ganz unbegründet, aber ihm das hier, vor der Empfangsdame und bei geöffneter Tür, so dass sicher jeder im ganzen Büro das mitbekommen hatte, an den Kopf zu werfen, war ein starkes Stück. Daher atmete er einmal tief ein. Auf keinen Fall wollte er ihr in dem gleichen Ton antworten. Und tatsächlich brachte er es fertig, ruhig, aber mit kalter Stimme zu sagen:
"Ich habe ein Privatleben, Cheryl. Auch wenn du das immer häufiger vergisst. Ich bin nicht 24 Stunden am Tag für dich erreichbar. Ich bin pünktlich zum vereinbarten Termin erschienen. Wenn du ihn so kurzfristig vorverlegst, ist das nicht mein Problem. Und ich würde vorschlagen, wir lassen unsere Gesprächspartner nun nicht länger warten."
Und damit ging er aufrecht, und ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen, an ihr vorbei und betrat den hinter ihr liegenden Raum.

Als er später das Büro wieder verließ, war er noch immer wütend. Zwar war das Ergebnis des Termins sehr ordentlich, aber Cheryl hatte ihn vorher dermaßen verärgert, dass er das nicht so schnell vergessen konnte. Und daher war er hinterher einfach an ihr vorbei gegangen. Auch wenn er deutlich gemerkt hatte, dass sie noch mit ihm sprechen wollte. Er aber nicht mit ihr. Im Moment hatte er ihr nichts mehr zu sagen. Wieder auf der Straße stellte er dann fest, dass er seinen Helm im Büro vergessen hatte. Er entschied sich aber dagegen, ihn zu holen und winkte wieder nach einem Taxi, das ihn nach Hause brachte. Unterwegs ließ er den Fahrer aber noch kurz vor einer Bäckerei halten und kaufte die versprochenen Brötchen.

In seinem Haus stieg er als erstes unter die Dusche. Nur mit einem Handtuch um die Hüften nahm er danach sein Telefon mit in die Küche und schaltete es dort ein. Er ging die Anrufe durch und löschte die von Cheryl. Danach blieben noch vier übrig. Seine Mutter hatte versucht ihn zu erreichen. Dann noch seine Schwester Karina und zwei seiner Freundinnen. Er entschied sich, mit seiner Mutter anzufangen und drückte daher die entsprechende Taste. Er hatte nur einmal den Rufton gehört, da ging sie auch schon ran.
"Hi, Mom. Ich bin es. Du wolltest mich sprechen?"
"Keanu!" kam es sofort streng vom anderen Ende. "Wo steckst du die ganze Zeit. Nie bist du zu erreichen. Das stört mich gewaltig. Warst du wieder bei dieser Frau? Ich wollte mit dir sprechen, weil....."
Keanu hörte seiner Mutter zu und rollte dabei mit den Augen. Noch jemand, der nicht verstehen konnte, dass er auch mal allein sein wollte und eben nicht sofort sprang, wenn nach ihm gerufen wurde. Aber bei seiner Mutter war es natürlich noch etwas anderes. Das hatte Jo ihm vor kurzem klar gemacht. Seine Mutter war schließlich seine Mutter. Und Mütter waren eben so. Oder?
Er sprach eine Weile mit ihr und konnte sie schließlich etwas besänftigen. Das änderte sich aber sofort wieder, als sie ihn noch für den selben Tag zum Kaffeetrinken einlud, und er ablehnen musste. Daraufhin hielt sie ihm wieder vor, dass er sich nie um sie kümmern würde. Er tat sein Bestes, und als er endlich wieder auflegte, hatte sie sich wieder beruhigt.

Als er dann auch noch mit seiner Schwester telefoniert hatte, legte er das Telefon genervt zur Seite. Was für ein Tag! Alle kritisierten an ihm herum und luden wieder einmal ihren Ärger bei ihm ab. Stand eigentlich 'meckert mit mir' und 'Kummerkasten' auf seiner Stirn? In großen Leuchtbuchstaben? Es kam ihm jedenfalls so vor. Und weil es ihm für einen Tag wirklich reichte, entschloss er sich, die beiden letzten Anrufer zu ignorieren und löschte auch sie. Dann schaltete er das Telefon kurzerhand wieder aus und kehrte in sein Schlafzimmer zurück, um sich anzuziehen. Danach leerte er seine Tasche und schaute in den Kühlschrank. Viel war nicht drin. Aber für ein nettes Frühstück bei Jo reichte es noch gerade. Zum Schluss wickelte er noch einige Eier in Zeitungspapier und legte sie obenauf. Dann schloss er die Tasche und schaute auf die Uhr. Erstaunt stellte er fest, dass doch schon mehr Zeit vergangen war, als er gedacht hatte. Daher ging er, mit einem kurzen Abstecher ins Bad, schnell den Flur entlang zur Tür zur Garage. Dort stieg er in den Porsche und öffnete das Tor und fuhr heraus.

Viel später erreichte er dann endlich die kleine Lichtung und trat diesmal, ohne sie eines Blickes zu würdigen, auf den Stein zu. Zwängte sich daran entlang und ging weiter auf die Hütte zu. Die Tür war geschlossen. Aber er hatte kaum drei Schritte gemacht, da öffnete sie sich und Jo kam heraus. Sie lief auf ihn zu und sofort zog Keanu sie mit einem erleichterten Seufzen in seine Arme.
"Endlich bist du wieder da. Ist alles gut gegangen?" fragte sie ihn leise.
Keanu schluckte einmal. Dann jedoch antwortete er langsam:
"Ja, alles klar."
Einen Moment standen sie still. Dann löste Keanu sich von ihr und nahm ihre Hand. Dabei sah er ihr in die Augen und stutzte. Denn diese Augen schienen tief in ihn hinein zu sehen, und schauten ihn dabei traurig und niedergeschlagen an.
"Du bist mir böse, dass ich dich nicht geweckt habe" sagte er daher sofort.
"Nein, bin ich nicht" antwortete Jo und zwang sich zu einem Lächeln.
"Ok, zuerst war ich es" gab sie dann zu. "Aber deine Nachricht hat mich beruhigt."
"Gut."
Wieder musterte Jo Keanu eindringlich.
"Ist wirklich alles klar, Keanu?"
"Ja, komm lass uns frühstücken. Ich habe noch nichts gegessen" antwortete er, obwohl er überhaupt keinen Hunger mehr verspürte.
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Beitrag Verfasst am: 05.11.2010, 22:34    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 29


Noch einmal schaute Jo ihn genau an. Dann jedoch nickte sie und zusammen betraten sie die Hütte. Jo ging sofort zu dem kleinen Kocher, um Wasser für den Kaffee aufzusetzen. Keanu hob während dessen die Tasche von seinen Schultern und stellte sie auf den Tisch. Danach zog er seine Jacke aus und hängte sie über einen Stuhl. Dann erst öffnete er die Tasche und begann, sie auszuräumen. Jo, die inzwischen wieder zu ihm getreten war, sah sich an, was er hervor zauberte.
"Oh, lecker Keanu" meinte sie erfreut. "Das wird ein schönes Frühstück."
"Was ist denn in dem Papier eingewickelt?" wollte sie dann noch wissen und zeigte auf das Zeitungspapierpaket.
"Eier. Ich habe noch ein paar Eier mitgebracht. Wenn du sie kochen möchtest? Aber lieber noch hätte ich Rühreier."
"Tja, ich weiß nicht? Wie magst du denn deine Rühreier?" fragte sie skeptisch.
Keanu zuckte die Schultern. "Ganz normal eben."
"Ich kann sie dir nur ohne Schinken machen. Den habe ich nämlich nicht."
"Klar. Das ist ok für mich."
"Gut dann ....." meinte Jo, nahm die Eier zur Hand und drehte sich wieder um.

Und während sie die Eier zubereitete, deckte Keanu den Tisch. Inzwischen kannte er sich in der Hütte so gut aus, dass er genau wusste, wo sich die Teller, das Besteck, die Gläser und die Tassen befanden. Und daher war das schnell erledigt. Seine mitgebrachten Sachen nahm er aus den Plastikverpackungen und legte sie auf extra Teller. Die Brötchen schüttete er in einen kleinen Korb. Zum Schluss stellte er dann noch die gefüllten Kaffeebecher dazu und betrachtete sein Werk. Aber er war nicht ganz zufrieden. Etwas fehlte. Einen Moment überlegte er, was es war. Dann wusste er es. Schnell griff er deshalb zu einem Glas und verließ damit die Hütte.
Jo, die ihm verwundert hinterher blickte, fragte:
"Keanu?"
Eine Antwort erhielt sie jedoch nicht, denn Keanu war längst zur Tür hinaus. Kopfschüttelnd rührte sie daher weiter die Eier, die langsam fest wurden und machte sich dabei ihre Gedanken. Viel Zeit blieb ihr dazu allerdings nicht, denn bereits kurz danach war er wieder zurück. Jo, die seine Schritte hatte näher kommen hören, drehte sich wieder um und sah ihm entgegen. Und sofort verzog sich ihr Gesicht zu einem Lächeln. Keanu stand jetzt in der Tür. Dunkel hob er sich gegen den hellen Hintergrund ab. Aber trotzdem konnte Jo die bunten Wildblumen erkennen, die er in das, jetzt mit Wasser gefüllte, Glas gesteckt hatte, und das er vor seiner Brust fest hielt. Grinsend kam er nun herein und stellte die Blumen auf den Tisch.
"So" sagte er dann und kam zu Jo herüber. Er legte einen Arm um ihre Hüften und zog sie an sich. "So soll es sein. Oder was sagst du?"
"Klasse. Das war das I-Tüpfelchen. Der Tisch sieht toll aus. Einfach, aber richtig gut" antwortete Jo und gab ihm einen Kuss auf den Mund.
Sofort drückte Keanu sie noch etwas fester an sich und erwiderte den Kuss.
"Danke" seufzte er. "Das konnte ich jetzt brauchen. Und danke, dass es dir gefällt" meinte er dann und zeigte auf den Tisch. "Ich mag es einfach. Und deine Eier riechen auch verdammt gut."
"Hm ... abwarten. Ich habe als Schinkenersatz etwas Salami klein geschnitten und an- und mit gebraten. Ob es allerdings schmeckt, weiß ich nicht. Ich bin nicht so gut im Kochen."
"Nein?"
"Nein, leider nicht" antwortete Jo drehte sich wieder zum Herd um und nahm nun die Eier von der Kochstelle. Dann drehte sie das Gas ab und ging mit der Pfanne zum Tisch. Sie stellte sie darauf ab und setzte sich. Auch Keanu zog seinen Stuhl ein Stück zurück und ließ sich darauf nieder.

"Das würde ich aber gern mal ausprobieren."
"Was?"
"Deine Kochkünste."
"Nein, glaub mir. Das möchtest du nicht" lachte Jo und griff nach dem Brötchenkorb.
Keanu ließ seine Augen nur einmal kurz zu diesem Korb wandern. Dann schaute er Jo gleich wieder ins Gesicht. Die bemerkte seine Blicke und sah daher auch ihn an. Dabei ließ sie ihre Hand, die noch immer den Korb hielt, sinken.
"Guck nicht so ungläubig Keanu. Ich kann es wirklich nicht gut."
"Das macht mir gar nichts aus, Jo. Ich kann das nämlich auch nicht."
"Nein? Hm ... aber du kannst so viele andere Dinge."
"Kann ich das? Und du nicht?"
"Nein, ich bin überall ziemlich talentfrei. Aber du, du bist Schauspieler. Ein sehr erfolgreicher sogar. Ich denke, um richtig gut zu sein, musst du schon einige Talente haben. Nicht nur in der Schauspielerei, sondern in ganz vielen Bereichen. Und du bist gut."
"Darüber gehen die Meinungen auseinander, Jo. Und es war und ist viel Glück dabei."
"Du bist musikalisch und machst selber Musik."
"Nicht mehr. Zum Glück, sagen viele."
"Kannst du singen?"
"Nein, kann ich nicht."
"Du bist sehr sportlich."
"Wenn meine alten Knochen es zulassen."
"Du kannst dich auf jedem Parkett bewegen."
"Pah ... ich habe mich schon so oft daneben benommen, dass ich es nicht mehr zählen kann."
"Ja? Erzähl."
"Ich glaube nicht, dass ich darüber sprechen möchte" grinste er.
"Hm, schade. Na ja, geht mich ja auch nichts an. Aber wenn ich an all deine Bücher denke, musst du unheimlich viel wissen."
"Das täuscht. Die Regale würden nur so leer aussehen, ohne die Bücher."
"Ich glaube, du bist zudem noch ein sehr geschickter Geschäftsmann. Das musst du sein!"
"Nein, ich versteh davon nicht viel. Ich habe Leute, die das für mich erledigen."
"Keanu....das glaube ich dir nicht. Tu doch nicht so" knurrte Jo da.
"Ja, schon gut, schon gut. Vergessen wir das besser! Sprechen wir doch lieber von was anderem, ok?" kicherte er. "Würdest du mir denn jetzt bitte die Brötchen rüber reichen? Oder willst du sie alle allein essen?"
"Was? Wieso?" fragte Jo erstaunt. Dann folgte sie Keanu's Nicken und sah, wie er, auf den Korb herunter, den sie unbewusst noch immer festhielt und grinste auch.
"Oh, ach so...na gut. Eins kann ich entbehren. Aber mehr auch nicht" meinte sie dann, nahm sich noch schnell ein Brötchen heraus und gab ihm endlich den Korb.

Sie ließen sich viel Zeit für dieses sehr späte Frühstück. Die Eier schmeckten Keanu hervorragend und er langte kräftig zu. Sie unterhielten sich miteinander und Keanu hatte längst vergessen, dass sein Vormittag mit dem Termin und den Telefonaten mehr als nervig gewesen war. Etwas anderes konnte er jedoch nicht so einfach vergessen. Dadurch war er immer wieder für kurze Momente mit seinen Gedanken weit weg. Ihm war dies nicht einmal bewusst, und daher registrierte er auch nicht, dass Jo es aber sehr wohl bemerkte. Und da sein Gesichtsausdruck in diesen Augenblicken so ernst war und er seine Augen so sehr zusammen zog, dass sich jedes Mal eine steile Falte über seiner Nase bildete, beobachtete Jo ihn während dieser Zeit genau und fast ängstlich.

Schließlich, als Keanu wieder einmal schwieg und vor sich hin starrte, und es länger dauerte als die Male zuvor, hielt sie es nicht mehr aus und sprach ihn endlich an:
"Keanu?"
....
"Geht es dir gut?" fragte sie nach, als sie keine Antwort erhielt.
Und tatsächlich sah er endlich hoch. Aber noch immer blickten seine Augen durch sie hindurch. Und erst nachdem sie eine Hand über den Tisch geschoben und diese auf seine Hand gelegt hatte, sie leicht drückte und noch einmal leise:
"Keanu" gesagt hatte, wurde sein Blick klarer und er sah sie richtig an.
"Ja?"
"Ist alles in Ordnung mit dir? Du bist so abwesend."
"Bin ich?"
"Ja, allerdings. Woran denkst du? Was schlimmes?"
"Nein ... ja ... ich bin ..." begann er und verstummte wieder. "Nein, es ist nichts" antwortete er dann ausweichend und griff zu seiner Kaffeetasse. Er konnte Jo nicht mehr in die Augen sehen und noch immer stand die Falte auf seiner Stirn.
"Wirklich nicht?"
Jo wartete geduldig, als er schwieg.
"Hm, vorhin..." meinte er dann und stellte die Tasse, ohne getrunken zu haben, wieder hin.
"Ja?"
Einige Sekunden saß Keanu noch still. Dann stand er plötzlich auf und kam schnell um den Tisch herum zu Jo. Er beugte sich vor, fasste ihre Hand und zog sie damit zu sich hoch. Dann nahm er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. So fest, dass Jo fast keine Luft mehr bekam. Er drückte seine Nase in ihre Haare und atmete tief ein. Jo ließ es sich gern gefallen und schlang ebenfalls ihre Arme um ihn. So standen sie eine Weile still. Dann aber regte Jo sich wieder.
"Was ist passiert, Keanu" fragte sie dann noch einmal.
Ihre Stimme klang dabei so eindringlich, dass Keanu zu sprechen begann....
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Beitrag Verfasst am: 07.11.2010, 14:02    Titel:  Benutzer-Profile anzeigen 

Kapitel 30


"Ich werde tatsächlich beobachtet, Jo."
"Was?" fragte sie entsetzt und Keanu merkte, wie sie sich versteifte. Sofort rückte sie ein Stück von ihm ab und nahm ihre Hände von seinem Rücken und legte sie auf seine Brust.
"Aber dann ....." fing sie an und sah mit ängstlichen Augen zur Tür.
"Sie sind mir nicht hierher gefolgt. Ich konnte sie abschütteln."
"Bist du sicher? Was wenn sie doch kommen?" fragte Jo und löste sich nun ganz von Keanu.
Mit schnellen Schritten lief sie zur Tür und schloss sie. Als sie auch noch den Schlüssel umgedreht hatte, lehnte sie sich gegen das Holz und schloss kurz die Augen. Keanu stand noch immer am selben Fleck und beobachtete sie. Er fühlte sich nicht gut, denn er konnte ihre Angst körperlich spüren. Hätte er sich doch nur besser im Griff gehabt und wäre nicht so in seine Gedanken versunken gewesen. Dann hätte er es ihr gar nicht erzählen müssen. Aber jetzt war es zu spät. Mist. Und nun meldeten sich auch noch Kopfschmerzen bei ihm. Was für ein Tag. Und unbewusst kniff er wieder die Augen zusammen.
"Ich habe es so befürchtet, Keanu" unterbrach Jo seine Gedanken.
Noch immer hatte sie ihre Augen geschlossen. Dann jedoch öffnete sie sie wieder und sah Keanu an.
"Was ist passiert?"

Der Blick in Jo's Augen lies Keanu einen Atemzug aussetzen. Schon einmal hatten ihn diese braunen Augen genau so angesehen. Bei ihrem ersten Treffen draußen am See. Genauso intensiv wie jetzt war der Blick da gewesen. Damals hatte er das Gefühl gehabt, dass er schon unzählige Male in diese Augen gesehen hatte, obwohl das zu dem Zeitpunkt nicht gestimmt hatte. Aber jetzt waren sie ihm vertraut. Sehr sogar. Und dieser ängstliche, fragende und auch traurige Ausdruck darin, drückte sein Herz zusammen. Und er wollte nur noch eins, sie umarmen und festhalten. Ihr sagen, dass alles gut werden würde. Auch wenn er wusste, dass das vielleicht eine Lüge war. Bei diesem Gedanken setzten sich seine Beine ganz von allein in Bewegung. Mit drei großen Schritten hatte er Jo erreicht und sie wehrte sich nicht, als er sie zurück in seine Arme zog.

"Sie werden dich hier nicht finden, Jo. Ganz bestimmt nicht."
"Wie hast du sie bemerkt? Und was ist dann passiert?" fragte sie nun noch einmal.
"Ich bin in meinen Wagen gestiegen und aus meiner Garage gefahren. Ich hatte mir überlegt, dass ich noch eine Flasche Orangensaft besorgen wollte und bin daher erstmal Richtung Sunset Boulevard gefahren und nicht gleich zum Mulholland Drive. Tja, und auf der Rising Glen ist mir dann so ein dunkler Van aufgefallen. Ein ganz unauffälliger Wagen, eigentlich. Zuerst habe ich noch gedacht, das ist Zufall. Aber als ich in den Sunset eingebogen bin, und die Ampel gerade noch so bei gelb gekriegt habe, ist der Wagen hinter mir geblieben. Der muss bei dunkelrot über die Ampel gefahren sein. Und von da an war ich vorsichtig. Ich bin etwas kreuz und quer gefahren und der Wagen blieb tatsächlich hinter mit. In ziemlich großem Abstand zwar, aber er war immer da. Egal welche kleine Straße ich benutzt habe. Da war ich mir dann sicher."
"Oh je. Und dann?" wollte Jo wissen und bog ihren Kopf zurück, so dass sie Keanu wieder ansehen konnte.
"Ich habe fieberhaft überlegt. Ich war total durcheinander und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich wollte doch unbedingt zu dir. Aber wie? Und dann fiel mir der Wagen eines Freundes ein."
"Was für ein Wagen?"

"Todd arbeitet für 3 Wochen im Ausland. Und sein Wagen steht während der Zeit in einem großen Parkhaus, nicht weit von seinem Wohnhaus entfernt. Ich habe einen Schlüssel. Und so bin ich dort hin gefahren. Ich bin langsam rein ins Parkhaus und habe dann, als ich um die erste Kurve war, soviel Gas gegeben wie möglich. Ich wollte alles an Vorsprung herausholen was ging. An dem Wagen bin ich dann einfach vorbei gefahren und habe meinen Porsche zwei Etagen höher abgestellt. Dann bin ich raus gesprungen und zur Treppe. Die bin ich die zwei Absätze wieder runter und habe in einer Nische gewartet, bis der Van vorbei war. Dann bin ich zu dem anderen Wagen gelaufen. Ich bin eingestiegen und los und raus aus dem Parkdeck. Ich glaube nicht, dass ich irgend jemandem aufgefallen bin."

Als er geendet hatte, schwiegen beide. Noch immer hielt Keanu Jo fest. Jetzt jedoch befreite sie sich aus seinen Armen und trat zum Fenster. Keanu ließ sie gehen und schaute ihr hinterher. Sie hatte ihre Schultern leicht hochgezogen und die Arme vor der Brust verschränkt, als ob sie frieren würde. Sie schaute jedoch nicht aus dem Fenster, sondern hielt den Kopf gesenkt.
"Mich hat niemand hier her verfolgt, Jo. Es hat geklappt" meinte Keanu, als Jo immer noch still vor sich hin starrte. Und endlich hob sie ihren Kopf wieder und drehte sich um.
"Meine Güte, das war so gefährlich, Keanu."
"Ich glaube jetzt nicht mehr, dass die mir was tun würden."
"Nein, warum nicht? Wie kannst du da so sicher sein?"
"Hm ... keine Ahnung."
"Weißt du, als ich heute morgen wach wurde, war die Welt eine kurze Weile absolut in Ordnung für mich. Ich habe mich gut gefühlt nach der letzten Nacht mit dir. Ich habe das alles wirklich für einen Moment vergessen."
"Das ist schön" meinte Keanu und trat einen Schritt auf sie zu.
Als Jo aber ihre Hand hob, blieb er sofort wieder stehen.
"Aber dann habe ich doch wieder angefangen, nachzudenken. Ich habe ja weiß Gott genug Zeit dazu, wenn ich hier allein bin. Und dann hatte ich wieder Angst. Richtig Angst. Die Kerle sind gefährlich, Keanu."
"Mag sein. Aber sie werden mir in der Öffentlichkeit nichts tun. Die hoffen, dass ich sie zu dir führe. Aber das tue ich nicht."
"Keanu! Du vergisst eins: Die wollen mich umbringen. Ich glaube nicht, dass sie auch nur eine Sekunde zögern würden. Wieso glaubst du also, dass sie es bei dir nicht tun würden? Weil du Keanu Reeves bist? Was, wenn sie es aus dir raus quetschen wollen? Hä? Was dann?"
"Jo, mach dich jetzt nicht verrückt. Ich ..."
"Nein, Keanu" unterbrach Jo ihn und sah ihm jetzt fest in die Augen.

Und Keanu blickte zurück. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich von einer Sekunde auf die andere verändert. War er eben noch traurig und ängstlich gewesen, war er jetzt entschlossen. Und dieser Blick gefiel ihm gar nicht. Wieso wusste er nicht. Aber die Antwort darauf, bekam er sofort.
"Wann musst du los, um diese Szenen nachzudrehen?"
"In drei Tagen. Warum fragst du?"
"Ich möchte, dass du bis dahin nicht wieder kommst."
"Wie bitte?" fragte Keanu ungläubig.
Seine Kopfschmerzen verschlimmerten sich jetzt rapide. Und als er mit seiner linken Hand über seine Stirn fuhr, stöhnte er leise auf.
"Ja. Wenn die dich weiter beobachten und merken, dass du nichts tust, was irgendwie heimlich wirkt, werden sie dich hoffentlich in Ruhe lassen. Und in drei Tagen bist du dann ganz aus der Schusslinie. Sozusagen."
"Nein, Jo. Das kannst du nicht wollen!"
"Doch, Keanu."
"Du willst mich nicht wieder sehen? Jo, das kannst du mir nicht antun."
"Keanu, bitte."
"Du schickst mich weg!" murmelte er enttäuscht.
"Es ist bestimmt besser so, Keanu. Dann bist du sicher."
"Ich würde es wieder schaffen, sie abzuhängen."
"Nächstes Mal werden sie darauf vorbereitet sein. Und wenn dieser Christopher das macht...dann...denke daran, dass der Polizist ist und davon sicher was versteht."
"Du schickst mich einfach weg. Einfach so" stammelte Keanu.
Seine Kopfschmerzen waren jetzt kaum noch auszuhalten.
"Aber..."
"Nein, nein, schon klar. Ich habe verstanden. Ich gehe. Wenn du es sagst, dann gehe ich..." Keanu hatte seine Stimme jetzt erhoben und während er sprach, wurde er immer wütender.
"Ist schon gut. Ich lasse dich allein. Wenn du mich nicht mehr willst..."
"Das stimmt doch nicht, Keanu. Ich..."
"Ja, ja. Weißt du was, ich hatte einen echt beschissenen Tag. Er hat auch für mich gut angefangen, hier bei dir. Aber dann lief alles schief. Alle hacken auf mir rum und nutzen mich aus. Ich habe rasende Kopfschmerzen und nun schickst du mich auch noch weg. Aber gut. Es ist ok! Wenn es das ist, was du willst...." immer wütender wurde er.
"Keanu, versteh' doch" versuchte Jo es noch einmal.
"Ja, ich verstehe. Ich verstehe sogar sehr gut."
"Nein, ich glaube das tust du nicht."
"Doch, da kannst du sicher sein. Es ist doch immer das Gleiche. Ich geh ja schon. Wo ist meine Tasche?...Ah, da."
Mit Schwung zog er seine Jacke von der Stuhllehne und zog sie über. Dann hob er seine Tasche vom Boden auf. Er hängte sie über die Schulter und machte einen Schritt zur Tür.
"Keanu, bitte..."
"Wenn du dich dann besser fühlst...dann gehe ich jetzt" meinte er noch einmal über die Schulter.
Jo stand wie versteinert da. Mit dieser heftigen Reaktion von Keanu hatte sie nicht gerechnet. Sie wollte doch nur, dass er in Sicherheit war. Und nun war alles außer Kontrolle geraten und daher wusste sie nicht, was sie noch sagen sollte und nickte nur.
"Ok" meinte Keanu, der die leichte Kopfbewegung gesehen hatte.
Er machte einen weiteren Schritt und blieb wieder stehen. Dann öffnete er seine Tasche und zog einen Stift heraus. Auf einen kleinen Zettel schrieb er etwas und hielt diesen dann Jo hin. Sie griff danach und schaute darauf. Ohne sie anzusehen, sagte Keanu mit zusammen gebissenen Zähnen:
"Das ist meine Handynummer. Wenn was ist, ruf mich an."
Und damit war er zu Tür hinaus.

Jo blickte ihm fassungslos hinterher. Da er die Tür nicht wieder hinter sich geschlossen hatte, konnte sie sehen, wie er auf den schmalen Durchgang zuging und sich hindurch drückte. Er sah sich nicht noch einmal um. Hätte er es getan, hätte er Jo in der Tür stehen sehen. Und dann hätte er auch die Tränen sehen können, die nun in Strömen über ihr Gesicht liefen. Und vielleicht wäre er dann zurück gekommen. So aber blieb Jo allein zurück.
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Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt. -Mark Twain-
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